Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 01
1. Major Zeman: Fernsehserie, literarische Figur, Kontroversen 03
1.1. Literaturbericht und Forschungsstand 03
1.2. Die Fernsehserie Třicet přídadů majora Zemana 04
1.2.1. Fernsehen und Fernsehserien der Normalisierungszeit 04
1.2.2. Entstehung und Inhalt der Serie. 06
1.2.3. Kontroversen um die Serie 09
1.3. Major Zeman als literarische Figur 11
1.3.1. Offizielle Prosa der Normalisierungszeit. 11
1.3.2. Major-Zeman-Prosa. 13
2. Jiří Procházka: Hon na lišku. 15
2.1. Inhalt und Aufbau der Erzählung 15
2.2. Ebenen und Methoden ideologischen Erzählens in Hon na lišku 17
2.2.1. Positive Figuren. 17
2.2.2. Exkurs: Frauenbild 21
2.2.3. Negative Figuren 23
2.2.4. Geschichtsbild 28
2.2.5. Sprache und Spannung 30
2.3. Genreprobleme 33
Fazit S. 37
Literatur. S. 38
Anh änge 44
Einleitung
Die Fernsehserie Třicet případů majora Zeman, in den 1970er Jahren vom Tschechoslowakischen Staatsfernsehen geplant und realisiert, präsentiert in 30 Folgen die Geschichte der Sicherheitsorgane und der Nachkriegstschechoslowakei der Jahre 1945 bis 1973. Begeleitet wurde sie von zahlreichen Buchpublikationen, von denen die wichtigsten von Jiří Procházka verfasst wurden.
Im Jahre 1989, also im letzten Jahr seines Bestehens, veröffentlichte der Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik einen Band mit Erzählungen Procházkas unter dem Titel Die Fälle des Majors Zeman. Die gleichnamige Fernsehserie war bereits einige Jahre zuvor im Fernsehen der DDR ausgestrahlt worden. Es dürfte damals bereits einigen Lesern befremdlich vorgekommen sein, in einer Zeit, in der lange tabuisierte Themen erstmals diskutiert und literarisch verarbeitet werden konnten, einen Band mit durchweg ideologischpolitischen Erzählungen Händen zu halten. Umso befremdlicher sind sie dem heutigen Leser. Die Existenz dieser Übersetzung aber gab den Anstoß zur weiteren Beschäftigung mit der Major-Zeman-Welt, das heißt vor allem mit jenem Teil, der dem deutschen Publikum bis auf wenige Ausnahmen unbekannt blieb. So den nicht übersetzten Werken Procházkas, der Entstehungsgeschichte der Serie oder den Diskussionen um ihre Wiederausstrahlung Ende der 1990er Jahre.
Die vorliegende Arbeit zeigt die ersten, zusammenfassenden Ergebnisse dieser Beschäftigung und soll den Beginn der weiteren Auseinandersetzung mit der Literatur und Populärkultur der Zeit der Normalisierung in der Tschechoslowakei markieren. Der Begriff Normalisierung steht in diesem Zusammenhang zunächst für den ganzen Zeitabschnitt nach der Intervention der Armeen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei bis zur Wende des Jahres 1989. Thematisch ist vor allem der Bezug auf die krisenhaften Jahre, so der Prager Frühling im Sprachjargon der Normalisierung, nach deren Beendigung von Interesse. Es galt, die Nachkriegsjahre im Sinne des neuen alten Regimes zu interpretieren. Zu diesem Bestreben trugen die Fernsehserie wie auch die Erzählungen Procházkas entscheidend, weil massenwirksam, bei. Um einen Überblick über alle Produkte der Major-Zeman-Welt zu ermöglichen, werden im ersten Abschnitt die Serie und ihre Prosa vorgestellt und in die Zeit eingeordnet. Einige Eckpunkte der Diskussion um die Serie werden ebenfalls vorgestellt. Im zweiten Teil soll anhand einer Erzählung konkret untersucht werden, wie ideologisches Erzählen im Falle Procházkas aussieht. Ausgewählt wurde jene Erzählung, die im Jahre 1948 spielt: Hon na lišku. Dies lag nicht nur wegen des 60. Jahrestag der kommunistischen
1
Machübernahme nahe, sondern stellt auch ein Beschränkung dar, da jener Teil, der sich mit dem Prager Frühling auseinandersetzt, den Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätte. Gleiches gilt für einen Vergleich mit weiteren (ideologischen) Erzählungen dieser Zeit, der zweifellos nötig wäre, um weitestgehend gleiche Muster ideologischen Erzählens herausarbeiten und verallgemeinern zu können.
Abschließend sei noch auf ein Problem hingewiesen, das sich mit einer Arbeit über einen Text wie Hon na lišku automatisch ergibt, da er nicht nur ganz offensichtlich zur kommunistisch-ideologischen sondern auch im weitesten Sinne zur Kriminalliteratur 1 zu zählen ist, denn „Man kann seinen Ruf kaum wirksamer gefährden, als indem man sich ernsthaft damit befaßt, zumindest in deutschen Landen.“ 2 Über Relikte vergangener, überwundener, totalitärer System zu arbeiten, führt zusätzlich in einigen historischen aber auch literaturwissenschaftlichen Werken dazu, dass die persönliche Ablehnung des Autors, in Bezug auf Inhalt und Ästhetik des Beschriebenen, Stil, Wortwahl und Argumentationsweise so stark beeinflusst, dass der Eindruck einer ständigen Rechtfertigung und Versicherung des eigenen (Gegen-)Standpunktes auf Kosten der Lesbarkeit entsteht. 3 Obwohl Hon na lišku geradezu prototypisch für dogmatische, schematisch aufgebaute, kurz schlechte Prosa zu stehen scheint, wurde versucht, auf oben genannte, persönliche Wertungen weitestgehend zu verzichten und das Erkenntnisinteresse an den Strategien des Erzählens der damaligen Zeit in den Vordergrund zu rücken.
1 Zur Frage des Genres siehe Kapitel 3.3.
2 Alewyn, Richard: Anatomie des Detektivromans. In: Vogt, Jochen (Hrsg.): Der Kriminalroman. Poetik,
Theorie. Geschichte, München 1998, S. 52-72 , zitiert S. 52
3 So etwa Kehrberg, Brigitte: Der Kriminalroman der DDR 1970 - 1990, Hamburg 1998, um nur ein Beispiel zu
nennen.
2
1. Major Zeman - Fernsehserie, literarische Figur, Kontroversen
1.1. Literaturbericht und Forschungsstand
Gegenstand der nachfolgenden Überblicksdarstellung soll zunächst die Fernsehserie Třicet přídadů majora Zemana selbst sein. Mit der Herausgabe aller Folgen auf insgesamt 15 DVD durch die Boulevardtageszeitung Nedelní Aha! 4 stehen diese seit Frühjahr 2008 komplett zur Verfügung. Die Zahl der Stimmen zur Serie in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet, vor allem während ihrer Wiederausstrahlung 1999/2000 und mit Beginn des DVD-Verkaufs, sind zahlreich und dienen als Quellen, die Kontroversen um die Bewertung der Serie nachzuvollziehen. Monographien zur Serie sind bisher nur drei erschienen, wobei die erste 5 aus dem Jahre 2000 nicht nur vom Partei-Verlag der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens (KSČM) Futura herausgegeben wurde, sondern zu großen Teilen aus Zeitungsartikeln vor allem der kommunistischen Haló Noviny besteht. Sie ist somit vielmehr ebenfalls Quelle als Primärliteratur. Die zweite Monographie ist die umfangreiche Dokumentation Růžičkas 6 von 2005, die sich vor allem auf Archivbestände des Tschechischen Fernsehens und Innenministeriums stützt. Obwohl diese Publikation eher kommerziellen Zwecken dienen dürfte und nur scheinbar wissenschaftlich zu den Debatten um die Serie beiträgt, 7 sind die umfangreichen Schilderungen des Entstehens der Serie sehr nützlich zur Einführung ins Thema. Die jüngste und im Grunde einzige tatsächlich wissenschaftliche Veröffentlichung ist ein Sammelband von 2007, 8 der aus einem Doktorantenseminar des Instituts für tschechische Literatur (Ústav české literatury a literární vědy Filozofické fakulty) an der Karluniversität Prag hervorging. Die dort versammelten Aufsätze 9 beziehen sich zumeist auf die Serie als Ganzes und versuchen, die Besonderheiten des Genres und ideologischen Erzählens zu erläutern. Aufgrund der Sonderstellung der Serie, die noch zu belegen sein wird, wird sie auch in einigen anderen Arbeiten zum Fernsehen der Tschechoslowakei zumindest erwähnt. 10
4 Die Herausgabe wurde in der Ausgabe vom 14.10.2007 angekündigt und begann am 4.11.2007 mit je einer
DVD mit je zwei Folgen zu (mit Unterbrechungen) jeder sonntäglichen Aha!.
5 Marek, Jaroslav: Major Zeman trochu jinak, Praha 2000
6 Růžička, Daniel: Major Zeman - zákulisí vzniku televizního seriálu: propaganda nebo krimi, Praha 2005
7 Vgl. Knapík, Jiří: Rezension zu Růžička: Major Zeman - propaganda nebo krimi. In: Bohemia - Zeitschrift für
Geschichte und Kultur der böhmischen Länder, Heft 46, Band 2 2005, S. 525-528
8 Bílek, Petr (Hrsg.): James Bond a major Zeman. Ideologizující vzorce vypravění, Příbam 2007
9 Insgesamt acht, davon vier explizit zu Major Zeman
10 Wobei zu bemerken ist, dass bisher wenig Literatur, am meisten noch zu den Fernsehserien, erschienen ist. Ein
Teil davon wiederum genügt wissenschaftlichen Ansprüchen nicht, ein anderer besteht aus unveröffentlichten
Untersuchungen. Vielen Dank Frau Dr. Helena Srubar für diese Hinweise.
3
Die literarische Figur Major Zeman kennt weit mehr Bücher mit ihr als Haupthelden 11 als Sekundärtexte. Zu den für die Serie zentralen Erzählungen Jiří Procházkas äußerte sich Janáček 1999 in der Zeitschrift Respekt. 12 Jene Erzählungen Procházkas, die den Prager Frühling zum Thema haben, sind neben den entsprechenden Folgen der Serie Thema des Aufsatzes von Fialová 13 in oben genannter Aufsatzsammlung. Bei Růžička 14 werden die Erzählungen in die Betrachtung aufgenommen aber nicht analysiert. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das öffentliche Interesse am Fernsehen der sozialistischen Tschechoslowakei durch zahlreiche DVD-Ausgaben, Zeitungsartikel und einige populäre Buchveröffentlichungen durchaus befriedigt wurde, wissenschaftliche Untersuchungen aber nur sehr wenige zu finden sind. So fehlt im Falle Major Zemans eine Untersuchung über die tatsächliche Wirkung der Propaganda auf die Zuschauer 15 ebenso wie eine kulturwissenschaftliche Analyse des Diskurses um die Bedeutung und Wirkung der Serie während der Wiederausstrahlung(en). Der zweite, literarische Zeman im Schatten der Fernsehfigur 16 war nur vereinzelt Untersuchungsgegenstand. Die meisten Texte wurden noch nicht interpretiert.
1.2. Die Fernsehserie Třicet přídadů majora Zemana
1.2.1. Fernsehen und Fernsehserien der Normalisierungszeit
Das tschechoslowakische Fernsehen hatte, wie auch der staatliche Rundfunk, bekanntlich in der Zeit des Prager Frühlings und während dessen Niederschlagung die Reformkräfte unterstützt. Zu den konterrevolutionären Kräften gerechnet, war es besonders seit 1969 Umstrukturierungen der orthodox-kommunistischen Machthaber ausgesetzt. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörte in jenem Jahr die Einsetzung des neuen Generalsdirektors Jan Zelenka, der in dieser Position bis 1989 verblieb, und die Entfernung all jener Mitarbeiter, die die Reformen des Prager Frühlings mitgetragen hatten. 17 Einerseits ergraute das stark politisierte Programm, 18 an dem die Zuschauer kaum interessiert waren und das sie als
11 Siehe Kapitel 2.3.2.
12 Janáček, Pavel: Aby revoluce zůstala revolucí. Major zeman jako literární postava a jeho trvůrce. In: Respekt
38, 1999, S. 18
13 Fialová, Alena: Poslední krize majora Zemana: Televizní a knižní podoba případů majora Zemana s tematikou
tvz. Pražkého jara. In: Bílek: James Bond a major Zeman, S. 82 - 99
14 Růžička: Major Zeman
15 Vgl. Knapík: Rezension, S. 526
16 Vgl. Janáček: Aby revoluce, S. 18
17 Vgl. Růžička: Major Zeman, S. 23
18 Vgl. ebd.: 24
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schlecht bewerteten, andererseits blieb die Institution Fernsehen als Machtmedium den Regierenden verdächtig und stand unter deren strenger Beobachtung. 19 1970 kam zum ersten Programm ein zweites hinzu, das vor allem wegen seiner Serien beliebter war. 20 Fernsehserien hatten in der Tschechoslowakei seit den 1970er Jahren und auch darüber hinaus eine besondere Stellung und Bedeutung. 21 So wurde keine der beinahe 100 Serien außerhalb der Hauptsendezeit nach 20 Uhr gezeigt, Überschneidungen wurden vermieden und Umfang und Sendezeiten so geplant, dass keine oder nur sehr kurze serienfreie Zeiten entstanden. Als Serie zählte und zählt hierbei jede fortgesetzte Fernseherzählung, ohne die in anderen Traditionen üblichen Unterscheidungen. 22
Reifová unterscheidet vier Richtungen der Serienproduktion in der ČSSR: zum einen die Serie vom kleinen Mann aus den Jahren 1959 bis 1966, die noch live aus dem Fernsehstudio übertragen wurde und statt ideologischen Botschaften vielmehr den Mythos vom sogenannten einfachen Mann, vom durchschnittlichen, arbeitenden Menschen, vermittelte. Die Serien von 1968 bis 1989 unterteilt sie in historisch-metaphorische, eskapistische und propagandistische Produktionen. Erstere entsprechen dem auch von der Literatur bekannten Trend vieler Künstler, sich nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in ihren Werken Themen der Vergangenheit zuzuwenden, da diese das geringste Konfliktpotential boten, historische Werke aber ein oppositionelles Lesen bzw. Interpretieren zuließen, da sie gerade nicht in der sozialistischen Gesellschaft angesiedelt waren. Die eskapistische Serie stellte vielmehr die psychologischen Profile ihrer Haupthelden in den Vordergrund und beinhaltete politische Positionen somit weder offen noch versteckt. Eigene Interpretationen des Zuschauers waren zwar grundsätzlich möglich, Zweifel am sozialistischen Gesellschaftssystem gab es in diesen Serien aber nicht. Die bekannteste Serie dieses Typs und im Ausland erfolgreichste tschechoslowakische Serienproduktion ist Nemocnice na kraji města. 23 Zur letzten Gruppe der
19 Vgl. Bren, Paulina: Envisioning a "Socialist Way of Life": Ideology and Contradiction in Czechoslovakia
1969 - 1989. In: A Decade of Transformation, IWN Junior Visiting Fellows Conferences Vol.8, Vienna 1999.
Online: www.iwm.at/publ-jvc/jc-08-08.pdf (3.5.2008), S. 14
20 Vgl. Růžička: Major Zeman, S. 24
21 Nachfolgend vgl. Reifová, Irena: Kleine Geschichte der Fernsehserie in der Tschechoslowakei. In: Bock, Ivo
(Hrsg.): Kommerz, Kunst, Unterhaltung. Die neue Popularkultur in Zentral- und Osteuropa, Bremen 2002, S.
161 - 184
22 So etwa in Abfolgen nicht abgeschlossener Episoden (serial), inhaltlich abgeschlossener Einzelfolgen (series),
Telenovela, Seifenoper etc. Vgl. ebd. und, zum unterschiedlichen Umfang von vier bis 60 Folgen je Serie, den
Přehled českých televizních seriálů 1959 - 1999 bei Smetana, Miloš: Televizní seriál a jeho paradoxy, Praha,
2000, S. 165 - 171
23 Deutsch Das Krankenhaus am Rande der Stadt (13 Folgen 1981 und 7 Folgen 1981) nach den Drehbüchern
von Jaroslav Dietl (1929-1985), der wichtigsten aber auch umstrittensten Figur der tschechoslowakischen
Fernsehserien, der u.a. für alle drei Serien des Typs vom kleinen Mann verantwortlich zeichnete, im Prager
Frühling ein kritisches Theaterstück schrieb, während der Normalisierungsjahre Selbstkritik übte und die
beliebtesten Serien entwarf, 1973 aber erneut in Konflikt mit der kommunistischen Partei geriet und aus ihr
austrat. Vgl. auch Bren: Envisioning a "Socialist Way of Life" und Smetana: Televizní serial
5
propagandistischen Serien gehört als bekannteste Třicet přídadů majora Zemana. Die Botschaft ist in diesen Serien am deutlichsten formuliert, bietet dem Zuschauer aber noch zwei Möglichkeiten der Dekodierung, nämlich das unkritische Übernehmen der Bedeutungs-und Deutungsmuster oder ein regimefeindliches Sichlustigmachen über die Darstellungsweisen. Reifová sieht in allen Serienproduktionen, auch jenen scheinbar unpolitischen der nichtpropagandistischen Linien, das „ […] potentiell effektivstes Instrument des Fernsehens, um die Zuschauer an die Normen, Werte und Sanktionen der sozialistischen Gesellschaft als Instrument der Sozialisierung nach den Parametern des bestehenden Regimes heranzuführen.“ 24 , da in ihnen Handlungsanleitungen für ein konfliktfreies Zusammenleben geliefert werden. Andererseits könnten die Fernsehserien als Fluchtpunkte aus dem kontrollierten Alltag als sozialer Wirklichkeit der damaligen Zeit gesehen werden. Sie sieht trotzdem die Möglichkeit verschiedener, auch vom Offiziellen abweichender Dekodierungen bzw. Lesarten, was Bren für alle Serien dieser Zeit kategorisch ausschließt. 25 Srubar weist auf die undeutlichen Grenzen zwischen Unterhaltung und Propaganda hin, wie sie beim individuellen Zuschauer bestünden und über die auch in der Wissenschaft Uneinigkeit herrsche. 26
1.2.2. Entstehung und Inhalt der Serie
1971 wurde beim Tschechoslowakischen Fernsehen der Plan gefasst, eine Fernsehserie zu entwickeln, die die interessantesten und bedeutendsten Kriminalfälle der
Nachkriegstschechoslowakei beinhalten sollte. 27 Alle bis 1975 entstandenen Entwürfe wurden verworfen zugunsten einer 30teiligen Serie zum 30. Jubiläum der Nachkriegsrepublik sowie der Sicherheitsorgane, die explizit die junge Generation ideologisch ansprechen sollte. Hierzu grenzte man sich von der Tradition amerikanischer (Polizei-)Ermittler, der sogeannnten hard-boiled-school 28 genau so ab wie von jener, die Jiří Marek geprägt hatte. 29 Thematisch sollte den (jungen) Zuschauern nicht mehr die lang zurückliegende Okkupationszeit sondern
24 Reifová: Kleine Geschichte, S. 164
25 Bren: Envisioning a "Socialist Way of Life", S. 17
26 Srubar, Helena: Ambivalenzen des Populären. Pan Tau und Co. zwischen Ost und West, Konstanz 2008, S. 14
27 Vgl. nachfolgend Růžička: Major Zeman, S. 7ff.
28 Diese Linie entstand seit den 1920er Jahre, ihre bekanntesten Vertreter sind R. Chandler und D. Hammett.
Diese Krimis zeichnen sich durch einen hartgesottenen aber moralisch einwandfreien Helden aus, der meist in
Großstädten gegen Korruption und ähnliche gesellschaftliche Zustände kämpft. Vgl. u.a. Nusser, Peter: Der
Kriminalroman, Stuttgart 1992, S. 126
29 Marek veröffentlichte in den 1960er Jahre mehrere Sammlungen nostalgischer Erzählungen, die alle im Prag
der Ersten Republik spielen. Mittelpunkt sind Prager Gauner und der unsportliche aber kluge Polizeirat Vacátko.
Vgl. auch Mocná, Dagmar: Detektivka. In: Mocná, Dagmar u.a.: Encyklopedie literarnich žanrů, Praha 2004, S.
112.
6
der Aufbau der Nachkriegsrepublik mit der Serie näher gebracht werden. In die Planungen einbezogen wurden neben der Hlavní redakce armády, brannosti a bezpečnosti (HRABB, einer Abteilung der Sicherheitsorgane Sbor národní bezpečnosti, SNB), das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei (Ústřední vybor komunistické strany Československa, ÚV KSČ) und das Innenministerium (Federalní ministerstvo vnitra, FMV). Der Einfluss dieser Institutionen war beträchtlich, da z.B. Drehbuchentwürfe Beratern der Presseabteilung (tiskový odbor) des Innenministeriums zur Genehmigung vorgelegt und gegebenenfalls geändert werden mussten. 30 Die Entwürfe und Vorlagen zur Serie wurden von einem Autorenkollektiv erstellt, zu dem im Dezember 1972 Jiří Procházka, von der HRABB kommend, hinzugezogen wurde. Er erstellte die Grundlagen für die maßgeblichen Gestalten und den Rahmen der Biografie des Haupthelden und weiterer wichtiger Figuren, nachdem 1973 entscheiden worden war, eine überwiegend politische Serie zu drehen und einige andere Mitglieder des Autorenkollektivs als politisch untragbar von dieser Aufgabe entbunden worden waren. Aufgrund seiner filmischen Erfahrungen wurde Jiří Sequens 31 als Regisseur ausgewählt, der Vladimír Brabec 32 für die Hauptrolle vorschlug. Als Vorlage für die Drehbücher wurden reale Fälle aus dem Archiv des Innenministeriums genutzt. Insgesamt schrieben 15 Autoren 33 an den letztendlich verwirklichten Drehbüchern. Vom 22.3.1974 bis 5.2.1975 wurde die erste Staffel der Serie sehr schnell abgedreht und vom 11.1.1976 bis 12.2.1976 ausgestrahlt. 34 Die beiden weiteren Staffeln folgten vom 7.4.1977 bis 5.6.1977 und 26.12.1979 bis 24.2.1980. Die Serie wurde in den Medien massiv propagiert, kritische Stimmen versuchte die Presseabteilung des Innenministeriums zu unterdrücken. An verschiedenen Orten (z.B. in Betrieben und Genossenschaften) gab es Vorpremieren, auch in Anwesenheit mitwirkender Schauspieler. Die Zuschauerquote bei den Erstausstrahlungen lag zwischen 85 und 93 Prozent. Der gesamte Zyklus wurde bis 1989 mehrfach
30 Vasil Bil´ak, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, war als Mitglied des Zentralkomitees der KSČ in der
Lage, Veränderungen an der Folge Klauni durchzusetzen. Růžička dokumentiert einige dieser Einflussnahmen
und belegt sie mitunter auch mit Dokumentenfaksimiles.
31 Geboren 1922 in Brünn, Studium in Moskau und Paris, in den 1950er Regisseur vor allem von
parteikonformen Aufbaufilmen, 1964 Film Atentát, seit Ende der 1960er Jahre viel fürs Fernsehen tätig.
Bekannteste Serien dort Hříšní lidé města pražského und Třicet připadů majora Zemana. Starb am 21.1.2008 in
Prag. Vgl. u.a. Tomeš, Josef u. a.: Český biografický slovník XX. století, Praha 1999,S. 103 ; Havel, Ludvík:
Český film 1945-1998, Brno 1998, S. 4 und Aha! (Hrsg.): »Hříšní lidé« plakali, Režisér Jiří Sequens (*23. 4.
1922 - †21. 1. 2008) Online: ://www.ahaonline.cz/cz/spolecnost/22672/%BBhrisni-lide%AB-plakali (20.6.2008)
32 Geboren 1934 in Prag, spielte schon im Kindertheater, schloss 1952 ein Schauspielstudium an der DAMU ab,
verschiedene Theaterengagements, seit 1959 am Nationaltheater, Filmrollen seit 1948, seit 1950ern auch oft im
Fernsehen. Die Rolle des Major Zeman brachte ihm breite Bekanntheit. Vgl. Fikejz, Miloš: Český film. Herci a
herečky, Praha 2006, S. 234
33 Es sind dies neben Procházka und Sequens: Václav Černý, Vladimír Fiala, Jiří Fried, Milan Gruber, Věra
Kalábová, Jiří Svetozár Kupka, Ladislav Langpaul, Jitka Nováková - Hladká, Jan Otčenášek, Vladimír Sís,
Jaroslav Šikl, Miloslav Vydra, Oldřich Železný. Vgl. Růžička: Major Zeman, S. 80
34 Eine Übersicht über alle Folgen findet sich im Anhang.
7
wiederausgestrahlt. In der DDR, wo die erste Staffel bereits vom 9.3.1976 bis 9.4.1976 ausgestrahlt wurde, war sie beim Publikum sogar noch erfolgreicher als im Entstehungsland, so dass die zweite Staffel dort früher als in der ČSSR gezeigt wurde. Třicet přídadů majora Zemana erzählt vom privaten wie dienstlichen Leben des Titelhelden Jan Zeman. Die Serie setzt mit der ersten Folge im Jahr 1945 ein, in der Zeman aus dem Konzentrationslager nach Hause zurückkehrt, und hat chronologisch mit jeder weiteren Folge einen Fall eines jeden Jahres bis 1973 zum Thema. So erzählt die Serie nicht nur die fiktive Lebensgeschichte 35 Zemans und die Geschichte der Sicherheitsorgane sondern auch die wichtigsten Ereignisse der Nachkriegsgeschichte der Tschechoslowakei. Diese werden dabei nach offizieller Geschichtsschreibung der Entstehungszeit reinterpretiert. 36 Nicht alle Folgen sind explizit politisch angelegt, es gibt Teile mit vor allem kriminalistischem Inhalt, Spionagegeschichten, auf Zemans Privatleben konzentriert etc. 37 Auch eine Zweiteilung in státobezpeční und kriminální (im Verhältnis 19 zu 11) wie bei Růžička ist möglich. 38 Von den insgesamt 350 Figuren der Serie erscheinen viele nur einmal. Auf Dauer angelegt, wenn auch nicht in jeder Folge zu sehen, sind allein die Mitarbeiter des SNB und die Mitglieder der Familie Zeman. 39 Dargestellt wurden sie von über 100 tschechischen und slowakischen Schauspielern, darunter zahlreiche bekannte und beliebte Darsteller. 40 Die dargestellten Figuren sind entweder rein fiktiv, oft aber mehr oder weniger deutlich kodierte Abbilder realer Personen aus der jeweils dargestellten Zeit. Gleiches gilt für historische Ereignisse. Prägnante Beispiele sind das Dorf Planice aus der Folge 10 Vrah se skrývá v poli (1953) als Babice, profesor Braun als Václav Černý (Klauni, Štvanice) oder Kornet als Václav Havel (Růže pro Zemana). 41 Diese Verwebung mit der Realität ist Absicht und wird unterstützt durch eine dokumentarische Optik. 42 Es werden z.B. authentische Bilder realer Kriminalfälle mit Szenenbildern verschiedener Folgen im Vorspann einer jeden Folge
35 Sie sieht zusammengefasst so aus: Zeman tritt in den Sicherheitsapparat ein, löst einige Fälle vorbildlich und
steigt schnell in der Hierarchie bis zum Chef der Prager Kriminalpolizei auf. Diesen Posten verliert er während
des Prager Frühlings, kehrt aber 1969 in diese Position zurück. Er heiratet und bekommt eine Tochter. Nach dem
gewaltsamen Tod seiner Frau heiratet er einige Jahre später seine alte Jugendliebe Blanka. Ein immer wieder
ergänztes Kollektiv von Mitarbeitern steht ihn in allen Fällen zur Seite.
36 Vgl. Činátlovi, Blanka und Kamil: Zeman - rudý gentlemen. In: Bílek: James Bond a major Zeman, S. 40
37 Vgl. ebd.: 43. Die politische Botschaft wird in diesen Folgen keinesfalls aufgegeben, sie steht nur nicht im
Vordergrund.
38 Růžička: Major Zeman, S. 114-116.
39 Jan Zeman ist als einzige Figur in jeder Folge vertreten. Dazu und nachfolgend vgl. ebd.: 74
40 Als Beispiel seien hier genannt Vladimír Menšik, Miloš Kopecký, Josef Abrhám, Stella Zazvorková, Jiří
Lábus, Oldřich Kaiser, aber auch erklärte Regimegegner wie der spätere Charta77-Unterzeichner Jan Tříska. Die
Angaben zu Schauspielern und Inhalten der einzelnen Folgen entstammen dem Abspann, Informationen auf den
DVD-Hüllen und Růžička: Major Zeman, S. 117-123 (Folgenübersicht).
41 Vgl. Činátlovi: Zeman - rudý gentleman, S. 44
42 Vgl. ebd.: 43
8
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Steffen Retzlaff, 2008, Major Zeman als Fernsehserie und in Erzählungen J. Procházkas, München, GRIN Verlag GmbH
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