Versicherung (gem. § 19. Abs. 6 der Prüfungsordnung):
Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.
Ich bin damit einverstanden, dass meine Arbeit in der Bibliothek der Fachhochschule Hannover eingestellt wird.
Hannover, den 12. Februar 2003
Daniel Weist
Vorwort
Mit dieser Diplomarbeit schließe ich mein Studium der Technischen Redaktion ab. Hiermit möchte ich allen danken, die mich während meines Studiums und insbesondere während der Erstellung dieser Diplomarbeit unterstützt haben. Sei es mit Inspiration, mit aufbauenden Worten oder mit kreativem Feedback. Mein Dank gilt daher besonders meiner Familie und meinen Freunden.
Danken möchte ich auch Rolf Schwermer, auf dessen Idee diese Diplomarbeit fußt, für seine Anregungen und die Betreuung.
Abstract
Das Internet kann für Menschen mit Behinderungen, insbesondere für Blinde und Sehbehinderte, einen immensen Gewinn an Selbstständigkeit und Lebensqualität bedeuten. In der folgenden Diplomarbeit wird dargestellt, welche Bedürfnisse die Zielgruppe „Behinderte“, insbesondere Sehbehinderte und Blinde, bei der Nutzung des Computers und des Internets hat. Es wird untersucht, welche Vorraussetzungen erfüllt sein müssen, um das Internet zu nutzen und in welcher Form dabei Probleme zu Tage treten.
Da die Probleme meist auf unzureichende Programmierung der Internet-Inhalte zurückzuführen sind, ist es Aufgabe der Entwickler, die Barrierefreiheit ihrer Websites sicherzustellen. Das korrekte Verwenden von beschreibenden Texten für Grafiken und Tabellen ist nur ein Beispiel für ein barrierefreies Design.
Anhand der zusammengetragenen Kriterien werden zwei Websites von Bundesbehörden hin- sichtlich ihrer Barrierefreiheit analysiert und Vorschläge zur Verbesserung geäußert.
Inhalt
Inhalt
1 Einleitung 1
2 Das Leitmotiv „Accessibility“ 3
2.1 Accessibility 3
2.2 Universal Design 4
2.3 Accessibility im Internet 5
2.4 Assistive Technology 7
2.5 Usability 8
2.6 Accessibility und Usability 9
3 Behinderungen und Computer 10
3.1 Sehbehinderte und Blinde 12
3.1.1 Nutzung des Computers 14
3.1.2 Nutzung des Internets 17
3.2 Hörbehinderungen 21
3.3 Körperbehinderungen 21
3.3.1 Nutzung des Computers 22
3.3.2 Nutzung des Internets 22
3.4 Lernbehinderungen 22
3.5 Geistige Behinderungen 23
3.6 Zusammenfassung 23
4 Gesetze und Standards 24
4.1 World Wide Web Konsortium 24
4.1.1 Barrierefreie Inhalte 25
4.1.2 Barrierefreie Erstellung von Inhalten 25
4.1.3 Barrierefreie Endgeräte und Browser 26
4.2 Deutschland 26
4.2.1 Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen 27
4.2.2 Die Umsetzungsverordnung zum BGG (BITV) 28
4.3 Europäische Union 29
4.4 USA 30
4.4.1 Americans with Disabilities Act 30
4.4.2 Section 508 of the Rehabilitation Act 31
4.4.3 Section 255 of the Telecommunications Act 31
4.5 Vorgaben der Industrie 32
4.6 Zusammenfassung 32
I
Inhalt
5 Assistive Technology 33
5.1 Technische Hilfsmittel 33
5.1.1 Braille-Schrift 34
5.1.2 Braille-Zeilen 35
5.1.3 Screen Reader 36
5.1.4 Screen Magnifier 40
5.2 Unterstützung durch Betriebssysteme 41
5.2.1 Windows XP 41
5.2.2 Mac OS 42
5.2.3 Linux 43
5.3 Fazit 43
6 Erstellen barrierefreier Inhalte 44
6.1 Web Content Accessibility Guidelines 44
6.2 HTML 4 0 46
6.2.1 Layout 46
6.2.2 Navigation 47
6.2.3 Textgestaltung 47
6.2.4 Alternative Texte 48
6.2.5 Grafiken 49
6.2.6 Formulare 52
6.2.7 Tabellen 55
6.2.8 Frames 58
6.2.9 Cascading Style Sheets 59
6.2.10 Links 60
6.2.11 Nur-Text 61
6.3 DHTML und JavaScript 62
6.4 Adobe PDF 63
6.5 Macromedia Flash 64
6.6 Java 66
7 Optimierung eines Informationsangebotes 67
7.1 Accessibility-Test 67
7.2 Tools zur Evaluation 68
7.2.1 Bobby 69
7.2.2 WAVE 70
7.2.3 A-Prompt 71
7.2.4 Lynx 72
7.3 Unterstützung durch Software 73
7.3.1 Adobe GoLive 6 74
II
Inhalt
7.3.2 Macromedia Dreamweaver MX 75
7.3.3 Microsoft Frontpage 76
7.3.4 Add-ons 76
7.4 Fazit 78
8 Analyse 79
8.1 Zielsetzung 79
8.2 Systematik der Analyse 79
8.2.1 Analyse-Werkzeuge 80
8.2.2 Screen Reader/Voice Browser 80
8.3 Bewertungskriterien 81
8.4 Vorstellung der Websites 82
8.4.1 Informationsangebot www bundesregierung de 83
8.4.2 Informationsangebot www auswaertiges-amt de 84
8.5 Szenarien 85
8.6 Testumgebung 86
8.7 Ergebnisse 87
8.7.1 Analyse mit Bobby 87
8.7.2 Analyse mit WAVE 88
8.7.3 Praxistest mit JAWS 93
8.7.4 Praxistest mit IBM Home Page Reader 96
8.8 Zusammenfassung der Ergebnisse 97
8.9 Beurteilung 100
8.10 Empfehlungen 102
9 Fazit 103
10 Literaturverzeichnis 104
10.1 Bücher 104
10.2 Artikel 104
10.3 Spezifikationen, Richtlinien und Gesetze 106
11 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 108
12 Abkürzungsverzeichnis 110
Anhang A 111
Anhang B 112
Anhang C 117
Anhang D 122
Anhang E 123
III
1 Einleitung
“From the point of view of a computer, all human users are handicapped.“ 1
Blinde und Internet -- ein Widerspruch? Auf den ersten Blick vielleicht. Aber sicherlich nicht, wenn es nach der Meinung des Gesetzgebers in Deutschland geht.
Das Internet ist das Massenmedium unserer Zeit. Es bietet Dienstleistungen, Informationen, Kommunikation und Entertainment. Seit einigen Jahren existieren Vorgaben und technische Möglichkeiten, um Menschen mit Behinderungen einen barrierefreien Zugang zum Internet zu ermöglichen, doch werden sie bisher nur zögernd umgesetzt.
Im Zentrum dieser Diplomarbeit stehen Menschen -- Menschen, die erblindet oder sehbehindert sind. Diese Eingrenzung innerhalb der Gruppe der Behinderten wurde bewusst vorgenommen, da Sehbehinderungen in einem besonders großen Widerspruch zu den grafischen Inhalten des Internets zu stehen scheinen.
Oftmals wird der barrierefreie Zugang zum Internet ausschließlich auf die Erstellung von behindertengerechten Webseiten reduziert. Doch um die Nutzung des Internets zu ermöglichen, müssen verschiedene Faktoren, von denen die Barrierefreiheit abhängt, bedacht werden:
Erfüllt einer dieser Punkte nicht die Anforderungen hinsichtlich der Barrierefreiheit, so ist die Barrierefreiheit des gesamten Mediums Internet für diese Person in Frage gestellt.
1 McMillan (1994), S.144.
1
In der Bundesrepublik Deutschland leben rund 82 Millionen Menschen, von denen ca. 35 Millionen, etwa 43 % der Bevölkerung, über einen Zugang zum Internet verfügen. 2 Da leider keine Zahlen über behinderte Internet-Nutzer vorliegen, lässt sich deren Anzahl nur schätzen: Ausgehend von etwa 6,6 Millionen Menschen mit einer Behinderung in Deutschland 3 würde das bei einer Penetrationsrate von 43 % auf rund 2,8 Millionen Internet-Nutzer mit einer Behinderung schließen lassen.
Daher steht die Frage, wie eine Ausgrenzung dieser Gruppe vom Informationszeitalter zu verhindern ist, im Mittelpunkt dieser Diplomarbeit.
Zu Beginn möchte ich aufzeigen, welche Probleme Behinderte, insbesondere Sehbehinderte und Blinde, bei der Nutzung des Computers und des Internets haben und wie sie diese mit Hilfe modernster Technik meistern oder zumindest lindern können.
Daraufhin werden die Gesetze und Vorgaben, die für die Barrierefreiheit im Internet relevant sind, vorgestellt und gezeigt, wie diese in der Praxis umgesetzt werden können. Abschließend soll am Beispiel ausgewählter Internetseiten des Bundes untersucht werden, wie es momentan um die Barrierefreiheit bestellt ist und wie weit Gesetze und Verordnungen bereits umgesetzt werden. Dies umfasst die Analyse der Internet-Seiten, die Darstellung gefundener Barrieren und Vorschläge, wie die Seiten hinsichtlich der Anforderungen an die Barrierefreiheit optimiert werden können.
2 Quelle: Eurostat/EU-Kommission (Eurobarometer Juni 2002).
3 Siehe Kapitel 3.
2
2 Das Leitmotiv „Accessibility“
In diesem Kapitel möchte ich die Begrifflichkeiten klären und darstellen, welche Grundgedanken und Ziele hinter Accessibility und den damit verbundenen Überlegungen stehen. Was versteht man unter dem englischsprachigen Begriff „Accessibility“, der sich am besten mit „Zugänglichkeit“ oder, wesentlich freier, mit „Barrierefreiheit“ übersetzen lässt? Der Begriff „Accessibility“ setzt sich aus den Worten „Access“ und „Ability“ zusammen, also „Zugang“ und „Fähigkeit“, und bezeichnet damit die Eigenschaft einer Sache, einen Zugang bereitzustellen.
2.1 Accessibility
Spricht man im Allgemeinen von Accessibility, so ist damit der barrierefreie Zugang für Menschen mit einer Behinderung gemeint. Dabei kann es sich beispielsweise um den rollstuhlgerechten Zugang zu einem Gebäude oder zum öffentlichen Nahverkehr handeln. Die Norm ISO TS 16071 definiert Accessibility wie folgt:
“The usability of a product, service, environment or facility by people with the widest range of capabilities.” 4
Accessibility meint somit auch den barrierefreien Zugang zu Dienstleistungen und Kommunikationsmitteln wie dem Internet. Der Leitgedanke der Accessibility ist, Menschen mit besonderen Einschränkungen und den daraus resultierenden Bedürfnissen die Möglichkeit zu geben, an den grundlegenden Dingen des Alltages teilhaben und Produkte, Dienstleistungen und Informationen im gleichen Umfang nutzen zu können wie Menschen ohne Behinderung.
4 ISO TS 16071.
3
2.2 Universal Design
Das Anliegen bei der Realisierung der Barrierefreiheit ist es, eine Gesellschaft für alle Menschen zu schaffen. Bei der Umsetzung dieses Ziels möchte man sich am so genannten „Universal Design“ orientieren.
Gregg Vanderheiden, einer der Verfasser der Accessibility-Richtlinien für das Internet, gibt die folgende Definition von Universal Design:
“Universal design is the process of creating products [...] which are usable by people with the widest possible range of abilities, operating within the widest possible range of situations[…], as it is commercially practical.” 5
Der Anspruch des universellen Designs ist es, Produkte, Lösungen oder Dienstleistungen mit Kenntnis über die Fähigkeiten der Nutzer zu entwickeln. Daraus ergibt sich, dass möglichst viele Menschen diese Produkte nutzen können. Es ist erkennbar, dass es sich bei Universal Design nicht um eine Lösung, sondern um eine Überlegung der Produktentwicklung, eine Geisteshaltung innerhalb des Entstehungsprozesses, handelt. 6
Betrachtet man den Gedanken des Universal Designs, so stellt man fest, dass es bei der Umsetzung nicht darum geht, Sonderlösungen für besondere Zielgruppen zu schaffen. Diese sind ausschließlich für den Fall, dass eine Berücksichtigung besonderer Bedürfnisse nicht möglich erscheint, vorbehalten.
Bezieht man die Überlegungen des Universal Designs auf die Entwicklung von Internet-Inhalten und -angeboten, so wird deutlich, dass es nur eine Lösung geben soll, die den Anforderungen und Bedürfnissen aller Nutzer gerecht wird. Um dies zu erreichen, muss ein universelles Design speziell für das Internet geschaffen werden, damit die Accessibility schon während der Konzeption von Webinhalten berücksichtigt wird.
Nach dem Willen der Politik und der Behindertenverbände soll sich diese Philosophie durchsetzen. Die Europäische Kommission hat sich dazu entschlossen, generell bei der Schaffung einer barrierefreien Gesellschaft den Leitgedanken des Universal Designs zu vertreten. 7
5 Vanderheiden (1996).
6 Vgl.: http://www.design.ncsu.edu:8120/cud/univ_design/princ_overview.htm.
7 siehe auch Kapitel 4.3.
4
2.3 Accessibility im Internet
Shawn Lawton Henry schlägt die folgende Definition von Accessibility im Internet vor:
“Accessibility can be defined as the quality of a web site that makes it possible for people to use it - to find it navigable and understandable - even when they are working under limiting conditions or constraints.” 8
Oftmals wird allerdings der Begriff „barrierefreies Internet“ analog zu dem Begriff „behindertengerechtes Internet“ verwendet. Dies wird jedoch dem Ansatz der Barrierefreiheit nicht gerecht. Das Ziel der Barrierefreiheit ist es nicht, ein Internet für Behinderte zu schaffen, sondern ein Internet, das einen barrierefreien Zugang für alle, mit und ohne Behinderung, bietet. Der Begriff der „Barriere“ bezieht sich daher nicht ausschließlich auf Hindernisse, die durch eine Behinderung entstehen, sondern auch auf äußere Einflüsse, die Auswirkungen auf die Nutzung des Internets haben. So kann es für den Nutzer bereits eine Barriere sein, wenn er einen Schwarz-Weiß-Monitor zum Betrachten von Webseiten verwendet.
John Slatin, selbst erblindet, sieht Accessibility im Internet nicht als das bloße Erfüllen vorgegebener Richtlinien und Checklisten, sondern als einen ganzheitlichen Prozess bei der Erstellung von Internetinhalten. Er kritisiert, dass vielerorts nur das Einhalten der rechtlichen Vorgaben im Vordergrund stehe, aber das Bewusstsein für Accessibility nicht vorhanden sei. Dabei sei es wichtig, bei allen, Entwicklern und Nutzern, ob von Behinderung betroffen oder nicht, das Bewusstsein zu schaffen, dass ein barrierefreies Internet keine Sonderlösung, sondern der Standard sein sollte. Bei der Schaffung der Accessibility ist nach Meinung von Slatin das Ziel erst dann erreicht, wenn bei jedem, der Internet-Inhalte entwickelt, das Bewusstsein für Barrierefreiheit geschaffen worden sei. 9
In den Anfangstagen des Internets gab es keinerlei Unterstützung der Bedürfnisse behinderter Nutzer, erste Interessengruppen wie die Web Accessibility Initiative (WAI) formierten sich erst 1997. Ursächlich für die fehlende Berücksichtigung behinderter Nutzer ist sicherlich der sehr technische, militärische Ursprung der Technologie „Internet“. Das primäre Ziel der Entwickler war es, die Technik weiterzuentwickeln und die Verbreitung des Internets voranzutreiben. Die Interessen behinderter Menschen waren hierbei von untergeordneter Bedeutung. Als sich jedoch das Internet zum Massenmedium entwickelte, stellte sich heraus, dass es auch für Behinderte ungeahnte Möglichkeiten und somit einen Gewinn an Unabhängigkeit und Lebensqualität bieten kann.
8 Thatcher (2002), S.10.
9 Vgl.: Slatin/Rush (2002), S.6, S.10.
5
Betrachtet man die demografische Entwicklung in Deutschland, so wird deutlich, dass in Zukunft die Zahl älterer Menschen kontinuierlich steigen wird. Betrug der Anteil der über 65jährigen an der Bevölkerung 1950 noch 10 %, waren es 2000 bereits 28 %; im Jahr 2050 werden es 30 % sein. 10 Ursache für diese Entwicklung sind zum einen geburtenstarke Jahrgänge, zum anderen der hohe Lebensstandard, der die Lebenserwartung in allen Industrieländern der westlichen Welt weiter steigen lässt. 11
Angesichts dieser Zahlen sind zwei Entwicklungen deutlich abzusehen: gibt es in der Gesellschaft mehr alte Menschen, so ist damit zu rechnen, dass auch die Zahl der Menschen, die unter altersbedingten Behinderungen wie z.B. Sehschwäche oder Einschränkung der Mobilität leiden, steigen wird. Absehbar ist auch, dass es zukünftig mehr ältere Internet-Nutzer geben wird. Auch diese Gruppen werden von barrierefreien Internet-Inhalten profitieren.
Für die Betreiber einer Website kann es durchaus von Vorteil sein, wenn sie ihr Informationsangebot im Internet barrierefrei gestalten. In den Gesprächen, die ich mit Betroffenen geführt habe, hat sich gezeigt, dass im Kreis der Blinden ein reger Austausch über ausgesprochen gut oder schlecht zu nutzende Webseiten stattfindet.
Man geht von einer Steigerung des Marktanteils einer barrierefrei gestalteten Webseite aus, da sie nun auch für Nutzer ohne Behinderung leichter zu bedienen ist und dies die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Menschen das Angebot nutzen, erhöht.
Accessibility kann aber auch Einfluss auf weitere Faktoren haben, die es möglich machen, neue Nutzergruppen zu erschließen: 12
• Unterstützung von Leseschwierigkeiten
• Optimierung für Suchmaschinen durch strukturierte Informationen
• Schnelle, erfolgreiche Suche macht es für den Kunden leichter, die gewünschten Informationen zu finden.
• Erstellung von Inhalten für verschiedene Endgeräte
• Unterstützung der Internationalisierung des WWW
• Bereitstellung eines Zugangs für Nutzer mit geringer Bandbreite
Wichtig für die Umsetzung des barrierefreien Internets seitens der Unternehmen ist jedoch auch, dass das Bewusstsein für Accessibility vom Management in das gesamte Unternehmen 13 getragen wird, da sonst die Umsetzung scheitern kann. 14
10 Quelle: Statistisches Bundesamt, 2000.
11 BRD: (1950/2000): Männer 64,6/74,7 Jahre, Frauen 68,5/80,7 Jahre, Quelle: Statistisches Bundesamt, 2002.
12 Vgl.: W3C/WAI (2002a).
13 und nicht nur in die für die Entwicklung der Websites verantwortlichen Bereiche.
14 Vgl.: Slatin/Rush (2002), S.130.
6
2.4 Assistive Technology
Spricht man von Accessibility, so spricht man auch von „Assistive Technology“. Die Bedeutung dieser „unterstützenden Techniken“ wird meist unterschätzt, lässt sich aber an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Die rollstuhlgerechte Zufahrt zu einer U-Bahn-Station ist für einen Körperbehinderten keine Hilfe, wenn er über keinen Rollstuhl verfügt. Die Lücke zwischen den individuellen Fähigkeiten des Behinderten und der Umgebung schließt die Assistive Technology. Unter diesen unterstützenden Geräten kann man, im einfachsten Sinne, alle Hilfsmittel zusammenfassen, die es Behinderten erleichtern, Probleme des Alltags zu bewältigen und so die Auswirkungen der Behinderung zu abschwächen.
Auch eine barrierefrei gestaltete Webseite kann von einem Blinden alleine mit einem Computer nicht genutzt werden. Er benötigt Hilfsmittel, die seinen Computer so erweitern, dass er ihn mit seinen Fähigkeiten bestmöglich nutzen kann. Diese Hilfsmittel sind meist Hard- und Software, die Hilfe und Unterstützung bei der Nutzung mit alternativen Endgeräten anbieten. Auf die Möglichkeiten, die die modernen Hilfsmittel bieten, möchte ich in Kapitel 5 detailliert eingehen.
Die Anpassung der Assistive Technology an den Computer und an die individuellen Fähigkeiten des Nutzers ist der Schlüssel, um überhaupt das Internet erfolgreich nutzen zu können. Daher sollte Assistive Technology, wenn es nach der Meinung der Blindenverbände geht, die gleiche Bedeutung wie den herkömmlichen Eingabegeräten Maus und Tastatur oder Ausgabegeräten wie dem Monitor beigemessen werden. Nur so ließe sich eine bestmögliche Integration von Lösungen in Standardsoftware realisieren und barrierefreies Design würde mit Assistive Technology eine Einheit bilden.
7
2.5 Usability
Der Begriff der „Usability“ lässt sich in der deutschen Sprache am Ehesten mit „Gebrauchstauglichkeit“ umschreiben. Das Wort „Usability“ selbst ist ein Portmanteau aus den Worten „Use“ und „Ability“, zu deutsch „Nutzen“ und „Fähigkeit“.
Gebrauchstauglichkeit wird laut Norm EN ISO 9241-11 in Bezug auf die Gestaltung von Bildschirmoberflächen als
„das Ausmaß, in dem ein Produkt durch bestimmte Benutzer in einem bestimmten Nutzungskontext genutzt werden kann, um bestimmte Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend zu erreichen“ 15
definiert.
Was ist damit genau gemeint?
• Effektivität meint „die Genauigkeit und Vollständigkeit, mit der Benutzer ein bestimmtes Ziel erreichen“.
• Effizienz meint den „im Verhältnis zur Genauigkeit und Vollständigkeit eingesetzten Aufwand, mit dem Benutzer ein bestimmtes Ziel erreichen“.
• Zufriedenstellung meint die „Freiheit von Beeinträchtigungen und positive Einstellungen gegenüber dem Produkt“. 16
Jakob Nielsen sieht neben diesen drei Aspekten noch weitere Eigenschaften, die die Usability einer Webseite beeinflussen:
• Erlernbarkeit
Eine Messgröße über die Dauer, die ein neuer Nutzer zum Kennenlernen benötigt, bevor er in der Lage ist, einfache Aufgaben auszuführen.
• Merkbarkeit
Eine Messgröße darüber, ob ein Nutzer, der das System vorher schon einmal benutzt hat, sich an Eigenheiten erinnern kann und es nun wesentlich effektiver benutzen kann. 17
Betrachtet man diese fünf verschiedenen Komponenten, mit denen Usability gemessen werden kann, so wird deutlich, wie vielschichtig die Anforderungen an eine Webseite, die „usable“ ist, sind.
15 CEN: EN ISO 9141-11, 1998, S.4.
16 CEN: EN ISO 9141-11, 1998, S.4.
17 Nielsen (1993), S.26f, auch: Thatcher (2002), S.7f.
8
Die einfache Handhabung einer Webseite alleine ist jedoch noch kein Garant für ihren Erfolg, da auch der Nutzwert einer Website hierfür relevant ist. Dieses Zusammenspiel von Handhabung und Nutzwert erschwert die Aufstellung fester Usability-Richtlinien, da die Kriterien der Usability immer auch von den Zielen einer Site und den Erwartungen der Nutzer abhängen. Beispielsweise gelten für eine Entertainment-Website, die in erster Linie unterhalten möchte, andere Regeln als für die Website eines Online-Shops, der seine Besucher zum Kaufen bewegen möchte.
2.6 Accessibility und Usability
Generell sollte es das Ziel beim Erstellen von Internet-Inhalten sein, eine möglichst hohe Usability anbieten zu können. Zu den Anforderungen der Usability kommen die der Accessibility hinzu. In wieweit besteht eine Verbindung zwischen Usability und Accessibility, gibt es Gemeinsamkeiten, wo liegen die Unterschiede?
Die enge Verknüpfung von Acessibility und Usability wird schon in der Definition der USamerikanischen Human Factors and Ergonomics Society deutlich:
“Accessibility means maximizing the number of people who can use computer systems by taking into account that varying physical and sensory capabilities of users. By this definition, accessibility is simply a category of usability.” 18
Usability wird hier als Grundlage der Accessibility betrachtet; Accessibility stellt somit eine Untermenge von Usability dar. Denn Accessibility und Usability verfolgen ein gemeinsames Ziel: die größtmögliche Zufriedenheit der Nutzer. Jedoch liegt der Unterschied in der Spezifikation der Zielgruppe: während sich Usability an den Bedürfnissen der gesamte Gruppe möglicher Nutzer orientiert, liegt bei Accessibility der besondere Augenmerk auf einer speziellen Zielgruppe, den Nutzern mit einer Behinderung. Ziel der Accessibility ist es, die Zielgruppe der Informationsangebote im Internet zu erweitern, wo hingegen Usability das „Erfolgserlebnis“ aller Nutzer einer Webseite optimieren möchte. 19
Es lässt sich somit sagen, dass alle Bestrebungen, den Anforderungen hinsichtlich Accessibilty zu genügen, auch dem Ziel einer möglichst hohen Usability entgegenkommen. Ein Beispiel dafür ist die Vorgabe des World Wide Web Konsortiums, eine möglichst übersichtliche Navigation bereitzustellen. 20 Ist dies der Fall, so profitieren davon die Nutzer mit einer Behinderung genauso wie die Nutzer ohne Behinderung.
18 HFES (1996), S.327.
19 Vgl.: Thatcher (2002), S.10; Slatin/Rush (2002), S.11.
20 Vgl.: W3C/WAI (1999) Checkpoints 13.4 und 13.5.
9
3 Behinderungen und Computer
Ein sehender Mensch kann den Inhalt einer Webseite und ihre Struktur innerhalb weniger Sekunden auf dem Bildschirm erfassen. Eine Blinder dagegen bekommt in demselben Zeitraum vielleicht 15 Wörter, einen Bruchteil der Informationen, vom Computer als Sprache ausgegeben. Es wird schnell deutlich, dass beide zwar das gleiche Medium nutzen, jedoch nur dann effizient, wenn sie sich eine unterschiedliche Methodik aneignen.
In diesem Kapitel soll die Zielgruppe des barrierefreien Internets, die Behinderten, näher betrachtet werden. Ich möchte zeigen, welche Arten von Behinderungen auftreten können und welchen Einfluss sie auf die Betroffenen haben können. Aufbauend auf der Beschreibung der Behinderungen werden die Auswirkungen auf die Nutzung des Computers und speziell des Internets geschildert. Auch hier soll der Hauptaugenmerk auf den Blinden bzw. den stark Sehbehinderten liegen.
Die grundsätzliche Frage, wer eigentlich als behindert gilt, beantwortet § 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes:
„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Stand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ 21
Die Besonderheit dieser Definition ist die Tatsache, dass hier nicht mehr das durch die Behinderung vorhandene tatsächliche Defizit, sondern die Einschränkung der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, die Partizipation, 22 das ausschlaggebende Kriterium darstellt. Diese Feststellung weicht somit von der bisherigen Bestimmung einer Behinderung ab und stellt den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt.
21 BGG, § 3.
22 Definition nach WHO: Partizipation ist die Teilnahme oder Teilhabe einer Person in einen Lebensbereich bzw. einer Lebenssituation vor dem Hintergrund ihrer körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung, ihrer Körperfunktionen und -strukturen, ihrer Aktivitäten und ihrer Kontextfaktoren (personbezogene Faktoren und Umweltfaktoren). Eine Beeinträchtigung der Partizipation ist ein nach Art und Ausmaß bestehendes Problem einer Person bezüglich ihrer Teilhabe in einen Lebensbereich bzw. einer Lebenssituation.
10
In der Bundesrepublik Deutschland gab es Ende 1999, zum Zeitpunkt der letzten statistischen Erhebung, rund 6,6 Millionen Menschen mit schweren Behinderungen. 23 Als Schwerbehinderte gelten Menschen, deren Funktionsbeeinträchtigung größer als 50 % ist. Die Schwere einer Beeinträchtigung wird durch den Grad der Behinderung wiedergegeben. Die Beurteilung, welcher Grad der Behinderung bei einem Menschen vorliegt, wird von den Versorgungsämtern vorgenommen.
Tabelle 1: Behindertenstatistik für Deutschland, Stand: 31.12.1999 (Quelle: Statistisches Bundesamt)
Betrachtet man zudem auch die Verteilung der Behinderten auf die verschiedenen Altersgruppen, so ist festzustellen, dass über 3,4 Millionen, also mehr als die Hälfte der Behinderten 65 Jahre oder älter sind.
Exakte, aktuelle Zahlen über die Internetnutzung durch behinderte Menschen sind leider nicht zu erhalten. 1998 fand eine Untersuchung der Georgia Tech University die folgende Verteilung heraus: 24
23 Quelle: Statistisches Bundesamt (2000).
24 GVU’s 10th WWW User Survey (October 1998), http://www.gvu.gatech.edu/user_surveys/survey-1998-
10/graphs/general/q12.htm.
11
3.1 Sehbehinderte und Blinde
Das Sehvermögen wird in der Medizin als die Fähigkeit, die Anwesenheit von Licht wahrzunehmen und die Form, Größe, Gestalt und Farbe des visuellen Reizes zu erkennen, beschrieben. Ein Mensch hat eine Sehbehinderung, wenn seine Sehkraft trotz Korrekturen nicht die gewöhnlichen Werte erreicht. Ab einem Restsehvermögen von 33 % spricht man von einer Sehbehinderung, bei einer Sehschärfe von weniger als 5 % liegt eine hochgradige Sehbehinderung vor. Nach dem Bundessozialhilfegesetz gelten neben den Menschen, die über kein Sehvermögen verfügen, auch die Menschen, deren Sehkraft auf dem besseren Auge weniger als 2 % beträgt, als blind. 25
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in der Bundesrepublik Deutschland rund 330 000 Menschen mit Sehbehinderungen, davon gelten rund 78 000 als blind und 33 000 als hochgradig sehbehindert. Im Vergleich zu 1990 sank diese Zahl um ca. 0,4 %, 26 was zum einen auf die medizinischen Fortschritte, zum anderen aber auch auf die abnehmende Zahl der Kriegsblinden zurückzuführen ist.
Sehbehinderungen können eine unterschiedliche Ausprägung haben: neben einer starken Herabsetzung der Sehkraft kann es sich beispielsweise auch um Einschränkungen des Blickfeldes handeln. In diesem Fall kann der Betroffene nur Ausschnitte, beispielsweise die Mitte (Tunnelblick) oder die Ränder des Blickfeldes sehen. Auch eine hohe Blendungsempfindlichkeit gilt als Sehbehinderung ist, die sich jedoch nicht exakt messen lässt. 27 Ein besonders häufiger Grund für eine Erblindung ist die altersabhängige Netzhautablösung, die in etwa 30 % der Fälle auftritt. Eine weitere Ursache ist eine im Alter verstärkt auftretende Diabetes, was die Altersverteilung in der Gruppe der Sehbehinderten, in der die Zahl der Altersblinden besonders groß ist, erklärt. 28
25 Vgl.: Bundessozialhilfegesetz (BSHG) in der Fassung vom 07.08.1974, § 24 Absatz 1 Satz 1.
26 Quelle: Statistisches Bundesamt (2000).
27 Vgl.: Gunderson (1994), S. 382; auch: http://www.trace.wisc.edu/docs/population/populat.htm#visual.
28 Anteil Blinde mit einem Alter >65 Jahre: 50 %, Quelle: Statistisches Bundesamt (2000).
12
Sehbehinderungen und Blindheit haben unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen. Die Einschränkungen durch die Behinderung wiegen umso schwerer, da visuelle Elemente überall in unserer Gesellschaft anzutreffen sind. Sie sind wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, die von den Betroffenen nur schwer beziehungsweise gar nicht erfasst werden können. Durch diese Einschränkungen treten Probleme zu Tage: der Mensch ist in seiner Motorik eingeschränkt, da er seine Umgebung nur teilweise wahrnehmen kann. Nur in einer gut bekannten Umgebung kann er sich relativ selbständig bewegen, in einem unbekannten Umfeld ist er meist auf die Hilfe Dritter angewiesen. Die Folgen einer Behinderung können aber auch sozialer Art sein: da der Sehbehinderte oder Blinde Elemente der nonverbalen Kommunikation, wie z.B. die Körpersprache seines Gesprächpartners, nicht erkennen und interpretieren kann, treten oftmals Probleme bei der Kommunikation mit anderen Menschen auf. 29
Entscheidend für das Verhalten der Blinden ist nach Meinung von Helga Weinläder auch der Zeitpunkt der Erblindung. So stellte sich heraus, dass bei einer Erblindung im fortgeschrittenen Alter die Bereitschaft, neue Dinge zu erlernen und sich so wieder einen Weg zur Integration in die Gesellschaft zu ebnen, abnimmt. 30 Nach Weinländer existieren in unserer Gesellschaft zwei Stereotypen: dem einen Stereotyp nach ist der Blinde ein absolut hilfloser Mensch, der von fremder Hilfe abhängig ist. Der andere Stereotyp hingegen beschreibt einen Blinden, der beinahe über übersinnliche Fähigkeiten verfügt. Jede Handlung eines Blinden werde in dieses Schema eingeordnet und somit das Bild der beiden Stereotypen, unabhängig vom einzelnen Menschen, bestätigt. 31 Dieses Bild unserer Gesellschaft von blinden Menschen konnten mir Betroffene in Gesprächen bestätigen.
Dazu passt der Eindruck Sehender, dass ein Blinder aufgrund seiner Behinderung über eine Schärfung der verbleibenden Sinne verfügt und gerade die auditiven und taktilen Fähigkeiten besser als bei einem Sehenden ausgeprägt sind. Jedoch hätten Studien gezeigt, dass nicht die Wahrnehmung besser ist, sondern ausschließlich die kognitive Leistung des Blinden. 32
Grundsätzlich kann man sagen, dass die Weiterentwicklung der Technologien aus Sicht der Blinden Vor- und Nachteile hat. So gibt es immer weniger klassische Arbeitsplätze für Blinde, z.B. in der Telefonvermittlung oder bei Schreibdiensten. In einem Gespräch äußerte ein Mitarbeiter eines Hilfsmittelherstellers, dass mittlerweile eine Kluft innerhalb der Gruppe der Sehbehinderten zu beobachten sei: nur für einige, äußerst hoch qualifizierte Blinde, sei auch ein Angebot an Arbeitsplätzen vorhanden. Andererseits sinke der Grad der Qualifikation, d.h. die Anforderungen einiger Arbeitsplätze wie in Call-Centern der Deutschen Telekom, die für Blinde geeignet wären, sind zu hoch.
29 Vgl.: Borchert (2000), S.104ff.
30 Vgl.: Weinläder (1985), S.526.
31 Vgl.: Weinläder (1985), S.527.
32 Vgl.: Weinläder (1985), S.521.
13
Computer und Internet ermöglichen Blinden den, zumindest theoretisch, unbegrenzten Zugriff auf Informationen. Sie erhalten die Möglichkeit, auf die gleichen Resourcen wie Sehende zuzugreifen. Einschränkungen wie beispielsweise die begrenzte Zahl an Print-Publikationen, die auch als Audio-Cassetten veröffentlich werden und schon zum Zeitpunkt der Produktion inhaltlich überholt waren, gehören der Vergangenheit an.
Nach Meinung von Marca Bristo, Vorsitzender des US-amerikanischen „National Council on Disabiliy“, sollte man jedoch die Vorschritte der technologischen Entwicklung differenzierter betrachten. So bringe der Zugang zum Internet sicherlich „revolutionäre“ Entwicklungen mit sich, die behinderten Menschen nie da gewesene Möglichkeiten eröffnet. Jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass jeder technologische Fortschritt gleichzeitig auch neue, unüberwindbare Probleme bedeuten kann, wenn die Grundregeln der Accessibility nicht beachtet würden. 33
3.1.1 Nutzung des Computers
Viele Menschen können sich nur schwer vorstellen, wie ein Blinder einen Computer effizient nutzen kann. Der Widerspruch zwischen der Vielzahl bunter Bilder auf der einen und dem fehlenden Sehvermögen auf der anderen Seite scheint besonders eklatant. Außenstehenden fällt auch die Diskrepanz zwischen der Eingabe und der Ausgabe von Informationen auf, die man bei Blinden und Sehbehinderten beobachten kann: Die Eingabe über die Tastatur bereitet den Blinden meist keine Schwierigkeiten und erfolgt schnell und sicher. Nur die Ausgabe der Informationen bereitet Probleme.
Die Nutzung des Computers durch Blinde hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Dies ist durch die technische Weiterentwicklung bedingt, liegt aber auch daran, dass der Computer mittlerweile eine hohe Verbreitung in der Bevölkerung erreicht hat. 34 In den 80er-Jahren dominierten textbasierte Betriebssysteme wie DOS, bei denen der Nutzer alle Eingaben über die Kommandozeile oder textbasierte Menüs vornahm und der Computer sämtliche Rückmeldungen und Statusanzeigen über diese Kommandozeile ausgab. Die Kom-mandozeile hatte eine Länge von 80 Zeichen, der gesamte Bildschirm bestand aus 25 einzelnen Zeilen. Dieser Bildschirminhalt von 80 x 25 Zeichen war mit Hilfe von Braille-Zeilen, die eine einzelne Zeile des Bildschirmes darstellen konnten, relativ leicht zu erfassen ist, da er nur aus Textzeichen bestand. Somit war es dem Blinden möglich, mit 25 Schritten den gesamten Bildschirminhalt von oben nach unten zu betrachten.
33 National Council on Disability (2001).
34 Deutschland 43,7 %, EU-Schnitt: 40,4 %, Quelle: Eurobarometer Juni 2002.
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Ein Novum für alle Computernutzer waren die grafischen Benutzeroberflächen (GUI), 35 die sich gegen Ende der 80er-Jahre immer stärker durchsetzten und heute nicht mehr wegzudenken sind. Sie bieten die Möglichkeit, die Benutzerumgebung grafisch durch Icons und andere Elemente wie Fenster darzustellen. Der Nutzer kann diese Elemente unmittelbar ändern und bekommt sofort das Feedback des Computers in Form einer sichtbaren Veränderung. Gorny fasst die Vorteile eines GUIs zusammen:
• Die Verwendung von Metaphern in Form von Icons, die Referenzen zu Datenstrukturen, Programmen und Funktionen sind.
• Direkte Manipulation der Icons und unmittelbares Feedback für alle Aktionen.
• Einfach Bedienung gleichzeitig vorhandener Programme und Funktionen.
• Icons können auf dem Bildschirm strukturiert und organisiert werden, Lage und Aussehen können verändert werden. 36
Mit der Verbreitung der GUIs wuchsen auch die Probleme der blinden Computer-Nutzer. Die bisher verwendeten Braille-Zeilen und Sprachausgaben waren für die Ausgabe von Textzeichen entwickelt und daher für die neuen, grafischen Bedienoberflächen ungeeignet. Boyd benennt drei Barrieren, auf die der blinden Nutzer stößt, wenn er mit einem GUI auf die gleiche Weise arbeiten möchte wie der sehende Nutzer:
• Die Pixel-Barriere besteht darin, dass der Bildschirminhalt nun nicht mehr zeilenweise, sondern pixelweise aufgebaut ist. Die Pixel, die sich im Speicher befinden, stehen un-tereinander in keinerlei Bezug zueinander und können daher nicht mit einer herkömmlichen Sprachausgabe für textbasierte Systeme wiedergegeben werden.
• Die Maus-Barriere bezieht sich darauf, dass der Blinde die Maus nicht effizient als Eingabegerät nutzen kann. Dabei handelt es sich um ein psychomotorisches Problem, da dem blinden Nutzer das Feedback, also die sichtbare Bewegung des Cursors auf dem Bildschirm, für sein Handeln fehlt, weil eine „Hand-Auge-Koordination“ nicht möglich ist.
• Die Grafik-Barriere liegt in der Natur der grafischen Benutzeroberflächen: alle grafischen Elemente eines GUIs wie z.B. Icons enthalten Informationen, die vom Betrachter interpretiert und aufgrund ihrer Eigenschaften wie Zustand und Lage von ihm bewertet werden. Diese grafischen Informationen anders darzustellen wäre immer mit einem Verlust an Informationen verbunden, da die Beschreibung eines Bildes durch einen Text länger, ungenauer und komplizierter ist. 37
35 GUI: Graphical User Interface.
36 Vgl.: Gorny, (2000), S.253.
37 Vgl.: Boyd (1990).
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Ein weiteres Problem für Blinde resultiert nach Alan Holst aus der parallelen visuellen Wahrnehmung des GUIs: der sehende Nutzer kann mehrere Dinge gleichzeitig wahrnehmen, beispielsweise eine Handlung und ihr Ergebnis. Diese Möglichkeit hat der blinde Nutzer nicht, da immer nur eine Information über Braille-Zeile und Screen Reader ausgegeben werden kann. 38 Auch die mehrdimensionale Präsentation auf dem Bildschirm erschwert nach Meinung von Holst die Benutzung durch Blinde: weil nur eine eindimensionale, serielle Ausgabe zur Verfügung steht, müssen die Informationen linear dargestellt werden, bevor sie mittels Screen Reader oder Braille-Zeile ausgegeben werden. Diesen Vorgang nennt man Linearisierung.
Gorny sieht besonders in der Grafik-Barriere eine nahezu unüberwindbare Herausforderung, für die es momentan noch keine Lösung gebe. So existiere beispielsweise keine Möglichkeit, Grafiken für Blinde so aufzubereiten, dass der volle Informationsgehalt erhalten bleibe. 39 Auf-grund der verbleibenden Fähigkeiten hat der Blinde drei verschiedene Wege, die grafischen Elemente eines GUIs zu erfassen:
• Taktil
• Auditiv
• Sprachliche Umsetzung der grafischen Informationen
Auf diese drei Ausgabemöglichkeiten konzentrieren sich die Entwickler der Hilfsmittel, der Assistive Technology. Um den Blinden bestmögliche Unterstützung bieten zu können, muss das Nutzerverhalten analysiert und mit dem eines sehenden Nutzers verglichen werden. Hierzu bedient sich die Wissenschaft so genannter mentaler Modelle. Diese Modelle beschreiben das sich angeeignete menschliche Wissen über Handlungen oder Objekte sowie deren Beziehungen zueinander. 40
38 Vgl.: Holst (1999); auch: Thatcher (2002), S.54.
39 Vgl.: Gorny (2000), S.253f.
40 Vgl.: Herczeg (2001), S.112.
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Für einen Sehenden sind grafische Benutzeroberflächen eine Ansammlung von sichtbaren Objekten, die in einem grafisch dargestellten Raum zusammen mit Menüs, Icons und Buttons angeordnet sind und dem Nutzer die Eingabe lange Befehle an der Kommandozeile ersparen. Doch wie sieht das Bild von einem GUI aus, das bei einem blinden Nutzer entsteht? Holst vermutet, dass es zwei unterschiedliche Herangehensweisen der Blinden gibt: Eine Gruppe weiß nicht, wie der Bildschirm aussieht und merkt sich daher eine große Anzahl an Befehlen, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Dieses Modell ist sehr starr und erfordert ein gutes Erinnerungsvermögen. Die andere Gruppe der blinden Nutzer hingegen verfügt über ein kognitives Modell des Bildschirms: sie haben sich durch die Nutzung des Computers mit Braille-Zeile und Screen Reader ihr eigenes Bild vom Inhalt des Bildschirms gemacht, auf das sie nun zurückgreifen. 41
Die Ergebnisse einer Studie mit fünf blinden Nutzern der Universität Manchester veranschaulicht die Ausprägung dieser Modelle: drei Nutzer hatten ein so genanntes strukturiertes mentales Modell ausgebildet. Für sie hatte das Icon einer jeden Anwendung eine feste Lage auf dem Bildschirm. Ein anderer Nutzer verknüpfte jede Anwendung mit einer Tastenkombination, die nötig war, um das Programm zu starten. Er hatte sich ein so genanntes funktionales Modell zu eigen gemacht. Diese starren mentalen Modelle bereiten dem Nutzer jedoch bei unvorhergesehenen Ereignissen Probleme. Passen die Informationen, die sie erhalten, nicht zu ihrem mentalen Modell, so sind sie im ersten Moment hilflos und müssen sich mit der Situation arrangieren. Der fünfte Nutzer hatte eine Mischform beider Modelle entwickelt, da er sowohl Tastenkombinationen als auch Icons verwendete. 42
3.1.2 Nutzung des Internets
Das Internet bietet Menschen mit geringer oder keiner Sehkraft ein wesentliches Mehr an Lebensqualität. Sie erhalten die Möglichkeit, Tätigkeiten des Alltages, die bisher schier unmöglich erschienen, zu bewältigen. Die Grundlage all dieser Verbesserungen ist jedoch, dass der Zugriff auf die Informationen im Internet problemlos möglich ist.
Eine spürbare Verbesserung ist beispielsweise die Bereitstellung von hörbaren Zeitungen. Diese wurden früher auf Audio-Kassetten verschickt und enthielten somit veraltete Informationen. Mit Hilfe des Internets ist es nun möglich, die aktuellen Nachrichten des Tages als Sound-Datei aus dem Internet herunterladen und am Computer abzuspielen.
41 Vgl.: Holst (1999).
42 Vgl.: Kurniawan/Sutcliffe (2002), S.569f.
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Auch im Arbeitsleben eines Sehbehinderten kann die Nutzung des Internets ungeahnte Vorteile bringen. Da ein Großteil der geschäftlichen Kommunikation mittels E-Mail abgewickelt wird, ist es nun wesentlich einfacher, Informationen für einen nicht Sehenden aufzubereiten, da sie bereits in elektronischer Form vorliegen. Dies war zu einer Zeit, in der alle Kommunikation auf dem Postweg stattfand, nur schwer möglich, der Blinde war letztlich ausgegrenzt, da es ihm nicht möglich war, die auf Papier gedruckten Dokumente zu erfassen.
Eine Aussage, wie viele Nutzer mit Hilfsmitteln wie einem Screen Reader auf ein Informationsangebot zugreifen, lässt sich grundsätzlich nicht treffen. Dies ist durch die Tatsache begründet, dass es technisch nicht möglich ist, zu erkennen, dass der Nutzer sich eines Hilfsmittels bedient. Somit finden sich Blinde, die den Microsoft Internet Explorer und einen Screen Reader verwenden, in den Statistiken der Webserver nur als Nutzer des Internet Explorers wieder. Somit sind Erhebungen über die Nutzung einer Webseite durch Blinde immer auf eine direkte Befragung der Zielgruppe angewiesen.
Im Rahmen dieser Diplomarbeit hatte ich die Möglichkeit, mit Betroffenen zu sprechen, die das Internet regelmäßig nutzen. In diesen Gesprächen kristallisierten sich verschiedene Probleme, welche die Benutzung des Internets massiv erschweren können, heraus: Das grundsätzliche Problem bei der Nutzung des Computers im Allgemeinen und des Internets im Speziellen ist die Tatsache, dass es sich überwiegend um visuelle Informationen handelt, die die Möglichkeit der Selektion bieten. Einem Sehenden ist es beispielsweise möglich, die Struktur und den Inhalt einer Webseite innerhalb kurzer Zeit zu erfassen. Er hat die gesamte Seite vor Augen und kann jederzeit selektiv den gewünschten Inhalt auswählen. Der blinde Nutzer hingegen hat diese Möglichkeit der Selektion nicht. Er kann die Seite nur mittels Screen Reader „betrachten“, die Abfolge beim Vorlesen ist dabei vom Layout der Seite abhängig. Durch die Sprachausgabe kann er sich immer nur an einem einzelnen Punkt der Webseite aufhalten und ist quasi gezwungen, sich zu merken, welche Inhalte oder Navigationsmöglichkeiten ihm bereits genannt wurden. Erschwerend für den Nutzer kommt hinzu, dass alle Gestaltungselemente wie Layout, Stil und Schriften für ihn nicht sichtbar und somit auch nicht nutzbar sind. Rückschlüsse auf einen gleichen oder ähnlichen Aufbau, beispielsweise durch das einheitliche Erscheinungsbild einer Seite, sind für den Blinden nicht möglich; jede Seite scheint für ihn gleich zu sein, als sehe er sie zum allerersten Mal. 43
43 Vgl.: Harper, Goble (2000), S.11.
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Nach Aussagen Betroffener ist daher gerade die Anfangszeit für Blinde im Internet sehr anstrengend, da das effiziente Surfen mit Screen Reader und Braille-Zeile eine gewisse Erfahrung voraussetze und sehr hohe Anforderungen an die geistige Leistungsfähigkeit, besonders das Erinnerungsvermögen, stelle. Der Erfahrungsschatz aber wachse mit jeder Webseite, insbesondere durch die fehlerhaft programmierten. Man bekäme mit der Zeit ein Gefühl, wie HTML, gut oder schlecht programmiert, und der Screen Reader zusammenarbeiten würden.
Die Probleme sehbehinderter Menschen bei der Nutzung des Internets liegen weniger im technischen Bereich, meist sind sie durch Design und Layout einer Webseite begründet. Die meisten Web-Designer gehen bei der Seitengestaltung davon aus, dass dem Surfer mindestens ein 17-Zoll-Monitor zur Verfügung steht und konzipieren ihre Websites für eine Auflösung von 1024 x 768 Pixel oder höher. Dies hat wesentliche Nachteile für Sehbehinderte, die auf eine Bildschirmvergrößerung angewiesen sind. Durch die vergrößerte Darstellung reduziert sich die Größe des Bildschirmausschnittes -- je größer eine Webseite ist, desto kleiner wird der Teilausschnitt in Relation zur gesamten Seite. Ein weiteres Problem von Sehbehinderten ist die Wahrnehmung von Farben und Kontrast: Informationen, die mittels Farbe ausgedrückt werden, sind kaum wahrnehmbar, wenn der Nutzer Farben nicht wahrnehmen kann oder den Bildschirminhalt zur Steigerung des Kontrastes schwarz-weiß darstellen lässt. 44
Über das Verhalten behinderter, blinder und sehbehinderter Internetnutzer gibt es nur wenige Untersuchungen und Studien. Im Oktober 2001 veröffentlichte die Nielsen Norman Group die Studie „Beyond ALT Text: Making the Web Easy to Use for Users with Disabilities“. Dabei handelt es sich nach eigenen Angaben um die erste Studie, die untersucht, wie sehbehinderte und blinde Menschen das Internet mit Hilfe von Assistive Technology nutzen. Im Rahmen der Studie wurde das Nutzerverhalten von 104 Personen in den USA und Japan analysiert, davon hatten 84 eine Behinderung; die übrigen 20 Personen ohne Behinderungen dienten als Kontrollgruppe. Diese Personen wurden in drei verschiedene Gruppen eingeteilt, die sich anhand der verwendeten Hilfsmittel bei der Nutzung des Internets unterschieden: eine Gruppe bestand aus stark Sehbehinderten und Blinden, die es gewohnt waren, mittels Screen Reader den Computer zu nutzen. Die andere Gruppe wurde von Screen Magnifiern unterstützt, wo hingegen die Kontrollgruppe auf keinerlei technische Hilfsmittel angewiesen war. Den Teilnehmern wurden verschiedene Aufgaben gestellt, die es mit Hilfe des Internets zu lösen galt.
44 Vgl.: W3C/WAI (2001a)
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Quote paper:
Daniel Weist, 2003, Accessibility von Internet-Inhalten, Munich, GRIN Publishing GmbH
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