Pour Christine, qui a toujours voulu que j’écrive ce livre.
Für Sophie und Tristan
Inhaltsverzeichnis
Das Buch der Abwesenden 9
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - Die Jordis und Brentanos 11
Absolutismus 11 - Die Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main 12 - Kriegswirren,
Verfolgungen und Flüchtlinge 13 - Die „Pomeranzenkrämer“ 14 - Die Brentanos 17
Clemens und Bettina Brentano 19 - Aufklärung 22 - Das „gotische“ Frankfurt 23
Die Goethes 23 - Goethe und Bettina Brentano 27 - Hochkultur „in tempore belli“ 30
Kriegswirren 30
Das Kaiserreich Österreich - In Armee und Staatsdienst 33
Das Entstehen eines Vielvölkerreiches 33 - Das Regiment von Jordis 34 - Friede 35
Anton Edler von Jordis und sein Sohn Johann 36 - Revolutionen und Gegenrevolutionen 38
Das Königreich Lombardei-Venetien - Der Delegat von Verona 39
Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha - Die Geschwisterkinder 56
Coburg und die Geschwisterkinder 56 - Niedergang und Aufstieg des Hauses
Sachsen -Coburg 56 Der „Familien-Verein“ Coburg 58 - Das trojanische Pferd und der Sankt
Petersburger Schutz 60 Schwarzes Schaf oder Opferlamm 62 - Der versteckte Sohn 64
Unabh ängigkeit 66 Eduards Kindheit 67 - Adelige Namensgebung 70 - Lehr- und
Wanderjahre 71 Das Märchen vom Waisenmädchen, von der bösen Stiefmutter und vom
sch önen Prinzen 73 Seitensprünge 75 - Die versteckte Tochter 76 - Hochzeit der
Geschwisterkinder 78 Weichenstellung 81 - Der Kammerherr des Erbprinzen 84 - Häuslicher
Segen 85 Das spanische Wirtshaus im Spessart 85 - Ausschweifendes Junggesellenleben 87
Trotzalter und viktorianische Erziehung 89 - Biedermeierszenen 91 - Feste im Hause
L öwenfels und anderswo 91 Besuche in Coburg 93 - Thronfolge 93 - Der Besuch der Queen
Victoria 94 - La petite Grandmaman 96 Revolutionen und Gegenrevolutionen 96
Herzog Ernst II. und Deutschlands Einigungsversuche 100 - Große Politik -- Paris 100
Osborne House 102 - Wien 103 - Der Tod der Großfürstin 104 - Wieder ein Besuch der
Queen Victoria in Coburg 105 - Nachkommen- Sophie und Emma 106 Ernst und Albert von
L öwenfels 107 - Versöhnung 108 - Goldene Hochzeit 109 - Rückkehr zu den Stätten der
Kindheit 111 - Der Herzog und sein Hoftheater 113 - Die Meyern-Hohenbergs in Coburg 117
Tod und Beerdigung mit königlichen Ehren 117
Die Österreich-Ungarische Monarchie 120 Emma und Amélie von Meyern-Hohenberg und August Frhr. Jordis von Lohausen
Ein Land und eine Zeit für Genies 123 - Ein Vielvölkerreich 124 - Kaiser Franz Josef I. 125 August Jordis von Lohausen und Amélie von Meyern-Hohenberg 128 - Der frühe Tod Leopolds von Meyern-Hohenberg 129 -Lebenskünstler und Künstlerleben 131 - Fifi 132 Einsamkeit und Geselligkeit 133 - Katastrophen in Wien 133 - Große Welt 134 - Lili 136 Winter in Coburg 137 - Improvisierte Ferien am Land 137 - Andere Wohnungen, andere Ateliers 139 - Am Attersee 141 - Brüheim, Gotha, Coburg, Wien 142 - Die junge Generation wird erwachsen 144 - Die k. u. k. Armee 146 - Das Regiment 147 Leutnant Gustl-Brautzeit 149 -Ein letztes Mal Coburg 150 - Hochzeit 152 Garnisonsleben 153 - Schon wieder eine neue Generation 155 Zusammenhörigkeitsgefühl 157 - Pola und Seebach 158 - Garnisonskindheit 159
Die „wilhelminische“ Zeit Hubert Frhr. von Wangenheim und Krysia von Pogrell 162
„Herrliche Zeiten“ 162 - Jahrhundertwende 165 - Die Freiherrn von Wangenheim 165 Die Junker 167 - Das Berlin der Jahrhundertwende 169
Europas dreißigjähriger Selbstvernichtungskrieg 1914-45 171
Spannung vor dem Ausbruch 171 - Viribus Unitis 173 - Der Kampf als inneres Erleben 177 Niederlage 178 - Der letzte Kaiser 178 - Ein Frieden als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln 179 - Überleben oder nicht Überleben 180 - Hungersnot 181 -Deutsch-Österreich 183 Heinrich und seine Schwestern 184 - Schiffbrüchige 185 - Die Salzburger Festspiele 185 Heinrich Jordis-Lohausen 186 - Die Weimarer Republik 187 - Krysia und ihre Brüder 188 Heinrich Jordis-Lohausen und Krysia von Wangenheim 189
Das Buch der Anwesenden 191
Rückblick 193 - Die erste noch lebende Generation 193 - Staatsbesuche, Weltausstellung, Filme 194 Anschluss 195 - Eine Ehrensache 197 -Der Anfang vom Untergang des deutschen Ostens 198 Schlesien 199 - Gorgast 199 - Rommel und das Afrikakorps 201 - Erwachen 204 Die Ausrottung der europäischen Juden und ihrer tausendjährigen Kultur in Mittel- und Osteuropa 206 - Bei Charkow eingekesselt 208 - Ein Bruder mitten im ersten Bombenterror über Berlin 210 - Kasperltheater 212 - Cattolica 213 - Graz 214 - Berlin wird zerstört 215 Kindertrost 215 - Senka 216 - Vergeltung 217 - Kinderleiden, Kinderfreuden 218 - Freunde, Ausflüge, Einladungen 219 Steinhaus 221 - Klein-Spiegel in Hinter-Pommern 222 Flucht 224 Vae victis 226 - Jetzt fahren wir gefahrvolle Wege und haben nicht Haus noch Hof noch Herd 227 Vertreibung 229 -Langfeld 232 Überleben 233 - Letzter Einsatz 234
Kriegsende und Nachkriegszeit - Wirre Zeiten und ein Sich Wiederfinden 235
Kriegsende 235 - Zusammenbruch 235 -Muttersorgen 236 - Kinderfreuden 237 Gelbsucht 238 Prekäre Existenzen in unruhigen Zeiten 238 - Abschied vom Norden 239 Meine Großmutter 240 Wieder Graz 240 - Zum ersten Mal Familienleben 241 - Hunger 242 Schicksale 243 - Ferien in Pörtschach 244 - Das Akademische Gymnasium 245 Kulturträchtige Jahre 246Theater 247 - Opern und Konzerte 248 - Ein russischer Märchenfilm 249 - Sport und Sommerferien 250 - Salzburg 251 - Wien 252 Reisen 253
Jahrhundertmitte - Gärung, Sichtung und Kalter Krieg, erste Initiativen zur Einigung Europas 255
Epilog - Europa - Einigung oder Untergang 259
Danksagung 262
Stammtafeln 264
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - Die Jordis und Brentanos
Absolutismus
Wir befinden uns in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Abendland steht im Zeichen des Absolutismus. In England wird Karl I. hingerichtet und Oliver Cromwell regiert als Lordprotektor. Leopold I. wird römisch-deutscher Kaiser. Ludwig XIV. herrscht in Frankreich, der „Große Kurfürst“ in Brandenburg. Der italienische Hochbarock tritt seinen Triumphzug durch Mitteleuropa an. Baldassare Longhena baut seit fast zwei Jahrzehnten an der Kuppelkirche Santa Maria della Salute in Venedig. Johann Bernhard Fischer von Erlach ist gerade geboren. Rembrandt malt den „Mann mit dem Goldhelm“, Velazquez „König Philipp IV. auf der Saujagd“. Claudio Monteverdi bringt in Venedig kurz vor seinem Tod die Oper „L’Incoronazione di Poppea“ zur Aufführung, Heinrich Schütz komponiert die „Die sieben letzten Worte Christi am Kreuz“. Archangelo Corelli und Johann Pachelbel werden aus der Taufe gehoben.
Calderon de la Barca kreiert Dramen für den spanischen Hof. Jean-Baptiste Molière und Jean-Baptiste Lully arbeiten gemeinsam an comédies-ballets für den französischen. Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen schreibt seinen „Simplicissimus“. Daniel Defoe wird geboren. René Descartes formuliert ein neues mechanistisches Weltbild und eine rationale Selbstbegründung der menschlichen Existenz.
Lissabon, Sevilla, Amsterdam und London haben sich als Zentren eines rasch anwachsenden Überseehandels durchgesetzt. Nationale Überseehandels-
gesellschaften werden gegründet. Genua bleibt erster europäischer Geldplatz. Der Dreißigjährige Krieg hat weite Teile Deutschlands völlig verwüstet. Aus Frankreich verbreitet sich der Gruß durch Hutabnehmen.
Man schreibt das Jahr 1658, als dem Simon Jordit, Landwirt im Dorfe Fêternes im Herzogtum Savoyen, ein Sohn geboren wird, den er auf den Namen Johannes Franciscus tauft. Soweit lässt sich die Familie Jordit oder Jordis zurückverfolgen. Was davor geschah, liegt im Dunkel der Vergangenheit, denn die Kirchenbücher des Ortes Fêternes sind während der Französischen Revolution verbrannt. Kamen diese Jordits aus Katalonien, wo ja Jordi Georg heißt? Oder aus dem Norden Europas, wo Jordis heute noch ein bis auf die alte Edda zurückgehender weiblicher Vornahme ist? Oder vielleicht aus dem nahen Schweizer Kanton Fribourg, wo eine Bürger- und Handwerkerfamilie mit dem Namen Jordil bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Wir wissen es nicht.
Sicher, dagegen, ist, dass es in dieser Familie immer wieder Brückenbauer gegeben hat, die Bogen zu neuen Horizonten, zu neuen Möglichkeiten geschlagen haben. Durch einen solchen Brückenschlag werden die Jordits wohl auch irgendwann nach
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Savoyen gekommen sein. Und schon der Sohn jenes Johannes Franciscus, der Andreas hieß, war wieder einer jener Brückenbauer. Im Jahre 1688 in Fêternes geboren, verließ er als junger Mann seine Heimat, wanderte in die deutsche Handelstadt Frankfurt am Main und wurde dort ansässig. Und so wird diese Stadt für über ein Jahrhundert seine Wirkungsstätte und die seiner Nachkommen.
Die Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main
Zu einer Zeit, in der es der Stadt Frankfurt nach jahrzehntelanger mühsamer Arbeit gelungen ist, sich aus den Trümmern des Kriegs wieder ein, wenn auch ganz anderes Profil zu schaffen und als „Mainhattan“ zum ersten Finanzplatz und Wolkenkratzer-City Deutschlands zu werden, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie diese Handelsmetropole am Main Ende des 17. Jahrhunderts ausgesehen haben mag. So will ich versuchen, ein notwendigerweise unvollkommenes Bild der alten Kaiserstadt in all seiner Pracht, seiner Handelstüchtigkeit, seinem malerischen Charme und, damals schon, in seiner oft turbulenten völkischen Vielfalt zu skizzieren. Als freie Reichsstadt unterstand Frankfurt direkt den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1 . Dieses vor- und übernationale Reich erstreckte sich im 17. Jahrhunderts im Westen von Nizza am Mittelmeer bis Dünkirchen am Ärmelkanal, im Osten vom Pommern an der Ostsee über Schlesien, Mähren, Österreich bis Kroatien am Mittelmeer und es umfaßte ganz Norditalien, mit Ausnahme von Venetien, aber einschließlich der Toskana und Savoyens. Frankfurt am Main war ein selbstständiges Staatswesen innerhalb dieses Reiches. Es wurde vom „Rath“, einer bürgerlichen Oligarchie von Patrizierfamilien regiert. Besonderes Ansehen genoss Frankfurt unter den deutschen Städten überdies seit 1356 als Stadt der Königswahl und seit 1562 auch als Stätte der Kaiserkrönung. Handwerk und Handel schafften den Reichtum der Stadt und vermehrten ihre Bedeutung. „Mit der Gründung des Doms hängt der Beginn einer Einrichtung zusammen, die eine irdisch nährende Quelle der Größe Frankfurts bedeutet, nämlich die Messe. Die neue Weihe der Kirche zu Ehren des heiligen Bartholomäus 2 gab Anlass zu der Kirchweih, aus der die Messe sich entwickelte, anfangs eine Herbstmesse, zu der etwa hundert Jahre später eine Ostermesse hinzukam. Von den Kaisern begünstigt, erlangte sie bald großen Ruf und legte den Grund zu Frankfurts Blüte als Handelsstadt.“ 3 Wie auch heute noch waren diese „Messen“ die wichtigsten und größten Handelsveranstaltungen. Sie boten den Kaufleuten eines durch Zoll-und Gewerbeschranken zersplitterten Deutschlands, die Möglichkeit
1 Dieses erste deutsche Reich begann mit Kaiser Otto I. im Jahre 962. Seitdem galt der deutsche Herrscher, zugleich Herr Norditaliens, als allein berechtigt zur Kaiserkrone. Ursprünglich fand die Krönung durch den Papst in Rom statt, später in Frankfurt am Main. Trotz verschiedener Wandlungen hielt sich die Kaiser- und Reichsidee das ganze Mittelalter hindurch und das H.R.R. behielt seinen übernationalen Charakter als Lehensverband bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806. Es war damit nie ein Nationalstaat wie Frankreich oder England und die Macht des Kaisers über die Stände des Reiches war beschränkt.
2 Die Domkirche
3 Ricarda Huch „Von Kaisern begünstigt“, in „Liebe zu Frankfurt“, Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), Societäts-Verlag,, 1990, Seite 92.
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uneingeschränkt Waren zu kaufen und zu verkaufen. Von überall her kamen sie angereist.
Alle großen Städte Deutschland versuchten solche kaiserliche Messeprivilegien zu erwerben und fremde Kaufleute anzuziehen. Die Konkurrenz war groß, doch Frankfurt hatte durch seine Lage im Schnittpunkt zwischen Nord-Süd und Ost-West, einen beachtlichen Vorteil. So erlebte der Messehandel in Frankfurt, der jeweils zwei Wochen dauerte, während des 14. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Die Stadt erwarb sich zu der Zeit den Ruf das „Kaufhaus Deutschlands“ zu sein. Sie wurde wohlhabend und schuf von da an jenes großartige gotische Stadtbild, das bis ins 20. Jahrhundert erhalten bleiben sollte. Waren es im Mittelalter vorwiegend deutsche Handwerker- und Landwirtschaftsmessen gewesen, so verwandelten sie sich ab dem 16. Jahrhundert zunehmend in Großhandelsmessen, an denen eine immer größere Anzahl von ausländischen Kaufleuten teilnahm. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ging zwar ein vorwiegender Teil des Handels mit Ost-Elbien und Ost-Europa an die günstiger gelegene Stadt Leipzig verloren, doch behauptete sich Frankfurt als Hauptmessestadt im Westen des Reiches. Außerhalb der Messewochen wurden für die laufenden Bedürfnisse an Lebensmitteln und Gewerbeartikeln zweimal wöchentlich, mittwochs und samstags, Wochenmärkte abgehalten, zunächst auf dem engen Platz um den Dom herum, später zunehmend auch auf den umliegenden Gassen und Plätzen, besonders auf dem „Samstagsberg“. Jedes Gewerbe hatte seinen festgesetzten Standort. Der Weinmarkt, zum Beispiel, befand sich am Mainufer unterhalb der Leonhardskirche. Und schließlich gab es noch den täglichen Ladenhandel.
War diese Handelstätigkeit strengen städtischen Regeln unterworfen, so schuf sie doch ein buntes, vielfältiges Durcheinander. „Da schlich man zum Weinmarkte, bewunderte den Mechanismus der Krahne, wenn Waaren ausgeladen wurden; besonders aber unterhielt uns die Ankunft der Marktschiffe, wo man so mancherlei und mitunter so seltsame Figuren aussteigen sah. Ging es nun in die Stadt hinein, so ward jederzeit der Saalhof, der wenigstens an der Stelle stand, wo die Burg Kaiser Karls des Großen und seiner Nachfolger gewesen sein soll, ehrfürchtig gegrüßt. Man verlor sich in die alte Gewerbstadt, und besonders Markttages gern in dem Gewühl, das sich um die Bartholomäuskirche herum versammelte. Hier hatte sich von der frühesten Zeit an die Menge der Verkäufer und Krämer übereinander gedrängt, und wegen einer solchen Besitznahme konnte nicht leicht in den neueren Zeiten eine geräumige und heitere Anstalt Platz finden….Nur selten aber mochte man sich über den beschränkten, vollgepfropften und unreinlichen Marktplatz hindrängen…Der Römerberg war ein desto angenehmerer Spaziergang.“ 4
Kriegswirren, Verfolgungen und Flüchtlinge
Andreas Jordit aus Fetêrnes etabliert sich also Anfang des 18. Jahrhunderts in diesem geschäftigen Frankfurt, und zwar als Weinhändler. Es erscheint einleuchtend, dass er
4 Aus J.W. v. Goethe, „Wahrheit und Dichtung“, Erster Teil, Erstes Buch
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in der freien Reichs- und Handelstadt mehr Entwicklungsmöglichkeiten sah als in seinem kleinen Dorf in den Bergen über dem Genfersee. Aber verhielt sich das wirklich noch so? Hatten nicht viele freie Handelsstädte wie Augsburg, Ulm, Nürnberg, Straßburg, Köln oder Lübeck seit der Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Konkurrenz der Nachbarstaaten, durch die Verschiebung alter Handelswege, und vor allem durch die Religionskriege an Bedeutung eingebüßt? Vielleicht traf das auf einige zu. Doch für Frankfurt, Hamburg, Leipzig oder Danzig hatte gerade diese Entwicklung das Gegenteil bewirkt. Die kluge Haltung ihrer Bürgerschaft in den Religionskriegen und die freundlich-tolerante Aufnahme in großer Anzahl vertriebener Protestanten aus den spanischen Niederlanden und Frankreich hatten sie, im Gegenteil, bereichert, ihnen einen neuen Aufschwung gegeben. Und so übernahm Hamburg die hanseatische Herrschaft in der Nordsee, Danzig die in der Ostsee, Leipzig zunehmend den Handel mit Osteuropa, während Frankfurt durch die Tatkraft einer zugewanderten ausländischen Kaufmannschaft das Erbe der oberdeutschen und rheinischen Städte antrat. Es wurde zum deutschen Hauptsitz aller ausländischen Protestanten sowie einer immer zahlreicheren Judengemeinde. Die große Einwanderung begann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als in Frankreich die Hugenottenkriege tobten und die Spanier in den Niederlanden wüteten. Sie dauerte das ganze 17. Jahrhundert an, als die geflüchteten Protestanten in katholischen Städten, wie Köln, Aachen oder Worms nochmals verfolgt wurden, und als auch das Dasein in kleineren Städten während des 30-jährigen Krieges (1618-48) und später während der deutsch-französischen Reichskriege (1674-1714) immer unsicherer wurde. Zuletzt hatte noch die Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes durch Ludwig XIV. ab 1685 eine neuerliche Flut von Hugenotten aus Frankreich nach Deutschland kommen lassen. Diese geistig und wirtschaftlich unverhoffte Bereicherung war ein Segen für das ausgeblutete Land und seine Städte. Denn zunächst hatte der Dreißigjährige Krieg viele Teile Deutschlands verwüstet: Ganze Landstriche lagen brach, die Dörfer waren verbrannt, die Bauern umgebracht oder in die Städte geflüchtet. Später erfüllten die Raubkriege Ludwig XIV. und die von seinen Heeren begangenen Grausamkeiten und Verwüstungen, „dergleichen auch in denen Heydnischen und Türkischen Kriegen nie erhöret“, ganz Deutschland mit Schrecken. Es war eine Zeit völliger Unsicherheit. Bis es zwei illustren Feldherrn, dem Prinzen Eugen von Savoyen, „dem edle Ritter“, der das kaiserliche Heer befehligte, und seinem englischen Verbündeten, dem edelmütigen John Churchill, Duke of Malborough, gemeinsam gelang die Machtbestrebungen des französischen Königs vorübergehend einzudämmen. Denn England war in seiner Europapolitik stets darauf bedacht gewesen, das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent ausgleichend zu beeinflussen, um kein Königreich jemals zu stark werden zu lassen.
Die „Pomeranzenkrämer“
Doch noch eine dritte Einwanderungswelle ganz anderer Art erreichte seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts Frankfurt. Es handelte sich diesmal hauptsächlich um eine zunehmende Anzahl italienischer Kaufleute, die nicht mehr aus politischen oder
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religiösen, sondern aus rein geschäftlichen Gründen in der Mainmetropole Fuß zu fassen versuchten. Diese rührigen Italiener, die ursprünglich nur ihre eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach Deutschland ausführten, begannen in Laufe der folgenden Jahrzehnte im größeren Stil mit Lebensmitteln und vor allem mit Gewürzen Handel zu treiben und in Deutschland Handelsgesellschaften zu gründen. Die politischen Umstände begünstigten diese Unternehmungen. Denn durch die Türkenkriege im Osten und die Franzosenkriege im Westen hatten die nordsüdlichen Handelswege an Bedeutung gewonnen. Diese führten in südlicher Richtung über die Alpenpässe nach Italien und in nördlicher den Rhein abwärts in die Niederlande. Die italienischen Händler wählten Frankfurt als Hauptstützpunkt nördlich der Alpen, denn als sie „damals vom Hausierer- und Kleinhandel mit Südfrüchten zum Großhandel mit Spezereiwaren übergingen, war die besonders günstige Lage der Stadt zwischen Genua und Amsterdam, ihren Warenbezugsquellen, maßgebend.“ 5 Andreas Jordis 6 zählte als Savoyarde 7 auch zu diesen Italienern. Doch war er Weinhändler, nicht Gewürzhändler. Und man findet im Frankfurter Bürgerverzeichnis des Jahres 1733 folgenden Eintrag: „Jordis, Andreas, Händler mit französischen, italienischen und spanischen Weinen.“ Dieser rührige, tatkräftige junge Mann verlor offensichtlich keine Zeit. Denn, so heißt es in einer Frankfurter Chronik, „die bedeutendste Handlung mit… ausländischen Weinen, welche zugleich am längsten bestanden hat, wurde von dem Savoyarden Andreas Jordis oder Jordit gegründet….Wie so viele Italiener erhielt er im Jahre 1733 durch seine Verheiratung mit einer Bürgertochter, Ursula Margaretha Lindt, einer Tochter des katholischen Bierbrauers und Weinhändlers Stefan Lindt in der Benderstrasse, das hiesige Bürgerrecht.“
Schon hundert Jahre zuvor, bei der ersten großen Immigrantenwelle, verlief die Einbürgerung oder Integration, wie man heute sagen würde, nicht immer reibungslos. Jetzt war es noch schwieriger: Einerseits, wurde „in der rein lutherischen Reichsstadt die Einwanderung so zahlreicher katholischer Personen als eine Gefährdung des herrschenden Religionsbekenntnisses betrachtet“. Daher wurde bestimmt, dass Katholiken ohne Einheiratung erst dann Bürger werden durften, wenn sie sich zum Luthertum bekehrt hatten. Die Heirat einer Bürgerwitwe oder Bürgerstochter war deswegen „der sicherste und billigste Weg zur Erlangung des Bürgerrechtes, “ und so waren „zu diesem Zwecke…von katholischen Einwanderern die Töchter der wenigen katholischen Bürger sehr gesuchte Partien.“ Auch hier befindet sich Andreas Jordis im Brennpunkt des Geschehens, wurde doch die
5 Diese und die folgenden Zitate, und ganz allgemein, die meisten Informationen über Frankfurt als Handelsstadt stammen aus Dr. Alexander Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, in fünf Bänden, im Eigenverlag, Frankfurt am Main, 1910-25
6 Er muss wohl damals seinen Namen von Jordit in Jordis geändert haben. Warum ist nicht bekannt. Wir wissen, dagegen, dass es seit 1631 eine sehr angesehene protestantische Immigrantenfamilie Jordis in Frankfurt gab, die aber keine verwandtschaftlichen Beziehungen mit den savoyardischen Jordis hatte.
7 Das Herzogtum Savoyen mit Hauptstadt Turin war eine der italienischen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches. Der in den Westalpen gelegene Teil davon, das eigentliche Savoyen, fiel erst 1859 an Frankreich.
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töchterreiche Bierbrauerfamilie Lindt, seine Schwiegerfamilie, dadurch stadtbekannt, dass sie durch Verheiratung ihrer vielen Töchter so manchem katholischen Einwanderer zum Bürgerrecht verhalf und dass man ihren Namen daraufhin in den Stammbäumen fast aller italienischen Familien Frankfurts wiederfindet. „Eine von den Lindtschen Töchtern konnte sich sogar rühmen, durch ihre Hand drei Italienern…zum Bürgerrecht verholfen zu haben.“ Doch für Andreas Jordis werden auch für den Aufbau seines Geschäfts die Beziehungen des Schwiegervaters, vielleicht aber auch die Schwippschwägerschaft mit einer Reihe von später einflussreichen italienischen Familien von Vorteil gewesen sein.
Andererseits, waren die Streitigkeiten und die Reibereien mit den italienischen Neuankömmlingen rein wirtschaftlicher Natur, fühlten sich doch „die herrschenden Geschlechter in ihrer Stellung bedroht und die Kaufmannschaft verfolgte mit Besorgnis und Neid den geschäftlichen Aufschwung und zunehmenden Reichtum der Fremden.“ Die eingesessene Bürgerschaft warf den Italienern -- es handelte sich hauptsächlich um Landwirte und Südfrüchtehändler vom Como-See, die sogenannten Comenser, auch Pomeranzenkrämer oder Citronengänger genannt -unfaire Konkurrenz vor, nicht nur verkauften sie ihre Zitronen, Pomeranzen, Limonen, Granatäpfel, Kapern, Oliven und zunehmend auch Gewürze, unter Verletzung der festgesetzten Marktregeln des Frankfurter Rats, sondern sie führten überdies ihre Gewinne nach Italien ab, um dort, in ihrer Heimat, Liegenschaften zu erwerben und Schlösser zu bauen. 8 Durch „ihre rücksichtslose und aufdringliche Geschäftsführung“ seien die Italiener schon in Straßburg und Basel aufgefallen und vertrieben worden, jetzt versuchen sie es in Frankfurt, beschwerte man sich. Wo immer möglich, trachtete der Frankfurter Rat daher ihre Tätigkeiten einzuschränken. Man gestattete ihnen lediglich als „Hocker“ (Zwischenhändler) an den beiden Wochenmärkten teilzunehmen sowie den täglichen Verkauf in ihren Läden. Man verbot ihnen jedoch ausdrücklich das „Umtragen“, das Hausieren mit Waren, in Wirthäusern oder sonst wo. Doch die italienischen Händler kümmerten sich wenig um diese Bestimmungen oder versuchten sie zu umgehen. Auf diese Weise gelang es ihnen, im Laufe der Jahrzehnte weitgehend den lukrativen Groß- und Kleinhandel mit Gewürzen und anderen Spezereiwaren zu übernehmen. 9 Wohl konnte in vielen Fällen die erste, oft auch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Italiener noch nicht die Vollbürgerschaft erwerben, sondern mussten sich begnügen Beisassen oder Schutzbürger zu sein. Das heißt, sie genossen den Schutz der Stadt, hatten aber keine Bürgerrechte. Daher suchte 1705 Joseph Brentano durch seinen einflussreichen Vetter Jakob in Wien beim Kaiser Josef I. um Unterstützung an und „erwirkte bereits am 22. Januar 1706 ein Reskript, wonach dem Rat aufgetragen
8 Tatsächlich erinnern bei den Brentanos beispielsweise die damals entstandenen Palazzi Brentano in Genua und Mailand und die zierliche Barockvilla Sola-Busca in Tremezzo an diese Zeit.
9 Man kann nicht umhin an die Übernahme eines Großteils des einfachen Gastgewerbes in Westdeutschland durch Italiener Ende des 20. Jahrhunderts zu denken
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wurde, die Italiener nicht nur in ihrer bisher geführten Handlung kontinuieren zu lassen, sondern auch in die Zahl der Bürger aufzunehmen“. Der Rat konnte nun den italienischen Gewürzhandel nicht mehr offen verbieten, es wäre auch zu spät gewesen, aber ein Kleinkrieg zog sich während des ganzen 18. Jahrhunderts hin. Es vollzog sich nur insofern eine gewisse Normalisierung, als die folgenden, schon in Deutschland geborenen Generationen, nicht mehr so regelmäßig oder gar nicht mehr nach Italien zurückkehrten. So wurde eine Anzahl jener italienischen Familien in Frankfurt in Laufe des 18. Jahrhunderts zu stolzen, einflussreichen Kaufleuten und Bürgern der Stadt. Und für viele von ihnen hatte diese Einbürgerung in Geiste nicht einmal eine Veränderung ihrer Landeszugehörigkeit bedeutet, war doch das Herzogtum Mailand, wie das Fürstentum Savoyen, schon seit dem Mittelalter ein Teil des Heiligen Römischen Reiches gewesen.
Die Brentanos 10
Die zweifellos bedeutendste der zahlreichen italienischen Familien, die im 17. und 18. Jahrhundert in Frankfurt Fuß fassten, war die der Brentanos. Sie haben in den folgenden Jahrhunderten einen wichtigen Beitrag zur Kultur, Wirtschaft und Politik Deutschlands geleistet und sind dort wesentlich bekannter geworden als in ihrem Ursprungsland.
Die Brentanos waren ihrem Ursprung nach weder Bauern noch Händler. Sie entstammten einer jener alten norditalienischen Familien des niederen Landrittertums und waren seit Anbeginn Ghibellinen gewesen. Das heißt, ihre Familiengeschichte ist eine Saga Jahrhunderte langer Kämpfe, Triumphe und Niederlagen, auf der Seite der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gegen die Guelfen, die Parteigänger der römischen Päpste. Auch der Stammvater der Familie, Johannes de Brenta, um 1250 in Brenta bei Varese geboren, nahm an diesen Kämpfen teil und trug dazu bei, dass das ghibellinische Geschlecht der Visconti die Herzogsmacht in Mailand errang. Als Anerkennung dafür durften die Brentanos seit der Zeit die Schlange der Visconti in ihrem Wappen führen. Dieser Johannes war es auch, der Brenta verlässt, um sich in Bonzanigo am Como-See niederzulassen. Seine Söhne und Enkel erweitern den dortigen Grundbesitz der Familie, der aus Feldern, Olivenpflanzungen, Weinbergen, Weiden und Viehherden besteht. Doch der Kampf der Ghibellinen gegen die Guelfen flammte erneut auf und diesmal gewinnt die päpstliche Partei die Oberhand. Die Kämpfe arten in einen regelrechten Vernichtungskrieg aus, ganze Geschlechter werden ausgelöscht, ihre Kastelle verbrannt, ihre Besitzungen verwüstet. Zur selben Zeit fordert die Pest ihre Opfer unter den Überlebenden. Erst die Mitte des 15. Jahrhunderts bringt Frieden und weitgehende Versöhnung. Das Land wird neu besiedelt und erholt sich langsam. Die Brentanos haben überlebt und dehnen ihre Besitzungen weiter aus. Die durch
10 Die meisten Informationen und Zitate dieses Abschnitts sind entnommen Peter Anton von Brentanos Buch, „Schattenzug der Ahnen“, Druck und Verlag von Josef Habbel, Regensburg 1940, sowie der Monographie von Alfred Engelmann, „Die Brentanos am Comer See“. verlegt von Niklas Frhr. von Schrenck, 1974.
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Jahrhunderte kinderreiche Familie teilt sich in mehrere Stämme, die wiederum in zahlreiche Häuser zerfällt. Sie führen den Titel „nobilis“ und „magnificus“, einige Häuser werden später in den kaiserlichen Freiherrn- oder Grafenstand erhoben. Als der Condottiere Franceso Sforza den letzten Visconti als Herzog von Mailand ablöst, erlebt die Lombardei noch einmal eine ungeahnte wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Doch sie sollte nicht lange anhalten. Schon 1535 zog Kaiser Karl V., nach dem Tod des letzten Sforza, das Herzogtum Mailand als Reichslehen ein und unterstellte es seinem Sohn, dem späteren Philipp II. von Spanien. Diese spanische Fremdherrschaft wirkt sich lähmend auf die Entwicklung der Lombardei aus. Sie endet erst zwei Jahrhunderte später als das Herzogtum Mailand nach dem Spanischen Erbfolgekrieg 1706 wieder an die österreichischen Habsburger fällt. War die Verbindung der Brentanos mit dem Kaiserreich nördlich der Alpen nie abgerissen, so verstärkte sie sich noch zu dieser Zeit. Aus dem Hause der Brentano-Toccia wird Graf Guiseppe Brentano kaiserlicher Generalschatzmeister in Italien und Mitglied des Geheimen Staatsrates im Herzogtum Mailand. Graf Giovanni Pietro Brentano, aus dem Hause Montecelli, kaiserlicher Gouverneur in Como und Statthalter in der Lombardei. Als Offiziere im kaiserlichen Heer machten sich vor allem die Brentanos aus dem Hause Cimaroli durch drei Generationen einen glänzenden Namen. Der bekannteste, der spätere Feldmarschallleutnant, Josef Anton Freiherr von Brentano, steht bereits als siebzehnjähriger im Kampf gegen die Türken. Im Siebenjährigen Krieg gegen Friedrich II. tut er sich in zahlreichen Schlachten und Gefechten durch ungewöhnliche Kühnheit und strategisches Können hervor.
Währenddessen ist sein Bruder Josef Andreas Senator in Mailand sowie kaiserlicher Konsul in Genua und Triest. Dessen Sohn, Anton Josef, dagegen, trifft man, fünfzehnjährig, wieder unter den kaiserlichen Fahnen. Er macht den Siebenjährigen Krieg, den bayrischen Erbfolgekrieg und den Russisch-Türkischen Krieg mit, wird General und Inhaber des Infanterie-Regimentes Nr. 35 und Ritter des Maria-Theresien-Ordens. Er kämpfte bei Novi und vor Belgrad und verteidigt schließlich die Stadt Trier erfolgreich gegen die Franzosen. An den bei Novi erlittenen und schlecht verheilten Wunden stirbt er achtundvierzigjährig im Hause seines Vetters Peter Anton Brentano 1793 in Frankfurt am Main. 11 Er wurde „in großer Pracht und Feierlichkeit im Domstift“ zu Frankfurt beigesetzt.
Und schließlich, und das betrifft nun auch die Jordis, sind es die schon erwähnten Handelsherrn aus dem Hause Brentano-Tremezzo und Brentano-Gnosso, die ihre Brücken über die Alpen nach Deutschland und vor allem nach Frankfurt am Main
11 Peter Antons Tochter Bettina Brentano, damals noch ein Kind, ist Augenzeugin seines Todes und berichtet viel später darüber an Goethe: „da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden: die Mutter pflegte ihn, und er hatte sie so lieb, dass sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit ihm, er sagte: ‚Matt!’ und sank zurück ins Bette; da lag er blass und still; die Mutter rief ihn: ‚Mein General!’ Da öffnete er die Augen, reichte ihr lächelnd die Hand und sagte: ‚Meine Königin!’ - und so ist er gestorben. Ich seh’ die Mutter noch wie im Traum, dass sie vor dem Bett steht, die Hand dieses erblassten Helden festhält und ihre Tränen leise aus den großen, schwarzen Augen über ihr stilles Antlitz rollen….“
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schlagen. Auch sie werden sich durch ihre Jahrhunderte alte Ghibellinen-Tradition in Deutschland fast ebenso zu Hause gefühlt haben wie in der Lombardei. Carlo Brentano aus dem Hause „Gnosso“, „magnifico domino“ aus Bolvedro am Comersee, taucht schon 1673 als Beisasse und Handelsmann, sowie Teilhaber der Firma „Bellini, Brentani & Forni“ in Frankfurt auf. Seine erste Handlung befindet sich noch in einem gemieteten Laden im Schweizerhof. Sein jüngster Sohn -- eben jener oben genannte Guiseppe oder Joseph Brentano, der durch seinen Vetter in Wien beim Kaiser vorstellig wird -- und später sein Enkel, Karl Anton Maria, führen das Geschäft erfolgreich fort, jetzt schon im eigenen Haus in der Töngesgasse. Dagegen gründet der Urenkel des alten Patriarchen, Anton Maria Brentano, Beisasse und Handelsherr in Frankfurt, seine eigene Firma im neuerbauten Haus zum „Goldenen Adler“ in der Schurgasse 41.
Andreas Jordis, inzwischen der erfolgreichste und wohlhabendste Weinhändler am Platz, hatte von seinem Schwiegervater das Haus „Zum grünen Baumgarten“ gekauft, ebenfalls in der Töngesgasse. 12 Er wird also die Brentanos in derselben Gasse durch nachbarliche Beziehungen gekannt haben. Vielleicht haben auch die Kinder und Enkelkinder miteinander gespielt. Wahrscheinlich ist er ihnen auch schon im Hause seines Schwiegervaters Lindt, der ja nun mit vielen der italienischen Händler verschwägert war, begegnet und hatte geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen mit ihnen gepflogen. Es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass sein dritter Sohn, Andreas Georg Friedrich, 1747 in Frankfurt geboren, im Jahre 1777 Maria-Theresia, die jüngste Tochter jenes Anton Maria Brentano aus der Schurgasse heiratet. (Vgl. dazu Stammtafel I.)
Clemens und Bettina Brentano
Ich möchte die Brentanos nicht verlassen, ohne ihrer vielleicht berühmtesten Mitglieder, Clemens und Bettina, gedacht zu haben. Ihr Vater Peter Anton stammt aus dem Hause „Tremezzo“, ist also nicht direkt mit den Jordis verwandt. Dennoch hat Andreas Friedrich ihn gut gekannt, war doch Peter Anton in erster Ehe mit seiner Schwägerin Paula Maria Walpurga Brentano, der älteren Schwester seiner Frau, verheiratet. Sie waren also Schwippschwäger. Peter Antons Sohn Franz, direkter Cousin der Jordis, stammt aus dieser Ehe. Denn Peter Anton hat dreimal geheiratet und zwanzig Kinder gezeugt, von denen dreizehn überlebten. Franz wurde nach dem Tod seines Vaters Chef des Frankfurter Brentano Familien-Clans und zu einer bedeutenden Persönlichkeit des wirtschaftlichen, öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens weit über Frankfurt am Main hinaus. Er war nicht nur erfolgreicher Geschäftsmann, sondern -- seit Katholiken nach 1815 erstmals öffentliche Ämter in Frankfurt bekleiden durften -- ein um das Wohl der Stadt bemühter Stadtrat und Schöffe. Als Oberhaupt der Familie hat er für seine zahlreichen jüngeren Halbgeschwister den Vater ersetzt. Sein Halbbruder Clemens schreibt viele Jahre
12 In der Töngesgasse des heutigen Frankfurts bedeckt ein riesiges Beton-Parkhaus die Stätte, auf der bis zum Bombenhagel von 1944 dieses Haus und seine Nachbarhäuser malerisch gestanden hatten.
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später an ihn: „Du warst uns bis jetzt von Jugend auf….der Vater, die Familie, das Hab und Gut, Du warst mir der Schutz und das fruchtbringende Heiligtum der Familie.“ Die zwanzig Jahre jüngere Bettina beschreibt ihn als „einen Mann von entzückender Milde, Heiterkeit und Güte“.
Clemens und Bettina, stammen aus der zweiten Ehe ihres Vaters, mit Maximiliane von La Roche. Clemens kam als neuntes Kind 1778 zur Welt, Bettina als dreizehntes 1785. Ihr Vater betrieb im eigenen Hause „Zum Goldenen Kopf“ in der Großen Sandgasse seine Geschäfte unter eigener Firma. Er war erfolgreich und wohlhabend und „wählte sich - etwa 1777 - ein modernes Haus mit repräsentativer Fassade im Stil des Vorklassizismus, die Front gegliedert wie zwei Risalite 13 , die das Haus wie einen kleinen Palast in Mittelbau und Seitenflügel teilten.“ 14 Hundert Jahre früher im Geschäft seines Großvaters, waren es noch Laufburschen gewesen, die in Stadt und Land die Waren ihres Geschäftsherren vermarkteten, jetzt waren es zahlreiche kleinere italienische Geschäftsleute, die von den großen Handelsherren in Frankfurt mit Geld und Waren versehen wurden und diesen einen ständigen Umsatz sicherten. Die von Peter Anton Brentano geführten Waren, die er im Norden aus London sowie aus seinem Einkaufskontor in Amsterdam bezog, im Süden aber aus Marseille, Genua, Venedig und aus seiner Heimat am Como-See, bestanden aus Gewürzen aller Art (Pfeffer, Muskatnüssen, Gewürznelken, Zimt, Anis), verschiedene Sorten Zucker (Melis, Kandis und holländisches Raffinat), Kaffee, Tee, Schokolade, Tabak, Lorbeerkörnern, Korinthen, Zitronat, Safran, Berliner Blau, Bleiweiß, Schwefel, Hirschhorn, Alaun, Baum- und Rüböle, Schinken, Würsten, Schweizer und Holländische Käsen, Kerzen und Steinkohle. Ein weitgestreutes Assortiment! Aber wenig, was aufgeweckte Kinder zur Literatur oder Dichtkunst inspirieren könntees sei denn die exotischen, orientalischen Gewürze. Wie geschah es also, dass aus einer zugewanderten italienischen Händlerfamilie gleich zwei der bedeutendsten Vertreter der deutschen romantischen Literatur hervorgegangen sind? Die Antwort liegt wohl weniger in Frankfurt als in Koblenz.
Zum Rat des Kurfürsten von Trier und Finanzverwalter des kurrheinischen Kreises ernannt, überlässt Peter Anton das Geschäft in Frankfurt seinem Sohn Franz, und lebt im Folgenden die meiste Zeit am Hofe des Kurfürsten in Ehrenbreitstein. 15 Er wird damit in „bessere Kreise“ eingeführt und erlebt die „große Welt“, soweit man bei den Klein- und Kleinstfürstentümern des damaligen Deutschlands von großer Welt sprechen kann. Dort lernt der neununddreißigjährige Witwer seine zweite Frau Maximiliane von La Roche kennen. Ihr Vater Georg Michael Anton von La Roche ist Minister am kurfürstlichen Hof, ihre Mutter Sophie Schriftstellerin und Hofdame. Es ist ein geselliges, schöngeistiges Haus. Schon Wieland 16 war dort zu Gast gewesen. Etwas später ist es Goethe, den ein „belletristisches und sentimentales Streben“ mit
13 Aus der Front eines Gebäudes senkrecht in ganzer Höhe vorspringender Gebäudeteil.
14 Ernst Beutler, „Essays um Goethe, Inseltaschenbuch, 1995.
15 Heute ein Vorort von Koblenz
16 Christoph Martin Wieland (1733-1813), deutscher Dichter.
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der Mutter verbindet. Auch die Tochter bleibt ihm nicht gleichgültig, „welche freilich nicht anders als liebenswürdig war. eher klein als groß von Gestalt, niedlich gebaut; eine freie, anmutige Bildung, die schwärzesten Augen und eine Gesichtsfarbe, die nicht reiner and blühender gedacht werden konnte.“ (Wahrheit und Dichtung). Doch die pragmatische Mutter verheiratet die 18jährige Maximiliane sehr bald an den „schon etwas ältlichen, langweiligen, sehr wohlhabenden Großkaufmann (Peter Anton) Brentano in Frankfurt“. 17 Für letzteren ist diese Verbindung ohne Zweifel ein gesellschaftlicher Aufstieg. Maximiliane schenkt ihrem Mann zwölf Kinder und stirbt jung. Bettina ist beim Tod ihrer Mutter erst acht Jahre alt, mit zwölf verliert sie auch den Vater. Peter Anton verstarb als Millionär -- trotz bedeutender Außenstände -- denn bei Hof war er von im Exil lebenden französische Prinzen „befreundet“ worden und hatte ihnen Geld geliehen, das nie zurückgezahlt wurde. Dennoch hinterließ er jedem seiner Kinder ein erkleckliches Vermögen.
17 Richard Friedenthal, „Goethe, Sein Leben und seine Zeit“, Deutscher Bücherbund, Seite 152.
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Aufklärung
Doch noch sind wir in der Mitte des 18. Jahrhunderts, im Zeitalter der Aufklärung, des ausgehenden Barock. Das Abendland erlebt den letzten Höhepunkt aristokratischer Lebenskultur, wie sie sich in den Barock- und Rokokopalästen eines Fischer von Erlach oder Pöppelmann und in den Symphonien Joseph Haydns wiederspiegelt. Johann Sebastian Bach ist in Leipzig gestorben und Händel hat in London sein letztes Oratorium „Jephta“ vollendet. Wolfgang Amadeus Mozart kommt in Salzburg zur Welt. Josef Haydn komponiert sein erstes Streichquartett, Christoph Willibald Gluck kreiert mit „Orfeo ed Euridice“ die erste italienische Reformoper gegen übersteigertes Virtuosentum.
Gotthold Ephraim Lessing schreibt „Miss Sara Sampson“, Carlo Goldoni die „Mirandolina“. Voltaire ist zu Gast in Potsdam, Emmanuel Kant promoviert in Königsberg. J.J.Rousseau schreibt die „Abhandlung über die Ungleichheit“. Österreich ist durch die Eroberungen auf dem Balkan auf Kosten des Osmanischen Reiches zur Großmacht aufgestiegen. Frankreich ist geeint, Deutschland zersplittert wie noch nie zuvor. Ludwig XVI. und Marie Antoinette werden geboren. Friedrich II. von Preußen, der sich zum „ersten Diener“ seines Staates erklärt, kämpft im Siebenjährigen Krieg gegen die Kaiserin Maria-Theresia und gegen König Ludwig XV. von Frankreich um Schlesien und um die Existenz seines Königreiches. Währenddessen, verdrängt Georg II. von Großbritannien Frankreich erfolgreich aus Indien und Nordamerika. Großbritannien wird damit erste Welthandelsmacht und legt den Grundstein zum britischen Imperium. In England bahnt sich die industrielle Revolution an. 18
Andreas Jordis stirbt 1754 als wohlhabender Handelsmann. Man erzählt, „sein Weinlager bestand bei seinem Tode aus 35 Stück 19 meist Rüdesheimer und 74 ½ Piècen (20 000 Bouteillen) ausländischer Weine.“ Wie damals bei Kaufleuten üblich, hatte auch er einen Teil seiner flüssigen Gelder in Darlehen an den Hochadel angelegt, an den Fürsten Alexander Ferdinand von Thurn und Taxis, den Herzog Wilhelm von Sachsen-Eisenach, den Fürsten Waldeck, und andere. Doch war er in Bankgeschäften offensichtlich weniger erfolgreich als im Weinhandel, denn die Chronik berichtet, dass sein Gesamtnachlass 177.961 Gulden betragen habe. Doch ohne die „bösen Ausstände bei königlichen, fürstlichen, gräflichen und sonstigen Potentaten“ wären es 235.918 Gulden gewesen. Geschäftsnachfolger wird sein ältester Sohn Stefan. Dessen jüngerer Bruder Andreas Georg Friedrich Jordis, mit Maria Theresia Brentano verheiratet, tritt aus der väterlichen Firma aus und macht sich selbstständig. Auch er wird Weingroßhändler. Leider ist uns nur wenig über die Jordis aus der Zeit überliefert, daher müssen wir uns damit behelfen, was Bettina
18 Vgl. dazu : Prof. Werner Stein (Hrgr.), „Der Neuer Kulturfahrplan“, F.A. Herbig, München, 2004.
19 Ein Stück (deutsches Hohlmaß) entspricht etwas 10-12 Hektolitern, eine Pièce (französisches Hohlmaß) entspricht etwa 2.2 Hektolitern. Das Weinlager bestand demnach aus etwa 42.000 Litern inländischer und etwa 16.000 Litern ausländischer Weine.
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Brentano, Goethe und andere über das städtische Umfeld und über das tägliche Leben in Frankfurt erzählt und aufgezeichnet haben.
Das „gotische“ Frankfurt
Im 18. Jahrhundert erlebt Frankfurt noch einmal eine Blütezeit und wird immer vielschichtiger. Durch den starken Zustrom landfremder Elemente bestand die Frankfurter Kaufmannschaft nun aus einem bunten Gemisch deutscher, niederländischer, französischer, schweizerischer und italienischer Kaufleute und aus Lutheranern, Reformierten, Katholiken und Juden. Heute würde man sagen: eine multi-kulturelle Gesellschaft. Erstaunlich dabei ist die verhältnismäßig rasche Verschmelzung dieser vielen, in nationalem, religiösem und wirtschaftlichem Gegensatz stehenden Elemente zu einer einheitlichen und reichlich selbstbewussten Bevölkerung, „der Frankfurter Borjerschaft“.
Die freie Reichstadt treibt weiterhin Handel, entwickelt sich, aber bleibt, zumindest äußerlich, immer noch eine mittelalterliche Stadt, bis ins 19., ja bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Der französische Dichter Gérard de Nerval, ein großer Liebhaber deutscher Literatur und erster französischer Übersetzer von Goethes „Faust“ beschreibt die Stadt bei einem Besuch 1838 folgendermaßen: „In den Gassen und Straßen findet man mit großer Freude noch das Bild einer gotischen Stadt, das man sich gerade für Frankfurt erträumt hat und das sonst vom modernen Stil unserer Zeit in fast allen anderen Städten Deutschlands verändert wurde. Da sind noch die engen gewundenen Gassen mit ihren geschwärzten Häusern, figurengeschmückten Fensterleibungen, vorragenden Obergeschossen; die Brunnen mit ihren kunstvoll geschmiedeten Bekrönungen oder geschmückt mit malerischen und drolligen Steinplastiken; Kapellen und Kirchen als Zeugnisse einer wundervollen Architektur….“ 20 Und um 1860 wurde nach Zeichnungen von Peter Becker eine Reihe von Lichtdrucken veröffentlicht. Sie zeigen die auch damals noch prachtvolle, rein mittelalterliche Frankfurter Altstadt - neben Nürnberg die größte in Deutschland - mit ihren prunkvollen vier bis fünfstöckigen Fachwerkhäusern und hohen Giebeln, mit den engen Gassen und Durchgängen, den kleinen Plätzen, Brunnen und Innenhöfen. „An der Schmidtstube und an der Butterwaage“, liest man dort, „am Krautmarkt, an der Stadtwaage und am Roseneck, zum Rebstock, der Arnsburger Hof, im gelben Hirsch, das Höfchen im Römer, der Römerberg zur Zeit des Weihnachtsmarkts, Hinterhäuser in der Judengasse, der Rahmhof mit dem Zeughaus…“
Die Goethes
In diese engen Gassen mit ihren Traditionen und Vorurteilen war Mitte des 18. Jahrhunderts die Aufklärung vielleicht noch nicht weit eingedrungen, aber sie hat dort ein, ebenfalls vom Wind der Geschichte hereingewehtes Samenkorn gestreut. In einer dieser engen Gassen, am Großen Hirschgraben, kam
20 Zitiert aus: Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), op. cit., Seite 146.
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„am 28. August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage Zwölf“ Johann Wolfgang Goethe zur Welt. „Die Constellation war glücklich;“ wie er viel später selbst erzählt, „die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminirte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig, nur der Mond, der so eben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins umso mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.“ 21 Unter diesen Vorzeichen wurde Deutschlands größter Dichter geboren.
Entgegen landläufiger Meinung waren die Goethes keine alteingesessene Frankfurter Patrizierfamilie, sosehr der Dichter das später selbst hat wahrhaben wollen. Auch sie waren „Zugewanderte“. Gewissermaßen verdankt Frankfurt seinen berühmtesten Sohn der Unduldsamkeit des französischen Sonnenkönigs! Denn Johann Wolfgangs Großvater Friedrich Georg Goethe war ein tüchtiger, unternehmungslustiger Schneidermeister und stammte aus Artern in Thüringen. Auch er war ein Brückenbauer. Und als ihm die Heimat zu eng wurde, begab er sich auf Wanderschaft nach Frankreich -- erst in die Modehauptstadt Paris und als es ihm dort nicht gefiel, in die Seidenstadt Lyon, wo er sich niederließ. Als nun durch die Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV. alle Protestanten, die sich nicht zum „allein selig machenden Glauben“ bekehren wollten, aus Frankreich vertrieben wurden, begab er sich noch einmal auf Wanderschaft und kam so 1686 als 29-jähriger nach Frankfurt am Main. Wie so viele Einwanderer heiratete auch er eine Frankfurter Bürgerstochter. Als Lutheraner hatte er es einfacher, die Auswahl war größer. Und als seine erste Frau früh verstarb, heiratete er noch einmal, eine reiche Witwe, die einen Gasthof mit in die Ehe brachte: den Weidenhof an der Zeil, „lange eines der ersten Häuser in Frankfurt. Die Geschäftskarte zeigt ein fast palaisartiges Gebäude, vierstöckig, mit Halbsäulen an der Mittelfront und einem Katalog der Entfernungen für internationale Gäste, der bis nach St. Petersburg und Rom reicht.“ 22 So hängte er den Schneiderberuf an den Nagel und ward Hotelier und ….Weinhändler. Als Zunftgenosse wird Andreas Jordis ihn vielleicht gekannt haben. Mit dem Weinhandel hat Friedrich Georg Goethe auch „einen großen Teil des Familienvermögens erworben, von dem auch der Enkel noch lange Jahrzehnte seinen Aufwand bestritt. Ein Patrizier war er nicht, aber er hinterließ 90.000 Gulden in Grundstücken, Hypotheken und siebzehn Ledersäcken mit Bargeld. Der Sohn, Goethes Vater, hat keinen Gulden dazuverdient, sondern als „Particulier“ gelebt, als der ‚Rat’, was ein bloßer, vom Kaiser für 313 Gulden erkaufter Titel ohne jede Tätigkeit war.“ 23
Der Enkel des tüchtigen Schneidermeisters, Johann Wolfgang, wächst gemeinsam mit seiner Schwester Cornelia im väterlichen Haus am Großen Hirschgraben auf.
21 J.W. v. Goethe, op.cit., Erster Teil., Erstes Buch.
22 Richard Friedenthal, op. cit., Seite 9.
23 Richard Friedenthal, op. cit., Seite 9.
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In seinen Kindheitserinnerungen zeichnet er uns ein anschauliches Bild seiner Heimatstadt. Erst das Haus seines Vaters in seiner Enge und Bedrohlichlichkeit: „Die alte, winkelhafte, an vielen Stellen düstere Beschaffenheit des Hauses war übrigens geeignet, Schauer und Furcht in kindlichen Gemütern zu erwecken.“ 24 . In den meisten anderen Bürgerhäusern der Altstadt wird es nicht anders ausgesehen haben. Und dann die „ernste und würdige“ alte Stadt, die er in Begleitung seiner Schwester oder „munterer Gespielen“ erforscht und deren bunte Vielfalt und Geschäftigkeit sein Interesse erweckt. Ob Wahrheit oder Dichtung, es ist eine genaue und aufmerksame Schilderung. „Was aber die Aufmerksamkeit des Kindes am Meisten an sich zog, waren die vielen kleinen Städte in der Stadt, die Festungen in der Festung, die ummauerten Klosterbezirke nämlich, und die aus früheren Jahrhunderten noch übrigen mehr oder minder burgartigen Räume: so der Nürnberger Hof, das Compostell, das Braunfels, das Stammhaus Derer von Braunfels, und mehrere in den späteren Zeiten zu Wohnungen und Gewerbsbenutzungen eingerichtete Festungen. 25 …..Pforten und Thürme, welche die Grenzen der alten Stadt bezeichneten, dann weiterhin abermals Pforten, Thürme, Mauern, Brücken, Wälle, Gräben, womit die neue Stadt umschlossen war…. Eine gewisse Neigung zum Alterthümlichen setzte sich bei dem Knaben fest.“ Hat er daraus für seinen noch in Frankfurt entstandenen „Götz von Berlichingen“, und vor allem für den noch dort in ersten Umrissen skizzierten Faust geschöpft?
Offensichtlich erschienen ihm die weiten, offenen Ausblicke reizvoller. „ Am liebsten spazierte ich auf der großen Mainbrücke…Der schöne Fluss auf- und abwärts zog meine Blicke nach sich.“ Auch ein Interesse an Menschen und ihrem Dasein in der Stadt erwecken diese Spaziergänge. „ …wobei noch eine andere Lust, bloß menschliche Zustände in ihrer Mannigfaltigkeit und Natürlichkeit, ohne Anspruch auf Interesse oder Schönheit, zu erfassen, sich hervorthat. So war es eine von unseren liebsten Promenaden, die wir uns des Jahrs ein paarmal zu verschaffen suchten, inwendig auf dem Gange der Stadtmauer herumzuspazieren. Gärten, Höfe, Hintergebäude ziehen sich bis an den Zwinger 27 heran; man sieht mehrern tausend Menschen in ihre häuslichen, kleinen abgeschlossenen, verborgenen Zustände. Von den Putz- und Schaugärten der Reichen zu den Obstgärten des für seinen Nutzen
24 J. W. v. Goethe. op. cit., Erster Teil, Erstes Buch..
25 Zu jenen gehörte auch der oben genannte Schweizerhof, in dem die Brentanos ihre ersten Läden gemietet hatten.
26 Faust, 1. Teil, Osterspaziergang
27 Gang zwischen innerer und äußerer Stadtmauer, hier wohl einfach Stadtmauer.
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besorgten Bürgers, von da zu den Fabriken, Bleichplätzen und ähnlichen Anstalten, ja bis zum Gottesacker selbst….ging man an dem mannigfaltigsten, wunderlichsten, mit jedem Schritt sich verändernden Schauspiel vorbei, an dem unsere kindliche Neugier sich nicht genug ergötzen konnte…..Die Schlüssel, denen man sich auf diesem Wege bedienen musste, um durch mancherlei Thürme, Treppen und Pförtchen durchzukommen, waren in den Händen der Zeugherren, und wir verfehlten nicht, ihren Subalternen auf’s Beste zu schmeicheln.“ 28 Doch Frankfurt hatte noch mehr zu bieten.
Als Zehnjähriger erlebt er während des Siebenjährigen Krieges die Besetzung Frankfurts durch französische Truppen. Im Hause des Vaters wird der „Königslieutenant“ einquartiert, hohe Herren gehen ein und aus, so der Prinz Soubise und der Marschall de Broglio. Für die beiden Kinder, noch unangefochten durch die politischen Vorurteile der Erwachsenen, ist es eine aufregende und anregende Zeit.
Als Vierzehnjähriger erlebt Goethe ein Konzert des siebenjährigen Mozart im „Scharfischen Saal“ hinter der Liebfrauenkirche. Noch im hohen Alter erinnert er sich „des kleinen Mannes mit seiner Frisur und Degen“, der von seinem Vater wie ein Zauberkünstler angekündigt wird: „Der Knab wird ein Concerto auf der Violin spielen, bey Synfonien mit dem Clavier accompagnieren, das Manual oder die Tastatur des Clavier mit einem Tuch gänzlich verdecken, und auf dem Tuche so gut spielen, als ob er die Claviatur vor Augen hätte; er wird ferner in der Entfernung alle Töne, die man einzeln oder in Accorden auf dem Clavier, oder auf allen nur erdenklichen Instrumenten, Glocken, Gläsern und Uhren usw. anzugeben imstande ist, genaust benennen. Letztlich wird er nicht nur auf dem Flügel, sondern auch auf einer Orgel vom Kopfe phantasiren.“ 29 Armes Wunderkind Mozart! Ein Jahr später findet in Frankfurt die prunkvolle, traditionelle Kaiserkrönung statt. Man krönt Josef II. Wieder ist ein Teil des väterlichen Hauses mit Gästen besetzt und die Stadt Szene prachtvoller Aufzüge.
„Ich wusste mich in dem Römer, den ich, wie eine Maus den heimischen Kornboden, genau kannte, so lange herumzuschmiegen, bis ich an den Haupteingang gelangte, vor welchem die Kurfürsten und Gesandten, die zuerst in Prachtkutschen herangefahren waren und sich oben versammelt hatten, nunmehr zu Pferde steigen sollten….Auch die Botschafter der abwesenden weltlichen Kurfürsten in ihrem goldstoffenen, mit Gold überstickten, mit goldenen Spitzentressen reich besetzten spanischen Kleidern thaten unseren Augen wohl; besonders wehten die großen Federn von den altertümlich aufgekrempten Hüten auf’s Prächtigste….Was einem Frankfurter besonders wohl thun musste, war, dass bei dieser Gelegenheit, bei der Gegenwart so vieler Souveräne und ihrer Repräsentanten, die Reichstadt Frankfurt auch als ein kleiner Souverän erschein: denn ihr Stallmeister eröffnete den Zug…..Nun aber concentrirte sich die Reihe, indem sich Würde und Pracht
28 J. W. v. Goethe, op. cit., Erster Teil, Erstes Buch.
29 Ernst Beutler, op. cit., Seiten 443-444.
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steigerten, immer mehr. Denn unter einer ausgewählten Begleitung eigener Hausdienerschaft, die Meisten zu Fuß, Wenige zu Pferde, erschienen Wahlbotschafter, sowie Kurfürsten in Person nach aufsteigender Ordnung. Jeder in einem prächtigen Staatswagen. Unmittelbar hinter Kurmainz kündigten zehn kaiserliche Läufer, einundvierzig Lakaien und acht Haiducken die Majestäten selbst an. Der prächtigste Staatswagen, auch im Rücken mit einem ganzen Spiegelglas versehen, mit Malerei, Lackirung, Schnitzwerk und Vergoldung ausgeziert, mit rothem gesticktem Sammet obenher und inwendig bezogen, ließ uns ganz bequem Kaiser und König, die längst erwünschten Häupter, in aller ihrer Herrlichkeit betrachten.“ 30
Wieder ein Jahr später, im Jahre 1765, schickt der „Rath“ Goethe den zarten und kränklichen Sechzehnjährigen an die Universität nach Leipzig und dann nach Strassburg, um Rechtswissenschaften zu studieren. Gereift, kräftig und selbstbewusst kehrt er als Zweiundzwanzigjähriger nach Frankfurt zurück. Doch die Stadt ist ihm nun zu eng geworden. Er schimpft sie ein „leidiges Loch“. Vier Jahre hält er es noch aus, bevor er seine Heimatstadt endgültig verlässt. Doch schreibt er während jener vier Jahre, unter anderem, den „Götz von Berlichingen“, erfasst damit den Geist der Zeit und wird über Nacht bekannt. Er schwärmt aus, wann immer möglich, nach Darmstadt, nach Wetzlar oder nach Ehrenbreitstein ins schöngeistige Haus von Sophie von La Roche, fühlt sich zu ihrer Tochter Maximiliane hingezogen und lässt einige ihrer Züge, so die dunklen Augen, in seine „Lotte“ 31 einfließen. Doch Maximilane ist verheiratet und der eifersüchtige Ehemann verbietet Goethe das Haus. Sein Briefwechsel mit ihrer Mutter Sophie von La Roche, hingegen, dauert noch eine Weile an. Er vollendet „Die Leiden des jungen Werthers“ und wird mit diesem Werk mit einem Schlag weltberühmt. Im Jahre 1775 verlässt er Frankfurt endgültig und übersiedelt an den Hof von Weimar.
Die Jordis werden Goethe wohl kaum gekannt haben, sie waren keine Dichter, sondern Händler. Aber Andreas Georg Friedrich Jordis ist zwei Jahre vor dem großen Dichter, seine Frau Maria Theresia Brentano zwei Jahre nach ihm geboren. Sie sind also von derselben Generation und werden, aus ihrer Sicht, dasselbe von Goethe beschriebene Frankfurt erlebt und gelebt haben. Wahrscheinlich ist auch, dass sie „aus der Nachbarschaft“, des Dichters Schwester Cornelia gekannten haben, denn auch sie lebte nach ihrer Heirat mit Johann Georg Schlosser in der Töngesgasse.
Goethe und Bettina Brentano
Doch kehren wir noch einmal zu Bettina Brentano zurück. Früh verwaist, verbringt sie einen Teil ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter in Ehrenbreitstein. Hochbegabt, sprunghaft, exaltiert, ist sie ein Irrwisch. „Solche Lebhaftigkeit, solche Gedanken-und Körpersprünge (denn sie sitzt bald auf der Erde, bald auf dem Ofen), soviel
30 J. W. v. Goethe, op. cit., Erster Teil, Fünftes Buch.
31 Eine der Hauptfiguren aus Goethes „Werther“
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Geist und soviel Narrheit ist unerhört“ 32 schreibt Wilhelm von Humboldt über sie nach einer Begegnung bei gemeinsamen Freunden viele Jahre später (1809) in München. In Ehrenbreitstein stößt die inzwischen Einundzwanzigjährige auf die 43 Briefe, die der junge Goethe seinerzeit ihrer Großmutter geschrieben hatte. Sie darf sie abschreiben und das gibt ihrem Leben eine entscheidende Wendung. Goethe wird ihr Idol, ja eine Zwangsvorstellung, sie muss ihn kennen lernen, ihm nahe sein. In Frankfurt nähert sie sich der noch lebenden Mutter Goethes, will alles über den inzwischen hochberühmten Mann erfahren, schreibt ihn an, beginnt einen Briefwechsel. Und erreicht, ein Jahr später von ihm in Weimar empfangen zu werden. „Da hat den doch die kleine Brentano ihren Willen gehabt….ich glaube im gegen gesetzten fall wäre sie Toll geworden“. schrieb Goethes Mutter dazu. In etwas hochgestochener, moderner Psychologensprache ausgedrückt, war es für Bettina „ein Ereignis von wahrhaft archetypischer Gewalt am Schnittpunkt aller wichtigen bettinischen Lebensdeterminanten: Vatersuche, Mutternachfolge, Literaturgeschichte als Familiengeschichte betrachtet; Selbstständigkeit und Abhängigkeit so ineinander verschlungen, dass je nach Bedarf das eine oder das andere zutage tritt; ebenso Kindlichkeit und Weiblichkeit: und über allem der Wunsch, in der Gesellschaft von außergewöhnlichen Menschen zu leben und dort auch gesehen zu werden, kleine Sonne unter großen Sonnen. All das führte zu dem ungewöhnlichen Auftritt der eben 22jährigen in Bubenkleidern angereisten, kinderkleinen Bettina beim 58jährigen Geheimen Rat von Goethe, dem sie auf den Schoß oder an die Schulter flog, gleichsam ins stille Auge ihres Lebensorkans.“ 33 Und er lässt es geschehen, amüsiert, geschmeichelt, aber auch angeregt durch diese frühreife „Orlanda furiosa“, wie Fürst Pückler-Muskau sie später nannte. Viel dichterischer und in brüderlicher Liebe schreibt Clemens Brentano über den Auftritt: „…Dort war sie drei Stunden bei Goethe und er steckte ihr einen Ring an den Finger und gedachte unserer Mutter…Bettina ruhig wie ein Engel: sie ist geistreicher als je ein Mensch vielleicht gewesen, unergründlich genial, unschuldig. Ihr Gesang ist viel mehr geworden. Sie ist nicht mehr gespannt: sie ist ein Genius, der die Flügel öffnet und senkt.“ 34 Bettina Briefwechsel mit Goethe wird fortgesetzt. Sie wird ihn nach dem Tod des Dichters als “Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ veröffentlichen. Mehrmals fährt sie in den nächsten Jahren noch nach Weimar. „Ihre Beziehung zu Goethe ist…eine wirkliche unerhörte Umformung von Realität zu Gunsten einer offenbar lebensnotwendigen Phantasie, etwas wie ein Traum, der das bewusste Leben überflutet, schmückt, begleitet und stützt.….Überdeutlich wird bei der Lektüre von Goethes Briefen, dass bei ihm von ähnlichen Gefühlen nicht im entferntesten die Rede sein kann.“ 35 Doch ganz gleichgültig scheint dem alten Goethe ihr Besuch nun auch nicht gewesen zu sein, schreibt doch seine Mutter anschließend an Bettina:
32 Zitiert in Hildegard Baumgart, „Bettine Brentano und Achim von Arnim , eine Liebesgeschichte in Träumen“, Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1997, Max Niemeyer Verlag Tübingen, Seite 152
33 Hildegard Baumgart, op. cit., Seite 126 ff.
34 Zitiert in Peter Anton von Brentano, „Über Bettina und Clemens Brentano“, in „Liebe zu Frankfurt“, Seite 262
35 Hildegard Baumgart, op. cit., Seite 183
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…“Du hast viel Vergnügen dort verbreitet - nur bedauert man, dass Dein Aufenthalt so kurz war….“ Wie dem auch sein mag, was ihre Liebesphantasie sie erleben ließ und was sie darüber schrieb, „gehört zu den schönsten und poetischsten erotischen Texten der deutschen Literatur“ (H. Baumgart). Und wenn sie Goethe „keck und scherzend“ im vertrauten Frankfurter Tonfall, lebendig und märchenhaft von seiner Heimatstadt Frankfurt berichtet, wobei sie teils auf eigene Erfahrung zurückgreift, weitgehend aber auf das, was Goethes Mutter ihr über die Kindheit des Dichters erzählt hatte, ist der Geheime Rat berückt. Er bittet sie diese seine Kindheitserinnerungen ihm doch aufzuschreiben und „übernimmt vieles davon in Dichtung und Wahrheit und wird durch Bettina erst nachdrücklich dazu gebracht, nun sein Leben als großgefassten Bericht, zum Kunstwerk gestaltet, dem Publikum vorzuführen.“ 36 So haben wir es vielleicht weitgehend ihr zu verdanken, dass vieles aus „Wahrheit und Dichtung“ über das Stadtbild, das Leben und die Ereignisse in der alten Reichsstadt, so wie Goethe, aber auch so wie die Jordis und die Brentanos es damals erlebt und gelebt haben, überhaupt auf uns überkommen ist.
36 Richard Friedenthal, op. cit., Seite 511.
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Hochkultur „in tempore belli“
Jahrhundertwende. Die alte Ordnung bricht in Frankreich zusammen. Ludwig XVI. und Marie Antoinette werden 1793 in Paris geköpft. Bald ist ganz Europa im Umbruch. Aus dem Terror der Französischen Revolution erwächst das Kaisertum Napoleons I., der durch zwei Jahrzehnte hindurch den ganzen Kontinent mit Kriegen überzieht, und versucht, ein europäisches Imperium zu errichten. In diesen Geburtsstunden des Nationalismus dankt Franz II. 1806 als Kaiser des übernationalen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ab und nimmt als Franz I. den Titel Kaiser von Österreich an.
Wolfgang Amadeus Mozart ist 1791 gestorben, Joseph Haydn komponiert 1796 als eines seiner letzten großen Werke die „Missa in tempore belli“. Die Romantik beginnt die Klassik abzulösen. Beethoven bringt 1803 seine 3. Symphonie „Eroica“ zur Aufführung. Schubert wird 1797 geboren und komponiert 1811 seine ersten Balladen. Im selben Jahr wird C.M. von Webers Singspiel „Abu Hassan“ uraufgeführt. Mit dem „Barbier von Sevilla“ schuf Gioacchino Rossini 1816 einen der Höhepunkte der italienischen Buffooper.
1799 schreibt Hölderlin den „Hyperion“, Novalis 1802 „Heinrich von Ofterdingen“. Achim von Arnim und Clemens Brentano geben 1806 die Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ heraus und Heinrich von Kleist „Der zerbrochene Krug“. Schiller schreibt 1804 den „Wilhelm Tel“, 1808 erscheint der erste Teil von Goethes Faust. 1799 schreibt Fichte „Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“, Herder seine „Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft“, und Schelling „Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“.
J.L. David malt 1800 das Portrait der Madame Récamier, Francisco Goya 1801 „Die bekleidet Maya“ und „Die nackte Maya“, und George Romney das Portrait der Lady Hamilton. C.D. Friedrich vollendet 1808 „Das Kreuz im Gebirge“. 1810 wird die deutsche Malervereinigung der „Nazarener“ gegründet.
Alexander von Humboldt unternimmt 1799-1804 eine Forschungsreise durch Mittel-und Südamerika.
In München findet 1810 das erste Oktoberfest statt. Ab 1813 wird der Walzer Gesellschaftstanz und ab 1814 beginnt die englische Mode zu dominieren. In England steigt die Bevölkerungszahl mit der und durch die industrielle Revolution. 1806 beträgt die Bevölkerung Deutschlands 29 Millionen Einwohner. Robert Fulton erfindet 1807 das Dampfschiff in den USA. 1811 werden in Essen die Krupp-Werke gegründet. Friedrich Koenig erfindet 1812 die Schnelldruckpresse. George Stephenson baut 1814 die erste Eisenbahnlokomotive. 37
Kriegswirren
Die Kriegswirren der Französischen Revolution erreichen auch Frankfurt. 1792 besetzt Général Custine die Stadt und erhebt eine Brandschatzung 38 von zwei
37 Vgl. dazu : Prof. Werner Stein (Hrgr.), op. cit.
38 Das heißt, wenn die Stadt nicht zahlt, wird sie niedergebrannt.
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Millionen Franken. Vier Jahre später belagern und beschießen die Franzosen noch einmal die Stadt. Frau Rath Goethe, die damals schon seit 14 Jahren als Witwe allein in Frankfurt lebt, berichtet darüber in ihrer unvergleichlich direkten, sprunghaften und zuversichtlichen Ausdrucksweise an ihren Sohn in Weimar: „Lieber Sohn! Du verlangst die näheren Umstände des Unglücks unserer Stadt zu wissen. Dazu gehört eine ordentliche Rangordnung, um klar in der Sache sehen zu können. Im engsten Vertrauen sage ich dir also, dass die Kaiserlichen die erste Ursache sind - da sie nicht imstande waren, die Franzosen zurückzuhalten, da diese vor unseren Toren stunden. Da Frankfurt keine Festung ist, so war es Unsinn, die Stadt, ohne dass sie den mindesten Vorteil davon haben konnten, ins Unglück zu bringen - mit alle dem wäre aller Wahrscheinlichkeit nach kein Haus abgebrannt! Wenn der fatale Gedanke, den sich niemand ausreden ließe, die Franzosen würden plündern, nicht die Oberhand behalten hätte….In allen Häusern - waren die größten Bütten mit Wasser oben auf die Böden der Häuser gebracht - sowie eine Kugel zündete, waren nasse Tücher -Mist u.d.g. bei der Hand. - so wurden Gott sei Dank - die ganze Zeil - die große und kleine Eschenheimer Gasse - der Roßmarkt - die Tönges und die Fahrgasse gerettetdaß nicht ein Haus ganz niedergebrannt ist - ja besser zu sagen gar nichts das der Mühe wert wäre zu sehen. - Der andre Teil der Stadt, der Römerberg, Mainzergasse und so weiter kam ohnehin wenig hin - und tat gar nichts. Auf der Frieburger Gasse ist unser ehemaliges Haus abgebrannt - auch der gelbe Hirsch hinten hinaus.….Unsere jetzige Lage ist in allem Betracht fatal und bedenklich - doch vor der Zeit sich grämen oder gar verzagen, war nie meine Sache - auf Gott vertrauenden gegenwärtigen Augenblick nutzen - den Kopf nicht verlieren - sein eignes wertes Selbst vor Krankheit, denn so was wäre jetzt sehr zur Unzeit, zu bewahrenda dieses alles mir von jeher wohlbekommen ist, so will ich dabei bleiben. Da die meisten meiner Freunde emigriert sind - kein Komödienspiel ist - kein Mensch in den Gärten wohnt; so bin ich meist zu Haus - da spiele ich Klavier, ziehe alle Register, pauke drauf los, daß man es auf der Hauptwache hören kann - lese alles durcheinander: Musenkalender, Weltgeschichte von Voltaire - vergnüge mich an meiner schönen Aussicht - und so geht der gute und mindergute Tag doch vorbei………“ 39
Und die „minderguten“ Tage gehen tatsächlich vorüber. Zwar erpresst der kommandierende General Kléber diesmal 6 Millionen Franken. Und das ist nicht das Ende. Denn 1800 wird die Stadt von Maréchal Augereau abermals mit mehreren Millionen Franken gebrandschatzt. Aber Frankfurt überlebt. Doch ist es, unter diesen Umständen, vielleicht nicht erstaunlich, dass Andreas Georg Friedrich Jordis in späteren Jahren in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Er zieht von Frankfurt nach Höchst und lebt bis zu seinem Tode im Jahre 1827 von einer Rente, die ihm sein Bruder Alexander Ferdinand ausgestellt hatte. Wieder treten Brückenbauer unter den Jordis auf. Wieder sucht die Jugend nach neuen Horizonten, nach neuen Möglichkeiten. Auch patriotische Gefühle werden
39 Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), op.cit., Seite 84/85.
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dabei eine Rolle gespielt haben. In diesem Falle, allerdings, sind die Brücken schon vorbereitet. Denn ein halbes Jahrhundert vorher, also um die Mitte des 18. Jahrhunderts, hatte Alexander Ferdinand Fürst von Thurn und Taxis, Erbgeneraloberstpostmeister des Reiches, in seinem prachtvollen Barockpalais in der Großen Eschenheimerstraße in Frankfurt am Main Hof gehalten. Wie schon erwähnt, hatten ihm die Jordis Geld geliehen, wie auch andere „Kapitalisten“ Frankfurts es getan. Es ist nicht sicher, ob dies Geld jemals zurückgezahlt wurde, dagegen ist sicher, dass der Fürst Taufpate eben dieses Alexander Ferdinand Jordis wurde, der später seinem Bruder eine Rente ausstellte. Auf Veranlassung und unter Vermittlung seines Paten wanderte dieser Täufling später nach Wien aus, trat in kaiserliche Dienste, nahm an 15 Feldzügen teil und wurde Feldmarschallleutnant und Inhaber des Infanterieregimentes No. 59, des Salzburger Hausregiments. 40 Sein eindrucksvolles Portrait in voller Uniform, hängt heute noch in der Festung Hohensalzburg. Er blieb ledig und lebte die letzten Jahre bis zu seinem Tode im Jahre 1821 in Graz. Diese erste Brücke hat dreien seiner Neffen, den Brüdern Anton, Andreas und Franz Jordis, den Weg in eine neue Heimat geebnet: Österreich. Die beiden ersten hat er in sein eigenes Regiment aufgenommen, der dritte diente bei den Husaren. Alle drei machten die Feldzüge gegen Napoleon mit und brachten es zum Oberstleutnant, Oberst und Generalmajor. Und alle drei setzten sich später, wie ihr Onkel es getan hatte, in Graz zur Ruhe. Anton ist der Ahnherr der österreichischen Linie der Jordis, seine beiden Brüder hatten keine Nachkommen.
40 Die Rolle der Regimentsinhaber, (nicht zu verwechseln mit Regimentskommandanten), ursprünglich eine funktionelle Rolle, wurde im Laufe der Zeit immer mehr repräsentativ. Ausländische Fürsten, habsburgische Erzherzöge, Hocharistokraten oder pensionierte Generäle durften ihren Namen geben und bei feierlichen Anlässen in der Uniform des Regiments erscheinen. Alexander von Jordis war Inhaber des Regiments No. 59 von 1790 bis 1815, nach ihm waren es ab 1815 der Großherzog von Baden und ab 1852 Erzherzog Rainer.
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Das Kaiserreich Österreich - In Armee und Staatsdienst
Das Entstehen eines Vielvölkerreiches
Der Traum eines zweiten habsburgischen Großreiches, nach dem Weltreich Karls V., eines Großreiches im Südosten Europas, sollte Ende des 17. Jahrhunderts Wirklichkeit werden. Doch bevor es dazu kam, musste jenes Habsburger Erzherzogtum an der Donau fast zugrunde gehen. 1683 belagerten die Türken Wien zum zweiten Mal und diesmal waren sie entschlossen, dieses wichtigste und letzte Bollwerk im Südosten des Abendlandes zu erobern. Sophia war schon türkisch, ebenso Belgrad und Budapest, sogar das ferne Kiew. Fiele jetzt auch noch Wien, so stünde das Tor nach Mittel- und Westeuropa offen. Europa musste sich mobilisieren. Es war der letzte Kreuzzug des christlichen Abendlandes gegen die „Ungläubigen“. Doch die Christenheit war nicht mehr geeint. Der „allerchristlichste“ König, Ludwig XIV. von Frankreich, paktierte heimlich mit den Türken gegen den Kaiser. Sonst aber kamen Fürsten und Ritter aus allen Teilen des Abendlandes, um Wien und die Christenheit zu retten. Polens König Jan Sobieski, an der Spitze seiner Flügelhusaren, übernahm den Oberbefehl. Über zwei Monate hatte die Stadt Wien unter dem Kommando des heldenmütigen Grafen Starhemberg allen Angriffen des türkischen Heeres getrotzt. Doch sie war am Ende ihrer Kräfte, als am 12. September 1683 das alliierte Ersatzheer die Türken vor den Toren der Stadt vernichtend schlug. Es war die Geburtsstunde der Großmacht Österreich. Und wieder hat Ludwig XIV., ohne es zu wollen, dabei eine Rolle gespielt. Als nämlich ein hässlicher, verwachsener, aber militärisch außergewöhnlich begabter junger Prinz den selbstherrlichen Sonnenkönig um ein Regiment in seiner Armee ersuchte, hat ihn dieser wie Luft behandelt. Da verließ der stolze Prinz Frankreich und hat sich geschworen, nur mit dem Schwert in der Hand wieder dorthin zurückzukehren. Und er hat seinen Schwur gehalten und ist als Prinz Eugen von Savoyen, „der edle Ritter“, in die Geschichte und in die Legende eingegangen. Später als kaiserlicher Oberbefehlshaber hat er nicht nur Frankreich empfindliche Niederlagen beigebracht, sondern mit der Rückeroberung eines großen Teils Südosteuropas von den Türken, dem römischen Kaiser und Erzherzog von Österreich ein einmaliges Vielvölker-Großreich geschaffen, das über zwei Jahrhunderte bestehen sollte.
Es handelte sich, wie ein Jahrtausend zuvor im Südwesten des Abendlandes in Karl Martells Schlacht bei Tours und Poitiers, und wie zwei Jahrhunderte zuvor bei der reconquista Spaniens, auch hier auf dem Balkan wieder um ein Zurückdrängen des Islams, der immer wieder versucht hatte, weite Teile Europas zu erobern, wie es ihm dauerhaft in Afrika und Asien gelungen war.
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Im Zuge der Umwälzungen in Europa während der napoleonischen Kriege, legte nun Kaiser Franz II. 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder, nahm als Herrscher dieses Südost- Reiches den Titel Kaiser von Österreich an. Im Jahre 1813 veröffentlichte ein gewisser William Alexander in London ein Buch mit dem Titel: „Picuresque Representations of the Dress and Manners of the Austrians, illustrated in fifty coloured engravings with descriptions.“ Es ist ein hübsches Bilderbuch mit 50 kolorierten Stichen, welche die bunte, oft exotische Vielfalt der, meist ländlichen Bevölkerung des damaligen österreichischen Kaiserreiches darstellt - Bauern aus Oberösterreich, aus Krain und aus Tirol, aus Ungarn und Slawonien, aus Böhmen und Mähren, aus der Bukowina und aus Kroatien, Siebenbürger Sachsen aus Hermannstadt, polnische Juden und zuppanesische Grafen, ein Pope aus Cattaro, ein Serethier und ein Pandure, eine Bäuerin vom Fluß Hanna, ein russischer Bauer aus Marmoros und viele andere aus Gegenden, deren Namen uns heute oft nichts mehr bedeuten.
Das Regiment von Jordis
In dieses Reich folgten, ein knappes Jahrhundert nach den Siegen des Prinzen Eugen, die Brüder Anton, Andreas und Franz Jordis ihrem Onkel, um Österreich diesmal gegen einen Einfall von Westen, einen Einfall der revolutionären, später kaiserlichen französischen Heere zu verteidigen. Fünfundzwanzig Jahre lang, von 1790 bis 1815, standen sie von Holland bis Italien und von Frankreich bis an die türkische Grenze unentwegt im Felde und erlitten viele, zum Teil schwere Verwundungen. Und die Tapferkeit, die militärischen Erfolge nicht nur des Onkels, sondern auch seiner drei Neffen sowie die Schicksale des Regiments Jordis haben diesen Namen in der kaiserlichen Armee bekannt gemacht.
Schon während der italienischen Feldzüge gegen Napoleon tritt das Infanterieregiment No. 59, das damals in Verona in Garnison lag, und sein Inhaber Alexander Ferdinand von Jordis in Erscheinung, im Jahre 1802 besetzt es das nun säkularisierte Erzbistum Salzburg für den Kaiser und wird Salzburger Hausregiment.
1809 kommt es in der Schlacht von Aspern zu Ehren. Andreas, der fast seine ganz militärische Karriere im Regiment Jordis machte, hat die Schlacht als Hauptmann mitgemacht. Ein zeitgenössischer kolorierter Stich zeigt die dramatische Kampfszene, Mann gegen Mann, mit aufgepflanzten Bajonetten, der „Erstürmung des Kirchhofes von Apern durch das Regiment Benjovsky mit einem Bataillon von Jordis am 22. Mai 1809“ gegen den Hintergrund einer lichterloh brennenden Kirche. Ein Bataillon des Infanterieregiments No. 59 war also daran beteiligt gewesen. In dieser überaus verlustreichen Schlacht Erzherzog Karls gegen Napoleon war Apern „inzwischen von Hiller 41 zu fünftenmal gestürmt worden. Um einer neuerlichen Besetzung durch Franzosen vorzubeugen ließ er die Kirche anzünden und die Friedhofsmauer einreißen. Für Napoleons Rückzug hatte der Ort aber noch immer
41 Feldmarschallleutnant Hiller, Befehlshaber des 6. Korps.
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nicht seine Wichtigkeit verloren. Er schickte also Divisionsgeneral Curial mit drei Bataillonen Gardetirailleure quer über das Schlachtfeld, um Massena nochmals die Einnahme des heißumkämpften Ortes zu ermöglichen. Der setzte sich selbst an die Spitze der Sturmkolonnen und nahm abermals Kirche und Friedhof. Um 1 Uhr Nachmittag hatten die Kaiserlichen Aspern mit Unterstützung ihrer hervorragenden Artillerie zurückerobert.“ 42
„Die Beharrlichkeit des Feindes musste dem Heldenmut unserer Truppen weichen und der vollständige Sieg krönte die Anstrengungen unserer Armee.“ schreibt Erzherzog Karl am 23. Mai an seinen Bruder, den Kaiser. Historiker sehen das heute etwas anders. „Erzherzog Karl wurde bestürmt weiter vorzugehen. Er gab aber nur den Befehl, die ursprünglichen Positionen wieder zu besetzen, im Übrigen alles zu vermeiden, was zu ernsten Kämpfen führen könnte. Dies führte dazu, dass man die Ergebnisse der Schlacht bei Aspern später als unbefriedigend ansah. 43 “ So gilt zwar Aspern als Sieg der Österreicher, aber kein nachhaltiger. Bis zum Ende der Napoleonischen Kriege, noch während der Befreiungskriege von 1813, erfüllt das Regiment Jordis seine Pflicht: In der letzten Schlacht Napoleons auf deutschen Boden, der Schlacht von Hanau, unterstützt es die bayrischen Truppen unter General Graf Wrede 44 gegen das Gros der nach der Völkerschlacht von Leipzig zurückflutenden französischen Armee. Noch ein letztes Mal ist Napoleon siegreich: “Das österreichische Regiment Jordis und die Prinz Schwarzenberg Ulanen sind völlig vernichtet worden.“ schreibt er an Marie-Louise 45 . Das war erwartungsgemäß übertrieben, doch es ist wahr, daß die Jordis Grenadiere, die sich tapfer geschlagen haben, durch die erdrückende Überlegenheit des Gegners schwere Verluste hinnehmen mussten. Das 2. Bataillon wurde völlig aufgerieben. Durch falsche Meldungen irregeführt hatte General Wrede zu spät erkannt, dass seine 30.000 bayrischen und österreichischen Soldaten den Kerntruppen der französichen Armee (60-80.000) unter Napoleons persönlichem Kommando gegenüberstanden. Er hat somit trotz großer Verluste den Rückzug der Franzosen über Frankfurt am Main nach Frankreich nicht verhindern können. Andreas Jordis hat als Major an der Schlacht von Hanau teilgenommen.
Friede
Nach dem Sieg über Napoleon hatten sich 1815 unter dem Vorsitz Metternichs die Herrscher des Abendlandes auf dem Wiener Kongress versammelt, um die Geschicke Europas nach 25 Jahren napoleonischer Eroberungskriege wieder zu ordnen. Mit Weitsicht und staatsmännischem Können wollten sie einen langfristigen
42 Harald Skala, „Die Schlacht von Aspern am 21. und 22. Mai 1809“, Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 11, Heeresgeschichtliches Museum Wien, 1994.
43 Harald Skala, op. cit.
44 Die bayrische Armee war inzwischen auf die Seite der Alliierten gegen Napoleon übergewechselt.
45 « Le regiment autrichien Jordis et les hulans du prince Schwartzenberg ont été entierèrement détruits…. » aus Napoleons Brief vom 31. Oktober 1813 an „S.M. Impératrice-reine et régente“ in « Œuvres de Napoléon Bonaparte », Tome Cinquieme, C.L.F. Panckoucke, Editeur, 1821.
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Frieden sichern, der dann auch, von kurzen, kleineren Konflikten abgesehen, ein Jahrhundert lang gedauert hat. Man hatte den langjährigen Störenfried Frankreich nicht aus dem Kreise der Königreiche verstoßen, hat ihn nicht bestraft und erniedrigt. Ja, durch die diplomatische Kunst Talleyrands und die Großmut der Siegermächte hat Frankreich bei der Neuordnung Europas territorial sogar noch dazu gewonnen! Im Zuge dieser Neuordnung fiel nicht nur die Lombardei zurück an Österreich, sondern es behielt auch Venetien, das ihm im Frieden von Campo Formio 1797 zugefallen war.
Anton Edler von Jordis und sein Sohn Johann
Anton Jordis, 1778 noch in Frankfurt geboren, begann 1794, sechszehnjährig, im Regiment seines Onkels Alexander Ferdinand seine militärische Laufbahn. Er blieb in diesem Regiment bis 1800 und hat demnach den italienischen Feldzug mitgemacht. Danach wechselte er mehrmals das Regiment und nahm in den folgenden fünfzehn Jahren an zehn Feldzügen teil.
Im Jahre 1809 wäre er fast ums Leben gekommen. In der „Affaire bei Söll“ 46 hielt er als Capitain Lieutenant mit seiner Compagnie den weit überlegenen Feind eine beträchtliche Zeit auf, bis endlich seine Compagnie geschwächt und ihm selbst der rechte Arm durch einen Schuss zerschmettert wurde, worauf er nach erfolgtem Rückzug der Compagnie am Kampfplatze liegen blieb……Sein Vetter (Peter Anton Jordis), der in feindlichen (bayrischen) Diensten stand und Offizier war, kam gerade dazu, wie ein bayrische Soldat meinem, durch die Zerschmetterung des rechten Arms zu Tode ermatteten Großvater mit dem Gewehrkolben den Garaus machen wollte. Mein Großvater wurde jedoch von seinem Vetter erkannt und so durch verwandte Hand vom Tode gerettet und gefangen genommen“ 47 Nach einer ausgezeichneten 44jährigen Dienstzeit wird er 1839 mit dem Titel „Edler von“ in den Adelstand erhoben und lebte nach seiner Abrüstung bis zu seinem Tode im Jahre 1847 als Generalmajor a.D. in Graz. Schon 1808 hatte er sich mit Anna Maria von Nosky vermählt. Ihr einziger Sohn Johann, und nach dem frühen Tode dreier Schwestern, einziges Kind, wurde am 23. April 1812 in Cilli 48 in der Untersteiermark geboren.
„Mein Vater war Hauptmann als ich zur Welt kam.“ schreibt dieser in seinen Lebenserinnerungen. „Beide (Eltern) waren vermögenslos, denn der Vater hatte nur seine Gage, die Mutter nur die Interessen ihrer damals bloß 6.000 fl. betragenden Caution. Ich blieb von vier Kindern der einzig Überlebende und meine armen Eltern opferten alles Mögliche, um die Kosten meiner Erziehung zu bestreiten. Ich studierte an den Gymnasien in Fiume 49 , Triest und Görz 50 und vollendete die
46 Ort zwischen Wörgl und Kitzbühel in Tirol.
47 Aus den Erinnerungen seines Enkels, August Frhr. Jordis von Lohausen. Sein Retter ist der Sohn seines Onkels Stefan.
48 Das heutige Celje in Slowenien.
49 Das heutige Rijeka in Kroatien.
50 Das heutige Gorizia/Gorica an der italo-slowenischen Grenze.
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Rechtswissenschaften an der Grazer Universität im Jahre 1832. Durch einen Onkel, Obersten von Jordis, in die Gesellschaft eingeführt, habe ich die vier Jahre meiner juridischen Studien ungeachtet meiner sehr bescheidenen Mittel äußerst angenehm zugebracht, war ein beliebter Kamerad, ein gesuchter Tänzer. Noch jetzt denke ich mit Vergnügen an jene schöne, lustige Zeit zurück.“ 51 Da Johann das einzige Kind war und sein Vater sowie seine Onkeln während der napoleonischen Kriege zum Teil schwer verwundet worden waren, untersagte ihm sein Vater, Soldat zu werden. „Darauf trat ich, als mein Vater mittlerweile Oberst geworden und in Triest stationirt war, bei dem dortigen Gubernium in Staatsdienst.“ Er machte seine ganze weitere Karriere im italienischen Teil der Monarchie, die ihn vom „küstenländischen Gubernium“ in Triest über Görz nach Capo d’Istria führte, wo er 1850 zum Bezirkshauptmann ernannt wurde.
51 Diese und die folgenden Zitate stammen aus den Lebenserinnerungen des Johann Frhr. Jordis von Lohausen
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Revolutionen und Gegenrevolutionen
Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1848 erscheint das „kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Im selben Jahr bricht in Paris die Februarrevolution los und beendet endgültig das französische Königtum. Prinz Charles Louis Napoleon wird Präsident. Es folgen die Märzrevolutionen in Deutschland und Österreich mit dem Ziel demokratischer Verfassungen. Deutsche Nationalversammlung mit Erzherzog Johann als Reichsverweser. Oktoberrevolution in Österreich -- Kaiser Franz Josef I. folgt Ferdinand I. auf den Thron. Aufstände in den italienischen, tschechischen und ungarischen Teilen des Reiches. 1849 lehnt König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die ihm angebotene deutsche Kaiserkrone ab, weil er von den deutschen Fürsten, nicht vom Volk gewählt werden will. 1852 wird Prinz Charles Louis durch Staatsstreich als Napoleon III. Kaiser Frankreichs. Bei etwa gleichbleibenden Reallöhnen hat sich die deutsche Industrieproduktion seit 1800 etwa versechsfacht - in der 2. Hälfte des Jahrhunderts verdoppeln sich die Reallöhne bei Verzehnfachung der Produktion. 1845-48 Vernichtung der Kartoffelernte in Irland durch Meltau, die folgende große Hungersnot führt zu Massenauswanderung. Bismarck gründet 1848 die konservative „Neue Preußische Zeitung“, Karl Marx die „Neue Rheinische Zeitung“. Goldfunde in Kalifornien führen zu Massenwanderungen. In Deutschland wird der 12stündige Arbeitstag gefordert. Schaffung eines Telegraphennetzes in Deutschland. 1850 erstes Unterseekabel Dover - Calais. Fast 15% der Bevölkerung der USA sind Negersklaven. Weizenexporte der USA nehmen zu. 1851 Eröffnung der ersten Weltausstellung in London, von Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha organisiert. 50% der englischen Bevölkerung wohnt in Städten. England dominiert wirtschaftlich und in der Mode. Männermode: Zylinder, Gehrock, langes Beinkleid; Frack bei Feiern. Frauenmode: hellfarbig, Reifröcke aus leichten Stoffen, Dekolleté, große flache Hüte mit Samtbändern und Pleureusen.
Alexandre Dumas schreibt 1848 die „Kameliendame“, Charles Dickens 1849 „David Copperfield“, Fjodor Dostojewski wird zum Tode verurteilt und begnadigt. 1850 sterben Honoré de Balzac, Nikolaus Lenau und William Wordsworth. Clemens Brentanos „Romanzen vom Rosenkranz“ werden posthum herausgegeben. Theodor Storm schreibt „Immensee“.
1848 erster deutscher Katholikentag in Mainz, 1849 erster deutscher evangelischer Kirchentag in Wittenberg. Sören Kierkegaard schreibt 1849 „Die Krankheit zum Tode“, Arthur Schopenhauer 1850 „Parerga und Paralipomena“.
Alfred Rethel vollendet 1848 die antirevolutionären Holzschnitte „Auch ein Totentanz“, D.G. Rosetti gründet die prärafaelische Bruderschaft englischer Maler. 1849 stirbt der japanische Maler Katsushika Hokusai, 1850 malen Eugène Delacroix „Die Löwenjagd“, Adolph von Menzel die „Tafelrunde in Sanssouci“ und Ferdinand Waldmüller die „Praterlandschaft“.
Schumann schreibt 1848 seine Oper „Genoveva“, Giacomo Meyerbeer 1849 „Der Prophet“ und Otto Nicolai „Die lustigen Weiber von Windsor“.
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Richard Wagner muss wegen Beteiligung am Maiaufstand aus Dresden fliehen und schreibt ein Jahr später seinen „Lohengrin“. 1853 schreibt Johannes Brahms seine erste Klaviersonate und Giuseppe Verdi den „Rigoletto“. 1848 erste telegraphische Wettermeldung in England. David Livingstone erforscht 1849 das Sambesigebiet in Afrika, 1850 L. Foucault’s Pendelversuche zum Nachweis der Erdumdrehung. I.M. Singer verbessert und produziert Nähmaschinen. 52
Das Königreich Lombardei-Venetien - Der Delegat von Verona
In Oberitalien hatte sich der Zeitgeist grundlegend geändert seit jenen Jahren zu Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Lombardei nach den harten Jahrhunderten spanischer Herrschaft mit Freuden wieder zu Österreich gekommen war. Ein Brentano war damals kaiserlicher Generalschatzmeister in Italien und Geheimer Staatsrat im Herzogtum Mailand gewesen, ein anderer Statthalter in Como. Die Kaiserin Maria-Theresia hatte die Mailänder Scala gegründert. Handel und Kultur blühten.
Doch dann kamen die napoleonischen „Befreier“, deren die Bevölkerung bald überdrüssig wurde. Und auf dem Wiener Kongress fiel die Lombardei wieder an Österreich. Auch Venedig und Venetien, die einstmals stolze Serenissima von San Marco, von Napoleon gestürzt, blieb Teil der Habsburger-Monarchie. Schon damals drang Metternich darauf, innerhalb des österreichischen Kaiserreiches, welches nun das Heilige Römische Reich abgelöst hatte, den italienischen Provinzen eine gewisse Selbständigkeit zuzugestehen. Doch der pathologische Zentralismus Franz I. hat diese Hoffnung der Italiener zunichte gemacht. Im Gegenteil, bald konnte „man nicht mal mehr den kleinen Finger bewegen ohne Bewilligung aus Wien“ (Alviso Zorzi). Und so begann im Lauf der Jahrzehnte ein anfänglich rebellischer und später revolutionärer Wind nationaler Einigungsbestrebungen zu wehen. Zuerst empfindet man die österreichische Herrschaft noch nicht als Unterdrückung. Die „österreichische Bürokratie ist gewissenhaft und tüchtig, die Justiz vorschriftsmäßig verwaltet, die örtliche Verwaltung, wenn auch unter Aufsicht der österreichischen Regierung, ist im allgemeinen Italienern überantwortet.“ 53 Mailand und die Lombardei, die unter der klugen Verwaltung Maria-Theresias und Josefs II. einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hatten, blühen weiter auf. Venetiens wirtschaftliche Entwicklung dagegen war schon seit langem zunehmend ins Stocken geraten. Die Serenissima hatte während des ganzen 18. Jahrhunderts fröhlich und anmutig über ihre Verhältnisse gelebt und dann unter der französischen Herrschaft gelitten. Die örtliche österreichische Regierung versucht nun die Privatinitiative wieder anzukurbeln, gibt ein weitläufiges Straßenprogramm in Auftrag und baut die Eisenbahnlinie zwischen Mailand und Venedig, den beiden
52 Vgl. dazu: Prof. Werner Stein (Hgr.), op. cit.
53 Alvise Zorzi, « La République du Lion, Histoire de Venise », Librairie Académique Perrin, Paris 1988, Seite 356
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Hauptstädten des neuen Königreiches Lombardei-Venetien. Man hatte sich mit der neuen Herrschaft mehr oder minder „arrangiert“, als das Revolutionsjahr 1848 über Europa, und auch über die italienischen Provinzen hereinbricht. Venedig, die alte Dogenstadt, die immer noch von erneuter Unabhängigkeit und Größe träumt, bäumt sich 1849 noch einmal auf und leistet unter der nunmehr revolutionären Regierung Daniele Manins, einen fünfmonatigen, ebenso heroischen, wie völlig sinnlosen und heute unverständlichen Widerstand gegen die österreichischen Belagerer (und überdies gegen die Cholera). Dieser ungleiche Kampf wird in der ganzen damaligen Welt als der Streit des kleinen liberalen, für seine Freiheit kämpfenden Davids gegen die Übermacht eines reaktionären Goliaths betrachtet und mit Spannung verfolgt. Doch diesmal unterliegt David erwartungsgemäß militärisch, trägt aber moralisch den Sieg davon. Und trotz relativ milder Friedensbedingungen und anhaltender Versöhnungsversuche von österreichischer Seite, wird von nun an, und besonders in der Stadt Venedig selbst, die österreichische Herrschaft als Unterdrückung empfunden.
Unter diesen nicht ganz einfachen Vorzeichen tritt Johann von Jordis im April 1850 seinen Posten in Capo d’Istria an. Seine viel später verfassten Lebenserinnerungen gewähren einen lebendigen Einblick in diese Zeit. Er muss diplomatisches Feingefühl und politische Fähigkeiten besessen haben, hatte doch, wie er selbst in seinen Erinnerung schreibt, „mein Wirken Staat und Bevölkerung derart zufrieden gestellt, dass, so bald ich zum Provinzial-Delegaten der großen Provinz Udine ernannt wurde, das Munizipium von Capo d’Istria die für mich sehr schmeichelhafte Erklärung durch die Zeitung veröffentlichen ließ, welche als theures Andenken sich unter meinen Schriften befindet, und welcher umso mehr Glaube und Gewicht beizumessen ist, als jene Körperschaft ganz italienisch und regierungsfeindlich gestimmt war“.
Der sehr ehrenvolle Aufstieg vom Bezirkshauptmann in Capo d’Istria zum Delegaten in Udine im März 1851 ist von kurzer Dauer. „Kaum hatte ich mich in die neuen Verhältnisse und dort landesgültigen Verhältnisse eingelebt, kaum den halben Teil der größten Provinz des lombardo-venezianischen Königreiches bereist, erhielt ich mittels Estafette den Befehl des General Gouverneurs F(eld) M(arschall) Grafen Radetzky mich augenblicklich nach Verona zu verfügen und die Leitung der dortigen Provinz zu übernehmen.“
Die höchste Instanz im Königreich Lombardei-Venetien war damals der General-, Zivil- und Militärgouverneur Feldmarschall Graf Radetzky. Unter ihm fungierten die Statthalter (Gouverneure) für Venetien in Venedig und für die Lombardei in Mailand. Und ihnen unterstanden die Delegationen. „Neun Delegationen gliederten das Verwaltungsgebiet der Lombardei in neun Provinzen; aus acht Delegationen, d.h. aus acht Provinzen, bestand das venezianische. Als jeweiliges Zentrum und als Sitz der Behörde dienten ebenso viele Provinzhauptstädte….Freilich unterschieden sich diese siebzehn Delegationen nicht unerheblich durch ihre administrative
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