Inhalt
1. Einleitung 4
2. Der Demagoge:
Propagandaminister Dr. Paul Joseph Goebbels 5
3. Rhetorik als Teil des Propagandaapparates
des faschistischen Regimes 7
4. 'LH.RQ HSWLRQGHVÄWRWDOHQ.ULHJHV 10
5. Die Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 11
5.1. Vorbereitung und Inszenierung 12
5.2. Inhalt und Aufbau 13
6. Rhetorische Mittel der faschistischen Rede 14
6.1. Figuren des Ausdrucks 16
6.2. Figuren der Struktur 19
6.3. HGDQNHQILJXUHQ 23
7. 7URSHQ 25
7.1.Grenzverschiebungstropen 25
7.2. Sprungtropen 27
8. Fazit 29
9. Literatur 30
QKDQJ 32
3
1. Einleitung
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Form der öffentlichen Rede EHGDUI WURW] HLQLJHU 7HQGHQ]HQ Ädie Vergangenheit ruhen zu lassen³ HLJHQWOLFK NHLQHU Rechtfertigung. Zum einen gibt es nach wie vor ein Bedürfnis, die Katastrophe in ihren Ursachen und Verlauf u.a. durch Entdämonisierung erklärbar zu machen. Zum anderen leben wir in einer Zeit, in der die politische Atmosphäre mitgeprägt ist, vo n aufkeimenden rechten Strömungen, die sich u.a. durch den Einzug rechtsradikaler, nationalistischer Parteien in ostdeutsche Landtage widerspiegelt. Nun füllen Schriften zur Sprache, Propaganda und Rhetorik des Nationalsozialismus im Einzelnen gesamte Bibliotheken. Dennoch will ich mich in dieser Arbeit konkret der Frage widmen, welche Stilmittel der faschistischen Rede überhaupt wie und warum gewirkt haben. Dazu untersuche ich die Stilmittel der faschistischen Rede anhand der von Joseph Goebbels gehaltenen Sportpalastrede in Berlin 1943.
Ein Ansatz von Nill 1 weist auf eine ÄVereinfachung³ der Sprache hin und apostrophiert eine DNWLYH %HWHLOLJXQJ GHU Ä(PSIlQJHU³, die bei gewisser Neigung zu einer Ideologie den Wirkungsprozess unterstützten. Er erweitert demnach die Theorie, dass die Zuhörer eines Spektakels wie dem im Sportpalast schlicht überrannt werden und sich der Wirkung der Rede nicht entziehen können. Er bescheinigt Goebbels eine literarische Redeweise, die ihm als Doktor der Germanistik nahe liege.
Bohse 2 bezieht weitere massenpsychologische Phänomene in die Analyse ein. Er führt an, dass die zuhörenden Massen sich der suggestiven Kraft nicht völlig ergaben, sondern Realerfahrungen der propagandistischen Arbeit entgegenstanden. Die bei der Sportpalastrede beschworene Kriegsbegeisterung sei eine nationalsozialistische Inszenierung. Besonders nach der Katastrophe von Stalingrad stand die NS-Führung vor verschiedensten Problemen, die einen Funktionsverlust des Propagandaapparates zur Folge haben konnten. Bohse führt drei Paradigmen an, die diese Behauptung stützen: der Gegensatz von Realitätskenntnis der Bevölkerung und die Realitätsinterpretation der Medien, die Diskrepanz von realitätsgerechten Überlebenshaltungen und geforderten Opferhaltungen sowie die Unvereinbarkeit von notwendig gewordenem gemeinsamen Handeln und einer die sozialen Gruppen gegeneinander ausspielenden Mobilisierungsstrategie. 3 Die auflösenden Tendenzen
1 9JO1LOO8OULFK'LHÄJHQLDOH9HUHLQIDFKXQJ³- Anti-Intellektualismus in Ideologie und Sprachgebrauch bei Joseph Goebbels. Verlag Peter
Lang, Frankfurt am Main, (1991).
2 Bohse, Jörg: Inszenierte Kriegsbegeisterung und ohnmächtiger Friedenswille. Meinungslenkung und Propaganda im
Nationalsozialismus. Verlag Metzler, Stuttgart (1988).
3 Vgl. ebd. S.136.
4
machten eine nationalsozialistische Intervention nötig. Einer Form davon widmet sich nun diese B.A.- Arbeit, nämlich der Sportpalastrede vom 18. Februar 1943. 8HGLQJ OLHVWDXVGHQVSUDFKOLFKHQ0LWWHOQ QDWLRQDOVR]LDOLVWLVFKHU 5HGHQHLQH Ä+DQGUHLFKH ]XU 'HPDJRJLH³ GLH PLW GHQ 6FKODJZ|UWHUQ /JH 'LIIDPLHUXQJ XQG +HPPXQJVORVLJNHLW VNL]]LHUWZHUGHQ'LH5HGHZHLVHXQGGLHÄ$UJXPHQWH³KDEHQVLFK über die Jahre bei Hitler als auch bei Goebbels nicht verändert, dennoch sei eine leichte Zäsur nach militärischen Rückschlägen zu verzeichnen. 4 Genau mit dem Umstand haben wir es zu tun. Goebbels versucht die Niederlage an der Ostfront und das Drama von Stalingrad propagandistisch aufzuarbeiten und zu mythisieren. Das deutsche Volk soll aus seinem Stimmungstief gerissen, HNODWDQWH PLOLWlULVFKH)HKOHUVROOHQ YHUWXVFKW XQGGLH0DVVHQ IUGHQ ÄWRWDOHQ.ULHJVHLQVDW]³ mobilisiert werden. Die Rede ist exemplarisch für die Arbeitsweise von Joseph Goebbels. Sie zeichnet sich durch perfektionistische, inszenatorische Vorbreitung aus und Goebbels, der nicht an die starke persönliche Präsenz Hitlers reicht, bedient sich einer Fülle von rhetorischen Spielarten. Eben diese sollen nun untersucht werden, indem ich einen Überblick über die rhetorischen Stilmittel der faschistischen Rede erarbeite. Diese werden dann von mir in ihrer konkreten Funktion und Intention untersucht. Einstimmend, um die Wirkungsweise und den Redezusammenhang zu erfassen, will ich den Redner Goebbels vorstellen. Anschließend soll die Rhetorik als Teil des Propagandaapparates des faschistischen Regimes dargelegt und die KonzeptLRQ GHV ÄWRWDOHQ .ULHJHV³ DOV HLQH GHU ZLFKWLJVWHQ $XVVDJHQ der Rede definiert werden. Das Ergebnis präsentiert einen exemplarischen Stilmittelkatalog der faschistischen Rhetorik bzw. der faschistischen Rhetorik Goebbels, der die aufgeworfene Frage nach Wirkungsweise und Intention beantwortet.
2. Der Demagoge: Propagandaminister Dr. Paul Joseph Goebbels
Der Chefpropagandist und Leiter des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, wurde am 29. Oktober 1897 in Rheydt geboren und starb am 1. Mai 1945 den Freitot in Berlin.
Als drittältester von vier Geschwistern legte er 1917 als Jahrgangsbester das Abitur ab. Goebbels studierte Literatur und Philosophie an verschiedenen Universitäten und promovierte schon 1921 an der Universität Heidelberg. Seine Dissertatio n wurde begleitet von dem jüdischen Professor Freiherr von Waldberg. Nach seiner Promotion fanden Goebbels Werke jedoch wenig Anklang bei diversen Lektoraten. Der spätere Reichminister hatte schon seit
4 Ueding, Gert (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Wiss. Buchgesellschaft Darmstadt, Band 6: Must-Pop., Max Niemeyer Verlag,
T übingen (2003). S.131.
5
Kindheitstagen mit einer Außenseiterrolle zu kämpfen. Auf Grund einer Knochenmarksentzündung litt Goebbels an einem verkrüppelten Unterschenkel und seine Körpergröße betrug nur 165 cm. Vielleicht ist hier eine Ursache seines Machtstrebens zu sehen.
Wie viele junge Menschen sympathisierte Goebbels zunächst mit kommunistischen 6WU|PXQJHQ ÄGHQQ VFKRQ Yom Milieu her hielt er den Bolschewismus für besser als die kapitalistische Sklaverei der Alleingelassenen und Zu-Kurz-Gekommenen³ 5 Dennoch trat er der NSDAP 1922 bei und wurde Sekretär von Georg Strasser. Hier schätzte Goebbels den Radikalismus und die sozialistischen Elemente des Nationalsozialismus. 1926 lernte er in München den reaktionären Parteiführer Hitler kennen, dessen Argumentations- und Redestil Goebbels tief beeindruckte. Auch seine eigenen Anschauungen veränderten sich rasch, so rückte er von dem Ziel ab, die NSDAP aus dem Proletariat aufzubauen und hielt es von da an IUEHVVHU ÄZHQQGDV 5HLFK,WDOLHQ XQG *UREULWDQQLHQ ]X%XQGHVJHQRVVHQ PDFKWHGHQQHU hatte das Feindbild Hitlers vom jüdisch-EROVFKHZLVWLVFKHQ5XVVODQGEHUQRPPHQ³ 6 Noch im selben Jahr, 1926, ernannte Hitler ihn zum Gauleiter Berlins mit dem Auftrag, die Reichshauptstadt propagandistisch zu erobern. 1927 war er Begründer und Herausgeber der QDWLRQDOVR]LDOLVWLVFKHQ =HLWVFKULIW Ä'HU $QJULII³ 7 Schon fünf Jahre später konnte sich Goebbels, neben Göring, Röhm 8 etc. zu den führenden Männern der Partei zählen. Nach bzw. während der Unruhen im ÄReich³ beförderte Hitler am 13. März 1933 Joseph Goebbels vom Reichspropagandaleiter zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. 1944 ernannte Hitler ihn dann zum Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz an der Heimatfront. Der bis zum letzten Tag stets treue Untergebene GHV Ä)KUHUV³HQWZLFNHOWH VLFK mehr und mehr zum Chefideologen neben Hitler. 1938 scheiterte seine Ehe mit Frau Magda, die er 1931 heiratete, auf Grund einer seiner zahlreichen Affären mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova. Hitlers intervenieren verhinderte aber die propagandistische Ä.DWDVWURSKH³ einer Scheidung.
Mit seiner Propaganda verfolgte Goebbels insbesondere die Gleichschaltung, also 1D]LIL]LHUXQJ DOOHU ,QVWLWXWLRQHQ GLH Ä(QGO|VXQJ LQ GHU -XGHQIUDJH³ GLH SURSDJDQGLVWLVFKH Einstimmung des Volkes sowie die Täuschung anderer Völker zur Erringung des Ä(QGVLHJHV³ 9 Am 24. Juli, zwei Tage nach dem vereitelten Hitler-Attentat, ernannte der
5 Peuschel, Harald: Die Männer um Hitler. Braune Biographien. Droste Verlag, Düsseldorf (1982). S.45.
6 Ebd.
7 Vgl. Stockhorst, Erich: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. Arndt Verlag, Düsseldorf, 2. Auflage (1985). S.157.
8 Goebbels sollte später das Schicksal Röhms nach dessen Putschversuch mitbesiegeln.
9 Vgl. Peuschel, S.52.
6
angeschlagene Diktator Goebbels zum Reichsbevollmächtigten für den Ätotalen Kriegseinsatz³. Dieser schien immer noch ungebrochene Energien an den Tag legen zu können, auch wenn der wirkliche Glaube an eine n Sieg des Krieges schon nicht mehr vorhanden war. Seine Aufgabe war es, die letzten Reserven des Reichs zu mobilisieren und alles Notwendige zum Ätotalen Kriegseinsatz³ propagandistisch auszuarbeiten. Nachdem Goebbels im April 1945 mit seiner Familie von Hitler in den Führerbunker einquartiert wurde, entschied man sich, bis zum Äbitteren Ende³ in der Reichshauptstadt ausharren zu wollen. Eine der letzten Amtshandlungen des Dr. Goebbels war die Gegenzeichnung des Hitlertestamentes am 29. April 1945, das ihn nach dem Selbstmord Hitlers für einen Tag zum Kanzler machte. Wie Hitler wählte Goebbels für sich, seine Frau Magda und ihre sechs (!) Kinder den Tod durch Gift.
Goebbels gilt bis heute als der treuste Anhänger des ÄFührers³ - eine Faszination und Abhängigkeit, die ihn bis zum letzten Tag nicht losgelassen hat. Goebbels Propagandaarbeit hat einen nicht geringen Teil zur Katastrophe 2. Weltkrieg beigetragen und soll in dieser Arbeit untersucht werden.
3. Rhetorik als Teil des Propagandaapparates des faschistischen Regimes
'HU %HJULII GHU Ä1DWLRQDOVR]LDOLVWLVFKHQ 5KHWRULN³ ZLUIW HLQLJH )UDJHQ DXI XQG ist mit der Rhetorik im klassischen Sinne nur bedingt kongruent. Es lag nie in der Intention Hitlers oder Goebbels, eine auf sachlichen Argumenten aufgebaute Rede und Gegenrede zu konzipieren, denn das Publikum war Teil eines totalitären Staates, unfrei und nicht an politischer Willensbildung beteiligt.
Die nationalsozialistische Rhetorik selbst ist Propaganda und zugleich Teil des weitgreifenden politischen Propagandaapparates des NS-Regimes. Sie kann als Agitation und Demagogie beschrieben werden und war immer auf die Verführung, Täuschung, Überrennung und ,GHRORJLVLHUXQJGHU0DVVHQDXVJHULFKWHW5HGH]LHOÄZDUGLH%HKHUUVFKXQJGHV3XEOLNXPVXQG die Vernichtung JHJQHULVFKHU 0HLQXQJHQ³ 10 , Machtgewinnung und -erhaltung des Naziregimes durch Schüren von Emotionen und Vorurteilen. Die faschistische Rede ist militant- missionarisch, sie ist Verkündigungs- und Offenbarungsrede ÄPLW GHU 9RUVWHOOXQJ des Glaubenskrieges daKLQWHU³ 11 Sie steht also außerhalb der Argument zentrierten, politischen Rede und Debatten im klassischen Sinn. Die öffentliche Rede war mehr ein
10 Ueding, Gert: Moderne Rhetorik: Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Verlag Beck, München (2000). S.94.
11 Ebd. S.95.
7
0HGLHQVSHNWDNHO ÄGDV GLH YRUQHKPOLFK HPRWLRQDOHQ lVWKHWLVFKHQ %HGUIQLVVH GHV 0DVVHQSXEOLNXPVEHIULHGLJWH³ 12
Wie genau die Mittel und Techniken nationalsozialistischer Propaganda gehandhabt wurden, soll nun als Vorüberlegung der Stilmittelanalyse der Sportpalastrede dienen. Bedient man sich eines vielschichtigen Begriffes wie dem der Propaganda, so empfiehlt es sich, eine Definition zu Rate zu ziehen, um Missverständnisse auszuschließen. Der Propagandabegriff hat eine lange Tradition durchlaufen und ist von seiner ursprünglichen Bedeutung (lat. ausstreuen, fortpflanzen) mit Beginn des Ersten Weltkrieges politisiert bzw. PLOLWDULVLHUW ZRUGHQ 3URSDJDQGD ZDU QXQ ÄHLQH DXI NRQNUHWH (IIHNWH JHULFKWHWH kommunikative Technik, die auf dem Schlachtfeld und an der Heimatfront Verwendung IDQG³ 13 6LHZDUDXVJHULFKWHWDXI ÄNXU]IULVWLJH XQGNODUGHILQLHUWH =LHOHZLHGLH 'LIfamierung des Gegners oder die Rechtfertigung einer bestimmten militärischen oder politischen 0DQDKPH³ 14 . Für die Propaganda des Naziregimes bezeichnend war der mit ihr einhergehende Terror. Thymian Bussemer hat einen Merkmalskatalog erstellt, der Propaganda präzisiert:
Propaganda ist nicht dinglich, sondern symbolisch oder medial.
- Propagandaist meist wissenschaftlich gestützt, da Propagandisten sich sowohl
- Propagandaarbeitet über und mit Sprache sowie Bildern. Diese werden von ihr
- Zuwiderhandlungoder Nichtbefolgen werden mit Sanktionen belegt. 15 -RVHSK *RHEEHOV ZDU VLFK GHU :LUNXQJ ÄVHLQHU³ 3URSDJDQGD VFKRQ IUK EHZXVVW XQG VHLQHV Erachtens konnte sie kaum hoch genug bewertet werden. So äußerte er nach der MachtergreifXQJ GHU 1DWLRQDOVR]LDOLVWHQ Ä,FK YHUZDKUH PLFK GDJHJHQ GDVV GLH 3URSDJDQGD
12 Ebd.
13 Bussemer, Thymian: Propaganda -Konzepte und Theorien, Verlag für Sozialwirtschaften, Wiesbaden (2005). S.26.
14 Ebd.
15 Vgl. ebd. S.30f.
8
etwas Minderwertiges sei, denn wir säßen heute nicht in den Ministersesseln, wenn wir nicht GLHJURHQ.QVWOHUGHU3URSDJDQGDZlUHQ³ 16
Neben den vielfältigen Aspekten der Durchsetzung von NS-Propaganda galt die größte Durchschlagskraft dem gesprochenen Wort - der aggressiven Rede - die nur durch Einbeziehung der Bild- und Symbolwirkung verständlich ist. 17 Nun gibt es einen doppelbödigen Blick auf das Verhältnis von Goebbels und Propaganda. Oberflächlich betrachtet sollten die einfachen Parolen auch von dem am wenigsten gebildeten Zuhörer verstanden werden, sei es durch stete, stupide Wiederholungen des Gesagten. Kritisch betrachtet fällt aber auf, dass Goebbels wesentlich differenzierter agierte und nicht so plump, wie es die angeführte Haltung vermuten ließe. Leonard W. Doob veröffentlichte 1950 einen Artikel, indem er die Propagandatechniken des Ministers Goebbels nachzeichnete und kommentierte.
Einige Punkte sollen hier kurz angeführt sein, da sie einen guten Einblick in die propagandistisch- faschistische Arbeitsweise bieten: Propaganda must be planned and executed by only one authority (...).
- Propagandamust affect enemy´s policiy and action (...).
- Materialsfrom enemy propaganda may be utilized in operations when it helps
- Propagandamust label events and people with distinctive phrases or slogans (...).
- Propagandato the homefront must prevent the raising of false hopes which can be
- DieKriegspropaganda der Nationalsozialisten bestand im Wesentlichen aus einer weitestgehenden Informationskontrolle, denn sie allein wollten mit allen Mitteln einziger Kommunikator sein. Die Emotionen des Publikums sollten gezielt berührt bzw. gesteuert werden ÄLQGHP VLH (UZDUWXQJHQ NUHLHUWHQ XP GLHVH GDQQ ZLHGHU ]X GlPSIHQ XQG Vo einen ständigen Spannungs- RGHU$QJVW]XVWDQGDXIHLQHPEHVWLPPWHQ1LYHDX ]XHUKDOWHQ«GLH $QGURKXQJYRQ*HZDOWZDUVWHWVLPSOL]LW³ 19
Diese Kriterien der Propagandaanalyse sollen als Grundlage für das Verständnis des Kontextes dienen.
16 Zit. n. Bussemer, S.151.
17 Vgl. ebd. S.173.
18 Vgl. L.W. Doob: Goebbels´ Principles of Propaganda. In: Public Opinion Quarterly, 14. Jg., Heft 3 (1950). S 419-442.
19 Bussemer, S.187.
9
4. Die Konzeption des ÄWotalen Krieges³
Die zentrale Aussage der Sportpalastrede ist der AufruI ]XP ÄWRWDOHQ .ULHJ³ :as dieser Begriff zu bedeuten hat, soll im Folgenden kurz skizziert werden, da er für das Kontextverständnis elementar ist. Schon während sich die Lage an der Ostfront zu verschlechtern begann, plädierte Y D *RHEEHOV IUGLH 'XUFKIKUXQJGHV ÄWRWDOHQ.ULHJHV³ $XI GHU 0LQLVWHUNRQIHUHQ] DP -DQXDU ÄHUIROJWH GDV RIIL]LHOOH 6LJQDO IU GLH Propagierung des totalen Krieges und seine organisatorischen VRUDXVVHW]XQJHQ³ 20 . Hier IRUPXOLHUWH*RHEEHOVGLHÄ.DUGLQDOVVlW]H«GLHGDV+DQGHOQGHU%HY|ONHUXQJLP6LQQHGHU faschistischen Regiezentrale beeinflussten. Sie lauteten: 1. Der Krieg ist dem deutschen Volk aufgezwungen worden. 2. Es gehe in diesem Krieg um Leben und Sterben. 3. Es gehe um die totale Kriegsführung. 21
In Deutschland formte vor allem Erich Ludendorff den Gedanken der Ätotalen Kriegsführung³ DXV Ä'LH XPIDVVHQGH ,QDQVSUXFKQDKPH QLFKW QXU GHU PLOLWlULVFKHQ VRQGHUQ DXFK GHU politischen, wirtschaftlichen, finanziellen, sozialen, gesundheitlichen und psychischen Kräfte GHV JHVDPWHQ 9RONHV « :HKUPDFKW XQG 9RON « VLQG HLQV³ 22 9RUUHLWHU GHV ÄWRWDOHQ .ULHJHV³ ZDU Claus von Clausewitz 1832 mit seinHU 'HILQLWLRQ GHV ÄDEVROXWHQ .ULHJHV³ Prägnant ist bei dieser Begriffsbildung, dass das Leben der Bevölkerung einheitlich auf militärische Entscheidungen ausgerichtet ist. Die ArEHLWDQGHU Ä+HLPDWIURQW³ ]lKOW hier eben so viel wie der militärische Kampf der Soldaten. Je länger und aussichtsloser sich der Kriegsverlauf gestaltete, desto gewichtiger wurden aus Sicht der Nazis, allen voran Joseph Goebbels, die nicht-militärischen Faktoren ZLH GLH Ä« Ausstattung der einander gegenüberstehenden Kräftegruppen mit industriellen Produktionskapazitäten, mit Rohstoffen, 1DKUXQJVPLWWHOQ XQG $UEHLWVNUlIWHQ 6HOEVW GLH SROLWLVFKH XQG VR]LDOH 9HUIDVVXQJ « GLH LQQHUH *HVFKORVVHQKHLW « XQG LKUH PRUDOLVFKH .UDIW VFKLHQHQ NULHJVHQWVFKHLGHQGH %HGHXWXQJ]XHUODQJHQ³ 23
=LHO ZDU ÄGLHWRWDOH0RELOPDFKXQJ³GHVJDQ]HQWRWDOLWlUHQ6WDDWHV XQGHLQHÄ5VWXQJELV LQV LQQHUH 0DUN ELV LQ GHQ IHLQVWHQ /HEHQVQHUY³ 24 'DV 9RON GDV GHQ *HGDQNHQ GHV ÄWRWDOHQ .ULHJHV³ YHUZLUNOLFKHQ XQG WUDJHQ PXVVWH VROOWH VLFK idealtypisch die modernsten
20 Bohse, S.84.
21 Ebd. S.84f.
22 Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. Mittler und Sohn, Berlin (1919). S.I.
23 Herbst, Ludolf: Der totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart (1982). S.35.
24 Ebd. S.36.
10
technischen Mittel zu Nutze machen und arbeitsteilig agieren. Konkret bedeutete dies für das Dritte Reich u. a. den Einsatz aller männlicher Kräfte zwischen 16-65 Jahren. Darüber hinaus gab es eine Kursänderung in der Frauenpolitik. Alle Frauen zwischen 17-45 Jahren sollten sich nun, entgegen früherer Äußerungen und Anordnungen, voll in den Produktionsprozess zur Reichsverteidigung eingliedern. Im Alltag hieß dies, dass Frauen aller Sozialschichten sich zum einen aktiv einbringen und zum anderen Arbeitspotential freigeben sollten, sofern Bedienstete o.ä. vorhanden waren. Gerade Goebbels sah hier die Lösung der sich YHUVFKOHFKWHUQGHQ)URQWODJH Ä:LH PVVHQDOVRGLHZHQLJHUNULHJVZLFKWLJH3URGXNWLRQ LQGLH NULHJVZLFKWLJH EHUIKUHQ 'DV LVW GHV 5lWVHOV /|VXQJ³ 25 Hierzu wurde eine intensive Propagandapolitik betrieben, deren Erfolg jedoch zur Debatte stehen mag, denn viele Frauen waren neben Haushalt und Kindererziehung sowie der schlechten Versorgung meist kaum QRFK ZHLWHU EHODVWEDU 'LH 0RELOLVLHUXQJ GHU )DVFKLVWHQ HUUHLFKWH YRQ Ä0DL ELV 0DL 1943 ledigliFKHLQH6WHLJHUXQJYRQ0LOOLRQHQDXI0LOOLRQHQ³ 26 Frauen.
Die gesetzliche Arbeitspflicht sollte den Mangel an Arbeitskräften regeln, da die sich stets verschlechternde Frontlage und die erhöhte Rüstungsproduktion immer nHXHQ Ä1DFKVFKXE³ verlangten. Die fehlende Arbeitskraft LP Ä5HLFK³ NRQQWH PLW GHQ 9HUEOLHEHQHQ VRZLH Zwangsarbeitern nicht gedeckt werden. 27
5. Die Rede im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943
DLH /DJH GHV Ä5HLFKV³ $QIDQJ war höchst brisant. Die Katastrophe von Stalingrad stellte die Nazis u.a. vor ein propagandistisches Problem, dessen Lösung sie in einem vermeintlichen Richtungswechsel sahen. Folgte man bis dato einer Richtlinie, die die militärische und politische Lage kontinuierlich beschönigte, war dies angesichts der Ereignisse nahezu unmöglich. Goebbels Rede im Sportpalast hatte die Funktion, die militärische Niederlage von Stalingrad zu mythisieren und die Massen für den Ätotalen Krieg³ zu begeistern und zu mobilisieren. Letzte Reserven mussten aus nationalsozialistischer Sicht aktiviert werden, um die schon utopischen Siegchancen zu wahren. Darüber hinaus sollte von eklatanten Fehlern der Kriegsführung abgelenkt und der ungebrochene Einsatzwille der Bevölkerung demonstriert werden. Mit welchen Mitteln, inszenatorisch und vor allem rhetorisch, soll nun untersucht werden.
25 $XVGHQ*RHEEHOV7 DJHEFKHUQ]LWLHUWLQ)HWVFKHU,ULQJ5HGHLP%HUOLQHU6SRUWSDODVW-RVHSK*RHEEHOVÄ:ROOWLKUGHQtotalen
.ULHJ"³(uropäische Verlagsanstalt, Hamburg (1998). S.35.
26 Bohse, S.87.
27 Zur genauen Lage der Mobilisierung vgl. Bohse, S.86ff.
11
5.1. Vorbereitung und Inszenierung
In Bezug auf die Inszenierung lässt sich etwas salopp formulieren, dass am 18. Februar 1943 nichts dem Zufall überlassen wurde, denn alles war bis ins Detail durchorganisiert und geplant. Die räumliche Atmosphäre im Sportpalast unterstützte nüchtern die Redeintention. Der große Saal, optisch geteilt durch einen Mittelgang, war ausgerichtet auf das Rednerpult mit Hakenkreuzfahne, über das ein Transparent mit der Aufschrift: Totaler Krieg - kürzester Krieg! ± angebracht war. Bei der Fixierung des Redners konnte dieses Leitmotiv also unterbewusst-suggestiv als Tenor in den Köpfen des Publikums wirken. Das Publikum bestand aus 14.000 NSDAP-Anhängern, die bewusst von Goebbels und seinem Ministerium ausgewählt waren. Sie sollten einen Querschnitt des Volkes symbolisieren und die gesellschaftlichen Gruppen sowie Parteifunktionäre wurden von Goebbels zu Beginn der Rede vorgestellt. Auf diese Weise ließ sich eine plebiszitäre Entscheidungsfindung fingieren und der Eindruck wurde erweckt, es handele sich um die reale Repräsentation des deutschen Volkes. 28
Die Rede wurde zwischen 17.00 und 19.00 Uhr gehalten und um 20.00 Uhr über den Rundfunk gesendet, wobei hier nicht zu erkennen war, dass es sich um eine Aufzeichnung handelte. Angesichts dieser Taktik kann vermutet werden, dass Goebbels Störungen seitens der Alliierten ausschließen wollte. 29 Der Text der Rede wurde schon zuvor per Fernschreiben an die Redaktionen gesandt.
Zwei Tage später wurde die Sendung im Rundfunk wiederholt und am 24. Februar wurden längere Ausschnitte der Rede durch die Wochenschau in den Kinos ausgestrahlt. Die Ton-und Kameramänner im Saal waren schon im Vorfeld instruiert worden, wo welche Einstellungen gewünscht waren und wo die Betonungen der Berichterstattung liegen sollten. 6SlWHU OLH*RHEEHOV VLFK ÄHLQHQVWXPPHQ 5RKVFKQLWW XQGGHQ)HLQVFKQLWW PLW%HJOHLWPXVLN YRUVSLHOHQ³ 30
Besonderes Augenmerk galt hier den Reaktionen des Publikums, das völlig unüblich mit mehr als 200 Zwischenrufen die Rede unterbrach oder begleitete. Es bildeten sich regelrechte Sprechchöre - entweder gegen den Feind, oder für den ÄFührer³. Angesichts der Tatsache, dass das Volk auf Gehorsam und Stillschweigen getrimmt war, kann die These aufgestellt werden, dass dieses Verhalten von geschulten Claqueuren forciert wurde. W. A. Boelcke
28 Vgl. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, S.129f.
29 So geschehen zuvor bei einer Rede Görings.
30 Bohse, S.99.
12
YHUWULWWGDUEHUKLQDXVGLH$QVLFKWGDVVZLH]XYRUVFKRQSUDNWL]LHUWÄDQYRUKHUYHUDEUHGHWHQ Stellen auf Schallplatten konservierte Ovationen in das Lautsprechernetz der Kundgebung EHUVSLHOW XQGGDGXUFK%HLIDOOVVWUPHDXVJHO|VW³ 31 wurden. In den Druckfassungen der Rede, die in verschiedenen Zeitungen erschienen, sind von Goebbels Korrekturen bzgl. der Verstärkung von Publikumsreaktionen vorgenommen worden. Die Rede zeichnet sich unter inszenatorischen Gesichtspunkten also durch völlige 'XUFKRUJDQLVLHUXQJDXVÄ5HJLHYRUZlKUHQGXQGQDFKGHU5HGHGHU5HJLVVHXUZDUDXIDOOHV EHGDFKW³ 32 8P QXQ DOVR GLH VSH]LILVFKH :LUNXQJ GHU DOV Ä3DUDGHEHLVSLHO natioQDOVR]LDOLVWLVFKHU 3URSDJDQGD XQG 9HUIKUXQJVNXQVW DSRVWURSKLHUWHQ 5HGH³ 33 zu erfassen, müssen vor allem die rhetorischen Mittel untersucht werden. Sie sind der Schlüssel zu der Wirkungs- und Arbeitsweise des diabolischen Perfektionisten Joseph Goebbels.
5.2. Inhalt und Aufbau
An dieser Stelle soll auf Inhalt und Aufbau der Rede nur kurz eingegangen werden. Trotz der Länge der Sportpalastrede lassen sich die inhatlichen Themen recht knapp zusammenfassen, denn sie ist geprägt von Polemik, Wiederholungen und ausschweifender Sprache. Die Rede selbst kann grob in zwei Teile gegliedert werden. Der erste Te il befasst sich nach einer Lobrede an das Volk mit der Lage an der Ostfront. Goebbels beschwört hier förmlich die Gefahr für ganz Europa aus dem Osten. Ä)RUPXOLHUXQJHQ ZLH Ä'HU $QVWXUP DXV GHU 6WHSSH³ VROOHQ GLH *HIDKU DXV GHP 2VWHQ IU GLH DEHQGOlQGLVFKH .XOWXU YHUGHXWOLFKHQ XQG XQWHUVFKZHOOLJ DQGHQ $QVWXUPGHU +XQQHQ XQG 0RQJROHQHULQQHUQ³ 34 Er stellt drei Thesen vor, die den nationalsozialistischen Kampf JHJHQ GLH ÄEROVFKHZLVWLVFKH *HIDKU³ proklamieren. Er spricht auch gezielt die Alliierten an und versucht diese für den Kampf JHJHQ ÄGHQ %ROVFKHZLVPXV³ ]X JHZLQQHQ Darüber hinaus äußert er Kritik am Kapitalismus und bringt Ressentiments gegen die Mittel- und Oberschicht zum Ausdruck. Zentral ist neben der Mythisierung und Heroisierung Stalingrads auch der Führerkult. Goebbels beschwört teilweise entmenschlichend die Allmacht Adolf Hitlers.
Im zweiten Teil werden die Notwendigkeit sowie die 0DQDKPHQ ]XP ÄWRWDOHQ .ULHJ³ genannt, um die Hörerschaft auf die Entbehrungen des schon mehrjährigen Krieges neu
31 Boelcke, Willi, A. (Hg.): Wollt ihr den totalen Krieg? Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939-1943. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart
(1967). S.340f.
32 Fetscher, S.105.
33 Bohse, S.99.
34 Ueding: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, S.129.
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Ines Rothmeier, 2007, Analyse rhetorischer Stilmittel der faschistischen Rede am Beispiel der Sportpalastrede, München, GRIN Verlag GmbH
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