theoretischen Lösung der nationalen Frage diente dazu, die Politik der Abgrenzung von der Bundesrepublik zu begründen. Diese Politik verlor in der folgenden Zeit jedoch an Schärfe, und die SED versuchte, Abgrenzung von und Kooperation mit dem anderen deutschen Staat praktisch-politisch wie auch theoretisch auszubalancieren. Die Partei relativierte seit langem gesamtdeutsche Gemeinsamkeiten. „Bevor wir uns vereinen, müssen wir uns differenzieren“ heißt es nach dem Mauerbau. Die SED stellte den Sozialismus ins Zentrum der nationalen Aufgabe und behauptete, dass die DDR der BRD bereits um eine ganze Epoche voraus sei. „Die Partei vertrat zwar noch die Auffassung, daß die nationale Einheit unweigerlich kommen werde, aber diese Gewißheit stütze sie weniger auf die Deutschlandpolitik des Tages als auf die historischen Gesetzmäßigkeiten, die auch vor der bundesrepublikanischen Entwicklung nicht haltmachen würden.“ 3 Solange der
Sozialismus sich in der BRD nicht durchsetze, sei die Arbeiterklasse das einzige einigende Band und der Friedensstaat der DDR der einzige rechtmäßige deutsche Staat, in dem das nationale Selbstbestimmungsrecht bereits verwirklicht sei.
Indem die SED das Selbstbestimmungsrecht inhaltlich definierte und seine Legitimität an Sozialismus und Frieden band, konnte sie Hoffnungen auf einen sofortigen und mechanischen Zusammenschluss der Nation zu einem einheitlichen Staat mit dem Argument zurückweisen, dass die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR bereits die Perspektive der ganzen Nation umschließe. 4
Diese Interpretation der nationalen Frage ließ allerdings zwei Möglichkeiten zu: die Zukunftsvision einer vereinten sozialistischen deutschen Nation oder aber der Auseinanderentwicklung der beiden Gesellschaften und Staaten in zwei Nationen - eine bürgerliche und eine sozialistische .
Emotionen bei den Bürgern der DDR, die sich an die nationale Frage knüpften, sollten klassentheoretisch domestiziert und du auf die soziale Frage - den Sozialismus - gelenkt werden. Das lässt sich insbesondere an den Anfängen einer Theorie der globalen und gesetzmäßigen Transformation bürgerlicher in sozialistische Nationen zeigen.
Der Nationenbegriff
Entgegen dem frühen Versuch Stalins, die nationale Problematik begrifflich zu erklären, wurde jetzt nicht mehr davon ausgegangen, das eine Summe von Merkmalen für eine Nation konstitutiv sei und ein zeitloses und klassendifferenziertes Dasein außerhalb des
3 Meuschel, aaO S. 274
4 vgl. Meuschel, ebenda S. 274
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gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses führe. Vielmehr seien Kriterien wie Gemeinsamkeit der Sprache, des Wirtschaftslebens oder der Wesensart in gesetzmäßigen Struktur- und Entwicklungsformen der menschlichen Gesellschaft einzuordnen und an den jeweiligen Entwicklungsstand der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse rückzubinden. Die DDR ging jetzt davon aus, dass in Deutschland nicht nur zwei Staaten existierten, es entwickelten sich überdies zwei Nationen.
Gerade diesen Ansatz wollte die sozial-liberale Ostpolitik nicht und formulierte die Idee der Kulturnation. In diesen Zusammenhang hinein muss auch die Formel von Egon Bahr „Wandel durch Annäherung“ verstanden werden. Willy Brandt betonte dazu, dass die Nation mehr als ein Staat und eine Gesellschaftsordnung und mehr als Sprache und Kultur seien, sie gründe vielmehr im Zusammengehörigkeitsgefühl und -bewusstsein ihrer Menschen. Die DDR reagierte auf diese kulturnationale Sicht Willy Brandts und auf die deutsch-deutsche Annäherungspolitik politisch defensiv und theoretisch offensiv. Sie radikalisierte ihre Theorie der Nation. Die Zwei-Nationen-Theorie war zuallererst ein Teil der Abgrenzungspolitik gegenüber der BRD. Diese neue Theorie grenzte die DDR nicht nur ab, sondern die BRD aus dem Nationalverband aus. Das nationale Band zum anderen deutschen Staat wurde endgültig aufgekündigt.
„Während in den sechziger Jahren die nationale Sachlichkeit mit der Perspektive der Ulbrichtschen Reformen - mit der Verbindung von wissenschaftlich-technischer Revolution und kommunistischer Utopie - einherging, kam in den siebzigern, eben weil eine gemeinsame deutsche Zukunft nun emphatisch verneint wurde, dem Sozialismus im Vergleich und Wettbewerb mit der Bundesrepublik eine erheblich stärkere legitimatorische Beweislast zu, als das jemals der Fall gewesen war“ 5 .
Später präzisierte die Partei ihren Standpunkt und stellte fest, dass mit der entwickelten sozialistischen Gesellschaft, dem sozialistischen Staat, der sozialistischen Persönlichkeit und der sozialistischen Nationalkultur in der DDR auch eine sozialistischen Nation entsteht. Die Verfassungsänderung von 1974 eliminierte alle die Passagen, die auf die deutsche Einheit ausgerichtet gewesen waren und bekräftigte die Interpretation, dass das Volk der DDR neben seinen sozialökonomischen und staatlichen auch sein nationales Selbstbewusstsein verwirklicht.
Ein Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion von 1975 bekräftigte den objektiven Annäherungsversuch zwischen den sozialistischen Nationen und die Unwiderruflichkeit des Sieges des Sozialismus in der DDR. Auch das neue Parteiprogramm der SED von 1976 stellte
5 Meuschel, aaO, S. 278
3
u.a.die Entwicklung der sozialistischen Nation, die entwickelte sozialistische Gesellschaft, die sozialistische Nationalkultur und das sozialistische Nationalbewusstsein heraus. Auf dieser Grundlage wurden den Gesellschaftswissenschaften die Aufgabe gestellt, eine Theorie und Geschichte der Nation zu konzipieren, die mit der Theoriebildung im Ostblock übereinstimmen und zugleich der spezifischen Problematik der deutschen Situation Rechnung tragen sollte.
Alfred Kosing lieferte den seinerzeit anspruchsvollsten Versuch, zwischen Nation und Nationalität und damit zwischen der universellen Geltung des Sozialismus und einer jeden Partikularität zu unterscheiden. Kosing verknüpfte die materialistischen Komponenten der marxistisch-leninistischen Gesellschaftstheorie und Geschichtsauffassung mit der Eigenart des historischen Prozesses und seiner kulturellen und ethnischen Besonderheit. „Mit Hilfe des anti-partikularen Normativismus, der in der offiziellen Interpretation des historischen Materialismus und der Klassentheorie angelegt war, trieb Kosing die Versachlichung der nationalen Frage weiter als zuvor. Er ging in Anlehnung an einschlägige Passagen von Marx, Engels und Lenin von der These aus, daß bürgerlich-kapitalistische Nationen zwei Klassenlinien und Kulturen aufwiesen und daß sich der Gegensatz zwischen kapitalistischen und sozialistischen Nationen mit den Kämpfen der revolutionären Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert entwickelte.“ 6 Kosing begriff die Nation als eine notwendige Struktur- und Entwicklungsform der Gesellschaft, die sich in Abhängigkeit vom Entwicklungsniveau der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse ausprägt. Meuschel drückt es so aus, dass Kosings Nationsbegriff einen Kommunikationsverband auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Integration und Komplexität darstellt. 7 In seinem Begriff von der Nationalität „kondensierte sich am ehesten, was man national-partikular nennen kann und vom Standpunkt der sozialdemokratischen Position ...eine Kultur- und Bewußtseinsnation ausmachte.“ 8 „Kosing versuchte die emotionalen Anreize in Grenzen zu halten, indem er die obligatorischen Kategorien des Nationalismus und Internationalismus, Patriotismus und Nationalbewußtseins wie auch solche Begriffe wie Vaterland, Sozialpsyche und Nationalgefühl letztlich historisch-materialistisch einband.“ 9 Kosing ging von einem rationalen, klassentheoretisch fundierten Nationalbewußtsein aus, dass wesentlich Klassenbewußtsein sei und den Auffassungen von einem Fortbestehen der Kultur-und Bewusstseinsnation nicht erliegen könne. Die relative ethnische Homogenität der
6 Meuschel aaO S. 280
7 vgl. Meuschel S. 281
8 Meuschel ebenda S. 281
9 Meuschel ebenda S. 281
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Arbeit zitieren:
Klaus-Peter Mentzel, 2008, Abgrenzung von der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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