Inhaltsverzeichnis
1 VORWORT 3
2 EINLEITUNG 4
3 DER BIBLISCH - EXEGETISCHE BEFUND 5
3.1 Der Satan im AT 5
3.2 Der Satan im NT 6
4 DIE WIRKLICHKEIT DER SÜNDE BEI KARL HEIM 8
4.1 Exkurs zur Begrifflichkeit “polar - überpolar bei Heim 8
4.2 Verschiedene Erklärungsversuche 10
4.3 Der Urfall und die “Erbsünde bei Karl Heim 13
4.3.1 Die Möglichkeit, den Urfall überhaupt zu denken 13
4.3.2 Schwierigkeiten, die das Denken eines Urfalls mit sich bringt und
das Problem der Erbsünde 13
4.3.3 Individueller und überindividueller Charakter der Sünde 15
4.3.4 Der Urfall als unerklärliche Urtat 16
5 DIE WIRKLICHKEIT DES SATANS BEI KARL HEIM 16
5.1 Das Eigenverständnis Jesu im Kampf gegen die widergöttliche Macht 16
5.2 Monotheismus oder Dualismus 17
5.3 Die Wirklichkeit des Satans als feindlicher Gegenwille 18
5.4 Die Wirklichkeit des Satans als eigenster Wille 19
6 DER UNVEREINBARE WIDERSPRUCH (ALLWIRKSAMKEIT UND KAMPF) 20
6.1 Konsequenzen beim Versuch einer Auflösung des unvereinbaren Widerspruchs 21
6.2 “Aufhebung der beiden Gesamtbilder bei Gott 21
7 ZUSAMMENFASSUNG 22
8 PERSÖNLICHE STELLUNGNAHME UND KRITISCHE WÜRDIGUNG 23
9 LITERATURVERZEICHNIS 24
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1 Vorwort
Es gibt ein Thema, das in verschiedenen Variationen die Menschheit, quasi seitdem sie ihre Gedanken äußern kann, beschäftigt: Wie kommt das Leid in die Welt? Warum gibt es Kriege, Mord und Verbrechen? Kurz: woher kommt das Böse?
Für einen Christen werden diese Fragen dann noch existentieller: Wie kann Gott das Böse zulassen? Ist Gott sogar der Urheber des Bösen? Gibt es einen gleichrangigen Gegenspieler Gottes?
Diese Fragen scheinen auch in der heutigen Zeit nach wie vor ihre Relevanz zu haben. Viele Menschen, ob nun Christen oder nicht, merken, dass in unserer Welt etwas nicht so ist, wie es sein könnte oder sollte. Die vielen Versuche das Böse, das sich in unserer Welt zeigt, zu unterbinden, haben nur bescheidenen Erfolg gezeigt. Im Gegenteil! Jede zunächst gute Erfindung oder Entdeckung der Menschen scheint gleichermaßen positive wie negative Auswirkungen zu haben. Ob wir die Erfindung des Dynamits oder die Entdeckung der Kernspaltung nehmen, wir scheinen nicht umhin zu kommen, eine durchgehende Ambivalenz der Dinge festzustellen, die wir Menschen hervorbringen. Aber es schlagen nicht nur die Versuche, positiv auf unsere Welt einzuwirken oftmals fehl, es gibt sogar vermehrt Menschen, die sich bewusst dem Bösen zuwenden. Bei der Sinnsuche vor allem junger Menschen taucht das Phänomen auf, dass sich Gruppen bilden, die sich bewusst auf okkulte und satanische Praktiken einlassen. Wir hören Meldungen von Friedhofs- und Kirchenschändungen bis hin zu Ritualmorden. Es scheint sich bei dem Phänomen des „Bösen” scheinbar nicht nur um das logische „Gegenteil vom Guten” als Kategorie zu handeln. Auf viele übt es als Macht eine gewisse Anziehung aus, die verhängnisvolle Folgen haben kann. Auch eine rein psychologische Erklärung der Phänomene kann ihren tatsächlichen Auswirkungen nicht gerecht werden. Es muss mit einer unerklärlichen Macht gerechnet werden, die sich in uns und der Welt zeigt, und die versucht, den Platz einzunehmen, der eigentlich Gott gehört. In dieser Arbeit soll der Versuch unternommen werden, das Wesen und die Wirklichkeit des Satans in der Theologie Karl Heims darzustellen, die dieser Frage einen relativ großen Platz einräumt. Wahrscheinlich werden wir bei unserer Betrachtung an die eine oder andere Grenze stoßen, deshalb soll uns ein Vers aus dem ersten Korintherbrief ein letzter Maßstab werden:
„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.” (1. Kor 13, 12)
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2 Einleitung
Kaum ein anderer Theologe ist dem Problem des Satans und des Bösen in der Bibel in der Schärfe nachgegangen wie Karl Heim. Das Heims Lebensarbeit und Theologie zusammenfassende Gesamtwerk „Der evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart” mit seinen sechs Bänden wurde mit Recht als eine „Diakonie am Denken” oder „Mission am Intellektuellen” gesehen. Die verschiedensten Fragen zu einer christlichen Lebensanschauung sind dort von Heim in theologischer aber auch philosophisch anspruchsvoller Weise bearbeitet worden. Gerade dieses Gesamtwerk und sein „Leitfaden der Dogmatik” soll hier als Grundlage dienen.
In dieser Arbeit soll in erster Linie dem Verständnis des „Satans” bei Karl Heim nachgegangen werden. Unumgänglich wird dabei sicher mancher Seitenblick auf andere Systeme verschiedener Denker in Theologie- und Philosophiegeschichte, die dann jedoch nur kurz, teilweise in Fußnoten, angerissen werden können.
Ganz im Sinne Karl Heims lassen wir uns das Thema vom biblischen Zeugnis und von der Lebensbestimmung Jesu her vorgeben, deshalb soll zunächst ein kurzer Überblick über das alt- und neutestamentliche Zeugnis unserem Thema das Gewicht zukommen lassen, das ihm gebührt. Der Weg, Karl Heims Verständnis vom Satan darzustellen, soll zunächst über die Begriffe “Sünde” und “Urfall” führen, die in ihren jeweiligen Abgrenzungen dargestellt werden, um eine klare Definition im Sinne Heims zu bekommen. Die Wirklichkeit des Satans wird dann aus dem Eigenverständnis Jesu heraus entwickelt und zur Darstellung gebracht. Der letzte Widerspruch, der bei unserem Thema notwendigerweise entsteht, und als unauflösliches Nebeneinander stehen bleiben muss, soll diese Arbeit abschließen, jedoch mit einem Ausblick auf den Zeitpunkt, wo es keine Fragen und Widersprüche mehr für uns geben wird. Die letzten theologischen Fragen, die für uns nur als Widersprüche im Glauben denkbar werden, sollten dann im „Schauen” beantwortet sein.
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3 Der biblisch - exegetische Befund
Will man einmal von der Bibel her, die ja für uns bei diesem Thema verbindlich und maßgebend ist, hinter das Geheimnis des Bösen (oder des Satans) kommen, so fällt auf, dass hier die unterschiedlichsten Begriffe gebraucht werden. Allein in der Versuchungsgeschichte Jesu, wenn man sie von Markus her mit den übrigen Synoptikern vergleicht, zeigt sich, dass bei jedem Evangelisten ein anderer Name gebraucht wird: in Mk 4,15: ο σατανος, in Mat 13,19: ο πονερος und in Lk 8,12: ο διαβολος.
Neben Eigennamen, wie „Satan”, „Beelzebul” oder „Beliar”, treten unter anderem auch Namen auf, die seine Eigenschaft bezeichnen, wie z.B. der „Böse”, der „Feind”, der „Ankläger”, oder der „Versucher”. Aber es zeigen sich auch Namen, die seinen Herrschaftsbereich kennzeichnen, wie z.B. „Gott dieses Äons” oder „Herrscher dieser Welt”. Letztendlich werden aber auch Metaphern gebraucht, wie „Drache” oder „Schlange”. Eine kurze Darstellung des bibl. Befundes soll zeigen, wie breit die Begriffe verwendet werden, wie reichhaltig das bibl. Zeugnis zu unserem Thema ist und damit auch, wie ernst es die Bibel mit dieser unerklärlichen Macht nimmt:
3.1 Der Satan im AT
Die LXX weist 21mal das Wort διαβολος 1 auf, davon 13mal in Hiob 1 und 2. Außer in Esther 7,4 und 8,1 ist es immer als Übersetzung des hebr. „Satan” zu sehen. 3mal wurde das διαβολος sogar in σατανος transkribiert (1.Kön 11, 14; 11, 23; 11,25). Satan meint im AT zunächst allgemein jede Art von Widersacher oder Versucher, der gerade auch in den eigenen Reihen auftreten kann (1.Sam 29,4; 2. Sam 19, 23). Dann bezeichnet es aber auch z.B. den Engel, der Bileam in den Weg tritt (Num 22, 22. 32), welchen Luther mit „Engel des Herrn” übersetzt.
In der israelitischen Rechtspraxis erhält das Wort die Bedeutung des „Anklägers” (Staatsanwalt), der die Vergehen des Beschuldigten aufzählt. In dieser Weise tritt der Satan dann als himmlisches Wesen im Hiobprolog auf (auch in Sach 3,1), hier ist er erstmals der, der die Frommen vor Gott anklagt. Er gehört zu den „Gottessöhnen”, wird also zum himmlischen Hofstaat gezählt. Als Eigenname taucht er auch in 1. Chr. 21,1 auf, wo der Satan sich gegen Israel stellt.
Oft wird auch die Herkunft des Bösen mit dem gefallenen „glänzenden Sohn der Morgenröte” (wrtl. Übersetzung 2 ) aus Jes 14, 12 - 15 in Verbindung gebracht, auch in Hes 28 könnte man
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meinen, die Sprache des Schreibers geht über die Geschichte vom König zu Tyrus hinaus, zu Satan, der sich im König anmaßt, Gott zu sein. Diese Verbindung wird im AT jedoch nicht explizit hergestellt. Jesus bezieht sich in Lk 10, 18 auf einen Fall Satans, indem er von sich behauptet, er habe den Sturz Satans geschaut, und in Apk 12 wird der Fall Satans mit dem Auftreten Jesu in Beziehung gesetzt. Die Anmaßung, sein zu wollen, wie Gott, wird von Gott her nicht geduldet.
Schon im AT zeichnet sich ab, dass der Satan die Welt und die Menschen in Rebellion gegen Gott zu bringen sucht. Er tritt als der Ankläger auf und führt die Menschen (im Hiobprolog mit der Einwilligung Gottes!) in Versuchung. Im NT wird der Satan schließlich zum Gegenspieler Gottes und gilt als „Herr der Welt”. Schließlich wird er aber von Gott überwunden und vernichtet.
3.2 Der Satan im NT
Im Neuen Testament taucht plötzlich die große Palette der Begrifflichkeiten für den Satan auf, die hier wenigstens angedeutet werden soll 3 :
Zu den Eigennamen, die im NT vorkommen, zählen: Σατανας (36mal im NT, z.B. Mk 4,15), Βεελζεβουλ (7mal im NT, z.B. Mk 3,22; Mat 12, 24) und Βελιαρ (hebr. Belial, wohl ein anderer Name für den Satan, gelegentlich auch für den „Antichristen” 4 , z.B. 2. Kor 6, 15). Der häufigste Begriff im NT ist διαβολος (37mal, z.B. Lk 8, 12). Daneben tauchen eine Reihe anderer Begriffe auf, wie ο κατηγωρ (Apk 12,10), ο πονηρος (Mat 13, 19, häufig im 1. Joh), ο εχθρος (Mat 13, 24ff, Lk 10,19), ο πειραζων (Mat 4, 3). Der Herrschaftsbereich des Satans wird vor allem in seinen „Hoheitstiteln” herauskristallisiert:
ο αρχων του κοσμου τουτου (Joh 12, 31; 14, 30; 16, 11), ο θεος του αιωνος τουτου (2. Kor 4, 4) und ο αρχων της εξουσιας του αερος (Eph 2, 2). Eine andere Bezeichnung, die häufig vorkommt ist auch πνευμα ακαθαρτον (11mal bei Mk, 2mal bei Mat, 5mal bei Lk, 27mal in Apg). δρακων und οψις (beides Apk 12) sind die vorwiegend gebrauchten Metaphern für den Satan.
Paulus benutzt im Allgemeinen σατανας, mit zwei Ausnahmen in Eph und den Pastoralbriefen διαβολος. Bei Johannes finden wir vier Bezeichnungen für den Teufel: 1.
1 vgl. hierzu Begriffslexikon, Band II, S. 1057ff
2 die Lateinische Übersetzung gebraucht hier ”Luzifer” (von ”lux - ferre”, was Lichtträger bedeutet)
3 siehe hierzu TWNT, Band II, S. 78: διαβολος, und Band 7, S.151: σατανας
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διαβολος (7mal), 2. σατανας (nur 1mal in der Aussage über Judas Ischariot in Joh 13, 27), 3. ο πονερος (1mal in Joh 17, 15; aber 6mal in 1. Joh), 4. ο αρχων του κοσμου τουτου (Joh 12, 31; 14, 30; 16, 11) 5 .
Letzten Endes besteht beim Wechsel zwischen σατανας und διαβολος kein sachlicher Unterschied. Der Begriff σατανας zeigt höchstens eine größere Nähe zum palästinischen Sprachgebrauch (Syn und Apg).
Gravierende Unterschiede im Gebrauch dieser verschiedenen Wörter gibt es im Großen und Ganzen nicht. Es sind höchstens unterschiedliche Akzente und Nuancen ein und derselben Sache. Bekommt der Teufel einerseits Eigennamen, wird er andererseits mit Metaphern zu umschreiben gesucht, die z.T. an das Alte Testament anknüpfen (οψις). Wird er einerseits mit menschlichen Zügen und Eigenschaften ausgestattet, bekommt er andererseits Zugang in die himmlische Welt Gottes und einen übermenschlichen Herrschaftsbereich zugedacht. Der biblische Befund zeigt, dass wir vor einem Rätsel stehen, was das Wesen des Satans angeht. Das gesamte Zeugnis der Heiligen Schrift, aber insbesondere das Leben Jesu, zeigen, dass hier mit einer unbegreiflichen Realität, mit einer Wirklichkeit gerechnet wird, die im Gegensatz zu Gottes Heilswillen steht. Selbst in den Heilungswundern Jesu, z.B. bei der gekrümmten Frau, sehen wir, dass seine Wundertaten etwas mit “Exorzismus” zu tun haben. Die Welt ist nicht in Ordnung, wie sie ist. Bei der Sturmstillung gebietet Jesu dem Sturm wie einer feindlichen Macht, die den Menschen feindlich gesonnen ist, und der er gegenübertritt. Sicher sind es immer Machterweise Jesu, dennoch stehen wir vor dem unbegreiflichen Rätsel, wie, wodurch, und warum die Wirklichkeit des Bösen in diese Welt gekommen ist. Der große Widerspruch zwischen der göttlichen Allmacht und dem Kampf, der gerade das Leben Jesu auszeichnet, wird uns später noch beschäftigen. Dass das Böse Realität besitzt und sich im menschlichen Willen und seiner Sünde niederschlägt, zeigt die Erfahrung eines jeden Christenmenschen, insbesondere aber das eben behandelte biblische Zeugnis. Große Theologen wie Martin Luther verstanden sich im ständigen Kampf mit der Sünde und letztendlich mit dem Satan. Dass unsere je eigene Sünde, mit einer ”Gesamtsünde” in Verbindung steht, und diese etwas mit dem Satan zu tun hat, zeigen auch die verschiedensten theologischen und dogmatischen Ansätze durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Viele Versuche wurden unternommen, die Wirklichkeit der Sünde zu erklären. Ohne einen Blick auf diese Versuche wäre es mühsam, das Verständnis Karl Heims und anderer Theologen weitgehend zu verstehen.
4 vgl. Stuttgarter Erklärungsbibel, Begriffserklärung: ”Satan”
5 zu diesem Abschnitt vgl.: TWNT, ”διαβολος” und ”σατανας”
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4 Die Wirklichkeit der Sünde bei Karl Heim
Grundsätzlich kann man zunächst sagen, dass Karl Heim einerseits von Erfahrungen ausgeht, die alle Menschen machen. Phänomene, wie z.B. das Gewissen oder aber negative Gedanken, die uns oft kommen, bevor wir sie dann verwerfen oder umwandeln, zeugen für einen Zustand des Menschen, der im Kern nicht in Ordnung ist. Andererseits geht Heim ganz klar vom biblischen Befund, insbesondere vom Selbstverständnis Jesu aus, der ja sein ganzes Leben im Kampf gegen eine widergöttliche Macht verstand, der die Wirklichkeit der Sünde und des Bösen ernst nahm und sie zu bekämpfen suchte, und der schließlich durch seinen Sühnetod am Kreuz zuletzt über sie gesiegt hat.
Von der Wirklichkeit der Sünde können wir aber erst reden, wenn wir auch von der Wirklichkeit Gottes reden können, das heißt, wenn Gott selber uns den Eindruck schenkt, dass er gegenwärtig ist und uns so zu Glaubenden macht. Ohne diesen Vorgang bleibt uns die letzte „Urwirklichkeit” verborgen, da sie für unser menschliches Denkvermögen schlechterdings unfassbar ist. Heim nennt das Wesen dieser Urwirklichkeit „überpolar” und erklärt so die Nichtzugänglichkeit dieser Dimension für unser Denken, das sich immer nur in „polaren Verhältnissen” bewegt. 6 Er beschreibt unseren Zustand der Gottesferne wie folgt: „Die letzte Wirklichkeit, die uns trägt, ist uns nicht so erschlossen, wie unsere eigene Existenz oder die Dimensionen des Raumes erschlossen sind.” 7 Gott selber, der uns nach seinem Gefallen in seine Nähe holt, kann uns seine Dimensionen für uns in gewisser Weise zugänglich machen, und von diesem Standpunkt aus können wir erst theologisch und dogmatisch in rechter Weise reden, jedoch bleibt die Tatsache, dass unser Denken sich nur polar vollzieht, das heißt auf einer Ebene, welche die ganze Wirklichkeit nicht erschließen kann. Die überpolare Ebene Gottes durchdringt und hält nach Heim jedoch alles, was sich auf der polaren Ebene befindet
4.1 Exkurs zur Begrifflichkeit “polar - überpolar” bei Heim
Sicherlich würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, den philosophischen Überbau des Heimschen Denksystems, den er vor allem in „Glaube und Denken” entwickelt hat, hier darzustellen, dennoch bleibt es nicht aus, den Versuch zu unternehmen, seine Begrifflichkeiten hier etwas genauer aufzuzeigen.
6 Jesus der Herr, S. 87
7 Jesus der Herr, S. 87
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Grundsätzlich kann man sagen, dass Heim nicht von einem statischen Weltbild ausgeht, in dem immer alles nach den gleichen Gesetzen ablaufen muss. Eher geht er von einem dynamischen Weltbild aus, in dem sich alles im Fluss befindet, somit ist jedes Gleichbleiben der Situation immer auch Gottes neue Entscheidung. Heim formuliert das folgendermaßen: „Die Welt, die wir erleben, ist nicht eine ruhende Dauer, sondern eine Aktion, eine einzige allumfassende Entscheidung, in der die unübersehbare Fülle der Einzelentscheidungen ... zu einer ungeheuren Gesamtwirkung zusammengefasst ist” 8 . Die Wirklichkeit ist bei Heim also kein „statisches Sein” im ursprünglichem philosophischen Sinn, sondern eher ein „Akt”. Die gesamte Grundstruktur des Seins ist bei Heim nicht bestimmt durch „persönliche Geister”, die der Materie gegenübertreten, sondern ist bestimmt durch „Räume”, die einander durchdringen. 9 Der Raumbegriff Heims ist jedoch auch weiter gefasst, wie wir es gewohnt sind. Der Raum ist für Heim ein in sich geschlossenes, aber „unendliches Kontinuum” 10 . Die verschiedenen Räume, wie der Zeitraum, der Flächenraum, der Körperraum und der Gegenwartsraum, sind bei ihm einander durchdringende, aber in sich geschlossene Systeme. Am Zeitraum macht Heim deutlich, dass die drei Elemente Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer einander bedingen. Ohne Vergangenheit und Zukunft wäre der Begriff Gegenwart für uns nicht verständlich. Es gibt also innerhalb eines Raumes verschiedene Elemente, die in einem Verhältnis zueinander stehen. Dieses Verhältnis nennt Heim „polar”. Nach diesem „Grundgesetz der Polarität” ist also unsere Welt, sind die Räume in denen wir uns bewegen, aufgebaut. Daher ist alles im ständigen Fluss und somit ruhelos. Es bedarf immer neuer Entscheidungen in den polaren Verhältnissen. In dieser ganzen Ruhelosigkeit gibt es nach Heim aber auch ein anderes Sein, das uns umgibt. Er meint: „Das polare Sein, das uns zugänglich ist ..., ist nicht das einzige Sein. Dieses polare Sein ist umfangen und getragen von einem völlig anderen Sein, das uns nicht zugänglich ist. Dieses andere Sein ist aber an jeder Stelle unseres Seins da, es ist also jenseitig allgegenwärtig.” 11 Heim geht also nicht von einer bloßen Jenseitigkeit Gottes aus, er sieht hier vor allem die Allgegenwart und Allwirksamkeit Gottes. Dieses überpolare Sein ist in allem gegenwärtig und deshalb gilt der Vers: „In ihm leben und weben und sind wir” (Apg 17, 28). Wir haben es also letztlich überall mit Gott zu tun. Dieses Verhältnis von polarem und überpolarem Sein bestimmt Heims ganze Theologie und darf deshalb nicht außer Acht gelassen werden. Wir haben es überall mit Gott
8 Glaube und Denken, S. 181
9 Siehe dazu die Kapitel “Das dynamische Weltbild”, “Die Polarität aller innerweltlichen Verhältnisse” und “Das
überpolare Ursein” in “Glaube und Denken”.
10 Glaube und Denken, S. 192
11 Glaube und Denken, Kap. “Das überpolare Ursein”
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zu tun, aber es bleibt dennoch auch Gottes Entscheidung, ob er uns so gegenübertritt, dass wir zu Glaubenden werden.
Erst wenn wir vor Gott stehen, werden mit einer neuen Kategorie in Verbindung gebracht, die uns die letzten Maßstäbe für unser Leben geben kann, eben auch die Maßstäbe des Guten und Sittlichen.
Die Sündenfrage und die Frage nach der Wirklichkeit des Satans stellen sich uns also erst, wenn wir uns im Machtbereich Gottes aufhalten. Vielleicht wird uns, auch ohne Christ zu sein, klar, dass etwas mit unserer Welt nicht in Ordnung ist, jedoch die theologische Einordnung in den Bereich der Sünde kann nur von der Offenbarung Gottes her geschehen. Dann wird deutlich, dass eine tiefe Störung vorhanden ist, eine Trennung von Gott, die nicht von Menschen überwunden werden kann, und Heim sagt: „Das Wesen dieser Scheidung von Gott können wir nur im Zustand der Erlösung erkennen. Nur von der Gnadenerfahrung aus geht uns die Tiefe der Sünde auf.” 12 Der „Urakt” dieser Störung, so Heim, sei das „Heraustreten aus dem Vertrauensverhältnis zu Gott”, aus dem dann die weiteren, „sekundären Symptome des Sündenzustandes” 13 , hervorgehen. Es ist also eine Störung vorhanden, die erst die Sünden in ihrer Vielzahl entstehen lässt. Diese Störung, das Heraustreten aus dem Gottesverhältnis, kann aber nun in keiner Weise gerechtfertigt werden, weder durch die Tatsache, dass es überhaupt die Möglichkeit dazu gibt, also, dass es quasi den Ort der Gottesferne gibt, noch dadurch, dass uns ein freier Wille gegeben ist. Heim steht auf dem Standpunkt, jeder Versuch, die Sünde zu erklären würde sie in irgendeiner Weise entschuldigen und entschärfen. Trotz dieser Spannung muss dennoch dogmatisch nachgedacht werden, wie von der Wirklichkeit des Sünde und des Bösen in der Welt geredet werden kann. Einige Versuche aus Theologie- und Philosophiegeschichte wurden von ihm untersucht und als unhaltbar dargelegt.
4.2 Verschiedene Erklärungsversuche
Zunächst nimmt Heim einige Abgrenzungen zu Erklärungsversuchen vor, die dann zeigen, auf welcher Ebene man letztlich von Sünde sprechen kann und ob es überhaupt eine angemessene Erklärung für ihre Wirklichkeit gibt. Grundsätzlich unterscheidet er die Versuche, die Sünde aufgrund von empirischen Gegebenheiten zu erklären von denen, die den Abstand von Endlichkeit und Unendlichkeit als ihre Voraussetzung haben, eine dritte
12 Leitfaden der Dogmatik, S. 42
13 Leitfaden der Dogmatik, S. 42
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Kategorie geht vom Wesen des Guten und somit von der gegebenen Willensfreiheit des Menschen aus.
Beginnend bei der griechischen Philosophie, die ja den grundsätzlichen Unterschied zwischen Geist und Materie zu einem großen Thema der Philosophie gemacht hat, setzt Heim ein und stellt dar, dass ohne eine „ethisch - religiöse Wertunterscheidung” 14 die Kategorien „Geist” und „Fleisch” sich eigentlich auf der gleichen Bewusstseinsebene befinden. Es kann nach Heim keine empirische Unterscheidung derselben geben, da unsere Erfahrung und unser Erkennen immer an der gegenständlichen Welt der Materie orientiert sind, somit fallen Geist und Materie erkenntnistheoretisch betrachtet auf das gleiche Gebiet von Bewusstseinsphänomenen. Die Erklärung der Sünde aus dem Unterschied von Geist und Materie also beruht nach Heim auf einer Wertung dieser beiden Kategorien. Eine Erklärung der Sünde ist dies nicht, höchstens ihre „Feststellung”. 15 Auch die Erklärung in Anlehnung an die Philosophie Kants, welche die Sünde als Möglichkeit unserer Naturveranlagung sieht, indem sie aus dem Gegensatz zwischen „praktischer Vernunft” und „Sinnlichkeit, Pflicht” und „Neigung” erklärt wird, ist nur eine Konstatierung der Sünde, nicht aber eine Erklärung dieses Urphänomens. Auch hier bestimmt eine Abstufung von Willensäußerungen den Unterschied: Einerseits gibt es höhere, autonome Entscheidungen („Wollungen”), andererseits aber die niederen Triebe und Neigungen. Auch die Dialektik des Hegelschen Denkschemas ist ein Versuch, das Weltleid aus dem notwendigen Gegensätzen heraus zu erklären, dann wird das Leid (und somit auch das Böse) zu einer Notwendigkeit, damit das „dialektische Spiel” sich auf immer höheren Ebenen fortsetzen kann, und so der Weltgeist zu seiner Entfaltung kommt. Sünde und Tod sind unabänderliche „Durchgangsstationen”.
Nach Schleiermacher entsteht die Sünde aus einem „Verhältnis zwischen Erkenntnis- und Willensvermögen” 16 . Das Triebleben befinde sich demnach in einem Abstand („Vorsprung”) zur Erkenntnis („Einsicht”), und somit wäre die Sünde nur eine „ungleichmäßige Entwicklung der Seelenvermögen” 17 und also psychologisch entschärft. Der Versuch, die Wirklichkeit der Sünde aus dem Abstand zwischen Gott, Ich und Welt heraus zu erklären, der bei Heim der vierte Versuch ist, die Sünde aus empirischen Gegebenheiten abzuleiten, schlägt deshalb fehl, weil diese Tatsache nach Heim nicht eine
14 Leitfaden der Dogmatik, S. 44
15 Leitfaden der Dogmatik, S. 44
16 Leitfaden der Dogmatik, S. 45
17 Leitfaden der Dogmatik, S. 45
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Ursache, sondern eine Folge des Sündenfalls ist. Auch hier wird ein Abfall von Gott schon vorausgesetzt, der zu dieser Scheidung in unserer vorhandenen Wirklichkeit führt. Gerade einige Theologen des 19. Jh. haben versucht in der Sünde ein Geschehen zu sehen, welches soziologischen Ursprungs ist. Durch das Hineingestelltsein in eine sündige Umwelt werden die Taten der Einzelnen auf ein allgemeines „Sündigen” zurückgeführt und erklärt. Damit wird zwar ein allgemeiner Charakter des Sündigens erklärt, jedoch nicht der wirkliche Urgrund, quasi die Erstursache. 18
Die zweite größere Kategorie von Erklärungsversuchen der Sünde, die Heim sieht, geht von einem Verhältnis zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, Absolutheit und Relativität aus. Diese Versuche kommen unserem Thema vielleicht ein wenig näher, jedoch bleibt hier die Gefahr, dass es abstrakte Erklärungsversuche bleiben, welche die Wirklichkeit der Sünde als überindividuelles und individuelles Phänomen nicht ernst genug nehmen. Die dritte Versuchsreihe versucht die Sünde aus dem Wesen des Guten heraus zu erklären, und setzt somit die Willensfreiheit des Menschen voraus. Diese Erklärung ist auch heute in christlichen Kreisen weit verbreitet. Die Liebe bedarf der Freiwilligkeit des Geliebten, und somit kann Gott seine Geschöpfe nicht zwingen und gibt ihnen Raum zur Entscheidung und einen freien Willen, damit sie sich freiwillig an ihn binden. Wir können uns keine andere Vorstellung eines freien Willens machen als die, die ein entgegen gesetztes Negativ voraussetzt. Der freie Wille, der sich gegen Gott entscheiden kann ist nach Heim aber auch ein Produkt des Sündenzustandes.
Alle diese Erklärungsversuche setzen im Grunde die Gegebenheit eines Zustandes Voraus, der damit jedoch nie erklärt wird. Wird ein Erklärungsversuch unternommen, so nimmt er der Sünde ihre volle Schärfe, die immer in der Spannung von etwas Unerklärlichem und der eigenen definierbaren Schuld liegt. Wenn die Ursache der Sünde also nicht ein schon immer dagewesener Zustand der vorhandenen Welt ist, so kann die Entstehung der Sünde nach Heim nur als „unerklärliche Urtat” 19 gesehen werden, aus der heraus erst die Trennung von Gott und die Möglichkeit zum Sündigen verstanden werden kann. Heim führt diesen Gedankengang weiter und kommt zu der Annahme des bibl. ”Sündenfalls”, der einen Urzustand, in dem sich Schöpfer und Geschöpf in ihrem eigentlich bestimmten Verhältnis vorfanden, aufhob.
18 vgl. auch Joest, S.407
19 Leitfaden der Dogmatik, S. 48
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4.3 Der ”Urfall” und die “Erbsünde” bei Karl Heim
4.3.1 Die Möglichkeit, den ”Urfall” überhaupt zu denken
Beim Betrachten des Phänomens „Urfall” in der Theologie Karl Heims muss zunächst vorweg gesagt werden, dass ja seine grundsätzliche Unterscheidung von unserer, sich im polaren bewegenden Wirklichkeit, eine überpolare, für unser Denken nicht zugängliche Wirklichkeit der Dimension Gottes entspricht. Deshalb können wir uns einen Urfall nur als ein „geschichtliches Ereignis vorstellen, wie es die biblische Erzählung tut” 20 . Unserem Denken ist nur die Möglichkeit gegeben, das Phänomen „Urfall” als geschichtliches Ereignis zu denken, da uns die Entsprechung im Denken fehlt, die den Urfall in seiner überdimensionalen (überpolaren) Bedeutung erfassen könnte. Eigentlich ist der Urfall aber ein Ereignis, das außerhalb der Zeit liegt, denn durch historische Bemühungen kann weder der Sündenfall, noch der sündlose Urzustand erfasst werden, in dem sich noch alles in seinem ihm bestimmten Verhältnis vorfand. Genauso wenig wie der paradiesische Zustand, der dem Sündenfall vorausgeht, historisch erklärt werden kann, da er im Grunde auch in den überpolaren Bereich Gottes einzuordnen ist, kann der Fall selber auf diese Weise für uns zugänglich sein. Die biblische Darstellung des Sündenfalls ist also die Möglichkeit von etwas zu reden, was unser Denken eigentlich übersteigt, wohlmöglich aber die einzige Weise, den „Urfall” überhaupt angemessen zu denken. Das Voraussetzten eines „Urfalls” bringt es jedoch auch mit sich, dass auch der Frage nach der Erbsünde nachgegangen werden muss. Der Urfall im bibl. Sinne setzt ja voraus, dass durch den Fall eines Menschen die Trennung von Gott erst zustande kam (seit Augustin gilt fast generell diese Vorstellung). 21
4.3.2 Schwierigkeiten, die das Denken eines ”Urfalls” mit sich bringt und das Problem der Erbsünde
Die Begründung der Sünde aus einem „Urfall” heraus kann uns wiederum zu verschiedenen Denkweisen führen, die uns die Wirklichkeit der Sünde und des Bösen eher verschleiern als
20 Leitfaden der Dogmatik, S. 49
21 Interessant ist hier die Erklärung Karl Barths, der sagt: “Man darf gewiss nicht sagen, dass der Mensch sündigen konnte. Es gibt keine von Gott gewollte, angeordnete und eingesetzte Freiheit in der Richtung des Nichtigen. Indem der Mensch sündigte, tat er was er nicht konnte, handelte er gerade nicht als Freier, sondern als Gefangener.” (KD 3/3, S. 411) Barth versteht die Möglichkeit zu sündigen, und damit auch die Möglichkeit eines gottfeindlichen Willens, aus dem Erwählungsgedanken Gottes heraus. In dem Gott etwas erwählt, tritt eine Scheidung von etwas anderem ein, das er nicht erwählt. Barth begründet das biblisch mit Gen 1, 2 , wo “vom Chaos die Rede ist, das der Schöpfer noch vor dem ersten Sprechen seines Schöpferwortes verworfen und verneint...hat: die Wirklichkeit, die er nicht wollte und nicht geschaffen hat und die doch als solche gewissermaßen den Horizont seiner Schöpfung und seines Geschöpfes bildet.” (KD 3/3, S. 406) Karl Barth nennt diese Wirklichkeit schlechthin “das Nichtige” und führt es nicht auf einen positiven Willen Gottes zurück. Dieses “Nichtige” ist aber nicht “nichts”, sondern etwas, mit dem Gott “rechnet” (KD 3/3, S. 402)
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aufdecken. Wird die Sünde, also der Zustand, in dem wir alle uns vor Gott befinden, allein aus dem überindividuellen Urfall heraus erklärt, so nimmt man der persönlichen Schuld die Schärfe. Der Urfall scheint dann etwas schicksalhaftes, allen Menschen Vorgegebenes zu sein, für das keine Verantwortung mehr übernommen werden muss. Es kommt dann zu der Erklärung der Sünde aus einem Sündenzwang (Erbsünde) heraus, und die Eigenverantwortlichkeit wird nicht mehr gesehen. Der Fall des ersten Menschen hat quasi diese Urtrennung von Gott verursacht und „genetisch” weitervererbt. Sünde wird dann eigentlich zuletzt zur „Krankheit” 22 erklärt, der wir alle zum Opfer gefallen sind. Gerade die traditionelle Erbsündenlehre jedoch wurde gegenwärtig von Theologen wie P. Althaus und E. Brunner stark in Frage gestellt. 23 Brunner hat die Ablehnung der Erbsünde am deutlichsten in Worte gefasst: „Der seit Augustin für die christliche Anthropologie maßgebend gewordene Begriff der Erbsünde ist der Bibel völlig fremd.” 24 Nach Brunner werden ausschließlich Eigenschaften vererbt, „die Sünde ist aber keine Eigenschaft, sondern eine Personbestimmung. Der Mensch ist Sünder,...” 25
Versteht man aber den Sündenfall nun aber als den je eigenen Sündenfall, bzw. aus der Summe der Einzelsünden heraus, so wird wiederum die Tatsache, dass alle Menschen unter der Sünde stehen verdrängt. Es steht die eigene Tat im Vordergrund, und es kommt eventuell zu den oben schon angeführten Entschuldigungen der Sünde aus der Sozialisation etc. Heim ist der Meinung, dass diesen zwei falschen Auffassungen von Sünde auch zwei falsche Auffassungen von Gnade entsprechen. Es stellt sich dann nämlich die Frage, ob die Erlösungstat Christi eine individuelle oder überindividuelle Tat war. Auch hier würde eine ausschließliche Ansicht die Erlösungstat Christi einschränken. Nach Heim geht es hier um eine „Aufhebung der Weltschuld, in die unsere eigene Schuld mit eingeschlossen ist” 26 . Hier stehen wir eigentlich vor dem alten Streit der Kirchen- und Dogmengeschichte, vor dem schon Augustinus und Pelagius standen: Ist die Sünde nur etwas, was von außen kommt und nach außen wirkt (also etwas vermeidbares), oder ist der Mensch durch die “Erbsünde” im Innersten verdorben?
22 Leitfaden der Dogmatik, S. 54
23 vgl. dazu P. Althaus, Die Christliche Wahrheit, S. 376ff; E. Brunner, Dogmatik Band II, S.100ff
24 Brunner, S. 115
25 Brunner, S. 117
26 Jesus, der Weltvollender, S. 80
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4.3.3 Individueller und überindividueller Charakter der Sünde
Augustinus stellte die Tiefendimension der Sünde in den Vordergrund seiner Theologie, indem er sagte, die Menschen hatten vor dem Fall die Möglichkeit, nicht zu sündigen (posse non peccare), nach dem Fall jedoch nicht mehr die Möglichkeit, nicht zu sündigen (non posse non peccare) 27 . Entsprechend wurde die Sünde vom ersten Menschen, Adam, vererbt. Dieser starken Position widerspricht Pelagius, indem er davon spricht, dass Sünde etwas Vermeidbares ist.
Karl Heim ist hier der Meinung, dass ein Kompromiss der beiden Anschauungen mit Recht von beiden Seiten stark bekämpft werden müsste. Der Pelagianismus würde schon bei der Bezeichnung des ererbten Sündenzustandes (als Sünde überhaupt!) ein Problem sehen. Der Begriff Krankheit käme ihm vielleicht näher, jedoch würde da der Augustinismus aufhorchen und darin eine Abschwächung der Erbsündenfrage sehen.
Heim geht hier schließlich mit der Ursprünglichen Auffassung der Reformatoren konform, welche hier ein erstes „Paradox” gelten lässt (ein zweites “Paradox” wird uns noch bei der Frage nach der Allmacht Gottes und der Realität des Bösen beschäftigen !). Letzten Endes muss hier beides in gleicher Schärfe stehenbleiben: „die absolute Unvermeidlichkeit und die absolute Unentschuldbarkeit” 28 der Sünde. Jeder Versuch, eher die eine oder die andere Seite zu betonen, nimmt der Sünde ihren Charakter und entschärft das Gewissen. Zu der Frage „Urschuld oder Einzelverfehlung” zeigt Karl Heim auf, dass im Verhältnis zwischen Mensch und Gott die ganze Verantwortung für unser Tun einerseits bei Gott liegt, andererseits werden wir unter seinem Auftrag in Verantwortung genommen. Es sind nach Heim hier „zwei verantwortliche Stellen” da, die „nicht bloß auseinander, sondern zugleich ganz ineinander” 29 liegen. (Dieses Ineinander lässt sich wieder gut verstehen aus dem Verhältnis der Überpolarität zu der Polarität, es gibt bei Heim eine „Brücke zwischen Wille und Stoff”!) Um den Schwierigkeiten zu entgehen, die eine jeweilige Überbetonung der Schuld, entweder als individuelle Tat oder aber ausschließlich als überindividueller Akt gesehen, mit sich bringt, versucht Heim die Frage nach dem “Urfall” zu lösen, indem er ihn als “Tat” bezeichnet, deren Subjekt er zunächst noch offen lässt.
27 Pöhlmann, S. 196
28 Leitfaden der Dogmatik, S. 55
29 Jesus der Herr, S. 121
15
4.3.4 Der ”Urfall” als unerklärliche Urtat
Nach Karl Heim muss die Sünde eine Tat sein, die alle Individuen mit einbezieht, aber dennoch das einzelne Subjekt nicht entschuldigt. Er spricht zunächst von einem „überindividuellen Abfall von Gott” 30 , aus dem heraus er auch das Weltleid erklärt. Es gibt also eine Grundschuld der Menschheit, welche die Gegebenheiten der äußeren Welt herbeigeführt hat. Die Austreibung aus dem Paradies macht nach Heim deutlich, dass das Leid in der Welt eine Folge der „Weltschuld” ist. Der Fluch, der auf allen Daseinsformen liegt, rührt von der ureigensten Auflehnung gegen Gott her. Das „Seinwollen wie Gott” wird in der Bibel zur Urschuld des Menschen. „Die Todesgestalt der Welt”, so Heim, „ist der äußere Ausdruck für die innere Loslösung von Gott” 31 . Nun stellt sich für uns verschärft die Frage, wie es zu dieser Loslösung von Gott, zu diesem Auflehnen des Menschen überhaupt kommt, und wer nun eigentlich Subjekt dieser „Urtat” ist. Hier werden wir nun vor die wichtigen Fragen geführt, ob Gott selbst Urheber der Möglichkeit des Abfalls von ihm ist, oder ob es eine autonome, ihm entgegen gestellte Macht gibt. Wir wenden uns also nun im nächsten Abschnitt der Frage des “Satans” bei Karl Heim zu.
5 Die Wirklichkeit des Satans bei Karl Heim 5.1 Das Eigenverständnis Jesu im Kampf gegen die widergöttliche Macht
Der Ansatz Heims geht auch hier zunächst von dem aus, was die Bibel, insbesondere das Selbstverständnis Jesu in Bezug auf das Böse, uns vorgibt. Schon nach der Taufe Jesu beginnt der Kampf gegen den Satan in der Versuchungsgeschichte, und damit sein ganzer Lebensauftrag. In den bibl. Texten wird in vielen Fällen deutlich, dass Jesus sich in diesem Kampf gegen die gottfeindliche Macht gewusst hat. Selbst seine Sicht von manchen Krankheiten (gekrümmte Frau, Besessener etc.) und seine Sicht von der Natur (Sturmstillung) zeugen von diesem Bewusstsein Jesu im Hinblick auf widergöttliche Mächte. Später dringt der Satan selbst in Gestalt des Judas in den Jüngerkreis ein (Joh 13, 27 - die einzige Stelle, wo Joh σατανας benutzt!). Offen bleibt, ob der Satan zu dieser Zeit wusste, dass der Verrat sein eigenes Ende bedeutete. Der Ausruf Jesu am Kreuz: “Es ist vollbracht!” schließt sicher mit ein, dass dieser Sieg über die satanische Macht nun errungen ist. Heim sieht in dem Todesleiden Jesu kein „Berufsleiden”, dass er im Sinne eines Zeloten auf sich genommen hatte, sondern vielmehr „nach Jesu eigener Aussage die letzte furchtbare
30 Leitfaden der Dogmatik, S. 57
31 Leitfaden der Dogmatik, S. 57
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Entscheidungsschlacht des sein ganzes Leben ausfüllenden Krieges gegen die satanische Macht, die Gott entthronen will” 32 .
Jesus versteht also sein Leben als Sendungsauftrag gegen die widergöttliche Macht. Jesu Bewusstsein ist bestimmt von dieser Vorstellung, und sein ganzes Leben zeigt das. Er versucht nicht einen Lösungsversuch zu einem gegebenen Schicksal zu geben, wie es manche Religionen oder Religionsstifter tun. Er zeigt keinen Ausweg aus dem Leid in Form von einer Weltflucht. Er „kämpft gegen einen Willen, der sich gegen Gott aufgelehnt hat” 33 . Die Tatsache der widergöttlichen Macht, von der Jesus ausgeht, wirft in uns nun wiederum einige Fragen großer Wichtigkeit auf: Ist Gott selber als Schöpfer auch Schöpfer dieser ihm entgegen gestellten Macht oder ist es eine autonome Gottheit? Dazu müssen wir uns zunächst Gedanken über das bibl. Gottesbild machen, das dann unsere weiteren Bemühungen bestimmen soll.
5.2 Monotheismus oder Dualismus
Es ist für uns nur schwer möglich, den guten Schöpfergott, der alles so wunderbar geschaffen hat, in direkte Verbindung zu bringen mit dem Leid und dem Übel dieser Welt. Merkwürdig ist es dann auch, dass ein einer monotheistischen Religion Platz für eine satanische Macht ist, die dem guten Schöpferwillen gegenübertritt. Eine Religion, die ganz von dem Bekenntnis her lebt: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein”(Deut 6, 4) und von dem Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir” (Ex 20, 3), lässt eigentlich keinen Platz für eine gleichrangige Gottheit, die diesem Gott gegenübertritt. Ein dualistisches Bild oder gar ein polytheistischer Glaube wird von der Bibel grundsätzlich verneint. Das bibl. Zeugnis geht sogar so weit, dass es das Unglück direkt mit Gott in Verbindung bringt: „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?” (Amos 3, 6). Selbst im weisheitlichen Prolog des Hiobbuches bekommt der Satan, als einer der Gottessöhne, von Gott her die Erlaubnis, Hiob in die Prüfung zu führen. Dennoch bleibt die Frage, wie dieses monotheistische Verständnis mit dem Kampf in Verbindung gebracht werden kann, der ja doch zwischen Gott und Satan da ist. Besonders schwierig ist dann auch, wie wir dieses Bild in Jesus vereinigen, der ja einerseits ganz und gar vom Vater her gelebt hat, ihn also als den guten Schöpfergott wusste, andererseits, wie schon gezeigt von dem Kampf gegen den Satan bestimmt war. Hier entsteht wiederum eine Spannung, die nur schwer aufgelöst werden kann. Klar ist jedoch,
32 Jesus der Herr, S. 93
33 Jesus der Herr, S. 92
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dass wir nicht von einer gleichrangigen zweiten Gottheit (wie im persischen Zarathustra -Epos) ausgehen können, es aber dennoch mit einer von der Schrift höchst ernst genommenen feindlichen Macht zu tun haben, der es letztendlich darum geht, Gott zu entthronen. Diese Macht versucht es, auf die gleiche Ebene zu treten, auf der Gott steht, und versucht somit auch, den gleichen Anspruch an die Menschen zu erheben, der einzig und allein nur Gott zukommt. Karl Heim versucht diese Spannung zum Ausdruck zu bringen, indem er von einem feindlichen Gegenwillen spricht.
5.3 Die Wirklichkeit des Satans als feindlicher Gegenwille
An einigen Punkten versucht Heim das Wesen des Satans als feindlichen Gegenwillen gegen Gottes Herrschaft darzustellen: Zunächst meint er, bei der satanischen Macht handele es sich nicht um ein bloßes Defizit, einen „Mangel, eine Schwäche”, er sagt: „Das Satanische ist nicht eine Negation, sondern etwas höchst Positives. Der Satan ist ein feindlicher Wille, der sich gegen Gott auflehnt” 34 . Heim stellt weiterhin dar, dass es sich bei diesem Willen nicht bloß um den „begrenzten Menschenwillen” handelt, dieser Menschenwille wäre ja im Grunde auch entschuldbar durch fehlende Gottes(er)-kenntnis oder einfach durch Schwachheit in Bezug auf die Versuchungen. 35 In diesen Fällen wäre der Grund für einen Kampf immer außerhalb Gottes selbst zu suchen. Heim sagt jedoch, der satanische Gegenwille „ist durch nichts begründet oder entschuldigt, weder durch Willensschwäche noch durch mangelnde Erkenntnis. Er ist der reine Gotteshass” 36 . Zuletzt kommt der für Heim entscheidende Punkt, wenn er darlegt, dass dieser Wille nicht bloß ein begrenzter Wille auf der Ebene unserer Welt sein kann, denn ein Wille, der sich gegen Gott auflehnt, kämpft wohl auch auf einer höheren Ebene, dennoch stellt sich nun die Frage, was dieser feindliche Wille mit meiner eigenen Auflehnung gegen Gott zu tun hat, wie verhalten sich der gottesfeindliche Wille und mein Wille zueinander ?
34 Jesus der Herr, S. 95
35 An dieser Stelle widerspricht P. Althaus in einer Fußnote seiner Dogmatik: “Nicht zu billigen ist die Weise, wie K. Heim die Wirklichkeit des Satans an der menschlichen Sünde aufzuzeigen sucht, nämlich an ihrem Wesen als Feindschaft gegen Gott. Heim muss dabei die menschliche Sünde als solche abschwächen, nämlich ihren positiven Willenscharakter, um Raum zu schaffen für die Satanologie. Es kommt so zu stehen, als habe die Sünde als menschliche ihren Grund allein in Schwachheit des Willens und mangelnder Erkenntnis Gottes und sei kein bewusstes Nein, nicht Feindschaft gegen Gott. Für diese soll erst der Satan das einzig mögliche Subjekt sein.” (Althaus, S. 388)
36 Jesus der Herr, S. 95
18
5.4 Die Wirklichkeit des Satans als eigenster Wille
Da es Heim bei der satanischen Macht eigentlich um etwas „überpolares” geht, etwas, das versucht, sich auf die Ebene Gottes zu stellen, versucht er zunächst das Willensverhältnis, das sich zwischen dem satanischen Willen und meinem je eigenen Willen zeigt, darzustellen an dem Verhältnis, wie sich Gottes Wille und Menschenwille zueinander verhalten. Nach Heim verhält sich Gottes Wille zu unserem Willen nicht so, dass er uns knechtet oder zwingt, sondern wenn wir in der Vollmacht Gottes handeln, so ist es immer ein freiwilliger Wille. Wir werden nicht von außen mit Druck bestimmt, sondern es ist eher so, dass Gottes Wille dann in uns will. Genauso verhält es sich nach Heim mit dem satanischen Willen zu unserem Willen. Wenn dieser Wille versucht, auf die gleiche Ebene zu treten, die eigentlich Gott gehört, dann versucht er die gleichen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen, die Gott in Anspruch nimmt. Die satanische Macht versucht „Gott auf derselben Ebene des überpolaren Seins entgegenzutreten, maßt sich ... dasselbe an, was Gott zukommt. Sie dringt in das Verhältnis ein, in dem Gottes Wille zu meinem Willen steht...” 37 . Ebenso wie Gottes Wille sich in unserem Willen zeigt, wird auch der Satanische Wille zu einem “Willen, der in uns will”. Somit entsteht die Spannung, dass der satanische Wille einerseits ein überpolarer Wille ist, der andererseits in mir selber will. Dadurch, dass er in mir will, ist er aber nicht mehr entschuldbar, und es wird zu unserer Schuld, wenn wir dieser Macht Raum geben. Gottes Versöhnungshandeln richtet sich dann logischerweise auch gegen diesen Willen, der in uns will, „sie richtet sich... gegen den Todfeind Gottes, der in uns will und der Gott auf der ganzen Linie entgegentritt ...Unsere Schuld ist das, was diesem Gegenspieler Gottes ein Recht auf uns gibt” 38 . So gesehen ist die Trennung von Gott nach Karl Heim nichts, was nicht im eigensten Willen begründet ist. Dadurch, dass sich der satanische Wille in mir gegen Gott auflehnt und zu meinem eigenen Willen wird, ist die Schuld an der Trennung auch auf unserer Seite. Auch hier gibt es, wie bei der Frage nach „Urschuld und Einzelverfehlung behandelt, „zwei verantwortliche Stellen” die „innerhalb der Urbeziehung ineinander liegen” 39 . Ich werde zum Schuldigen dadurch, dass der satanische Wille in mir Raum gewinnt. Dieser satanische Wille ist nun nicht nur in uns vorhanden, sondern ist durch seine Überpolarität in allem, was lebt - wie aber passt dieser Wille, der sich gegen Gott in uns auflehnt in unser Bild vom guten Schöpfergott?
37 Jesus der Herr, S. 97
38 Jesus der Weltvollender, S. 80
39 Jesus der Herr, S.121
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6 Der Unvereinbare Widerspruch (Allwirksamkeit und Kampf)
Wenn wir von unserem monotheistischen Gottesbild ausgehen, müssen wir zunächst annehmen, dass alle Dinge von Gott her kommen, wie es besonders im Hymnus des Kolosserbriefes deutlich wird: „Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen” (Kol 1, 16), oder wie es im 1. Korintherbrief heißt: „Und es sind verschiedene Kräfte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem” (1. Kor 12, 6). Gott ist der, der alles bewirkt, selbst das Unglück (Amos 3, 6). Gott wäre nicht Gott, wenn es etwas gäbe, das nicht aus seiner Macht heraus geschieht, seine Gottheit wäre dann in Frage gestellt, ja er wäre sogar entthront. Was den Aspekt der Allwirksamkeit Gottes angeht, so geht Heim mit Luther und sagt: „Gott als der Allgegenwärtige ist selbst im Teufel gegenwärtig. Der Teufel ist nur Gottes Teufel, also ein Werkzeug Gottes” 40 . Die letzte Konsequenz dieses Gedankengangs ist es, dass Gott der ist, der auch im Teufel handelt. Diese Seite, die Allgegenwart Gottes, muss ungekürzt stehenbleiben, ansonsten würde man Gott auf die “Zuschauerbank” setzen und hätte ein deistisches oder gar dualistisches Gottesbild. 41 Alles, was geschieht muss von Gott her kommen.
Heim betont diesen Aspekt der Wirklichkeit Gottes genauso stark wie den des Kampfes, in dem Jesus sich in seinem Leben verstand. Der Ernst der Lage wäre verkannt, wenn nicht bei der Versuchungsgeschichte wirklich alles auf dem Spiel stand. Der Kampf Jesu gegen die widergöttliche Macht wäre dann nur ein „Scheingefecht” 42 , und seine Lebensbestimmung, wie er sie selber verstand, würde zu einer unnötigen Illusion seinerseits werden. Diese beiden Pole der Wirklichkeit stehen bei Karl Heim ungekürzt nebeneinander. Nun ist es ein Akt des Glaubens, sie nicht zu einer Synthese zu verbinden. Der Glaube sieht diese beiden „Gesamtbilder”, wie Heim sie nennt, als unvereinbar nebeneinander. Es darf weder eine Synthese, noch eine Isolierung der Gesamtbilder geben.
40 Jesus der Herr, S. 102
41 Es ist hier vielleicht möglich anzunehmen, dass Gott sich für eine Zeit selber entthront. Indem Gott sich für einen Äon selbst entmachtet und den Satan den “Fürsten dieser Welt” werden lässt, wäre die Frage nach Gottes
Allmacht nicht ganz eingeschränkt, aber zumindest für diesen Äon eingeschränkt. Der Zeitpunkt des Machtwechsels würde dennoch von Gott bestimmt sein. Der endgültige Sieg über den Satan läge dann noch in der Zukunft.
42 Jesus der Herr, S. 105
20
6.1 Konsequenzen beim Versuch einer Auflösung des unvereinbaren Widerspruchs
Wird auf der einen Seite das Gesamtbild der Allwirksamkeit Gottes isoliert betrachtet, so wird der Satan wirklich nur zum Handlanger Gottes, zu einem „harmlosen Kobold” 43 , und die Realität, wie wir sie auch erfahren können, wird nicht ernst genommen. Die andere Seite, das Gesamtbild des Kampfes, isoliert betrachtet, führt dazu, dass wir jeglichen Halt verlieren. Außerdem kann es sicher dazu führen, dass überall dämonische Mächte gesehen werden, wo eigentlich keine sind. Es kommt zu einer Überbewertung des Dämonischen.
Für Heim ist es wichtig, dass das Gesamtbild der Allwirksamkeit Gottes das „Gleichgewicht” 44 auch bei dem Kampf der Gewalten hält. Denkbar ist dieser Widerspruch nicht, zumindest nicht aus eigener Kraft, er wird zum Glaubensakt. Für unsere eigene Existenz bedeutet das aber nun ebenso zweierlei: einerseits können wir das Bewusstsein haben, das wir von Gott gehaltene sind, andererseits sind wir aber auch zum Kampf gegen die widergöttliche Macht aufgerufen, bis er eines Tages von Gott endgültig aufgehoben wird.
6.2 “Aufhebung” der beiden Gesamtbilder bei Gott
Wenn das Reich Gottes in seiner vollen Entfaltung hereingebrochen ist, so Heim, wird die Spannung der beiden Gesamtbilder aufgehoben werden. „Der Widerstreit zwischen der polaren Welt und der überpolaren Wirklichkeit des allgegenwärtigen Gottes kann nur ertragen werden in der Gewissheit, dass die Hochspannung, die wir nicht lösen können, von Gott gelöst werden wird....Wenn Gott sein wird alles in allem, dann wird der Widerstreit der beiden Gesamtweltbilder aufgehoben sein” 45 . In der Vorläufigkeit dieser Welt also gibt es keine andere Lösung, als im Glauben die beiden Gesamtbilder nebeneinander stehen zu lassen, in der Hoffnung und Gewissheit, dass Gott uns eines Tages die Augen für seine Gesamtwirklichkeit auftut. Der erste Korintherbrief sagt das an einer Stelle sehr deutlich: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin” (1. Kor 13, 12).
43 Jesus der Herr, S. 112
44 Jesus der Herr, S. 112
45 Jesus der Herr, S. 139
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7 Zusammenfassung
Entscheidend ist, dass Karl Heim zunächst nicht von philosophischen Erklärungsversuchen ausgehend sein Modell aufbaut, sondern dass er von der Vorgabe der Bibel, insbesondere vom Eigenverständnis Jesu ausgeht, der seinen Auftrag im Kampf gegen einen feindlichen Machtwillen sah. Er lässt sich die Fragen von Jesus her vorgeben und versucht sie angemessen zu beantworten. Dabei stößt er, wie jeder, der das Thema angemessen behandeln will auf einige Widersprüche, die scheinbar unvereinbar nebeneinander stehen. Heim versucht da, wo es Möglich ist, die Widersprüche zusammenzudenken und sieht sie Teilweise auf den unterschiedenen Ebenen von Polarität und Überpolarität ineinander. So erklärt er zum Beispiel das Verhältnis von Gottes Willen zu unserem Willen und damit auch das Verhältnis des Satanischen Willens zu unserem Willen. Der überpolare Wille wird zu einem Willen, der „in uns will”. Damit wird in seinem System auch die Frage der Unterscheidung zwischen Weltschuld und eigener Schuld erklärt. Die Weltschuld wird dadurch zu eigener Schuld, dass der satanische Akt und die eigene Sündenverfehlung zusammen gesehen werden. Somit bleibt eine letzte Spannung bestehen, bei der die Erklärung der Schuldfrage nicht außerhalb unserer menschlichen Existenz zu suchen ist, eine überpolare verantwortliche Stelle aber dennoch ihr Wirken in uns tut.
Als unvereinbare letzte Gegensätze stehen bei Heim die beiden „Gesamtweltbilder” einander gegenüber, die nur im Glauben als gleichwertige Pole derselben Sache zusammen gedacht werden können. Somit ist es ein Akt des Glaubens, die Allwirksamkeit Gottes mit dem Kampf gegen eine Widergöttliche Macht zusammen zu denken. Eine Auflösung dieser Spannung wird es erst im vollendeten Reich Gottes geben, wenn wir vom Glauben zum Schauen kommen.
Bis dahin bleibt nach Heim das Verständnis des Satans als eine widergöttliche Macht, die in uns will und sich an die Stelle Gottes setzen will. Das Dasein des Satans kann nach Heim nicht losgelöst vom Gedanken des Schöpfergottes erklärt werden, dennoch zeigt das Leben Jesu und unsere Realität einen Kampf gegen diese widergöttliche Macht, in den wir mit hinein genommen sind. Der Kampf zeigt uns den ernst der Lage, der Gedanke der Allwirksamkeit Gottes gibt uns den Halt, den wir für diesen Kampf brauchen, und es bleibt uns weiterhin die Gewissheit, dass ohne den Willen Gottes „kein Haar von unserem Haupt verlorengeht” (Lk 21, 18).
22
8 Persönliche Stellungnahme und kritische Würdigung
Hat man sich einmal in die Denkweise Karl Heims hineingedacht, so besticht sie zunächst durch ihre Schlüssigkeit und Klarheit. Es hat wohl kaum ein anderer Theologe die Frage nach dem Bösen in dieser Schärfe gestellt und zu beantworten gesucht. Von einigen Dogmatikern wird die Frage nach dem Satan eher Stiefmütterlich behandelt, Heim jedoch stellt sich ihr in ganzer Konsequenz. Es ist interessant, wie in seinem Denksystem Platz für Gegensätze ist, die sich nicht gegenseitig entschärfen oder ausschließen. Ein letzter unvereinbarer Widerspruch bleibt stehen, der nur als Akt des Glaubens für unser Denken zugänglich wird. Heim weiß um das Gewicht, das der Sünde und des Satans von der Bibel her zukommt, er weiß aber auch von einem letzten Getragensein von Gott. Eine gewisse Größe verleiht es dem Entwurf Heims auch, dass er von Jesus und dem Zeugnis der Bibel her seine Fragen stellt und zu beantworten versucht.
Der Versuch Heims ist in sich logisch und schlüssig und lässt eine Offenheit für Widersprüche, die bestehen bleiben müssen, dennoch ist es sicherlich auch nur ein Versuch (wie wohl jede dogmatische Untersuchung), die Wirklichkeit und das Wesen Gottes, das was von der Offenbarung Gottes uns gegeben ist, in ein menschliches Denksystem zu bringen. Heim weiß einerseits um die Grenzen, die jedes Denksystem und jeder Erklärungsversuch hat, andererseits versucht er in seinem System die Grenzen zu öffnen, indem er die überpolare Ebene mit einbezieht. Das Verständnis des Satans bei Heim befindet sich für mich stark an der Grenze, ein philosophischer Entwurf zu sein, der „B aus A” folgen lässt, letztendlich aber doch „A neben B” stehen lassen muss.
Mir hat das gezeigt, dass unser Denken, das ja sehr von der griechischen Philosophie her geprägt ist und Logik zu seinem Mittelpunkt erklärt hat, in den alles Denkbare eingeordnet wird und das nicht Denkbare ausgeschlossen wird, nicht der Maßstab ist, mit dem wir die göttliche Wahrheit fassen können. Glaube wird zu einer wichtigen Kategorie, die Wirklichkeit zu erfassen, und kann ein Denken in Gegensätzen ermöglichen. Dieses Denken ist sicher für die meisten wichtigen Fragen der Theologie (Theodizee, Gesetz und Evangelium, Rechtfertigung und Heiligung, freier und unfreier Wille, präsentische Eschatologie etc.) notwendig und hilfreich.
Das Problem, die „unmögliche Möglichkeit” des Satans zu denken, bleibt weiterhin unsere Aufgabe - auch wenn von Gott her die Frage längst erledigt und der Satan schon besiegt ist.
23
9 Literaturverzeichnis
Bibelausgaben:
Novum Testamentum Graece, 26. Auflage nach dem 7. revidierten Druck, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1979
Stuttgarter Erklärungsbibel nach der Übers. Martin Luthers in rev. Fassung von 1984, 2. AuflageDeutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1992 Züricher Evangelien-Synopse, 15. Auflage, Oncken Verlag, Wuppertal 1976
Lexika und Wörterbücher:
Begriffslexikon zum Neuen Testament, Verlag R. Brockhaus, Wuppertal 1971 Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, hrg. v. Gerhard Kittel, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966
Themenbezogene Fachliteratur:
Althaus, Paul: Die Christliche Wahrheit, 3. Durchgesehene und ergänzte Auflage, C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1952
Barth, Karl: Die Kirchliche Dogmatik, Band 3/3, Evangelischer Verlag A. G. Zollikon -Zürich, Zürich 1950
Brunner, Emil: Dogmatik Bd. 2, 3. Auflage, Theologischer Verlag Zürich, Zürich 1972 Heim, Karl: Glaube und Denken, 6. durchgesehene Auflage, Aussaat Verlag, Wuppertal 1975 Heim, Karl: Leitfaden der Dogmatik, 3. veränderte Auflage, Max Niemeyer Verlag, Halle (Saale) 1925
Heim, Karl: Jesus der Herr, 5. durchgesehene Auflage, Aussaat Verlag, Wuppertal 1977 Heim, Karl: Jesus der Weltvollender, 3. neubearbeitete Auflage, Furche Verlag, Hamburg 1952
Joest, Wilfried: Dogmatik Bd. 2, 3. Auflage, Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1993
Pöhlmann, Horst Georg: Abriss der Dogmatik, 5. verbesserte und erweiterte Auflage, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1973
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Marco Schlenker, 1998, Der Satan oder das Böse, München, GRIN Verlag GmbH
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