ii
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Beschreibung der Silbenmodelle 3
2.1 Das Konstituentenmodell 3
2.2 Das CV-Modell 6
2.3 Das Spiralmodell 9
2.4 Verbreitung der Modelle in Einführungswerken 11
3 Vergleich der Modelle 13
3.1 Phonotaktik und Quantitätsstrukturen 13
3.2 Die Auslautverhärtung 16
3.3 Die kompensatorische Längung 18
3.4 Der Wortakzent 20
3.5 Abbildung der Empirie 21
3.6 Didaktische Relevanz 21
3.7 Die Modelle auf anderen Ebenen der Sprache 23
4 Fazit 25
Literaturverzeichnis 26
Erklärung 29
1 Einleitung 1
1 Einleitung
In der frühen generativen Phonologie, als deren Begründer Noam Chomsky und Morris Halle mit ihrem Werk „The Sound Pattern of English“ (1968) gelten, spielte die Silbe lediglich eine marginale Rolle. Chomsky & Halle sahen Morpheme und Wörter als die für die Phonologie zentralen Einheiten und verbanden phonologische Regeln und phonotaktische Restriktionen somit ausschließlich mit Morphem- und Wortgrenzen. Ab Anfang der 70er Jahre wurde dieser Aspekt hinterfragt; die Bedeu- tung der Silbe für die Phonologie wurde zunehmend diskutiert und schließlich auch überzeugend begründet. Autoren wie zum Beispiel Pike & Pike (1947) oder Hockett (1955) operierten bereits vor der Begründung der generativen Phonologie mit der Silbe, doch erst seit Linguisten wie Vennemann (1972), Kahn (1976) oder Selkirk (1982) phonotakische Muster, phonologische Regeln und auch prosodische Aspekte auf die Silbe bezogen, gilt diese auch in der generativen Phonologie als zentrale Domäne.
Zwar besteht seit den 70er Jahren also überwiegend Einigkeit über die wichtige Rolle der Silbe für die Phonologie, doch in Bezug auf die adäquate Darstellung der Struk- tur der Silbe gehen die Meinungen auseinander. Chomsky & Halle, als Vertreter der linearen Phonologie, betrachteten Äußerungen als Aneinanderreihung von Segmen- ten, welche wiederum Merkmalsbündel verkörpern. Sogenannte Merkmalsmatrizen dienten zur Darstellung aller Eigenschaften eines bestimmten Lautes; innerhalb die- ser Matrizen galten die einzelnen Merkmale als simultan und gleichwertig. Diese Darstellungweise erwies sich jedoch beispielsweise in Bezug auf folgenden Aspekt als defizitär: „Lautliche Eigenschaften, die sich über mehr als ein Segment erstre- cken, werden unter dieser Betrachtungsweise so behandelt, als seien sie Eigenschaf- ten von einzelnen Segmenten und nicht von größeren Einheiten wie z. B. Silben“ (Willi 2 1994: 434).
Im Zuge der Intensivierung der Ton- und Intonationsforschung wurde immer deutli- cher, dass die lineare Darstellung besonders für suprasegmentale Aspekte ungeeignet ist. Der Ansatz der linearen Phonologie, prosodische Einheiten wie Akzent oder Ton mit binären, auf einzelne Segmente bezogene Merkmale wie [+/-betont] oder [+/- Hochton] darzustellen, erwies sich als unzureichend. Die neuere, nicht-lineare Pho- nologie, deren wichtigste Strömungen die autosegmentale und die metrische Phono-
1 Einleitung 2
logie sind, erweiterte also die phonologische Repräsentation: Statt eine Äußerung als lineare Kette von Segmenten auf einer einzigen Ebene zu betrachten, wurden die relevanten Informationen nun auf mehrere Repräsentationsschichten verteilt. So kön- nen beispielsweise auch „nicht-simultane“, suprasegmentale Eigenschaften darge- stellt werden. Eine Frage, die jedoch nach wie vor diskutiert wird, ist, ob für die Sil- be selbst eine hierarchische Struktur anzunehmen ist, d.h. ob weitere subsilbische Konstituenten existieren. Ramers definiert Konstituenten wie folgt und integriert in seine Definition bereits eine Voraussetzung für die Annahme ihrer Existenz: „Kon- stituenten bilden Teile der Silbe, die in der Regel ein oder mehrere Segmente enthal- ten, aber auch leer sein können, und die für die Beschreibung phonologischer Regu- laritäten relevant sind“ (Ramers 2 2001: 100).
Im Folgenden soll der Fokus auf drei Modelle zur Darstellung der Silbenstruktur gerichtet werden, die die Frage nach subsilbischen Konstituenten unterschiedlich beantworten. Zunächst wird mit dem Konstituentenmodell das Modell eingeführt, dessen Ursprünge zeitlich am frühesten liegen. An eine Vorstellung der beiden wei- teren Modelle, dem CV- und dem Spiralmodell, wird sich eine kurze Übersicht dar- über anschließen, welche dieser Modelle in repräsentativen Einführungswerken zur Linguistik beziehungsweise speziell zur Phonologie angesprochen werden und damit am gängigsten sind. Die darauf folgenden Kapitel der vorliegenden Arbeit werden sich einem ausführlichen Vergleich der drei Modelle widmen. Anhand verschiedener Aspekte, wie zum Beispiel phonotaktische Beschränkungen, phonologische Prozesse oder didaktische Relevanz, soll die Funktionalität der jeweiligen Modelle analysiert und verglichen werden. Dabei wird es stets darum gehen, in welchen Bereichen wel- ches Silbenmodell Vorteile bietet und für welche Aspekte eine bestimmte Darstel- lungsform nicht ausreicht. Damit aufs Engste verbunden ist die Frage, ob die An- nahme von einer silbeninternen Hierarchie überflüssig, hilfreich oder gar notwendig ist. So wird am Ende eine systematische Gegenüberstellung der Vorzüge und Defizi- te, die die Analyse für jedes der drei Modelle ergab, möglich sein.
2 Beschreibung der Silbenmodelle 3
2 Beschreibung der Silbenmodelle
2.1 Das Konstituentenmodell
Die Ursprünge des Konstituentenmodells liegen bei Pike & Pike (1947), die als Aus- gangspunkt für ihre Studie die verbreitete Ansicht wählen, dass Sätze sich durch eine interne hierarchische Struktur auszeichnen. Dies wird – zunächst nur für die mexika- nische Sprache Mazateco – auf die Domäne der Silbe übertragen: „It is well known that sentences have an internal structure which can be analysed in terms of successi- ve layers of immediate constituents. […] It is convenient to describe syllables of Ma- zateco in a similar fashion” (Pike & Pike 1947: 78). Den Autoren zufolge handelt es sich bei Mazateco um eine Tonsprache, also eine Sprache, in der Töne zur Bedeu- tungsdifferenzierung verwendet werden. Daran schließt sich folgende Beobachtung an: „The constrastive tone in the language is a characteristic of the nucleus of the syllable“ (Pike & Pike 1947: 78). Damit begründen Pike & Pike die Unterteilung der Silbe in einen „nucleus“, der aus ein bis drei Vokalen besteht und Träger des Tons ist, und in den „syllable margin“, also den Silbenrand (vgl. Pike & Pike 1947: 78). Abgesehen von dieser grundlegenden Einteilung in Silbenkern und –rand legen Pike & Pike mit folgender Beobachtung den Grundstein für das Konstituentenmodell:
Sounds in syllables (or morphemes) may occur in structural layers, or
in series of ‚immediate constituents’; an inner core comprised of a se- quence of phonemes may, in larger structural sequences, on a higher layer of distribution, act as a single unit“ (Pike & Pike 1947: 91).
Pike & Pike gehen also von einer hierarchischen Struktur mit verschiedenen Konsti- tuenten aus und sprechen von einer “subordination of one constituent to another” (Pike & Pike 1947: 90).
Hockett (1955) erweitert die Einteilung in Nukleus und Silbenrand und geht von ins- gesamt drei Konstituenten aus. Statt nur vom Silbenrand zu sprechen, unterteilt er diesen in die Segmente vor dem Nukleus und die Segmente, die auf den Nukleus folgen. Anhand des englischen Wortes hot (‚heiß’) benennt er die drei Silbenbestand- teile wie folgt: „This is a single syllable, and consists of three constituents: an onset, /h/; a peak, /a/; and a coda, /t/” (Hockett 1955: 52). Diese drei Begriffe, für die im Deutschen auch die Bezeichnungen „Anfangsrand“, „Kern/Nukleus“ und „End- rand/Koda“ üblich sind, werden bis heute in der Silbenphonologie verwendet. Zwar
2 Beschreibung der Silbenmodelle 4
geht Hockett (1955) von einer (vom Silbenknoten aus gesehen) dreifach verzweigen- den Darstellung aus, bei der alle drei Konstituenten auf einer Ebene sind, doch mit der Frage, ob diese drei Konstituenten gleichwertig sind oder ob zwei von ihnen eventuell enger miteinander verbunden sind (vgl. Hockett 1955: 52), weist er genau auf den Aspekt der silbeninternen Struktur bzw. Hierarchie hin.
In seinem Aufsatz „Syllables“ (1969) baut Fudge die Überlegungen Pike & Pikes (1947) und Hocketts (1955) aus und verwendet (bezogen auf das Englische) ein Sil- benmodell, das der heute als Konstituentenmodell geläufigen Darstellungsweise äußerst ähnelt, jedoch noch etwas komplexer ist. Fudge lässt den Silbenknoten nicht nur in Onset und Rhyme und den Rhyme wiederum in Peak und Coda verzweigen, sondern nimmt bei einigen wortfinalen Silben noch eine dritte Konstituente auf der Ebene von Onset und Rhyme an, die Termination 1 (1). Der Autor präferiert für die englische Silbe zwar Modell (1), diskutiert aber eine Reihe von alternativen Darstel- lungsformen, unter denen sich auch das Konstituentenmodell, wie es heute überwie- gend verwendet wird, befindet (2) (nach Fudge 1969: 268 bzw. 273):
(1) (2)
Dabei nimmt der Autor an, dass im Onset zwei, im Peak eine und in der Coda zwei bzw. bei wortfinalen Silben bis zu drei Positionen besetzt werden können. Fudges (1969) fasst also Peak und Coda zum Rhyme zusammen und sieht vor allem einen Aspekt als grundsätzliches Argument für eine interne Silbenhierarchie und gegen ein flaches Modell: „[C]ertain Peaks do not co-occur with certain Codas […], while the- re is no such constraint between Onset and Peak” (Fudge 1969: 272f.).
Selkirk, die mit ihrer Studie „The Syllable“ (1982) einen wesentlichen Beitrag dazu leistete, die Silbe als für die Phonologie relevante Einheit zu etablieren, verwendet ebenfalls das Konstituentenmodell. Zunächst schlägt sie, hier für das einsilbige eng- lische Wort flounce (‚Volant’, ‚Rüsche’), folgende Darstellung (3) vor, in der die Konstituenten-Bezeichnungen nicht in die Baumstruktur integriert sind: 2
1 Die hier verwendete Terminologie entspricht Fudge (1969). Die Bezeichnungen für die entspre- chenden Konstituenten variieren je nach Autor, so schreibt Fudge selbst: „The labels applied to the nodes have varied from one approach to another, but the structure has not” (Fudge 1987: 359).
2 Beschreibung der Silbenmodelle 5
Die Zusammenfassung von Nukleus und Coda rechtfertigt die Autorin ebenfalls mit dem Argument, dass es im Englischen viele Kookkurrenz-Restriktionen bezüglich dieser beiden Konstituenten gäbe, allerdings keine für Onset und Nukleus (vgl. Sel- kirk 1982: 338). 3 Aufgrund ihrer Beobachtung, dass bei einer zweifachen Verzwei- gung immer ein Element ‚schwächer’ sei als das andere, schlägt Selkirk (1982) eine alternative Darstellung (4) vor, in der das ‚schwächere’ Element mit w und das ‚stär- kere’ mit s assoziiert wird. Die ‚Stärke’ bzw. ‚Schwäche’ beurteilt die Autorin an- hand der Sonorität des entsprechenden Lautes: „The peak is of course strong (s), i.e., more sonorous, than the onset. And within each of the other constituents, the s has been assigned to the more sonorant element” (Selkirk 1982: 343).
So ergibt sich folgendes Modell (4), dem die Annahme zugrunde liegt „that the as- signment of w (= ‘subordinate’ status) vs. s can be made, at least partly, on the basis of the relative ranking of the two segments (or constituents) on a universally defined sonority hierarchy” (Selkirk 1982: 343):
(4)
Basierend auf den Überlegungen, die von Pike & Pike (1947) angeregt und von Ho- ckett (1955), Fudge (1969), Selkirk (1982) und anderen aufgenommen und weiter- entwickelt wurden, wird das Konstituentenmodell heute meist wie in (5) dargestellt:
2 Anders als Fudge (1969) lässt Selkirk (1982) zwei Positionen im Nukleus zu.
3 Eine Zusammenfassung möglicher Argumente für die Zusammenfassung von Nukleus und Coda zum Reim bietet beispielsweise Fudge (1987: 361-376). In Kapitel 3 der vorliegenden Arbeit wird auf einige dieser Argumente noch genauer eingegangen.
2 Beschreibung der Silbenmodelle 6
Grundsätzlich werden zwischen der Silben- und der Segmentschicht weitere Zwi- schenebenen angenommen, die größere Teile der Silbe, also Konstituenten, enthal- ten. Während Onset und Koda leer sein können, sind der Reim und dessen Subkon- stituente Nukleus obligatorisch. Außerdem wird zwischen der Segmentschicht und den Segmenten meist eine weitere Schicht, die sogenannte X-Schicht 4 angenommen, die abstrakte Zeiteinheiten repräsentiert. Anders als im CV-Modell (siehe Kapitel 2.2), wird auf der X-Schicht nicht zwischen funktionalen Positionen wie beispiels- weise Silbengipfel und Nicht-Gipfel-Elementen unterschieden. Stattdessen wird an- genommen, dass „die Position des Silbengipfels (peak) auf der Grundlage der Kon- stituentenstruktur und der Sonorität der Segmente voraussagbar ist [...]. Eine zusätz- liche Markierung auf der Skelettschicht ist somit redundant“ (Ramers 2 2001: 99).
Vater bringt die Frage nach den subsilbischen Konstituenten auf den Punkt, indem er schreibt, dass „sich Silben-Konstituenten dadurch rechtfertigen [lassen], daß be- stimmte phonologische Regeln sie als ‚Operationsbasis’ benötigen“ (Vater 1992: 103). Auch Ramers weist auf die Komplexität des Konstituentenmodells hin und stellt fest, dass dieses „nach dem Kriterium der Einfachheit nur dann vorzuziehen [ist], wenn die Konstituenten zur adäquaten Repräsentation silbentruktureller Regula- ritäten erforderlich sind“ (Ramers 2 2001: 99). Genau diesem Aspekt wird sich die vorliegende Arbeit in Kapitel 3 widmen.
2.2 Das CV-Modell
Den Grundstein für das sogenannte CV-Modell legte die autosegmentale Phonologie, die ihren Namen John A. Goldsmiths Dissertation „Autosegmental Phonology“ (1976) verdankt, und deren Ziel es war, ein Modell zur adäquaten Repräsentation
4 Auch hier variiert die Terminologie: Im Deutschen wird auch von Skelettschicht gesprochen, wäh- rend im Englischen neben „X tier“ oder „skeletal tier“ auch oft der Begriff „timing tier“ verwendet
Arbeit zitieren:
Dipl.-Bibl. Regina Männle, 2009, Silbenmodelle, München, GRIN Verlag GmbH
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