1. Einleitung - Dionysos spielt im Bordell plötzlich Klavier 3
2. Dionysos. 4
2.1 Vorbemerkungen 4
2.2 Herkunft 4
2.3 Auftreten, Erscheinung. 5
2.4 Wahnsinn, Musik, Wein. 5
2.5 Der Feuergeborene und der Dionysos-Zagreus Nietzsches 6
3. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik. 8
3.1 Dionysos und Apoll. 8
3.1.1 Dionysischer Wille und apollinische Individuation 8
3.1.2 Traum und Rausch 9
3.1.3 Die Kunst. 10
3.1.4 Die Tragödie. 12
3.2 Dionysos und Sokrates 14
3.2.1 Tod der Tragödie und des Dionysos 14
3.2.2 Wiedergeburt der Tragödie 15
4. Schlussbemerkung - Selbstkritik und das spielende Kind. 16
5. Literaturverzeichnis. 18
5.1 Textausgaben. 18
5.2 Sekundärliteraturen 18
2
1. Einleitung - Dionysos spielt im Bordell plötzlich Klavier
Der Student Nietzsche geht in Köln spazieren. Er ist fremd hier und besichtigt die Stadt. Die fehlende Ortskenntnis führt dazu, dass er sich urplötzlich - natürlich nur versehentlichin einem Bordell wieder findet. Nietzsche verhält sich jedoch nicht, wie in einer solchen Situation eigentlich anzunehmen. Weder verlässt er das Gebäude fluchtartig, noch lässt er sich von den Reizen der leicht bekleideten Damen verführen. Stattdessen setzt er sich ans Klavier und spielt ein paar Akkorde. Danach erhebt er sich würdevoll und verlässt das Etablissement. Es ist ungeklärt, ob diese Geschichte, die ein Freund Nietzsches später erzählt, sich wirklich so zugetragen hat oder frei erfunden ist. 1 Ich will sie, um an das eigentliche Thema dieser Arbeiten heranzuführen, als Mythos verstehen und spielerisch versuchen eine Analogie zwischen Nietzsches Erlebnis und dessen Dionysos-Interpretation zu ziehen. Nietzsche ist in Köln ein Fremder. Auch Dionysos ist immer der fremde Gott, der von Außerhalb kommt und wieder dorthin verschwindet - zumindest von einem festen Standpunkt aus gesehen, hier dem Bordell. Spontan und plötzlich erscheint Dionysos. Nietzsche eher ungewollt, dafür aber genauso unvorhergesehen im Freudenhaus. Die Musik, dargestellt durch Nietzsches kleines Konzert, ist die dionysische Kunst. Die schönen Erscheinungen der bildenden Künste braucht Dionysos nicht, die schönen Formen der Weiblichkeit interessieren Nietzsche nicht. Am Ende verschwinden beide und es ist fast so, als wären sie nie da gewesen.
Der erste Teil der Arbeit geht der Frage nach wer Dionysos ist. Da nicht alle Aspekte hier berücksichtigt werden können - ist er doch dafür eine zu vielgestaltige und vielschichtige Figur der antiken Mythologie - werde ich mich darauf beschränken den Gott vorzustellen, den Nietzsche in ihm gesehen hat. Der zweite Teil behandelt dann die Interpretation des Dionysos in Nietzsches Frühwerk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ als natürlichen Kunsttrieb und Weltprinzip. Sich ausschließlich auf die Rolle des Dionysos bei Nietzsche zu konzentrieren würde allerdings nicht ihrem Verständnis dienen. Apoll und Sokrates, die zwei großen Antagonisten des Dionysos, spielen eine ebenfalls erhebliche Rolle in Nietzsches Tragödienbuch, einerseits für das Kunst- und Weltverständnis Nietzsches, andererseits helfen sie dabei das Wesen des Dionysischen einzugrenzen und zu bestimmen. Sie beantworten die Frage, wer Dionysos nicht ist, was ihm nützt und schadet. In einer Schlussbemerkung will ich kurz die Bedeutung des Dionysischen für die spätere Philosophie Nietzsches an einem Bild aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ veranschaulichen.
1 Vgl. Ross, Werner: Der wilde Nietzsche oder Die Rückkehr des Dionysos. S. 46.
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2. Dionysos
2.1 Vorbemerkungen
Es ist schwer, sogar fast unmöglich, das Wesen des Dionysos auf einige wenige Eigenschaften und Attribute zu reduzieren. Zu mannigfaltig und verschieden tritt dieser Gott auf. Als Naturgott, dem die Menschen den Rebstock und den Wein verdanken, ist er wohl am meisten und weitläufigsten bekannt. Efeu, Pinie, Feige und natürlich der Rebstock sind des Dionysos liebste Pflanzen und seine ihn begleitenden und bekleidenden Symbole. Er ist der Gott des Rausches und der Liebe, aber auch des Leides, des Wahnsinns und der Raserei. Musik, Tanz und das Tragische sind eng mit ihm verbunden, darin findet das Dionysische seinen Ausdruck. Obwohl Dionysos ein ungemein lebendiger Gott ist, bewegt er sich gleichzeitig doch immer am Rande des Todes. Er steckt voller Widersprüche und ist der ungriechischste Gott der Griechen. Daher ist seine ursprüngliche Herkunft bis heute umstritten. 2
2.2 Herkunft
Je nach unterschiedlichen Mysterien und Epiphanien, wird die Geburtstätte des Dionysoskultes aufs Unterschiedlichste verortet. Von Kreta bis Kleinasien, Thrakien, Phrygien und Lydien reichen die geographischen Bestimmungen. Nachgewiesen sind sowohl mediterrane, als auch ägäisch-vorderasiatische, ägyptische und arabische Prägungen. 3 All diese Theorien laufen darauf hinaus, dass der Dionysoskult von außerhalb erst spät nach Griechenland gelangt. Dies widerspricht jedoch der Tatsache, dass die Griechen selbst ihren Dionysoskult für etwas Uraltes hielten. Die Anthesterien vor der Wanderung der Ionier werden von Thukydides als die „alten Dionysien“ bezeichnet. Weiter beweist Dionysos in Form seiner Mythen und Kulte schon in den Epen Homers durch detaillierte Erwähnung seine Anwesenheit im griechischen Volksglauben. Er erscheint hier sowohl als der Gott des Weines, als auch der rasende, leidende und verfolgte Dionysos mitsamt seinen ebenso rasenden Begleiterinnen, den Bacchantinnen. Dies veranlasst Walter F. Otto zu dem Schluss, dass „Dionysos […] zum mindesten schon gegen Ende des zweiten Jahrtausends im griechischen Kulturkreise heimisch gewesen sein [muß].“ 4 Die ursprüngliche Herkunft des Dionysos scheint ungeklärt, stehen sich doch zu viele und zu unterschiedliche Aussagen und Forschungsergebnisse gegenüber. Die These, dass Dionysos erst sehr spät nach Griechenland
2 Vgl. Otto, Walter F.: Dionysos. Mythos und Kultus. S. 49f.
3 Vgl. Ebd. S. 51, 56 - 58, 60. sowie Fauth, Wolfgang: Dionysos. S. 77-79.
4 Otto, Walter F.: Dionysos. Mythos und Kultus. S. 56.
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gelangt, scheint dagegen widerlegt, die, dass der Gott, seine Mythen und sein Kult schon sehr früh auch den Griechen bekannt war, dagegen sehr wahrscheinlich. 5
2.3 Auftreten, Erscheinung
Sicher ist, dass Dionysos keinen festen „Wohnsitz“ besitzt. Im Gegensatz zu anderen Göttern, die durch Kultstätten und Tempel einem bestimmten oder mehreren Orten zugewiesen werden können und dort auch in regelmäßigen Abständen „erscheinen“, verweilt Dionysos an keinem festen Platz. Er ist ständig auf Reisen, ständig auf dem Weg, der immer Ankommende.
„Dionysos ist im wahren Sinne des Wortes der Gott, der kommt: er erscheint, er offenbart sich, er kommt, um erkannt zu werden. […] Man trifft ihn überall, doch nirgendwo ist er zu
Hause“. 6
Gleichzeitig sind sein Auftreten und seine Erscheinung ebenfalls ständigem Wandel unterworfen. Er tritt als Fremder auf, kommt immer von Außerhalb, bedeckt mit einer Maske einer unbekannten Macht. Dionysos ist rätselhaft und unergründlich. Häufig bleibt er unerkannt, sogar als Gott verkannt. Seine Epiphanien sind begleitet von Grausamkeiten und Raserei, Konfrontationen, Konflikten und Feindseligkeiten. Spontaneität, das Plötzliche und Drängende sind charakteristisch für sein unvermitteltes Auftreten, aber auch sein Verschwinden. 7 Die Maske ist ein Zeichen der Naturgottheit und „unausweichlicher Gegenwärtigkeit“ 8 . Im Gegensatz zur Ferne der olympischen Götter, wird hier die Nähe des Gottes zu den Menschen betont. Seine Unmittelbarkeit und sein Blick, der die Menschen direkt trifft und sie ansieht, werden durch die Maske symbolisiert, ebenso wie der ihm immanente Widerspruch zwischen Präsenz und Absenz. 9
2.4 Wahnsinn, Musik, Wein
Der Wahnsinn ist es, der die Wesensart des Dionysos am deutlichsten beschreibt. Wahnsinn allerdings nicht nur im gebräuchlich negativen Sinne als geistige Rohheit und Verlust sämtlicher Vernunft und Intellekt, sondern auch als Ausdruck innerer, natürlichster
5 Vgl. Ebd. S. 52ff.
6 Detienne, Marcel: Dionysos. Göttliche Wildheit. S. 10.
7 Vgl. Ebd. S. 8ff. sowie Otto, Walter F.: Dionysos. Mythos und Kultus. S. 74ff.
8 Otto, Walter F.: Dionysos. Mythos und Kultus. S. 83.
9 Vgl. Ebd. S. 82ff.
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Arbeit zitieren:
Frank Mages, 2008, Das Dionysische und seine Gegenspieler in Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik", München, GRIN Verlag GmbH
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