Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 4
2. Leben und Werk 8
2.1. Leben 8
2.1.1. Kindheit und Jugend 8
2.1.2. Der berufliche Weg: Zwischen Praxis und Theorie 11
2.1.3. Beurteilung durch Kollegen und eine kurze
Zusammenfassung seines Lebens 18
2.2. Eine Einführung in das Werk 21
2.2.1. Versuch der Beschreibung seines Gesamtschaffens 21
2.2.2. Nähere Vorstellung ausgewählter Werke 25
2.2.2.1. ’Vor und nach Hitler’ 25
2.2.2.2. Die Protestgesellschaft: von der Wirksamkeit des
Widerspruchs ’ 26
2.2.3. Zusammenfassung 30
3. Theoretische Annahmen 32
3.1. Begriffe aus dem Kommunikationsbereich 32
3.1.1. Einführung 32
3.1.2. Zeichenbegriffe 35
3.1.3. Protest und Anarchie 37
3.1.4. Rituale 40
3.2. Zum Begriff und zur Bedeutung der Signalökonomie für Pross 41
3.3. Zusammenfassung 45
4. Der Kampf um Meinungsfreiheit im 20. Jahrhundert 46
4.1. Aufgaben der Medien aus Sicht von Pross 46
4.2. Behinderungen der Meinungsfreiheit und die Folgen:
Historische Beispiele im Kontext der Zeit 49
4.2.1. Medienlenkung und Pressekonzentration 1900 bis 1945 49
4.2.2. Eine Bilanz der nationalsozialistischen Presseunfreiheit
und der Neubeginn infolge der Lizensierungszeit 57
4.2.3. Kulturkritik und Fernsehen - als Beispiel: Adolf Grimme 61
4.2.4. Adenauers Staatsfernsehen und das Urteil des
Bundesverfassungsgerichtes 64
4.2.5. Die Abkehr vom obrigkeitsstaatlichen Denken der Medien?
- Die Spiegelaffäre 67
4.2.6. Konzentrationsprozesse im Pressewesen:
Beispiel : Ein-Zeitungs-Kreise’ 75
4.3. Der Mensch im Mediennetz’ 80
4.3.1. Qualitätsverluste und die Abkehr von primärer’
Kommunikation 81
4.3.2. Das Bildmedium als Übermittler von Ritualen 86
4.3.3. Die Kommerzialisierung des Fernsehens
und das Duale System’ 90
4.3.3.1. Zur grundlegenden Entwicklung 91
4.3.3.2. Kritische Beobachtung und Sichtweise von Pross 94
4.4. Auseinandersetzung des Verfassers dieser Arbeit bezüglich der Pross’schen Wahrnehmung der Wirklichkeit (Zusammenfassung) 100
5. Würdigung und Kritik zum Leben und Schaffen
des Intellektuellen Pross 104
5.1. Engagement für Medienfreiheit und Demokratie 104
5.2. Engagement für soziale Gerechtigkeit und Dialog der Wissenschaften 108
5.3. Beurteilung von einigen Werken durch Rezensionen mit
Kommentaren des Verfassers dieser Arbeit 113
6. Fazit: Pross = Optimist - Pessimist, Realist - Idealist? 119
Literaturverzeichnis: 123
1. Werke von Pross 123 2. Sekundärliteratur 126
Abkürzungsverzeichnis 129
4
1. Einleitung
Da Harry Pross fast ausnahmslos seine Bücher mit mindestens einem aussagekräftigen Zitat eingeleitet hat, kann dies am Anfang einer Arbeit über ihn natürlich auch nicht anders sein.
Wie kaum ein zweiter deutscher Kommunikations- und Medienwissenschaftler hat sich Pross mit dem Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Politik über mehrere Jahrzehnte durch reichhaltig gesammelte Erfahrung aus Theorie und Praxis gleichermaßen auseinandergesetzt. „Sein Hauptthema war die Wechselbeziehung zwischen Politik und Publizistik” 2 , sein Lebensthema aber das der Meinungsfreiheit. 3 Von der Politikwissenschaft blieb Harry Pross bislang nahezu unbeachtet. Aufgrund dieser Ausgangslage bietet es sich in besonderer Weise an, diese Lücke mit der vorliegenden Arbeit zu schließen. Die Gründe, weshalb er auch für die politikwissenschaftliche Forschung von Interesse sein kann, liegen auf der Hand: Bereits Mitte der 70er Jahre stellte H.P. fest, dass das bewusste Eintreten einer Gesellschaft für Demokratie und dabei insbesondere für Meinungsfreiheit sehr stark davon abhängig ist, inwieweit Medien- schaffende die Möglichkeit haben, frei agieren zu können. Er ist davon überzeugt, dass die ökonomischen und politischen Verhältnisse die Medien- entwicklung beeinflussten, aber auch umgekehrt gelte, dass Wirtschaft und Politik von den Medien nicht als unabhängig angesehen werden können. 4 Dabei sollten die Medienträger nicht einzeln betrachtet, sondern im Zusammenhang untereinander berücksichtigt werden. 5
1 (1993): Memoiren eines Inländers: 1923 - 1993, München, S. 337.
2 (1995): Tonnemacher, Jan: Wider die Anpassung. Harry Pross - Chronist und Kritiker der Republik, in: Hömberg, Walter/ Tonnemacher, Jan (Hrsg.): Eichstätter Materialien zur Journalistik 4, Eichstätt, S. 7.
3 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 161.
4 (1976): Mit den Räubern leben? Kampf um Meinungsfreiheit ist Kampf um Demokratie, in: Lutherische Monatshefte, Nr. 1, S. 8.
5 (1972): Mitteilung und Herrschaft. Anmerkungen zur Rundfunkpolitik, Darmstadt und
5
Das Auftreten des Rundfunks [ 6 ] Mitte der 20er Jahre hat nach Pross eine schnellere und vielseitigere Information ermöglicht, was nicht ohne Rückwirkung auf die Presse geblieben sei. Ebenso habe die Ausbreitung des Fernsehens in der Bildberichterstattung neue Maßstäbe gesetzt. Auch dies war ein Vorgang, der unvermeidlicherweise den (Bild-)Journalismus in der Presse verändern musste. 7 Das Auftreten jeden neuen Mediums in der Menschheitsgeschichte veränderte laut Pross den ganzen publizistischen Prozess, da dieser nur als Ensemble aller Medien aufgefasst werden könne. Der neu hinzugekommenen Informationstechnik mussten sich daher auch die Politiker wiederholt anpassen. 8
Pross kann als ein beispielgebender Wissenschaftler, harter Analysierer und sachkundiger Beobachter bei der Ausbildung und Weiterentwicklung der Kommunikationsgeschichte für die Bundesrepublik und darüber hinaus gelten. Aus den eben genannten Gründen soll dieser ungewöhnlich vielseitige Mensch und Wissenschaftler im Mittelpunkt dieser Magisterarbeit stehen. Trotz seiner unbestrittenen Verdienste für die Forschung und Praxis, die es im weiteren zu untersuchen gilt, möchte ich das Werk von Pross auch unter kritischen Gesichtspunkten würdigen und einige Rezensionen seiner Werke dabei heranziehen. Die Fragestellung bei diesen Überlegungen lautet: Was sind die grundlegenden Theorien und Überzeugungen von Pross bezogen auf das Verhältnis zwischen Medien, Politik und Öffentlichkeit, und wie hat sich die Kommunikationskultur unter Berücksichtigung zeitlicher Veränderungen insgesamt bis heute fortentwickelt? War am Ende des 20. Jahrhunderts die Meinungsfreiheit in Deutschland mehr vorhanden als zu Beginn? Stimmen die dabei von Pross aufgestellten Thesen mit der Wirklichkeit überein?
Neuwied S. 19.
6 ‘Rundfunk’ bis zum Eintritt des Fernsehens in Deutschland stets als ‘Hörfunk’ verstanden.
7 (1972): Mitteilung und Herrschaft, S. 20-21.
8 Ebd., S. 76; Ähnlich sah dies auch der wohl berühmteste Medienwissenschaftler Marshall Mc Luhen, der davon überzeugt war, „dass jede Technologie oder Ausweitung der menschlichen Möglichkeiten eine neue Umgebung schafft”, zitiert nach: (1998): Ludes, Peter: Einführung in die Medienwissenschaft. Entwicklungen und Theorien, Berlin, S. 81.
6
An dieser Stelle noch einige Bemerkungen zum didaktischen Vorgehen: Als erstes werden einige Lebensdaten und -erfahrungen näher beschrieben, um wesentliche Beweggründe für das reichhaltiges Schaffen und die theoretischen Überzeugungen von Pross zu gewinnen. Als Literaturgrundlage hierfür kann seine 1993 erschienene Biographie Memoiren eines Inländers herangezogen werden. 9 Im nachfolgenden Kapitel wird auf sein Gesamtschaffen einzugehen sein und zwei Bücher sollen exemplarisch näher vorgestellt, die für sein Leben und Werk mir besonders typisch erscheinen: Das erste vorgestellte Buch in 2.2.2.1. steht stellvertretend für die Auseinandersetzung des Autors mit der deutschen Geschichte und der damals vorherrschenden Gegenwart, während sich im anderen Buch die im Laufe des Lebens von Pross entwickelten Kommunikations- und Medientheorien verbinden mit seiner engagierten Sichtweise bezogen auf eine offene und demokratische Gesellschaft. Die von mir im Rahmen dieser Magisterarbeit vorgenommene Analyse seines Gesamtwerkes und einzelner Texte hieraus, kann allerdings schon aus Platzgründen nur unvollständig vorgenommen werden.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den grundlegenden Theorien von Harry Pross, die es näher zu betrachten und zu beschreiben gilt. Dies ist sehr entscheidend für das Verständnis der Gesamtarbeit, um seine Art der Beobachtung und Kritik der Medien- und Kommunikationspraxis, die zum überwiegenden Teil auf Deutschland bezogen ist, besser zu verstehen. Im folgenden und umfangreichsten Kapitel 4 dieser Arbeit geht es zunächst darum (4.1.), die Aufgaben der Medien aus der Sichtweise des Publizisten darzulegen. Die dahinterliegende Fragestellung lautet, inwieweit seine Idealvorstellungen von freier Meinungsäußerung im Deutschland des 20. Jahrhunderts übereinstimmten oder davon abgewichen sind. An ganz konkreten Beispielen soll anschließend dargelegt werden, welche Einschränkungen bzw. befürchteten Einschränkungen von Meinungs- oder Medienfreiheit es gegeben hat und welche Folgen dies nach sich zog. Harry Pross hat sehr vieles davon in
9 Viele der darin beschriebenen Erinnerungen werden allerdings weniger aus der Perspektive des persönlichen Erlebens geschildert, sondern über weite Strecken des Buches erfolgt die Sichtweise mehr aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters, um so gesamtgesellschaftliche und -politische Entwicklungen der jeweiligen Zeit zu verdeutlichen.
7
seinen Büchern Zeitungsreport und Der Mensch im Mediennetz behandelt. Darüberhinaus sollen aber auch andere Quellen (beispielsweise Noelle-Neumann, Hickethier, Stöber, Glotz) mit herangezogen werden, um ein besseres Gesamtbild von den behandelten Geschehnissen zu bekommen und dadurch seine kritischen Sichtweisen besser zu verstehen oder aber infrage zu stellen.
Der Pross’schen Kritik an der Kommerzialisierung und der ‘Beherrschung der Welt’ durch die Neuen Medien ist im Kapitel 4.3. nachzugehen: Wieso sollen die Menschen sich am Ende des 20. Jahrhunderts in einem Mediennetz verfangen haben? Im Kapitel 5. geht es schließlich darum, das gesellschaftliche Engagement von Pross zu untersuchen und unter der Berücksichtigung von Rezensionen zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen. Im Fazit wird abschließend die interessante Frage zu beantworten sein, ob H.P. als Wissenschaftler und Mensch als ein Optimist oder Pessimist, Realist oder Idealist anzusehen ist. Bereits an dieser Stelle der Magisterarbeit sei gesagt, dass der Verfasser dieser Arbeit zwar darum bemüht ist, eine zutreffende Antwort auf diese Fragestellung nach seinen Erkenntnissen zu geben, andererseits aber auch weiß, dass Harry Pross’s Leben und Werk keineswegs als frei von Widersprüchen bezeichnet werden kann und es daher ratsam ist, dass jeder - der sich mit den Gedanken und Erfahrungen von H.P. auseinander setzt - sich selbst eine Meinung zu dieser Frage bilden sollte.
8
2. Das Leben und Werk von Harry Pross
2.1. Leben
2.1.1. Kindheit und Jugend: Zwischen heiler Welt und Kriegswirren
Harry Pross wurde am 2. September 1923 in Karlsruhe-Rheinhafen geboren. Ein dummes Datum wie er meint, da seine Eltern für die Geburtstagsanzeige etliche Millionen berappen mussten (aufgrund der extremen Geldentwertung im Deutschen Reich zu dieser Zeit). 10 Harry wohnte mit seiner Familie auf dem Gelände einer Fabrik, da sein Vater dort ein mittelständisches Unternehmen mit ungefähr 300 Angestellten führte. Über seine Mutter berichtet er, dass er ihr stundenlang beim Klavierspielen zuhören konnte. 11 Der spätere Publizist wuchs also - zusammengefasst beschrieben - in einem wohlbehüteten, gutbürgerlichen Elternhaus auf.
Den Beschreibungen seiner Memoiren folgend, baute der kleine Harry bereits einen recht engen Kontakt zu ‘seinen’ Fabrikangestellten auf und lernte dabei mit anderen Menschen gut zu kommunizieren. 12 Bei einem Gesprächsvortrag im Jahr 2003 in Heidelberg, hob er die Bedeutung dieser Menschen für sein späteres Leben und Schaffen in besonderer Weise nocheinmal hervor: Sie hätten ihm zu der unverschämten Gewissheit verholfen, dass ihm überhaupt nichts passieren könnte. Alles was er später geworden sei, verdanke er im Grunde diesem Fabrikhof mit seinen Menschen. 13 Literarisch interessierten ihn als Kind ausschließlich Tierbücher und so war er naheliegenderweise auch Mitglied im Tierschutzverein gewesen. Wenn sein Vater mit ihm zur Jagd ging, ließ er sich dann auch lieber von den Naturerlebnissen der Sümpfe und
10 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 13-15.
11 Ebd., S. 14, 17.
12 Ebd., S. 18-19.
13
(2003): ohne Autor: Gerne mit jungen Leuten gearbeitet [ein Gespräch mit Harry Pross], in: Heidelberger Stadtblatt Online, Nr. 23 (
9
Urwälder im Altrheinrevier anregen, als vom väterlichen Abschießen von Tieren. 14
1936 erlebte er die Rückkehr des Militärs in die Stadt [Einmarsch von Truppen in das bislang entmilitarisierte Rheinland]. Nach zwölfjähriger Schulzeit (war um ein Jahr gekürzt worden), legte Pross 1942 sein Abitur ab, ehe er zum Militär musste. 15 Da der NS-Staat auf körperliche Ertüchtigung großen Wert legte, er sich allerdings als relativ unsportlich erwies, war er umso mehr darauf bedacht, Anerkennung von seiner sozialen Umgebung auf andere Art und Weise zu bekommen: Beim Luftgewehrschießen hatte er zum Beispiel mehr Erfolg und da ihn der Umgang mit Pferden sehr interessierte, gelang es ihm auch, das Reitabzeichen zu erwerben. Auf das mit zwei gekreuzten Lanzen auf goldenem Schild der blauen Jungvolkkluft abgebildete Symbol war er besonders stolz. Die kindliche Vorliebe für solche ‘Markierungen’, meint Pross verallgemeinernd, seinen damals wie heute wohl ähnlich. 16 An Funktionen nahm er als Schüler das Amt des Klassensprechers wahr und wurde zum Jugendführer über zehn Grundschüler im Jungfähnlein. 17 Pross war aufgrund der NS-Propaganda Reichsgläubiger und militärbewusster Jungnazi nach den Verlautbarungen in seinen Memoiren gewesen. Auch als junger Erwachsener war ihm - wie vielen anderen Deutschen seiner Zeit auch - nicht klar, dass ein menschen- verachtendes Regime (welches systematischen Völkermord beging) sein Leben mit beeinflusste: Angelernte Verhaltensweisen im NS-Staat waren anschleichen und lauschen, niemals dem Feind gegenüber offen auftreten oder anreden, Befehle ausführen ohne nachzufragen und das eigene Urteil stets unterdrücken. Der anders- und abartige Feind war bei allen Spielen im Geiste stets anwesend, auch wenn nur gegen eine gleichartige Jungenschaft gekämpft wurde. Dies sei eine böse Sache gewesen, wie es sich bald herausstellte. 18 Die Eltern von H.P. übten intern deutliche Kritik am NS-Regime. Sein Vater sagte zum Progrom an den Juden im Jahr 1938, dass die Juden
14 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 23.
15 Ebd., S. 41.
16 Vgl. ebd., S. 55.
17 Ebd., S. 58-59.
18 Ebd., S. 65 und 95.
10
gleichberechtigte Deutsche seien und nur eine andere Religion hätten. Harry fragte ihn daraufhin unwissend, warum sie dann unser Unglück sein sollten. Und Vater antwortete „weil man sie durch Verfolgung dazu macht”. 19 Da sich die Familie 1939 schon ein neues Auto leisten konnte, fuhren sie mit diesem gemeinsam in die Sommerferien an die Ostsee. Als auf der Autobahn bei Kassel Militärkolonnen ihnen entgegenkamen, meinte Harrys Vater nichts Gutes ahnend: „Da könnt ihr sehen, wozu der Kerl [Hitler] hat Autobahnen bauen lassen.” 20 Einige Jahre später schrie Harrys Mutter unvorsichtigerweise vor Zeugen 1944 zur Haustür hinaus: Diese Mörder! Jetzt schicken sie die Kinder noch in den Krieg, als sein 18-jähriger Bruder zum Waffendienst einberufen wurde. Diese Aussage hätte für die Familie unangenehme Folgen nach sich ziehen können, blieb aber zum Glück ‘ungehört’. 21
Zum ersten Mal trat für Pross selbst die Verlogenheit des ganzen Nazi-Systems mit seinem riesigen Propagandaapparat zu Tage, als er die aktuellen Zeitungen aus der Heimat mit den unmittelbar gemachten Erfahrungen an der Front verglich. 22 1942 wurde er nach Weißrussland abkommandiert und erfuhr am eigenen Leibe die Folgen des furchtbaren Krieges: Ein Granatsplitter traf ihn am Kopf. Zwei Jahre später handelte sich Pross durch eine sowjetische Panzerfaust eine schwere Armverletzung (rechter Ellbogen zerschmettert) ein. In einem Lazarett in Schlesien sollte sein Arm amputiert werden, da an eine Reparatur nicht zu denken war. Seine Mutter ließ dies nicht zu und sagte dem Stabsarzt eindringlich: Der Arm bleibt dran! Der Arzt akzeptierte dies schließlich und meinte nur, dass er nicht viel Freude mehr daran haben werde. Aufgrund dieser Verletzung bezieht Pross seitdem eine Rente. Zur eigenen Handschrift hat er seitdem nie wieder zurückgefunden, doch die Lust auf das Leben ging ihm deshalb nicht gänzlich verloren. 23 Aber ein Schicksalsschlag war es für ihn trotzdem, denn „mit 21 hatte der Verwundete Abschied
19 Ebd., S. 69.
20 Ebd., S. 70-71.
21 Ebd., S. 66.
22 (2003): Birkenmaier, Werner: Die Suche nach vertiefter Einsicht. Harry Pross hat den deutschen Journalismus maßgeblich geprägt und wird achtzig Jahre alt, in: Stuttgarter Zeitung vom 01.09.2003, o.S..
23 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 84, 97-98.
11
genommen von allem, wozu der Mensch zwei gesunde Arme braucht”. 24 Eigentlich hatte er sich fest vorgenommen, mit dem Studium der Zoologie zu beginnen, was aber aufgrund seiner schweren Verletzung nicht mehr in Betracht kam. 25
Zum Untergang des 1000jährigen Reiches, welches H.P. immerhin bereits nach 12 Jahren überstanden hatte, sagt er rückblickend, dass seine Symbole keinen Wert mehr hatten und die ganze Gewalt mit den Fahnen, Uniformen und Orden auf einmal verschwunden war. Ein gutes Gefühl stellte sich Anfangs bei ihm trotzdem nicht ein - im Gegenteil - er fühlte sich beschissen, da der Eigenverantwortlichkeit seiner Gedanken durch den antrainierten Gehorsam im NS-Staat noch deutliche Grenzen gesetzt waren. 26 Der Neuanfang war für den jungen H.P. wie für viele andere seiner Generation meint er „eine Zeit der Lebensgier und der Deckerinnerungen, um eigenes Versagen abzudecken und zu verharmlosen”. 27 Aus dieser von ihm so dargelegten, schwierigen Ausgangslage heraus, lässt sich auch sein außerordentlich großes Engagement für demokratische Werte erklären, was er im Laufe seines Leben unter Beweis stellen konnte.
2.1.2. Der berufliche Weg: Zwischen Praxis und Theorie
Im Wintersemester 1945/46 entschied sich H. Pross - nachdem es ihm aus praktischen Gründen nicht mehr möglich war, das Verhalten von Tieren näher zu erforschen - für ein sozialwissenschaftliches Studium an der Universität Heidelberg und arbeitete nebenher als freier Journalist. 28 Am 9. November 1945 hielt er seine erste öffentliche Rede für den Demokratischen Verein Karlsruhe, die auch von der lokalen Zeitung veröffentlicht wurde. Hierin
24 Ebd., S. 108.
25 (2003): ohne Autor: Gerne mit jungen Leuten gearbeitet [ein Gespräch mit Harry Pross].
26 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 122-123 und S. 134.
27 (2000): Zeitungsreport: deutsche Presse im 20. Jahrhundert, Weimar, S. 155.
28 (1997): Kommunikationstheorie für die Praxis, in: Kutsch, Arnulf/ Pöttker, Horst (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft - autobiographisch. Zur Entwicklung einer Wissenschaft in Deutschland [Publizistik - Sonderheft 1/1997], Opladen, S. 120-121.
12
forderte er die Beteiligung der Jugend am demokratischen Aufbauprozess. 29 Offenbar sehr beeindruckt hatte ihn eine Rede - wenn auch nicht die Person -Karl Jaspers zur Wiedereröffnung der Universität, denn in seinen Memoiren gab er einige Zeilen davon wieder:
Für die damals junge Erwachsenengeneration kam die Auseinandersetzung mit der Frage, ob und inwieweit man ein gefügiger Bestandteil des vergangenen Regimes war, durch die neue Lebenssituation unter der Besatzungsherrschaft automatisch auf. Es war die Zeit, wie Pross sie empfand, die Sprache wiederzufinden, den sichernden Blick auf die Mithörer zu unterlassen und unbefangen miteinander umzugehen. Gleichwohl war auch unter der Besatzung die freie Sprache nichts Selbstverständliches (Allgemeines dazu in 4.2.2.). 31 Über seine Studienjahre 1945-49 äußert sich Pross aus der lebenserfahrenen Perspektive eines 75jährigen, dass sie trotz Hunger, Lungenerkrankungen und offener Kriegswunde für ihn schieres Glück bedeuteten. Er schrieb erste Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, kleine Radiobeiträge und nahm 1948 ein Zeitungsvolontariat für die Rheinpfalz auf. 32 Der dortige Chefredakteur schickte ihn zu einem Kriegsverbrecherprozess nach Rastatt. Ihn beeindruckten die von den französischen Besatzungstruppen aufgestellten afrikanischen Parade- soldaten auf den Treppen und vor den Türen des Schlosses mehr als die Verhandlung selbst. Sein dazu verfasster Text erschien nicht, sondern wurde von der Redaktion verworfen und bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben. Aufgrund dieser Negativerfahrung heraus, erwuchs bei ihm
29 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 134.
30 Zitiert nach: ebd., S. 134-135.
31 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 138-139.
32 (1997): Kommunikationstheorie für die Praxis, S. 122.
13
erst recht ein starkes Interesse an der Analyse von (politischer) Symbolik, da er zensierte Meinungen (aufgrund seines zweifellos vorhandenen
‘Widerspruchsgeistes’) unter keinen Umständen niemals mehr hinnehmen wollte. 33 Er entsann sich seinerzeit an einen Text von Mitscherlich und Weber, deren Intention für sein späteres Denken und Schaffen offensichtlich von grundlegender Bedeutung war - wie die spätere Betrachtung seines Schaffens es zeigen wird [vgl. dazu etwa das direkte Zitat von Pross in Kapitel 4.4.]. H.P. zitiert Mitscherlich und Alfred Weber (1946) mit den Worten:
Pross schreibt weiter, er hätte mit seinem Artikel den Einfluss der Szenerie auf die Urteilsbildung verständlich machen wollen, was aber offensichtlich unerwünscht gewesen war. Folglich entwickelte er daraus für sich sein Lebensthema 35 , nämlich das der Meinungsfreiheit. 36
Bereits im Mai 1949 legte er seinen Dr. phil. durch eine soziologische Dissertation ab. Sein Betreuer war der von ihm sehr geschätzte Lehrer Hans von Eckardt. 37 Sein Thema hieß: Nationale und soziale Prinzipien in der Bündischen Jugend. Des weiteren hatte er die Fächer. Allgemeine Staatslehre, Neuere Geschichte und Psychologie studiert. 38 Ein anderer Lehrer für Pross
33 Vgl. (1993): Memoiren eines Inländers, S. 160-161; vgl. dazu auch Brief im Anhang, Punkt 3.
34 Zitiert nach: (1993): Memoiren eines Inländers, S. 161.
35 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 160-161.
36 Ebd., S. 212.
37 Zitat von Pross: „Eckardt machte seine Studentinnen und Studenten zu engagierten Beobachtern ihrer Gesellschaft (...). Hans von Eckardts Ausstrahlung aktivierte Gefühle für das Miteinanderreden.”, in: (1993): Memoiren eines Inländers, S. 157 und 161.
38 (1949): Nationale und soziale Prinzipien in der Bündischen Jugend. Ein wissens- soziologischer Versuch, Phil. Diss. Universität Heidelberg.
14
war der Soziologe und Kulturwissenschaftler Alfred Weber (Bruder des bereits 1920 verstorbenen Max Weber). H.P. sagt über ihn, dass er mit seinen ungestümen öffentlichen Auftritten sowohl Engagement verkörperte, als auch Distanz auf den Punkt brachte. 39 Er lehrte sowohl Freiheit und Menschlichkeit, als auch skeptische Selbstverantwortung. 40 Als erstes forderte A. Weber von seinen Studenten jene Geradlinigkeit ab, die in der Hitlerjugenderziehung zwar theoretisch gefordert, „aber in der Lüge des Systems verbogen worden war”. 41
H.P.’s beruflicher Weg gestaltete sich sehr abwechslungsreich, was anhand der folgenden Aufzählung gut erkennbar ist:
1949-52 war er Redakteur für die Wochenzeitschrift Ostprobleme (im Auftrag der amerikanischen Propaganda) 42 , 1952/53 unternahm er einen Studienaufenthalt in die USA 43 und war daran anschließend als Deutschland-korrespondent für die holländische Wochenzeitung Haagse Post von Bonn aus tätig 44 . 1955-60 leitete H.P. die Redaktion der angesehenen Monatszeitschrift: Deutsche Rundschau in Stuttgart, deren entschiedenen Kampf gegen jede Art von Totalitarismus er konsequent fortsetzte. 45 Aufgrund unbedachter Äußerungen in einem Leserbrief verlor Pross seinen Redaktionsstuhl allerdings wieder. 46 Verstärkt sprach er danach auf Tagungen, debattierte auf den Ruhrfestspielen und war 1961-63 fester Gastdozent an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. 47 Dort lehrte er Soziologie, später auch Politologie und Kommunikation. 48 In den 60er Jahren war Pross sowohl Mitherausgeber der
39 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 124.
40 (1986): Charakterqualität und Friedenssicherung. Alfred Webers „Freier Sozialismus”, in: Demm, Eberhard (Hrsg.): Alfred Weber als Politiker und Gelehrter [Referate vom ersten Alfred-Weber-Kongress am 28./ 29.10.1984 in Heidelberg], Stuttgart, S. 52.
41 Ebd., S. 41.
42 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 188.
43 Ebd., S. 192.
44 Ebd., S. 200.
45 Ebd., S. 233 und 241; (2003): Birkenmaier, Werner: Die Suche nach vertiefter Einsicht.
46 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 244.
47 Ebd., S. 252-253.
48 Ebd., S. 291.
15
Neuen Rundschau (1962-69) 49 , als auch Chefredakteur von Radio Bremen (1963-68) 50 .
Im Jahr 1967 ergab sich für Pross ein neuer Karrieresprung als gefragter Universitätsprofessor, denn ihm wurden als erfahrenem Praktiker gleich drei Professuren angeboten (für Politik, Sozialpsychologie und Publizistik). Pross unterzeichnete schließlich einen zeitlich unbefristeten Vertrag für die angebotene Professur für Publizistik an der Freien Universität Berlin. 51 Gerade für den Publizistiklehrstuhl hatte er sich deshalb entschieden, da ihm der Bezug zur Praxis hier am nächsten schien 52 , denn es war ihm in seinem Selbstverständnis dauerhaft ein wichtiges Anliegen, die Verbindung von Theorie und Praxis zu verstärken und zu verbessern. 53 Mit großer Zuversicht stellte er sich der neuen Herausforderung, aber so einfach wie gedacht, lief es dann doch nicht: H.P. schreibt, man glaube nicht, wie viele Fehler ein erwachsener Mensch, der gesellig, kriegserfahren, weit herumgekommen, selbstbewusst und heiter sei, innerhalb von 90 Minuten machen könne. Seine tatsächlichen oder angeblich schweren Vergehen beschreibt er jedenfalls ganz ausführlich in seinen Memoiren. Dazu zählt Pross z. B. seine unangemessene Kleidung (konventioneller Anzug) gegenüber der Jahrmarktsbuntheit der Studenten. Der Selbstdarstellungsdruck schien ungeheuerlich zu sein, wertet er diese Erfahrung im Nachhinein. Sie bestätigten seiner Ansicht nach fast die Pax Americana durch ihre einheitlich getragenen Jeans und der damit verbundenen ökonomischen Grundlagen ihrer geistigen Vorbilder im Kapitalismus ohne menschliche Leitbilder und konsequenten Sozialplan. Beliebigkeit im Denken und das ganze Jahr Maskeraden, schluss- folgerte er zum damaligen Zeitpunkt resigniert. Auch die Disziplin ließ zu wünschen übrig und die Art und Weise der Diskussionen störte ihn gewaltig: Man wollte keinen Diskurs, sondern ein Happening. Eine
49
(2004): ohne Autor: zu Harry Pross:
50 (1983): Beth, Hanno (Hrsg.): Feder-Lese: Publizistik zwischen Distanz und Engagement; Harry Pross zum 60. Geburtstag, Berlin, S. 239.
51 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 295-297.
52 (1997): Kommunikationstheorie für die Praxis, S. 120.
53 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 300.
16
rüpelige Schulklasse hätte sich nicht anders verhalten. Am Abend jenes ersten Anstellungstages an der FU Berlin sagte er seiner Frau, dass sie die Koffer zum Abreisen packen solle. Doch entschied er sich nach einer Aussprache mit ihr anders und blieb ganze 15 Jahre. 54
Die Radikalisierung der 68er Bewegung wäre unverständlich - meint Pross im Nachhinein - ohne die schlechte deutsche Tradition zu sehen, dass es verpönt war, eine Meinung nicht nur zu haben, sondern diese auch noch zu äußern. 55 Im Gegensatz zu den amerikanischen Nationaltugenden wären die deutschen Tugenden (Fleiß, Pflichterfüllung, Ordnung, Genauigkeit usw.) durch die Ausnutzung im NS-System unter der 68er Jugend unpopulär geworden. Infolgedessen galt es als angebracht, gegenteilige Eigenschaften öffentlich zu demonstrieren (Beliebigkeit, Ungehorsam usw.). 56 Gegenüber den Revolutionären, die sich über alte Rituale lustig machten, sich aber gleichzeitig schon in neuen Ritualisierungen ergingen und in einer magisch verklärten Welt zu leben schienen, konnte er seinerzeit nur wenig Verständnis aufbringen. Stattdessen sah er es als seine Aufgabe an, Vernunft zu propagieren und gleichzeitig dabei zu helfen, Widersprüche der Gesellschaft offenzulegen. 57 Nebenbei gab er seinen 68er-Studenten auch praktische Tipps beim Produzieren von Flugblättern. 58
Pross versuchte - nach seinen Beschreibungen zufolge - zu lehren, dass das demokratische Bewusstsein der Menschen in einem Land nicht besser sein kann, als die publizistisch Tätigen es ihnen vorzeigen. Demokratie habe auch etwas mit guten Umgangsformen zu tun, was einigen seiner Studenten damals wohl nicht klar gewesen sei, wenn jene glaubten „es sei revolutionär, recht patzig aufzutreten”. 59 Pross kam zu dem Entschluss, dass aus der modischen
54 Ebd., S. 298-303.
55 (1990): Innere Pressefreiheit gegen Signalökonomie, in: Hoffmann, Hilmar/ Klotz, Heinrich (Hrsg.): Die Kultur unseres Jahrhunderts: 1970-1990, Bd. 6, Düsseldorf/ Wien/ New York, S. 204.
56 Ebd., S. 206.
57 (1995): Tonnemacher, Jan: Wider die Anpassung, S. 7.
58 (2003): ohne Autor: Gerne mit jungen Leuten gearbeitet [ein Gespräch mit Harry Pross].
59 Vgl. (1993): Memoiren eines Inländers, S. 353-354.
17
Buntheit nur dann der Gedankenaustausch und vielleicht ein Miteinander sich entwickeln kann, wenn er auf die autoritäre Attitüde verzichtete. Ihm sei in dieser Zeit klar geworden, dass ihm weder sein vorhandenes [großbürgerlich-elitäres] Standesbewusstsein, noch das im Laufe der Zeit von ihm angehäufte Wissen als Prestigeobjekt verstanden, von Nutzen sein konnten. Lehre müsse im Dialog stattfinden - andernfalls machte sie keinen Sinn, denn nur Spruch und Widerspruch zusammengenommen, führten zu einem brauchbaren Ergebnis. 60
Über die offene Geschäftssitzung gelangte die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof 1969/70 zu einem Lehrauftrag für ein Semester an das von Pross geleitete Institut. Zu diesem Zeitpunkt kannte Pross sie bereits als vorzügliche Radioautorin aus Bremen und hatte deshalb nichts gegen den studentischen Vorschlag einzuwenden. 61 Pross schätzte sie nach seinen Angaben auch deshalb, da sie sich als eine der wenigen in der seiner Meinung nach verfetteten Bundesrepublik frühzeitig für Kinder in Heimen engagierte. 62 An anderer Stelle schreibt er freilich, dass Meinhof später unzulässige Grenzen der Gewalt überschritt, die der Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik ungeheuren Schaden zufügten. 63 Die Folge war für H.P. jedenfalls, dass er Anfang 1971 (also erst im Nachhinein der Lehrzeit von Ulrike Meinhoff) an seinem Institut Morddrohungen erhielt. Dies sei ihm zwar bereits in seiner journalistischen Zeit aufgrund missliebiger Kommentare vorgekommen, doch diesmal sah er sich genötigt für zehn Tage Personenschutz zu beantragen, da er Angst um seine zwei adoptierten Kleinkinder hatte. 64
Pross gelangt aufgrund seiner Erfahrungen aus dieser Zeit allgemein zu dem Schluss, dass die studentischen Aggressionen, wenn auch von einer Minderheit ausgehend, die konservativen Tendenzen in den Fakultäten letztlich stärkten. Der Verlust an Umgangsformen bedeutete ein Verlust an Vertrauen und
60 Ebd., S. 304.
61 Ebd., S. 311-312.
62 Vgl. dazu auch Brief im Anhang, Punkt 2.
63 (1990): Innere Pressefreiheit gegen Signalökonomie, S. 204.
64 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 311-312.
18
verringerte die Fähigkeit, aufeinander zuzugehen. Überhaupt noch miteinander zu sprechen, sei in dieser Zeit schwierig geworden. 65 Pross beschreibt in der Rückschau die Zielsetzung und Motivation für seine lange Lehrtätigkeit folgendermaßen:
Die in dem Zitat deutlich werdende Zugewandtheit zu seinen ‘Schützlingen’, stand der ihm angewiderte Bürokratismus einer großen Universität gegenüber (Stichworte: Raumverfügbarkeit, Lehrmaterial, Personal usw.). Die Kraftanstrengung zum Guten war seines Erachtens nur zu meistern durch unbeirrtes Engagement für die Studierenden. Universitäten und Professoren müssten schließlich für sie da sein und nicht etwa umgekehrt. 67
Als H.P. im Jahr 1983 aus der Zeitung erfuhr, dass sein Institut auf seinen Fortbestand hin überprüft werden sollte (Initiative des neuen CDU-geführten Senates unter Richard von Weizsäcker), sah er es als einen günstigen Zeitpunkt für sich an, in Pension zu gehen, Berlin wieder zu verlassen und in seine Wahlheimat des beschaulichen Ortes Weiler im Allgäu zurückzukehren. 68 Dies bedeutete aber nicht, dass er nach dieser Zeit beruflich untätig war. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften, Vorträge, sowie die Annahme eines Lehrauftrags an der Journalistenschule in St. Gallen verweisen eher auf das Gegenteil.
65 Ebd., S. 318-319.
66 Ebd., S. 341-342.
67 Ebd., S. 343, (2003): Birkenmaier, Werner: Die Suche nach vertiefter Einsicht.
68 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 353.
19
2.1.3. Beurteilung durch Kollegen und eine kurze Zusammenfassung seines Lebens
Nicht nur das ‘was’ ist im Leben oft von entscheidender Bedeutung, sondern auch das ‘wie’. 69 Dies trifft auf H.P. in besonderer Weise zu, wie die Quintessenz der Befragungen über ihn in einem extra herausgegebenen Buch anlässlich seines 60. Geburtstages es zeigt:
Hans Abich schreibt über die gemeinsame Zusammenarbeit bei Radio Bremen, dass es eine Zeit gewesen ist, in der intensiv die Notstandsgesetze in der Bundesrepublik heftig diskutiert wurden. Mit Sicherheit seien sie ihm zuwider gewesen, aber er sorgte in der Redaktion dafür, dass vorbildlich recherchiert, informiert und kommentiert wurde. 70 Ihm sei es stets darum gegangen, Tatsachen zu erkunden und der Öffentlichkeit gut zu vermitteln, selbst wenn sie gegen seine eigene Überzeugung verstießen. Er wollte abwägend aufklären, den Zuhörern das Für und Wider von Sachverhalten eindeutig offenlegen und sich dabei selbst im Zweifelsfall zurücknehmen. Für den Journalisten gibt es nie genug zu wissen und nie genug zu zweifeln war einer seiner Leitsprüche, die er seinen Mitarbeitern weitergeben wollte. 71 Sein Bestreben war es zudem, eine selbstkritische Aufmerksamkeit von Experten und Praktikern der Politik und des Rechts herauszufordern. H.P. sei stets die Garantie dafür gewesen, dass Gewohntes nicht zur Abnutzung kam, dass neue Aspekte ausreichend bedacht und der laufende Sendebetrieb qualitativ sichergestellt wurde. 72 Seine untergebenen Mitarbeiter bei Radio Bremen beschrieben ihn in der vorgenommenen Befragung charakterlich als einen fast ausnahmslos freundlichen Menschen, der überaus souverän im Umgang mit anderen gewesen sei, eindringlich, aber zumeist leise sprach und irgendwie etwas Englisches an sich gehabt hätte. Außerdem wird über ihn berichtet, dass er
69 „Das ‘Wie’ der Präsentation entscheidet darüber, ‘was’ aufgenommen wird, und ob es früher oder später vergessen wird.”, H.P. zitiert nach: (1990): „Informationsgesellschaft” als globaler Tele-Zoo, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 1, S. 55.
70 (1983): Abich, Hans: Ort der Handlung: Radio Bremen. Freilich ein lückenhafter Bericht über die Chefredaktion von 1963 bis 1968, in: Beth, Hanno (Hrsg.): Feder-Lese: Publizistik zwischen Distanz und Engagement; Harry Pross zum 60. Geburtstag, Berlin, S. 240-241.
71 Vgl. Ebd., S. 247.
72 Ebd., S. 240-241.
20
absolut verlässlich und präzise gewesen sei, anderen gut zuzuhören vermochte, verschiedene Meinungen gelten ließ und sich vor allem ausreichend Zeit für jeden nahm. Fachlich lehrte der Chefredakteur bei aller Schnelligkeit - um dem Hörerbedürfnis nach Aktualität nachzukommen - auch die Hintergründe von Ereignissen mit zu bedenken und Zusammenhänge darzustellen. Er selbst tat dies mit der ihm gegebenen scheinbar unerschütterlichen Gelassenheit, wobei er dabei auf einen immer wieder verblüffenden Wissensschatz zurückgreifen konnte. Allerdings war seine Art und Weise zu denken und zu handeln auch in der Redaktion von Radio Bremen nicht völlig unumstritten, wie eine Äußerung zeigt, in der es heißt, er war und sei vermutlich auch heute noch die Verkörperung eines gewissen Widerspruchs zwischen seiner politischen Überzeugung, die Liberalität und radikal-demokratische
Verfassungsgrundsätze verband und seinem eher großbürgerlich-akademischen Überlegenheits- bewusstsein, dessen elitärer Charakter zwar unausgesprochen, aber im täglichen Umgang doch spürbar gewesen sei. 73
An dieser Stelle bietet sich eine Zusammenfassung über das bewegte Leben von Harry Pross sicherlich an, um die große Anzahl der gegebenen Informationen für die Leser dieser Arbeit etwas zu sortieren. Dies soll in der gebotenen Kürze hiermit geschehen:
Eine unerschütterliche Art der Bestimmtheit und Unbeirrbarkeit, ein großes Einfühlungsvermögen für die großen und kleinen Dinge auf der Welt sowie eine unbändige Neugier auf Menschen und Erkenntnisse zeichnen ihn - nach allem was ich über ihn in Erfahrung gebracht habe - charakterlich in besonderem Maße aus.
Pross stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen und hatte damit gute Voraussetzungen, um eine sehr gute Bildung zu bekommen und sich viel Wissen anzueignen. Trotz seines elitären Bewusstseins, hat er schon sehr früh Kontakt zu vielen fremden Menschen als Sohn eines Fabrikchefs aufgenommen und ist nicht zuletzt dadurch auf die Wichtigkeit sozialer Belange im Kleinen wie im Großen sensibilisiert worden (näheres zu seinem Engagement in Kapitel 5).
73 Ebd., S. 246-249.
21
Dass er beruflich nicht seinem Vaters nachfolgen wollte, war ihm recht bald klar, gleichwohl sein Wunsch nach Führung von Menschen bei ihm früh erkennbar ist (z. B. als Jugendführer). Viel eher galt ihm das Interesse an der Natur und am Tierschutz, wie seine frühen Aktivitäten es nahelegen (lesen von Tierbüchern, Ausflüge mit dem Vater im Wald, Mitglied im Tierschutzbund, Pferde reiten). Auch sein lange gehegter Entschluss, nach Beendigung des Krieges Zoologie zu studieren, passt in dieses Bild. Daneben hatte er aber auch ein wachsendes literarisches Interesse entwickelt (beispielsweise las er stets das Feuilleton in der Zeitung zuerst).
Als er nach den schweren Kriegserfahrungen an der Front in seine Heimat zurückkehrte und durch seine Verletzung am rechten Arm nicht mehr den angestrebten Berufswunsch in die Tat umsetzen konnte, machte er aus der Not eine Tugend und entschied sich dafür, ein sozialwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Infolge dieses einmal eingeschlagenen Weges gelang es ihm ein beachteter Publizist und Kommunikationswissenschaftler zu werden. Dauerhaft an einen Arbeitsplatz wollte er sich dabei nie binden lassen, da ihm dies als zu langweilig erschien und seinem Bedürfnis nach gestalterischer Freiheit und Selbstbestimmung zuwiderlief. Die ununterbrochene fünfzehnjährige Lehr- tätigkeit in Berlin bildete dabei die einzige Ausnahme. Als Wissenschaftler war es ihm ein wichtiges Anliegen, die Theorie stärker mit der Praxis zu verbinden, was ihm allerdings nach seinen Angaben nur unter großen Mühen zum Teil auch glückte.
2.2. Eine Einführung in das Werk
2.2.1. Versuch der Beschreibung seines Gesamtschaffens
An der Vielzahl, der allein in dieser Arbeit angeführten Literatur von Harry Pross lässt sich nur schwer erahnen, wie fleißig und vielseitig der Autor Zeit seines Lebens unzählige Artikel in Zeitungen, viele Aufsätze und Bücher er neben anderen Tätigkeiten geschrieben hat. Die Anzahl der von ihm herausgebrachten (und überwiegend allein verfasssten) Bücher kann nach Auflistung der Titel in den beiden Deutschen Büchereien mit etwa 50 angeben werden.
22
Angesichts dieser Dimensionen kann es auch nicht mehr als ein Versuch sein, das Gesamtwerk dieses - auf vielen Wissensgebieten erfahrenen - Autors in einer kurz gehaltenen Abhandlung zu beschreiben. Aufgrund der häufig mit Symbolen angereicherten Inhalte der Schriften von H.P., ist zudem eine wissenschaftliche eindeutige Interpretation nicht immer möglich.
Ein eindeutiges Hauptwerk kann für Harry Pross [nach meiner vorgenommenen intensiven Einsichtnahme zufolge] nicht benannt werden. Für das schwerpunktmäßig in dieser Arbeit zu behandelnde Thema der Beziehung zwischen Politik, Medien und Öffentlichkeit sind die Bücher Zeitungsreport und Der Mensch im Mediennetz von besonderer Bedeutung. Um dem Menschen Pross allgemein mit seinen Gedanken näher zu kommen, sind dagegen eher die Werke Protestgesellschaft und Memoiren eines Inländers hilfreich.
Seinen größten Verkaufserfolg erzielte er gleich mit der Veröffentlichung seines ersten Buches Die Zerstörung der deutschen Politik 1871-1933 im Jahr 1959. Seit dieser Zeit ist er auch Mitglied im P.E.N.-Club. Des weiteren erreichten auch seine späteren Einführungen zur Publizistik und Symboltheorie sehr große Beachtung, da bis dahin noch wenig Literatur zur Theorie journalistischer Praxis existierte. 74 Zum Anfang seiner Autorentätigkeit ist deutlich erkennbar, dass sich Pross mehr mit (zeit-)geschichtlichen Themen auch zur eigenen Vergangenheitsbewältigung befasst hat, wie mit den Werken Dialektik der Restauration, Vor und nach Hitler oder bei der Erarbeitung des gemeinsam mit seinem Freund Golo Mann verfassten Buches Außenpolitik. Mit Beginn seiner Berliner Lehrtätigkeit ab dem Jahr 1967 (anfangs mit dem Buch: Moral der Massenmedien) setzt er sich dagegen in seinen Büchern vornehmlich mit Aspekten im Kommunikations- und Medienbereich auseinander.
Etwa entstand 1971 das Lehrbuch Publizistik. Thesen zu einem Grundcolloquium, in dem es ihm darum ging, Publizistik als Produktionsprozess von Erkenntnis durch Mitteilung zu behandeln. Pross ging es allgemein darum,
74 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 243; (2004): ohne Autor: zu Harry Pross; vgl. auch Brief im Anhang, Punkt 4.
23
seinen Studenten zu lehren, dass trotz des Wechsel von Themen, auf die zu übermittelnde Botschaft an die jeweiligen Empfänger der Schwerpunkt gelegt werden müsse. Publizistik war seines Wissens zudem das erste Buch in der Publizistikwissenschaft überhaupt, welches zeichentheoretische Bezüge einführte. Danach erschien auf Grundlage einer Vorlesung sein erstes ‘Protestbuch’, ehe er sich voll der politischen Symbolik zuwandte. 75 Auch nach seinem Abschied an der FU Berlin entstanden weitere Veröffentlichungen, wobei das mediengeschichtliche Buch Zeitungsreport sein letztes größeres Projekt war, welches zum Teil auf Vorarbeiten früherer Aufsätze basiert.
H.P. hat zweifelsohne viele Gedanken von Theorien anderer Wissenschaftler aus allen möglichen Fachrichtungen in sein Werk mit einfließen lassen, was aber zur Folge hat, dass seine eigenständige Leistung bei der Beurteilung dessen nicht immer so leicht abgegrenzt werden kann. Seine zahlreich zu Papier gebrachten Überlegungen stellen praktisch ein spezifisches Konglomerat aus unterschiedlichen Zusammenhängen dar, die aber mit neuen Vorstellungen ergänzt oder in seinem Sinne (um-)interpretiert wurden. Eingehend hat er sich etwa mit den Vorstellungen seiner Lehrer auseinandergesetzt (z. B. mit dem freien Sozialisten Alfred Weber 76 oder dem ehemaligen Reichsjustizminister und ersten entlassenen Hochschuldozenten 1933, Gustav Radbruch 77 ). Als den nachhaltigsten aller deutschsprachigen Publizisten sieht Pross - was sich auch an vielen Verweisen in seinen Schriften bemerkbar macht - Karl Marx an. 78 Auffallend häufig berücksichtigte er auch Gedanken von Ernst Cassierer, Margret Boveri, Hertha Sturm, Hermann Broch und Sigmund Freud. Dieses Art des Zusammentragens von unterschiedlichstem Wissen belegt nicht nur seine intellektuelle Neugier und Belesenheit, sondern zeigt auch, dass Pross stets daran gelegen war, Zusammenhänge zwischen
75 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 304 und 307.
76 Vgl. dazu: (1986): Charakterqualität und Friedenssicherung. Alfred Webers „Freier Sozialismus”, S. 40-52.
77 Vgl. dazu: (1978): Skeptische Güte. Dank an Gustav Radbruch (1878-1848), in: (2004): Lob der Anarchie. Erfahrenes und Erlesenes [Textband anlässlich des 80. Geburtstages von Harry Pross am 02.08.2003], Berlin, S. 125-129.
78 (2000): Zeitungsreport, S. 18.
24
unterschiedlichen Denkweisen herzustellen und die Welt nicht atomistisch oder ichbezogen aufzufassen.
Zum besseren Verständnis hier nun drei Beispiele: In seinen Memoiren greift er ein Konzept von Max Weber auf, der zwischen einer Gesinnungs- und einer Verantwortungsethik unterschieden hatte. Pross führt in seinem eigenen kommunikations- und politikwissenschaftlichen Verständnis dazu aus:
Die im Kapitel 4. behandelten politisch weitreichenden Urteile des Bundesverfassungsgerichtes lassen erahnen, wie Pross dies gemeint haben könnte.
Von Hermann Broch übernahm H.P. den Begriff der Spannungsindustrie in seine kommunikationstheoretischen Überlegungen: Das Publikum habe das Bedürfnis zwischen Spannung und Entspannung zu leben. Broch vermutete, dass die Menschen nicht ohne Spannung auskämen, da sie in einem sehr auf Zeit bedachten Wirtschaftssystem lebten und sich daher in ihrer Freizeit vor einem Gefühl der Leere (oder Langeweile) fürchteten. Als neues Phänomen unserer Zeit ergänzte Pross, dass die Angst vor Langeweile heute industriell produziert und vermarktet werde. Die Vermarktung schließe dabei Presse, Kino, Fernsehen, Internet und Digitaltechnik mit ein und erstreckt sich dabei auf weite Gebiete. Nicht zuletzt der moderne Sportbetrieb könne als Beispiel hierfür angeführt werden. Aber auch in die Politik strahle der Geist des Wettbewerb aus. Harry Pross zitierte in seinem Werk Zeitungsreport H. Broch mit seinen amerikanischen Erfahrungen aus dem Jahr 1948, dass eine ihm
79 (1993): Memoiren eines Inländers, S. 357-358.
25
befremdliche Rekord- und Erfolgsanbetung stattfinden würde. Großverdiener würden dabei zu mythischen Helden stilisiert [dazu später mehr im Kapitel 4.]. 80
Die Psychologin Hertha Sturm berücksichtigt H.P. in seinen Arbeiten aufgrund ihres langjährigen Kampfes für eine zuschauerfreundliche Mediendramaturgie. Er stimmt mit ihr darin überein, dass mediale Darbietungen weniger oft unterbrochen werden dürften, wie dies heutzutage der Fall wäre. Die Zuschauer würden von Bild zu Bild getrieben - anders als dies im wirklichen Leben sei -und ihnen stünden nicht einmal mehr Halbsekunden zur Verfügung, um das Gezeigte auch kognitiv verarbeiten zu können [vgl. dazu ebenso Kapitel 4.]. 81
Viele weitere gedankliche (und persönliche) Verbindungen zwischen H.P. und anderen Intellektuellen könnten an dieser Stelle näher aufgezeigt werden. Da dies im Sinne der Aufgabenstellung dieser Arbeit aber zu weit führen würde und mehr dazu an anderen Stellen noch sichtbar wird, sollen im Nachfolgenden zwei seiner - wie ich meine - aus politikwissenschaftlicher Sicht interessantesten Werke (getrennt voneinander betrachtet) etwas näher vorgestellt werden.
2.2.2. Nähere Vorstellung ausgewählter Werke
2.2.2.1. ‘Vor und nach Hitler’
In dem Buch Vor und nach Hitler. Zur deutschen Sozialpathologie (einer Aufsatzsammlung aus dem Jahr 1962) beschäftigte sich Pross unter dem Blickwinkel der Zeitgeschichte als publizistischer Aufgabe mit Aspekten der nationalsozialistischen Vergangenheit, die er sowohl vor als auch nach Hitler in einem Gesamtzusammenhang stellen will. Er tat dies, um darüber aufzuklären, dass nur eine wirklich frei denkende Gesellschaft, ihre Vorzüge als auch ihre Schwächen wird erkennen können und jeden Augenblick des 80 (2000): Zeitungsreport, S. 243-244.
81 (1990): „Informationsgesellschaft” als globaler Tele-Zoo, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Nr. 1, S. 60.
26
Lebens zur Gesunderhaltung nutzen muss. H.P. drückt in seiner Einleitung mit einem Zitat des Philosophen Viktor von Weizsäcker aus, dass seiner Meinung nach der deutsche Staat nicht durch irgendwelche Maßnahmen gesund erhalten oder gemacht werden kann, sondern nur durch das im Täglichen neu darüber nachzudenken [Spruch und Widerspruch einzuüben] und menschlich zu handeln. Pross stellt fest, dass es an Mut, Humanität und Geist in Deutschland noch immer fehlen würde. Daran habe es aber schon vor Hitler gefehlt. Hier liege der soziale Defekt dieses Landes in der europäischen Mitte. 82 Die Weimarer Verfassung wäre seinerzeit die freieste ihrer Zeit, aber das Volk, für das sie geschaffen wurde, sei unter den Industrievölkern das unfreieste gewesen. 83 Was für andere Länder ein schmerzhafter Eingriff in den Wohlstand bedeutete (konkret gemeint: Weltwirtschaftskrise 1929), hätte bei den Deutschen den Lebensnerv ihres Selbstwertgefühls getroffen. Das Heer von Arbeitslosen, ruhende Fabriken und leerstehende Forschungseinrichtungen (aufgrund des Fehlen von Mitteln) vermittelte den Deutschen die ganze Nichtigkeit ihrer Zivilisation und führte sie daher weg von der Moderne. 84 H.P. bedauert in diesem Buch von 1962 ausdrücklich auch den seiner Meinung nach fehlenden Einsatz der Bundesrepublik sich ernsthaft für eine Wiedervereinigung Deutschlands einzusetzen, die er bis etwa 1953 noch für möglich gehalten hätte. Aus diesem Grund sei es ihm völlig unverständlich, dass gerade der 17. Juni (Tag des Arbeiteraufstandes in der damaligen DDR) zum Feiertag in Westdeutschland erhoben wurde, da er zum Feiern an diesem Tag überhaupt keinen Anlass sähe. 85
2.2.2.2. ‘Die Protestgesellschaft: von der Wirksamkeit des Widerspruchs’
Im Jahr 1992 erschien von Harry Pross ein Buch mit diesem Titel. Der Begriff des Protestes spielt in seinem Schaffen insgesamt eine recht große Rolle, was sich auch daran zeigt, dass 21 Jahre zuvor ein Buch mit einem ähnlich
82 Vgl. (1962): Vor und nach Hitler. Zur deutschen Sozialpathologie, Olten und Freiburg/ Breisgau, S. 9-12.
83 Ebd., S. 176.
84 Ebd., S. 179.
85 Ebd., S. 161.
Arbeit zitieren:
Magister Artium Sascha Lippmann, 2004, Harry Pross - Ein Leben für freie Medien und unzensierte Meinungen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Sascha Lippmann's Text Harry Pross - Ein Leben für freie Medien und unzensierte Meinungen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Sascha Lippmann hat den Text Harry Pross - Ein Leben für freie Medien und unzensierte Meinungen veröffentlicht
Sascha Lippmann hat einen neuen Text hochgeladen
Leben und Meinungen berühmter Philosophen
Erster Band: Bücher I-VI / Zwe...
Diogenes Laertios, Klaus Reich, Otto Apelt
Die Freie Universität Berlin (1967-1973) Hochschulbau, Team-X-Ideale u...
The Free University Berlin (19...
Karl Kiem, Mary Pepchinski
Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen
Diogenes Laertios, August Christian Borheck
Fidel y la Religion: Conversaciones Con Frei Betto Sobre el Marxismo y...
Fidel Castro, Frei Betto
Am Puls des Lebens. At the Pulse of Life
Über Natur und Fotografie. Abo...
Fritz Pölking, Rosi Hoffmann
0 Kommentare