Inhaltsverzeichnis
Der Siegesaltar 3
Fund und Beschreibung 3
Die Inschrift 3
Direkte Folgerungen aus dem Inschriftenteil. 4
Zur Stammesbildung der Juthungen 5
Valerians Erbe - Das römische Reich in der Krise 260/261 6
Ausgangslage 6
Probleme einer Chronologie 7
Aspekte , hervorgerufen durch den Augsburger Siegesaltar. 7
Versuch einer Chronologie unter Einbeziehung des Augsburger Siegesaltars 9
Gedanken zur Chronologie 12
Schlussgedanken 14
Literaturverzeichnis : 15
Antike Quellen: 15
Sekund ärliteratur: 15
2
Der Siegesaltar
Fund und Beschreibung
Aus dem Dunkel der Jahre um 260 n. Chr. wurde 1992 bei Bauarbeiten in der Augsburger Jakober-vorstadt in einem ehemaligen Lecharm, rund 350 Meter östlich der raetischen Provinzhauptstadt, der sogenannte Augsburger Siegesaltar gefunden. 1 Auf der rechten Schmalseite, angetan mit Rüstung, Helm, Umhang und Stiefeln, in der Rechten die Lanze, die Linke auf dem Schild ruhend, blickt der Kriegsgott Mars dem Betrachter in Siegerpose entgegen. Ihm gegenüber auf der linken Seite des Altars hält die geflügelte Siegesgöttin Victoria, angetan nur mit einem über Rücken und linke Seite geworfenen Umhang, einen Siegeskranz über einen zu ihren Füßen knieenden, nackten Barbaren, dessen Hände hinter dem Rücken gebunden sind; in der Linken führt sie einen Palmzweig mit sich. 2 In eingerahmtem Schriftfeld überzieht die Vorderseite in kursiver „Rustica“-Schrift eine vierzehnzeiliger Text. Darauf weist eine ältere Weiheformel 3 über dem Gesims hin. Für die zweite Nutzung wurde er offensichtlich ausradiert und nur die Weiheformel, vermutlich von einem metallenen Aufsatz, der eine Victoria-Statue getragen haben könnte, verdeckt, entging diesem Schicksal. 4
Die Inschrift
Der geheiligten Göttin Victoria
wegen der Barbaren des Stammes der Semnonen oder auch Iouthungen am Tag,
dem 8. und 7., vor den Kalenden des Mai 5 , niedergemacht und in die Flucht geschlagen von den Soldaten der Provinz 6 Raetien, aber auch von germanischen, sowie von Einheimischen, wobei herausgerissen wurden viele Tausende gefangener Italer. Mächtig seiner Gelübde 7
Marcus Simplicinius Genialis, Ritter, handelnd anstelle des Statthalters, mit demselben Heer
1 L. Bakker, Der Siegesaltar aus AVGVSTA VINDELICVM/Augsburg von 260 n. Chr., in: E. Schallmayer (Hrsg.), Niederbieber, Postumus und der Limesfall. Stationen eines politischen Prozesses. Bericht des ersten Saalburgkolloquiums. Saalburg-Schriften 3, Bad Homburg v.d.H. 1996, S. 7
2 E. Schallmayer, Der Augsburger Siegesaltar: Zeugnis einer unruhigen Zeit. Saalburg-Schriften 2, Bad Homburg v.d.H. 1995, S. 22-23; Schallmayer nimmt an (S. 19), dass die Seitenreliefs erst im Zuge der zweiten Textfassung dem Stein einverleibt wurden.
3 In H(onorem) D(omus) D(ivinae), Bakker (Anm. 1), S. 7; laut Bakker (Anm. 1), S. 11 kann man aus erhaltenen Buchstabenresten der ersten Zeile im Schriftfeld auf eine Weihung an das Kaiserhaus des Severus Alexander schließen. Dazu schreibt Schallmayer (Anm. 2), S. 17: „Die[...] kaum erkennbaren Buchstabenreste SEV im Wort VICTORIA [...] sind in einer klassischen Monumentalschrift eingemeißelt.“ Somit ergibt sich ebd. als Rekonstruktion: In h(onorem) d(omus) d(ivinae)/[pro sal(ute) imp(eratoris)] Sev[er]i/[Alexandri aug(usti)].
4 Bakker (Anm. 1), S. 11; siehe auch Schallmayer (Anm. 2), S. 18.
5 Das Datum entspricht dem 24. und 25. April, Schallmayer (Anm. 2), S. 19.
6 T. Stickler, Iuthungi sive Semnones in: Bayerische Vorgeschichtsblätter herausgegeben von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 60, München 1995, S. 239, sieht darin alle in Raetien stationierten Truppen.
7 Schallmayer (Anm. 2), S. 19 fügt zur besseren Verständlichkeit „hat“ ein.
3
freudig, nach Gebühr 8 aufgestellt.
Geweiht am 3. Tag vor den Iden des September 9 , als der Herrscher unser Herr Postumus Augustus und Honoratianus Consuln waren. 10
Die Zeilen 10-11 und ebenso größtenteils die Zeile 14, also die namentragenden Zeilen, wurden später eradiert. Lothar Bakker vermutet diese damnatio memoriae 11 kurz nach dem Weihedatum spätestens aber 263/265 n.Chr. 12
Direkte Folgerungen aus dem Inschriftenteil
Die Inschrift stellt, wie von der Forschung als eindeutig anerkannt, einen engen Zusammenhang zwischen Juthungen und Semnonen her. 13 Diese werden von Genialis auf dem Rückweg in der Nähe von Augsburg geschlagen. Auf dem Rückweg deshalb, weil berichtet wird, dass viele Tausende gefangene Italer 14 befreit worden seien, die Juthungen also ihren Beutezug bereits hinter sich gebracht haben mussten. 15 Lothar Bakker sieht Genialis dabei als den ersten bekannten Statthalter Raetiens im Rang eines Ritters 16 - eine Folge der Reform des Gallienus. Für den Sieg waren den Juthungen raetische Soldaten, Germanen und Populares 17 - wohl einfache Provinzbewohner - entgegengetreten.
8 Schallmayer (Anm. 2), S. 19 ergänzt zum besseren Verständnis „den Altar“.
9 Das Datum entspricht dem 11. September, Schallmayer (Anm. 2), S. 19.
10 Übersetzung abgedruckt bei Schallmayer (Anm. 2), S. 19; ebenso die Originalfassung mit systematischer Ergänzung: Schallmayer (Anm. 2), S. 18 oder Bakker (Anm. 1), S. 11: Deae sanctae Victoriae/ob barbaros gentis Semnonum/sive Iouthungorum die/VIII et VII kal(endarum) Maiar(um) caesos/fugatosque a militibus prov(inciae)/Raetiae sed et germanicianis/itemque popularibus excussis/multis milibus Italorum captivor(um)/compos votorum suorum/[[M(arcus) Simplicinius Genialis v(ir) p(erfectissimus) a(gens) v(ices) p(raesidis)/cum eodem exercitu]]/libens merito posuit/dedicata III idus Septemb(res) imp(eratore) d(omino) n(ostro)/[[Postumo Au]]g(usto) et [[Honoratiano co(n)s(ulibus)]]
11 Im Zuge der damnatio memoriae wurde versucht, die betroffenen Personen aus der Erinnerung zu tilgen und sie so durch Auslöschen ihres Namens in Dokumenten, Überlieferungen, Erzählungen und ebenso auf Monumenten (wie dem Augsburger Siegesaltar) dem Vergessen der Nachwelt anheimfallen zu lassen. Ebenso Schallmayer (Anm. 2), S. 18.
12 Bakker (Anm. 1), S. 12 meint, dass der Name des Postumus Augustus offensichtlich von anderer Hand und mit anderem Werkzeug herausgeschlagen wurde als der des Genialis und seines Heeres sowie des Honoratianus, welche eher abgeschabt wirkten; siehe auch Schallmayer (Anm. 2), S. 18.
13 So sieht es Lothar Bakker (Anm. 1), S. 11.
14 Schallmayer (Anm. 2), S. 25 driftet in Spekulationen ab, wenn er Vermutungen anstellt, dass sich unter den Gefangenen sicher viele hochqualifizierte Handwerker befunden hätten und die Juthungen bei ihren Überfällen möglicherweise die Hauptabsicht verfolgten, sich „menschliche Ressourcen“ zu erschließen. Bis zu einem gewissen Grad mag das zutreffen. Doch wird materielle Beute mit Sicherheit den Vorrang gehabt haben, die Gefangenen werden wohl eher in Grenznähe und bereits auf dem Rückzug gemacht worden sein. Man stelle sich nur einmal vor, welche Behinderung einige tausend Gefangene auf einem Plünderungszug bedeuten! - Sie wollen bewacht, verpflegt und zusammengehalten werden. In jedem Fall bremsen sie den Marsch erheblich und binden Kräfte. Deshalb werden, mit vielleicht einigen Ausnahmen, Gefangene erst möglichst spät gemacht worden sein und bestimmt auf dem Rückweg. Ob das dann gerade immer hochqualifizierte Handwerker waren? Vgl. Luigi Lorento, der in den befreiten Italern keine Bewohner Italiens sieht: L. Lorento, Tausende italischer Gefangene - aus Italien?, in: E. Schallmayer (Hrsg.), Niederbieber, Postumus und der Limesfall. Stationen eines politischen Prozesses. Bericht des ersten Saalburgkolloquiums. Saalburg-Schriften 3, Bad Homburg v.d.H. 1996, S. 15.
15 Bakker (Anm. 1), S. 11.
16 Bakker (Anm. 1), S. 11: die Bezeichnung „vir perfectissimus agens vices praesidis“ weise eindeutig drauf hin, dass Genialis die Provinz als Ritter und nicht als senatorischer Legat verwaltete; ebenso sieht es H. Kellner, Die große Krise im 3. Jahrhundert, in: W. Czysz, K. Dietz, T. Fischer, H. Kellner, Die Römer in Bayern, Stuttgart 1995, S. 342: „[...] der raetische Statthalter Marcus Simplicinius Genialis [...]“. Auch im unlängst von Michael Alram, basierend auf den Arbeiten des verstorbenen Robert Göbel, fortgesetzten Werk: R. Göbel, MIR - Moneta Imperii Romani. Die Münzprägung der Kaiser Valerianus I./Gallienus/Saloninus (253/268), Regalianus (260) und Macrianus/Quietus (260/262), Wien 2000, Band 35 (Textband), S. 64 wird Genialis als Statthalter Raetiens gesehen: „[...]ihr Führer war der amtierende Statthalter von Raetien, M. Simplicinius Genialis [...]“; allerdings handelt Genialis laut Inschrift anstelle des Statthalters, was nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass er dieses Amt selbst bekleidete wie Lothar Bakker dies annimmt. Gegen Bakker siehe auch Stickler (Anm. 6), S. 240; ebenso identifiziert auch Schallmayer (Anm. 2), S. 19, mit seiner Formulierung „anstelle des regulären Statthalters“ Genialis nicht gerade mit demselben.
17 Lothar Bakker (Anm. 1), S. 11 sieht in den populares eine bewaffnete Bürgerwehr.
4
Alles in allem lässt die Zusammensetzung der Verteidiger auf eine Notsituation schließen, in der rasch gehandelt und alle verfügbaren Kräfte in den Kampf geworfen werden mussten. 18 Dass den Juthungen nach ihrem Einfall ein so langer Aufenthalt von ungefähr einem halben Jahr überhaupt möglich war, erklärt Bakker mit der Abwesenheit des Gallienus, der wohl einen nicht geringen Teil der Truppen an andere Kriegsschauplätze mitgenommen hatte. 19 In diesem Sinne könnte auch die unerwartete Nichterwähnung der Legio III Italica 20 , welcher bei einem solch wichtigen Kampf eigentlich die Hauptaufgabe hätte zukommen müssen, gedeutet werden.
Das Weihedatum des Altars scheint mit 11. September unter dem Konsulat des Postumus eindeutig belegt. 21 Aufgrund des Fehlens weiterer Angaben nimmt Bakker einfach das erste Konsulat des Usurpators Postumus in Gallien als das Weihedatum und gelangt somit zum Jahr 260 n. Chr. 22 Den Sieg im April habe Genialis noch unter Gallienus errungen, die Weihung des Altars aber bereits unter dem neuen Kaiser Postumus, dem Begründer des Gallischen Sonderreiches vollzogen. 23 Daraus folgert Bakker, dass Raetien zumindest kurzzeitig dem Gallischen Sonderreich angehört haben muss. 24
Zur Stammesbildung der Juthungen
Der Augsburger Siegesaltar stellt mit seiner Inschrift das älteste Zeugnis für die Existenz der Juthungen dar. 25 Vor dem Fund des Augsburger Siegesaltars beschäftigte die Forscher vor allem das Verhältnis zwischen Juthungen und Alamannen, wobei sie enge Beziehungen annahmen. 26 Durch die Gleichsetzung der Juthungen mit den Semnonen 27 sieht Timo Stickler die vielfach vermutete swebische Herkunft der Juthungen bestätigt 28 , da die Semnonen ein swebischer Stamm gewesen seien. Bisher hatte man die Kontinuität der Semnonen in den Alamannen gesehen. Dass nun
18 So sieht es auch Schallmayer (Anm. 2), S. 25. Meiner Einschätzung nach waren sich die Juthungen ihrer Sache recht sicher. Verfolgt wurden sie scheinbar nicht, sonst hätten sie sich nicht mit Tausenden gefangener Italer abgegeben, stattdessen schnell das Weite gesucht oder sich der Schlacht gestellt. Ihr vermuteter Aufenthalt von ungefähr einem halben Jahr (da die Überquerung der Alpen im Winter durch die Germanen als unmöglich oder doch zumindest sehr unwahrscheinlich erachtet wird, geht der Konsens dahin, dass die Juthungen bereits im Herbst die römische Grenze überschritten haben mussten; geschlagen wurden sie nach der Inschrift des Siegesaltars ja am 24. und 25. April) vermittelt einen ruhigen Eindruck. Ein Aufenthalt dieser Länge kann nur bedeuten, dass weit und breit keine Truppen waren, die ihnen hätten gefährlich werden können, und sie auch nicht mit solchen rechneten. Dennoch erscheint naheliegend, dass Gefangene in großer Zahl erst auf dem Rückweg gemacht wurden (vgl. Anm. 15). Möglich auch, dass sie über die Abwesenheit der Legio III Italica informiert gewesen waren und daraufhin erst den Einfall unternommen hatten und nun vom Aufgebot des Genialis völlig überrascht und geschlagen wurden.
19 Bakker (Anm. 1), S. 12; so könnte Valerian schon für seinen Feldzug gegen die Perser auf Soldaten aus Raetien zurückgegriffen haben, des weiteren Gallienus, um sich gegen die Usurpation des Ingenuus in Pannonien zur Wehr zu setzen.
20 Schallmayer (Anm. 2), S. 24-25; Schallmayer schreibt, vermutlich habe sie Gallienus zu seinen Kriegszügen an die persische Grenze mitgenommen, was mir allerdings als völlig unmöglich erscheint, da zu Anfang des Jahres bereits sein Vater Valerian in Persien kämpfte (die Teilung der Herrschaft mit seinem Sohn hatte ja gerade den Sinn, dass im Westen und im Osten ein Herrscher präsent sein konnte, so dass ein gleichzeitiges Kriegführen der beiden Herrscher im Osten mehr als unsinnig gewesen wäre). Die Usurpatoren nach der Gefangennahme Valerians, ließen Gallienus auch weiterhin nicht den Spielraum, bis zur persischen Grenze vorzudringen. Mir scheint, dass Schallmayer hier Gallienus mit Valerian verwechselte.
21 Das Jahr wurde mit gutem Grund erst einmal weggelassen, da ich die Datierung auf 260 anzweifle und eher auf 261 n. Chr. datieren würde, was ich aber später noch näher angehen werde (bei Datierung auf 260 wäre das gleichzeitig ein eng einkreisender Terminus ante quem für die Erhebung des Postumus).
22 Bakker (Anm. 1), S. 11.
23 Bakker (Anm. 1), S. 11; ebenso Schallmayer (Anm. 2), S. 25-26.
24 Bakker (Anm. 1), S. 11-12; ebenso Schallmayer (Anm. 2), S. 10, der annimmt, dass Raetien vermutlich schon 265 n. Chr. wieder an Gallienus zurückfiel. Bakker (Anm. 1), S. 12 nimmt 263/265 als Eradierungsdatum an; vgl. Anm. 11 u. 12.
25 Stickler (Anm. 6), S. 232.
26 Stickler (Anm. 6), S. 233; einen kurzen Überblick bietet Stickler (Anm. 6), S. 233-234.
27 Stickler (Anm. 6), S. 235 u. S. 236, Anm. 31.
28 So auch Bakker (Anm. 1), S. 11.
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Arbeit zitieren:
Andreas Wünsch, 2003, Der Augsburger Siegesaltar und seine Bedeutung, München, GRIN Verlag GmbH
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