Hauptseminar: ,,Politische Skandale in der westlichen Welt", Sommersemester 2008
Hausarbeit: Theorien des politischen Skandals
Referent: Patrick Wilke
Datum: 08.09.2008
Theorien des politischen Skandals
Verlauf, Besonderheiten und Häufung politischer Skandale in den Medien
2
Inhalt
Einleitung 3
Untersuchungen und Theorien politischer Skandale
6
Bisherige Skandaltheorien und Thompsons Kritik daran
6
Der Verlauf von Skandalen
8
Besonderheiten des mediatisierten Skandals
11
Ungleichheit vor dem Gericht des Skandals
11
Die Häufung von Skandalen
12
Die mediale Initiierung eines Skandals
16
Eigene Überlegungen und Fazit
17
Literatur 20
3
Einleitung
Im Zuge des Hauptseminars ,,Politische Skandale in der westlichen Welt" versucht
die vorliegende Hausarbeit die folgenden Fragen zu beantworten: Kann der medial
vermittelte politische Skandal
1
im Wesentlichen auf eine einfache Formel gebracht
werden? Lassen sich die in der Literatur seit den 80er Jahren getroffenen
Definitionen, Form- und Funktionsbeschreibungen auf konkrete Skandalfälle
2
anwenden?
Die Soziologie
3
untersuchte als erste Wissenschaft intensiver, was ,,die
wissenschaftliche Öffentlichkeit bis in die 1980er-Jahre hinein vernachlässigt" hatte
4
.
Inzwischen hat die historische Forschung den Skandal längst für sich entdeckt. Die
sich mit der Theorie der Skandale befassende Literatur führt das deutsche oder
englische Wort Skandal / scandal auf das griechische Skandalon zurück - was mit
Stellhölzchen (einer Falle) übersetzt werden kann
5
. Über das gotische skanda und
das althochdeutsche scanta deutet sich eine Verwandtschaft mit der deutschen
Schande an, wenn auch dieser Vergleich in der vorliegenden Literatur bisher nicht
gezogen wurde
6
. Im biblischen Kontext war das Skandalon das Hineingeraten in eine
missliche Situation durch Fehltritt oder Sünde
7
.
Über die moralisierenden Aspekte mittelalterlicher Abenteuergeschichten um
Verfehlung und Wiedergutmachung eines Helden erfuhr der Skandal eine narrative
Entwicklung hin zur heutigen Form, in der die einst zur Vermittlung von Moral
erzählten Märchen nun ,in Realitas' per Massenmedien inszeniert werden
8
. Der
1
Burkhardt spricht auch von medialen Skandalen und Medienskandalen, andere von mediatisierten Skandalen.
Medienskandale finden quasi in den Massenmedien statt, werden von diesen inszeniert und unter Umständen auch produziert -
siehe dazu: Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse", Herbert von Halem
Verlag, Köln 2006, S. 112-130.
2
In dieser Arbeit werden mehrere Skandale der westlichen Welt der 20. Jahrhunderts für Vergleiche mit Skandaltheorien
herangezogen, Schwerpunkte liegen jedoch auf den Skandalen um Prostituiertenbesuche und Kokainkonsum des Michel
Friedman und dem Ehrenwort-Skandal Helmut Kohls.
3
King, Anthony: ,,Sex, Money and Power", in: Hodder-Williams, Richard und Ceasar, James (Hg): ,,Politics in Britain and the
United States: Comparative Perspectives", Durham 1986, S. 173-222.
4
Kroh, Jens: ,,Skandale in Deutschland nach 1945", Rezension der gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.
5
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12.
6
Definition von Schande im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. Leipzig: S.
Hirzel 1854-1960. -- Quellenverzeichnis 1971: ,,Schande [...]: als ursprüngliche bedeutung hat man sich wol 'beschädigung' im
allgemeinen zu denken; aber die einschränkung auf die bedeutung 'ehrverminderung' ist bereits vor beginn der überlieferung
vollzogen", Passage entnommen aus: http://germazope.uni-
trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?mode=hierarchy&textsize=600&lemid=GS04282&query_start=1&totalhits=0&t
extword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GS04282L0, Stand 5.9.2008.
7
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12.
8
Beispiel für Heldengeschichten, in denen die Protagonisten ihre charakterlichen, sittlichen oder moralischen Verfehlungen
4
medial vermittelte politische Skandal kann definiert werden als: ,,Ein Normbruch einer
Person oder Institution, die für die Wahrung der Normen steht [...], die Aufdeckung
des Normbruches und eine breite öffentliche Empörung darüber"
9
. Etwas griffiger ist
die Definition von Andrea Mork, ihr zufolge sind Skandale ,,Verfehlungen, die im Zuge
ihrer Enthüllung eine weithin empfundene öffentliche Empörung auslösen"
10
. Für die
weithin empfundene Empörung ist die Vermittlung durch Massenmedien nötig.
Steffen Burkhardt fasst die bisherigen Forschungen zum (Medien)Skandal in
hervorragender und detaillierter Weise zusammen, er beschreibt den mediatisierten
politischen Skandal als ein für die Gesellschaft produziertes Produkt der Medien, in
dem durch Aufdeckung vermeintlicher Fehltritte von Entscheidungsträgern unter Gut-
Böse-Zuschreibungen auf die handelnden Personen ein öffentlicher Diskurs über
systemkonformes Verhalten initiiert wird
11
. John B. Thompson schließlich kritisiert in
,,
Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age"
wesentliche, bestehende
Theorien und synthetisiert aus ihnen eine neue ,,Social Theory of Scandal"
12
. Die
Ausführungen Thompsons sind derartig detailreich, dass selbst eine kurze
Zusammenfassung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Daher beschränkt
sie sich auf Kommentierungen und Einsprüche sowie auf den Abgleich weiterer
einschlägiger Literatur
13
mit als Beispiele geeigneten Skandalen, vornehmlich aus
der BRD.
Thompsons ,,Theorie des politischen Skandals" fokussiert stark auf Reputation und
ausmetzen müssen sind die Geschichten um König Artus und seine Ritter, die nach festgelegtem narrativem Muster erst einen
Fauxpas begehen und diesen dann auf Aventuire-Fahrt wiedergutmachen müssen. Beispiel für ein Märchen, das moralisiert und
seine Protagonisten und deren moralisches Handeln gegeneinander abwägt ist ,,Frau Holle", Beispiel für ein Märchen, in dem
die Protagonistin einen begangenen Fehler unter Strapazen selbst beheben muss, ist ,,Die Sieben Brüder", auch Till
Eulenspiegel sorgte regelmäßig wenn nicht für Skandale, so doch für Aufsehen, öffentliche Entrüstung und unter dem
Deckmantel der Schelmerei hin und wieder für Reflektion über übliche Verhalten und Denkweisen.
9
Bösch, Frank: ,,Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien", in: Bundeszentrale für Politische Bildung,
Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL:
http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand:
16.09.2008.
10
Projektleiterin der Ausstellung ,,Skandale in Deutschland nach 1945", u.a. am 7. Mai im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig,
Zitat aus dem Ausstellungskatalog, S. 16f., zitiert in: Kroh, Jens: ,,Skandale in Deutschland nach 1945", Rezension der
gleichnamigen Ausstellung, in: H-SOZ-U-KULT, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-
berlin.de/rezensionen/id=67&type=rezausstellungen, Stand: 16.09.2008.
11
Diese Definition wurde extrahiert aus Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale zur moralischen Sprengkraft öffentlicher
Diskurse", Herbert von Halem Verlag, Köln 2006, S. 128, 161 und 403.
12
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000.
13
Reiche, Jürgen: ,,Skandal und Medieninszenierung", in: ,,Skandale in Deutschland nach 1945 Begleitbuch zur Ausstellung
im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland,
Bonn 2007; Leyendecker, Hans: ,,Eine kleine Skandalkunde aus Sicht eines Journalisten", in: ,,Skandale in Deutschland nach
1945 Begleitbuch zur Ausstellung im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland", Stiftung Haus der Geschichte
der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2007; Ebbinghausen, Rolf und Neckel, Sighard [Hg.]: ,,Anatomie des politischen
Skandals", Edition Suhrkamp 1548, Neue Folge Band 548, Erste Auflage 1989, Frankfurt Main 1989; Hondrich, Karl-Otto:
,,Enthüllung und Entrüstung. Eine Phänomenologie des politischen Skandals"; Edition Suhrkamp, Originalausgabe, Frankfurt
Main 2002.
5
Vertrauen
14
. Hervorgerufen werden Skandale durch das Abweichen eines Politikers
von seinem expliziten
15
oder impliziten
16
Rollenbild, wodurch Vertrauenswürdigkeit
infrage gestellt wird. Der Skandal beinhaltet demzufolge einen Kampf um ,,symbolic
power"
17
, beziehungsweise um das symbolische, kulturelle, politische und
ökonomische Kapital, woraus die symbolische Macht entsteht. Die Welt der medial
vermittelten Politik kann demnach als ein instabiler Markt gesehen werden, auf dem
die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihre Chancen auf politische Posten gehandelt
werden. Einmal beschädigt, ist Reputation schwer wieder aufzubauen.
Politische Skandale sind demnach für alle Beteiligten gefährlich: Sie können
Reputation und Vertrauen beschädigen oder gar in schlechten Ruf und Misstrauen
umkehren, aus dem so leicht keine Umkehr mehr möglich ist. Sie sind darüber
hinaus gefährlich für das soziale Zusammenleben und die politische Kultur einer
Gesellschaft
18
, denn parallel zur von den Massenmedien suggerierten oder
tatsächlichen Häufung politischer Skandale wächst das Misstrauen der Wähler
gegenüber der derzeitigen Demokratie wenn nicht gegenüber der Demokratie als
geeigneter Staatsform an sich
19
.
Ein Beispiel für verlorenes Ansehen infolge eines Skandals ist der Fall Helmut Kohls.
Dieser hatte sein privates Versprechen, die Geldgeber unrechtmäßiger
Spendenmillionen nicht zu nennen, über das Aufklärungsinteresse der Republik
gestellt. Sein Verhalten ermöglichte nicht nur seine Verdrängung von der Spitze der
CDU, sondern es beschädigte auch sein Image als Politiker der Einheit und Kanzler
aller Deutschen empfindlich. Das Ehrenwort, dass er den in der Anonymität
verbleibenden Spendern gegeben hatte, gereichte ihm in den Augen der Mehrheit
14
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 12.
Zur Symbolischen
Macht siehe auch: Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse", Herbert von
Halem Verlag, Köln 2006, S.133.
15
Explizit ist zum Beispiel das Rollenbild eines Politikers, dessen Verhalten durch Vereidigung darauf festgelegt ist, dem Wohle
von Staat und Volk zu dienen.
16
Ein implizites Rollenbild ist die insgeheim erwartete Vorbildrolle eines Entscheidungsträgers, die in keinem Vertrag oder
Gesetz festgeschrieben ist, jedoch von der Mehrheit der Wähler, Angestellten oder Zuschauer vorausgesetzt und eingefordert
wird.
17
Symbolische Macht ist die "Capacity to use symbolic forms to intervene in an influence the course of actions and events",
siehe dazu: Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 23.
18
Thompson befürchtet, dass ,,a culture of political scandal [...] is likely to produce a culture of growing cynicism and distrust",
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 266 und generell auf den
Seiten 260-271.
19
Seit den 90er Jahren mehren sich Umfrage-Ergebnisse und Medienberichte, die eine steigende Politikverdrossenheit und
Skepsis gegenüber der Demokratie als geeigneter Staatsform anzeigen. Im Internet dazu beispielsweise: http://www.uni-
leipzig.de/journal/0606/vertrauen.html; http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/vertrauen-in-demokratie-schwindet/;
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,562798,00.html; http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/647/90557/;
6
nicht zu Ehren. Hier zeigt sich, der jeder liberalen Demokratie zugrundeliegende
Anspruch auf Transparenz von Politik, die dem Bestreben der Mächtigen nach
Diskretion, Ungestörtheit und manchmal auch Verschleierung diametral
entgegensteht
20
.
Doch ist die Gleichung des Skandals nicht so schlicht sie muss weder immer noch
maximal zu Imageverlust oder rechtlichen Konsequenzen führen. Im Skandal ist oft
neben der Schwere des Vergehens auch die zugrundeliegende Verletzung der Werte
und Normen sowie die damit verbundene oder ausbleibende öffentliche Empörung
essentiell
21
. Dies zeigt sich am Fall Helmut Kohls, der die seiner Partei durch sein
Vergehen entstandenen Schäden mit Millionen beglich, die er unter anderem in einer
privaten Spendenaktion unter seinen weiterhin treuen Anhängern sammeln konnte.
Das belegt, dass Kohl trotz des Skandals noch treue Anhänger hatte, die entweder
sein Verhalten billigten oder seine politischen Leistungen über seine Verfehlungen
stellten. Was dieser Skandal sehr deutlich zeigte, waren die Optimalbedingungen
eines Skandals: Vergehen, Öffentlichmachung, Eingeständnis und
Parteiübergreifende, landesweite Empörung
22
.
Untersuchungen und Theorien politischer Skandale
Bisherige Skandaltheorien und Thompsons Kritik daran
Der Keine-Konsequenz-Ansatz sieht den Skandal als Basar der Meinungen, das
Auftreten plötzlicher Entrüstung, gefolgt von schnellem Abflauen, wobei
nennenswerte Folgen ausblieben
23
. Lediglich die Medien profitierten von
Auflagensteigerungen und feuerten daher die Skandale an. Thompson widerspricht
hier, denn es gibt gewichtige Gegenbeispiele für diese Sichtweise, und bei vielen
Skandalen wird die für Politisches Handeln wichtige Reputation der Beteiligten
geschwächt.
20
Siehe dazu: Burkhardt, Steffen: ,,Medienskandale zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse", Herbert von Halem
Verlag, Köln 2006, S. 123.
21
Siehe dazu: Bösch, Frank: ,,Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien", in: Bundeszentrale für Politische
Bildung, Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL:
http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand:
16.09.2008.
22
Siehe dazu: Bösch, Frank: ,,Politische Skandale in Deutschland und Großbritannien", in: Bundeszentrale für Politische
Bildung, Publikationen, Aus Politik und Zeitgeschichte, ApuZ 7/2006, URL:
http://www.bpb.de/publikationen/RPK2EJ,4,0,Politische_Skandale_in_Deutschland_und_Gro%DFbritannien.html, Stand:
16.09.2008.
23
Thompson, John B.: ,,Political Scandal. Power and Visibility in the Media Age", Cambridge 2000, S. 234f.
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