ausgegrenzt und in einige wenige Berufszweige gedrängt wurden wie Handel und Geldverleih.
Der „moderne Antisemitismus“ knüpfe, so Nipperdey, an die Traditionen der Judenfeindlichkeit in Einstellung und Verhalten an, man verkenne allerdings seine Wirklichkeit, wenn man nicht das Neue, was ihn aus der Kontinuität hervorhebe, erkenne. Denn er sei post-emanzipatorisch, in dem Sinne, dass er die Emanzipation rückgängig machen wolle. Die „Nähe“ zur Modernität und der bleibende Gruppencharakter („Andersheit als Gemeinsamkeit“) mache „die Juden“ zum
Sündenbock des Modernisierungsübels. Nipperdey konstatiert: „Modernitätsnähe einer Minderheit - das charakterisierte die Lage.“ 2 Den Zusammenhang zwischen dem aufkommenden Nationalismus und dem Entstehen des „moderne Antisemitismus“ bringt die israelische Historikerin Shulamith Volkov auf die Formel: „Wo immer der Nationalismus triumphierte, wurde Antisemitismus selbstverständlich akzeptiert.“ 3
Tatsächlich brachte der verschärfte Nationalismus eine neue, stärker politische Form der Judenfeindschaft. Die Feindschaft war nicht mehr primär auf Religionsunterschiede bezogen, sondern zunehmend auf die Herkunft. So blieb ein Angehöriger der jüdischen Religion selbst nach einem Übertritt zum Christentum ein Jude. Diese rassistisch-biologische Variante der Judenfeindlichkeit steht auch im Zusammenhang mit der Entstehung einer Kolonialbewegung, eines
„kulturmissionarischen Imperialismus“, der die Welt in „niedere“ und „höhere“ Völker aufteilt.
Antisemitismus als Popularitätsfaktor
Hier ist zunächst der Versuch zu nennen, „Bauern und dem >alten Mittelstand< eine ideologische Heimat zu bieten“. 4 Die Judenfeindschaft wird von Berghahn als „psychischer Anker“ bezeichnet, „für die Schichten, die sich durch die anonymen Kräfte von Industrialisierung, Urbanisierung und Säkularisierung fundamental bedroht fühlten.“ 5 Der aufgenommene Antisemitismus diente also als Antwort auf den Popularitätsverlust der Partei. So urteilt Nipperdey über die Konservativen, „sie
2 Thomas Nipperdey: „Deutsche Geschichte 1866-1918 (Band 2)“. München 1993; S. 293.
3 Michael Ley: „Kleine Geschichte des Antisemitismus“. München, 2003; S.103.
4 Volker Berghahn: „Das Kaiserreich 1871-1914 (Gebhardt Band 16)“. Stuttgart 2003; S. 327.
5 Ebd.; S. 328.
2
haben dann ohne viel Skrupel den Antisemitismus zur Mobilisierung und Gewinnung von Wählern eingesetzt, als Instrument und Stimmfänger, von ihrer Allianz mit Stoecker über ihr Tivoliprogramm von 1892 bis zur Abstützung auf die Massenorganisation des Bundes der Landwirte mit seiner wild antisemitischen Propaganda, ja Überzeugung.“ 6 Die Partei bediente sich als Wahlhilfe eines „Zweck-Antisemitismus“.
Adolf Stoecker 7
Am 11. Dezember 1835 wurde Stoecker in Halberstadt geboren. Nach dem Besuch eines Gymnasiums studierte er ab dem Sommer 1854 an der Universität Halle Theologie. Sein Studium musste er allerdings aufgrund eines nächtlichen Fehlverhaltens in Berlin abschließen. Es folgte die damals übliche Tätigkeit des Hauslehrers. Nach einer Romreise, wo er eine Pfarrerstelle ablehnte, entschied er sich 1863 für das Pfarreramt in dem Dorf Seggerd. Nach drei Jahren folgte er einem Ruf nach Hamersleben, wo er die Denk- und Lebensweise des Industrieproletariats kennen lernte, bevor er Divisionspfarrer in Metz wurde.
1874 wurde er nach Berlin gerufen, um dort die vierte Hofpredigerstelle anzunehmen. Dort erlebte er den Kulturkampf, wobei er sich auf die Seite Bismarcks schlug. Allerdings sah er in den vorbereiteten Gesetzen des Ministers Falk die Gefahr, das der Liberalismus in kirchliche Verantwortungsbereiche eindringt. Als
Gegenmaßnahme gründete er mit Rudolf Kögel, dem Hauptsprecher der orthodoxkonservativen Gruppen, die Positive Union, war an kirchenpolitischen Vorgängen allerdings nur indirekt beteiligt. Seine Aufgabe sah er in dem Elend der wachsenden Reichshauptstadt und übernahm so eine der zwei bestehenden Stadtmissionen, die er dann fusionierte. Nach der Gründung eines weiteren Vereines („Zentralverein für Sozialreform auf religiöser und konstitutioneller Grundlage“), der jedoch wenig Beachtung fand, konstituierte er die „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“. Hier zeigt sich schon in dem Namen eine für Stoecker unauflösliche Einheit zwischen christlichem Glauben und Vaterlandsliebe. Doch das zu wenig attraktive Programm brachte bei den Reichtagswahlen vom 30. Juli 1878 eine starke Niederlage. Nach Volkov war es Stoecker, der als erster den Antisemitismus zum zentralen Credo einer modernen politischen Partei machte: „Der christlich-soziale Speer, mit dem Stoecker seinen
6 Thomas Nipperdey: „Deutsche Geschichte 1866-1918 (Band 2)“. München 1993; S. 306.
7 Nach Karl Kupisch: „Alfred Stoecker - Hofprediger und Volkstribun“. Berlin o. J.
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Arbeit zitieren:
Philipp vom Stein, 2005, Antisemitismus im Tivoli-Programm, München, GRIN Verlag GmbH
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