Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Plan der Arbeit 3
2. Einleitung 4
3. Darstellender Teil der Tiergestalten „Fuchs“ und „Wolf“ im R. d. R. 5
3.1. Der Fuchs. 5
3.2. Der Wolf 7
3.3. Das Verhältnis zwischen Fuchs und Wolf im R. d. R. 8
4. Kritischer Teil 10
4.1. Der kritische Vergleich der Tiergestalten des Fuchses und des Wolfs im Roman de
Renart mit ihrem Auftreten in russischen Märchen. 10
4.1.1. Der listige Fuchs. 10
4.1.2. Der Wolf 12
4.1.3. Die Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf 13
4.1.4. Das Bündnis zwischen Fuchs und Wolf 13
5. Schlussfolgerung 14
6. Literaturverzeichnis. 16
a. Primärliteratur. 16
b. Sekundärliteratur 16
Anhang 1 17
2
1. Plan der Arbeit
Die vorliegende Arbeit hat im Rahmen des Seminars „ Mittelalterliche Tierpik: Der Reinhart Fuchs des Elsässers Heinrich“ zum Ziel, die Tiergestalten von Fuchs und Wolf darzustellen und zu analysieren. Die zu behandelnden Themenbereiche sind: das französische Tierepos Roman de Renart (im Folgenden R. d. R.) und die Volksmärchen aus der russischen Tierdichtung. Mit dieser Arbeit soll ein Überblick über die Gemeinsamkeiten und (die wenig vorhandenen) Unterschiede der Fuchs- und Wolfgestalten in der Fuchsliteratur von Frankreich und Russland gegeben werden. Im darstellenden Teil der Arbeit wird eine kurze Charakterisierung der beiden Charaktere und ihr Verhältnis zu einander zwischen dem R. d. R. und den Märchen gegeben. Im darauffolgenden kritischen Teil soll es versucht werden, in Anlehnung an den darstellenden Teil, die Tiergestalten „Fuchs“ und „Wolf“ des R. d. R. und der russischen Volksmärchen, sowie ihre Verhältnisse zwischen einander, die Feindschaft und das Bündnis, zu analysieren und zu vergleichen. Es soll auch untersucht werden, wie weit die Darstellung der Tiergestalten im Epos mit der in den russischen Märchen übereinstimmt und wie weit die Darstellung der beiden Haupthelden im R. d. R. mit der in Märchen „Der Fuchs und der Wolf“, „Der Fuchs und der Hase“ und „Der Kloß“ (Siehe Anhang 1) sich von einander unterscheiden. Anschließend wird noch ein zusammenfassender Überblick über die erzielten Ergebnisse gegeben.
Für die Untersuchung wurde die Ausgabe 1 des französischen Tierepos von Jauss H. und Köhler E. hinzugezogen, welche in 26 Branchen die vielen Erzählungen des R. d. R. in sich vereinigt und die drei oben genannten russischen Märchen aus der Ausgabe 2 der russischen Volksmärchen von A. N. Afanasev - der wie die Brüder Grimm Märchen gesammelt und diese anschließend veröffentlicht hat - in der deutschen Übersetzung von Werner Grimm.
1 Jauss, Hans Robert und Köhler, Erich (Hrsg): «Le Roman de Renart». München: Fink. 1965.
2 Afanasev, A. N.: Russische Volksmärchen. Übertr. von Werner Grimm. Hrsg. von Imogen Delisle-Zupffer.
Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Insel-Verl., 1990. 274-276, 341-345.
3
2. Einleitung
Das Erzählen von und mit Tieren geht auf eine lange Tradition zurück. Schlägt man eine Anthologie mit Tiergeschichten auf, so stellt man fest, dass namhafte Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu allen Zeiten vor allem Hund und Katze, Fuchs und Wolf, aber auch allen erdenklichen anderen Tierarten Erzählungen, manchmal auch ganze Romane gewidmet haben.
Der höchste Reiz aller Tierdichtung ist die Verschmelzung des menschlichen mit dem tierischen Element, das zugleich die Grundbedingung für die Tiersage darstellt, die ohne diese Verschmelzung der beiden Elemente undenkbar wäre. Die handelnden Tiere sind deshalb mit Sprache und Vernunft ausgestattet. Schon in den Tiermärchen wurde den Tieren Sprache und Vernunft verliehen; es ist für die Märchendichtung ein wesentliches Charakteristikum, die Naturgestände zu beleben. Deshalb sind die Tiere mit der Sprache ausgestattet, die uns verständlich ist. Dazu sagt Class 3 : „Die Tiere teilen mit den Menschen eine Reihe physischer Affekte; sie haben in der Tat eine Sprache, sie besitzen die Gabe, sich unter einander zu verständigen […], nur dass an der Stelle dieser tierischen, dem Menschen unverständlichen Sprache die menschliche gesetzt wird, ist eine Illusion, die über die natürlichen Verhältnisse hinausgeht“. Die Übertragung der menschlichen Sprache auf die Tiere findet sich in verschiedenen Märchen wieder. So fängt manches Tiermärchen an, sei es ein deutsches, französisches oder ein russisches: „ Es war einmal, als die Tiere noch sprachen“. Schon seit alten Zeiten hat sich der Mensch aufmerksam auf die Tiere gemacht, die äußerlich so anders waren, aber sie verfügten, wie der Mensch selbst, über Vernunft und Charakter. Der Mensch wunderte sich darüber, dass viele Arten von Tieren eine soziale Organisation haben, die der des Menschen gleicht - die Tiere leben wie Menschen in Kollektiven, haben ihre Führer. Aus solchen Beobachtungen hatte der Mensch den Eindruck, dass die Tiere „Menschen“ sind: Sie können mit einander sprechen, einander verstehen, heiraten, auf die Jagd gehen. Solche Glauben wurden in den Tiergeschichten verkörpert, in denen man der Fantasie und Kreativität Flügel geben könnte. Deshalb führen die Tiere in den Tiergeschichten Dialoge, können zusammen leben, einander besuchen, einander helfen.
Der obige Überblick soll aber demonstrieren, dass im Epos, wie auch in Märchen, den Tieren eine gewisse Vernunft zugeteilt wird. Gewiss nicht mit Unrecht, denn je mehr man selbst in die stets neuen und merkwürdigen Erscheinungen des Tierlebens eindringt, umso
3 Class, H.: Auffassung und Dargestellung der Tierwelt im französischen Roman de Renart. Tübingen:
Schnürlen, 1910. S. 38.
4
mehr kommt man dazu, dass die Tiere denken, wollen und empfinden wie Menschen. Durch die Ausstattung der Tiere mit der menschlichen Sprache werden ihnen zugleich auch die menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben. In dieser Arbeit möchte ich mich jedoch auf das Themenfeld der tierischen Gestalten von Fuchs und Wolf konzentrieren.
3. Darstellender Teil der Tiergestalten „Fuchs“ und
„Wolf“ im R. d. R.
3.1. Der Fuchs
Der Fuchs ist der Hauptheld des Epos R. d. R. und kommt darin sehr ausführlich zur Darstellung. Eine ausführliche Beschreibung der äußeren Gestalt des Fuchses finden wir in der Schilderung des Hahns namens Pointe gegenüber. Der Fuchs hat ein rotes Fell, das am Bauch und Hals weißlich ist; sein spitz auslaufender Kopf hat kräftige, spitze Zähne: Que ne sai quel veneit D'os estoit fete l'orleüre,
Qui un ros pelicon vestoit, Tote blance, mes molt ert dure;
Bien fet sanz cisel et sanz force: La chavesce de travers fete,
Sil me fesoit vestir a force. Estroite, qui molt me dehaite. II 195
Die kleine Körpergestalt des Fuchses befähigt ihn nicht zu Gewaltstreichen, ist ihm aber auf seinen Schleichwegen dienlich: „Que si petiz homs con je sui
De Force et de cors autresi“ XVI 761
Unter den körperlichen Eigenschaften des Fuchses wird besonders sein rascher Gang hervorgehoben: Iloc furent li chen lasse
Recraant s'en tornent arere. II 830
Der Fuchs ist ein großer Liebhaber des Waldes: Hier fühlt er sich geborgen, hierher zieht er sich zurück, wenn er verfolgt wird:
5
Et Renart vers le bois se tret
Que il aimoit plus que le plein. IX 732
Der Winter ist für den Fuchs die schlimme Jahreszeit; diese Zeit verbringt er in seiner Höhle, nur äußerste Not treibt ihn ins Freie: Et yver revient en saison Que molt at l'iver mal souffert. XVII 14.
Et Renart fu en sa maison. III 3
In der Höhle des Fuchses spielt sich ein ganz idyllisches Familienleben ab. Mit Sehnsucht wird der Fuchs erwartet, äußerst herzlich wird er begrüßt: Si vint a son chastel tout droit Encontre lui sailli d'espouse,
Ou sa maisnie l'atendoit Hermeline la jone touse,
Qui aset avoit grant mesese... Qui mouls estoit courtrise et franche. III 149
Der Fuchs ist ein Fleischfresser. Geflügel gehört zu seiner Lieblingsspeise, schon beim Anblick von Geflügel zittert er:
Volontiers gelines manjoje Jes tuoie par traison
En ces haies, ou je trouvoie. Ses mangoie conme gloton. VIII 116
Den Vögeln gegenüber wendet der Fuchs immer eine besondere List an, er stellt sich tot, um sie auf diese Weise zu überraschen. So findet man ihn schwer verwundet mit gähnendem Rachen im Graben. Zwei Aasvögel bemerken den anscheinend toten Fuchs und wollen sich gütlich tun an dem Leichnam. Ahnungslos fliegen die Krähe und der Rabe auf den vermeintlichen Leichnam zu. Der Rabe hackt schon in das Fleisch des Fuchses, da schnappt dieser nach ihm: Et Renart a gete les danz: Que il li a loquee toute
Si le prist par la les et tret Et la cisse empre le cul route. XVII 1446
A soi si con l'escrit retret,
Eine beabsichtigte List ist dieses Sichtotstellen im Abenteuer, wo der Fuchs die Krähe sieht und beschließt sie zu betrügen. Er lässt sich wie tot umfallen, legt sich auf den Rücken, streckt die Beine in die Luft und lässt die Zunge zum weit geöffneten Rachen heraushängen:
6
Cum il la vit, et il s'apense Lors se laisse chaoir sovin
Que il en fera grant engrin. Le dos desoz, les piez desus,
La lamgue traite, n'i ot plus. XIII 865
Nicht nur Aasvögel gegenüber wendet der Fuchs diese List an, sondern alle möglichen Tiere sucht er damit zu betrügen. So überlistet er in seinem Kampf mit dem Wolf, dem Hund und dem Hahn durch seine Gegner, dass er wie tot liegen bleibt und so sein Leben rettet. Selbst Menschen übertölpelt er durch diese List (Fischdiebstahl). Von der Beute, die der Fuchs unter den gefiederten Tieren macht, kann er nicht leben; er frisst auch andere Tiere, z. B. Fische: „Moult par en menja volentiers,
Onques n'i quist ne sel ne sauge“ III 88
Der Fuchs wird immer mehr Phantasiegebilde, so dass von seiner eigentlichen Tiernatur wenig übrig bleibt. Dies lässt sich in seinem ganzen Auftreten konstatieren: Er ist bekleidet VI 67, morgens wäscht er sich XIII 1527, er lässt sich sogar rasieren VII 897, er ist ein gewandter Reiter XI 1529, auf seinen Raubzügen tritt er seinen Gegnern als wohl bewaffneter Ritter entgegen, die Enten fängt er kunstgerecht mit dem Falken XI 1572.
3.2. Der Wolf
Der Wolf nimmt neben dem Fuchs als dessen Gegenspieler die bedeutsamste Stelle ein und doch ist er nicht annähernd mit der gleichen Sorgfalt gezeichnet wie der Fuchs. Nur mit Mühe lässt sich aus dem Wirrwarr der Branchen die Gestalt des Wolfs herausschälen: Die ganze Zeichnung ist in Anlehnung an die Gestalt seines Gegners, des Fuchses, vorgenommen.
Der Wolf ist ein starkes Tier mit kräftigen Schultern und starkem Rückgrat; er ist stärker als der Fuchs:
Qar Ysengrin est fors et cras. I 2331 Renart n'iert pas de tel puissance
Coume Ysengrin.[...] VI 831
Die Zähne des Wolfs sind spitzer als die des Fuchses: Mais denz a un pou plus agües
Que Renars et plus esmoulües. VI 1253
7
Ist der Wolf auch stärker als der Fuchs, so ist er doch ein gut Teil dümmer: Ge connois tant les arz Renart: Honte et damaje que vos lui. I 260
Plus tost vos puent il fere ennui,
Als hervorstechende Eigentümlichkeit des Wolfs gilt seine Fleischgier. Wittert er Fleisch, so zittert er am ganzen Körper vor Gier. Sein größter Wunsch ist, sich den Wanst mit Fleisch zu füllen: Li lechierres fremist et tremble,
De lecherie esprent et art: III 253
Er hat immer Hunger - je mehr er frisst, desto hungriger wird er: CarCar par foi, ge ai si grant fein,
Ne mangai hui ne char ne pain. XIV 247
Hat er eine Beute gefunden, so frisst er sich voll, dass er nicht mehr gehen kann: Tant manga Primaus des balcons
Qu'il fu ausi gros conme lons. XIV 697
Die List des Sichtotstellens wendet der Wolf einmal an, um sein Leben zu retten, und dann, um die Kaufleute, die mit sich Fische führen, zu betrügen: Ileques fait semblant de mort. IV 430
3.3. Das Verhältnis zwischen Fuchs und Wolf im R. d. R.
Das Verhältnis des Fuchses zum Wolf ist ein durchaus feindliches, sie bekriegen sich gegenseitig: Une partie de l'estoire Guerroierent jusq'en la fin. X 5
Si con Renart et Ysengrin
Ziehen die Beiden miteinander aus, so ist der Fuchs der üble Berater des Wolfs. Erst in späteren Branchen wird der Fuchs der Freund des Wolfs:
8
Je n'ai mes cure de deport
Quant je mon conseiller ai mort. V 51
Der Wolf in seinem Verhältnis zu dem Fuchs ist immer der nichts ahnende, dumme Geselle, der plump hereinfällt auf alle Anschläge des Fuchses. Trotz der vielen Schandtaten, die der Fuchs ihm zugefügt, vertraut der Wolf ihm immer wieder, ja er liebt seinen „Berater“, seinen Feind: James n'iere vers lui iros Ainz voeil que mes bons conpainz soit. XVI 830
Jour que la vie et cors me soit,
Der Wolf vertraut auf seine Körperstärke und lässt die nötige Vorsicht außer Acht. Genau diesen Zug findet man wieder in seinem Kampf mit dem Fuchs; er ist der wilde Draufgänger, der im Bewusstsein seiner Kraft losschlägt und den klug angelegten Scheinabgriffen des Gegners erliegt: Jsnelement li recort sore. VI 1210
Immer wieder wird er vom Fuchs hineingelegt, schließlich bekommt er Angst vor ihm: Paour ai, si je li disoie, Que en lui a maleicon. XVI 1454
Qu'il ne m'encusast au lion,
Als er sich gegen die Anschläge des Fuchses nicht mehr schützen kann, will er sein Recht beim König, dem Löwen, suchen; er wird der Ankläger des Fuchses. Doch auch auf diese Weise kommt der Wolf nicht zu seinem Recht; auch am Hofe muss er unter den hinterlistigen Abmachungen des Fuchses mit dem König leiden (X 1547). Im Weiteren soll versucht werden, in Anlehnung an den darstellenden Teil, den Tieren im Epos zugeschriebenen Eigentümlichkeiten mit denen im Märchen festzustellen und zu vergleichen.
9
4. Kritischer Teil
4.1. Der kritische Vergleich der Tiergestalten des Fuchses und des Wolfs im Roman de Renart mit ihrem Auftreten in russischen Märchen
4.1.1. Der listige Fuchs
In russischen Märchen ist der Fuchs weiblich. Der Fuchs hat viele Spitznamen: „lisizakrasaviza“ (der schöne Fuchs), „lesička-sestrička“(Schwesterchen Füchsin), „lisa lukava“ (der listige Fuchs), „lisa Patrikeevna“ (der Fuchs+Vatername), matushka-lisiza (Mütterchen Füchsin). Wie im R. d. R. so auch in russischen Volksmärchen wendet der Fuchs eine besondere List an, er stellt sich tot. Im Epos lassen sich zwei Arten dieser List unterscheiden. Einmal wendet er sie gegenüber Vögeln an, um sie als Beute zu erhalten, dann aber stellt er sich tot, um andere Tiere zu betrügen und so sein Leben zu retten. Zunächst zur ersten Art, zu der List des Sichtotstellens gegenüber der Vögeln und später gegenüber den anderen Geschöpfen. Im Märchen „Der Fuchs und der Wolf“ (siehe Anhang 1) finden wir die List des Sichtotstellens: „Der Alte steigt vom Schlitten, geht dicht an den Fuchs heran, der aber regt sich nicht, liegt da wie tot.“ Der Fuchs legte sich auf den Boden und blieb starr liegen, um den Mann anzulocken und ihm dann die Fische zu stehlen: „Da begriff der Alte, dass der Fuchs gar nicht tot gewesen war.“ 4 In diesem Fall wendet der Fuchs seine List gegenüber dem Menschen an. Auch im R. d. R. greift der Fuchs nach der List gegenüber den Menschen gegenüber, aber im Unterschied zum Märchen, wo ein einzelner Mann den Wagen leitet, treten dem Fuchs zwei Kaufleute entgegen ( IX 524). Die Art der Überlistung der Wagenführer ist im Märchen und im Epos die gleiche, nur schildert das Epos ausführlicher. Wie im Märchen wirft der Fuchs einen Fisch nach den anderen herunter und frisst sich voll. Die beiden Grundmotive des Märchens, das Sichtotstellen, um auf den Wagen zu gelangen, und das `Stehlen der Fische` sind im R. d. R. ebenfalls vorhanden.
In diesem Märchen kommt vor, dass die List des Fuchses auf den Wolf übertragen wird. Der Fuchs stellt sich krank um den Wolf zu überlisten und um aus dem Abenteuer unbeschädigt herauszukommen: „Der Fuchs aber klagt: "Ach! Gevatter! Dir fehlt der Schwanz, dafür aber ist dein Kopf noch ganz. Mir aber haben sie den Kopf zerschlagen: sieh - wie mir das Gehirn herausquellt! Kaum kann ich mich noch auf den Beinen halten" 5 .
4 Afanasev, A. N.: Russische Volksmärchen. Übertr. von Werner Grimm. Hrsg. von Imogen Delisle-Zupffer.
Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Insel-Verl., 1990. S.275
5 Ebd Seite 275
10
Im R. d. R. stellt sich der Fuchs gegenüber den Raben krank, tut, als könne er sich nicht bewegen. Der Rabe lässt sich betören (II 967-987).
Der Fuchs nutzt mit Hilfe seiner List die Schwachstellen seiner Gegner aus, um stets als Sieger hervorzutreten. Man wundert sich nur, wie der Fuchs die listigen, passenden Worte seinem „Opfer“ gegenüber in den Mund legt für seine Absichten zunutze. Im R. d. R. kennt der Fuchs die Kunst, Fische mit dem eigenen Schwanz zu fangen (III 390), wobei in dem Märchen „Der Fuchs und der Wolf“ findet wir die Stelle, wo der Fuchs dem Wolf eine genaue Anleitung gibt, wie man die Fische mit dem Schwanz fängt: „Geh mal, Gevatterlein, zum Fluss hinab, hänge den Schwanz ins Eisloch, sitz ganz still und sprich nur immer vor dich hin: "Fangt euch, Fischlein, groß und klein - fangt euch, Fischlein, groß und klein!" 6
In russischen Märchen tritt der Fuchs mit geistig hervorstehenden Eigenschaften hervor, die ihm seine körperliche Schwäche ersetzten sollen. Die folgende Stelle aus dem Märchen „Der Kloß“ ist ein anschauliches Beispiel dafür: "Wie schön du singst!", sagt da der Fuchs, "leider hör ich nicht so gut. Setz dich doch auf meine Schnauze, Kloß, und sing das Liedchen noch einmal vor, nur etwas lauter“ [...]" 7 Da sagt der Fuchs: "Kloß, lieber Kloß, setz dich doch auf meine Zunge und sing dein Lied zum letzten Mal!“ 8 . Im Märchen „Der Fuchs und der Hase“ tritt der Fuchs ebenfalls als Schlaumeier auf, der wieder weiß seine List einzusetzen, indem er den Hasen aus dem eigenen Haus treibt und sich selbst dort einsiedelt: „Da kam der Fuchs zum Hasen, bat ihn erst um ein Nachtlager und warf ihn dann aus seinem Häuschen hinaus.“ 9
Im Märchen tritt der Fuchs als alleinstehende Persönlichkeit ohne Frau und Kinder auf. Im R. d. R. wird der Fuchs dagegen als musterhafter Ehemann hingestellt, der liebreich für seine Familie sorgt (III 149, XII 7-13).
Der Vergleich der Gestalt des Fuchses im Märchen mit der im Epos zeigt, dass das Bild, das man vom Fuchs im Epos erhalten hat, ist vollständiger und ausführlicher als im Märchen. Im Märchen erlebt der Fuchs nicht so viele Abenteuer mit phantastischen Einschlägen, in die er im R. d. R. ersetzt wird. Im Märchen bleibt der Fuchs eher als ein tierisches Wesen, allerdings auch mit phantastischen Einschlägen, die aber nicht so weit wie im Epos kommen. Das Gemeinsame ist, dass der Fuchs sowohl im Märchen als auch im R. d. R. nicht mit starken körperlichen Waffen ausgerüstet ist, sondern seine Waffen sind List und Schlauheit, welche ihn auf Schleichwegen zum Ziel führen.
6 Ebd Seite 275
7 Ebd Seite 343
8 Ebd Seite 343
9 Ebd Seite 341
11
In russischen Märchen wird die äußerliche Gestalt des Fuchses nicht so ausführlich dargestellt, wie im R. d. R.
Im R. d. R. entspricht das Bild des Fuchses durchaus der Wirklichkeit: die schlanke Körpergestalt, der spitz auslaufende Kopf, das schöne Rot des Fells, das am Hals und Bauch in ein helles Weiß übergeht 10 . Das russische Märchen schweigt über alle Einzelheiten der äußeren Gestalt des Fuchses. Das Märchen schildert die äußere Eigentümlichkeiten der Tiere nicht detailliert, sondern setzt die Tiere als bekannt voraus und führt den Leser direkt in die Handlung ein. Es liegt ebenso daran, dass es dem Märchen in der Kürze der Darstellung unmöglich ist, diese Einzelheiten zu beschreiben. Für das Epos ist es notwendig sich in Einzelheiten zu ergehen um das Interesse an den phantastisch geschilderten Einzelabenteuern wach zu halten.
4.1.2. Der Wolf
Bei einer rein äußerlichen Betrachtung fällt auf, dass der Wolf nicht so ausführlich beschrieben wird wie der Fuchs. Und doch spielt er neben dem Fuchs die Hauptrolle sowohl im R. d. R., als auch in russischen Märchen. Jedoch die im Epos beinhalteten, wenigen Bemerkungen über die äußere Körpergestalt und die Eigenschaften des Wolfssein graues Fell, seine bei Nacht leuchtenden Augen (I2331, VI 831) - fehlen dem Märchen gänzlich. Trotz seiner riesigen Körperstärke ist der Wolf ein äußerst scheues, feiges Tier - sein Mut steht in gar keinem Verhältnis zu seiner Kraft. Die Menschen fürchtet er und flieht: [...] „der Wolf zog und zerrte, riss sich schließlich den Schwanz ab und suchte das Weite.“ 11
Im R. d. R. tritt der Wolf ebenfalls als Feigling auf immer dann, wenn er sich vor den Menschen fürchtet. (V 87).
Im Epos führt der Wolf ein Familienleben in seiner Höhle (II 1044). Das Märchen dagegen spricht nie von einer Wolfshöhle oder von dem Familienleben. Im Märchen tritt der Wolf, wie der Fuchs, als alleinstehend auf.
Sowohl im Epos, als auch im Märchen, wird der Wolf vom Hunger getrieben. Er kennt keinen größeren Wunsch als sich den Wanst mit Essen zu füllen. „Die Diagnose seines Verhaltens lautet also auf Hypertrophie des Magens und Atrophie des Gehirns“ 12 Aus dieser Tatsache resultiert die dumme Verhaltensweise des Wolfs: er lässt sich betrügen
10 Reinhart Fuchs 367: diu kel was im wiz als ein sne.
11 Afanasev, A. N.: Russische Volksmärchen. Übertr. von Werner Grimm. Hrsg. von Imogen Delisle-Zupffer.
Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Insel-Verl., 1990. S. 276
12 Strukturen und Interpretationen. Studien zur deutschen Philologie. Hrsg. Von Alfred Ebenebauer, Fritz
Peter Knapp und Peter Krämer. Wien: Wilhelm Baumüller Universitäts-Buchhandlung 1974 (Philologica
Germanica 1), S. 239.
12
und gerät in die vom Fuchs gestellte Falle, wie uns der Beispiel mit dem Fischfang sowohl im Epos als auch im Märchen zeigt.
4.1.3. Die Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf
Die ewige Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf ist die Grundidee des Epos. Auch im Märchen stehen sie sich als Gegner gegenüber dem Fuchs, der immer listige und verschlagene Spitzbube, betrügt den starken, ungestümen, aber dummen Wolf. Im Fuchs ist somit List und tückische Verschlagenheit verkörpert, während der Wolf der Vertreter der riesigen Körperkraft und der geistigen Minderwertigkeit ist. Im Märchen „Der Fuchs und der Wolf“ gibt der Wolf dem Fuchs an Schlauheit, List, Verschlagenheit und Vorsicht nach. Die Handlung des Fuchses dem Wolf gegenüber ist feindlich. Das Motiv des Hungers ist hier mit der von Fuchs feindlichen Handlung verbunden. Die Gier des Wolfs, sein Wunsch, in dem von Fuchs geschilderten Fischmengen seinen ewigen Hunger stillen zu können, das war, was ihn ließ, den Schwanz ins Eisloch zu stecken und somit zu erfrieren. Seine Gier bringt ihn ins Unglück, er verliert seinen Schwanz und wird geschlagen.
Im R. d. R. fällt der Wolf ganz plump auf alle Anschläge des Fuchses herein(;). Das gesamte Handeln des Fuchses und des Wolfs ist auf der Dummheit des Wolfs aufgebaut, der immer wieder dem Fuchs sein Vertrauen schenkt und ihn um Rat fragt. Infolge seiner geistigen Minderwertigkeit fällt der Wolf ganz in die ruchlosen Hände des Fuchses, gegen dessen Anschläge er sich nicht mehr zu helfen weiß. Dafür spricht die Stelle, wo der Wolf vor Hunger den Fuchs fordert ihm Fleisch zu verschaffen. Durch ein enges Loch dringen beide in ein mit Fleischvorräten gesegnetes Haus ein und fressen sich voll. Der Wolf hat sich so vollgefressen, dass er beim Versuch aus dem Keller wegzugehen in dem Loch stecken bleibt. Der Fuchs versucht den Wolf herauszuziehen, tut dies aber mit solcher Gewalt, dass der Wolf von Schmerzen brüllt. Der Fuchs entflieht. Auf das Gebrüll hin erscheint der Hausherr. Der Wolf beist ihn und entflieht (XIV 635). Trotz allem, was dem Wolf sein heimtückischer Geselle hinzufügt, bleibt der Wolf vollkommen ungewitzt und erfahrungslos, dass er jedes Mal hoffnungslos unterliegt. Er kommt stets als Opfer von Fuchs` Handlungen.
4.1.4. Das Bündnis zwischen Fuchs und Wolf
Im Märchen „Der Fuchs und der Wolf“ sucht der Fuchs das Bündnis zum Wolf, nachdem der Wolf seinen Schwanz im Eisloch abgerissen hat und beabsichtigtseine Wut auf den Fuchs loszulassen und diesen zu rächen. Da kommt die füchsische Schläue wieder ins
13
Spiel, in dem der Fuchs der Wut seines Angreifers durch ein Bündnis mit diesem entgehen will. Doch schon während seines Vorschlages, ein Bündnis einzugehen, ist der Fuchs dem Wolf gegenüber nicht aufrichtig. Er stellt sich krank vor, nennt den Wolf seinen „Gevatter“ um die physische Stärke des Wolfs zu seinem Nutzen zu gebrauchen und wieder als Sieger vorzutreten: „Der Fuchs setzt sich dem Wolf auf den Rücken, und der trägt ihn davon. So reitet der Fuchs auf dem Wolf, dabei singt er leise vor sich hin: "Der Geprügelte trägt den Ungeprügelten“ 13 .
Im R. d. R. wird der Fuchs erst in späteren Branchen zum Freund des Wolfs (V 51), sonst ist das Verhältnis der Beiden ein durchaus feindliches (XXII 651), worauf ich schon in dem darstellenden Teil der Arbeit ausführlicher eingegangen bin.
5. Schlussfolgerung
Die Resultate, die aus der vorgenommenen vergleichenden Untersuchung der Tiergestalten des französischen Epos und der russischen Märchen entnommen werden können, sind folgende:
Die Haupthandlungsträger des R. d. R. und der russischen Volksmärchen sind der Fuchs und der Wolf.
De Fuchs kommt immer als Sieger vor, der Wolf - als Verlierer. In den einzelnen Abenteuern des R. d. R. sind der Fuchs und der Wolf, im Vergleich zu dem Märchen, wesentlich ausführlicher dargestellt. Vor allem der Fuchs, als Hauptheld des Epos, wird darin mit einer überraschenden, bis ins Einzelne gehenden Genauigkeit wiedergegeben. Dieser Spitzbube trifft vor unseren Augen mit all den Schlichen und Tücken seines Räuberlebens.
Sowohl im Epos, als auch im Märchen, verhält sich der Fuchs feindlich zu seinem Gegenspieler, dem Wolf, der in seinem Grundcharakter als ein dummes Tier dargestellt wird. Es wurde, wohl mit Absicht, zu einem dummen Tier gemacht, um in den Einzelheiten in möglichst schroffen Gegensatz zum Fuchs zu treten, der den Typus eines listigen und gewandten Tiers vertritt.
13 Afanasev, A. N.: Russische Volksmärchen. Übertr. von Werner Grimm. Hrsg. von Imogen Delisle-Zupffer.
Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Insel-Verl., 1990. S.276
14
Ebenfalls von Interesse wäre sicherlich der Vergleich mit dem mitteldeutschen Epos „Reinhart Fuchs“ des Heinrich Elsässers. Eine Analyse Szenen des „Reinhart Fuchs“ und seine Aspekte würden eine noch genaue Differenzierung der bereits herausgearbeiteten Charakterzüge des Fuchses und des Wolfs ermöglichen.
15
6. Literaturverzeichnis
a. Primärliteratur
Afanasev, A. N.: Russische Volksmärchen. Übertr. von Werner Grimm. Hrsg. von Imogen Delisle-Zupffer. Orig.-Ausg., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Insel-Verl., 1990. 274-276, 341-345.
Class, H.: Auffassung und Darstellung der Tierwelt im französischen Roman de Renart. Tübingen: Schnürlen. 1910.
Jauss, Hans Robert und Köhler, Erich (Hrsg): «Le Roman de Renart». München: Fink. 1965.
b. Sekundärliteratur
Büttner, H.: Die Überlieferung des Roman de Renart. Strassburg. 1891. Büttner, H.: Studien zu dem Roman de Renart und Reinhart Fuchs. I. Heft. Die Überlieferung des Roman de Renart und die Handschrift O. Strassburg: Verl. von Karl J. Trübner. 1891.
Jauss-Meyer, H.: Le Roman de Renart. Übers. und eingel. von Helga Jauss-Meyer. München: Fink. 1965.
Leo, U.: Die erste Branche des Roman de Renart nach Stil, Aufbau, Quellen und Einfluss. Göttingen. 1917.
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Tatiana Orlova, 2008, Der Fuchs und der Wolf - Zur Darstellung von Fuchs und Wolf in "Roman de Renart" und in russischen Volksmärchen., München, GRIN Verlag GmbH
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