1. Einleitung 3
2. Einbettung der Erziehung von Simone de Beauvoir in die Epoche 5
3. Die Eltern - Françoise und Georges de Beauvoir 7
4. Chronologischer Verlauf der Mutter-Tochter-Beziehung 9
4.1. Die frühe Kindheit (1908-1913) 9
4.2. Die ersten Schuljahre der Simone de Beauvoir und der erste Weltkrieg (1913-1919) 12
4.3. Die Zeit der Adoleszenz (1919-1925) 19
4.3.1. Starke Veränderungen in der Phase der Pubertät 19
4.3.2 Verhaltensveränderung von Françoise - der Mutter 22
4.3.3. Beziehungsumschwung zum Vater 24
4.3.4. Rückkehr der Unabhängigkeit 26
4.3.5 Der Verlust des Glaubens an Gott 27
4.3.6. Entdeckung der intellektuellen Fähigkeiten 29
4.4. Simone als junge Frau (1925-1928) 32
4.5. Simone als Erwachsene (1928-1963) 35
4.5.1 Die Mutter wird Witwe 38
5. Die letzten dreißig Tage vor dem Tode der Mutter (Oktober-November 1963) 42
5.1. Nachsicht und der Identifikation 46
5.2. Die Symbiose Mutter-Tochter in den fortgeschrittenen Jahren 49
5.3. Sterbephase der Mutter 50
5.4. Die Trauer von Simone 52
6. Schluss 54
Resumée 56
Literaturverzeichnis 61
Primärliteratur 61
Sekundärliteratur 61
2 NA
1. Einleitung
Am 9. Januar 2008 würde Simone de Beauvoir hundert Jahre alt werden. Sie war Philosophin, Feministin und Gefährtin Jean-Paul Sartres. Es sind gerade ihre Werke und ihr Leben, die sie zur einflussreichsten weiblichen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts und zum Vorbild mehrerer Frauengenerationen gemacht haben, da sie als Rebellin die Gleichberechtigung und Befreiung der Frau innerhalb der Gesellschaft vorantrieb. Obwohl – oder gerade weil – Simone de Beauvoir von der Erziehung des 19.Jahrhunderts geprägt ist, ist sie in ihrem Denken und Wirken ihrer Zeit weit voraus. Noch heute ist ihr Werk von großer Aktualität, da sich das patriarchalische System immer noch nicht grundlegend geändert hat. Man kennt sie als Vorreiterin der Emanzipation der Frauen, denn schon früh in ihrer Kindheit spürt sie die ungleiche Behandlung der Geschlechter. Insbesondere wurde sie vom Bild ihrer Mutter geprägt, da diese in den konventionellen Regeln der Gesellschaft gefangen war. Die hochintelligente Simone de Beauvoir entschied sich, dieser Frauenrolle zu entkommen und eine selbständige Schriftstellerin zu werden, damit sie „frei“ leben kann und finanziell nicht von einem Mann abhängig sein muss. Daher lassen sich ihre Werke und ihr Leben nur schwer voneinander trennen. Sie schrieb literarische und philosophische Werke sowie Essays. Das Gesamtwerk bildet eine Einheit und unterliegt wechselseitiger Wirkung. Zwischen 1958 und 1972 schrieb sie ihre Memoiren in vier Bänden:
„Mémoires d′une jeune fille rangée“ (1958), „La force de l′âge" (1960), „La force des choses" (1963) und „Tout compte fait" (1972). Des Weiteren werden auch „Une mort très douce" (1964) und „La cérémonie des adieux“ (1974) zu ihren autobiographischen Werken gezählt. In der vorliegenden Examensarbeit analysiere ich anhand der Biographie von Simone de Beauvoir die Beziehung zu ihrer Mutter Françoise. Dazu eignen sich im speziellen ihre Werke Mémoires d′une jeune fille rangée und Une mort très douce.
Meine Analyse bezieht sich auf die autobiographischen Werke „Mémoires d′une jeune fille rangée“ und „Une mort très douce“ von Simone de Beauvoir.
In Mémoires d′une jeune fille rangée beschreibt sie chronologisch ihre ersten zwanzig Lebensjahre und gibt dem Leser einen kritischen Einblick in ihr paradoxes Leben. Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Familienleben in der Pariser Bourgeoisie.
In Une mort très douce schildert sie den Sterbeprozess ihrer Mutter und reflektiert rückblickend die Beziehung zu ihr. In diesem Werk findet eine unerwartete Wendung in der Beziehung zur Mutter statt, da die Autorin sich selbst auch mit dem Tod auseinandersetzt.
3
Ziel meiner Arbeit ist es, die Entwicklung der Mutter-Tochter-Beziehung zu analysieren und chronologisch aufzuteilen. Hierzu werde ich die Intentionen Simone de Beauvoirs darlegen, die sie dazu bewegen, sich von der Bourgeoisie abzuwenden. Ich möchte die auch Sachverhalte beleuchten, die dazu beitragen, dass sich die Beziehung zu ihrer Mutter in einem stetigen Wandel befindet. Folgende Fragen haben mich dabei besonders getrieben: Tritt Simone de Beauvoir ihrer Mutter in allen Lebensphasen kritisch gegenüber? Welche Auswirkungen hat der Tod der Mutter bei Simone de Beauvoir? Welche Einstellung hat die Mutter gegenüber Simone als Schriftstellerin? Schafft Simone nach der Loslösung vom bürgerlichen Milieu auch eine Loslösung von der Mutter?
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der streng traditionellen Erziehung, die Simone de Beauvoir erfahren hat. Hierzu werde ich einen kurzen Überblick über die Normen und Wertvorstellungen der Pariser Bourgeoisie Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geben, im Besonderen bezüglich der Erziehung von Töchtern.
Im zweiten und dritten Kapitel stelle ich die Kindheit und das Zusammenfinden der Eltern dar, um besser deren Charaktere und späteren Handlungsweisen zu verstehen.
Der darauf folgende Hauptteil (Kapitel 4) analysiert chronologisch die verschiedenen Lebensphasen der Mutter-Tochter-Beziehung. Diese Lebensphasen werden wiederum in mehrere Unterkapitel gliedert, um die verschiedenen Veränderungen, die sich in der Beziehung von Mutter und Tochter entwickeln, präziser zu verdeutlichen. Im fünften Kapitel wird ausschließlich nur auf die letzten dreißig Tage vor dem Tode der Mutter, Françoise de Beauvoir, eingegangen. Der Tod stellt das Ende der Mutter-Tochter-Beziehung dar und gibt die Möglichkeit, die Beziehung rückblickend im Schlussteil, Kapitel 6, zusammenzufassen und die eingangs gestellten Fragen zu beantworten.
4
2. Einbettung der Erziehung von Simone de Beauvoir in die Epoche
Simone de Beauvoir wird Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in das Milieu der französischen Bourgeoisie geboren. Die Familie in dieser Gesellschaft lebt in einem patriarchalischen Milieu, in dem viele konservative Rituale und Verhaltensregeln vorherrschen und die es von der übrigen französischen Gesellschaft trennen. Strenge und unflexible Grundsätze regeln das Sozial- und Familienleben. Alles ist vorgegeben: Die Lebensweise der Familie, die Art der Ansammlung von Vermögen, das Ausgeben des Geldes, die Erziehung der Kinder wie auch deren Verheiratung. Das Bild muss immer nach außen gewahrt werden, auch wenn es innerhalb der Familie Probleme gibt. Für die Einhaltung dieser Regeln ist die Mutter zuständig, die die Werte ihren Kindern, insbesondere ihren Töchtern weitergibt. 1 Hierzu zählen vor allem die religiösen Werte, da die Männer dieser Gesellschaftsklasse kaum Interesse an Religion zeigen. 2 Die Frau wünscht zu Heiraten, da das ihr eine gewisse Autonomie verleiht und den sozialen Status sichert, obwohl sie oft unter der liberalen Lebensweise des Ehemannes leidet. Gleichwohl spielt die Frau ist in dieser Schicht eine nicht unbedeutende Rolle: Sie repräsentiert die Familie und ist somit im Grunde ebenso wichtig wie der Mann. Doch vor dem Gesetz ist die Frau keineswegs mündig. Sie ist vollkommen ihrem Ehemann unterworfen, der als Familienoberhaupt alle Entscheidungen trifft. 3 Eine wohlsituierte Frau soll schweigsam und reserviert sein und ihre Talente nicht herausstreichen, womit sie vielleicht ihren Mann in den Schatten stellen könnte. 4 Simone de Beauvoir kritisiert in ihren Werken insbesondere in Mémoires d′une jeune fille rangée dieses oberflächliche Milieu und vor allem die Position der Frau in der patriarchalischen Sozialstruktur. Das Lebensziel der Frau besteht darin Ehefrau und Mutter zu sein, da nur eine verheiratete Frau eine anerkannte Position in dieser Gesellschaft hat. Die Heirat in der bürgerlichen Gesellschaft basiert auf finanziellem Interesse und weniger auf Liebe. So ist die heiratsfähige Frau zunächst nichts anderes als ein ökonomisches Objekt. Die Mehrheit der Ehen in der Bourgeoisie wird zwischen zwei Familien und nicht zwei Individuen geschlossen. Oft kennen sich die zukünftigen Ehepartner vor der Hochzeit nicht einmal. Ziel der Eheschließung ist vielmehr den sozialen „Status“ zu verbessern oder zumindest beizubehalten. Häufig verbessern die gesellschaftlichen Beziehungen des
1 Vgl. Bair, Deirdre: [Simone de Beauvoir] Simone de Beauvoir. - [Paris] : Fayard, 1997, S. 20. 2 Vgl. Daumard, Adeline: La Bourgeoisie parisienne de 1815 a 1848.-Paris : SEVPEN, 1963, sixième section. in 8° broché, XXXVII-, S.366.
3 Vgl. Ebd., S.358.
4 Vgl. Ebd., 1963, S. 360.
5
Brautvaters und die Mitgift, die Karrierechancen des zukünftigen Ehemannes. 5 Es ist paradox, dass die Frau in dieser Gesellschaft eine intellektuelle Schulbildung erhält, aber sie nicht beruflich oder gegenüber der Gesellschaft umsetzen darf. Sie dient als Statussymbol oder der Unterhaltung des Mannes. Fleißige Kinder, die in der Schule Höchstleistungen vollbringen, werden Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich sehr geschätzt. Meistens sind es Mädchen, die durch Strebsamkeit und um den Eltern zu gefallen den Status der „Klassenbesten“ erlangen. Dieser Status zählt als Wettbewerb zur Prestigeerlangung zwischen den Familien der Mittelklasse. Doch sobald diese Mädchen die Reifeprüfung erlangt haben, ist ihre intellektuelle Laufbahn beendet und die Rolle als Ehefrau und Mutter wird vorbereitet. 6
5 Vgl. Daumard, Adeline: Les bourgeois de Paris au XIXe siècle. - Paris : Flammarion, 1970, Seite 170f. 6 Vgl. Daumard, Adeline 1963, S. 362f.
6
3. Die Eltern - Françoise und Georges de Beauvoir
Simone-Ernestine-Lucie-Marie Bertrand de Beauvoir wird am 9. Januar 1908 in Paris geboren. 7 Ihr Vater Georges Bertrand de Beauvoir (1878 - 1941) stammt aus Limousin, einer Stadt im Südwesten Frankreichs. Die Familie des Vaters entstammt dem Beamtenadel. Georges ist als jüngstes von drei Kindern, zerbrechlich und liest gerne. Die Mutter von Georges stirbt als er dreizehn Jahre alt ist. Nach ihrem Tod zieht ihn sein Vater groß, der sich nicht viel mit ihm beschäftigt. Ohne den mütterlichen religiösen Einfluss verliert Georges den Zugang zur Religion und wird ein bekennender Atheist, der später öffentlich die Kirche kritisiert. 8 Als er älter wird, bittet ihn sein Vater sich einen Beruf auszusuchen, da Georges als jüngster Sohn keinen Anspruch auf das Erbe habe. Er studiert Jura, doch gilt seine Begeisterung dem Theater und der Schauspielerei, was er auch als Beruf ausüben möchte; doch diese Arbeit gilt zu jener Zeit nicht als ein Beruf und ist mit einem negativen Bild behaftet. Er verbringt viel Zeit in den „Pariser Salons“ und gilt als charmanter, intelligenter, eleganter und rhetorisch gewandeter junger Mann. 9 Mit neunundzwanzig Jahren, im Jahre 1906 wird er Françoise Brasseur vorgestellt, einer Bankierstochter aus dem Nordosten Frankreichs. Diese ist 1887 geboren. Ihre Eltern hatten sich als erstes Kind lieber einen Jungen gewünscht und können ihre Enttäuschung nicht verbergen. Nach Françoise folgen noch ein Junge und ein Mädchen namens Lili, welche von den Eltern bevorzugt wird. Diese Tatsache wird im leben von Françoise eine wichtige Rolle spielen. Die Mutter, die nur ergeben für ihren Ehemann lebt und für die Kinder nur eine untergeordnete Rolle spielen, ist kühl und streng. 10 Françoise wird in eine Klosterschule geschickt, wo sie zu einer aufrichtigen und streng praktizierenden Katholikin erzogen wird. Hier lernt sie nach ganz starren Prinzipien zu leben, die sie im späteren Leben nicht aufgibt.
Toutes portent des guimpes montantes, des jupes longues, des chignons sévères. Leurs yeux n´exprimaient rien. Maman est entrée dans la vie corsetée des principes les plus rigides : bienséances provinciales et morale de couventine. 11
Bei den Nonnen, vor allem bei „mère Bertrand“, findet sie ein wenig Zärtlichkeit wie auch Liebe. Sie entwickelt sich zu einer hübschen jungen Frau, ist sich dessen jedoch nicht bewusst, weil ihr keine Bestätigung entgegengebracht wird. Das Desinteresse und die Strenge
8 Vgl. Ebd., S.22-24.
9 Vgl. Ebd., S.25f.
10 Vgl.Ebd., S. 27f.
11 De Beauvoir, Simone : Une mort très douce. Paris (Gallimard) 1964. Folio no., S. 46-47.
7
ihrer Eltern machen aus ihr ein trauriges und unsicheres Mädchen. 12 Françoises Eltern möchten, dass sie reich heiratet, um damit Vermögen und Position der Familie zu festigen. Zwar gehören die Brasseurs nicht zur Aristokratie, doch da sie vermögender sind als die de Beauvoirs können sie eine gute Mitgift zur Familiengründung mitgeben. Georges und Françoise gefallen sich und heiraten am 21.12.1906. Auch wenn das Paar von den Eltern verheiratet wird, sind Françoise und Georges ineinander verliebt, was eine Seltenheit darstellt. 13 Das frisch verheiratete Paar lässt sich in Paris nieder, wo die junge und noch sehr unerfahrene Françoise versucht ihr neues Leben zu ordnen. Sie richtet die neue Wohnung in der Rue Raspail nach den Kriterien der Bourgeoisie ein. Doch sie ist mit ihrer neuen Aufgabe und ungewohnten sozialen Position überfordert. Das Leben und die Gesellschaft in Paris unterscheiden sich sehr von dem Provinzmilieu, denn eine Frau in dieser Schicht muss den Haushalt, der von Dienstmädchen geführt wird, organisieren und überwachen. Françoise hat jedoch nicht gelernt, wie man sich gemäß den Traditionen und Regeln der Pariser Bourgeoisie zu verhalten hat. « […] elle était provinciale, peu dégourdie; dans ce milieu bien parisien, on a souri de sa gaucherie. » 14 Der Vater von Georges stellt dem jungen Paar ein Dienstmädchen, Louise, die Françoise im Haushalt und bei der Kindererziehung unterstützen soll. 15 Auch Georges versucht anfänglich seiner Frau die Umstellung zu erleichtern. Ihm ist wichtig, dass seine Frau seine Vorlieben nachvollziehen kann und mit ihm teilt. Er ist ein relativ moderner Mann und führt sie in Literatur und Theater ein. In der ersten Zeit ihrer Ehe blüht Françoise auf. Sie lässt sich gerne führen, da ihr beigebracht worden ist, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen und dienen muss. Françoise liest jedoch nicht viel, weil sie sonst ihre Hausfrauenpflichten vernachlässigen würde und sie nicht weiß, ob die Kirche diese Bücher toleriert. 16 Zusammenfassend kann man sagen, dass Georges und Françoise zu Anfang ihrer Ehe glückliche und zufrieden sind und die Gegenwart von Georges positiv auf Françoise wirkt.
12 Vgl. Bair, Deirdre, S.28 13 Vgl. Ebd., S.26-29.
14 Une mort très douce (1964), S.48.
15 Vgl. Bair, Deirdre, S.29.
16 Vgl. Bair, Deirdre, S.32.
8
4. Chronologischer Verlauf der Mutter-Tochter-Beziehung
4.1. Die frühe Kindheit (1908-1913)
Nach etwa einem Jahr Ehe kommt Simone zur Welt. Georges ist bei Simones Geburt dreißig und Françoise einundzwanzig Jahre alt. Die jungen Eltern sind sehr stolz, verliebt und glücklich miteinander. « Leur entente sautait aux yeux: il caressait les bras de maman, la cajolait, lui disait de tendres fadeurs. » 17 Zwei Jahre nach der Geburt Simones, am 9.6.1910, kommt ihre Schwester Henriette Hélène Bertrand de Beauvoir zur Welt. Sie wird „Poupette“ genannt, weil sie einer Puppe gleicht. Mit ihrer Weinerlichkeit nimmt sie die Mutter sehr in Anspruch. 18 In ihrer frühen Kindheit lebt Simone in einer liebevollen und abhängigen Symbiose mit ihrer Mutter, die sie „petite maman chérie“ 19 nennt. Die Mutter ist die erste und wichtigste Bezugsperson in den frühen Jahren des kleinen Mädchens, da sie gleichen Geschlechts sind und Simone sich somit mit ihr identifiziert. 20 « Ma mère, plus lointaine et plus capricieuse, m´inspirait des sentiments amoureux. […] J´avais besoin de son sourire. » 21 Solch liebevolle Beschreibung wie bei Simone findet man entsprechend bei den seinerzeitigen Ideen der präödipalen Phase bei Sigmund Freud, dem bekannten Psychoanalytiker. Freud unterscheidet zwei Phasen in der Sexualentwicklung des Kindes: Die präödipale- und die ödipale Phase. Die präödipale Phase wird dadurch gekennzeichnet, dass Mädchen wie auch Jungen bisexuell veranlagt und autoerotisch sind. Die Sexualität wird mit der Nahrungsaufnahme über die Brust der Mutter gleichgesetzt. Das bedeutet, dass die Mutter in dieser Phase das dominante Liebesobjekt ist. 22 Das präödipale Stadium wird auch die „Phase der ausschließlichen Mutterbindung“ genannt. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass Freud während des letzten Jahrhunderts von anderen Psychoanalytikern widerlegt wurde, seine Analysen jedoch grundlegend sind. 23
17 Une mort très douce (1964), S.47.
18 Vgl. Bair, Deirdre, S.39f.
19 De Beauvoir, Simone : Mémoires d′une jeune fille rangée. Paris (Gallimard), 1958, S ?
20 Vgl. Patterson, Yolanda Astarita.: Simone de Beauvoir and the demystification of motherhood. - Ann Arbor [u.a.] : UMI Research Pr., 1989, S.195.
21 De Beauvoir, Simone : Mémoires d′une jeune fille rangée. Paris (Gallimard), 1958, S. 10f. 22 Vgl. Lackner, Susanne: Zwischen Muttermord und Muttersehnsucht : die literarische Präsentation der Mutter- Tochter-Problematik im Lichte der écriture féminine. - Würzburg : Königshausen und Neumann, 2003, S. 56. 23 Vgl. Freud, Sigmund (1931). Jenseits des Lustprinzips. In: Mitscherlich, Alexander, Richards, Angela, Strachey, James (Hrg.) Sigmund Freud Studienausgabe Band IX. - FfM. (1982): Fischer, S. 280.
9
Simones Eltern teilen sich in den ersten Jahren verantwortungsvoll für die Erziehung von Simone und ihrer Schwester Hélène: Die Mutter kümmert sich um die moralische und religiöse Erziehung, nimmt sie, sobald sie laufen können, mit zur Messe und betet gemeinsam mit ihnen mehrmals am Tag. Die Ausübung der Religion gibt dem Tagesablauf eine feste Struktur. 24 « […] j´appris de maman à m´effacer, à contrôler mon langage, à censurer mes désirs, à dire et faire exactement ce qui devait être dit et fait. » 25 Der atheistische Vater, wie genannt, ein brillanter Geist und Skeptiker mit künstlerischen Ambitionen, sorgt für die Bildung der Kindern und liest ihnen regelmäßig französische klassische Literatur vor. Georges ist der religiösen Einstellung seiner Frau gegenüber gleichgültig eingestellt. Somit wächst Simone mit zwei unterschiedlichen Weltbildern auf. 26 «L'individualisme de papa et son éthique profane contrastaient avec la sévère morale que m'enseignait ma mère ». 27 Nach den Geburten der zwei Töchter kühlt die elterliche Beziehung aber langsam ab. Françoise bemerkt derweil, dass Georges ihr fremde Vorstellungen von der Bedeutung der Gesellschaft hat. Konventionen bedeuten Georges nichts, er ignoriert sie. Auch hier wie in der Glaubensfrage, vertreten beide Elternteile einen gegensätzlichen Standpunkt. Françoise verdrängt vor sich selbst und vor anderen, dass sie und Georges eigentlich zu verschieden sind, um zusammen zu bleiben. Diese Verdrängung macht die Mutter wütend und unzufrieden, was häufig die Kinder zu spüren bekommen. Sie entwickelt sich zu einer autoritären Frau, die völlig von ihrem Ehemann abhängig ist und nur für ihre Kinder lebt: 28 Une des contradictions de maman, c’est qu’elle croyait à la grandeur du dévouement et que cependant elle avait des goûts, des répugnances, des désirs trop impérieux pour ne pas détester ce qui la brimait. Constamment elle s’insurgeait contre les contraintes et les privations qu’elle s’imposait. 29
Außerdem hat sie durch ihre streng religiöse Erziehung ein ausgeprägtes Ideal von Ordnung. Mit ihrer moralischen und ethischen Einstellung hat sie Schwierigkeiten mit dem liberalen Denken von George mit umzugehen. Jedoch geht sie aus Fügsamkeit Kompromisse ein. Dieses Verdrängungsspiel lässt sie gleichgültig und unsensibel erscheinen. 30 Sie zeigt eine
25 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S. 58.
26 Vgl. Bair, Deirdre, S.37 27 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S. 58f.
28 Vgl. Corbin, Laurie: The mother mirror : self-representation and the mother - daughter relation in Colette, Simone de Beauvoir, and Marguerite Duras. - New York [u.a.] : Lang, 1996, S.60.
29 Vgl. Une mort très douce (1964), S.50.
30 Vgl. Bair, Deirdre, S.31.
10
Strenge und Kälte, die sich durch ihre Unsicherheit in der Pariser Gesellschaft zusätzlich entwickelt. 31 Simone ist ein temperamentvolles und lebhaftes Kind, ist aber leicht erziehbar. Dies geschieht weniger aus purer Folgsamkeit, als dass ihr die Rolle des gehorsamen Mädchens viele Annehmlichkeiten bringt. Sie erhält von ihren Eltern sehr viel Aufmerksamkeit und wird verwöhnt. « Protégée, choyée, amusée par l´incessante nouveauté des choses, j´étais une petite fille très gaie. » 32 Simone fehlt es an nichts und die Eltern dulden lächelnd ihr gelegentlich freches Auftreten, denn im Grunde mögen sie Simones Vitalität.
« Je faisais des caprices, je désobéissais pour le seul plaisir de ne pas obéir, sur les photos de famille, je tire la langue, je tourne le dos : autour de moi on rit. » 33 Häufig kommt auch ihr Eigensinn zum Vorschein, der sich durch Wutanfällen ausdrückt: sie tobt, schreit und tritt nach anderen Menschen. Ihrem Vater bereitet es Vergnügen, wenn er sagt, dass Simone nicht gesellschaftsfähig ist. « Cette enfant est insociable. » 34 Schon sehr früh sieht sie die Logik einiger Anordnungen der Mutter nicht ein und reagiert ungebührlich, weil sie in diesem Alter noch keinen Weg kennt sich gegen Regel zu wehren. 35 Mais je refusais de céder à cette force impalpable: les mots; ce qui me révoltait c´est qu´une phrase négligemment lancée : « Il faut…il ne faut pas », ruinât en un instant mes entreprises et mes joies. 36 […] Je ne voulais céder qu'à la nécessité, les décisions humaines relevaient plus ou moins du caprice, elles ne pesaient pas assez lourd pour forcer mon adhésion. 37
Simone wird wenig getadelt oder bestraft. « […] j´avais besoin qu´on m´acceptât dans ma vérité, avec les déficiences de mon âge ; ma mère m´assurait par sa tendresse une totale justification. » 38 In dieser Lebensphase erscheint ihre Kindheit zufrieden und ausgeglichen und die Mutter- Tochter-Beziehung unkompliziert.
32 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S. 17.
33 Ebd., S. 21.
34 Ebd.,S. 21.
35 Vgl. Bair, Deirdre, S.38.
36 Ebd., S.19.
37 Ebd., S. 31.
38 Ebd., S.55.
11
4.2. Die ersten Schuljahre der Simone de Beauvoir und der erste Weltkrieg (1913-1919)
Im Oktober 1913 wird Simone im Alter von fünfeinhalb Jahren in eine katholische Privatschule für Mädchen („Cours Adéline Désir“) in Paris eingeschult. Die Mädchen werden dort zur Frömmigkeit und zur Lehre Christi sowie zur Einhaltung der Regeln der Kirche erzogen. Simone ist über die Existenz Gottes glücklich und gehorcht. 39 « Je me promenais dans la basilique du Sacré-coeur avec d'autres petites filles en agitant une oriflamme et en chantant ». 40 Doch das Christentum, das Simone gelehrt wird, fördert ihre mystische Veranlagung nicht, denn es basiert vor allem auf moralischen Prinzipien, Gehorsam und Unterwürfigkeit gegenüber den Eltern: 41 « D'année en année, ma piété en se fortifiant s'épurait et je dédaignais les facteurs de la morale au profit de la mystique ». 42
Die Erziehung in der Privatschule ist stark intellektuell ausgerichtet, und doch besteht das widersprüchliche Ziel, wie schon im Kapitel 2. angesprochen, hauptsächlich darin, die Mädchen auf ein Leben als Ehefrau und Mutter vorzubereiten, ganz im Sinne der katholischen Kirche. 43 Die Schule gefällt der neugierigen und aufgeweckten Simone sofort. Sie liest und schreibt gerne und entwickelt sich so zu einer fleißigen und begeisterten Schülerin: 44 Jusqu'alors j'avais grandi en marge des adultes, désormais j'aurais mon cartable, mes livres, mes cahiers, mes tâches ; une semaine et mes journées se découperaient selon mes propres horaires. 45
Dadurch gewinnt Simone die Zuwendung ihrer Eltern, was ihr ein Gefühl verleiht, etwas Besonderes zu sein. In dieser Zeit verspürt sie nicht das Bedürfnis sich ihren Eltern zu widersetzen, sie fühlt sich bei ihnen in völliger Geborgenheit. 46 Ihr Vater kümmert sich fürsorglich um die Bildung und Unterhaltung seiner Tochter, die in der Familie, durch ihre
40 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S.41.
41 Vgl. Labovitz, Esther K.: The myth of the heroine: the female Bildungsroman in the twentieth century : Dorothy Richardson, Simone de Beauvoir, Doris Lessing, Christa Wolf. - 2. ed. - New York [u.a.] : Lang, 1988, S.77.
42 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S.186.
43 Vgl. Bair, Deirdre, S.45.
44 Vgl. Winegarten, Renee: Simone de Beauvoir : a crit. view. - Oxford [u.a.] : Berg [u.a.], 1988, S.11. 45 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S. 32.
46 Vgl. Winegarten, Renee, S.11.
12
geistige Virulenz, in den Mittelpunkt gerät. 47 « Je savais lire, écrire, un peu compter : j'étais la vedette du cours "Zéro». 48 Seitdem Simone zur Schule geht, nimmt ihr Vater, der in ihrer Kleinkindphase wenig präsent war, aufmerksam an ihrem Leben teil. Er interessiert sich für ihre Erfolge und Fortschritte. 49 Simone spielt wenig, besitzt zwar ein paar Spielsachen, die sie amüsieren, lässt sich aber davon nicht wirklich fesseln. Die Bücher in Georges Büro wecken eher Simones Interesse. 50 Für sie wird die literarische Welt ein Refugium, das für sie grundsätzlich Freiheit bedeutet, insbesondere wenn familiären Konflikte auftreten.
Lesen und Schreiben sind jedoch nicht die einzigen Beschäftigungen, die sie von der übrigen Welt abheben: Françoise isoliert ihre Töchter von anderen Kindern. Simone darf nicht mit anderen Kindern sprechen oder spielen, wenn die Mutter zuvor nicht den Status der Eltern dieser Kinder bei einem offiziellen Besuch überprüft und ihr Einverständnis gegeben hat. Dies zeigt deutlich, dass Françoise ihre Position in der Gesellschaft über andere Kriterien stellt und dies auch ihren Töchtern vermittelt. Solche Selektion gilt ebenso für Mitschülerinnen des „ Cours Desir“. Simone hat kaum Freunde und verbringt die meiste Zeit in der elterlichen Wohnung. Außerdem wird ihre einzelgängerische Art durch die Gesinnung der Familie verstärkt. 51 Bei dieser „privilegierten“ Erziehung verhält sich Simone in diesem Alter sehr narzisstisch und hält sich außerdem für etwas Besonderes. 52 Das Fehlen von Freunden führt dazu, dass die zwei Schwestern sich weiter eng zusammenschließen. Sie werden zu Komplizinnen, vor allem wenn sie sich gegen ihre Eltern behaupten müssen. Sie verstehen sich wortlos und entwickeln eine Geheimsprache, um der Bespitzelung der Mutter zu entgehen. 53 Die innige Beziehung zwischen den Schwestern schürt die Eifersucht der Mutter bis ins Erwachsenenalter. Sie fühlt sich ausgeschlossen, denn sie hat die Mädchen nicht völlig unter Kontrolle. Das erträgt sie nicht gut. 54 Quand la nuit nous bavardions, ma sœur et moi, d´un lit à l´autre, elle collait l´oreille au mur, rongée de curiosité, et nous criait : « Taisez-vous.» […] Cette jalousie l´a tenaillée toute sa vie et nous avons gardé jusqu´à la fin l´habitude de lui dissimuler la plupart de nos rencontres. 55
47 Vgl. Bair, Deirdre, S. 46-47.
48 Mémoires d′une jeune fille rangée (1958), S.33.
49 Vgl. Winegarten, Renee, S.13-14.
50 Vgl. Bair, Deirdre, S.43.
51 Vgl. Ebd., S.41.
52 Vgl. Cottrell, Robert D.: Simone de Beauvoir.-New York: Frederick Ungar Publishing Co., 1975, S. 7-8. 53 Vgl. Bair, Deirdre, S. 41-44.
54 Vgl. Patterson, Yolanda A.(1989), S.202.
55 Une mort très douce (1964), S.54-57.
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Isabelle Grob, 2007, Die Mutter-Tocher-Beziehung in den autobiographischen Werken "Mémoires d´une jeune fille rangée" und "Une mort très douce" von Simone Beauvoir, Munich, GRIN Publishing GmbH
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