Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 03
1.1. Realität und Fiktion 03
1.1.1. Was ist Literatur 03
1.1.2. Was haben Wissenschaft und Literatur gemein 04
2. Genie und Wahnsinn 08
2.1. Vom bösen Alchemisten zum Retter der Gesellschaft 08
2.2. Der besessene Dichter und andere psychopathologische Abweichungen 10
2.3. Das Bild des Wissenschafters in der Vermessung der Welt 12
3. Welche Opfer verlangt die Wissenschaft und welche die Literatur 14
4. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 17
5. Literatur- und Quellenangaben 19
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1. Einleitung
Für die vorliegende Seminararbeit habe ich mir zur Aufgabe gestellt, die Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Literatur zu untersuchen. Zunächst müssen daher die Begriffe genau abgegrenzt werden, sofern eine exakte Abgrenzung überhaupt möglich ist. Wissenschaftlich, würde man meinen, ist alles, was objektiv messbar ist. Doch was ist objektiv? Und was ist Literatur? 1 Auch Daniel Kehlmann berührt in seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ immer wieder Grenzbereiche, daher möge dieses Werk als literarisches Fallbeispiel dienen.
1.1. Realität versus Fiktion
1.1.1. Was ist Literatur?
Um diese Frage behandeln zu können, muss man zunächst einmal festlegen, von welchem Literaturbegriff ausgegangen werden soll. Wurde in der jüngeren Vergangenheit der Begriff „Literatur“ anhand von Texten erklärt, so möchte ich von der Annahme eines Text- Handlungs-Syndroms ausgehen.
Als kleinste Einheiten werden also solche Handlungen (samt ihren Bedingungen, Folgen und Konsequenzen) angesetzt, die solche Phänomene (meist Texte) fokussieren, die der Handelnde für literarisch hält. 2 1 Ferner sei bemerkt, dass der Verfasserin durchaus bewusst ist, dass es auf unserer Welt Männer und Frauen gibt. Es wird im Text daher nur dort auch grammatisch darauf hingewiesen, wo eine Geschlechter unterscheidende Formulierung notwendig erscheint und nicht Verständnis erschwerend wirkt.
2 Schmidt, Siegfried J.: „Vom Text zum Literatursystem. Skizze einer konstruktivistischen (empirischen) Literaturwissenschaft“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Gumin, Heinz und Heinrich Meier (Hrsg.), Piper Verlag, München 1997, S. 158.
3
Grundsätzlich gibt es 4 elementare Handlungstypen: die Produktion von Literatur, die Vermittlung, die Rezeption und die Verarbeitung. Die Verbindung dieser Handlungstypen und ihr Zusammenwirken führen zu so genannten Literaturprozessen, wobei unter Literatursystem dann die Gesamtheit der Literaturprozesse einer Gesellschaft, verstanden wird, deren Bestandteile autonom und selbstregulierend sind, sich durch spezifische Konventionen von anderen Handlungssystemen, wie etwa dem der Wissenschaft, abgrenzen und funktional in das Gesamtsystem integrieren lassen.
Das Literatursystem seinerseits ist Bestandteil im System-System Gesellschaft, die ihrerseits eine hierarchisch-holistische Organisation bildet; das heißt das Literatursystem kann nur in systematischem Zusammenhang mit den anderen Handlungssystemen einer Gesellschaft und deren jeweiligem historischem Entwicklungsstand verstanden und erklärt werden. 3
Schon einige Vorsokratiker erkannten, dass es ein objektives Wissen als „Spiegelung einer an und für sich unabhängigen ontologischen Wirklichkeit“ nicht geben konnte, da sich diese Wirklichkeit dem erlebenden Subjekt eben nur durch das Erlebtwerden erschließt. „Objektive“ Wirklichkeit entsteht in der Regel dadurch, dass unser eigenes Erleben von anderen bestätigt wird. 4
1.1.2. Was haben Wissenschaft und Literatur gemein?
Literatur und Wissenschaft sind zwei verschiedene Möglichkeiten, sich eine Wirklichkeit zu schaffen, da sie also keine objektive vom Menschen unabhängige Größe ist. 3 Schmidt, Siegfried J.: „Vom Text zum Literatursystem. Skizze einer konstruktivistischen (empirischen) Literaturwissenschaft“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Gumin, Heinz und Heinrich Meier (Hrsg.), Piper Verlag, München 1997, S. 158.
4 Vgl.: Glasersfeld, Ernst von: „Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Gumin, Heinz und Heinrich Meier (Hrsg.), Piper Verlag, München 1997, S. 9 – 39.
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„Humboldt fixierte die untergehende Sonne mit dem Sextanten und maß den Winkel zwischen der Jupiterbahn und jener des vorbeiwandernden Mondes. Jetzt erst, sagte er, existiere der Kanal wirklich. … Dass der Kanal jetzt auf den Karten verzeichnet sei, erklärte Humboldt, werde die Wohlfahrt des gesamten Erdteils befördern. Man könne nun Güter quer über den Kontinent bringen, …“ (S. 135 – 136)
Wirklichkeit ist ebenso nur ein Konstrukt, wie Fiktion eines ist, eine menschliche Schöpfung aufgrund unseres angeborenen neurobiologisch bedingten Erkenntnisvermögens und der kulturell bedingten Interpretationen. Giambattista Vico war im Jahr 1710 vielleicht einer der ersten, die erkannten, dass „unser rationales Wissen von uns selbst konstruiert wird.“ 5
Für Humboldt und Gauß ist Wissenschaft „eine persönliche Form der Lebensbewältigung“ und „Welterschließung“ 6 , wobei auch immer wieder deutlich wird, dass sie an bestimmte institutionelle und politische Bedingungen geknüpft ist. Wenn man Geschichten erzählt, versucht man ebenfalls die Welt zu erschließen, indem man die verschiedenen Möglichkeiten der Wahrheit auslotet.
…es gibt keine Geschichte, die nicht Wahrheit enthalten würde, und es gibt im Prinzip keine Erfindungen. Die menschliche Fantasie ist begrenzt durch all das, was es gibt. In der Technik nennt man es Naturgesetze; für den Geschichtenerzähler mag ich es nicht benennen. 7 , meint Peter Bichsel.
Wirklichkeitsmodelle sind subjektabhängig; vergleichbare subjektabhängige Wirklichkeitsmodelle entstehen durch Sozialisationsprozesse und Konventionen.
Dies mochte möglicherweise auch Kehlmanns Humboldt gedacht haben, als er meinte: „Nichts sei zuverlässig, sagte er [Anm.: Humboldt] zu dem ihn aufmerksam beobachtenden Hund. Die Tabellen nicht, nicht die Geräte, nicht einmal der Himmel. 5 Glasersfeld, Ernst von: „Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme“, übersetzt von Köck, Wolfram K., Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997, S. 76. 6 Vgl.: Goeth, Dorothea: Rezension zu „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, SE Arbeit an der Univ. des Saarlandes Saarbrücken, SS 2006.
7 Bichsel, Peter: „Der Leser. Das Erzählen“, Frankfurter Poetik-Vorlesungen, Sammlung Luchterhand, Bd. 438, Luchterhand Verlag, Darmstadt 1982, S. 11 – 12.
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Man müsse selbst so genau sein, dass einem die Unordnung nichts anhaben könne.“ (S. 129) Und seinen Gauß lässt er sagen:
„Zu viele Leute hielten ihre Gewohnheiten für Grundregeln der Welt.“ (S. 247)
Literatur und Kunst sind also zwei Pole, zwei von vielen Beschreibungsmöglichkeiten unserer Erfahrungen. Historisch gesehen jedoch sind die beiden Pole eng miteinander verbunden und verknüpft. Am Anfang der menschlichen Kultur war alles abstrakte Wissen in der Sprache der Fabeln, in poetischen Metaphern formuliert. Unerklärliches und Furchterregendes wurde den Göttern zugeschrieben. Solche „metaphorischen“ Erfindungen waren auf Analogien gegründet, die jedoch eine bloße Annahme waren und über den Erfahrungsbereich hinausgingen. Mit der Weitergabe solcher Fabeln von einer Generation an die nächste entstand die Mythologie, deren Ursprung man vergessen hatte und die daher als Wissen aufgefasst wurde. 8
„Er ließ Wasserstoff aus einem Röhrchen strömen, hielt eine Flamme an die Mündung, und mit einem Jauchzen schoss das Feuer auf. Ein halbes Gramm, sagte er, zwölf Zentimeter hoch die Flamme. Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen.“ (S. 22)
Diesen Satz spricht der Lehrer Marcus Herz, Schüler Immanuel Kants, der die Humboldt-Brüder bezeichnenderweise in Physik und Philosophie unterrichtete. Bis dato muss die Philosophie einspringen, wo die Physik als „exakte“ Naturwissenschaft an ihre Grenzen stößt, nämlich wenn man in der Entwicklungsgeschichte des Weltalls zurückschreitend beim Urknall anlangt, dessen Entstehung mit den Methoden der Physik nicht mehr erklärbar ist. Zur Zeit Humboldts und Gauß wollte man sich doch nicht mehr auf bloße Annahmen stützen. Man hatte nun technische Geräte zur Verfügung, um die Erde zu vermessen und auch das Universum war schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr für die Menschheit. 8 Vgl.: Glasersfeld, Ernst von: „Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme“, übersetzt von Köck, Wolfram K., Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997, S. 76 - 77.
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Quote paper:
Dr. phil. Daria Hagemeister, 2008, Was haben Literatur und Wissenschaft miteinander gemein?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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