2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2.Werk und Inhalt
2.1 Werk und Edition
2.2 Die Erzählung
3. Der Bezugsrahmen
3.1 Die feudale Ordnung und das dreifache Vertrauen
3.2 Eine Fremde – das geht doch nicht (Beaflor vs. Eliacha)
4. Und dazwischen: Boten
4.1 Zwei Boten
4.2 Was Boten und Botschaft beeinflussen kann
5. Und wozu das Ganze?
5.1 Grenzen der Kommunikation und Konfusion
5.2 Wandel der Botenrolle
5.3 Didaktischer Nutzen
6. Resümee
7. Quellen- und Darstellungsverzeichnis 20
Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen – Hausarbeit
1. Einleitung
In vino veritas heißt es, doch schon so mancher wachte nach einer durchzechten Nacht auf und konnte sich danach nicht mehr an alles erinnern. Aber auch die Variante, jemanden mit gutem Wein zu traktieren, hat vielfach Anwendung gefunden, so zum Beispiel im Roman Mai und Beaflor eines anonymen Autors aus dem späten 13. Jahrhundert. Darin macht ein Bote mit Briefen einen verhängnisvollen Umweg und trägt danach ausgetauschte Schreiben mit sich. Dies alles lässt fraglich erscheinen, ob im Wein denn wirklich so viel Wahrheit liege.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Gegebenheiten der Fernkommunikation, wie sie in Mai und Beaflor verhandelt werden. Dabei wird nach einigen Bemerkungen zu Text und Edition und einer kurzen Wiedergabe der Handlung der Referenzrahmen beleuchtet, in dem im Roman und der entsprechenden Zeit kommuniziert wurde. Fragen vom Vertrauen, aber auch vom feudalen System und wer darin wie wirkt, sind im Folgenden Gegenstände der Betrachtung. Da der Verfehlung eines Boten eine ganze Kette von tatsächlichen oder beinahe stattfindenden Unglücken folgt, werden die beiden auftretenden Boten in einem eigenen Kapi- tel ‚gewürdigt’. Aus den beschriebenen Schwierigkeiten der Fernkommunikation im Mittelal- ter werden anschließend Überlegungen zu Schwierigkeiten und Grenzen der Botschaftsüber- tragung und den verschiedenen Möglichkeiten der Konfusion abgeleitet. Den Schluss bilden Betrachtungen zum Wandel der Rolle des Boten und der Frage, welchen Effekt der Text beim zumeist adligen Publikum mutmaßlich bewirken sollte.
Armin Schulz stellt zwar fest, dass das Interpretationspotential des Textes Mai und Beaflor bei weitem noch nicht ausgeschöpft sei, doch zumindest ist die Literaturlage nicht allzu ange- spannt, da gerade Fragen nach Kommunikation, Beziehungsführung, Nachrichtenübertragung und Herrschaftspraxis im feudalen Kontext verschiedentlich das Interesse der Forschung auf sich gezogen haben. So arbeitet diese Darstellung unter anderem mit Texten von Werner Rö- cke, Horst Wenzel, Armin Schulz und Ingrid Kasten, in denen mal der eine, dann der andere Aspekt aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird.
Das im vergangenen Jahr von Albrecht Classen eine Neuedition mit umfangreichem Kom- mentar und weiterführenden Überlegungen vorgelegt worden ist, 1 kann der Diskussion um Mai und Beaflor neuen Schwung geben. Dies gilt umso mehr, da diese Edition nicht unwider-
1
Albrecht Classen (Hg.), Mai und Beaflor, hrsg., übers., komment. und mit einer Einleitung, Beihefte zur Medi- aevistik, Bd. 6, Frankfurt/Main u. a., 2006; Rezension hierzu: SCHULZ, Armin, Eine verschenkte Möglichkeit. Albrecht Classens Neuausgabe von Mai und Beaflor, Rezension über Albrecht Classen (Hg.), Mai und Beaflor, herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung, Frankfurt/Main u. a., 2006, in: IASLonline, URL: http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Schulz3631543034_1785.html, abgerufen am 21.05.2007.
Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen – Hausarbeit
sprochen blieb, da Classens sehr freie Übersetzung Debatten über einzelne Aspekte gerade
herausfordert.
2. Werk und Inhalt
2.1 Werk und Edition
Mai und Beaflor ist ein mittelhochdeutscher Versroman von 9600 Versen Umfang und einem
anonymen Verfasser. Ingrid Kasten gibt als Entstehungszeitraum die Jahre 1270 bis 1280 an, 2
der Herkunftsort wurde von Werner Fechter in der Steiermark verortet. 3 Erhalten ist das Werk
in zwei bairisch-österreichischen Handschriften. 4
Lange Zeit war eine anonym erschienene Leseausgabe aus dem Jahre 1848 5 die einzige Editi-
on des Textes, bis im vergangenen Jahr Albrecht Classen eine Neuedition und Übersetzung
vorlegte, die nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stieß. 6 Obwohl Classen eine neue durchlau-
fende Verszählung einführt, lässt er die alte Zählweise in vierziger Blöcken am anderen Editi-
onsrand fortbestehen. Diese ist in der Forschungsliteratur zu Mai und Beaflor aufgrund der
lange Zeit dürftigen Editionslage 7 bislang ausschließlich genutzt worden. Da die Classen-
Edition „nur bedingt einen zuverlässigen Text“ 8 bereitstellt, wird im Verlauf dieser Arbeit auf
die Edition von 1848 zurückgegriffen, die zudem im Internet als gescannte Vorlage bereit-
steht. Inhaltlich lehnt sich der Roman stark an das Crescentia-Motiv an, das in der deutschen
Literatur zuerst in der Kaiserchronik aus dem 12. Jahrhundert erscheint. Neuartig im Ver-
gleich damit sind das zu Beginn eingeführte Inzestthema sowie die stärkere Akzentuierung
des Vertrauensaspekts, auf den Werner Röcke ausführlich eingeht. 9 Die literarische Figur
2
Vgl. KASTEN, Ingrid, Ehekonsens und Liebesheirat in 'Mai und Beaflor', in: Oxford German Studies 22, Ox- ford, 1993, S. 1-20, S. 2.
3 Vgl. FECHTER, Werner, Gundacker von Judenburg und ‚Mai und Beaflor’, in: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik 7, Amsterdam, 1974, S. 187-208, S. 208.
4 Fassung A, BSB München, Ggm 57, 14. Jahrhundert; Fassung C, Landesbibliothek Fulda, Cod. 6, 15. Jahrhun- dert.
5 Mai und Beaflor. Eine Erzählung aus dem 13. Jahrhundert, Leipzig, 1848. Im Internet zu finden unter URL: http://books.google.com/books?id=B3LHUQ6-dbIC&dq, abgerufen am 20.09.2007. (Im Folgenden: MuB, 1848.) 6 Albrecht Classen (Hg.), Mai und Beaflor, hrsg., übers., komment. und mit einer Einleitung, Beihefte zur Medi- aevistik, Bd. 6, Frankfurt/Main u. a., 2006; Rezension hierzu: SCHULZ, Armin, Eine verschenkte Möglichkeit. Albrecht Classens Neuausgabe von Mai und Beaflor, Rezension über Albrecht Classen (Hg.), Mai und Beaflor, herausgegeben, übersetzt, kommentiert und mit einer Einleitung, Frankfurt/Main u. a., 2006, in: IASLonline, URL: http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/Schulz3631543034_1785.html, abgerufen am 21.05.2007. 7 Vgl. Schulz, Absatz 5.
8 Schulz, Absatz 36.
9 RÖCKE, Werner, Isolation und Vertrauen. Formen der Kommunikation und des Weltbildwandels im Creszen- tia- und Mai und Beaflor-Roman, in: Weltbildwandel. Selbstdeutung und Fremderfahrung im Epochenübergang
Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen – Hausarbeit
„Beaflor realisiert unterschiedliche Formen personaler Kommunikation“ 10 – ein Umstand, der
im Folgenden noch wichtig wird. Aber was noch viel wichtiger ist: Eine mörderische Intrige wird mittels Alkohol liebender Boten und vertauschter Briefe ins Werk gesetzt, was der Er- zählung vom Wirken des Boten im Text ungewöhnlich viel Raum verschafft.
2.2 Die Erzählung
Alles nimmt in Rom seinen Anfang, wo König Telion nach dem Tode seiner Frau Sabie auf die Idee kommt, sich an seiner Tochter Beaflor zu vergehen. Diese schafft es aber mit Hilfe ihres treuen Dieners Roboal und dessen Frau Benigna vor Vollzug dieser Tat zu fliehen, und so verschlägt es sie auf den Peloponnes. Dort lernt sie den jungen Fürsten Mai kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten, wobei sich Mai keineswegs um die unklare Herkunft sei- ner Braut kümmert, was noch zu Schwierigkeiten führen wird. Doch vorerst ist die Freude groß und die Beiden führen eine idealtypische Ehe. Schließlich wird sie schwanger. Doch da erscheint ein Bote und überbringt mündlich folgende Botschaft: Mais Onkel in Spanien schlägt sich mit den Heiden und bittet um Hilfe. Der Bote reist mit positiver Nachricht zurück und auch Mai tritt frohgemut das Abenteuer an. Seine Frau vertraut er seinen engsten Bera- tern, den Grafen Cornelius und Effreide an.
Dann kommt das Kind auf die Welt: ein Sohn. Die Grafen senden einen Brief mit der frohen Botschaft und auch Beaflor schreibt ein paar Zeilen an ihren Geliebten. Ein namenloser Bote wird mit den Briefen auf dem kürzesten Weg nach Spanien geschickt. Aber anstatt zu tun, wie ihm geheißen, macht der Bote einen Umweg über Schloss Claremunt, wo Mais Mutter Elia- cha lebt und überbringt ihr die vermeintlich frohe Kunde. Da sie dynastischer als Mai denkt, ist Beaflors unklare Herkunft für sie durchaus ein Problem: Sie unterstellt ihr, aufgrund sexu- eller Verfehlungen aus ihrer Heimat verjagt worden zu sein. Halb überredet, halb befiehlt sie dem Boten über Nacht zu bleiben und lässt ihn ordentlich abfüllen.
Tags darauf fliegt der leicht verkaterte Bote förmlich seinem Ziel entgegen, bis er schließlich Mai gefunden hat und ihm strahlend die Briefe übergibt. Dabei vergisst er nicht hinzuzufü- gen, dass er gute Nachrichten bringe. Mai sieht das anders: Im vermeintlich von den Grafen geschriebenen Brief steht, dass Beaflor mit zwei Pfaffen gesündigt und daraufhin ein Wolfs- junges geboren habe. Im vermeintlichen Brief von Beaflor steht nicht viel, außer dass sie sich ihrer Schuld bewusst sei und sein Urteil erwarte. Da hat, was Mai und der Bote nicht wissen,
vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, hrsg. v. Hans-Jürgen Bachorski, Werner Röcke, Reihe Literatur, Imagi- nation, Realität, Bd. 10, Trier, 1995, S. 243-268.
10 RÖCKE, S. 254.
Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen – Hausarbeit
die böse Schwiegermutter ihre Finger im Spiel. Mai kriegt nach der Brieflektüre einen etwas unritterlichen Heulkrampf, fällt vom Pferd und will sich ertränken. Doch das verhindern seine Getreuen: Trotzdem versteht Mai jetzt die Welt nicht mehr und der Bote auch nicht.
Wenig später setzt Mai einen Brief auf. Darin steht, dass nichts unternommen werden solle, bis er zurück sei. Der Bote macht aber wieder den verhängnisvollen Umweg über das Schloss der Schwiegermutter. Dort werden seine Erwartungen an die Abendplanung nicht enttäuscht: Der Bote landet unter dem Tisch und erneut ausgetauschte Post in seiner Tasche.
Einen Tag später erreicht der Bote, der den Inhalt des Briefs nicht kennt, die Grafen, die den Brief vorlesen lassen. Darin steht, dass sie Beaflor und das Kind umbringen sollen, andern- falls werde Mai nach seiner Rückkehr die gesamten Familien der Grafen auslöschen. Ver- zweifelt statten Effreide und Cornelius Beaflor einen Besuch ab, um mit ihr über die Lage zu beraten. Nach einigem hin und her entschließt man sich, Beaflor in das Boot, mit dem sie einst nach Griechenland kam, zu setzen. Sie gelangt nach Rom, wo sie im Hause des Senators Roboal und seiner Frau Benigna, Beaflors untadeligen Adoptiveltern, Unterschlupf findet. Nach Mais Rückkehr berichten die Grafen ihm, dass sie seiner Order gemäß Beaflor und das Kind ermordet hätten. Jetzt gerät Mai in Wut und legt sich mit den Grafen an, die sich seiner vermeintlichen Order widersetzt haben. Aber auch das Volk gerät in Aufruhr und will Mai steinigen, denn es hält ihn für einen ungerechten Herrscher, der wie aus heiterem Himmel seine vortreffliche Frau, ein Muster an Tugend, und den Thronfolger hat töten lassen. Erst als ein Bischof vermittelt, löst sich das Ganze langsam auf und der Bote wird herbeizitiert. Der weiß natürlich nichts von der ganzen Sache, gibt aber zu, den erwähnten kleinen Umweg ge- macht zu haben. So hat der schlechte Bote sein Leben schon fast verwirkt, da macht sich Mai zum Schloss seiner Mutter auf, wo er auch die abgefangenen Briefe findet. Rasend erschlägt er seine Mutter. Daraufhin hat er schon zwei Probleme: die Trauer um die vermeintlich toten Frau und Sohn, sowie die Schuldgefühle wegen des Muttermords. Mit diesen beiden seeli- schen Problemen reist Mai Absolution suchend zum Papst nach Rom, wo er bei einer Party im Hause des mittlerweile Senator gewordenen Roboal Beaflor wieder trifft. Nach Jahren der Trennung sind sie wieder glücklich vereint. Auch Beaflors Vater erkennt nun seine Tochter wieder und gesteht vor lauter Rührung seinen Inzestversuch. Er legt die Kaiserkrone nieder und in Mai findet das Volk Roms seinen neuen Herrscher.
Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen – Hausarbeit
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Ivo Gebert, 2007, Zu: Mai und Beaflor: Dreißig Schwerter sollte man durch dich stechen, München, GRIN Verlag GmbH
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