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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Ideengeschichte der Konzepte sozialen Kapitals 4
2.1 Was ist soziales Kapital? 4
2.2 Von der Bedeutung des Gemeinschaftsengagements - Sozialkapital nach
Lyda Judson Hanifan 4
2.3 Kapitalientheorie/Ressource/soziale Ungleichheit - Sozialkapital nach
Pierre Bourdieu 5
2.4 Funktionen des Sozialkapitals - Ansatz nach James S. Coleman 5
2.5 Netzwerke, Normen und Vertrauen - Der Sozialkapitalansatz nach
Robert D. Putnam 6
2.6 Dimensionen des Sozialkapitals - Michael Woolcock 6
2.7 Sozialkapital aus der Sicht der Gesundheitswissenschaften - Bernhard Badura 6
2.8 Versuch einer Ordnung der Sozialkapitalansätze 7
3 Das Konzept des sozialen Kapitals in Anwendungsfeldern Sozialer Arbeit 8
3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit und ihr Mangel an Sozialkapital 8
3.2 Sozialräumliche Ansätze - Seniorenarbeit 8
3.3 Gesundheitswissenschaften - Sozialkapital in Betrieben 9
3.4 Sozialkapital in der Kinder- und Jugendhilfe 9
4 Effekte der Aktivierung des sozialen Kapitals und die Bedeutsamkeit für die
(Klinische) Sozialarbeit 10
4.1 Wirkungen und Nebenwirkungen von Sozialkapital 10
4.2 Sozialkapital in der Klinischen Sozialarbeit 13
5 Zusammenfassung 15
6 Anhang 16
7 Literaturverzeichnis 22
Erkl ärung 25
Soziales Kapital Dario Deloie
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1 Einleitung
Das Thema soziales Kapital oder Sozialkapital 1 hat in der Science Community an Bedeutung gewonnen, was sich deutlich an der wachsenden Anzahl der Publikationen zeigt. Bis 1981 befassten sich 20 Artikel mit Sozialkapital, zwischen 1996 und März 1999 waren es bereits 1003 wissenschaftliche Arbeiten aus den Bereichen Soziologie, Politikwissenschaften, Volkswirtschaftslehre, Gesundheitswesen und anderen (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 18 f.).
Interesse erweckten die Dimensionen des sozialen Kapitals und deren Effekte auf soziale Netzwerke und Einzelpersonen auch zunehmend in der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit und deren sozialräumlicher Praxis. Soziales Kapital impliziert schon im wörtlichen Sinne Wert und Besitz. Die Soziale Arbeit steht vor der Aufgabe, wie diese Kapitalform zum Nutzen ihrer Adressaten gesteigert werden kann. Elsen formuliert als zentrale Aufgabe der Sozialen Arbeit das Investieren in das Sozialkapital, um Rendite zu gewinnen (vgl. Elsen, S. 13). Soziale Arbeit, auch in ihrer sozialräumlichen Ausprägung, hat soziale Problemlagen, Missstände, Nöte und deren Bewältigung im Fokus (vgl. IFSW 2000). Es stellt sich nun die Frage, inwiefern eine Überwindung der sozialen Problemlagen mit diesem Konzept stattfindet oder es zu einem gegenteiligen Effekt kommt, mit dem Phänomen der Exklusion von benachteiligten Gruppen und der Ausweitung sozialer Ungleichheit 2 . Die Untersuchungen diesbezüglich sind äußerst divergent. Evaluationen zum Programm „Soziale Stadt“ zeigen positive Aspekte bei der Erweiterung von sozialem Kapital (vgl. Soziale Stadt/Bundestransferstelle (a)). Badura zeigt in einer Untersuchung in Unternehmen den positiven Einfluss des Sozialkapitals auf die Gesundheit der Mitarbeiter und den Unternehmenserfolg (Badura u. a. 2008). Einen kritischen Ansatz vertreten die Autoren Kessl und Otto in ihrem Band „Soziale Arbeit und Soziales Kapital. Zur Kritik lokaler Gemeinschaftlichkeit“.
Soziale Arbeit war seit ihren Anfängen von der Sozialpolitik geprägt und, um es krass zu artikulieren, abhängig. Die Sozialstaatlichkeit ist seit den 1970er Jahren einer starken Kritik ausgesetzt, mit der Begründung, sie sei inhuman, ineffektiv und ineffizient. Dabei werden die Einwände sowohl von konservativen, linksliberalen und neomarxistische Denkern vorgebracht als auch von feministischen Theoretikerinnen. Seit den Neunzigern des letzten Jahrhunderts nehmen neoliberale Freiheitsdenker und neo-klassische Ökonomen zunehmend Einfluss auf die Debatte und transformieren diese Sozialstaatskritik erfolgreich (vgl. Kessl/Otto 2004, S. 10 ff.). Folgende Positionen liegen der letzteren Denktradition zugrunde: „Individueller Eigenverantwortung bzw. subjektiver Selbstorganisation wird der Vorrang vor staatlichen Interventionen eingeräumt. (...) Öffentliche Unterstützung habe sich nun nur noch darauf zu beschränken, private Verantwortlichkeit zu befördern. (...) Staatliche Sicherungssysteme sollen nun weniger versorgen als aktivieren. Soziale Arbeit bietet sich in diesem Zusammenhang als Aktivierungsinstanz förmlich an“ (ebd., S. 11). Ist dies noch mit den fachlichen Zielen der Sozialen Arbeit vereinbar oder werden ökonomische Faktoren die Debatte unter dem Deckmantel der Aktivierung des „Bürgerengagements“ und des Ausbaus von sozialen Netzen dominieren und prägen? Dieser Herausforderung muss sich eine moderne Soziale Arbeit mit ihrer reflexiven Denktradition stellen.
Im zweiten Kapitel werden die wesentlichsten Ansätze des Sozialkapitals skizziert, um in die Thematik einzuführen. Im dritten Kapitel werden Anwendungsfelder psychosozialer Praxis unter der besonderen Beachtung des Themas der Gesundheit, das sich konzeptionell
1 In dieser Arbeit werden die Termini „soziales Kapital“ und „Sozialkapital“ synonym verwendet.
2 Definition sozialer Ungleichheit: „(...)Soziale Ungleichheit“ liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten“ (Hradil 2001, S. 30). Soziales Kapital Dario Deloie
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auf Sozialkapital bezieht, beschrieben und im vierten Kapital kritisch bewertet, insbesondere unter der Perspektive der positiven und negativen Effekte des sozialen Kapitals und der „neuen“ Fachsozialarbeit Klinische Sozialarbeit.
2 Ideengeschichte der Konzepte sozialen Kapitals
2.1 Was ist soziales Kapital?
Diese Frage wird in vielen Publikationen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, gestellt. Und es existiert über diese Begriffsbestimmung keine einheitliche Auffassung. Ein besonderes Exempel findet sich im Bericht der Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerlichen Engagements“ (vgl. Deutscher Bundestag 2002, S. 350 ff.). Habisch, sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission, kritisiert in einem Sondervotum Partien des Abschlussberichtes scharf. Die Anwendung des Terminus „Sozialkapital“ sei zu unpräzise. Die Auftraggeber orientierten sich nicht an der Auffassung der gutachterlichten Stellungnahme von Ostrom und Ahn, die sie in Auftrag gegeben hatten. Dahinterliegend sieht er unterschiedliche Auffassungen der Beziehung zwischen der Bürgergesellschaft und dem Staat (vgl. Habisch 2002, S. 350 f.) „Die internationale Diskussion versteht „Sozialkapital“ als Selbstorganisationsprinzip, das kollektives Handeln („collective action“) ermöglicht. Wenn demgegenüber in den genannten Passagen des Abschlussberichtes der Kommission die vermeintliche Produktion von Sozialkapital durch „Soziale Unternehmen“ zum Subventionstatbestand erklärt wird, dann entspricht dies nicht den im Gutachten niedergelegten begrifflichen Standards für „Sozialkapital“ (ebd., S. 351).
Im Folgenden sollen skizzenhaft die wichtigsten Positionen zum sozialen Kapital erläutert werden.
2.2 Von der Bedeutung des Gemeinschaftsengagements - Sozialkapital nach Lyda Judson Hanifan
Anfang des letzten Jahrhunderts prägte Lyda Judson Hanifan, ein amerikanischer Pädagoge, den Begriff des Sozialkapitals als Resultat seiner Untersuchungen in seinem Heimatstaat West-Virginia, wo er im Schulwesen beschäftigt war. Er beobachtete eine Erosion ziviler Beteiligungsformen, bestimmter Bräuche, sozialen Gemeinschaftslebens und eine zunehmende Isolation von Familien. Die Wiedererstarkung des Gemeinschaftsengagements sei eine unabdingbare Voraussetzung für den Erhalt und die Evolution von demokratischen Gesellschaftsformen (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 16 f.). Das Sozialkapital bezieht sich nach Hanifan auf „(...) jene greifbaren Eigenschaften, auf die es im Alltag der Menschen am meisten ankommt, nämlich guter Wille, Gemeinschaftsgeist, Mitgefühl und gesellige[n] Austausch zwischen den Einzelnen und den Familien, aus denen sich eine gesellschaftliche Einheit zusammensetzt. (…) In gesellschaftlicher Hinsicht ist der Einzelne hilflos, wenn er auf sich selbst gestellt ist. (…) Wenn er in Kontakt mit seinen Nachbarn kommt und beide wiederum mit weiteren Nachbarn, sammelt sich Sozialkapital an, mit dem sich seine gesellschaftlichen Bedürfnisse unmittelbar befriedigen lassen. Möglicherweise reicht dieses soziale Potential auch für eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen der gesamten Gemeinschaft aus“ (Hanifan in: Putnam/Goss 2001, S. 16 f.). Hanifan hob die Bedeutsamkeit des Sozialkapitals für den privaten und den öffentlichen Bereich hervor. Nach Putnam und Goss waren in Hanifans Überlegungen inhaltlich alle wesentlichen Elemente enthalten, die in späteren Arbeiten zum Sozialkapital auch vertreten wurden. Dennoch wurden seine Ideen nicht aufgegriffen (vgl. ebd., S. 17).
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2.3 Kapitalientheorie/Ressource/soziale Ungleichheit - Sozialkapital nach Pierre Bourdieu
Erst mit den Publikationen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu setzte in den 1970er Jahren eine systematische theoretische Debatte mit dem Themenkomplex „soziales Kapital“ ein (vgl. Zmerli 2008, S. 33). Sozialkapital im Sinne Bourdieus ist Teil einer Kapitalientheorie. Dabei wird Kapital verstanden als „akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, ‚inkorporierter‘ Form“ (Bourdieu 1992, S. 49), und es differenziert sich in drei Arten: das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Letzteres wird von Bourdieu beschrieben als „(...) die Summe der aktuellen oder virtuellen Ressourcen, die einem Individuum oder einer Gruppe aufgrund der Tatsache zukommen, dass sie über ein dauerhaftes Netz von Beziehungen, einer - mehr oder weniger institutionalisierten - wechselseitigen Kenntnis und Anerkenntnis verfügen; es ist also die Summe allen Kapitals und aller Macht, die über ein solches Netz mobilisierbar sind“ (Bourdieu/Wacquant 1996, S. 151 f.), d. h. die Ressourcen beruhen auf der Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Die Menge an Sozialkapital, die das Individuum im Besitz hat, hängt von zwei Faktoren ab. Zum einem von der Größe des sozialen Netzes, aber nur in dem Maße, wie der Einzelne diese Beziehungen aktivieren kann. Zum anderen vom Vorhandensein der anderen Kapitalarten, des Umfanges, den die anderen besitzen. Einen weiteren Aspekt, den Bourdieu anspricht, ist das Verhältnis von Rendite und Solidarität in Gruppen. „Die Profite, die sich aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe ergeben, sind zugleich Grundlage für die Solidarität, die diese Profite ermöglicht“ (Bourdieu 1983, S. 192). Soziales Kapital bedarf der permanenten Beziehungsgestaltung „(...) in Form von ständigen Austauschakten (...), durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt“ (ebd., S. 193). Das soziale Kapital lässt sich nach Bourdieu überwiegend auf der Mikroebene ansiedeln. „Die gesellschaftliche Institutionalisierung und Garantie der bzw. die Informierung über die Sozialkapitalbeziehung stellt aber keinesfalls selbst Sozialkapital dar. Sozialkapital ist eine Ressource, die dem Einzelnen dank seiner Einbindung in einen sozialen Kontext zur Verfügung steht; weder der soziale Kontext noch die diesen kennzeichnenden Normen lassen sich damit unter Rekurs auf Bourdieu in die Begriffsbestimmung mit einschließen“ (Koob 2007, S. 210). Zusammenfassend kann der Ansatz Bourdieus mit der folgenden Aussage von Pantucek dargestellt werden: „Für ihn ist Soziales Kapital neben ökonomischem (Geld, Güter) und kulturellem Kapital (Diplome, Zeugnisse, kognitive Kompetenzen etc.) ein Vermögen von Individuen, das, salopp gesagt, in nützlichen Beziehungen besteht (...)“ (Pantucek 2008, S. 7).
In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Bourdieu, verfasst von Koob (siehe Anhang I).
2.4 Funktionen des Sozialkapitals - Ansatz nach James S. Coleman
Beim amerikanischen Soziologen James S. Coleman definiert sich das Sozialkapital über die ihm inne liegenden Funktionen. „Social Capital is defined by its function. It is not a single entity, but a variety of different entities having two characteristics in common: They all consist of some aspect of a social structure, and they facilitate certain actions of individuals who are within the structure. Like other forms of capital, social capital is productive, making possible the achievement of certain ends that would not be attainable in its absence” (Coleman 1990, S. 302).
Im Fokus seines wissenschaftlichen Interesses lagen Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Schichten und deren Bildungschancen. Mit Bourdieu teilt er die zentralen Themen soziale Ungleichheit, Bildungschancen und die Erforschung der Grundlagen sozialer Ordnung. Im Gegensatz zu Bourdieu betrachte Coleman das soziale Kapital jedoch nicht als ausschließliches Haben gesellschaftlich privilegierter Schichten. Sämtliche Schichten haben die Chance, in das soziale Kapital zu investieren und daraus auch Profit
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zu erlangen. Coleman sieht im sozialen Kapital auch ein öffentliches Gut, in dem Sinne, dass unbeteiligte, nicht an der Produktion beteiligte, Personen einer sozialen Gruppe vom sozialen Kapital profitieren (vgl. Zmerli 2008, S. 36 ff.). Coleman unterscheidet verschiedene Formen des sozialen Kapitals: Erwartungen, Verpflichtungen, Informationspotentiale, Normen, wirksame Sanktionen, Herrschaftsbeziehungen, übereignungsfähige soziale Organisationen und zielgerichtete soziale Organisationen (vgl. Koob 2007, S. 228). „Zusammenfassend versteht Coleman unter ‚Sozialkapital‘ somit eine sozialstrukturelle Handlungsressource, welche die Verfolgung von Zielsetzungen ermöglicht und die in Form der genannten sozialstrukturellen Aspekte auftritt“ (ebd., S. 228). Nach Koob ist das soziale Kapital im Ansatz von Colemann auf der Mikro-, Meso-und Makroebene zu finden. Sozialkapital nach Coleman ist kein Privatbesitz des Einzelnen, er kann aber dennoch von ihm profitieren. Im Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Colemann, verfasst von Koob (siehe Anhang II). 2.5 Netzwerke, Normen und Vertrauen - Der Sozialkapitalansatz nach Robert D. Putnam
Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert D. Putnam gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Sozialkapitalansatzes und beeinflusste in der Folge Autoren, die sich mit der Bürgergesellschaft und dem dritten Sektor auseinandersetzen und des Weiterem im Zusammenhang von steuerungstheoretischen und/oder sozio-ökonomischen Problemfeldern den Sozialkapitalterminus einbeziehen (vgl. ebd., S. 245). Drei Kernbegriffe prägen das Sozialkapitalverständnis Putnams: Netzwerke, Normen und Vertrauen. „Social capital refers to features of social organizations such as networks, norms, and social trust that facilitate coordination and cooperation for mutual benefit” (Putnam 1995, S. 67). Putnam sieht das soziale Kapital als Relationen zwischen Personen, d. h. als soziale Netzwerke, und wie erwähnt, finden besondere Beachtung die Normen der Netzwerke mit den Aspekten der Reziprozität und der Vertrauenswürdigkeit (Putnam 2000, S. 19).
Bei Putnam, aber auch bei Fukuyama 3 , wird das soziale Kapital i. d. R. als gesellschaftliche Ressource gesehen. Es handelt sich dabei um die Kapazität einer Gesellschaft zur Vernetzung und zur Kooperation. Non-Goverment-Organisationen, die öffentliche Leistungen erbringen, sind Ausdruck des Sozialkapitals (Pantucek 2005, S. 5). In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes nach Putnam, verfasst von Koob (siehe Anhang III).
2.6 Dimensionen des Sozialkapitals - Michael Woolcock
Michael Woolcock nimmt eine Differenzierung der Sozialkapitalformen vor. Das Bindungskapital (bonding) deutet auf enge, bzw. starke Bindungen hin. Basis bilden hier die „face to face“ Kontakte in der Primärgruppe. „Schwache“, horizontale Bindungen, die nicht im Nahraum verankert sind, werden als „Brückenkapital“ (bridging) bezeichnet. Vertikale, „schwache“ Beziehungen außerhalb der nahräumlichen Gemeinschaften und zu Institutionen oder institutionalisierte Kontakte werden als „Verknüpfungskapital“ bezeichnet (linking) (Kessl/Otto 2004, S. 14).
2.7 Sozialkapital aus der Sicht der Gesundheitswissenschaften - Bernhard Badura Bernhard Badura setzt sich mit dem sozialen Kapital aus der
gesundheitswissenschaftlichen Perspektive auseinander. Er beschäftigt sich seit Mitte der 1990er Jahre mit dem Themenkomplex des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Mit seinem Modell eines partizipativen betrieblichen Gesundheitsmanagements, das an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld entstand, spricht er auch unmittelbar Themenbereiche der Klinischen Sozialarbeit an, die sich u. a. als
3 Amerikanischer Politikwissenschaftler, der sich in seinen Arbeiten u. a. mit dem Sozialkapital beschäftigt. Soziales Kapital Dario Deloie
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Fachsozialarbeit im Bereich des Gesundheitswesens versteht. Soziales Kapital in diesem Kontext versteht er, „(...) in Weiterführung vorliegender Ansätze (z. B. Weltbank 1999, Putnam 2001, Cohn/Prusak 2001), [als 4 ] Merkmale sozialer Systeme, die sich gleichermaßen positiv auf die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden ihrer Mitglieder auswirken und sich in ihren Wirkungen dabei wechselseitig verstärken. Investitionen in das Sozialkapital eines Unternehmens oder einer Dienstleistungsorganisation zielen in erster Linie auf:
• die Stärkung einer Vertrauenskultur • die bessere Vernetzung der Mitarbeiter sowie
• die Entwicklung und Pflege unternehmensweit geteilter Überzeugungen, Werte und Regeln“ (Walter u. a. 2005, S. 27). Die Sozialkapitalkonzeption Baduras, ist vor dem Hintergrund seines
gesundheitswissenschaftlichen Verständnisses zu sehen, das Weiterentwicklungen des Gesundheitsverständnisses der WHO/Ottawa Charta und des salutogenetischen Ansatzes nach Antonovsky einbeziehen. Soziale Systeme lassen sich ähnlich wie Menschen auf einem Kontinuum von „gesund-krank“ einstufen. Als Systeme, im Kontext Baduras, werden Dienstleistungsorganisationen und Unternehmen bezeichnet, die sich durch ihren Umgang mit Sinnhaftigkeit (Bindekraft der Unternehmenskultur), Verstehbarkeit (Transparenz) und Beeinflussbarkeit (partizipativer Führungsstil) voneinander unterscheiden. Ferner ist das Vertrauen, sowohl zwischen den Mitarbeitern untereinander als auch zwischen Mitarbeitern und den Leitungsebenen, von Bedeutung (vgl. ebd., S. 26 f.).
2.8 Versuch einer Ordnung der Sozialkapitalansätze
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die soziologischen Ansätze von Bourdieu und Coleman, aber auch von Burt 5 (vgl. Burt 1992), soziales Kapital „(...) als sozialstrukturell ungleich verteilte, intersubjektiv eingebettete, aber individuell zu verwertende Ressource (...)“ (Otto 2003, S. 5) konzipieren. In der Sozialpolitik und in den Diskurssträngen der Sozialen Arbeit 6 (u. a. Ansatz nach Putnam) wird das soziale Kapital „(...) als ein normatives Qualitätsmerkmal und kollektives Gut beschrieben, das Gemeinschaften, Stadtteile oder ganze Nationen „besitzen“ können“ (ebd. S. 5 f.). Badura unterteilt die Sozialkapitalansätze in einen egozentrierten (z. B. Bourdieu/Coleman) und einen kollektivzentrierten Ansatz (z. B. Putnam). Erster Ansatz untersucht „(...) den persönlichen Nutzen des je spezifischen sozialen Netzwerks (Zuwendung, praktische Unterstützung, Informationen/„Tipps“, Kontakte etc.) eines Menschen“ (Badura 2007, S. 9). Der kollektivzentrierte Ansatz untersucht „(...) den Nutzen sozialer Netzwerke und geteilter Überzeugungen, Werte und Regeln für soziale Kollektive (Zweierbeziehungen, Gruppen, Organisationen, Gesellschaften)“ (ebd., S. 20). Eine Abgrenzung zum Putnamschen Sozialkapitalbegriff, der überwiegend auf der Makroebene angesiedelt ist, treffen die Netzwerktheoretiker, wie Flap, Burt und Lin. Hier ist das soziale Kapital auch auf der Mikro- oder Mesoebene angesiedelt. In Anhang findet sich eine Übersicht des Sozialkapitalansatzes der Netzwerktheoretiker, verfasst von Koob (siehe Anhang IV) 7 .
4 Einschub des Autors
5 Eine detaillierte Darstellung des Ansatzes von Burt würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.
6 Pantucek sieht jedoch den Wert des Sozialkapitalansatzes für die Soziale Arbeit mehr bei dem Ansatz von Bourdieu (siehe Kapitel 4).
7 Eine detaillierte Darstellung der Ansätze der Netzwerktheoretiker würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen. Soziales Kapital Dario Deloie
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3 Das Konzept des sozialen Kapitals in Anwendungsfeldern Sozialer Arbeit
3.1 AdressatInnen der Sozialen Arbeit und ihr Mangel an Sozialkapital
Der Auffassung von Pantucek folgend, leiden die AdressatInnen der Sozialen Arbeit neben einem mangelnden Zugriff auf Leistungen der sozialen Sicherungssysteme (linking capital), auch an ausgedünnten horizontalen sozialen Netzen. D. h. das Kapital im Ökonomischen, Kulturellen ist defizitär, aber auch das im sozialen Sinne ist nur mangelhaft vorhanden (vgl. Pantucek 2008, S. 9).
An folgenden ausgewählten Praxisbeispielen soll nun veranschaulicht werden, wie Soziale Arbeit das soziale Kapital ihrer KlientInnen zu stärken, zu aktivieren sucht. Die Ansätze Sozialer Arbeit, die das soziale Kapital in ihre Interventionsstrategien einbeziehen, sind zwischenzeitlich weit verbreitet, zumindest in ihrer sozialräumlichen Ausrichtung. Die Begrifflichkeit des Sozialkapitals wird dabei eher kaum verwendet, aber es „(...) lässt sich ein implizierter Rekurs auf dieses Konzept in nahezu allen vorliegenden „nahräumlichen“ Konzeptionen rekonstruieren“ (Otto 2003, S. 5).
3.2 Sozialräumliche Ansätze - Seniorenarbeit
Bekannt wurde das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“, das 1999 startete, mit dem Ziel, „die „Abwärtsspirale“ in benachteiligten Stadtteilen aufzuhalten und die Lebensbedingungen vor Ort umfassend zu verbessern“ (Soziale Stadt/Bundestransferstelle (b)). Es wurden bisher 490 Projekte gefördert, u. a. in den Bereichen Aktivierung, Beteiligung und Gesundheitsförderung. In einem Leitfaden zur Ausgestaltung der Gemeinschaftsinitiative werden folgende Ziele genannt: „- Aktivierung örtlicher Potenziale, Hilfe zur Selbsthilfe, - Entwicklung von Bürgergesellschaft für den Stadtteil
- Schaffung selbsttragender Bewohnerorganisationen und stabiler nachbarschaftlicher sozialer Netze“ (Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ 2001, S. 96 f.). Besondere Bedeutung bekommen für ältere Menschen soziale Bezüge in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, bedingt durch die zunehmende mangelnde Mobilität und die Erosion des sozialen Netzwerkes, durch Tod von nahen Angehörigen, Freunden und Bekannten und den häufig zu beobachteten sozialen Rückzug (vgl. Heusinger/Kümpers 2007, S. 3 ff.). Um der Isolierung alter Menschen vorzubeugen, haben sich in Deutschland Ansätze zum Ausbau von stadtteilbasierten Netzwerken für Senioren entwickelt. Als Beispiel seien die Senioren-Netzwerke in Köln genannt (vgl. Senioren Netzwerke Köln). In zwölf ausgesuchten Quartieren in Köln mit einem hohen Anteil an Singles, AusländerInnen und SozialhilfeempfängerInnen wurden Netzwerkkoordinatoren eingesetzt, mit der Zielsetzung, ältere Menschen zu aktivieren und an Netzwerke zu binden. Durch eine Vielzahl von Initiativen (Angebote für Kultur, Sport, Bildung und soziale Kontakte) wurden in zahlreichen Quartieren hohe Aktivierungsgrade erreicht. Als bedeutsam wurde die reziproke Bedingtheit von Aktivierung und sozialer Vernetzung betrachtet. Der Aufbau von Personennetzwerken war ein Schwerpunkt, ein weiterer waren die Installierung von Organisationsnetzwerken, „(...) um möglichst viele und unterschiedliche Akteure für die Bedarfe Älterer zu sensibilisieren und miteinander in Verbindung zu bringen, um damit das ‚Stadtteilwissen’ zu Fragen des Alterns im Umfeld zu erhöhen. Nach einigen Jahren hat man begonnen, die entwickelten Netzwerke zu verselbständigen; die Netzwerkmanager/Innen rotieren in andere Stadtteile“ (Heusinger/Kümpers 2007, S. 7).
Mit welcher Methodik das soziale Kapital gestärkt werden kann, haben Früchtel, Cyprian und Budde in ihrem Feldbuch zur sozialräumlichen Sozialen Arbeit 2007 publiziert (vgl. Früchtel/Cyprian/Budde 2007). Weitere sozialräumlich-sozialarbeiterische Ansätze haben
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die Aktivierung von nachbarschaftlichen Netzwerken zum Ziel. Zu erwähnen ist das Projekt der FH St. Pölten zur Stärkung von informellen sozialen Netzwerken im ruralen Raum (vgl. Pantucek/Pantucek 2003, Brandstetter 2007).
3.3 Gesundheitswissenschaften - Sozialkapital in Betrieben
2008 erschien eine Publikation von Badura, Greiner, Rixgens, Ueberle und Behr zum Thema Sozialkapital (vgl. Badura u. a. 2008) u. a. aus der Perspektive der Gesundheitswissenschaften. Es handelt sich um eine Untersuchung von Wirtschaftunternehmen. Die Fragestellung des Projektes lautet: „Was beeinflusst ihre Wettbewerbsfähigkeit und die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Höhe ihres Sozialkapitals? Dabei werden drei Teilmengen des betrieblichen Sozialkapitals unterschieden: das Netzwerkkapital, das Führungskapital und das Überzeugungs- und Wertekapital“ (ebd., S. 11). Die Hypothese der Autoren lautet vereinfacht, dass die Gesundheit der Mitarbeiter und der Erfolg eines Unternehmens deutlich von nichtökonomischen Faktoren (soziales Kapital) abhängen. Untersucht wurden fünf Betriebe, und die Ergebnisse dieser Forschung sollten praxisrelevante Lösungen anbahnen (vgl. ebd. S. 4). Im Folgenden werden die Ergebnisse der Untersuchung skizzenhaft dargestellt. Ein hohes soziales Kapital wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Arbeitnehmer aus. Es besteht eine Korrelation zwischen den sozialen Beziehungen in den Arbeitsgruppen, dem Leitungsverhalten und der Unternehmenskultur und dem seelischen und körperlichen Gesundheitszustand, ferner der Regenerationsfähigkeit der Mitarbeiter (vgl. ebd. S. 110). Neben den gesundheitlichen Vorteilen kommt es durch ein hohes soziales Kapital zu einer Steigerung des unternehmerischen Erfolges (ökonomisches Kapital). Immaterielle Arbeitsbedingungen, verstanden als arbeitsbezogene Aspekte, haben hohen Einfluss auf den Krankenstand, insbesondere dann, wenn es zu geringe Partizipation und Handlungsspielräume gibt, und die empfundene Sinnhaftigkeit der Arbeit fehlt (vgl. ebd., S. 112 f.). Von Bedeutung ist in diesem Bereich das Führungskapital, mit Aspekten des Kommunikationsverhaltens des direkten Vorgesetzten, seiner Mitarbeiterorientierung, seiner Fairness, seinem Vertrauen und seiner Akzeptanz gegenüber seinen Mitarbeitern, ferner seinem Verhältnis zur Machtausübung. Dieser Bereich des sozialen Kapitals hat einen Einfluss auf die Arbeitsqualität, auf den Produktionszuwachs und auf die Erreichung der betrieblichen Ziele (vgl. ebd., S. 113 ff.). Das Netzwerkkapital mit den untersuchten Faktoren der Gruppenkohäsion (Zusammenhalt zwischen Arbeitnehmern), reziprokes Vertrauen, Unterstützung, Qualität der Kommunikation untereinander und sozialer Fit, hat einen Effekt auf die personenbezogenen Zielvariablen (Arbeitsunfähigkeit, Unfallgeschehen, freiwillige Fluktuation) (vgl ebd., S. 116 ff.). Das Wertekapital (Unternehmenskultur, z. B. gemeinsame Werte und Normen, Gemeinschaftsgefühl, Konfliktkultur) hat Auswirkungen auf die Erreichung von Zielen und auf personennahe Prozesse (vgl. ebd., S. 120).
3.4 Sozialkapital in der Kinder- und Jugendhilfe
Pantucek hat weitere Anwendungsfelder der Sozialen Arbeit mit der Dimension der Aktivierung des sozialen Kapitals aufgeführt. Aus dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe erwähnt er die Arbeit von Wolf, der deutlich gemacht hat, dass man mit der Aktivierung von Bezugspersonen aus dem unmittelbaren Umfeld (sozialer Nahraum) die Unterbringung von Kindern aus Familien, in denen die Eltern ihre elterliche Sorge nicht mehr wahrnehmen, in Heimen, bei Pflegeeltern, verhüten kann. Dies wird als Aufbau und Aktivierung von Sozialkapital interpretiert (vgl. Pantucek 2008, S. 9). Erwähnt sei noch ein Patenschaftsmodell, das ähnlich aufgebaut ist. Es werden Paten von Kindern aus Familien mit psychisch kranken Eltern gecoacht und den Kindern zur Hilfe, Unterstützung an die Seite gestellt (Berliner Projekt von Katja Beeck). Ein weiteres Exempel der Aktivierung des Sozialkapitals stammt aus Neuseeland (Family Group Conferences, oder: Family
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Decision Making, oder: Familienrat, oder: Verwandtschaftsrat). Vor
Fremdunterbringungen von Kindern aus der Maori-Population wurde der Rat der „Großfamilie“ erbeten. Während einer solchen Konferenz sollten von der Familie Vorschläge gemacht werden, wie das Kindeswohl erhalten werden und die Fremdunterbringung vermieden werden könne. Das erfolgreiche Modell wurde in Neuseeland zwischenzeitlich als Standardmodell installiert und wird für andere psychosoziale Anwendungsfelder (Social Group Conference) in Österreich übernommen (Ilse Arlt Institut an der FH St. Pölten). Eine Untersuchung von Boeck weist auf die positiven Effekte hin, wenn Jugendliche aus Straßenbanden noch soziale Austauschbeziehungen zu gesellschaftlich gut integrierten Beziehungspersonen pflegten. Die Risiken der Exklusion sinken signifikant. Auf die guten Resultate der sozialen Austauschbeziehungen aufbauend hat das oben bereits genannte Ilse Arlt Institut ein diesbezügliches Projekt für Kinder von psychisch kranken Eltern und anderen isolierten Gruppen entwickelt (vgl. ebd., S. 9 f.). „Die Herstellung direkter Austauschverhältnisse wäre so verstanden eine professionelle Aufgabe. Sie stellt sich nicht von selbst her, sondern bedarf vorerst einer gezielten Unterstützung. Institutionen müssen einen „Vorschuss“ einbringen, eine Investition“ (ebd., S. 10).
4 Effekte der Aktivierung des sozialen Kapitals und die Bedeutsamkeit für die (Klinische) Sozialarbeit
4.1 Wirkungen und Nebenwirkungen von Sozialkapital
Mit der zunehmenden Ökonomisierung der Sozialen Arbeit müssen sich Programme in diesen Feldern immer mehr die Frage nach der Effektivität und Effizienz stellen. Aber neben der wirtschaftlichen Dimension muss sich eine moderne Soziale Arbeit im Sinne ihrer AdressantInnen mit der Wirkung und den möglichen Nebenwirkungen ihrer Interventionen beschäftigen. Welche ist „best practice“? Dies gilt natürlich auch für die Soziale Arbeit, die explizit oder implizit mit der Aktivierung des sozialen Kapitals arbeitet. Eine Beantwortung der Frage nach dem Gewinn dieser Ansätze fällt nicht leicht - in Anbetracht der unterschiedlichen Evaluationsergebnisse in diesem Feld. Eine Beurteilung fällt auch aus dem Grunde schwer, weil hinter dem Terminus „Sozialkapital“ divergente soziologische, politik- und gesundheitswissenschaftliche Konzepte stehen. Wie in den vorherigen Kapiteln dargestellt wurde, verwendet ein Teil der Autoren den Begriff des sozialen Kapitals mehr auf das Individuum bezogen, d. h. als eine Ressource, die aus der Mikro-Ebene zu betrachten ist (z. B. Bourdieu). Andere Vertreter des Sozialkapitalansatzes setzen ihren Fokus mehr auf der Makro-Ebene (z. B. Putnam). Bei der Beurteilung des Sozialkapitalansatzes für die Soziale Arbeit sollten die Möglichkeiten, die Chancen, die Grenzen und die Gefahren immer beachtet werden. Bei einer Nutzen-Risiko-Abwägung sollten Sozialkapitalansätze vermehrt Einzug in die Soziale Arbeit in ihrer sozialräumlichen, klinischen Ausrichtung erhalten, somit auch in den Bereich der Altenhilfe und der Gesundheitsförderung. Im Folgenden werden die positiven Effekte, aber auch die unerwünschten Nebenwirkungen der Sozialkapitalansätze skizziert. Positive Effekte
• Erschließung von spezifischen Ressourcen
Die Ressourcen dienen Einzelnen oder Gruppen, ihre Ziele zu realisieren. Als Ressourcen gelten in diesem Kontext: soziale Unterstützung und Begünstigung, Informationsgewinnung und Schutz vor externen Unannehmlichkeiten (z. B. sozialen Angriffen) (vgl. Abel u. a., S. 49). • Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe
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Der Zugang zu den Ressourcen geschieht über die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Die „Mitgliedschaft“ zur Bezugsgruppe wird gestärkt, indem Einzelne über interaktionale Austauschakte zur Erweiterung und zur Aufrechterhaltung des sozialen Kapitals beitragen (vgl. ebd., S. 50). • Soziale Kontrolle
In sozialen Netzwerken (Nachbarschaften, Gemeinden) mit einem hohen Sozialkapital sinken die Kriminalitäts- und Suizidraten. Unklarheit besteht jedoch darin, inwiefern nicht ein geringeres Gewaltpotenzial in solchen sozialen Netzwerken zu einer höheren Lebenszufriedenheit führt und damit zu einem höheren sozialen Kapital. Abel et. al. gehen in diesem Zusammenhang von einer Wechselwirkung aus: „(...)Je mehr Sozialkapital, desto besser die Lebensqualität und je besser die Lebensqualität, desto besser die Voraussetzungen zum Aufbau von sozialem Kapital“ (ebd., S. 50). Postulierter Nutzen für die Gesundheit
Im vorangegangenen Kapitel wurde auf die Studie von Badura mit Bezug auf Sozialkapital und Gesundheit im betrieblichen Kontext hingewiesen. Hier soll nun in allgemeiner Form der positive Effekt von hohem sozialem Kapital und Gesundheit aufgezeigt werden. • Hinweise auf eine Korrelation zwischen einer positiven subjektiven Gesundheitseinschätzung und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit hohem sozialen Kapital
• Hinweise auf geringere Morbidität und Mortalitätsraten in Gemeinden mit erhöhter gegenseitiger Hilfsbereitschaft und höherem sozialen Vertrauen • Nahe Vertrauensverhältnisse/Integration in sozial unterstützenden Gruppen gelten als gesundheitsförderlich, auch bei psychischen Erkrankungen Letztgenannter Aspekt gilt nach Abel et. al. nicht als genügendes Kennzeichen für soziales Kapital. • Bedeutsamkeit sozialer Reziprozität
Eine Studie von Boesch und Meyer zur organisierten Nachbarschaftshilfe zeigt einen positiven Befund von sozialer Vernetzung und kritischen Lebensereignissen/ Krisen. Bei chronischen Krisen, Belastungen ließen sich keine positiven Effekte beobachten, da die Betroffenen nicht erwidern können, d. h. organisierte Nachbarschaftshilfe beruht auf Gegenseitigkeit.
• Stärkung des Kohärenzsinns (nach Antonovsky ) durch aktive Teilhabe am sozialen Kapital
Die Sinnhaftigkeit als eine Komponente des Kohärenzsinns soll durch das Eingebundensein in Gruppen und die damit als wichtig bewertete Tätigkeiten das Gefühl, für die Gruppe etwas Nützliches zu vollbringen, stärken. Soziales Kapital, verstanden als Ressource, das unterstützt, ein Ziel zu erreichen, fördert die Einschätzung der Handhabbarkeit (zweite Komponente des Kohärenzsinns). Verlässlichkeit in Beziehungen, vertrauensvolle Bindungen und Reziprozität, lassen das soziale Leben und die alltäglichen Belastungen berechenbarer erscheinen (dritte Komponente des Kohärenzsinns: Verstehbarkeit) (vgl. ebd., S. 52 ff.). Potenzielle negative Effekte • Entstehung und Erweiterung sozialer Ungleichheit Mikrosoziale Ebene: Die Ausweitung von sozialer Ungleichheit wird durch Sozialkapital dann verstärkt, wenn die Beziehungen in sozialen Netzwerken dominant hierarchisch strukturiert sind. Solche Gemeinschaften weisen Individuen unterschiedliche soziale Positionen mit unterschiedlichen Möglichkeiten des Profits zu. Leitende Posten erhalten in der Regel schon privilegierte Personen, die bereits Soziales Kapital Dario Deloie
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über ein hohes kulturelles und ökonomisches Kapital verfügen. „Wer eine Gruppe nach Aussen vertritt, sieht sich mit sozialer Verantwortung konfrontiert, hat aber auch die Möglichkeit, weitere soziale Kontakte zu knüpfen, das heisst sich weiteren Gemeinschaften anzuschliessen und auch von deren Sozialkapital zu profitieren“ (ebd., S. 56). Man denke an einen leitenden Arzt einer Klinik, der die Möglichkeit erhält, Mitglied im Rotary Club zu werden. Kulturelles und ökonomisches Kapital nutzen hier zum Ausbau des Sozialkapitals, in einer privilegierten, andere ausschließenden Gesellschaft. „Soziale Ungleichheit wird vor allem dort verstärkt, wo führende Funktionen systematisch bereits privilegierten Personengruppen übergeben werden, die TrägerInnen dieser Funktionen nicht im
Rahmen eines Rotationssystems regelmässig wechseln und der Ertrag von Sozialkapital ungleich verteilt ist“ (ebd., S. 56 f.). Makrosoziale Ebene: auf dieser Ebene wird „(...)soziale Ungleichheit dann erweitert, wenn sozialkapitalreiche Gemeinschaften gegenüber anderen Gemeinschaften über eine überdurchschnittliche Machtfülle verfügen oder einer sozioökonomischen besonders privilegierten Sozialschicht angehören“ (ebd., S. 57).
Deutlich wurde, dass soziales Kapital u. U. das soziale Machtgefälle (ungleiche Verteilung von ökonomischem und kulturellem Kapital) ausbauen kann. • Freiheitseinschränkende soziale Kontrolle
Neben dem oben beschriebenen positiven Nutzen der sozialen Kontrolle können damit auch negative Aspekte verbunden sein. Als Beispiel wird die Einschränkung der persönlichen Freiheit beschrieben (z. B. in Mafiaorganisation) (vgl. ebd., S. 50). • Zunehmender Abbau des Verbindungskapitals bei sozialräumlichen Strategien Neo-soziale Strategien (sozialpolitische Strategien) setzen auf den Ausbau von persönlichem Engagement und sozialen Netzwerken (Bindungs- und Brückenkapital). Die Investitionen in öffentliche Sicherungssysteme werden zurückgefahren (vgl. Kessl/Otto 2004, S. 12 f.). „Der wichtigste Beitrag des institutionellen Kapitals besteht jedoch darin, ein Gegengewicht von universalistischen Orientierungen und schwachen Bindungen zu den partikulären und starken Bindungen des lokalen Sozialkapitals zu bilden“ (Karstedt 2004, S. 60). Putnam hat diesen Bereich des sozialen Kapitals kaum beachtet, der aber nach Karstedt von hoher Bedeutung ist. Demokratische Institutionen erzeugen soziales Kapital, und Demokratien brauchen Letztgenanntes zur Weiterentwicklung (vgl. Karstedt 2004, S. 59 f.). „Verweise auf grundlegende Veränderungen bestehender institutioneller Strukturierungen, wie sie die wohlfahrtsstaatliche Moderne prägten, dürften nicht dazu führen, die Relevanz institutioneller Sozialkapitalressourcen insgesamt zu vernachlässigen. Denn diese stellen das entscheidende Scharnier für einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Typen des Sozialkapitals dar“ (Kessel/Otto 2004, S. 14).
• „Territoriale Nahraumstrategien“ negieren fehlende soziale Bindungsstrukturen Soziale Bindungen finden häufig nicht mehr im Nahraum statt (vgl. ebd., S. 16). • Soziales Kapital im Nahraum wird überwiegend von den „Privilegierten“ genutzt „Dort, wo soziales Kapital im sozialen Nahraum entsteht, wird es überwiegend zur Steigerung der individuellen Lebensqualität eingesetzt, nicht in einem sozial verantwortlichen Sinn. Und es sind überwiegend die gut Integrierten und Privilegierten, die von diesen Verhältnissen profitieren, und ihre Gesamt-Ausstattung weiter verbessern (Sommerfeld 2004, S. 242). Dies sind Ergebnisse aus Quartiersstudien in Deutschland und der Schweiz.
Eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der Effekte des Sozialkapitalansatzes aus der Perspektive der Sozialen Arbeit findet sich im Anhang (siehe Anhang V). Soziales Kapital Dario Deloie
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Die Aktivierung des sozialen Kapitals durch sozialarbeiterische und sozialpädagogische Interventionen, löst, wie oben illustriert, neben den positiven Wirkungen auch negative Effekte, d. h. Nebenwirkungen aus. Beispielsweise kann die Verwertung des Sozialkapitals auf der individuellen Ebene u. U. disruptive Wirkungen auf das kollektive Sozialkapital haben (z. B. Civicness) (vgl. ebd., S. 6). „So kann sich eine individuelle Verwertung sozialen Kapitals, dessen Gebrauch für die partikularen Interessen einer einzelnen AkteurIn relational zu anderen AkteurInnen Vorteile bringt, zerstörerisch auf jenes kollektive soziale Kapital auswirken (...), das uns laut Putnam (...) >> smarter, healthier, safer, richer, and better to govern a just and stable democracy<< macht” (Abeling/Ziegler 2004, S. 279).
Sozialkapitalansätze in der Sozialen Arbeit haben diese zwei Seiten der Wirkungen zu beachten. Soziale Arbeit muss auch eine eigenständige Position in der aktuellen „Sozialstaatsdebatte“ finden (siehe Einleitung). Unkritische Übernahme von neo-sozialen Konzepten, die auf zunehmende Selbstverantwortung setzen und damit versuchen, das monetäre Problem der Sozialpolitik zu lösen, haben, wie bereits oben erwähnt, für die Adressaten z. T. verheerende Folgen. Durch die Aktivierung von bonding und bridging capital werden die Akteure gerade bei chronisch-schwierigen Problemlagen überfordert. Und dies ist nun mal die Klientel der Sozialen Arbeit. Ohne die Beachtung der institutionellen Ressourcen (linking capital) und Investitionen in diesem Feld werden Aktivierungen des sozialen Kapitals durch Soziale Arbeit keine Erfolge realisieren. Es scheint nahezu naiv zu sein, alleine auf nahräumliche Hilfen zu setzen mit ihren impliziten anachronistischen Sozialstrukturvorstellungen.
4.2 Sozialkapital in der Klinischen Sozialarbeit
Für die Fachsozialarbeit Klinische Sozialarbeit 8 sind Überlegungen von Pantucek von besonderem Interesse. Er vertritt eine kritische Haltung gegenüber dem Sozialkapitalkonzept von Putnam. „Die Putnam´sche Version des Konzeptes, die u. a. auch von neoklassischen Ökonomen bereitwillig aufgegriffen wurde, hat einige Schwächen. Sie setzt das Sozialkapital mit bürgerschaftlichem Engagement gleich, blendet Politik, Staat, Machtverhältnisse weitgehend aus. Es ist daher fraglich, wie weit sein Konzept für die Soziale Arbeit nützlich sein kann“ (Pantucek 2008, S. 7). Ein Rückgriff auf die Sozialkapitalkonzeption von Bourdieu, in der soziales Kapital verstanden wird als individuelles Gut, wie auch das ökonomische und kulturelle Kapital, erscheint für die Soziale Arbeit sinnvoll, „(...) durch die Möglichkeiten der Operationalisierung und der Einbindung der Erhebung des Sozialen Kapitals von Individuen und Gruppen in den Unterstützungsprozess (...)“ (ebd., S. 7). Nach Pantucek besteht durch die Konzeption des sozialen Kapitals für die Soziale Arbeit die Chance, sich von den Bezugswissenschaften der Pädagogik und der Psychologie unabhängiger zu machen, die ihren Fokus mehr auf die innerpsychischen Prozesse legen. „Für die Soziale Arbeit ist allerdings diese Engführung der Betrachtung des Sozialen (als „Bedingung von Erziehungsprozessen“ oder „Bedingung von Psychischem“) unzureichend. M. E. benötigt sie für ihre Fundierung den Rückgriff auf Konzepte, die das Soziale stärker in seiner Eigendynamik in den Blick nehmen, dabei aber das Individuum nicht als Zentrum der Aufmerksamkeit verlieren. Auf das Bourdieu´sche Sozialkapital-Konzept trifft das m. E. zu“ (ebd. S. 8). Kritisch äußert sich Pantucek auch gegen einen kritischen Gebrauch des Ressourcenbegriffs in der Sozialen Arbeit und Psychotherapie. Es besteht zwar eine Schnittmenge mit dem Bourdieuschen Sozialkapital, aber häufig wird der Terminus „Ressource“ als Gegenpunkt zum „Defizit“ betrachtet. Implizit liegen hier Vorstellungen zugrunde, durch die Aktivierung der Stärken und Potenziale der KlientInnen, also durch Wachstum, psycho-soziale Problemlagen lösen zu können. „Das Klientel der Sozialen Arbeit (die Unterdrückten, Verletzlichen und Armen
8 Der Autor teilt das Verständnis von Klinischer Sozialarbeit, das durch die Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit vertreten wird (vgl. http://www.klinische-sozialarbeit.de/). Soziales Kapital Dario Deloie
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(...) ) leidet eben an einem Defizit an Ressourcen, von Information/Wissen bis zu materiellen Ressourcen (...), und dieser Mangel ist durch Willensanstrengung und positive Rahmung („Reframing“) i. d. R. eben nicht auszugleichen Wenn wir also den Zugang zu LebensMitteln 9 als Resultate der individuellen Einbindung in das zweifach Soziale verstehen, dann bringt die Bourdieu´sche Konzeptualisierung des Sozialen Kapitals einen Zuwachs an Klarheit über die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, diesen Zugang über eine Bearbeitung von Beziehungen zu verbessern“ (ebd., S. 7 f.). Vereinfach ausgedrückt entsteht soziales Kapital durch Beziehungsarbeit, durch immer wiederkehrende Investitionen in Austauschprozesse in sozialen Netzwerken. Die neoliberale Sozialstaatlichkeit, hat, wie oben bereits erwähnt, die Aktivierung von Selbstverantwortung des Sozialkapitals zum Ziel. Das Problem der AdressatInnen der (Klinischen) Sozialarbeit ist es aber gerade, dass soziale Netzwerke zum Beispiel durch Alter oder Suchterkrankungen wegbrechen und aufgrund der Probleme der KlientInnen in der Beziehungsfähigkeit diese keine Möglichkeiten haben, in das soziale Kapital zu investieren. Versteht man Klinische Sozialarbeit als eine behandelnde und beratende Sozialarbeit zur Lösung von „psycho-sozialen Problemlagen“ muss sie in zweierlei Hinsicht ihre Klientel unterstützen bzw. behandeln, um das Sozialkapital nutzen zu können. Zum einem mit Interventionen in einzel- und gruppentherapeutischen Settings. Bei diesen Methoden geht es darum, KlientInnen darin zu unterstützen, ihre Beziehungsfähigkeiten zum Beispiel in Form von sozialem Kompetenztraining auszubauen. Beispielsweise sind Suchtkranke durch jahrelangen missbräuchlichen Substanzkonsum in ihrem Selbstwert so beschädigt, dass sie ihre Kritikfähigkeit einbüßen und kompensatorisch ein „Pseudo-Selbstbewusstsein“ aufbauen. Bei solchen Trainings gilt es beispielsweise (wieder-) zu erlernen, sich gegen inadäquate Fremderwartungen abzugrenzen und Wünsche zu artikulieren. Insgesamt geht es um die Behebung von psycho-sozialen Hemmnissen, um auf soziales Kapital zugreifen zu können und es im Weiteren auszubauen. Zum anderen müssen zunächst auch „künstliche“ soziale Netzwerke zur Verfügung gestellt werden. Wenn keine Ressourcen, wie soziale Netzwerke, vorhanden sind, und das ist ja, wie erwähnt, gerade bei den KlientInnen der Klinischen Sozialarbeit der Fall, so müssen diese erst einmal zur Verfügung gestellt werden. In diesem Zusammenhang sind z. B. Abstinenzcafes in der Suchtkrankenhilfe zu nennen oder SeniorInnentreffpunkte in Stadtteilen. Aber Klinische Sozialarbeit muss auch hier intervenieren und helfen, die inneren Hemmschwellen der KlientInnen abzubauen, damit sie diese Angebote nutzen können. Das beste Programm, die schönsten Räumlichkeiten sind bedeutungslos, wenn die KlientInnen sie nicht in Anspruch nehmen bzw. nehmen können. Sind die psycho-sozialen Hemmnisse abgebaut und die artifiziellen sozialen Netzwerke nicht mehr notwendig, kann Klinische Sozialarbeit mittels
Empowermentstrategien die unterschiedlichen Dimensionen des sozialen Kapitals direkt steigern. Bei Klienten mit weniger gravierenden psycho-sozialen Störungen können die letztgenannten Strategien unmittelbar angewendet werden (siehe Anhang VI). Generell können folgende Voraussetzungen für den Aufbau von sozialen Netzwerken im Nahraum genannt werden: • Zielgruppenspezifischer Ansatz • Substanzielle Finanzierung • Adäquate Räumlichkeiten • Qualifikation des Personals • Installierung von Stadtteilkonferenzen u. a. • Politische Unterstützung auf der lokalen Ebene
9 Unter „LebensMittel“ versteht Pantucek materielle und immaterielle Güter, die für die Lebensführung notwendig sind. Soziales Kapital Dario Deloie
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• Vernetzung von Mitarbeitern mit anderen Projekten (vgl. Heusinger/Kümpers 2007, S. 12 ff.).
Unter den genannten Bedingungen ist eine Aktivierung des sozialen Kapitals in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Klinischen Sozialarbeit zu begrüßen. Klinische Sozialarbeit muss positive Effekte und Nebenwirkungen ihrer Interventionen im genannten Sektor mit Evaluationen wissenschaftlich untersuchen, um sich damit gegen einseitige Strategien neoliberaler Sozialkonzepte zu wappnen. Nur auf die Selbstverantwortung und Selbstheilungskräfte der Einzelnen und von Gruppen bzw. sozialen Netzwerken zu setzen, ist verkürzt und überfordert die psycho-sozial belasteten Individuen und Gruppen und deren nicht professionelle Unterstützer und Helfer. Reziprozität in sozialen Netzwerken hat seine Grenzen. Die „sozial Schwachen“, die chronisch Kranken, die Ausgestoßenen etc. brauchen konkrete psycho-soziale, professionelle Unterstützungsleistungen, wie sie die Klinische Sozialarbeit bietet.
5 Zusammenfassung
Initial wurde der Terminus „soziales Kapital“ mit seinen verschiedenen Implikationen skizziert. Dabei fanden soziologische, politik- und gesundheitswissenschaftliche Ansätze Raum und es wurde ein Zusammenhang zur Sozialen Arbeit mit ihrer Abhängigkeit zur Sozialpolitik, ferner zur der neuen Fachsozialarbeit Klinische Sozialarbeit gezogen. Die Aktivierung des sozialen Kapitals für die AdressatInnen der Klinischen Sozialarbeit im Bereich des Sozial- und Gesundheitswesens wurde grundsätzlich begrüßt, insofern sie die negativen Effekte des Sozialkapitals bewusst im Sinne ihrer reflexiven Tradition betrachtet und eine kritische Haltung gegenüber neoliberalen Sozialstaatskonzepten einhält. Der Klinischen Sozialarbeit wurden drei Interventionsstrategien zur Aktivierung des Sozialkapitals für ihre „hard-to-reach-AdressatInnen“ zugeschrieben. Der Abbau der psycho-sozialen Hemmnisse zur Aktivierung des Sozialkapitals, die Bereitstellung von zielgruppenorientierten sozialen Netzwerken und die Empowermentstrategien wurden in diesem Kontext genannt.
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6 Anhang
Anhang I: Bourdieus Sozialkapitalkonzept
Definition Sozialkapital ist
- aktuelle od. potentielle Ressource, die mit dem Besitz eines institutionalisierten Beziehungsnetzes verbunden ist - eine Form von Macht - akkumulierte Arbeit - einforderbare nützliche Verpflichtung - funktional - informell Ebene - Mikro, Meso Lokalisierung - Besitz des Akteurs; Privatgut Entstehung - Tauschbeziehungen - Vererbung bzw. Transferierung - Investitionen in Beziehungen (vor allem Zeit) - Erzeugung von Verpflichtungen Wirkung - Bestimmung/Reproduktion gesell. Positionen - Multiplikatoreffekt auf alle für den Akteur verfügbaren Kapitalarten - Kollektivgüter wie Normen Operationalisierung - keine expliziten Angaben aber netzwerkanalytische Operationalisierung möglich
Wissenschaftstheoretischer Status - empirisch-induktive und phänomenologische Theoriekonstruktion - quantitatives Realmodell - gesellschaftskritisches Aufklärungsmodell
(Koob 2007, S. 217 f.)
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Anhang II: Colemans Sozialkapitalkonzept
Definition Sozialkapital ist
- sozialstrukturelle, handlungsbegünstigende Ressource für einen Akteur (gemeint sind Informationskanäle, Verpflichtungen und Erwartungen, Normen und Sanktionen, Herrschaftsbeziehungen, soziale Organisat.) - eine Gutschrift - eine Beziehungsrelation - eine Form von Macht - Netzwerkschließung - Vertrauenswürdigkeit - funktional - informell Ebene - Mikro, Meso, Makro Lokalisierung - innerhalb von Beziehungsrelationen; Privatgut sowie kollektives bzw. öffentliches Gut Entstehung - Tauschbeziehungen (soziale Interdependenz) - Vererbung bzw. Transferierung - Investitionen in Beziehungen - Erzeugung von Verpflichtungen - Ideologien Wirkung - Handlungsbegünstigung - Verbesserung der Lebensqualität - Schulerfolg - Humankapital Operationalisierung - vor allem Netzwerkanalyse
Wissenschaftstheoretischer Status - empirisch-induktive (eigene Forschungen und Sekundäranalysen) sowie integrativ-analytische (homo oeconomicus - homo sociologicus) Theoriekonstruktion - quantitatives Realmodell
(Koob 2007, S. 240 f.)
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Anhang III: Putnams Sozialkapitalkonzept
Definition Sozialkapital ist - Norm der Reziprozität - Vertrauen - Netzwerke zivilen Engagements - ein Zimmernachbar, eine Sonntagsschule, eine flüchtige Grußbekanntschaft etc. - eine Ressource für einen Akteur - soziales Zugehörigkeitsgefühl - funktional - informell Ebene - Mikro, Meso, Makro Lokalisierung - innerhalb von Beziehungsrelationen, Privatgut aber hauptsächlich öffentliches Gut Entstehung - Tauschbeziehungen
- Vertrauen entsteht durch Reziprozitätsnormen oder ziviles Engagement
- dichte soziale Interaktion lässt robuste Normen der Gegenseitigkeit entstehen Wirkung - Reduzierung von Transaktionskosten - Lösung kollektiver Dilemmata - ökonomische Modernisierung - good governance
- physische Gesundheit und persönliches Glück Operationalisierung - informelle Soziabilität (insbesondere Vereinsleben und Engagement für öffentliche Angelegenheiten) - soziales Vertrauen
Wissenschaftstheoretischer Status - Empirisch (historisch, politologisch, sekundäranalytisch) - theorieintegrativ - quantitatives Realmodell
(Koob 2007, S. 265)
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Anhang IV: Netzwerkanalytisches Sozialkapitalkonzept
Definition Sozialkapital ist - Netzwerk
- in Netzwerken eingebettete Ressourcen für den Einzelnen/Akteur - informell Ebene - Mikro, Meso Lokalisierung - innerhalb von Beziehungsrelationen, Privatgut Entstehung - Tauschbeziehungen - Vererbung bzw. Transferierung - Investition in Beziehungen - Schaffung von Verpflichtungen Wirkung - Reduzierung von Transaktionskosten - Eröffnung von Einflussmöglichkeiten (also Macht)
- Sicherung von Ressourcen wie Gesundheit oder Lebenszufriedenheit durch geschlossene Netzwerke; Zugriff auf Ressourcen wie neue Jobmöglichkeiten durch offene Netzwerke Operationalisierung - Netzwerkanalyse
- befragungstechnische Bestimmung jener Ressourcen innerhalb eines Netzwerks, die für den fokalen Akteur bedeutsam sind
Wissenschaftstheoretischer Status - analytischer Rekurs auf Netzwerkanalyse/-theorie und Theorie sozialer Produktionsfunktionen - permanente empirische Theorieüberprüfungen (deduktiv-nomologisch) - quantitatives Realmodell
(Koob 2007, S. 278)
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Anhang V: Effekte des sozialen Kapitals
kapital“ (Otto 2003, S. 6)
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Anhang VI: Interventionen 10 der (Klinischen) 11 Sozialarbeit zur Aktivierung des Sozialkapitals
10 Die aufgeführten Interventionsformen orientieren sich an Dech (Dech 2008, S. 215 ff.).
11 Der Terminus „klinisch“ ist in Klammern gesetzt, da auch Aspekte der grundständigen Sozialen Arbeit subsummiert sind (vgl. Pauls 2004, S. 11 ff.). Soziales Kapital Dario Deloie
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Diplom-Sozialarbeiter Dario Deloie, 2009, Soziales Kapital und Klinische Sozialarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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