Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 4
2. DEFINITION 5
3. GESCHICHTE DER EINSÄTZE UND DER ENTWICKLUNG VON
CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN UND CHEMISCHEN KAMPFMITTELN
6
3.1 IN DER ZEIT VOR DEM ERSTEN WELTKRIEG 6
3.2 WÄHREND DES ERSTEN WELTKRIEGES 10
3.3 ZWISCHEN DEN WELTKRIEGEN 15
3.4 WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGES 15
3.5 NACH DEM ZWEITEN WELTKRIEG 16
4. GRUNDBEGRIFFE UND EIGENSCHAFTEN VON CHEMISCHEN
KAMPFSTOFFEN 20
4.1 PHYSIKALISCHE UND CHEMISCHE EIGENSCHAFTEN VON CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN
20
4.2 TOXIKOLOGISCHE EIGENSCHAFTEN VON CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN 22
5. FORMEN UND WIRKUNG VON CHEMISCHEN KAMPFSTOFFEN 24
6. NERVENKAMPFSTOFFE 25
6.1 EIGENSCHAFTEN UND STRUKTUR 25
6.2 WIRKUNG UND SYMPTOME 28
7. HAUTKAMPFSTOFFE 30
7.1 LOSTE 30
7.1.1. Eigenschaft und Struktur 30
7.1.2. Wirkung und Symptome 32
7.2 ARSENHALTIGE HAUTKAMPFSTOFFE 34
7.2.1. Eigenschaften und Struktur 34
7.2.2. Wirkung und Symptome 34
7.3 NESSELSTOFFE 35
7.3.1. Eigenschaften und Struktur 35
2
7.3.2. Wirkung und Symptome 36
8. BLUTKAMPFSTOFFE 37
8.1 ZELLGIFTE 37
8.1.1. Eigenschaften und Struktur 37
8.1.2. Wirkung und Symptome 38
8.2 BLUTGIFTE 39
9. LUNGENKAMPFSTOFFE 40
9.1 EIGENSCHAFTEN UND STRUKTUR 40
9.2 WIRKUNG UND SYMPTOME 41
10. REIZKAMPFSTOFFE 42
10.1 AUGENREIZSTOFFE 42
10.2 NASE-N UND RACHENREIZSTOFFE 43
11. PSYCHOKAMPFSTOFFE 46
12. C-WAFFEN UND TERRORISMUS 49
13. GEGENWART UND ZUKUNFT DER CHEMISCHEN WAFFEN 50
14. INTERNATIONALE ABKOMMEN GEGEN DEN EINSATZ VON C-WAFFEN
51
15. ZUSAMMENFASSUNG 53
3
1. Einleitung
In der heutigen Zeit ist der Einsatz von chemischen Kampfstoffen verpönt und wird geächtet. Trotzdem kann der Einsatz dieser nicht ausgeschlossen werden, wie aus der Geschichte der letzten Jahre ersichtlich ist. In vielen Ländern gibt es große Mengen an Restbeständen und Altlasten, die jederzeit einsatzbereit sind.
Der Verfasser hat dieses Thema gewählt um die Aktualität dieses Themas aufzuzeigen und auf die noch bestehende Bedrohung des Einsatzes dieser Kampfstoffe aufmerksam zu machen.
Der Verfasser hat sich für die Bearbeitung des Themas folgende forschungsleitende Fragen gestellt:
„Wie stellen sich die Geschichte der Entwicklung und des Einsatzes chemischer Waffen und die rechtlichen Grundlagen dar?“
„Was sind die Eigenschaften und Wirkung chemischer Kampfstoffe und wie sind diese Zusammengesetzt?“
Um diese Fragen zu beantworten wird zunächst auf die Geschichte der chemischen Kampfstoffe und deren Entwicklung eingegangen. In weiterer folge beschreibt die Arbeit die chemischen und physikalischen Eigenschaften der wichtigsten Vertreter in den verschiedenen Kampfstoffgruppen, sowie deren Wirkung auf die kontaminierten Personen. Anschließend werden die rechtlichen Grundlagen für ein Verbot des Einsatzes chemischer Kampfstoffe und das potentielle Gefahrenbild aufgezeigt.
4
2. Definition
„Chemische Kampfstoffe
Chemische Kampfstoffe sind chemische Substanzen für den militärischen Einsatz mit folgenden Zielen: den Gegner zu töten, zu schädigen oder zeitweilig gefechtsunfähig zu machen, das Leben im Hinterland zu stören, den Nachschub zu verzögern oder zu unterbrücken, die Kampfmoral zu brechen, Panik, Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung auszulösen.
Definition gem. HMV
sind feste, flüssige oder gasförmige Chemikalien, die derart giftige
(toxische) Eigenschaften besitzen, dass sie bei der Freisetzung aus eigens dazu entworfenen Geräten oder aus dazu entworfener Munition, den Tod oder sonstige Körperschäden herbeiführen. 1 “
1 Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 21
5
3. Geschichte der Einsätze und der Entwicklung von chemischen
Kampfstoffen und chemischen Kampfmitteln…
In den folgenden Unterkapiteln werden die geschichtliche Entwicklung und die Einsätze von chemischen Waffen und Kampfmitteln beschrieben. Bei der Durchsicht von einschlägiger Literatur zu diesem Thema stößt man vieler Orts auf die Formulierung „vermutlicher Einsatz von…“ oder „unerklärbares Sterben von Menschen….“ da oft keine Beweise für den Einsatz von C-Waffen mehr gefunden wurden oder gar nicht untersucht wurde. Es ist daher davon auszugehen das es weltweit zu weitaus mehr als nur den öffentlich gekannten Anwendungen von chemischen Kampfstoffen gekommen ist.
3.1 … in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
Die Anfänge der Kriegsführung mit Hilfe chemischer Kampfstoffe und Kampfmittel liegt Jahrtausende zurück. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass schon lange vor den ersten bekannten Aufzeichnungen tierische und pflanzliche Gifte an Waffen (Pfeile, Messer usw.) bei der Jagd, aber auch beim Kampf eingesetzt worden sind. Ein Pfeilgift namens CURARE zählt wohl zu den bekanntesten Giften aus jener Zeit. 2
In alten chinesischen Schriften über das Militärwesen findet man Hinweise auf die Verwendung von Giften, reizendem Rauch und Brandmitteln. Besonders zur Erstürmung von Festungen, also im stationären Kriegseinsatz, fanden diese Kampfstoffe vorerst ihre Anwendung. Feuer und die absichtlich erhöhte Rauchentwicklung durch Beimischung von Harzen, tierischen Fetten oder Pech dienten zur Verschleierung der eigenen Bewegung der Truppen, aber auch der Beeinträchtigung der verteidigenden Kräfte. Größere Erfolge im Einsatz dieser Kampfmittel blieben jedoch aufgrund der ungenügenden technischen Einsatzmitteln oder der Wirksamkeit der Stoffe meist aus. 3
Aus der Zeit 600 v. Chr. sind Berichte überliefert, welche über die Einnahme einer Stadt durch Vergiftung der Trinkwasserversorgung durch den Saft der NIESWURZ erzählen.
2 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 5
3 Vgl. Ebd. S. 5
6
Dieses Gift soll zu einer Durchfallerkrankung geführt haben, welche die Bewachung beeinträchtigte und so die Eroberung der Stadt ermöglichte.
Im Pelloponesischen Krieg (431-404 v. Chr.) setzten die Spartaner Schwefelrauchkörper ein, die durch das so entstehende Schwefeldioxid als Reizmittel dienten. Ebenso wurden um die Festung PLATÄA zu erobern, giftige Gase verwendet, die entstehen, wenn man mit Schwefel und Pech getränktes Holz anzündet.
In den Schriften des Autors SEXTUS JULIUS AFRICANUS beschreibt dieser die Möglichkeit der Anwendung von Giften, Flämm- und Brandmitteln zu kriegerischen Zwecken. Auch schildert er die nötigen Arbeitsschritte zur Vergiftung von Brunnen und Lebensmitteln. 4
Die detailierte Beschreibung des bereits seit dem 6. Jhdt. vor Chr. bekannten „Griechischen Feuertopfes“ ist ebenso angeführt. Dieses Gemisch aus Schwefel, Salpeter, kredonischem Pyrit (Antimonsulfid), Sykomorensaft, flüssigem Asphalt und ungelöschtem Kalk soll schon durch das Einwirken einfacher Sonnenstrahlen zur Entzündung gebracht werden können. 5
360 v. Chr. empfiehlt ein Kriegsherr namens AINAIAS die Benutzung von Töpfen mit Schwefel, Harz, Pech, Werg und Holzspänen für den Kriegseinsatz. 6
187 v. Chr. werden römische Truppen durch beißenden Qualm von sengenden Federn aus den unterirdischen Gängen der Stadt AMBRACIA (Griechenland) vertrieben.
Während der Sung Dynastie in China (960 - 1279) wird giftiger Arsenrauch in Kriegen eingesetzt.
Der byzantinische Feldherr BELISAR vergiftet die Wasserzisterne der Stadt AUXINIUM genauso wie im Jahre 1135 Kaiser BARBAROSSA die der Stadt TORTONA und bezwingt damit die Verteidiger.
Ein altes Kriegsbuch von Hassan ALRAMMAH, das zwischen 1275 und 1295 geschrieben wurde, könnte man wahrscheinlich als erste Vorschrift für den Einsatz von „psychotoxischen“ Kampfstoffen bezeichnen. In ihm findet man die Beschreibung der Anwendung von giftigen
4 Vgl. Ebd. S. 6
5 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 6
6 Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]
7
und einschläfernden Dämpfen, die durch die Verbrennung von arsen- und opiumhältigen Stoffen entstehen.
Der Arzt FIORAVANTI erzeugt um 1400 durch Destillation einer Mischung aus Terpentin, Menschenkot, Schwefel und Blut ein Öl, dessen Gestank kein Mensch aushalten kann. 7
1452-1519 empfiehlt auch Leonardo da Vinci die Nutzung von arsenhaltigem Rauch zur Belagerung von Festungen. 8
Etwa 1570 schlug der österreichische Ritter Veit Wulff von Senftenberg vor, arsenhaltigen Rauch durch Hunyadi bei der Verteidigung von Belgrad gegen die Türken zu verwenden. Die sogenannten Arsenikrauchkugeln sollten ins feindliche Lager geschleudert und so die Lagerbesatzung vergiftet werden.
1601 wird in einer Chronik die Anwendung von „stinkendem Rauch“ beschrieben, der von den Mongolen in der Schlacht bei LIEGNITZ (1241) eingesetzt worden sein soll.
Um 1654 wurde vom Mailänder Alchimisten DATILLO der Vorschlag unterbreitet, einen pulverartigen Stoff zu verwenden, der bei seiner Verbrennung einen dichten Rauch und unerträglichen Gestank verbreitete. Ebenso mischte er ein Öl aus tierischen Stoffen und Chemikalien, dessen Gestank die Betroffenen kampfunfähig gemacht haben soll.
Eine Stielhandgranate gefüllt mit Arsen, Antimon und Schwefel wird in einem Buch über Artillerie 1660 erwähnt. Diese sogenannte „FEWER-BALLEN“ entwickelten beim Abbrand einen giftigen Rauch und sie wurden bis ins 17. Jhdt. mehrfach in Kriegen eingesetzt. 9
KASIMIR SIMIENOWICZ schreibt in seinem 1676 gedruckten Buch „ARTIS MAGNAE ARTILLERIAE“ über die Verwendung von Giften in der damaligen Kriegsführung „Im Kriege stirbt man jetzt nicht nur auf eine, sondern auf eine dreifache Art: durch Eisen oder Blei, durch Gift und Feuer“ 10 . Weiters beschreibt er die Herstellung von Giftkugeln gefüllt mit „Mercurial - Wasser“ (ein damals unter Alchemisten verwendetes Lösemittel, das angeblich alle Materie auflösen konnte) und giftigen Säften.
7 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 6
8 Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]
9 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 7
10 Vgl. Ebd. S. 7
8
Ein Geschoss mit zwei Kammern gefüllt mit Salpetersäure und Terpentinöl konstruierte ein Arzt, Chemiker und Technologe namens GLAUBER. Es sollte zum Ausräuchern von Gegnern benutzt werden, da es augenreizende Gase entwickelt.
Ende des 18. Jhdt. setzte Frankreich zur steigernden Wirkung seiner Artilleriegeschosse Chemikalien ein. Im Zuge dessen wurde erstmals Phosphor als brandauslösender Stoff bei der Kaperung von Schiffen verwendet. Die Truppen belagerter Städte sollen mit „Stinkbomben“, die aus Heißluftballons abgeworfen wurden, bombardiert worden sein.
Mit Blausäure getränkte Pinsel sollten auf Vorschlag eines Berliner Apothekers 1813 auf Bajonette befestigt werden. Dies wurde jedoch aufgrund der schlechten Handhabbarkeit vom damaligen General Bülow abgelehnt.
1830 wurde schließlich eine Gas- und Brandgranate erfunden, die bei ihrer Explosion einen hustenreizenden Rauch entwickelte.
1844 töteten französische Truppen in Marokko eine Gruppe Aufständischer in einem Höhlenlabyrinth, indem vor den Eingängen Faschinen (Reisig- und Strauchbündel) entzündet wurden, deren Rauchgase tödlich wirkten.
1845 lässt der französische Oberst PELISSIER gegen aufständische Kabylen in der Höhle von Nemchia Rauch aus grünem Reisig einsetzen (1095 von 1150 sterben). 11
1854 werden vom englischen Chemiker STENHOUSE (Entdecker des Chlorpikrins ein Lungenkampfstoff) Granaten mit Ammoniakfüllung (Tränenreizstoff) vorgeschlagen. Diese sollen für einen kurzen und schnellen Krieg sorgen, da diese Stoffe in hoher Konzentration das Herz und das Nervensystem schädigen. Erstmals spricht STENHOUSE auch von der Verwendung von Schutzmasken zum Gasschutz. Im gleichen Jahr geht im englischen Kriegsministerium der Vorschlag ein, Bomben mit giftigem Kakodyloxid (Arsenoxidverbindung) zu füllen. Nach der Detonation sollte sich das Gift entzünden oder zu tödlichen Schäden bei Menschen durch Vergiftung führen. Diese Anregungen werden jedoch vom Ministerium abgelehnt.
11 Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]
9
Französische Befehlshaber verhinderten dank ihrem Kommando über die Expeditionstruppen, dass der englische Lord DUNDONALD 1855 im Krimkrieg das Fort MALAKOW durch Abbrennen einer Mischung aus Schwefel, Teer und Kohle einnehmen konnte.
1863 meldete der New Yorker Ingenieur J. W. DOUGHTY ein Patent auf mit Chlor gefüllte Granaten an. Diese sollten im amerikanischen Bürgerkrieg eingesetzt werden. Ob oder wo es zu einer Erprobung oder Einsatz gekommen ist, wurde nicht überliefert.
1870 -1871 schlug ein deutscher Apotheker im französich - deutschen Krieg den Einsatz von Kampfstoffgranaten gefüllt mit VERATRIN (Insektizid gegen Kopfläuse) vor. Dieser Reizstoff hätte die Gegner nicht getötet, sondern durch Auftreten eines 30-minütigen Niesreizes kampfunfähig gemacht. 12
1871/72 wurden in den USA Patente angemeldet, die die Sicherung von Warenlagern und Tresoren mit Giftstoffen beinhalteten.
Die deutsche Armee untersuchte in ihren artillerietechnischen Laboren Erfindungen von chemischen Kampfmitteln, die im Festungskrieg eingesetzt werden konnten. 1897 wurde dann ein Patent auf ein Geschoss eingereicht, welches bei der Explosion giftige Gase freisetzte. 13
3.2 … während des ersten Weltkrieges
Der rasche Aufschwung der chemischen Industrie, besonders die großtechnischen Produktionsverfahren der Farbindustrie erwiesen sich als geeignete Produktionsstätte für die Masse an militärisch bedeutsamen Mengen an Giftstoffen. Dies ist mitunter ein Grund für die erschreckend schnelle Entwicklung und den Einsatz chemischer Kampfstoffe im ersten Weltkrieg.
Obwohl viele Staaten sich in der Haager Landkriegsordnung dem Verbot der Verwendung von Geschossen mit dem Zweck erstickende und giftige Gase zu verbreiten unterwarfen, ging der erste Weltkrieg als erster und bis jetzt größter militärischer Einsatz mit C-Kampfstoffen hervor.
12 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 8f
13 Vgl. Ebd. S. 8f
10
Zuerst setzten die Franzosen im August 1914 Gas-Gewehrgranaten gefüllt mit Augenreizstoff (Bromessigester)ein. Die geringe Menge von nur 19 Kubikzentimetern reichte jedoch nicht aus, um eine wirksame Konzentration am Gefechtsfeld zu erreichen. 14
Am 27. Oktober 1914 folgte dann ein deutscher Artilleriefeuerüberfall mit 3000 10,5 cm Schrapnellen. Diese Geschosse waren neben der Brisanzladung mit Dianisidinsalz (eine Art von Niespulver) gefüllt. Auch hier zeichnete sich kein nennenswerter Erfolg ab.
Im November 1914 kam es unter dem Decknamen „Tonite“ zur Erstanwendung des augenreizenden Chloracetons durch Frankreich. 15
All diese ersten Versuche zu Anfang des ersten Weltkrieges blieben erfolglos, da zumeist die Konzentration oder die meteorologischen Verhältnisse nicht entsprachen. Als im Winter 1914/1915 dann die Westfront zum Stellungskrieg erstarrte, empfahl der deutsche Chemiker Prof. Dr. Fritz HABER die Anwendung von Chlor aus Druckgasflaschen, um Festungen zu „brechen“ und dem Gegner in den Stellungen zu vernichten. Unter Leitung dieses Nobelpreisträgers (1918 für Chemie-Technische Stickstoffgewinnung - HABER/BOSCH Verfahren) wurde von einer Gruppe von Wissenschaftlern die „wissenschaftlichen“ Vorbereitungen des Blasangriffes betrieben. Sogar dem deutschen Kaiser selbst wurde ein Versuchsabblasen vorgeführt. Dabei dienten Schafe als Versuchsobjekte. 16
Der erste Feldversuch mit Chlorgas fand dann im Jänner 1915 an der Ostfront statt. Aus metergroßen Gasflaschen wurde Chlor auf die russischen Stellungen abgeblasen, mit dem Resultat von zahlreichen Toten und Verletzten.
Im Januar 1915 wurde Xylylbromid (taktische Kampfmischung gegen Augen, Nasen und Rachen) eingesetzt, als deutsche Truppen bei Bolimow und Łódź 15-cm-12-T-Granaten verschossen. Im kaiserlichen Deutschland wurde es als T-Stoff bezeichnet (in Großbritannien als Elder-Gas) und als chemischer Kampfstoff betrachtet und auch verwendet. Die Wirkung war auf Grund der herrschenden Temperaturen gering, da nicht genügend Xylylbromid verdampfen konnte. Bei einem Einsatz an der Westfront im März 1915 in der der Nähe von Nieuport (Westflandern) war der Erfolg auf Grund höherer Temperaturen größer.
14 Vgl. Ebd. S. 9
15 Vgl. Szinicz, L.: Geschichte biologischer und chemischer Kampfstoffe. Online in Internet: URL: http://www.gesundheitsmanagement-tuebingen.de/regtox/31scihis.pdf [Stand 22.05.2008]
16 Vgl. Obst Ing Hemmer, Heinz: Chemische Waffen. In: Schulbehelf 108_002. FH-DiplStG „MilFü“, HS & LM-Verw. S. 10
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Markus Schnedlitz, 2008, Chemische Kampfstoffe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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