Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre
Verfasserin: Suzie Bartsch
Studienfächer: Germanistische Linguistik/Französisch (Magister) Semesterzahl: 5. Fachsemester
Lehrveranstaltung: Proseminar Landeskunde Frankreich (1958-1996)
Semester: Wintersemester 1996/1997
Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre
Suzie Bartsch
Humboldt-Universität zu Berlin
Wintersemester1996 /1997
INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS 3
0. VORREDE 4
1. WER IST ANDRÉ MALRAUX? 5
2. KULTURPOLITIK UNTER MALRAUX 8
2.1 Aufgaben und Aktionsbereiche des ersten französischen Kultusministeriums 8
2.2 Kulturkonzept 9
2.3 Die Ära Malraux in Zahlen und Fakten 11
2.3.1 Ausstellungen 11
2.3.2 Staatliche Fonds und Kredite 11
2.3.3 Denkmalschutz und -pflege 12
2.3.4 Kulturgutpflege und -bereicherung 13
2.3.5 Die Maisons de la Culture 14
2.3.5 . a) ORGANISATORISCHES 14
2.3.5. B) DAS KONZEPT 14
2.3.5. )C ERGEBNISSE 15
2.3.6 Die „planification nationale“ und die „programmation des équipements publics 16
2.4 Gesamtbilanz der Ära Malraux 17
2.4.1 Die Freiheit der Künstler 17
2.4.2 Kulturelle Dezentralisierung und Demokratisierung 18
2.4.3 Kulturpolitik Prestigepolitik? 20
3. BIBLIOGRAPHIE 23
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Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre Suzie Bartsch Humboldt-Universität zu Berlin Wintersemester1996/1997
0. VORREDE
Einige Tage bevor der General Charles de Gaulle am 1. Juni 1958 zum
französischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, hatte er einen Mann mit bewegter Vergangenheit aufgefordert, ihn bei einer wichtigen Mission zu unterstützen. Die Mission lautete: „refaire la France“ (Lacouture 1973: 358). Der Mann war der Schriftsteller André Malraux, der vom 8. Januar 1959 bis zum Rücktritt de Gaulles am 28. April 1969 das Amt des ersten französischen Kultusministers bekleiden sollte. Über zehn Jahre lang war Malraux Mitglied der V.-Republik-Regierung. Eine zehn Jahre währende „traversée du désert“ (Chirac 1996), während derer Malraux sich dem Regime und der Person de Gaulles gegenüber so treu ergeben erwies, daß Letzterer in seinen Memoiren schreiben sollte:
„À ma droite, j’ai et j’aurai toujours André Malraux. [...] L’idée que se fait de moi cet incomparable témoin contribue à m’affermir.“ (Aus: Charles de Gaulle: Mémoires d’Espoir, tome I, Le Renouveau, Seite
285. In: Lacouture 1973: 364).
Auf dem ersten Blick mag ein solcher Personenbund überraschend vorkommen. Vor allem bei Berücksichtigung der Vergangenheit dieser schillernden Persönlichkeit namens Malraux, für den Instanzen wie Revolution und Antifaschismus eine durchaus wichtige Rolle gespielt hatten. Der „kommunistische Intellektuelle“ geht einen Bund ein mit dem Staatsmann, der für die Linke als die Verkörperung einer „rückwärtsgewandten nationalistischen Ideologie“ (Frankreich-Lexikon 1981: 323), dessen Regime im Ausland als „succédané du fascisme“ (Lacouture 1973: 362) galt. Das sind selbstverständlich Klischees. Und Klischees verbergen zwar meistens einen gewissen Wahrheitsgehalt, können aber eine Vereinfachung und sogar Verfälschung der Wirklichkeit zur Folge haben. Obwohl der eigentliche Gegenstand dieser Seminararbeit die Kulturpolitik in der Ära Malraux bildet, lohnt es sich, um diese besser zu verstehen, die Klischees und Legenden des Lebens Malraux’ bis 1958 ein wenig zu hinterfragen, was im Abschnitt 1 dieser Seminararbeit geschieht. Der 2. Abschnitt ist ganz dem ersten französischen Kultusministerium gewidmet, wobei folgende Aspekte behandelt werden: ♦ die organische Struktur sowie die festgelegten Aufgaben des Ministeriums;
♦ der aus einer bestimmten Auffassung von Kultur gewonnene ideologische Rahmen der malrauschen Kulturpolitik; ♦ die kulturpolitische Aktion Malraux’ in Fakten und Zahlen dargelegt;
♦ eine Gesamtbilanz der Ära Malraux, in der Schwerpunkte wie Kulturdemokratisierung und -dezentralisierung sowie der Beitrag der staatlichen action culturelle zum französischen und gaullistischen Prestige und die Freiheit der Künstler besondere Berücksichtigung finden.
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Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre Suzie Bartsch Humboldt-Universität zu Berlin Wintersemester1996/1997
1. WER IST ANDRÉ MALRAUX?
Mit 23 Jahre nahm er, aufgrund einer Kunstraubaffäre in Französisch-
Indochina, Kontakt mit dem dortigen korrupten und brutalen Kolonialregime auf. Ein Jahr später, 1925, gab er in Saigon die proannamitische Zeitung L’Indochine enchaînée heraus. Zu dieser Zeit soll er sich an den revolutionären Aktivitäten der Kuomintang-Regierung in Südchina beteiligt und mit dem legendären Tschiang Kai-schek zusammengearbeitet haben 1 . Im Jahre 1934 traf er Trotzki, fuhr nach Berlin als Präsident des Weltkomitees für die Befreiung des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrow und des Führers der deutschen KP Ernst Thälmann, wurde Mitglied zahlreicher antifaschistischer Komitees und Organisationen. Im spanischen Bürgerkrieg beteiligte er sich als Organisator der ausländischen Luftstreitkräfte im Dienste der republikanischen Regierung, bevor er im Zweiten Weltkrieg in der französischen Panzerwaffe kämpfte. Nach Flucht aus deutscher Gefangenschaft (1940) betätigte er sich in der Résistance und befehligte nach der Befreiung Paris’ (25. August 1944) die elsaß-lothringische Partisanenbrigade. Die Biographie des Georges-André Malraux, dessen zwanzigsten Todestag am 23. November 1996 mit der Überführung seiner Überreste ins Panthéon gefeiert wurde, liest sich wie eine Reise in die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Das ist aber lange nicht alles. Der am 3. November 1901 in Paris geborene Sohn eines Industriellen veröffentlichte von 1928 bis 1943 sechs Romane, die größtenteils als Kanons der französischen und europäischen „littérature engagée“ gelten.
Im Hintergrund dieser Romane stehen die obenerwähnten, von Malraux erlebten, brisanten und aktuellen Gegebenheiten, die im Europa der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre die Gemüter bewegten, wie die chinesische Revolution 2 (Les Conquérants von 1928, La Condition humaine von 1933 3 ), das französische Kolonialregime in Indochina (La Voie royale von 1930), die revolutionären und antifaschistischen Gewerkschaftsaktivitäten der deutschen Kommunisten (Le Temps du mépris von 1935), der spanische Bürgerkrieg (L’Espoir von 1937 4 ), die Résistance (Les Noyers de l’Altenburg von 1943).
Außer dieser historischen sind auch metaphysische und politisch-ideologische Dimensionen in Malraux’ Romane zu verzeichnen, deren Entwicklung von Roman zu Roman der Entwicklung des malrauschen Denkens, Handelns und Schaffens im Verlauf der Jahrzehnte entspricht.
1
Dieses ließ Malraux die Welt sein ganzes Leben lang glauben. Sein Biograph Lacouture
1973, bewies dennoch das Gegenteil.
2 Gemeint ist hier die revolutionäre Aktion der südchinesischen Kuomintang-Regierung in Canton gegen die ausländische Präsenz im China der zwanziger Jahren (vgl. Autrand 1992:
27f.; Boutet de Monvel 1973: 5).
3 Für La Condition humaine erhielt Malraux den prix Goncourt.
4 Der Roman L’Espoir wurde 1938-1939 unter dem Titel Sierra de Teruel verfilmt.
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Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre Suzie Bartsch Humboldt-Universität zu Berlin Wintersemester1996/1997
Den Abenteurer und Nonkonformist Malraux der zwanziger Jahre bewegte zunächst die Revolte des Einzelnen gegen die Absurdität des Lebens, das unabdingbar zum Tode schreitet, einen ungelösten und unlösbaren Paradox, der aber den Menschen zur selbstlosen und somit lebensgefährlichen, dennoch den Tod herausfordernden und dem Leben sinngebenden Aktion führte (vgl. Boutet de Monvel 1973: 5). Diese Aktion, die zunächst der romantisch-abenteuerliche und individualistische Charakter des dépaysement und der archäologischen Suche prägte 1 , verwandelte sich rasch in revolutionäre und somit kollektive Aktion gegen Imperialismus und Unterdrückung. In der Zeit, da er Herausgeber der obenerwähnten proannamitischen Zeitung war - 1925 -, entdeckte Malraux den Wert der „Solidarität der politischen Aktion“ (Jurt 1982 : 169) und der Brüderlichkeit im revolutionären Kampf, die seine Romane und sein Leben prägen sollten 2 . Dabei näherte er sich dem kommunistischen Denken und der Sowjetunion. Aber Malraux verstand den Marxismus „als eine Organisationsmethode der revolutionären Aktion und nicht so sehr als Instrument der Erkenntnis der Realität“ (Jurt 1982 : 171). In diesem Sinne wurde er zwar niemals Mitglied der französischen KP, war aber - wie übrigens beinahe die gesamte intellektuelle Linke Europas der dreißiger Jahre - von der Gewißheit beseelt, die Komintern sei die einzige politische Kraft in der Lage, dem Faschismus, der in Europa Einzug hielt, Halt zu bieten.
Der zweite Weltkrieg stellte das Ende dieser „revolutionären“ Periode dar. Im Jahre 1939 wandte sich Malraux endgültig und vollständig vom Kommunismus ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er in der ersten Regierung de Gaulles (November 1945 - Januar 1946) zunächst technischer Berater auf den Gebieten der Beziehungen zur Intellektualität, der Kulturpolitikprogramme, der Meinungsumfragen u.a., dann Informationsminister mit den Geschäftsbereichen Presse und kulturelle Angelegenheiten, um dann von 1947 bis 1950 das Amt vom Propagandadirektor des im April 1947 gegründeten Rassemblement du peuple français (RPF) zu bekleiden. Ein Beispiel für seine geistige Haltung in dieser Zeit ist die am
5. März 1948 an die französischen Intellektuellen gehaltene Rede, in der er die Sowjetunion nachdrücklich angriff und vor der Drohung des stalinistischen Kommunismus warnte (vgl. Malraux [1948]). Was sein schriftstellerisches Schaffen anbelangt, verließ Malraux nach dem Krieg das Gebiet des Romans und veröffentlichte nur noch kunstphilosophische Werke wie La Psychologie de l’art (1947-1949), Le
1
Im Oktober 1923 fuhr Malraux mit seiner Frau und einem Freund nach Französisch-Kambodscha in einer unoffiziellen archäologischen Mission, bei der sie im Dschungel nach Khmer-Kunstschätzen suchten. Malraux und sein Freund wurden anschließend von den Kolonialbehörden in Pnom Penh wegen Kunstraubes angeklagt und zum Gefängnis verurteilt. In einem zweiten Verfahren wurde die Strafe allerdings verringert und auf Bewährung ausgesetzt.
2 Solidarität und Fraternität in der revolutionären Aktion - das sind Instanzen, die bereits in Les Conquérants präsent sind, jedoch erst in La Condition humaine und vor allem in Le Temps du mépris und L’Espoir stärker in den Vordergrund gerückt werden.
6
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Suzie Bartsch, 1997, Die Ära Malraux - Kulturpolitik im Frankreich der sechziger Jahre, Munich, GRIN Publishing GmbH
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