Gliederung
I. Einführung
II. Die Festlandspolitik Venedigs auf der Terraferma vor den
Eroberungsz ügen im 15. Jahrhundert
1. Die Politik des „Herrschens ohne zu herrschen
2. Die Gründe für eine militärisch geprägte Festlandspolitik
III. Die Eroberung der Terraferma
1. Der Krieg gegen Padua
2. Die Eroberung der Friaul
3. Der Krieg gegen Mailand
4. Das Schicksal des Dogen Francesco Foscari
5. Der Herrschaftsbereich Venedigs am Ende des 15. Jahrhunderts
IV. Die Folgen der Eroberung der Terraferma
1. Nachteile
a. Die Verstrickung in die politischen Interessen der europäischen Gross- und
Mittelm ächte
b. Der Verlust von Byzanz
2. Vorteile
a. Die Erschliessung neuer Steuerquellen
b. Sonstige Vorteile der Eroberung
V. Aus Seefahrern werden Landwirte
VI. Die Verwaltung der Terraferma
1. Die venezianischen Verwaltungsposten auf der Terraferma
2. Das Zugestehen einer weitgehenden Autonomie
3. Die Entwertung der Selbstverwaltung durch die venezianische Zentralgewalt
4. Behördliche Reformen zur Verwaltung der Terraferma
a. Senat
b. Gerichtsbarkeit
c. Steuern
d. Militär
e. Forstwirtschaft
f. Landwirtschaft
g. Bergbau
VII. Schlussbemerkung
I. Einführung
Unter der Terraferma versteht man die Festlandsbesitzungen Venedigs in Oberitalien, die seit Ende des 14. Jahrhunderts zu einem geschlossenem Territorium zwischen Adria, Alpen und den Flüssen Po und Adda ausgebaut wurden.
Diese Gebiete gehörten ursprünglich zum Herrschaftsbereich des römisch-deutschen Imperiums. Während des 11. Jahrhunderts haben die dortigen Städte eine bedeutsame Entwicklung durchgemacht. Sie sind Kommunen geworden und erreichten damit eine weitgehende 1 Unabhängigkeit gegenüber der Reichsgewalt und der örtlichen meist bischöflichen Obrigkeit. Die Kommunen sind vom lokalen Adel geführt worden. Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts war ein 2 einziger Beamter, der als Podesta (Bürgermeister) bezeichnet wurde, das Stadtoberhaupt. Unterstützt und kontrolliert wurde er bei seiner Regierungstätigkeit meist von zwei Verfassungsorganen, dem Kleinen und dem Grossen Rat.
Die Bestrebungen gingen dazu über, auch das Umland der Stadtregierung zu unterstellen, so dass aus den Kommunen kleine Stadtstaaten wurden, die mit der Zeit andere Städte unterwarfen und sich auf diese Weise ausdehnten. Dieser Prozess war einem stetigen Wandel unterworfen. Im 13. und 14. Jahrhundert begann der Kampf einzelner Adelsfamilien um die Vorherrschaft in den jeweiligen Kommunen. Eine parallele Entwicklung zeichnet sich in ganz Italien ab. Es bildeten sich nach und nach sog. Stadttyranneien (Signorien). Das Gebilde der Kommune wurde 3 So übernahm i m Jahre 1318 das abgelöst durch die erbliche Tyrannei bestimmter Adelsfamilien.
Geschlecht der Carraras in Padua die Oberherrschaft. In Mailand entschied Heinrich VII. die Machtkämpfe zugunsten der Visconti. Die formale Errichtung der Diktatur in Verona erfolgte durch 4 Alberto della Scala.
Die Stadttyrannen verfügten über umfassende Herrschaftsbefugnisse. Sie entschieden über Krieg und Frieden und hatten selbstverständlich das kommunale Vermögen, sowie die Gerichtsbarkeit unter ihrer Kontrolle.
1 Heller, 753 1
2 Heller, 753 2
3 Heller, 755 3
4 Westhues, 84 4
In Venedig nahm die Entwicklung einen anderen Verlauf. Da sich eine einzelne Adelsfamilie nicht durchsetzen konnte, etablierte sich in diesem Stadtstaat schliesslich eine Adelsoligarchie.
II. Die Festlandspolitik Venedigs auf der Terraferma vor den Erobe-
rungszügen im 15. Jahrhundert
Betrachtet man die Festlandspolitik Venedigs auf der Terraferma vor den Eroberungszügen des 15. Jahrhunderts, so lassen sich zwei Richtungen erkennen, die einander widersprüchlich gegenüberstehen.
1. Die Politik des „Herrschens ohne zu herrschen”
Die erste politische Bestrebung kann man unter dem Grundsatz „Herrschen ohne zu herrschen” 5 Darunter versteht man die Absicht, auf das venezianische Hinterland politischen zusammenfassen.
Einfluss auszuüben, ohne es militärisch erobern zu müssen.
Das gelang durch den Aufbau eines Handelsmonopols. Der Transport lebenswichtiger Güter erfolgte zu jener Zeit hauptsächlich über das Meer und dann über das Flussystem der Poebene, das im venezianischem Doganatsgebiet in die Adria mündete. Venedig gelang es diese oberitalienischen Flüsse unter ihre Kontrolle zu bringen. Die freie Schiffahrt wurde nur noch denen gestattet, die ihre Waren aus Venedig bezogen.
Die Belieferung der oberitalienischen Kommunen mit Waren erfolgte fortan weitgehend über die Lagunenstadt. Besondere Bedeutung hatte die Schaffung d es Salzmonopols. Andere Salzproduzenten wie z. B. Cervia sind vom Markt gedrängt worden. Indem man mit jeder Stadt separate Handelsverträge abschloss, wurden die Beziehungen verfestigt. Inhalt dieser Verträge waren unter anderem die Festlegung von Zöllen, Handelsquoten und die Zusicherung freier Handelswege. Die oberitalienischen Kommunen sind mit dieser Politik in ein wirtschaftliches Abhängig- keitsverhältnis gedrängt und so unter die Kontrolle Venedigs gebracht worden. Dadurch war die wirtschaftspolitische Herrschaft über die Terraferma bereits lange vor den 6 Eroberungszügen im 15. Jahrhundert gegeben.
5 Rösch, Geschichte einer Seerepublik, 84 ff. 5
6 Rösch, Geschichte einer Seerepublik, 86 6
Diese Form der Einflussnahme wurde begünstigt durch die einzigartige geographische Lage 7 Die Distanz von vier Kilometern Lagune zwischen dem Festland und der Stadt waren im Venedigs.
Mittelalter ein unüberwindbares Hindernis. Von Land her konnte die Stadt nicht eingenommen werden. Deshalb benötigte Venedig weder eine Stadtmauer noch ein Landheer zu seiner Verteidigung. Die Verteidigungsausgaben waren somit auch erheblich niedriger im Vergleich zu den anderen oberitalienischen Städten, was dem Ausbau der Handelsmacht zugutekam. Nur vom Meer her bestand die Gefahr einer Eroberung. Deshalb war man von Anfang an darauf bedacht, über eine starke Flotte zu verfügen.
Voraussetzung für die Politik des „Herrschens ohne zu herrschen” blieb, dass sich in Oberitalien keine grösseren politischen Verbände bildeten. Dies wurde von Venedig durch eine geschickte Bündnispolitik verhindert. Ist ein Stadtstaat zu mächtig geworden, hat Venedig regelmässig die Fronten gewechselt und sich mit dessen Gegnern verbündet, bis der Kontrahent wieder auf ein Mass des Erträglichen zurechtgestutzt war. Auch das Druckmittel des Handelsboykotts wurde zu einer 8 beliebten Form der Erpressung.
Ebenso von entscheidender Bedeutung war natürlich, dass sich keine der damaligen Grossmächte wie z. B. das Heilige Römische Reich Deutscher Nation im oberitalienischem Raum festsetzen konnte und dieses Machtvakuum somit den venezianischen Interessen zur Verfügung stand.
2. Die Gründe für eine militärisch geprägte Festlandspolitik
Im Gegensatz zur Politik des „Herrschens ohne zu herrschen” entwickelte sich im 14. Jahrhundert, stark begünstigt durch den zunehmenden Reichtum der Stadt, die Idee, die Terraferma mit kriegerischen Mitteln zu unterwerfen.
Einer der Gründe für eine militärisch geprägte Form der Festlandspolitik war das Entstehen der Stadttyrannen in den oberitalienischen Kommunen. Die Herrscher betrieben in der Regel eine starke Expansionspolitik u nd versuchten möglichst viele Städte unter ihre Herrschaft zu bringen. Somit entstanden Staaten, die Venedig aufgrund ihrer militärischen und wirtschaftlichen Stärke gefährlich 9 Die Politik des Gleichgewichts und der Machtbalance wurde zunehmend werden konnten.
schwieriger. In Gefahr waren vor allem die für die Stadt lebenswichtigen freien Handelswege.
7 Rösch GWU 1989, 321 (323) 7
8 Rösch GWU 1989, 321 (326) 8
9 Rösch GWU 1989, 321 (328) 9
Auch die Versorgung von Venedig selbst, insbesondere mit Lebensmitteln und Wasser, konnte zu einem Problem werden, wenn Bezugsquellen aus dem Hinterland wegfielen. Sich alleine auf den Seeweg zu verlassen, schien zu unsicher. Dies bestätigte sich vor allem im Chioggiakrieg gegen die konkurrierende Handelsmacht Genua, als Genua mit den Carraras, den Tyrannen von Padua, ein Bündnis gegen Venedig einging und es gelang die Serenissima von ihrem Hinterland zu isolieren. Nur mit erheblichen Anstrengungen konnte der Untergang der Adelsrepublik abgewendet werden. Ein weiterer Grund, der viele Adelige schliesslich dazu bewegte, für eine Kriegsspolitik zu votieren, war mit Sicherheit die Tatsache, dass sie einen Teil der Überschüsse aus ihren Handelsgeschäften traditionell in Grund und Boden investierten, um Rücklagen für die gefahrvolle Seefahrt zu bilden. Aufgrund des Immobilien- mangels im Doganatsgebiet waren sie dazu über gegangen, Grund und Boden im venezianischem Hinterland zu erwerben. Da diese Gebiete nicht unter der Herrschaft Venedigs standen, war es möglich, dass ihr Eigentum in nicht direkt beeinflussbare kriegerische 10 Somit war es im Interesse dieser Adeligen, eine Auseinandersetzungen verwickelt werden konnte. militärische Kontrolle der Serenissima über ihren Besitz herzustellen. Auch die Aussicht, dass im Eroberungsfalle neue Posten zu vergeben waren, hat gewiss einige 11 Patrizier in ihrer Entscheidungsfindung beeinflusst.
So kam es, dass sich die Befürworter der Kriegspolitik schliesslich durchsetzten.
III. Die Eroberung der Terraferma
Im Vorstadium der Eroberungsfeldzüge war die Politik Venedigs geprägt von ständigen Auseinandersetzungen mit den einzelnen Stadtstaaten. Das Ausspielen des einen gegen den anderen wurde ein normales Mittel der Politik. Hauptkonkurrenten waren die Scaliger in Verona, die 12 Den ersten Festlandsbesitz ausserhalb des Carraras in Padua, die Visconti in Mailand und Florenz.
Doganats, die Mark Treviso, erlangte Venedig 1339. Vorausgegangen war ein Krieg gegen die Scaliger. Die Mark Treviso musste als Ergebnis des Chioggiakrieges an Padua abgegeben werden
10 Rösch GWU 1989, 321 (328) 10
11 Rösch, Geschichte einer Seerepublik, 90 11
12 Rösch, Venedig im Spätmittelalter, 90 f. 12
und gelangte erst 1389 wieder an Venedig. Die Scaliger sind 1387 von den Viscontis aus Verona vertrieben worden. Deshalb verblieben als Hauptgegner Padua, Mailand und Florenz.
1. Der Krieg gegen Padua
Die eigentliche Eroberung der Terraferma begann im Jahre 1404 unter dem Dogen Michele Steno. Ausgangspunkt war eine Schwäche des mailändischen Stadtstaates nach dem Tod des Tyrannen 13 Die Gunst der Stunde nutzend versuchten die Carraras aus Padua, die Gian Galeazzo Visconti.
Städte Vicenza, Verona, Feltre und Belluno, die damals unter der Herrschaft Mailands standen, zu erobern. Diesen Konflikt nahm Venedig zum Anlass, um die eigenen Eroberungspläne in die Tat umzusetzen. Man ging ein Bündnis mit Mailand ein und besetzte Vicenza, Feltre und Belluno, nachdem die Carraras von Verona Besitz ergriffen hatten. Am 23. Juni 1404 erklärten die Carraras Venedig den Krieg, in der Hoffnung Florenz würde ihnen beistehen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch, so dass Venedig Padua erobern konnte. Die drei Familienmitglieder der Carraras, die in Gefangenschaft gerieten, wurden aus politischen Gründen ermordet. Dadurch sollte 14 Die dieses Adelsgeschlecht ein für allemal als Bedrohung für Venedig ausgeschaltet werden. Todesurteile fällte der Rat der Zehn. Die Vollstreckung wurde in den Kerkern des Dogenpalastes durch Erdrosselung vollzogen. Bis zum Jahre 1405 hatte Venedig Verona, Padua, Feltre, Belluno und Vicenza unter ihre Herrschaft gebracht.
2. Die Eroberung der Friaul
Die Friaul war zu jener Zeit ein kirchliches Lehen und das Herrschaftsgebiet des Patriarchen von Aquileia. Die Befugnis, den jeweiligen Amtsinhaber als Landesherrn einzusetzen, stand nach 15 Für Venedig war die Auswahl des Patriarchen immer von grosser Kirchenrecht dem Papst zu.
Bedeutung, da mit der Friaul eine lange gemeinsame Grenze bestand und die Handelswege nach Nordosten durch dieses Gebiet führten.
1411 kam es zwischen dem ungarischen König Sigismund, der zugleich deutscher König war, und 16 Als Folge davon der Serenissima zu einem kriegerischen Konflikt über die Städte Dalmatiens. marschierten Truppen des Königs in die Friaul ein, um die drohende Ausdehnung der Terraferma
13 Kretschmayr II, 251 ff 13
14 Rösch, Venedig im Spätmittelalter, 92 14
15 Girgensohn, 272 15
16 Hellmann, 119 ff, Kretschmayr II, 257 ff. 16
nach Osten zu verhindern. Es entbrannte ein erbitterter jahrelanger Krieg, in dessen Verlauf die ungarischen Soldaten bis nach Treviso vordrangen. Von seiten Venedigs wurde sogar erwogen, den König durch einen Auftragsmörder vergiften zu lassen, was letztlich aber nicht in die Tat umgesetzt wurde.
Am Ende blieb Venedig siegreich und übernahm 1420 die Herrschaft über die Friaul. Die Lagunenstadt hatte nun die Kontrolle über reiche Waldgebiete als Rohstoff für ihre Schiffe. Dem Patriarchen wurde eine Jahresrente und die Herrschaft über die Städte Aquileia, San Vito und San 17 Die Militärhoheit über diese Gebiete verblieb allerdings bei Venedig. Daniele zugestanden.
Aussenpolitisch begründet wurde die Eroberung mit dem Scheinargument, dass man im Interesse des heiligen Stuhles und des Landesherrn zum Handeln gezwungen gewesen sei. Mitten in die Auseinandersetzung mit dem König Sigismund fiel im Jahre 1413 der Tod des Dogen Michele Steno, der der Kriegspartei zuzurechnen gewesen war. Zu seinem Nachfolger wurde im Jahre 1414 Tommaso Mocenigo bestimmt, ein Befürworter der Gegenpartei. Dies änderte allerdings nichts daran, dass die kriegerischen Aktivitäten in der Friaul bis zum siegreichen Ende fortgeführt wurden.
3. Der Krieg gegen Mailand
1423 gab es in Italien fünf führende Mächte: Venedig, Mailand, Florenz, den Kirchenstaat und das 18 Königreich Neapel.
Dieses Gleichgewicht wurde durch Filippo Maria Visconti, dem damaligen Herrscher von Mailand 19 bedroht, der die Vorherrschaft über ganz Ober - und Mittelitalien einschliesslich Florenz anstrebte. Aus diesem Grunde wollten die Florentiner ein Bündnis mit Venedig gegen Mailand schliessen. Der wichtigste Befürworter unter den venezianischen Adeligen für ein solches Bündnis war Francesco Foscari. Foscari war ein sehr enger Vertrauter des Dogen Michele Steno gewesen und im Jahre 1423 Führer der Kriegspartei. Bereits im Alter von 43 Jahren hatte er das Amt des Prokurators von San Marco bekleidet. Sein schärfster Widersacher war der damals achtzigjährige Doge Tommaso Mocenigo als Vertreter der Gegenpartei. Mocenigo lehnte strikt einen Krieg gegen die Viscontis und damit eine Ausweitung der Terraferma auf lombardisches Territorium ab. Er war der Ansicht, dass
17 Kretschmayr II, 268 17
18 Lane, 379 18
19 Kretschmayr II, 336 ff. 19
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Dr. jur. Gerhard Schober, 2003, Republik Venedig - Die Terraferma und ihre Verwaltung, München, GRIN Verlag GmbH
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