Inhalt
1. Filmische Daten. 3
2. Einleitung. 3
3. „Sitcom“ zwischen Fernsehserie und Kinofilm - eine Analyse 4
3.1 Familienbild mit Ratte - Analyse des Films „Sitcom“ 5
3.1.1 Das Figurenkabinett in „Sitcom“ 6
3.1.2 Gefängnis der Kultur / Freiheit der Sexualität - Zeichendiskurse in „Sitcom“
8
3.2 Vom Fernsehbild zum Kinobild „Sitcom“ im Zeichen der Intermedialität 10
4. Über den Abfall - Wahrnehmungen des Fernsehdiskurses unter Einbeziehung
Pierre Bourdieus und John Fiskes. 12
4.1 Das Fernsehen und gesellschaftliche Macht - Pierre Bourdieu und das
Massenmedium. 14
4.1.1 Trash versus Kunst - Benennungsmacht und Fernsehen 16
4.1.2 Kitsch und Kunst - kulturelle Praxis in der Gesellschaft 17
4.1.3 „Über das Fernsehen“ - Bourdieus Fernsehvorträge 19
4.2 Kultur und Populärkultur - Fernsehen und John Fiske. 20
4.2.1 Lektüre des Populären nach John Fiske 20
5. Fazit. 22
Literatur 24
2
1. Filmische Daten
Titel: Sitcom Buch/Regie: François Ozon Kamera: Yorick Le Saux Musik: Éric Neveux Farbe: color Tonverfahren: Dolby SR Produzent: Olivier Delbosc und Marc Missonnier Schnitt: Dominique Petrot Darsteller: Évelyne Dandry, François Mathouret, Marina de Van, Adrien de Van u. a. Laufzeit: 85 Minuten
Frankreich 1998 1
2. Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit der Adaption von Fernsehästhetiken in François Ozons „Sitcom“ befassen. Ausgangspunkt der Überlegungen soll dabei eine Analyse des Films darstellen, die sich vornehmlich mit der Aneignung und Fortentwicklung fernsehästhetischer Prinzipien auseinandersetzen wird. Dem soll eine allgemeine Überlegung zur medialen Transformation von Fernsehbildern in Kinobilder, vor dem Intergrund intermedialer und intertextueller Diskurse am Beispiel des Films „Sitcom“ folgen. Abgeschlossen wird diese Arbeit durch eine Reflexion der Fernsehbeurteilung im öffentlichen Diskurs, wobei die Schriften von John Fiske und Pierre Bourdieu als zentrale Anhaltspunkte eines diskursiven Feldes der Medienbeurteilung im Spannungsfeld zwischen Fernsehverachtung und Fernsehen als Projektionsfläche öffentlicher Diskurse zu untersuchen seien werden.
Dem sei - an dieser Stelle - eine kurze Einführung in das Filmwerk und die Person François Ozons vorangestellt: François Ozon wurde am 15. November 1967 in Paris geboren
1 Quelle: www.imdb.com
3
und drehte seinen ersten Film - „Photo de famille“ 2 - bereits 1988, dessen zentrales Schlussmotiv (siehe Fußnote) in „Sitcom“ wieder aufgegriffen wird. Bereits in seinen frühen Amateurfilmen zeigt Ozon einen Zweifel an der Stabilität bürgerlicher Lebensformen. Der scheinbaren bürgerlichen Idylle werden, im Verlauf seiner Geschichten, Bilder gegenübergestellt, die die Porosität und Konstruiertheit der bürgerlichen Existenz verdeutlichen. Ein weiteres zentrales Motiv Ozons ist, in diesem Zusammenhang, die fluide Form der Sexualität, die auch in Bezug auf „Sitcom“ sowie in dem Seriengenre der Daily Soap eine Rolle spielt.
Abschließend sei in dieser Einleitung noch erwähnt, dass „Sitcom“ Ozons erster
Langfilm war. Dieser Produktion waren Kurzfilme wie „Regarde la mer“ 3 vorausgegangen. Ozon zeigt als Filmautor des Jeune Cinéma eine beeindruckende Virtuosität in der Narration. Seine Geschichten überraschen stets mit an Subversion heranreichenden Wendepunkten ohne, dass das Werk seine Leichtigkeit verliert. Ozon ist - im besten Sinne - ein Zeichner der Oberfläche.
3. „Sitcom“ zwischen Fernsehserie und Kinofilm - eine Analyse
Der Titel des Films weist auf die Bedeutung des Fernsehens und ihre Serienproduktionen hin. Tatsächlich zeigen sich zahlreiche Adaptionen und Referenzen auf serienspezifische Phänomene sowohl in der Ästhetik als auch in der Dramaturgie des Films. Zunächst möchte ich den Film jedoch losgelöst von diesen intermedialen Dimensionen betrachten. Im Folgenden soll der Film daher zunächst in seiner immanenten Struktur anhand seiner Figuren analysiert werden. Anschließend möchte ich über die Besprechung ausgewählter filmischer Zeichen die - teilweise - Übernahme fernsehspezifischer Formen untersuchen. Schließlich soll eine Überlegung der Transformation des Fernsehbildes zum Kinobild diese Analyse abschließen.
2 Photo de famille (Frankreich 1988): Ein Amateurfilm Ozons, in dessen Verlauf er seinen Bruder die gesamte Familie umbringen lässt. Der Film endet mit einer makaberen Einstellung, die die Ermordeten (Vater, Mutter und Schwester) auf dem Sofa sitzend zeigt der Bruder Ozons setzt sich zwischen die leblosen Körper der einzelnen Familienmitglieder und betätigt den Selbstauslöser der Photokamera.
3 Regarde la mer (Frankreich 1997): Kurzfilm Ozons, der die Begegnung zweier Frauen zum Thema hat und über seine Protagonistinnen zunächst die bürgerliche mit der freien Lebensphilosophie vergleicht. Eine
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3.1 Familienbild mit Ratte - Analyse des Films „Sitcom“
Der Film beginnt - nach dem Aufziehen roter Theatervorhänge, die den Film hier klar als Inszenierung einer fiktiven Handlung auf der ‚filmischen Bühne’ kenntlich machen - mit der Ankunft der Figur des Vaters, das Zuhause erscheint in der Totalen als großbürgerliche Villa in einer nicht näher zu spezifizierenden parkartigen Umgebung. Nach Betreten des Hauses lässt sich das Geschehen nur anhand der Tonspur, durch den Rezipienten nachvollziehen, da sein Blick auf das Äußere des Anwesens beschränkt bleibt. Einem einsetzenden
Geburtstagsständchen folgt unvermittelt ein schockiertes „Mais Jean, pourquoi?“ 4 , den begleitenden Geräuschen ist das Ziehen einer Pistole zu entnehmen, der gänzliche Abschuss der Familie setzt ein. Anschließend weist ein Textinsert mit der Aufschrift: „Quelques moi
plus tôt …“ 5 auf eine erste Chronologie der folgenden Ereignisse hin. Zeit wird im Verlauf des Films stets vage gehalten und nicht präzisiert, die Handlungen die sich nicht in Bild oder Ton unmittelbar auf der Kinoleinwand ereignen werden nicht durch Textinserts oder im Dialogfluss rekonstruiert, außerhalb der audiovisuellen Präsenz stattfindende Ereignisse und Entwicklungen sind auf die Konstruktionen des Zuschauers angewiesen.
Insgesamt spielt der Film mit der Opposition bürgerlicher Konformität und individualisierter Libido. Jeder Protagonist erlebt durch den Kontakt mit der Ratte eine Wandlung. Auslöser der spezifischen Veränderung ist die Ratte, die die konditionierten Strukturen bürgerlichen Lebens erodieren lässt um sie durch ebenso plakativ wirkende Signale einer selbstbefreiten Anarchorealität zu ersetzen. Die Passivität der Charaktere wird durch Aktivität ersetzt. Die destruktiven Elemente dieser Wandlung werden durch den
kollektiven Mord am Vater - Jean (François Marthouret) 6 , der die kulturell überformte Bürgerlichkeit selbst darstellt und schließlich durch das Verzehren der Ratte zum Monster wird - überwunden.
besondere Subversion des Sujets liegt im Mord, mit dem der Rezipient - am Ende des Films - unvermittelt konfrontiert wird.
4 Zitiert nach synchronisierten Untertitel des Films.
5 Die, in Folge dieser Hausarbeit auftretenden, Zitate aus dem Film werden ausschließlich in französischer Sprache und nach entsprechenden Untertiteln oder filmimmanenten Textbeständen vorgenommen, weswegen in der Regel im Folgenden auf weitere Quellenverweise, insofern direkt aus dem Film zitiert wird, verzichtet werden wird.
6 François Marthouret ist insofern eine interessante Besetzung, als das er in Frankreich vor allem als Fernsehschauspieler bekannt ist, so wirkte er beispielsweise in der Krimiserie, „Julie Lescaut" (Frankreich 1992….), in der Rolle des Paul Lescaut von 1992 bis 2000 mit und in dem Fernsehfilm „Bonjour tristesse“ (Frankreich 1995) in der Rolle des Raymond
5
Die eigentliche Exposition setzt dabei jedoch erst mit der Ankunft des Hausmädchens Maria
(Lucia Sanchez) 7 ein. Die Figuren werden nacheinander dem Zuschauer präsentiert, die Ratte wird durch den Vater in die Familie gebracht. Der Film entwickelt sich hauptsächlich durch seine Figuren, weswegen diese im Folgenden, unter Einbeziehung der Ratte als auslösendes Ereignis, einzeln betrachtet werden.
3.1.1 Das Figurenkabinett in „Sitcom“
Die Figuren in „Sitcom“ erscheinen an der Oberfläche als bloße Klischees, als Stereotypen einer an das Titel gebende TV-Genre orientierten Dramaturgie. Entwicklungen der Figuren finden in diesem Sinne nicht statt viel mehr werden die Klischees ausgetauscht. Die Charaktere erscheinen wie direkt dem Fernsehen entnommen und austauschbar. Das jeweilige Verhalten wird filmisch weder erklärt noch hinterfragt; einzig die unmittelbare Präsenz ist es, die diese ‚Charakterschatten’ abbildet. Ein Wechsel zwischen den Extremen konformistischer Bürgerlichkeit und tabuloser Abgründe, im Verlauf des Films, zeichnet dabei - wie bereits erwähnt - die einzelnen Figuren aus.
Maria (Lucia Sanchez): Maria begegnet dem Zuschauer erstmals, bei ihrem Antritt der Stelle als Haushaltsgehilfin im Anwesen der Familie. Von Beginn an fällt sie durch ihre Wandelbarkeit auf, dies zum einen durch den häufigen Wechsel des äußeren Erscheinungsbildes, zum anderen durch die Interaktionen mit den einzelnen Charakteren. Die Veränderung durch den Kontakt mit der Ratte stellt sich bei ihr als nicht so fundamental dar wie etwa die der einzelnen Familienmitglieder. Einzig das nun aktive Ausleben ihrer Sexualität und die am Ende angedeutete lesbische Beziehung zu Héléne können auf den Kontakt mit der Ratte zurückgeführt werden.
Héléne (Évelyne Dandry): Héléne scheint sich vordergründig ganz und gar in ihrer Mutterrolle zu erfüllen, die um sie herum stattfindenden Veränderungen werden verdrängt und durch sie verweigert. Filmisch wird dies besonders durch das Verstopfen der Ohren vorm Schlafen deutlich. Sie lehnt zunächst entschieden die Ratte ab und nimmt sich ihrer erst in totaler Verzweiflung an. Nach ihrem Kontakt beginnt sie jene Formen von Liebe und Kommunikation, die sie sich vergeblich von ihrer Familie erhofft, aktiv zu suchen und landet schließlich im Bett ihres Sohnes Nicholas, den sie von seiner Homosexualität, mittels Inzest, ‚heilen’ will. Sie veranlasst den Aufenthalt in einem Sanatorium um die innerfamiliären Probleme zu lösen.
7 Lucia Sanchez wirkte bereits zuvor in Ozons Kurzfilm „Une robe d’été“ von 1996 in der Rolle der Lucia mit.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Philipp Blum, 2006, Das Fernsehbild im Film. Zur Adaption von Fernsehästhetiken im Film am Beispiel von François Ozons „Sitcom“, München, GRIN Verlag GmbH
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