Universität Hamburg
Sozial- und Wirtschaftsgeschichtliches Hauptseminar
Seminartitel: Außenseiter der Geschichtswissenschaft
Hausarbeit
DIE MACHTTHEORIE FOUCAULTS
von Jens-Henning Fischer
INHALT
EINLEITUNG 3
1. DIE GRUNDZÜGE DER MACHTTHEORIE FOUCAULTS 4
1. 1. Die Archäologie 5
1. 1. 1. Beispiel: Der Wille zum Wissen und zur Wahrheit im wissenschaftlichen Diskurs der Moderne 12
1. 2. Die Genealogie 15
1. 2. 1. Was ist Macht? 15
1. 2. 2. Dispositive der Macht 19
1. 2. 3. Beispiel: Das Wahrheitsdispositiv der Moderne 20
2. PROBLEME DER MACHTTHEORIE 23
2. 1. Habermas´ Kritik an Foucault 25
2. 2. Das Problem der Anwendbarkeit am Beispiel Paul Veynes 28
3. GESCHICHTSSCHREIBUNG MIT FOUCAULT? – EIN FAZIT 30
LITERATUR 33
Einleitung
Bevor ich Inhalt und Vorgehen dieser Arbeit erläutere, möchte ich darauf hinweisen, dass die Beschäftigung mit Foucault mich in eine völlig andere Richtung geführt hat, als ich anfangs dachte. Was ich zu finden erwartete, waren theoriegeleitete Methoden für den Umgang mit Geschichte, die das häufig unreflektierte Aneinanderreihen historischer Ereignisse zu vermeiden helfen sollten. Statt dessen musste ich feststellen, dass Foucault ein Denker war, den weniger die Mittel für die „richtige“ Beschäftigung mit Geschichte interessierten, als vielmehr die Beschäftigung mit Geschichte selbst als ein Mittel – ein Mittel, um die Herkunft unserer Art des Denkens aufzudecken und dabei das gängige wissenschaftliche Selbstverständnis einer schonungslosen Kritik zu unterziehen. Wenn man also Foucault für die Geschichtsschreibung fruchtbar machen kann, dann nur über den Weg eines zumindest annähernden Verstehens seines Gesamtprojektes.
Diese Aufgabe ist allerdings aus zwei Gründen nicht leicht: Zum einen sind Foucaults Texte alles andere als leicht zu lesen – was sicherlich nicht zuletzt an den von ihm behandelten Problemen selbst liegt -, zum anderen stellen sie insgesamt kein homogenes Ganzes dar, sondern sind durch „theoretische Verschiebungen“1 gebrochen, die seine Philosophie in mehrere Phasen unterteilen und so nochmals den Zugang erschweren.
Ich habe mich schließlich dafür entschieden, in dieser Arbeit nur das, was ich für die wichtigsten und unverzichtbaren theoretischen Grundlagen seiner Philosophie halte, herauszuarbeiten (1), womit ich nicht nur den Umfang dieser ohnehin schon etwas längeren Arbeit reduziere, sondern gleichzeitig die erwähnten Phasen schlicht einebne, indem ich Foucault nur bis zu dem Punkt folge, an dem seine Machttheorie als voll entwickelt gelten kann. Eine solche Vereinfachung birgt zwar die Gefahr, Foucault nicht ganz gerecht zu werden, ist aber hier notwendig und macht zudem den Blick auf grundsätzliche Probleme der postmodernen Philosophie Foucaults frei, die ich anschließend erörtern will (2). Abschließend werde ich zu dem Ausgangspunkt zurückkehren und kurz erläutern, inwiefern Foucaults Überlegungen für die Geschichtsschreibung von Bedeutung sein können (3).
1. Die Grundzüge der Machttheorie Foucaults
Eine, wenn nicht gar die zentrale Rolle in der Philosophie Foucaults spielt der Diskurs. Die Bedeutung des Diskurses liegt für ihn darin, dass er „nicht bloß das [ist], was die Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache übersetzt: er ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht“2.
Diskurse sind geregelte Formationen von Aussagen. Aussagen wiederum sind nichts anderes als die „anonyme Materialität des wirklich Gesagten“3, womit wohl die bloße Äußerung gemeint ist, ohne ihre Platzierung in übergreifende Regel- und Sinnzusammenhänge. Die Beschaffenheit der so definierten Diskurse zu einem bestimmten Zeitpunkt ergibt sich daraus, wie in einer Gesellschaft gerade „die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen“4. Auf diese Prozeduren der Kontrolle von Aussagen werde ich unten (1. 1.) noch näher eingehen.
Die so eingeschränkten Diskurse zusammengenommen formieren ihrerseits das „allgemeine System der Formation und der Transformation von Aussagen“5: das Archiv. Das Archiv, in das die kontrollierenden Prozeduren eingelassen sind, ist einerseits konstitutiv für die einzelnen Diskurse, indem es als gemeinsame Geltungsgrundlage die Kompatibilität isolierter, an sich bedeutungsloser Aussagen und damit die intersubjektive Verständigung erst ermöglicht, andererseits ist es auch selbst wiederum durch die Diskurse konstituiert, die zusammengenommen ja erst das Archiv bilden. Als „System des Funktionierens der Aussage“6, wird das Archiv von Foucault auch als „historisches Apriori“ bezeichnet, weil es zu jeder Zeit die unhintergehbare diskursive Ausgangssituation, nämlich die Bedingung der Möglichkeit sprachlicher Kommunikation und des sprachvermittelten Denkens überhaupt ist.
Obwohl also ein Archiv als solches notwendig ist, ist es nicht notwendig so, wie es ist, denn die mit dem Archiv vorgegebenen Fundamente, auf die sich vernünftige Diskurse stützen, sind historisch kontingent: „Die veränderlichen Ordnungen des Wissens und der Macht sind die historischen Bedingungen, deren Unbewusstheit uns dazu verleitet, unsere Existenzweise jeweils für den Inbegriff des Menschseins zu halten“7. Eben diesen Mangel an Reflexion auf die Regeln und die hinter diesen stehenden Kräfte, die unser Denken, Sprechen und Handeln bestimmen, sowie die selbstgefällige und gefährliche Annahme, es gebe einen richtigen Standpunkt, von dem aus die Welt zu betrachten sei – und dass es natürlich der gegenwärtige sei – all dies will Foucault uns austreiben. Dies versucht er, indem er zunächst aufzeigt, welchen Regeln wir unbewusst unterliegen – welches die Aufgabe seiner Archäologie ist – um später den hinter diesen stehenden Kräften, ihrer banalen und gewalttätigen Herkunft nachzugehen – wofür seine Genealogie zuständig ist. Konsequenterweise stellt Foucault unser gesamtes, humanwissenschaftlich geprägtes Weltbild infrage, sodass seine Archäologie sich hauptsächlich den Regeln des wissenschaftlichen Diskurses widmet, während sich folglich die Genealogie der Wissenschaftsgeschichte bedient, welche bei Foucault allerdings in ihrer kritischen Funktion vollständig aufgeht. So entlarvt Foucault noch vor Lyotard und anderen postmodernen Denkern die „großen Erzählungen“ der Moderne als bloße Konstrukte einer selbstgefälligen Epoche des abendländischen Denkens.
1. 1. Die Archäologie
[....]
1 Fink-Eitel, H., 1992: Foucault zur Einführung, S. 14ff
2 Foucault, M., 1974: Die Ordnung des Diskurses, S. 8
3 Fink-Eitel, H., 1992: Foucault zur Einführung, S. 58
4 Foucault, M., 1974: Die Ordnung des Diskurses, S. 7
5 Foucault, M., 1973: Archäologie des Wissens, S. 188
6 ebenda, S. 187
7 Fink-Eitel, H., 1992: Foucault zur Einführung, S. 9
Arbeit zitieren:
Jens Henning Fischer, 1996, Die Machttheorie Foucaults, München, GRIN Verlag GmbH
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