Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Philosophie
Seminar: Current Issues in Philosophy and Neuroscience
Das Konzept des demonstrativen Konzepts
Die Debatte um nichtkonzeptuelle Wahrnehmungsinhalte
Cyrill Mamin
Einleitung
Muss man, um zu beschreiben, wie eine Person etwas wahrnimmt, auf Konzepte zurückgreifen, die diese Person besitzt? Das ist die Frage, um die es in der Debatte zwischen Konzeptualisten und Nichtkonzeptualisten geht. Beide gehen davon aus, dass Wahrnehmung einen Inhalt hat, der wahr oder falsch sein kann. Jedoch ist umstritten, ob dieser Inhalt eine Funktion der Konzepte ist, die eine Person besitzt.1 Ein Beispiel soll das Problem veranschaulichen: Meine Mutter steht im Garten vor einem Kirschbaum und nimmt diesen Baum wahr. Ich möchte beschreiben, was genau meine Mutter wahrnimmt. Dazu sollte ich mich möglichst genau in die Wahrnehmungsperspektive meiner Mutter versetzen, also zu beschreiben versuchen, wie sie die Welt wahrnimmt.2 Muss ich für eine solche Beschreibung davon ausgehen, dass meine Mutter das Konzept eines Kirschbaums besitzt? Wenn ich ein Konzeptualist bin, dann würde ich dies bejahen: Ich kann nur dann über meine Mutter sagen, dass sie einen Kirschbaum wahrnimmt, wenn sie weiss, was ein Kirschbaum ist. Als Nichtkonzeptualist hingegen würde ich sagen, dass es keine Rolle spielt was meine Mutter für Konzepte hat. Sie kann denselben, spezi schen Wahrnehmungsinhalt beim Betrachten des Baumes haben wie ich, obwohl ich das Konzept "Kirschbaum" besitze, sie aber nicht. Ich muss daher bei der Beschreibung der Wahrnehmung meiner Mutter nicht von den Konzepten ausgehen, die sie hat.3
Die Frage ist also, ob die Wahrnehmung einer Person durch die Konzepte, die sie besitzt, begrenzt wird, oder nicht:
While conceptual theorists will hold that experiences themselves represent the world in ways which are restricted to the conceptual repertorie of the perceiver, nonconceptual theorists will hold that the experiences of the subjects can represent the world in ways which are not so restricted.4
Nur ein kleiner Ausschnitt dieser Debatte kann hier zum Gegenstand gemacht werden. Das Thema der Arbeit soll im Folgenden präzisiert und das Vorgehen erläutert werden.
Aus den Argumenten, die für die nichtkonzeptualistische These vorgebracht worden sind, wird eines herausgegriffen: Die Feinkörnigkeit unserer Wahrnehmung übertrifft demnach immer unsere konzeptuellen Fähigkeiten. Hiergegen wird ein konzeptualistischer Einwand vorgestellt, der den Begriff des Konzepts um sogenannte demonstrative Konzepte erweitert (etwa der Form "diese Farbe", wenn es sich um einen bestimmten, sonst nicht konzeptuell erfassbaren Farbton handelt). Was die nonkonzeptualistischen Repliken gegen demonstrative Konzepte betrifft, werde ich mich wiederum auf eine Antwort beschränken: Es geht hier darum, dass demonstrative Konzepte eine bestimmte, für Konzepte geforderte Bedingung nicht erfüllen, derzufolge Konzepte ausserhalb einer einzelnen Wahrnehmungssituation wieder anwendbar sein müssen (Re-Identifikationsbedingung). Schliesslich werden einige Einwände gegen diese Bedingung vorgestellt, mit der Konzeptualisten die Idee der demonstrativen Konzepte zu verteidigen versuchen.
Im Kern der Arbeit steht die Frage, ob die Re-Identifikationsbedingung dazu geeignet ist, die Idee der demonstrativen Konzepte zurückzuweisen, oder ob demonstrative Konzepte dagegen verteidigt werden können.
1 Feinkörnigkeit der Wahrnehmung
Im Folgenden soll eines der Argumente, die für die nonkonzeptualistische These vorgebracht worden sind, herausgegriffen und erläutert werden. Es geht auf Gareth Evans zurück:
[N]o account of what it is to be in a non-conceptual informational state can be given in terms of dispositions to exercise concepts unless those concepts are assumed to be endlessly ne-grained; and does this make sense? Do we really understand the proposal that we have as many colour concepts as there are shades of colour that we can sensibly discriminate?5
Evans bezieht sich auf die Farbwahrnehmung, aber es besteht Grund zur Annahme, dass derselbe Punkt auch für andere Wahrnehmungsinhalte gilt. Um dies zu zeigen, soll das Argument anhand eines Beispiels, das sich auf die Wahrnehmung von Musik bezieht, erläutert werden:
Alex und Bea hören sich zusammen ein Musikstück an, in welchem ein Waldhornsolo vorkommt. Alex kennt dieses Instrument nicht, ihm fehlt das Konzept `Waldhorn′. Wohl aber kann er konzeptuell zwischen verschiedenen Instrumentengruppen unterscheiden, er hat das Konzept `Blasinstrument′. Bea hingegen kann verschiedene Blasinstrumente voneinander unterscheiden, so hat sie auch das Konzept `Waldhorn′. Die Frage ist nun: Unterscheiden sich Alex′ und Beas Wahrnehmung des Waldhornsolos, das sie sich gemeinsam anhören, und wenn ja, wie?
[...]
1 Anna Coliva bringt die Positionen auf den Punkt:
To sum up: a conceptual theorist will hold that experiences have a content, which can either be true or false, and is restricted to, i.e. it is dependent for its very existence on the conceptual abilities of the perceiver. By contrast, nonconceptual theorists will hold that experiences have a content, which can either be true or false, but which is not dependent for its existence on the availability to the perciever of the concepts employed by the theorist to specify it.
(Coliva 2003, S. 61)
2 In diesem Punkt sind sich Konzeptualisten und Nichtkonzeptualisten einig:
In specifying what a thinker believes, what a perceiver perceives or what a speaker is saying by uttering a certain sentence in a particular context one has to be as faithful as possible to how that thinker, perceiver or speaker apprehends the world.
(Bermúdez und Cahen 2008, S. 4)
3 Zum Baum-Beispiel vgl. Coliva 2003, S. 60
4 Coliva 2003, S. 59
5 Evans 1982, S. 229
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Cyrill Mamin, 2007, Das Konzept des demonstrativen Konzepts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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