1) Einleitung
Im 19.Jahrhundert entstand in England aus den Überlegungen von Jeremy Bentham und John Stuart Mill eine neue philosophische Richtung: der Utilitarismus. Was Zeitgenossen wie Nietzsche und Marx anfänglich nur spotten ließ, entwickelte sich zu einer fundierten Ethik auf Grundlage des antiken Hedonismus, einer bereits vor 2400 Jahren entstandenen teleologischen Philosophierichtung mit der Lust, der hedonē, als höchstem Lebensziel.
Im Unterschied dazu und zu deontologischen Ethiken bestimmt sich die Richtigkeit der Handlungen im Utilitarismus aus deren Folgen. Ob eine Folge gut oder schlecht ist, wird anhand ihrer Utilität für das an sich Gute beurteilt. Die klassische Definition des An sich Guten liefern die beiden Utilitarismustheorien von Bentham und Mill, die beide das menschliche Glück als höchsten Wert bezeichnen. Hierin besteht die Parallele zum antiken Hedonismus, der dasselbe Ziel verfolgt. 1
Nachfolgend möchte ich diese beiden ersten so genannten „Utilitarismus“-Konzeptionen erläutern, um auf dieser Grundlage einen geschulten Vergleich zu ziehen und die Vorzüge und Schwachpunkte der jeweiligen Theorie zu erörtern. Auch Aspekte jüngerer Utilitarismus-Ansätze sollen im Laufe der Arbeit in die Gegenüberstellung mit einfließen, um die Entwicklung dieser Philosophierichtung ins Auge zu fassen, die, wie später zu sehen sein wird, nicht erst im 19. Jahrhundert begann, sondern viel früher bereits erste Ansätze zeigte und bis heute noch diskutiert wird.
2) Hauptpunkte des Utilitarismus nach Jeremy Bentham
a) Hintergründe
Jeremy Bentham, Sohn von Jeremiah Bentham, einem erfolgreichen Anwalt, der stets mehr um die Bildung und Karriere seines Sohnes bemüht war, als um seine eigene, eine außerordentlich gute Erziehung und Bildung. So kam er bereits in sehr jungem Alter mit antiken Autoren in Kontakt, konnte als Kind schon Latein und Griechisch und wurde bereits im Alter von „twelfe years, three months and thirteen
1 Zum groben Vergleich des Utilitarismus mit dem antiken Hedonismus siehe Otfried Höffe (Hrsg.):
Einführung in die utilitaristische Ethik, München 1975, S.11
1
days“ 2 an der Oxford University immatrikuliert, um ein Jurastudium zu beginnen, welches er drei Jahre später summa cum laude als Bachelor abschloss. Sein Streben nach Erfolg ließ in ihm den Wunsch wachsen, der „Newton of legislation“ 3 zu werden, den er den Rest seines Lebens beharrlich verfolgte. Auf dieser Grundlage, der Suche nach der bestmöglichen Gesetzgebung, wurde Jeremy Bentham 1781 4 zum Namensgeber des „Utilitarismus“, einer normativen Ethik mit dem höchsten Ziel, mit jeder Handlung das „größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen“ 5 zu erzielen.
b) Herleitung seines Utilitarismus
In seinem Werk „The principles of morals and legislation” (1789) erörtert Bentham in den ersten vier Kapiteln vorab seine psychologische Grundvorstellung des Menschen: „nature has placed mankind under the government of two sovereign masters: pleasure and pain“. 6 Diese beiden Gebieter weisen den Menschen an, was er für richtig und falsch zu halten und leiten somit all seine Gedanken, Handlungen und Worte. Diese Grundlage ist wichtig, um Benthams nachfolgende Ausführungen über das „principle of utility“ 7 zu verstehen, welches er aus dieser Vorstellung herleitet und als solches definiert:
The principle which approves or disapproves of every action
whatsoever, according to the tendency which it appears to
have to augment or diminish the happiness of the party,
whose interest is in the question. 8
Diese Nützlichkeit ist additiv, d.h. je mehr Menschen Glück zuteil wird, desto größer ist es, und es bezieht sich sowohl auf den Einzelnen, als auch auf die Gemeinschaft, sowie deren Oberhäupter, denn die Gemeinschaft setzt sich wiederum aus Individuen zusammen. Es gilt also, die Interessen jedes Einzelnen zu kennen, um
2 Charles W. Everett: Jeremy Bentham, London 1966, S.15.
3 Ib., S.6.
4 Vgl. zum Aufkommen der Begriffsdefinition HWPh, Bd.11, S.503.
5 Christoph Helferich: Geschichte der Philosophie, München 2002, S.300.
6 Jeremy Bentham: The Priciples of Morals and Legislation, New York 1948, S.1.
7 Ib., S.2: Das principle of utility nennt Bentham später auch noch Greatest Happiness principle. Die
Ausdrücke werden analog verwendet.
8 Ib., S.2.
dadurch das Interesse der Gemeinschaft zu erfüllen. Handlungen, die auf dieses Prinzip ausgerichtet sind, sind gut „and ought to be done.“ 9
c) Gradierung von Leid und Freude
Im vierten Kapitel erörtert Bentham, wie er den Grad von Freude und Schmerz misst. Hierzu stellt er sieben Kriterien auf, nach welchen Freude und Leid quantitativ differenziert werden können: Intensity, duration, certainty, propinquity, fecundity, purity und extent; ihre Ursprünge waren ihm gleichgültig. 10 Russell sagt über Benthams Einteilung:
Die Qualität bleibt also gänzlich außen vor, es wird lediglich gemessen, wie intensiv, dauerhaft, nah oder gewiss beispielsweise eine Freude oder ein Schmerz ist. Diese vier Eigenschaften beschreiben den Wert einer Freude, wohingegen bei der Beurteilung von Handlungen noch zwei weitere Werte beachtet werden müssen: die Reinheit und die Folgenträchtigkeit der Freude, bzw. des Leids. Erst wenn es um die Anzahl der Personen geht, die von einer Handlung betroffen sind, kommt das siebte Kriterium, nämlich das Ausmaß der Freude, hinzu. 11
d) Beweisverfahren
Obwohl Bentham anfangs in seinem Werk noch behauptet, dass der Utilitarismus nicht zu beweisen sei, und dass solch ein Beweis so sinnlos, wie unnötig wäre, wendet er sich diesem am Ende des zweiten Kapitels zu und erläutert, dass man aus diversen Gründen nach dem Utilitarismus handeln müssen. Seine Argumentation hierbei sieht folgendermaßen aus: Die erste Überlegung eines jeden Menschen müsse die sein, ob er seine Handlungen nach einem bestimmten Prinzip ausführen
9 Bentham, J.: a.a.O., S.4.
10 Vgl. hierzu Nigel Warburton, Philosophy - The Basics, London 1999, S.50
11 Vgl. zur Einteilung der Freuden bei Bentham: Höffe,O., a.a.O., S.50ff.
Arbeit zitieren:
Katharina Los, 2003, John Stuart Mill und Jeremy Bentham, München, GRIN Verlag GmbH
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