Take-Home Test
Einführung in die amerikanische Literaturwissenschaft II:
New Historicism, Feminism und Deconstructionism
in vergleichender Perspektive
Institut für Anglistik und Amerikanistik
Humboldt Universität zu Berlin
Schweigen als Widerstand
Shari Benstock, Sacvan Bercovitch und Michael Ragussis
zu Nathaniel Hawthornes The Scarlet Letter
Bert Bobock
Amerikanistik / Neuere und Neueste Geschichte
Humboldt Universität zu Berlin
1.August 2000
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1
2 Das Schweigen als Angelpunkt der drei Betrachtungen
2
3 The Scarlet Letter als Gender-Diskurs
3
4 Kompromiss und Aufklärungsstrategie
6
5 In der Gefangenschaft der Sprache - Ragussis Familiendrama
8
6 Abschlussbetrachtung
11
Literaturverzeichnis
13
1
1 Einleitung
Während Michael Ragussis die Geschichte vorwiegend werkimmanent analysiert,
beziehen sich die Literaturkritiker Shari Benstock und Sacvan Bercovitch bei ihrer
Interpretation von Nathaniel Hawthornes The Scarlet Letter auch auf die sozialen und
historischen Hintergründe. Die drei Kritiker stellen jeweils für sie interessante
feministische, historische und dekonstruktivistische Positionen in den Vordergrund
ihrer Interpretation und decken gleichermaßen die künstliche Beschaffenheit des
Buchstaben A mit seiner festgeschriebenen Bedeutungszuordnung auf. Benstock,
Bercovitch und Ragussis erkennen den scarlet letter und lösen den Buchstaben als
Symbol absoluter geschlechtlicher Differenz
1
, als Träger nur einer einzigen historischen
Lesart
2
und als Zeichen mit nur einer bestimmten Zuordnung von Bezeichnetem und
Bezeichnendem
3
auf.
Mit der Erkenntnis über die Ambiguität des Buchstaben verlieren universale
Konstruktionen wie kirchliche und weltliche Institutionen, gesellschaftliche Normen und
Wertvorstellungen ihre Gültigkeit. Zudem wird die Heterogenität der mannigfaltigen
Interpretationen durch unterschiedliche Perspektiven auf Hawthornes Geschichte
unabdingbar. Wie für andere Literatur, gibt es auch für The Scarlet Letter nicht nur eine
gültige Herangehensweise. Mit meiner Gegenüberstellung der Ansätze versuche ich
Gemeinsamkeiten, aber auch die Möglichkeit gegensätzlicher Betrachtungen, die
gleichrangig nebeneinander existieren können, aufzuzeigen.
1
Shari Benstock, "The Scarlet Letter (a)dorée, or the Female Body Embroidered," Ross C. Murfin, ed.,
Nathaniel Hawthorne. The Scarlet Letter (New York, New York: Bedford Books of St. Martins Press, 1991)
290.
2
Sacvan Bercovitch, ,Hawthorne's A-Morality of Compromise" Ross C. Murfin, ed., Nathaniel Hawthorne.
The Scarlet Letter (New York, New York: Bedford Books of St. Martins Press, 1991) 356. - "In effect, he in-
vites us to participate in a free enterprise democracy of symbol making".
3
Die Loslösung von Signifikat und Signifikant sind (unter anderem) impliziert in: "The family member is a
sign, like A, with too many significations": Michael Ragussis, Ross C. Murfin, ed., Nathaniel Hawthorne.
The Scarlet Letter
(New York, New York: Bedford Books of St. Martins Press, 1991) 327.
2
2 Das Schweigen als Angelpunkt der drei Betrachtungen
Das Schweigen der Protagonistin Hester Prynne kann als zentrales Interpretationsmittel
von Benstock, Bercovitch und Ragussis angesehen werden, da alle drei Literaturkritiker
sich dieses direkt oder indirekt bedienen.
Die feministische Kritikerin Shari Benstock sieht das Schweigen als Mittel
Hesters, sich den männlichen Wertungen und ihrer Macht zu entziehen, sozusagen eine
Reversion des ,,sexuell-textuellen", also eines fiktiven, limitierten und unwahren
Frauenbildes vorzunehmen:
[...] I will argue that the feminine, so powerfully at work in Hawthorne's tale, works not to
exploit oppositional structures of sexual-textual difference but rather to expose the
fictional nature of these modes, revealing absolute sexual difference as a fantasy of
patriarchal oppositional and hierarchial logic. I refer to this figure as the "textual
feminine", since it reveals itself in language, where it both supports traditional notions
of femininity and subverts these powerful representations of woman-in-the-feminine.
4
Der New Historicist Sacvan Bercovitch sieht im Handeln, oder besser dem Nicht-
Handeln, Hesters ein Mittel der modernen Aufklärung, das von ihr zur Erziehung der
puritanischen Siedlergemeinschaft verwendet wird. Hester betreibt ihm zufolge eine
,,stille" Rebellion und nimmt eine Reversion des offenen Konfliktes als didaktisches
Mittel vor:
Hester herself imposes the symbol, she signals her recognition that what had seemed a
basic problem basic enough to have made her want to overturn society is really a
question of point of view [...].
5
4
Benstock, 290.
5
Bercovitch, 357.
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