Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Erläuterung des Life-Models. 4
2. Die Geschichte der Migrations- und Gastarbeiterbewegung 5
2.1 Anwerbung ausländischer Gastarbeiter (1955 bis 1973) 5
2.2 Anwerbestopp und Folgen (1973 bis 1980) 5
2.3 Politische Wende (1980 bis 1990) 7
2.4 Krisenjahre und aktuelle Lage (1990 bis heute) 7
2.5 Zusammenfassung. 9
3. Lebenswelt der türkischen Migranten in Deutschland 10
3.1 Allgemeine Lebensverhältnisse. 10
3.2 Werte und Normen 10
3.2.1 Gleichberechtigung der Frau 11
3.2.2 Islam in Deutschland. 12
3.2.3 Die Frage der „Ehre“ 12
3.2.4 Zusammenfassung. 13
3.3 Lebenswelt der türkischen Jugendlichen (2. Generation) 13
3.3.1 Die Identitätsfrage 14
3.3.2 Kontakt mit Deutschen. 14
3.3.3 Bildung 15
3.3.4 Zusammenfassung. 16
4. Schlussbetrachtung. 17
Literaturverzeichnis. 18
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Einleitung
Die knapp 50-jährige Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschen und Türken innerhalb der Bundesrepublik war und ist leider immer noch oft von Missverständnissen und Paradoxien geprägt. Vor allem politische Entscheidungen, Gesetzgebungen und daraus entstandenen hitzigen bürgerlichen Konflikten gegen die ausländische Bevölkerung in den 90er Jahren trugen erheblich zu Misstrauen und Isolation bei. Ging man doch zunächst davon aus, dass die dringend angeworbenen Gastarbeiter nur vorübergehend bleiben würden, musste man letztlich vielmehr das Gegenteil erkennen, und darüber hinaus sogar, dass Deutschland zum Einwanderungsland wurde.
Inzwischen leben ca. 1,7 Millionen türkische Staatsbürger in Deutschland, weiter gefasst gibt es insgesamt sogar 2,6 Millionen Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei (vgl. Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 4). Sie sind damit die größte ethnische Minderheit in der Bundesrepublik, verglichen mit Italienern (528.000), Polen (385.000), Serben und Montenegrinern (331.000), Griechen (295.000) und Kroaten (225.000) 1 . Die Lebensverhältnisse unterscheiden sich dabei aber teilweise stark zwischen Deutschen und den türkischen Mitbürger/Innen. Aktuell steuert die Mehrzahl der ehemaligen „Gastarbeiter“ auf die Rente zu, während ihre Kinder und Enkel teilweise noch nach einem eigenen Platz in der deutschen Gesellschaft suchen.
Was sind die Ursachen und Hintergründe dieser Tatsachen, und welche Schwierigkeiten haben sich dabei in der sozialen Arbeit mit unseren türkischen Mitbürger/Innen ergeben? Vor allem stellt sich dabei die Frage, wie die Zusammenarbeit effektiv gefördert werden kann. Ein unumgänglicher Schritt stellt hier die genauere Erforschung der Lebenswelt dieser Personengruppe dar, um wirklich empathische, konstruktive und lebendige Kooperation zu kultivieren. Wichtig ist dazu die Auseinandersetzung mit der deutschen Migrationsgeschichte, den früheren und aktuellen Lebensverhältnissen der ersten und zweiten Generation, den Wert-und Normorientierungen sowie den politischen Länderbeziehungen. Zuletzt werden alle Kapitel noch einmal mit Hilfe des Life-Models nach Germain/Gitterman analysiert, um den Zugang der sozialen Arbeit zu eröffnen und die konkreten Konfliktpunkte zu betrachten.
1 vgl. http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelk erung/AuslaendischeBevoelkerung/Tabellen/Content50/TOP10,templateId=renderPrint.psml Statistisches Bundesamt Deutschland vom 31.12.2007, abgerufen am 28.07.2008.
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1. Erläuterung des Life-Models
Das „Life-Model“ nach Germain/Gitterman ist eine holistische Sicht auf das Verhältnis zwischen Menschen und deren materieller und sozialer Umwelt (auch Ressourcen), da diese beiden Faktoren nur im Gesamtkontext aller Wechselbeziehungen zwischen ihnen voll verstanden werden können. Problemstellungen werden hier nicht nur beim Individuum untersucht, sondern vor allem auch die jeweiligen Umweltbedingungen. Zur Analyse werden neben vielen anderen Aspekten des Life-Models in dieser Arbeit hauptsächlich folgende Elemente untersucht:
(1) Transaktionen: Dies sind die dysfunktionalen (anpassungshemmende) oder adaptiven (anpassungsfördernde) Wechselwirkungsprozesse zwischen den Menschen und ihrer Umwelt.
(2) Anpassung: Optimal ist ein kongruentes Verhältnis zwischen der Person und seiner materiellen und sozialen Umwelt (Abgestimmtheit).
(3) Lebensbelastungsfaktoren: Äußern sich in Lebensveränderungen, die die bisherige Abgestimmtheit von Person und Umwelt stören. Mitinbegriffen ist dabei auch das „Coping“, also die bisherigen Strategien einer Person, mit dem Stress umzugehen.
(4) Mitmenschliche Bezogenheit: Meint die Verbindung mit anderen Menschen sowie die Fähigkeit, mit ihnen Beziehungen einzugehen (Beziehungsfähigkeit). Mit dazu gehört u.a. auch das Selbstwertgefühl, welches fundamentale Bedeutung für alle Umweltbeziehungen hat.
(5) Macht: Missbräuchliche Machtausübung führt meist zu Unterdrückung von vulnerablen Gruppen aufgrund persönlicher oder ethnischer Merkmale.
(6) Habitat und Nische: Habitat ist der gesamte Lebensraum, in dem eine Person anzutreffen ist. Nische ist die Position oder der Rang, die innerhalb einer biotischen Gemeinschaft eingenommen wird.
(7) Lebenslauf: Der Lebenslauf ist die individuelle Geschichte und Konzeption des bisherigen Lebens eines Menschen oder auch einer Gruppe.
Ziel des Life-Models ist letztlich die gerade unter Punkt 2 genannte Anpassung, also das ausgeglichene Verhältnis zwischen Person und Umwelt. In den folgenden Kapiteln wird ersichtlich sein, dass die fehlende Abgestimmtheit die Hauptursache für die Probleme der türkischen Mitbürger/Innen ist.
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2. Die Geschichte der Migrations- und Gastarbeiterbewegung
Zu Beginn soll ein anschaulicher Geschichtsüberblick den Zugang in den objektiven Lebenslauf der ersten Migrationsbewegung eröffnen, um die heutige Lebenswelt und die dazugehörigen Verhaltensweisen und Meinungen besser nachvollziehen zu können.
2.1 Anwerbung ausländischer Gastarbeiter (1955 bis 1973)
Das erste offizielle Anwerbeabkommen Deutschlands wurde im Dezember 1955 mit Italien geschlossen, womit die sogenannte „Gastarbeiterperiode“ begann. Ziel war hierbei, die dringend benötigten Arbeitskräfte zu beschaffen, da sie einerseits durch den vorherigen zweiten Weltkrieg und seiner katastrophalen Auswirkungen für den Wiederaufbau fehlten, andererseits auch durch den Mauerbau 1961 der wichtige Facharbeiterstrom aus der DDR versiegte. Diese Maßnahme wurde auch für die Wirtschaft überaus lukrativ, da die ausländischen Hilfskräfte einen günstigeren Kostenfaktor darstellten. In Bezug auf die türkische Gastarbeiterbewegung ist dabei das Jahr 1961 entscheidend, denn Deutschland schloss hier neben Spanien und Griechenland (1960), Marokko (1963), Portugal (1964) Tunesien (1965) und dem ehemaligen Jugoslawien (1968) sein vertragliches Abkommen mit der Türkei. Damit wurde gleichzeitig auch ein neues Zeitalter der bisherigen deutsch-türkischen Beziehungen eingeläutet (vgl. Goldberg/ Halm/Şen 2004, S. 3f). Mehrheitlich brachen damals Männer aus den entlegenen, bildungsärmeren Regionen Anatoliens in die Fremde auf, damit sie einerseits ihre Familien in der Heimat versorgen, andererseits für die baldige gemeinsame Zukunft nach der Rückkehr in die Türkei sparen (vgl. Güngör 2004, S. 77). Diese Zukunft sollte ferner durch die neu erworbenen Fachkenntnisse mit einer selbständigen Existenz aufgebaut, sowie der Traum vom eigenen Haus auf dem Land oder der Erwerb von landwirtschaftlichen Maschinen verwirklicht werden (vgl. Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 11). Viele wagten diesen Schritt primär wegen der damaligen schlechten Wirtschaftslage in der Türkei, welche sich noch bis in die 80er Jahre hinein fern von freier Marktwirtschaft befand und von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichnet war.
2.2 Anwerbestopp und Folgen (1973 bis 1980)
Das zweite maßgebliche Jahr kennzeichnete 1973, als der sogenannte „Anwerberstopp“ ausgerufen wurde, wodurch nun allgemein keine weiteren ausländischen Hilfsarbei-ter/Innen mehr angeworben wurden. Beigetragen hat dazu unter anderem die Wirtschafts- und
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Energiekrise von 1973/74, als auch wirtschaftliche Berechnungen. Diese wurden unter anderem daran angestellt, ob sich die Ausländerbeschäftigung nach den bisherigen Konditionen als weiter sinnvoll und wünschenswert erweist. Schließlich implizierte die Erwartungshaltung als „Gastarbeiter“ lediglich die vorübergehende Arbeitshilfe, weswegen letztlich auch kein großes Integrationsbestreben durch den Staat stattfand. Die Vorstellung, „dass nichtintegrierte Gastarbeiter hier nichtintegrierte Kinder bekommen und diese dann gemeinsam das Fundament für „Parallel-gesellschaften“ legen“ (Finkelstein 2004, S. 16), wurde nicht als politischer Aspekt, gar als zukünftiges „Gastarbeiterproblem“ antizipiert. Die Bundesregierung ging durch den Anwerbestopp davon aus, dass nun jährlich ca. 200.000 bis 300.000 Gastarbeiter/Innen in ihre Heimatländer zurückkehren werden, wodurch die Ausländerbeschäftigung innerhalb der nächsten zehn Jahre zumindest um die Hälfte sinken sollte. Real fand allerdings eine andere Entwicklung statt.
Die Anzahl der in Deutschland lebenden Ausländer/Innen nahm zwar in den Folgejahren ab, problematisch erwies sich dabei aber die Tendenz, dass sich in den folgenden sechs Jahren vor allem der Anteil der erwerbstätigen Ausländer/Innen von 2,6 auf 1,8 Millionen Menschen verringerte. Somit wurde ein Großteil der in der Bundesrepublik gebliebenen türkischen Migrant/Innen lediglich arbeitslos, wodurch die Rechnung der Politik ins Gegenteil der Erwartungen umschlug. 1980 musste sogar festgestellt werden, dass die ausländische Bevölkerung seit 1972 sogar um eine Million Menschen rapide zugenommen hatte, was vor allem dadurch begründet war, dass viele Männer aufgrund der wohl länger vermuteten Aufenthaltsdauer in Deutschland ihre Familienangehörigen nachholten (vgl. a.a.O., S. 17). Durch den Familiennachzug wurde die deutsche Gesellschaft nun mit einem neuen Phänomen konfrontiert. Allmählich musste sie feststellen, dass die sozialen Folgen der Migration nicht berücksichtigt wurden und öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Behörden auf die neuen MitbürgerInnen nicht eingestellt und vorbereitet waren. Max Frisch kommentierte die Situation folgendermaßen: „Wir haben Arbeitskräfte geholt und Menschen sind gekommen.“ (Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 16). Dies beschreibt wohl ziemlich genau den damaligen Erkenntnisprozess in der Bundesrepublik.
Die darauf folgenden politischen Maßnahmen verliefen eher mäßig bis paradox. Beispielsweise wurde am 1. Januar 1975 eine Kindergelderhöhung eingeführt, welche jedoch nur für Kinder gelten sollte, die auch in Deutschland wohnen. Als logische Konsequenz stieg
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daraufhin die Zahl der nachgeholten Kinder. Andererseits bestimmte aber eine Arbeitserlaubnisverordnung, dass nach dem 30. September 1974 eingereiste Ausländer/Innen (inklusive Jugendliche) in Deutschland nicht arbeiten durften, und sie nun zur Arbeitslosigkeit „gezwungen“ waren. Auch das Verbot der Wiedereinreise in die Bundesrepublik nach vollzogener Rückkehr in die Türkei brachte vielmehr das Problemfeld auf, dass die noch in Deutschland Verbliebenen vorerst eine Heimkehr lieber ausschlossen.
2.3 Politische Wende (1980 bis 1990)
Da sich mit diesen Bestimmungen keine klaren Erfolge abzeichnen ließen und die Politiker offensichtlich keine wirklichen Antworten auf die selbst fabrizierten Probleme hatten, wuchsen in der deutschen Bevölkerung ab den 80er Jahren zunehmend Irritation und Fremdenfeindlichkeit. Jene Migrant/Innen, die bislang um eine Integration in Deutschland bemüht waren, fühlten sich infolgedessen zurückgewiesener.
1982 erreichte die Ausländerpolitik eine so hohe Brisanz, dass Helmut Kohl sie sogar zu einem seiner vier Hauptwahlthemen machte. Im Vordergrund stand dabei die Verhinderung neuen Migrantenzuzuges und die Förderung ihrer Rückkehr. Diese Pläne sollten durch das Angebot der sogenannten „Rückkehrhilfe“ und „Rückkehrförderung“ umgesetzt werden, wonach eine hohe Geldsumme die Ausreise attraktiv machen sollte. Dieses wurde zwar vorwiegend von den türkischen Einwanderern angenommen, dennoch war die Inanspruchnahme allgemein eher zurückhaltend, da die Arbeits-losenquote in der Türkei über dem deutschen Niveau lag (vgl. Finkelstein 2006, S. 23).
2.4 Krisenjahre und aktuelle Lage (1990 bis heute)
Die 90er Jahre führten angesichts der kaum spürbaren politischen Maßnahmen in der Bevölkerung zu Resignation und gewalttätigen Ausschreitungen. Die eigentlich vorrübergehenden Gastarbeiter/Innen blieben trotz den zuerst milden und letztlich eindringlicher werdenden Rückkehrappellen weiter im Land. Auch das „Asyl“, welches seit dem Anwerberstopp die ehemalige Einwanderungsform des „Gastarbeiters“ ablöste, zeichnete durch Arbeitsverbot und Unterbringung der Flüchtlinge in Wohncontainern ein zunehmend negatives Bild von „sozialschmarotzenden“ Ausländern ab. Allgemein wurden diese Menschen oft als „Lügner“ betrachtet, die eine „großzügige deutsche Gesetzgebung auszunutzen trachteten“ (a.a.O., S. 26).
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Vor allem nach der deutschen Wiedervereinigung kam es in der ehemaligen DDR bei der Anreise der ersten Asylbewerber zu gewalttätigen Angriffen, was unumstößlich an der jahrelang indoktrinierten Fremdenfurcht des SED-Regimes lag. Beleidigungen und Übergriffe waren in der Folgezeit laut dem Ausländerbeauftragten Funcke „leider nicht so selten, als dass man dies als Einzelfall herunterspielen konnte“ (a.a.O., S. 31) und eher noch das kleinste Übel. Durch teilweise übertriebene Medienberichte waren vermehrt auftretende Pogrome wie Hoyerswerda, Mölln und Solingen die Folge, welchen mit zahlreichen Lichterketten gedacht wurde und vielerorts Kundgebungen gegen Fremdenfeindlichkeit stattfanden. Die gesellschaftliche Lage konsolidierte sich daraufhin erst wieder langsam über die Jahre, unter anderem auch durch die verschäften Einreisebestimmungen des „Asylkompromisses“ von 1993.
Durch den letzten Gesetzentwurf trat das neue Zuwanderungsgesetz 2005 in Kraft, welches erstmalig die „arbeitsmarktorientierte, humanitär begründete Zuwanderung sowie die Integrationspolitik des Bundes“ (a.a.O., S. 34) beinhaltet. Neu hinzu kommt ab dem 1. September 2008 der bundeseinheitliche Einbürgerungstest, welchem sich alle Ausländer/Innen in Deutschland zur Einbürgerung unterziehen müssen. In diesem Test sollen die politische und ethische Gesinnung, als auch Grundwissen in Bezug auf Werte, Geschichte, Kultur und Staatswesen geprüft werden. Kritik äußerte daran vor allem der Zentralrat der Muslime in Deutschland, da einige Fragen „ideologisch gefärbt“ seien und den Befragten bestimmte Haltungen unterstellt würden, um diese zu korrigieren 2 . Der letzte große politische Austausch zwischen der Türkei und Deutschland fand im Februar diesen Jahres statt, als der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan in Köln eine Rede hielt. Kritisch war hierbei vor allem die Äußerung Erdoğans, dass Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei, und er sich auch verstärkt für türkische Schulen einsetzt. Er machte aber trotzdem deutlich, dass die in Deutschland lebenden Türk/Innen dringend die deutsche Sprache lernen sollen 3 . Die Rede stieß jedoch unter anderem bei CSU-Chef Erwin Huber und dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein wegen den vielen türkisch-nationalistischen Elementen auf Kritik und neue Bedenken zum EU-Beitritt
2 vgl. Slavik, Angelika 2008: „Einbürgerungstest macht mündig“. http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/640/185059/ Süddeutsche Online vom 09.07.2008, abgerufen am 30.08.2008
3 http://www.welt.de/meinung/article1660510/Das_sagte_Ministerpraesident_Erdogan_in_Koeln.html Welt Online vom 11.02.2008, abgerufen am 30.08.2008
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der Türkei 4 . Die inzwischen fast 10-jährige Wartezeit auf den endgültigen Beitritt erweckt in den politischen Beziehungen der Türkei aber zunehmendes Misstrauen und Zermürbung. Das Klima zwischen Deutschen und Türken ist nach einer letzten Umfrage vom März auch nicht besonders positiv zu bewerten; mehr als jeder zweite Deutschtürke fühle sich hierzulande unerwünscht 5 . Damit besteht weiterhin die Gefahr zur fortschreitenden Entwicklung von sogenannten „Parallelgesellschaften“.
2.5 Zusammenfassung
Dieser bisherige Lebenslauf zeigt deutlich, dass die gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen der ersten Generation häufig von dysfunktionalen Transaktionsprozessen wie Ausgrenzung und sogar Angriffe, vor allem in den 90er Jahren, gekennzeichnet waren. Dies hat heute zwar abgenommen, jedoch wirkten sich mangelnde Wertschätzungen dieser Art auf Dauer negativ auf das Selbstwertgefühl dieser Personengruppe gegenüber der deutschen Bevölkerung aus, zumal sich die türkische Bevölkerung als sehr gastfreundschaftlich auszeichnet. Ablehnung von deutscher Seite aufgrund von Desinteresse oder mangelnder Beziehungsfähigkeit erzeugte dabei verletzte Gefühle und Isolation. Dadurch entwickelte sich ein Teufelskreis; die türkische Bevölkerung wurde nicht angenommen und grenzte sich ab, woraus die Deutschen schlossen, dass diese „Fremden“ sich sowieso nicht integrieren wollen und sich ihrerseits isolierten.
Die rechtlichen Benachteiligungen und politische Entmündigung durch den unsicheren Aufenthaltsstatus erzeugten soziale Verfallserscheinungen wie Diskriminierung und erneute Isolation, da sie sich als Zwang ausübende Macht offenbaren. Auch dass den Gastarbeiter/Innen keine besonderen Ränge und Aufstiegsmöglichkeiten in den Nischen wie Arbeitsplatz oder kulturellen Aktivitäten möglich waren, führte auf Dauer zu Resignation.
4 vgl. Ahlers, Sybille 2008: „CSU-Chef stellt EU-Beitritt der Türkei infrage“ http://www.welt.de/politik/article1662244/CSU-Chef_stellt_EU-Beitritt_der_Tuerkei_infrage.html Welt Online vom 12.02.2008, abgerufen am 03.08.2008
5 vgl. Säuberlich, Jörg 2008: „Mehrzahl der Türken fühlt sich in Deutschland unerwünscht“ http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,541136,00.html Spiegel Online vom 12.03.2008, abgerufen am 03.08.2008
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3. Lebenswelt der türkischen Migranten in Deutschland
Von den zuvor objektiven und geschichtlich geprägten Lebensweltmerkmalen soll in diesem Abschnitt ein anschaulicher Überblick über die wichtigsten individuellen Aspekte der Lebenswelt der in Deutschland lebenden Türk/Innen mit Migrationshintergrund gegeben werden. Zielgruppe ist dabei vorwiegend die erste Generation.
3.1 Allgemeine Lebensverhältnisse
Die allgemeinen Lebensverhältnisse zwischen Deutschen und türkischen Migrant/Innen unterscheiden sich in vielfacher Weise sehr deutlich. So leben die Deutschen im Durchschnitt auf 54 m 2 Wohnfläche, ein türkischer Mitbürger auf 27 m 2 . Das monatliche Haushaltseinkommen der Deutschen liegt bei 2570 Euro (brutto), das der Türken bei 2210 Euro (vgl. Finkelstein 2006, S. 97). Auch der Bildungsstatus ist mit vielen Schwierigkeiten besetzt, worauf aber in der zweiten Generation noch genauer eingegangen wird. Die Ursachen für diese Unterschiede liegen darin begründet, dass die meisten dieser Menschen aus Regionen mit sehr niedrigem Bildungsniveau kamen.
3.2 Werte und Normen
Gleich vorab ist zu erwähnen, dass es eigentlich nicht „die“ türkische Familie gibt. Größe, Hierarchie und Lebensweise hängen sehr stark davon ab, wie die Familie vor der Migration in der Heimat lebte (vgl. Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 51). Die Werte und Normen sind aufgrunddessen auch sehr unterschiedlich entwickelt und ausgelegt. Die Türkei ist grundsätzlich in ihrem Wertesystem in zwei Lager gespalten; auf der einen Seite stehen Verfassung, Recht und Gesetz, als auch moderne westliche Werte wie Gleichheit, Säkularismus, Rechtsstaatlichkeit und Freiheitsrechte (vgl. Güsten/Seibert 2007, S. 65). Den Grundstein für diese modernen Ideale legte Kemal Atatürk, welcher 1923 nach dem Untergang des osmanischen Reiches den türkischen Staat neu gründete. Sein Ziel war es, einen Paradigmenwechsel einzuleiten und die Orientierung des Volkes auf die westlichen Werte zu konzentrieren. Die von ihm konzipierten Doktrinen gelten als unantastbar, und bis heute kann sich kein Politiker den öffentlichen Bruch mit ihnen leisten. Seither ist die Identität der Türkei nicht eindeutig festzuhalten, zumal die derzeitige Regierungspartei AKP offensichtlich wieder eine Re-islamisierung anstrebt, weswegen sie vor kurzem fast verboten wurde. Auf der anderen Seite stehen die Überzeugungen der Mehrheit der türkischen Gesellschaft wie Ehre, Achtung, Respekt, Reinheit und Frömmigkeit.
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3.2.1 Gleichberechtigung der Frau
Die Stellung der Frau ist in der Türkei zumindest laut Gesetz zivilrechtlich gleichberechtigt. Der Mann ist nach den letzten großen Reformen von 2001 nicht mehr das Oberhaupt der Familie, das alleine über Tätigkeiten der Ehefrau, Zukunftsplanung der Kinder oder sämtliche Ausgaben der Familie entscheiden kann. Mit der Einführung des ehelichen Zugewinnprinzips wurden Scheidungen für Frauen auch wirtschaftlich tragbar gemacht, wogegen sie dies davor meist mittellos gemacht hatte.
Dass diese Rechte und Gesetze aber oft noch nicht den Realitäten entsprechen, ist leider vor allem in ländlichen Regionen Anatoliens durch die traditionelle Auffassung erhalten. In den Städten dagegen haben die Frauen die Gesetze schon gar nicht mehr nötig, da sie ein ebenso selbstbestimmtes Leben führen können wie ihre Geschlechtsgenossinnen in Westeuropa. Zehn Prozent aller türkischen Manager sind Frauen, und auch in den Medien halten sie einflussreiche und meinungsbildende Rollen (vgl. a.a.O., S. 63).
In Deutschland berücksichtigen die Familienmitglieder im wesentlichen die gleichen Rechte, es sei denn, dass die traditionellen Auffassungen noch vorherrschen. Probleme entstehen dabei in den vorher genannten Sektoren, sowie bei der gewünschten Lebens-form, Beruf oder Partner, zumal dieser nach der alten Sitte von den Eltern ausgesucht wird und diese Entscheidung nicht anfechtbar ist.
Gerade die Türkinnen der zweiten und dritten Generation sind aber nicht die wie oft angenommene „unterwürfige und selbstaufopfernde Figur ohne jegliche Menschen-rechte“ (Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 61). Schwierig in der Praxis erweist sich aber in Scheidungsfällen, dass unterhaltspflichtige Männer, die wieder in die Türkei gehen, keinen Unterhalt mehr zahlen und dies durch deutsche Gerichte auch nicht mehr vollstreckbar ist. Bezüglich der islamischen Auffassung ist gemäß dem Koran eigentlich keinerlei Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit oder den Vermögensverhältnissen erlaubt, da alle Menschen vor Gott gleich sind (vgl. Güngör 2004, S. 46). Von daher sind aufrichtig am Glauben orientierte Männer aufgefordert, ihre und andere Frauen zu respektieren und gut zu behandeln. Sämtliche Unterdrückungen beruhen meist auf dem Verschweigen von den Rechten der Frau.
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3.2.2 Islam in Deutschland
Der religiöse Bereich, also das ungehinderte Ausleben und Praktizieren des Islam ist oft sehr umstritten. Seit dem 11. September 2001 und den bis heute global existierenden islamistisch motivierten Terrorangriffen ist diese Religion die wohl am gesellschaftlich stigmatisiertesten und damit frequent mit Vorurteilen und Ängsten belastet. Dies äußert sich auch in dem oft sehr emotionalen Streit um den Bau der neuen Moschee in München. Sehr viele Moscheen sind hierzulande in ehemalige Fabrikgebäude oder anderen Gebäuden untergebracht, wobei sie von außen kaum erkennbar sind. Kuppeln und Minarette (Spitztürme), welche von den Gläubigen gewünscht sind, werden von den Gemeinden nicht vorbehaltlos genehmigt. Auch der sogenannte Muezzin (Gebetsrufer) wird von den nichtmuslimischen Anwohnern mehrheitlich als lästig abgelehnt (vgl. Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 75). Die von muslimischen Frauen getragenen Kopftücher werden von westlichen Gesellschaften mehrheitlich als Zeichen der Unterdrückung wahrgenommen, was aber in vielen Fällen nicht stimmt, da sie freiwillig „wie das Dach eines Hauses, das Sicherheit gibt und schützt“ (Güngör 2004, S. 52) getragen werden.
3.2.3 Die Frage der „Ehre“
Als ernsthaft problematisch zeigt sich der Begriff der „Ehre“. Fundamental steht in der türkischen Gesellschaft die Mannes- und Familienehre, die „über das äußere Ansehen der männlichen und die sexuelle Reinheit der weiblichen Familienmitglieder definiert werden“ (Güsten/Seibert 2007, S. 65f).
In bestimmten Regionen bzw. Dörfern Anatoliens herrscht die Sitte, dass eine Schande des Sohnes dazu führen kann, dass dieser von seinem Vater oder Bruder umgebracht wird. In der Frankfurter Jugendbande „Turkish Power Boys“ war dabei einmal Anlass einer solchen Todesdrohung, dass der Sohn eine Anzeige wegen Fahrraddiebstahls bekam. Dieser bezeugte die Authentizität der Aussage, indem er sagte: „das geht ganz schnell bei uns. Bei uns gibt es so was sehr oft, bei uns im Dorf. Wenn einer Schande macht, dann wird er ganz schnell abgemurkst.“ (Terlit 1996, S. 92). Unter Jugendlichen ist das Ehrgefühl oft auch Auslöser für Gewalttaten, da sie durch einfache Provokationen schneller reizbar sind als gleichaltrige Deutsche.
Auch bei jungen Mädchen in Südostanatolien kommt es immer wieder vor, dass diese von ihrem Vater oder den Brüdern umgebracht werden, falls sie sich unerlaubt von der Familie entfernen oder vor einem ausgewählten Ehemann davonlaufen. Bei Verlust der
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Jungfräulichkeit, egal ob freiwillig oder durch Vergewaltigung, ist jede Frau wegen ihrer „Verunreinigung“ ebenso unmittelbar vom sogenannten „Ehrenmord“ bedroht, welcher notwendig ist um die Familienehre wieder herzustellen. Immerhin werden diese Verbrechen in der Türkei inzwischen scharf verfolgt, und auch nach islamischer Auffassung ist dieses Verhalten nicht religiös begründbar, vielmehr sei dies noch „vorislamische Sitte“ (vgl. Güngör 2004, S. 42).
3.2.4 Zusammenfassung
Schon grundlegend ist hier festzustellen, dass vor allem die türkischen Migrant/Innen der ersten Generation eine ständige Abgestimmtheit zwischen dem säkularen, islamischen und traditionellem Weltbild anzustreben haben. Dies stellt schon im Heimatland eine gewisse Herausforderung dar, doch dies nun in einem westlichen Staat mit anders definierten, liberaleren säkularen Werten zu erreichen, kostet vor allem im Familienleben viel Kraft. Einerseits kann die zunehmende Emanzipation der Frau, andererseits die anspruchsvollen und liberalen Wünsche der Kinder, wie z.B. längere Ausgehzeiten, mit großen Konflikten verbunden sein.
Im Bereich des Habitat und den materiellen Ressourcen liegen die Probleme darin, dass die Wohnungen meist in infrastrukturell vernachlässigten oder sozial schwierigen Gebieten mit homogenen Ethnien liegen („Parallelgesellschaften“). Außerdem reichen die Wohnungs- und Einkommensverhältnisse angesichts der meist großen Familien nicht aus. Als Stressbewältigungsmaßnahmen (Coping) nehmen viele Eltern deswegen auch mehrere Jobs an, wobei dabei allerdings auch wieder die Kinder vernachlässigt werden müssen. Wie im nächsten Kapitel noch ersichtlich sein wird, war und ist gerade diese materielle Unterlegenheit ein Hindernis für Annäherungen mit den Einheimischen. Auch weil um den Ort der Religionsausübung, die Moscheen, oft sogar noch politisch gekämpft werden muss, stellt sich der Lebensraum in der deutschen Gesellschaft in diesem Fall als nicht förderlich für Wachstum und soziale Beziehungen dar. Dies kann ebenfalls zu Isolation, Desorientierung und auch Hilflosigkeit führen (vgl. Germain/Gitterman 1999, S. 28f).
3.3 Lebenswelt der türkischen Jugendlichen (2. Generation)
Im letzten Kapitel sollen drei fundamentale Problemstellungen der zweiten Generation veranschaulicht werden.
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3.3.1 Die Identitätsfrage
Eines der Hauptprobleme für die Jugendlichen der zweiten Generation stellt die Identitätsfrage dar. Der erste Problemfaktor liegt hierfür in der Familie, wo sich oft die alten, konservativen Ideale mit den liberalen Ansichten der Kinder kreuzen. Dabei werden sie vielfach in ihren persönlichen Lebensvorstellungen blockiert und können sich so nur schwer selbst verwirklichen. Sie wollen aber die alten, tradierten Formen ablegen und ein modernes Leben in Deutschland führen.
Die nächste Belastung liegt dabei allerdings spezifisch in der deutschen Gesellschaft. Auch wenn sich in Deutschland geborene Türk/Innen von den bisherigen Werten loslösen und sich progressiv integrieren oder sogar assimilieren, werden sie trotzdem oft noch bis in die dritte Generation als „Ausländer“ angesehen. Obwohl für diese Gruppe mehrheitlich Deutschland der Lebensmittelpunkt wurde, ihnen die Türkei eher aus dem Urlaub und Erzählungen vertraut ist und sie besser Deutsch als türkisch sprechen, werden sie immer wieder mit ihrem „anders sein“ konfrontiert.
Der Austausch mit den türkischen Verwandten und der „Heimat“ Türkei erscheint vielfach eher als völlig unbekannte Welt. Schmerzhaft und verwirrend ist die Erfahrung, dass sie in der Türkei als Deutsche, in Deutschland aber als Türken wahrgenommen oder sogar stigmatisiert werden (vgl. Terlit 1996, S. 112).
3.3.2 Kontakt mit Deutschen
Der Kontakt mit Deutschen war und ist teilweise immer noch ein weitgehend langer und schwerer Weg. Gerade bei Jugendlichen werden viele Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten deutlich. Eine der irritierendsten deutschen Eigenschaften war für die türkischen Jugendlichen eine spürbare Distanz. Ein Junge der vorher bereits genannten Gruppe „Turkish Power Boys“ sagte dazu:
„Wenn ich mit Yıldırım und Faruk zusammensaß, dann haben wir gesungen, türkische Musik, türkische Lieder über die Liebe, über das Leben hier, und so. (...) Das ist mit Deutschen nicht so. Ich kann mir nicht vorstellen, zu einem Deutschen zu sagen: „Du bist mein Bruder“. Weil: ein Bruder, der teilt alles. Und das gibt’s [unter Deutschen] nicht. (...) Ich wüsste nicht, was ich mit einem Deutschen reden sollte (...). Über Mädchen? Der denkt anders über die
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Mädchen. Wie willst du darüber reden? Da ist diese Distanz, weißt du, die haben immer Distanz.“ (a.a.O., S. 102f)
Unterstrichen wird hier der Mentalitätsunterschied, welcher in anderen Vorstellungen von Freundschaft und Beziehungen begründet liegt. Oft wirkt das deutsche Verhalten wie bei „Robotern“, weil man sich „nur am Wochenende“ treffe und alles aus „Konsequenz, Disziplin und Distanz“ bestehe (vgl. Finkelstein 2006, S. 102). Dass die Deutschen nicht alles miteinander teilen, wird zudem mit folgendem Beispiel unterstrichen: „Wenn ich zu einem Türken gehe und sage ihm, dass ich eine Zigarette haben will, dann ist die schon in der Hand, bevor ich das überhaupt ausgesprochen habe. Wenn ich zu einem Deutschen gehe (...), dann kommt: „Nein, ich habe keine Zigarette!“ oder: „Ich guck mal, vielleicht habe ich ja noch eine für dich.“ (vgl. Terlit 1996, S. 102)
Als schwierig erwies sich der nähere Kontakt auch, wenn es um Besuche zu Hause ging. Einladungen von deutscher Seite erfolgten selten, und die Begegnungen wurden dann auch eher befremdlich wahrgenommen. Viele türkische Kinder schämten sich auch, einheimische Freunde mit nach Hause zu nehmen, da ihre Unterkunft (wie in Punkt 3.1 genannt) in der Regel nur halb so groß ist, darin aber häufig sogar noch mehr Personen als in deutschen Haushalten untergebracht waren (vgl. a.a.O., S. 101).
3.3.3 Bildung
Die Schulausbildung wird vorwiegend in Grund- und Hauptschule abgeschlossen. Der Erfolg liegt allgemein aber immer noch weit hinter dem der deutschen Kinder, insbesondere der Besuch des Gymnasiums ist eher noch die Ausnahme. Lediglich 2% der deutschen Jugendlichen haben keinen Schulabschluss, die hier lebenden Türken dagegen zu 19% (vgl. Finkelstein 2006, S. 97).
Gründe dafür sind neben den milieubedingten Bildungshürden, wonach sich der Bildungsstatus der Eltern erfahrungsgemäß oft auch auf die Kinder überträgt, auch die erst sehr späte Reaktion der deutschen Schulen auf die bilinguale Lebenswelt der Migrantenkinder (vgl. Goldberg/Halm/Şen 2004, S. 54). Ein weit verbreitetes Problem der jungen Generation ist dabei die „Halbsprachigkeit“, nach der sie weder ihre Muttersprache, noch die des Aufnahmelandes richtig beherrscht.
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Das Sprachniveau verbessert sich aber mit jeder Generation offensichtlich zunehmend (vgl. a.a.O., S. 56).
Diskriminierende oder unvorsichtige Kommentare waren für die zweite Generation nicht selten. Feststellungen von Lehrern wie beispielsweise, dass „wir hier viele ausländische Schüler in der Klasse haben“ oder „ich kann´s ja verstehen, wenn die ausländischen Schüler das nicht kapieren, weil sie das nicht kennen“, trugen lediglich zur Segregation bei. Gab es in der Kindheit noch gar kein Gefühl für ethnische Unterschiede, so führten diese Äußerungen jetzt zur Abstemplung und Zurückstufung als „Ausländer“. „Da kam man sich immer fremd vor gegenüber den Lehrern“, meinte ein türkischer Schüler dazu (Terlit 1996, S. 100). Aufgrund der fehlenden oder schlechten Schulabschlüsse stellt in dieser Konsequenz auch die Ausbildungslage dar, in der nur 23% der Deutschen keine Berufsausbildung haben, bei den türkischen Migranten aber 59%. Darunter suchen die Frauen sogar noch mit 70% nach einer Ausbildungsstelle (vgl. Finkelstein 2006, S. 97).
3.3.4 Zusammenfassung
In keiner klaren Nationalität und Heimat stehen zu können ist vermutlich das schwerwiegendste Identitätsproblem und hat vor allem sehr negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, welches aber für adaptive Transaktionen und den Sozialisa-tionsprozess zwischen den Jugendlichen und ihrer Umwelt von grundlegender Bedeutung ist. Die psychosozialen Folgen dieses inkongruenten Selbstkonzepts sind innere Zerrissenheit, Orientierungslosigkeit sowie das Gefühl der Wertlosigkeit.
Die gleichen Wirkungen gehen dabei auch von der Arbeitslosigkeit aus, denn aufgrund der prozentual höheren Quote bei Menschen mit Migrationshintergrund vermuten viele eine eklatante Diskriminierung und fühlen sich wohl auch deshalb mehrheitlich nicht erwünscht. Somit ist hier auch eine als Zwang ausübende Macht oder auch passive Unterdrückung bemerkbar. Die weitere Folge dieser schlechten Perspektiven und auch die Benachteiligung bei der Ausbildungssuche ist meist Frustration, welche durchaus oft der Grund für Straftaten ist (negatives Coping).
Der generelle Mentalitätsunterschied ist unter anderem schon beim gemeinsamen Singen, vor allem über die Liebe, erkennbar, da dies eine deutliche Differenz zu männlichen deutschen Jugendlichen ist. Dort gibt es solche intimen Aktivitäten, wenn überhaupt, nur äußerst selten.
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Auch das bedingungslose Teilen aller Gebrauchsgüter ist in der deutschen Jugend nicht selbstverständlich und eher mit Vorbehalten verbunden. Aufgrunddessen werden von türkischer Seite jegliche Transaktionen als dysfunktional erlebt und deswegen eher gemieden. Eine weitere Annäherung wurde zudem durch die mangelhaften materiellen Ressourcen bereits im Vorfeld erschwert, da sich die türkischen Jugendlichen für die schlechteren häuslichen Zustände schämten.
4. Schlussbetrachtung
In beiden Generationen und der Migrationsgeschichte wurden nun die wichtigsten Aspekte zur Lebenswelt der türkischen Mitbürger/Innen untersucht. Es geht daraus klar hervor, dass es noch viele Hürden zu überwinden gibt und die soziale Arbeit auch ihren Beitrag dazu leisten muss. Doch wie kann dies realisiert werden?
Prinzipiell muss die soziale Arbeit ihre Aufgabe als Vermittler zwischen politischen und gesellschaftlichen Interessen wahrnehmen. Dabei sollte zum einen Druck auf die politischen Parteien angewendet werden um rechtliche und soziale Hindernisse zu beseitigen, zum anderen auch die deutsche Bevölkerung mehr in direkte Kooperation (z.B. Gemeinwesen-Arbeit) involviert werden, um so sukzessiv eine offenere und tolerantere Gesellschaft zu kultivieren. Dazu könnte auch die verstärkte Partizipation in den Medien hilfreich sein, um Politik als auch Gesellschaft besser über die Situation der deutschen Türk/Innen aufzuklären. Nur wenn die Menschen sich näher kommen, können Vorurteile und Ausgrenzungen nachhaltig beseitigt werden.
Letztlich liegt es zum größten Teil an der deutschen Gesellschaft, ob die Integration und Anerkennung der türkischen Jugendlichen weiter gelingen wird.
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Literaturverzeichnis
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Justin Sane, 2008, Analyse der Lebenswelt türkischer Migranten in der 1. und 2. Generation in Deutschland anhand des Life-Models, München, GRIN Verlag GmbH
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