Inhalt
1. Exposition Bedeutung des Körpers
in unserer Gesellschaft Seite 2
2. Der Mensch und sein Körper Seite 6
2.1. Körper und Macht Seite 8
2.2. Der genormte Körper Seite 16
3. Das Konzept der totalen Institution Seite 19
4. Der Körper als totale Institution Seite 23
4.1. Haus der Schildkröten Seite 25
4.2. Auf den Spuren der totalen Institution
im Haus der Schildkröten Seite 27
4.3. Der Körper als totale Institution
im Haus der Schildkröten Seite 30
4.4. Verlust der Körperlichkeit =
Verlust der gesellschaftlichen Identität Seite 32
5. Literaturverzeichnis Seite 36
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1. Exposition - Bedeutung des Körpers in unserer Gesellschaft
Wenn es darum geht einen Menschen, eine Person zu beschreiben, so kommt man nicht umher, auf sein Äußeres, seine Physis einzugehen. Besonders in unseren postmodernen Industriegesellschaften scheint der Körper einen immer stärker werdenden Stellenwert einzunehmen. Allein der Blick auf die heutige Medienlandschaft offenbart, wie wichtig der menschliche Körper und das Verhältnis zum Selbigen zu sein scheint. So preist z. B. die Werbung Produkte an, die unsere Körper gesünder, vitaler, leistungsstärker und schöner machen sollen. Der Anspruch unserer modernen Leistungsgesellschaft scheint sich geradezu in unserer Physis zu manifestieren. Dies beginnt mit dem Joghurt, der unsere Verdauung regulieren soll und setzt sich fort in sog. „Tipps“ und „Tricks“ der einschlägigen Lifestylemagazine zur Reduzierung von Cellulite und Glättung von Falten. Solche Ratschläge beschränken sich dabei schon lange nicht mehr auf das weibliche Geschlecht, vielmehr ist zu beobachten, wie geschlechtsübergreifend das Bedürfnis und das Angebot wächst, sich und damit seinem Körper etwas „Gutes“ zu tun.
Mitunter ist diese Fixierung auf den Körper nicht verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass unsere „menschliche Welt ohne den Körper nicht existieren würde – es gäbe keine Kommunikation, keine Arbeit, keinen Krieg, keine Wettkämpfe und kein Spiel, keine Sexualität, keine Kunst, keine Erziehung, keine Strafen, keine Kultur des Essens und Trinkens, der Heilung, des Umgangs mit den Toten…“. 1
Doch dies reicht bei weitem nicht aus zu erklären, warum dem Umgang mit dem Körper und der Konzentration auf den Körper in unserer Gesellschaft soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Es scheint vielmehr in
1 Dederich, Markus: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeld: transcript Verlag, 2007. S.85.
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unserer abendländischen Kultur eine stillschweigende Übereinkunft zu geben, inwiefern sich unser sozialer und gesellschaftlicher Status in unserem Körper und der damit einhergehenden Außenwirkung widerzuspiegeln hat. Man kann sogar soweit gehen, zu behaupten, dass jemand der besondere körperliche Vorzüge, sprich Attraktivität, vorzuweisen hat, automatisch besser gestellt ist. So sorgten z. B. im Jahre 1974 die Psychologen Landy und Sigall mit einer Studie, die belegt, dass Attraktivität den sozialen Erfolg beeinflusst, für große Aufmerksamkeit. 2 Auch weitere Untersuchungen förderten zu Tage:
„Wer gut aussieht hat größere Chancen bei der Partnerwahl (Hattfield/ Sprecher 1986), wird mit größerer Wahrscheinlichkeit eingestellt, verfügt im Durchschnitt über einen höheren Verdienst (Kaczorowski 1989) und bessere Voraussetzungen für den beruflichen Aufstieg.“ 3 Zusammengefasst scheint der physisch besser aufgestellte Mensch prädestiniert zu sein, ein „besseres“ und „einfacheres Leben“ zu führen. Was hieraus resultiert ist Chancenungleichheit, man könnte sogar durchaus von einer Ungerechtigkeit sprechen. In der Sozialpsychologie findet sich diese Beobachtung unter dem Terminus des „Halo-Effekts“ wieder. Eingeführt wurde dieser Begriff im Jahre 1920 vom amerikanischen Psychologen Edward Lee Thorndike. Im Prinzip beschreibt der „Halo-Effekt“ einen Wahrnehmungsfehler, Irrtum hinsichtlich der Beurteilung von Individuen. Ein Beispiel wäre in diesem Zusammenhang die Beurteilung eines Menschen, ausgehend von seiner Physis. Konkret also, unter Rückgriff auf o.g. Studien, die Bevorzugung attraktiver Menschen, da ihnen, ausgehend von ihrer Attraktivität, zusätzliche Vorzüge, wie gesteigerte soziale Kompetenz oder andere positive Attribute und Fähigkeiten zugeschrieben werden. Es wird dabei eine Kausalität konstruiert und beschrieben, die so nicht existiert. 4 Hieraus
2 Koppetsch, Cornelia: Körper und Status. Zur Soziologie der Attraktivität. Konstanz: UVK, Univ.- Verl., 2000. S. 99.
3 Ebd. S.99.
4 Ebd. S.99.
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lässt sich durchaus ein Grund für die gesteigerte Aufmerksamkeit und Zuwendung gegenüber dem Körper in unserer Gesellschaft ableiten, denn wer möchte nicht in diesem System, dass von einem ständigen Wettbewerb, einem sich fortlaufenden Messen und sich Messen lassen bestimmt zu sein scheint, seine Chancen erhöhen? Was folgt, ist das Bedürfnis seine eigenen Vorzüge zu betonen, aber auch physische Nachteile zu kaschieren bzw. sogar ggf. zu korrigieren, denn in unserer Gesellschaft/ Ökonomie kann
„Attraktivität […] dazu beitragen, Macht zu festigen, Bindung zu erzeugen oder Aufmerksamkeit und Beachtung auf sich zu ziehen.“ 5 Gerade Aufmerksamkeit und Beachtung, die mit dem Bedürfnis nach Anerkennung korrelieren, sind diesbezüglich nicht zu vernachlässigende Determinanten, da sich darüber u.a. durchaus die Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein eines Individuums definieren kann.
Auch in einer neueren Studie, unter der Leitung von Diplom-Psychologe Dr. Martin Gründl an der Universität Regensburg, wurden u.a. Erkenntnisse präsentiert, die beschreiben, „welche soziale Macht ein schöner Körper auf uns alle ausübt.“ 6 Ziel der 2001 veröffentlichten Studie, mit dem Titel „Beautycheck“ 7 , war es die Ursachen und Folgen von Attraktivität zu untersuchen. Unter dem Topic „Soziale Wahrnehmung“, welcher sich auch auf der Internetpräsenz der benannten Studie wiederfindet, wurde in einer Versuchsreihe ergründet, ähnlich dem „Halo- Effekt“, inwieweit attraktive Menschen Vorteile haben und besser behandelt werden als weniger attraktive. Hierbei wurden Probanden Fotografien von Gesichtern vorgelegt, die zuvor unter bestimmten wissenschaftlichen Parametern als attraktiv oder unattraktiv klassifiziert wurden. Die Teilnehmer dieser Versuchsreihe sollten dann den jeweiligen 5 Ebd. S. 101.
6 Vgl.: http://www.beautycheck.de/ (27.08.2008).
7 Braun, C., Gründl, M., Marberger, C. & Scherber, C. (2001). Beautycheck. Ursachen und Folgen von Attraktivität. Projektabschlussbericht. [pdf-Dokument]. Verfügbar unter:
http://www.beautycheck.de/bericht/bericht.htm (27.08.2008).
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Gesichtern vorgegebene Eigenschaften, wie etwa „ehrlich, erfolgreich, gesellig, sympathisch,“ usw. sowie die entsprechenden Antipoden zuordnen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache.
„Es gibt ein ausgeprägtes Attraktivitätsstereotyp: Je attraktiver die präsentierten Gesichter waren, desto erfolgreicher, zufriedener, sympathischer, intelligenter, geselliger, zugänglicher, aufregender, kreativer und fleißiger wurden die Personen eingeschätzt. Für unattraktive Gesichter gilt das Gegenteil: Je unattraktiver, desto eher wurden negative Eigenschaften unterstellt. Der Zusammenhang zwischen Attraktivität und positiven Persönlichkeitseigenschaften ist dabei sogar sehr stark […].“ 8 Dieser Umkehrschluss liegt nahe. Weniger attraktive Menschen, Menschen mit schlechteren körperlichen Voraussetzungen werden dementsprechend schlechter beurteilt, mit eher negativen Attributen in Verbindung gebracht. Geht man diesem Gedanken weiter nach, so stellt sich dann die Frage, was mit Menschen ist, denen es nicht nur an Attraktivität mangelt, sondern die ernste physische Defizite aufweisen, wie etwa eine Behinderung, Krankheit, hohes Alter usw.? Wie verhält es sich in diesem Zusammenhang mit der sozialen Wahrnehmung und vor allem welche Auswirkungen hat dies auf ihren sozialen und gesellschaftlichen Status? Bedeutet der Verlust der Körperlichkeit, wie sie der gängigen Norm entspricht, dementsprechend einen Verlust der gesellschaftlichen Identität? Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll diesen Fragestellungen nachgegangen werden. Zuvor soll jedoch anhand sozialwissenschaftlicher Arbeiten der Versuch unternommen werden, sich dem Terminus Körper und dem damit verbundenen Verständnis von Körperlichkeit zu nähern.
8 Vgl.: http://www.beautycheck.de/ (27.08.2008).
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2. Der Mensch und sein Körper
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt, würde ohne unsere menschlichen Körper die Welt, wie wir sie kennen, nicht existieren. Doch was ist eigentlich der menschliche Körper? Ist unser Körper mit reiner Natur, also Biomaterie, zu erklären? Reicht also diesbezüglich ein rein naturwissenschaftlicher, medizinischer und evolutionsbiologischer Blick aus, den Körper und somit auch seine Bedeutung für uns und unsere Gesellschaft zu beschreiben? Diese Frage ist wohl zu verneinen, da die Naturwissenschaft den Körper in der Regel immer als „etwas Außergesellschaftliches, in seiner natürlichen Beschaffenheit zu Beschreibendes verstanden“ 9 hat und in Teilen mitunter noch versteht. So kann zwar die Naturwissenschaft mittlerweile sehr genau darstellen, wie menschliche Körper aufgebaut, konstruiert sind und wie sie funktionieren, jedoch liefert dies noch keine Erkenntnisse über die Bedeutung des menschlichen Körpers. Mit Bedeutung ist in diesem Kontext einerseits die Bedeutung des Körpers für das Individuum selbst gemeint, andererseits aber auch die Bedeutung des menschlichen Körpers im Spannungsfeld von Subjekt und Gesellschaft. Dementsprechend ist mittlerweile der Körper auch immer stärker ins Blickfeld der Soziologie gerückt. Es erfolgt jedoch dabei keineswegs eine Trennung der Erkenntnisbereiche von Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften, vielmehr ist hier eine Verschränkung erkennbar. 10 In diesem Zusammenhang hat sich eine Körpersoziologie herauskristallisiert. Wie in einem wissenschaftlichen Diskurs üblich, besonders in so einem relativ „jungen“ wie der Körpersoziologie, besteht auch hier keine klare Einigkeit darüber, was man unter dem Körper zu verstehen hat. Sie liefert jedoch durchaus interessante und für die Erkenntnisdimension dieser Arbeit hilfreiche
9 Jäger, Ulle: Der Körper, der Leib und die Soziologie. Entwurf einer Theorie der Inkorporierung.
Königstein/Taunus: Helmer, 2004. S.23.
10 Ebd. S.23f.
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Ansätze, sowohl bezüglich einer begrifflichen Bestimmung, als auch einer Definition von der Bedeutung des Körpers. Besonders hervorzuheben ist in diesem Kontext die Beschreibung einer Korrelation zwischen dem Selbst, der subjektiven Wahrnehmung und der Physis. So unterstreicht Ulle Jäger in der Publikation „Der Körper, der Leib und die Soziologie“:
„An die Tatsache, dass es sich bei Menschen um Lebewesen aus Fleisch und Blut handelt, sind bestimmte subjektive Erfahrungen geknüpft. Der Körper ist räumlich ausgedehnt, und dieser Raum des Körpers ist für das Selbst, um dessen Körper es sich handelt, ein eigener Erfahrungsraum, ein Raum des Spürens, des Empfindens, der Affektivität.“ 11 Man könnte also sagen, der Körper ist der Ort, an dem sich das „Ich“, das „Selbst“ erkennt, sich manifestiert und materialisiert. Anhand des Körpers nimmt man seine Existenz und Identität wahr und somit auch die anderer Individuen. Dies setzt eine Intersubjektivität voraus, denn „über die Wahrnehmung des Köpers werden soziale Zuschreibungen und körperliche Präsentationsformen, Körper und Leiberfahrungen permanent rückgekoppelt und zu einem Bild der Person verdichtet.“ 12
Der menschliche Körper stellt also die physische Repräsentanz des „Selbst“, des „Ichs“ einer Person dar. Gleichwohl ist der Köper und die damit verbundene Tatsache, wie das „Ich“, das „Selbst“ seinen eigenen Körper wahrnimmt und empfindet, eine das „Ich“/ „Selbst“ erzeugende Einflussgröße. Dies macht den Körper somit zum ersten und wohl wichtigsten Erfahrungsort des Subjekts.
11 Ebd. S.36.
12 Koppetsch, Cornelia: Körper und Status. Zur Soziologie der Attraktivität. Konstanz: UVK, Univ.- Verl., 2000. S. 10.
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David Liniany, 2008, Der Körper als totale Institution, Munich, GRIN Publishing GmbH
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