Danksagung
Ich bedanke mich vor allen bei meinen Eltern, die mich trotz phasenweiser Faulheit bei meinem Studium unterstützen. Ohne eure Hilfe wäre ich nicht bis zum (vorläufigen) Ende meiner Studien gelangt.
Ich danke meinen Freunden, die gerne mit mir über philosophische Probleme diskutieren, obwohl sie ganz andere Fächer studieren. Nichts fordert die Klärung der eigenen Gedanken mehr heraus als Menschen, die nicht vom Fach sind!
Besonderer Dank gilt meiner Freundin, die voller Geduld meine gedanklichen Höhenflüge und Anflüge von theoretisierenden Größenwahn erträgt, und mich immer wieder zum weiterdenken motiviert.
Das Schreiben gelernt habe ich auch durch meine Tätigkeit als Redakteur des Magazins Streifzüge. Ich Danke meinen Kollegen dafür.
Ich Danke folgenden Lehrenden für ihre anregenden Vorlesungen bzw. Seminare: Prof. Gerhard Gotz, Prof. Anselm Eder, Prof. Ulrike Felt, Dr. Cornelius Zehetner, Dr. Heinz Schandl.
Ebenso bedanke ich mich bei meinem Betreuer Prof. Knoll für die zahlreichen Literaturhinweise, die mich in Gebiete theoretischer Reflexion vordringen ließen, in die ich mich ohne seinen wohlwollenden Anstoß sicher nicht vorgewagt hätte.
„Das Küchenmädchen war eine Person in abstracto, eine ständige Einrichtung, der
einige unveränderliche Attribute eine gewisse Kontinuität und Identität gewährleisteten
durch eine Reihe aufeinanderfolgender vorübergehender Verkörperungen hindurch,
unter denen sie erschien, denn wir hatten niemals zwei Jahre hintereinander das gleiche
Danton: Da werden die Gesichter mitgehen.“ (Georg Büchner, Dantons Tod)
1 I I N 1
N H H A A L L T T S S V V E E R R Z Z E E I I C C H H N N I I S
1 INHALTSVERZEICHNIS 4
2 EINLEITUNG. 6
3 BEOBACHTUNG DES ALLTAGS. 8
3.1 EINKAUFEN 8
3.2 ARBEITEN 10
3.2.1 Management 11
3.2.2 Weniger Arbeitsplätze in Hochlohnstaaten 16
3.2.3 Multinationalisierung 17
3.3 BESCHLEUNIGUNG 18
3.3.1 Die Reaktionen der Bevölkerung 20
3.3.2 Die Reaktion der Politik: Arbeitsversprechen 21
Österreichische Volkspartei. 21
Sozialdemokratische Partei Österreichs. 21
3.3.3 Der Staat am Standort 22
Der Schutzzoll - der Schutzwall. 23
Aufstand die erste: die „Überflüssigen“ 24
Aufstand die zweite: Sozialstaatsnostalgiker. 25
3.3.4 Globalisierung und Internationale Arbeitsteilung. 25
4 STATISTISCHE RUNDSCHAU 28
4.1 DER BLICK DES ÖKONOMEN 31
4.1.1 Noch mehr Indikatoren: 32
4.2 RATIONALISIERUNG 34
Postindustrielle Gesellschaft? 35
4.2.1 Der erste Automatentraum 36
4.2.2 Mensch und Gesellschaft als Maschinen gedacht 38
4.2.3 Wissenschaft vom Menschen? 41
5 DAS PROBLEM DER SOZIOLOGIE. 43
5.1 DISTANZIERUNG VON DER ARBEIT 47
5.1.1 Der Sieg des hypothetischen Imperativs. 49
5.1.2 Monade 50
5.2 FREIZEIT. 52
Sport 52
Unterhaltung - TV, Radio und Magazine. 53
5.2.1 “tabula eadem materia 55
Identität trotz Differenz? 56
6 DIE ARBEITSTEILUNG AUS DER SICHT IHRER THEORETIKER 57
6.1 DIE STECKNADEL. 57
6.1.1 Egoismus. 60
6.1.2 Individuum und Gesellschaft oder umgekehrt? 62
6.1.3 Das vollkommene Individuum. 63
6.1.4 Die soziale Funktion der Arbeitsteilung ist 65
Freundschaft in der Antike 66
und in der Moderne? 68
6.1.5 soziale Solidarität 70
Die Harmonie in der Arbeit 71
6.2 DER FORTSCHRITT IN DER GESCHICHTE. 72
6.2.1 Vertragsgesellschaft - Gesellschaftsvertrag 75
6.2.2 Das Milieu 78
6.3 FORTSCHRITT UND VERÄNDERUNG REVISITED. 79
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7 PHILOSOPHISCHER IDEALISMUS UND
WERTVERGESELLSCHAFTUNG 87
7.1 NOCH EINMAL ANTIKE. 87
7.2 WERTMESSUNG - EINE NEUE SUBSTANZ 88
7.2.1 Abstraktion oder Erfindung einer neuen Welt 89
7.2.2 Idealismus - Vorrang für das Abstrakte 90
7.2.3 Das Kostenuniversum erlernen. 92
Archaische Gemeinschaft ohne Ökonomie. 92
Antike und Mittelalter ohne Ökonomie 95
7.2.4 Wirtschaft beruht auf Gemeinschaft 96
7.3 ZUM LETZTEN MAL: DER EINKAUF: 97
8 AUSBLICK 103
8.1 RENAISSANCE DES HANDWERKS? 103
8.2 RÜCKKEHR DER INDIVIDUALITÄT? 105
8.2.1 Neue Arbeitsteilung im Betrieb. 105
Das Ende der Zersplitterung der Arbeit - Teams 106
Arbeit in einem hochautomatisierten System 109
8.2.2 Die Drückeberger des Milieus oder verantwortungslose Soziologie. 110
9 LITERATURVERZEICHNIS 114
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2 E E I 2 I N N L L E E I I T T U U N N G G
Der Tod Gottes wurde schon vor einiger Zeit durch Friedrich Nietzsche verkündet, er hat aber nicht verraten, wer danach an dessen Stelle getreten ist - wer nun die Aufgabe hat, die Menschen zu retten. Denn diese legen weiterhin ihr Vertrauen in eine metaphysische Gestalt, in das Theater des Fortschritts. Durch ihn, mit ihm und in ihm, sollen sie ihr Heil auf Erden finden. Dass dabei so manches Geschöpf auf der Strecke bleibt, ist so “natürlich” wie die Tatsache, dass Sünder für ihre Taten büßen müssen. Es liegt in der Konstruktion eines Heilsglaubens, dass jene, denen Heil gebracht werden soll, nicht so wichtig sind wie der Überbringer des Heiles selbst.
Wie es schon zu den Zeiten, als Gott noch behütend außerhalb der Welt über diese wohlwollend wachte, Menschen gab, die seine Existenz eher kritisch betrachteten, so gibt es auch heute solch Charaktere, die den Fortschritt und seine Segnungen genau analysieren wollen, seine Wirkungen untersuchen, und sich die Frage stellen, ob die Menschheit die Form, in der er uns hilft, nicht ändern sollte.
Sie sollen auf den nächsten Seiten zu Wort kommen, wenn es darum geht den Alltag des modernen Menschen zu beobachten und seine Handlungen zu ergründen. Dabei kann nicht jede individuelle Handlung ein Thema sein, sondern nur solche, die sich zu sozialen Regelmäßigkeiten verdichten, und im Zusammenhang mit der Reproduktion des Lebens in Gemeinschaft stehen. Da ist erstens der Einkauf, dann das Arbeiten, und in der Freizeit betreiben viele Sport oder schauen fern. All diese Tätigkeiten sollen in ihrem Bezug zum zentralen Akt der modernen Gesellschaft - dem gerechten Tauschhandel und im Bezug zum zentralen Organisationsprinzip - Arbeitsteilunguntersucht sein.
Der Versuch den Alltag aus einer analytisch distanzierten Perspektive zu beschreiben beginnt bei der Betrachtung des tätigen Individuums. Es soll aus einer ohne Vorannahmen innehabenden Haltung bei seinen alltäglichen Handlungen beobachtet werden. Durch sein Dasein in der Welt, als beobachtbarer Körper, ist es für eine empirische Wissenschaft überhaupt erst wirklich. Dieser Körper unterliegt den natürlichen Gesetzen, was nichts anderes heißt als, dass er Achtsamkeit verlangt. Essen, Nahrung und Behausung sind Bedingungen für seine Existenz.
An der Natur aber ist die Soziologin nicht interessiert, sehr wohl aber an dem Umgang der der menschlichen Gemeinschaften mit ihr. Ein Charakteristikum der Moderne ist die Tatsache, dass alle Menschen Lebensmittel in Geschäften kaufen, aber auch für die Lebensmittel im weiteren Sinn (Wohnung) bezahlen. Hält sich ein Individuum nicht an diese Regel, so wird es bestraft.
3 B B E A L 3 S A E O O B B A A C C H H T T U U N N G G D D E E S L L L T T A A G G S S
3.1 Einkaufen
Diese Kaufhandlungen, die die Konsumentin ausführt verdienen, da sie auf alle Gesellschaften in denen es Geld gibt verallgemeinerbar sind, eine spezielle Aufmerksamkeit. Was passiert mit dem Menschen, wenn er daran geht, sich einen Genuss zu verschaffen?
Als erstes wird er Wünsche äußern: In den Nächsten drei Tagen äße er zu Abend gern ein Schnitzel, dann Spaghetti und am dritten Tag gefüllte Paprika. Im Kochen hat er schon Erfahrung gesammelt, und schreibt die notwendigen Zutaten auswendig auf einen Zettel. An das Frühstück denkt er ebenso, wie an die Jause, sowie ein paar Süßigkeiten für zwischendurch. Seife, Zahnpasta, Waschpulver und ähnliches vergisst er nicht zu notieren. Die Liste stellt eine Menge an Wünschen dar, die in nächster Zeit befriedigt werden sollen.
Diese Vielheit seiner Wünsche vergleicht er dann mit dem Betrag, den das Ganze kosten soll. Es ist dem Konsumenten möglich all seine verschiedenen Wünsche in Form eines Geldwertes auszudrücken. Zu diesem Betrag gesellt sich bei allen Einkäuferinnen der Wunsch, dass dieser selbst so gering wir möglich ausfallen möge. Dieser Wunsch ist so allgemein, dass ihm ein Begriff zukommt, den jeder kennt: Sparen.
Das Ziel des Sparens, Geld für andere Güter zur Verfügung zu haben, gerät in Konkurrenz mit den Wünschen die der Mensch als Feinschmecker und Weinliebhaber hegt. Geld besitzt er in begrenztem Ausmaß. Die Planung des Einkaufs wird durch diese Konkurrenz in den Wünschen in ihrer Komplexität gesteigert. Denn Kalbsschnitzel gibt es beim Händler „A“ um 9,99 € pro Kilo, beim Händler „B“ aber um 8,49 € pro Kilo, dafür aber nur am Tag x. Das Katzenfutter ist aber bei „C“ permanent am billigsten, und die besten Paprika erhält man nur bei „D“. Als Kunde muss sich die Konsumentin, will sie nicht zu viel Geld ausgeben, kundig machen, wann sie wo, wie viel Geld ausgeben darf um ihre Güter zu den billigsten Preisen zu erhalten. Dazu muss sie Informationen über die jeweiligen Angebote durchgehen. Diese erhält der Konsument aus der Werbung - an Hand dieser wird er seinen Einkauf planen.
Diese Vorbereitungsphase für den Einkauf nimmt einige Zeit in Anspruch, die für den Genuss verloren geht. Es wundert daher nicht, wenn der fortgeschrittene Einkäufer nicht so streng berechnet und dies, was wir hier expliziert haben, ihm ein impliziter Ablauf geworden ist. Diese routinierten Einkäufer gehen ohne konkreten Plan in ein Geschäft, und achten auf die im Geschäft platzierten Angebote und entscheiden auf diese hin, was es heute und morgen zu essen geben wird. Das Kalkulieren ist ihnen Gefühl geworden, es muss nicht mehr vor dem Einkauf extra berechnet werden ob die Tomaten im Tagesangebot in Geschäft „A“ gekauft werden sollen, oder die in Geschäft „B“, die zwar immer billiger sind, aber bekanntlich die qualitativ schlechteren. Diese komplexen Berechnungsoperationen laufen bereits beim Anblick der Ware samt Preisschild in der Kundin ab. Sie lernt es sich in einer vom Markt strukturierten Umgebung Kosten senkend zu verhalten.
Im Geschäft: Einen Einkaufswagen vor sich herschiebend nimmt sie die Waren aus den Regalen. Bei Wurst und Käse muss sie sich anstellen, sie darf das nicht einfach nehmen, oder sich selber 20 dag vom Pressschinken herunter schneiden. Der Angestellte muss alles auf die Wage legen, denn aus dem Gewicht wird der Preis berechnet. Das Gemüse und Obst legt sie selbst auf eine Waage, drückt dann auf die richtige Taste, klebt das herauskommende Preisetikett auf die Banane und legt sie dann erst in den Wagen. Durch all diese Handlungen lernt der Konsument, dass Dinge einen Preis haben.
Nachdem er alles beisammen hat, fährt er nicht diridissima nach Hause, sondern schiebt den Wagen richtung Kassa. Die sorgfältig eingeordneten Waren muss er nun herausnehmen und auf einem Förderband platzieren. Der Verkäufer nimmt jedes Produkt und fährt damit über einen Scanner. Macht er es richtig ertönt ein die Hörgänge erfreuendes Beep, und die Ware darf vom Kunden wieder zurück in den Wagen gelegt werden. Ist diese Prozedur durchgeführt, so vernimmt er aus dem Munde des Käufers eine Zahl. Diese Information stellt eine Aufforderung zu Tausch dar. Der Kunde gibt den Kassierer die nötige Geldsumme, und tauscht den Warenwert gegen den Geldwert. Der Einkauf ist vollbracht, und die Güter dürfen nach Hause getragen werden.
Die Waren, die von den einzelnen Kunden gekauft werden, mögen verschieden sein, der Akt des Tausches aber, die wertmäßige Gleichsetzung von Gütern mit Geld ist immer derselbe. Alle Waren sind in Beziehung zum Geld getreten. Es ist kein Problem zu behaupten: 45 Bananen sind so viel wert wie der Besuch eines Klavierkonzertes mit Arcadi Volodos. Diese Gleichsetzung von beobachtbar Ungleichem irritierte schon
Aristoteles (* 384 v. Chr., † 322 v. Chr.). „Dass so sehr verschiedene Dinge in Wahrheit durch ein gleiches Maß messbar werden, ist allerdings unmöglich, doch im Hinblick auf die Bedarfsfrage lässt es sich ausreichend verwirklichen.“ 1 Eine Unmöglichkeit - zwei sinnlich verschiedene Qualitäten haben miteinander noch eine gemeinsame Qualität, die aber mehr ist als das bloße Attribut „seiend“ - sie sind x wert - ist im Tauschakt soziale Realität geworden. Im Tausch ist etwas wirklich, das sich aus der Natur der Dinge nicht ableiten lässt. Doch wird die „Bedarfsfrage“ vermittelst des >gerechten Tausches< von äquivalenten Werten organisiert, nötigt sie uns dazu, zu Dingen eine Wertsubstanz hinzuzudenken.
3.2 Arbeiten
Die Güter, die Konsumenten kaufen, werden heute in Form der Lohnarbeit produziert. Der Tausch von Äquivalenten ist auch hier die Basisstruktur: Ein Teil der Lebenszeit wird gegen eine bestimmte Summe Geld getauscht. Der Arbeiter ist entweder Friseur oder Holzarbeiterin, entweder Lastwagenfahrer oder Diplomatin. Ein Wechseln zwischen diesen Funktionen ist nur bei Aufgabe des alten Berufes möglich. Auch das störte schon einen Philosophen. „So wie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren willwährend in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einem ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Kreise ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ 2 Die Arbeitsteilung ist das wesentliche Organisationsprinzip in der Arbeitswelt, so wesentlich wie der Tausch für die Verteilung der Güter über den Markt.
Innerhalb dieses arbeitsteiligen Zusammenhanges von Funktionen gibt es Positionen, die sich nicht direkt um die Herstellung der Güter kümmern, sondern um die Koordination der Produktion der einzelnen Teile, sowie deren Verkauf.
1 Aristoteles, N.E., S 135
2 Marx, MEW III, (“Die deutsche Ideologie”) S 33
3.2.1 Management
Heute heißen die für dieses Zusammenfügen und Verteilen der Waren verantwortlichen Manager. Sie beschreiben ihre Aufgabe und Tätigkeit z. b. folgendermaßen.
„SZ: Der Computermarkt zählt inzwischen zu den umkämpftesten überhaupt. Sie wollen der Konkurrenz im laufenden Jahr dennoch Marktanteile abnehmen -und doppelt so schnell wachsen wie die Branche. Wie kann das klappen?
Bischoff: Ganz einfach: Wir müssen aggressiver werden und den anderen mehr wehtun, als sie uns. Im Konkurrenzkampf waren wir bisher sicherlich zu brav.“ 3
„Wir wollen wieder in die Rolle des Angreifers.“ 4
Als Unternehmer befindet man sich in einer von der Institution Markt strukturierten Umgebung. Der Modus in dem Manager mit anderen Firmen, die ähnliche Produkte anbieten, umgehen ist der der Konkurrenz. Ziel dieser Handlungen ist das Sichern von Marktanteilen. Wer einen größeren Anteil am Markt hat, beliefert mehr Kunden.
Das stationäre Wirtschaften ist nicht die Aufgabe des Managers. Sein Ziel ist Wachstum. Innerhalb einer Konkurrenzsituation, kann nur bestehen wer größer wird - das Denken im Komparativ ist conditio sine qua non für die Tätigkeit des Managers. Seine Rhetorik zeigt dies deutlich: Wörter mit dem Suffix „-er“ am Ende, oder das Wort „mehr“, strukturieren seine Sprache. Damit signalisiert man Stärke und Sicherheit. Dieses Auftreten ist auch der Grund für die Floskel „ganz einfach“: Der Manager gibt zu erkennen, dass er weiß wie er sein Unternehmen führt.
„SZ: Droht ein Verdrängungswettbewerb um jeden Preis?
Bischoff: Den gibt es doch schon längst. An jedem Morgen steht in unserer Branche ein Konzernchef auf, der bereit ist, im Kampf um Marktanteile Geld zu verlieren.“ 5
Marktanteile werden erkämpft und so gut es geht verteidigt. Verliert jemand an Boden (Kundenstock), verliert er Absatzmöglichkeiten für seine bereits produzierten Güter und macht größere Verluste, als hätte er intensiv seinen
3 SZ vom 23. 12. 2005, SZ - Interview mit Bernd Bischoff, Chef von Fujitsu
4 SZ vom 16. 12. 2005: Zitat von Werner Frey, Vorstandsvorsitzender von Fiat
5 SZ vom 23. 12. 2005, SZ - Interview mit Bernd Bischoff, Chef von Fujitsu
Marktanteil verteidigt. Die gesamte Produktion erfüllt für den Manager erst ihren Zweck, nachdem sie verkauft ist. Nur so ist das Unternehmen weiterhin finanzierbar. Die Arbeit ist erst durch den Verakuf abgeschlossen.
Der Konkurrenzkampf ist dynamisch - er gewinnt an Intensität und Härte, (und dies passiert schneller als das die Öffentlichkeit wahrnimmt). Eine wesentliche Bestimmung lautet daher Beschleunigung.
„Alles, was wir jetzt tun, ist darauf ausgelegt, den Kampf im Wohnzimmer zu gewinnen.“ 6
Neben der zeitlichen Intensivierung des Kampfes kommt es zu einer räumlichen Ausdehnung. Ein Blick in die Geschichte zeigt wie sich seit der Neuzeit diese Art die „Bedarfsfrage“ zu lösen über den Globus ausgebreitet hat. An die Grenzen der Kugel gekommen, bleibt ihr nichts anderes übrig als tiefer in den privaten Bereich einzudringen. Eine weitere Bestimmung ist Expansion.
„SZ: Ifo-Chef Hans- Werner Sinn sagt wegen der weltweiten Einkäufe der Firmen sei Deutschland eine Basar-Ökonomie: Ein großer Teil der Exporte stamme nicht aus deutschen Fabriken. Stattdessen kauften die Unternehmen Vorprodukte im Ausland, die hier nur noch zusammengeschraubt werden.
Börner: Als Händler habe ich nichts gegen Basare. Den Begriff halte ich hier aber für unpassend, weil auf einem Basar nicht mit Hochtechnologie gehandelt wird, und davon reden wir hier. Die Firmen nutzen die Vorteile internationaler Arbeitsteilung. Sie beziehen die Vorprodukte von den Standorten, die diese Teile am billigsten herstellen können. Das macht die deutschen Firmen und ihre Produkte wettbewerbsfähiger.“ 7
Durch die weltweite Expansion der Marktwirtschaft kann die Produktion der Waren an höchst verschiedenen „Standorten“ angesiedelt sein. Diese führen wie alle Dinge die gekauft werden können eine Doppelexistenz. Sie bestehen erstens aus sinnlich wahrnehmbarer Infrastruktur und den dazugehörigen mit spezifischem Know-How ausgebildeten Arbeiterinnen (>Gebrauchswert<). Alle diese Dinge haben zweitens einen bestimmten Preis (>Tauschwert<). Wie jeder Konsument geht nun die Managerin heran und berechnet, ob es Kosten senkend ist die Produktion an Standort „A“ oder „B“ anzusiedeln.
6 SZ vom 1. 12. 2005, SZ - Interview mit Chris Lewis, Europaverantwortlicher für die XBox;
7 SZ vom 11. 4. 2005, Interview mit Außenhandelspräsident Anton Börner
Zwischen den einzelnen Staaten bestehen beträchtliche Unterschiede, was deren Qualitäten und den Preis der dafür zu zahlen ist betrifft. Globale Unternehmen verteilen ihre Produktion daher so, dass diese Ungleichgewichte möglichst profitabel ausgenutzt werden.
„SZ: Was bringt das den deutschen Arbeitnehmern?
Börner: Das sichert auch in Deutschland Jobs. Manche Aufgaben kann man nicht mehr profitabel hierzulande ansiedeln. Ein weiterer Effekt ist, dass die Investitionen ins Ausland dort die Kaufkraft erhöhen. Das steigert die Nachfrage nach deutschen Produkten, wie Autos oder Maschinen. Von dieser Gewinnerspirale profitieren beide Seiten. Nebenbei ist mehr Wohlstand in den ärmeren Staaten die beste Vorsorge gegen politische Instabilität und Terrorismus.“ 8
Hochlohnländer sind durch den Abzug der Unternehmen besonders betroffen, fast überall gibt es billigere Lohnarbeiter, die dieselben Waren fertigen können. Gegen diesen Abzug der Konzerne regt sich Widerstand, denn er führt zu steigender Arbeitslosigkeit.
Doch die Manager rechtfertigen die Verteilung der Produktion über den Globus durch die Struktur des Marktes. Der Konkurrenzkampf lässt ihnen keine Alternative.
Der Ort der Produktion hat nichts mit dem Ort des Verkaufes zu tun. Beides wird unabhängig von einander ausgesucht.
„Neben dieser Diversifizierung des Geschäfts verlagert das Unternehmen immer mehr Umsatz nach Osteuropa, Asien und Südamerika. Ohne die Produktion in Niedriglohländern habe Balda keine Chance auf dem Weltmarkt. ‚Wegen des hohen Kostendruckes sind wir zur Globalisierung verdammt.’ Während im Jahr 2003 noch 90 Prozent des Umsatzes in Deutschland erzielt wurden, ging der Anteil im vergangenen Jahr auf 75 Prozent zurück.“ 9
Dieser Prozess der Transnationalisierung der Arbeitsteilung hat den Begriff Globalisierung erhalten.
8 SZ vom 11. 4. 2005, Interview mit Außenhandelspräsident Anton Börner
9 SZ vom 24. 9. 2005; SZ - Gespräch mit Joachim Gut, Chef des Handyzulieferers Balda
„Ich bin verantwortlich für mehr als 80000 Arbeiter weltweit. Die 50000 Mitarbeiter außerhalb Deutschlands hätten sicher ein großes Problem, wenn ich Deutschland bevorzugte. Dass kann ich mir gar nicht erlauben. Auch unsere Kunden würden das nicht akzeptieren.“ 10
Die Bewohner der Standorte haben auf die global agierenden Konzerne verminderten Einfluss, diese sind in der Lage die Standorte gegeneinander auszuspielen. Doch die Arbeiter müssen letztlich bei diesem Spiel mitmachen, ansonsten geht der Arbeitgeber, der ja um die Marktanteile zu halten möglichst billig produzieren muss.
„‚Menschlich enttäuschend.’ Dafür werden seine fachlichen Qualitäten gerühmt. […] Dort hat der verheiratete Vater von zwei Kindern knallhart saniert, Tausende Jobs wurden gestrichen.“ 11
Der Wettbewerb fordert den Manager ein Denken und Handeln nach seinen Maßstäben ab. Um Unternehmen am Leben, d. h. im Konkurrenzkampf zu halten, sind ständige Kostenreduktionen notwendig. Um diese zu erwirtschaften sind fachlichen Fähigkeiten notwendig, die in einem emotionslosen Blick auf die entscheidenden Zahlen liegen. Der Manager sieht immer die Zahlen hinter den Dingen, er ist permanent Konsument von sehr komplexen Gütern.
„Wir brauchen ein dreijähriges Moratorium für die Gesetzgebung im Arbeitsrecht und Umweltrecht. Ich bin für saubere Produktion, aber was nützt es, wenn wir mit der reinen Umwelt ökonomisch in den Abgrund stürzen?“ 12
Dieser Blick verwandelt konsequenterweise auch die Natur in Beträge, Kosten. Das Überleben im Konkurrenzkampf ist ihm wichtiger als das Überleben in der Natur.
„Es muss immer darum gehen, was schadet der Wirtschaft, was nutzt ihr. Das ist mein Maßstab.“ 13
„SZ: Sie stellen eine Menge Forderungen an die Politik, an die Beschäftigten. Was können denn vielleicht auch Sie als Arbeitgeber für den kriselnden Standort Deutschland tun?
10 SZ vom 23. 12. 2005; SZ - Interview mit Manfred Wennemer, Vorstandsvorsitzender von Continental
11 SZ vom 5. 4. 2005; „Knallharter Sanierer“
12 SZ vom 11. 11. 2005; SZ - Interview mit Eggert Vocherau, BASF-Vorstand
13 SZ vom 11. 11. 2005; SZ - Interview mit Eggert Vocherau, BASF-Vorstand
Voscherau: Wir versuchen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist Aufgabe genug.“ 14
Der Aufgabenbereich des Managers ist begrenzt. Er kann sich nicht um alles kümmern. Er hat sich in seiner Rolle nur um das Überleben der Firma zu kümmern. Es ist seine ausschließliche Aufgabe. Im Sinne der Arbeitsteilung ist dies auch konsequent. Um den Schutz der Natur, Sozialgesetzgebung und anderes haben sich die zu kümmern, die dafür zuständig sind.
„Um wettbewerbsfähiger zu werden, müssten wir zum Beispiel an die Urlaubstage ran. Das würde die Produktivität enorm steigern. Außerdem müssten die Steuern für Unternehmen runter.“ 15
Die Konzerne treten mit den sich aus ihrer Funktion ergebenden Forderungen an die Bewohner und deren Form der Organisierung ihres Standortes auf. Prinzipieller Tenor ist, dass die Arbeitskräfte und die Infrastruktur günstiger sein sollen, damit hier weiterhin oder überhaupt produziert wird.
Die Organisation des Standortes selbst übersteigt den Einflussbereich des Managements. Die Standorte organisieren sich in der Form eines Staates. Die Regierung hat gegenüber den Bewohnern und den Unternehmern bestimmte Rechte und Pflichten. Sie darf von Bürgern und Unternehmen Steuern einheben, damit sie z. b. eine Infrastruktur für die Unternehmen zur Verfügung stellen kann.
„SZ: Schaffen solche Steuersenkungen wirklich die dringend benötigten Arbeitsplätze?
Voscherau: Sie sorgen dafür, dass der Jobabbau sich zumindest verlangsamt. Grundsätzlich werden wir in der Industrie, auch in der Chemiebranche, weiter Stellen abbauen. Wir steigern unsere Produktivität und stellen mit weniger Leuten mehr her.“ 16
Nicht bloß die Effekte der Globalisierung verursachen in Hochlohnländern Arbeitslosigkeit. Hinzu kommen die Folgen der sich entwickelnden Technik. Durch Automatisierung und Robotik können zahlreiche Handgriffe von Maschinen übernommen werden. Werden diese Maschinen in den Produktionsprozess eingegliedert senkt dies Lohnkosten und fördert die Arbeitslosigkeit.
14 SZ vom 11. 11. 2005; SZ - Interview mit Eggert Vocherau, BASF-Vorstand
15 SZ vom 11. 11. 2005; SZ - Interview mit Eggert Vocherau, BASF-Vorstand
16 SZ vom 11. 11. 2005; SZ - Interview mit Eggert Vocherau, BASF-Vorstand
3.2.2 Weniger Arbeitsplätze in Hochlohnstaaten
Die Konsequenzen des globalisierten Konkurrenzkampfes haben für die Standorte zu teil verheerende Auswirkungen. Durch den Abzug von großen Konzernen werden tausende Menschen arbeitslos. Zur Veranschaulichung sind willkürlich Zeitungsmeldungen aus dem Spätsommer bis Herbst 2005 angeführt.
General Motors: „Bis Ende 2008 sollen 30 000 Arbeitsplätze in Nordamerika wegfallen“ 17
Hewlett Packard: „HP-Chef […] kündigte an, 15 300 Stellen abzubauen.“ 18
Telekom Deutschland: „Telekom will 32 000 Stellen abbauen.“ 19
Siemens Deutschland: „Insgesamt wird sich der Konzern durch Stellenstreichungen […] in den kommenden zwei Jahren von mehr als 10 000 Jobs trennen. […] Offen bleibt, ob der angekündigte Stellenabbau ausreicht, um das Sparziel zu erreichen.“ 20
Pentagon: „Nach langer Unsicherheit beschloss eine Regierungskommission, dass die U-Bootwerft in Kittery nicht geschlossen wird. […] Direkt und indirekt hängen von den Werften etwa 22 000 Arbeitsplätze […] ab. […] So landeten nicht nur Kittery und Groton auf einer Schließungs- und Umstrukturierungsliste von insgesamt 33 großen Militärbasen in 50 Bundesstaaten sowie 150 weiteren Einrichtungen. […] Etwa 26 000 Arbeitsplätze könnten nach Schätzungen von Experten auf dem Spiel stehen.“ 21
„IBM will weltweit 13 000 Stellen streichen“ 22
„Sony streicht 10 000 Stellen und schließt elf Fabriken“ 23
VW: „Noch verrät der Chef nicht, wie viele der 114 000 Beschäftigten von Volkswagen in Deutschland ihren Job verlieren werden. Er spricht aber von
17 SZ vom 22. 11. 2005;
18 SZ vom 19. 11. 2005;
19 SZ vom 3. 11. 2005;
20 SZ vom 20. 9. 2005;
21 SZ vom 10. 9. 2005;
22 SZ vom 6. 5. 2005
23 SZ vom 23. 9. 2005
„mehren tausend“ Mitarbeitern. Aber längst macht die Zahl von 10 000 Menschen die Runde, was als realistische Schätzung gilt.“ 24
„Allein in den US-amerikanischen Unternehmen werden jährlich mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze abgebaut. In den westlichen Industriestaaten sind 39 Millionen Menschen (im Jahr 2001) als Langzeitarbeitslose registriert.“ 25 Diese Kündigungen führen die Unternehmen meist aber erst durch, wenn Arbeitsplätze überhaupt nicht mehr am Standort gehalten werden können. Vorher wird versucht die Arbeiter zu einem Lohnverzicht zu überreden. „Es ist Alltag, dass Unternehmen ihren Beschäftigten Lohnverzicht zur Beschäftigungssicherung abverlangen.“ 26 In der globalen Konkurrenz gegen Niedriglohnstandorte, in denen die Arbeitskraft einen Bruchteil dessen kostet, was in Hochlohnstaaten bezahlt werden muss, ist eine Reduktion der Arbeitskosten die einzige Möglichkeit um wettbewerbsfähig zu bleiben.
3.2.3 Multinationalisierung
Unternehmen, die die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung nutzen, produzieren nicht mehr in einem Nationalstaat, sondern verteilen die Arbeit über den gesamten Globus. „Das Phänomen der Multinationalisierung der Wirtschaft hat eine spektakuläre Entwicklung vollzogen: Während in den siebziger Jahren die Zahl der multinationalen Unternehmen einige hundert nicht überstieg, sind es heute mehr als 40.000. Und das gesamte Geschäftsvolumen der 200 weltgrößten Unternehmen beträgt mehr als ein Viertel der globalen Wirtschaftstätigkeit. Dabei beschäftigen diese 200 Unternehmen nur 18,8 Millionen Menschen, also nicht einmal 0,75 Prozent der Arbeitskraft der Welt.“ 27 Diese Zahlen dokumentieren die Entwicklung bis zum Jahre 1997. Der Trend freileich setzt sich fort: „Heute wird von mehr als 60.000 multinationalen Unternehmen ausgegangen, und die Zahl der ausländischen Tochtergesellschaften wird auf mehr als 500.000 geschätzt. Es sind inzwischen rund 50 Millionen Menschen, die direkt in multinationalen Konzernen beschäftigt werden. […] Dass 0,75 Prozent der globalen Arbeitskraft mehr als 25 Prozent der globalen Wirtschaftstätigkeit vollziehen spricht Bände.“ 28 Gegen diese Macht der Konzerne haben die Regierungen der Standorte
24 SZ vom 6. 9. 2005
25 Trallori, S 72
26 SZ vom 6. 9. 2005
27 Ramonet (1997) zit. Nach Kurz, Das Weltkapital, S 81
28 Kurz, Das Weltkapital, S 81f
zusehends keinen wirksamen Einfluss mehr, ihr politischer Gestaltungsrahmen verkümmert zu einem Herrichten des Materials für die Bedürfnisse der Konzerne.
3.3 Beschleunigung
Die globalen Konzerne messen sich in einem, wie oben schon erwähnt, dynamischen Konkurrenzkampf, die Rationalisierung bzw. Beschleunigung der einzelnen Arbeitsschritte ist notwendig um Marktanteile halten zu können. Dies bedeutet auch, dass die einzelnen Arbeitsschritte selbst einer permanenten Veränderungen unterliegen, was heute state of the art ist, wird übermorgen im Museum angeschaut werden. Diese Rasanz erschwert es dem Arbeiter sich in eine bestimmte Tätigkeit zu vertiefen, da er ständig neues Lernen muss, um nicht von einem jüngeren ersetzt zu werden. Richard Sennett (* 1943) fragt sich daher: „Wie kann man neue Fertigkeiten entwickeln und mögliche neue Fähigkeiten erschließen, wenn die Anforderungen der Realität sich verändern? “ 29
Die Fertigkeiten müssen ständig verändert werden damit die Produktion beschleunigt werden kann. Kommt der Arbeiter da nicht mit, so wird er durch einen anderen ersetzt. Die Fluktuation im Betrieb ist gestiegen, und das hat Konsequenzen. Sennett erzählt die Geschichte von “Rico”: „Nachdem er in Boston Elektrotechnik studiert hatte, ging Rico an eine Business School in New York. Dort heiratete er eine Kommilitonin, eine junge Protestantin aus einer besser gestellten Familie. Das Studium bereitete das junge Paar darauf vor, häufig umzuziehen und ihre Stellen zu wechseln, und das haben sie getan. Seit dem Abschluss ist Rico innerhalb von vierzehn Arbeitsjahren viermal umgezogen. Diese Saga hat indessen eine spezifische moderne Wendung.
Rico begann in den frühen, berauschenden Tagen der Computerindustrie im Silicon Valley als technischer Berater einer High-Tech-Firma, die mit >Venture Capital< aufgebaut worden war, und ging dann nach Chicago, wo er ebenfalls erfolgreich war. Der nächste Umzug diente der Karriere seiner Frau Jeanette. Wäre Rico eine vom Ehrgeiz getriebene Figur aus den Romanen Balzacs, hätte er so etwas nie getan, denn diese Neuorientierung brachte ihm kein höheres Gehalt, und er verließ die Brennpunkte der High-Tech-Entwicklung zugunsten eines ruhigeren, wenn auch grünen Büroparks in Missouri. […]
29 Sennett, Die Kultur des neuen Kapitalismus, S 9
In dem Büropark […] holten die Ungewissheiten der neuen Ökonomie den jungen Mann ein. Während seine Frau befördert wurde, fiel Ricos Stelle eine Umstrukturierung zum Opfer - seine Firma wurde von einer größeren geschluckt, die ihre eigenen Analysten besaß. Also zog das Paar das vierte Mal um, zurück in die Nähe von New York. Jeanette leitet jetzt ein großes Team von Buchhaltern, Rico hat eine kleine Consultingfirma gegründet.
Trotz ihres relativen Wohlstandes und obwohl sie das Modell eines anpassungsfähigen, einander unterstützenden Ehepaares zu sein scheinen, leiden beide, Mann und Frau, unter der Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Diese Angst ist sozusagen in ihre Arbeitsgeschichte eingebaut.“ 30 Die Ungewissheit, auch morgen noch ein funktionstüchtiger Arbeiter zu sein begleitet das Leben des modernen Menschen, wobei diese Angst ja nicht durch eine drohende Katastrophe hervorgerufen wird, sondern „vielmehr mit den alltäglichen Praktiken eines vitalen Kapitalismus verwoben ist“ 31 .
Diese Wirkungen der Beschleunigung rufen auch eher konservativ einzuordnende Denker auf den Plan. Ihrer Meinung nach droht der Motor der Fortschritts zu überhitzen, bzw. die Menschen können auf Grund ihres endlichen Bewusstseins den sozialen Wandel und die Segnungen der Technik nicht mehr sinnvoll begreifen. „Unter dem Druck der zivilisatorischen Entwicklungsdynamik machen wir die Erfahrung, dass unsere individuellen und institutionellen Kapazitäten zur Verarbeitung von Innovationen begrenzt sind.“ 32 Es besteht die Gefahr, dass wir das was wir erarbeiten, gar nicht mehr verarbeiten können. Der Fortschritt droht ohne unser bewusstes Zutun fortzuschreiten, er scheint sich der sozialen Kontrolle zu entziehen.
So überwindet er auch die traditionellen Deutungsmuster für die politischen Kräfte in der Gesellschaft. „Der Grund ist, dass sich die politischen Gegenwartsprobleme unter den Bedingungen des inzwischen erreichten Tempos des zivilisatorischen Wandels in Begriffen traditioneller Geschichtsphilosophie gar nicht mehr ausdrücken lassen. Nicht die Erstarrung, sondern die Instabilität unserer Lebensverhältnisse ist es ja, die uns heute zu schaffen macht. Nicht verkrustete Traditionen drücken uns, vielmehr das ungelöste Problem, wie in einer dynamischen Zivilisation Traditionen das heißt
30 Sennett, Der flexible Mensch, S 20f
31 Sennett, Der flexible Mensch, S 38
32 Lübbe, S 29
orientierungspraktische kulturelle Selbstverständlichkeiten, sich überhaupt bilden lassen.“ 33
Die Auswirkungen auf den Menschen selbst, der nicht bloß Arbeiter ist, sondern auch langfristige Freundschaftsbeziehungen führen soll und Vertrauen in seine Umwelt legen will, denn Kontrolle ist zwar besser, aber Vertrauen schöner - bestimmt Sennett als „corrosion of character“ 34 . Denn dem „Persönlichkeitssystem sind heute wie nie zuvor Leistungen produktiver Anpassung an sich verändernde Lebensverhältnisse abverlangt.“ 35
3.3.1 Die Reaktionen der Bevölkerung
Angesichts dieser Ungewissheiten und der Tatsache, dass die Gewinne der Transnationalen Konzerne „explodieren“ 36 , brechen an den Standorten Diskussionen über die Moral der Manager los. Denn die durch den Konkurrenzkampf gestellten Anforderungen an die Unternehmer werden dem individuellen Charakter des Managers zugeschrieben. Dadurch können “Sündenböcke” für die Schäden schnell identifiziert werden. Es wird eine Identität zwischen den Menschen und dem Beruf den sie ausüben unterstellt, was zugleich eine Unterstellung großer Gestaltungsmöglichkeiten ist. Dem Manager wird die Macht unterstellt er könne sein Unternehmen gegen die Bewegungsgesetze eines globalen Konkurrenzkampfes führen. Er könne wenn er wolle, im Hochlohnland produzieren, auch wenn dies betriebswirtschaftlich irrational ist. Diese Verweigerung die ökonomische Rationalität anerkennen zu wollen ist schlimm genug, doch dieser personalisierende Diskurs wird oft sogar auf die Frage herunter gebrochen ob die Manager verdienen, was sie verdienen 37 . Freilich ist es dem Manager möglich strukturelle Zwänge als Ausrede für sein Handeln zu missbrauchen, indem er eine äußerst unmenschliche Kündigungspolitk den Konkurrenzbedingungen vollends anlastet, jedoch können die Regeln dieses Kampfes auch nicht einfach von einem Subjekt ausgeschaltet werden.
33 Lübbe, S 25
34 So der englische Originaltitel von „der Flexible Mensch“;
35 Lübbe, S 112
36 SZ vom 22. 7. 2005; Die Nummer eins Royal Dutch/Shell macht im Jahr 2004 einen Gewinn von
47,7%; unter den TOP 50 der Welt ist das keine Ausnahmeerscheinung; vgl. SZ ebd.;
37 Vgl. den dafür zum Symbol gewordenen Ackermann, oder SZ vom 23. 12. 2005, bzw. 24./25./26. 12.
2005;
3.3.2 Die Reaktion der Politik: Arbeitsversprechen
Das Mitmachen im globalen Wettbewerb fordert daher mir großer Wahrscheinlichkeit den Abbau von Arbeitsplätzen ind Hochlohnstaaten. Die Arbeitslosigkeit ist nun für den Standort das schwerwiegendste Problem. Sie stürzt ihn in den Bankrott. Er kann jene empirischen Qualitäten, die Betriebe zum Ansiedeln reizen (Infrastruktur -Ausbildungssystem), nicht mehr so gut ausbilden. Dieser Zustand birgt die Gefahr, dass die Bevölkerung die Herrscher im Staate als Sündenböcke für diese Entwicklung hinstellt - eine Personalisierung vollzieht wie bei der “Moraldebatte” der Manager. Die Regierenden jedoch verstärken diesen Trugschluss und stellen sich angesichts der Krise zunehmend als Arbeitsplatzbeschaffer dar. Arbeit ist das Ziel aller Parteiprogramme, und das Wahlversprechen Nummer eins. Als Beispiel dienen die beiden großen österreichischen Parteien:
Österreichische Volkspartei
„Arbeit ist ein wesentliches Moment der Menschenwürde und der
Persönlichkeitsentfaltung. Wir setzten uns daher dafür ein, dass die Arbeit für jeden als möglichst sinnvoll erfahren werden kann. Die Arbeit aller arbeitsfähigen Menschen schafft die Voraussetzungen für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft und des Sozialstaates. Deshalb streben wir mit allem Nachdruck Vollbeschäftigung an. Sie ist ein wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Ziel, um dessen Verwirklichung sich Staat und Tarifpartner in besonderer Verantwortung bemühen müssen.“ 38 Sowie das Regierungsprogramm: „Die EU-Ziele, die Beschäftigungsquoten innerhalb der EU bis 2010 auf 70% heranzuführen, die Frauenbeschäftigungsquote auf 60% und die Erwerbsbeteiligung der 55 bis 64jährigen auf 50% anzuheben ist weiterhin der Rahmen für die österreichische Beschäftigungspolitik. In diesem Zusammenhang bleibt die Vollbeschäftigung weiterhin unser wichtigstes Ziel.“ 39
Sozialdemokratische Partei Österreichs
„Ziel sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik ist das Entstehen von und der Bestand an ausreichend vielen und qualitativ hochwertigen Arbeitsplätzen. Dies unterscheidet uns von einer primär unter konservativen Vorzeichen geführten „Standort-Debatte“. Natürlich bekennt sich auch die SPÖ dazu, dass Österreich ein qualitativ hochwertiger
38 ÖVP, Parteiprogramm, S 14;
39 Regierungsprogramm 2003 - 2006, S 15
Wirtschaftsstandort ist und bleiben muss. Unser Ziel ist es aber dabei nicht, den internationalen Konzernen und dem an möglichst hohen Dividenden- und Börsekurserträgen interessierten, weltweit operierenden Finanzkapital zu helfen, sondern für eine optimale Entfaltung und Wertschöpfung der Wirtschaft in Österreich bzw. in Europa mit dem Ziel der Vollbeschäftigung zu sorgen. Vollbeschäftigung in sozialdemokratischer Sichtweise bedeutet dabei das Bestreben, allen Menschen auf Dauer qualitätsvolle, sinnvolle sowie sozial und materiell abgesicherte Beschäftigung zu bieten.“ 40
3.3.3 Der Staat am Standort
Die Rolle des Staates hat sich im Lauf des heftiger werdenden Konkurrenzkampfes geändert, war er in den 60er und 70er Jahren wesentlich „Sozialstaat“ so muss er heute dafür sorgen, dass seine Bewohner den Konzernen möglichst wenig Lohnkosten verursachen. „Vorfahrt für Arbeit“ 41 : „Ran an die Arbeit“ 42 so heißen die aktuellen Programme z. B. in Deutschland. Dieses eine Recht soll der Staat verwirklichen helfen, alle anderen Bürgerrechte werden sekundär: „Man müsse jetzt neu definieren, was eigentlich das wichtigste Bürgerrecht eines Europäers sei. Für ihn, so Clarke, sei das jedenfalls nicht der Datenschutz, sondern das Recht, ‚morgens zur Arbeit zu fahren, ohne erwarten zu müssen, in die Luft gesprengt zu werden.’“ 43
Die Frage bleibt aber: was nutzt das jenen, die keinen Arbeitsplatz innehaben. Die Globalisierung treibt die Produktion aus Europa, denn Arbeitskraft ist nicht an dieses oder jenes Individuum gebunden, niemand wird wegen seiner individuellen Besonderheit angestellt, sondern wegen bestimmter Fähigkeiten, die von jedem erlernt werden können. Die Teilhabe am Markt funktioniert nicht über unsere Einzigartigkeit, sondern über unsere Austauschbarkeit. „Die Integrationsmechanismen einer sich über Warentausch vermittelnden Gesellschaft verallgemeinern die von ihnen selbst historisch hervorgebrachte >individuelle< Existenz, weil sie ein >hochkomplexes System von Interpendenzen< erzeugen, >in dem die Individuen so stark vernetzt sind wie niemals zuvor in der Geschichte< (Breuer 1992 S. 22), aber nicht als konkrete Personen, sondern als Funktionsstellen im gesellschaftlichen Verkehr, die von konkurrierenden und austauschbaren Individuen nur besetzt werden. Um sie besetzen zu können, muss
40 SPÖ, Wirtschaftsprogramm, S 15
41 SZ vom 13. 4. 2005; Horst Köhler, Bundespräsident von Deutschland in einer Grundsatzrede
42 Werbung der SPÖ zum Tag der Arbeit am 1. Mai 2006 in Linz
43 SZ vom 1. 12. 2005; Innenminister Charles Clark, GB
die Person nur soweit >besonders< sein, dass sie den besonderen Anforderungen des Marktes genügt.“ 44 Nur die Eigenschaften der Rolle interessieren den Unternehmer, ob ihr Träger ein guter Vater ist ist dem Chef als Chef egal, als Mensch hoffentlich nicht.
Der Schutzzoll - der Schutzwall
Die Standorte wehren sich verzweifelt gegen diese Praktiken der Arbeitsplatzverlagerung in Niedriglohnstaaten. „Die EU-Kommission ist bereit, Europas Textilindustrie notfalls mit neuen Importquoten gegen den steigenden Konkurrenzdruck chinesischer Textilimporte zu schützen.“ 45 „Nach den USA will auch die EU-Kommission die stark gestiegenen chinesischen Textilimporte drosseln.“ 46 Die heimische Produktion hat erfolgreich bei der Politik interveniert, doch schon schreit der nächste um Hilfe: „Von dem Importstopp sind nicht nur große Handelshäuser […] betroffen, sondern auch viele Zwischenhändler. Das Prekäre an der Lage: Sie können zum einen ihre Lieferverpflichtungen gegenüber ihren Kunden nicht einhalten, andererseits müssen sie die in China georderten Waren zahlen, auch wenn diese im Hafen festliegen.“ 47 Schützt man die Produktion ruiniert man den Handel und umgekehrt. Man kann sich nun je nach Geschmack für die eine oder andere Strategie entscheiden. Diese Maßnahmen sind ein ungeheurer bürokratischer Aufwand, doch sie hinken der ökonomischen Wendigkeit nach. „Garry Weber reagierte bereits und kündigte die Verlagerung der Produktion von China nach Indonesien an und Kambodscha an.“ 48 So raubt man den Chinesen ihre Arbeitsplätze und zerstört die Entwicklung dieses Hoffnungsmarktes. 49 Die Situation am Weltmarkt ist komplexer und dynamischer geworden als so manche Staatsverwaltung anzunehmen gedenkt.
Als Resultat werden die Textilien schließlich wieder freigegeben. „Textilimporteure werden ihre seit Juli blockierten chinesischen Textilien frühestens Mitte September aus dem Zoll holen können.“ 50 Das gleiche Spiel spielt die EU mit Zucker, 51 die USA mit anderen Agrarprodukten. 52
44 Sonntag, S 254f
45 SZ vom 7. 4. 2005
46 SZ vom 18. 5. 2005
47 SZ vom 9. 8. 2005
48 SZ vom 9. 8. 2005
49 SZ vom 20./21. 8. 2005
50 SZ vom 30. 8. 2005
51 Vgl. SZ vom 11. 11. 2005, sowie 25. 11. 2005
52 Vgl. SZ vom 30. 11. 2005
Doch das ist nur die eine Seite der versuchten Ausgrenzung von Waren. Die andere ist die Ausgrenzung der Ware Arbeitskraft. Menschenmassen wollen in die Hochlohnländer. Letztere treiben keinen geringen Aufwand um diese >Billigarbeiter< draußen zu lassen, bzw. ihnen die Integration äußerst schwer zu machen. In die Schlagzeilen kommt diese Völkerwanderung, bloß wenn dabei einige ihr Leben nahe EU-Grenze lassen. Der Westen errichtet immer höhere Grenzwälle, will „Auffanglager“ errichten. „Die UN-Vertretung in Nairobi schätzt, dass derzeit 18 Millionen Afrikaner auf dem langen Marsch nach Norden sind.“ 53 Doch nicht nur von Afrika auch aus dem Osten kommen Menschen. „Den Andrang aus dem Osten stoppen. Bis zum Mai will Rot-Grün ein Konzept vorlegen, dass Billigjobber von Deutschland fernhalten soll.“ 54 Günstig sind diese Arbeiter, weil sie einen Großteil des hier verdienten Geldes in ihre Heimat schicken. Dabei gewinnt das Geld auf Grund des jeweiligen Wechselkurses an Wert.
Aufstand die erste: die „Überflüssigen“
Trotz all dieser politischen Bemühungen die Menschen so gut es geht in die Arbeitswelt zu integrieren, gelingt dies nicht mehr so gut wie früher: es kommt zu Revolten. Im November 2005 ziehen in Paris Menschen ohne Geld durch die Vororte. Die Unternehmen brauchen diese Menschen nicht, die Arbeitskraft erwerben sie zu günstigeren Preisen an anderen Standorten. Konsequenter weise nennt Ulrich Beck den Aufstand „Revolte der Überflüssigen“. 55
An Hand des Umgangs mit der Krise erfährt man noch mehr über die Denkmuster in denen Staatsdiener und ihr aufgeklärtes Volk diese Revolte wahrnahmen. Denn die Becksche Begründung, ist längst nicht die allgemein anerkannte. Der Grund für die Devianz wird von offizieller Seite in die Individuen hineinverlagert. So wie dem Manager gerne Amoralität zugeschrieben wird, wo er auf Grund der Konkurrenzsituation nicht anders agieren kann, wird von der sozialen Umgebung der Revoltierenden ebenso abstrahiert und in ihnen eine angeborene Neigung zum Aufstand ausgemacht. Diese Individuen revoltieren, weil sie revoltierende Individuen sind. Eine Tautologie dient als Begründung. Das Wesen der Individuen wird in ihrer Erscheinung, die Essenz an der Existenz festgemacht: Ihr Anderssein, ihre Hautfarbe, soll der Grund für den Aufstand sein. All diese irren Begründungen, die hoch komplex sind, da sie
53 SZ vom 5. 10. 2005
54 SZ vom 12. 4. 2005
55 SZ vom 15. 11. 2005
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Mag. rer. soc oec. Martin Scheuringer, 2007, Rationalisierung in der Arbeitswelt - Folgen und Gründe, München, GRIN Verlag GmbH
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