Inhaltsverzeichnis
1 „Darf Armut sein?“ - Moralität des Begriffs Armut. 2
2 Armut im Spannungsfeld von Sozialpolitik und Sozialwissenschaft 3
2.1 Politische Funktionalisierung der Armutsdebatte 3
2.2 Entstehung und Entwicklung der Armutsforschung. 3
2.3 Zwischen Armutspolitik und Armutsforschung. 5
2.4 Erfahrungen aus der Armutsdebatte zwischen Politik und Forschung. 5
2.5 Allgemeine Anforderungen an den Armutsbegriff 6
3 Armutsbegriffe und Armutsgrenzen 8
4 Bestandsaufnahme: Armut und Reichtum in Deutschland. 14
4.1 Methodische Basis 14
4.2 Ergebnisse in Auswahl. 14
5 Literatur. 17
1
1 „Darf Armut sein?“ - Moralität des Begriffs Armut
Während für den „Sozialfuzzi“ (d.h. Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, etc.) Armut in Deutschland schon seit langem eine Tatsache darstellt, ist dies in der allgemeinen Diskussion und in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor umstritten. Die Existenz von Armut in einem der reichsten Länder der Erde ist nämlich nicht zuerst eine Herausforderung, vielmehr ist sie in erster Linie ein Problem: Armut stellt den Reichtum der Nation in Frage - Armut zerstört das Bild der schönen heilen Welt, in der wir alle leben, während die Bösen die anderen und die Armen anderswo sind; Armut kratzt somit am Selbstbild der Bevölkerung und beschämt die Volksseele, und nicht zuletzt ist sie eine Beleidigung für die Erfolgsbilanz der jeweiligen Regierung, gleichwelcher politischen Couleur diese auch sein mag. Vor jeglicher Entscheidung darüber, was den nun genau Armut ist und wer denn dann als arm gelten darf, d.h. vor jeglicher Begriffsbestimmung von Armut, ist Armut ein moralischer Begriff, der „eine latente moralische Anklage gegenüber denjenigen (beinhaltet), die zu teilen hätten mit den Armen“ 1 . Auf diese Moralität der Armut bezieht sich auch der Titel des ersten deutschen Armutsberichts der Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 1989, welcher lautet „… wessen wir uns schämen müssen in einem reichen Land …“. Dies beinhaltet auch, daß Armut nicht nur ein Analysebegriff ist, sondern daß von Armut zu reden in besonderer Weise einen Handlungsapell einschließt 2 , denn Armut darf moralisch gesehen eigentlich nicht existieren. Das erste Problem der Armut ist also, ob sie überhaupt sein darf oder ob nicht, und die Antwort ist klar: Armut darf nicht sein - erst recht nicht in einem reichen Land.
1 Schneider, S. 19.
2 Vgl. Jacobs, S. 418.
2
2 Armut im Spannungsfeld von Sozialpolitik und
Sozialwissenschaft
2.1 Politische Funktionalisierung der Armutsdebatte
Daß Armut nicht sein darf stellt gerade an die Verantwortlichen in Wirtschaft und Gesellschaft und in erster Linie in der Politik unbequeme Anfragen, deren sich zu entledigen einfacher zu sein scheint, als sich ihnen und den dahinter liegenden Problemen zu stellen. Daß Armut nicht sein darf ist ja klar, und daher ist die Versuchung groß, das Problem einfach wegzudiskutieren. Dies ist seit Beginn der Armutsdebatte in Deutschland auch regelmäßig der Fall gewesen. Der Begriff der „neuen Armut“, welcher Mitte der siebziger Jahren auftauchte und von Heiner Geißler damals in die politische Debatte eingeführt wurde 3 , hat von Anfang an eine derartige politische Funktionalisierung erfahren, daß man sagen muß, daß nicht die politische Armutsbekämpfung im Mittelpunkt des Interesses stand, sondern die parteipolitische Polemik. 4 Dasselbe Verhalten ist im Laufe der Zeit immer wieder neu zu beobachten: So erklärte Bundeskanzler Helmut Kohl 1986, die Rede von Armut sei „von Vertretern des sozialistischen Jet-Set herbeigeredet“ 5 . Und als 1994 die Kirchen ihren Vorentwurf (!) zu einem Sozialwort veröffentlichten, erreichte die Armutsproblematik in Deutschland angesichts des bevorstehenden Bundestagswahlkampfes die Titelseiten der deutschen Presse, während die Veröffentlichung des endgültigen Diskussionsentwurfes einige Monate später und nach der Wahl nur noch eine spärliche Berichterstattung im Mittelteil der Presse erfuhr. 6 Es dürfte daran wohl deutlich werden, daß solche Vorraussetzungen und genauerhin solche Funktionalisierung der Armutsdiskussion einer effektiven und raschen Armutsbekämpfung eher hinderlich als förderlich sind.
2.2 Entstehung und Entwicklung der Armutsforschung
Grundsätzlich unterschieden werden muß von dieser sozialpolitischen Diskussion die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung über Armut. Diese Armutsforschung ist in Deutschland weitestgehend zeitgleich zu der genannten (politisch funktionalisierten) Armutspolitikdebatte entstanden, konnte aber eine politische Unabhängigkeit insofern
3 Vgl. Heiner Geißler, Die neue soziale Frage. Analysen und Dokumente, Freiburg 1976. Geißler war damals rheinland-pfälzischer Sozialminister und bundespolitisch gesehen Oppositionspolitiker; mit seinem Buch zog er sich deutlich den Zorn der regierenden SPD zu.
4 Vgl. Stiefel, S. 251.
5 Eröffnung des Wahlkampfes in Niedersachsen, 20.4.1986 - zitiert bei Stiefel, S. 251.
6 Vgl. Wendt, S. 12.
3
erreichen, so daß es ihr möglich war, sich eigenständig entwickeln zu können und heute über einen guten Forschungstand zu verfügen.
Bis zu Beginn der 70er Jahre allerdings war eine sozialwissenschaftliche Behandlung von Armut in Deutschland nur selten anzutreffen, was natürlich nicht die Inexistenz dieser Bevölkerungsschicht bedeutet, was jedoch mit anderen Worten heißt, daß wissenschaftlicherseits ein wichtiger Teil der Gesellschaft weitgehend vernachlässigt wurde. Erst zu Beginn der 70er Jahre kam es zu einer Rethematisierung der Armut, zunächst in der Randgruppen- und Sozialarbeitsforschung. Als Ausgangspunkt einer „gesellschaftsfähigen“ Armutsdiskussion kann aber erst das 1976 erschienene Buch von Heiner Geißler begriffen werden. Die darauffolgenden empirischen Arbeiten in der 80er Jahren konzentrierten sich dann auf den Nachweis der Armut in Deutschland insbesondere in seinem quantitativen Ausmaß und auf den Versuch genauerer Beschreibungen der Armutsbevölkerung. Die Frage der Ursachen und Folgewirkungen von Armut wurden dagegen erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre thematisiert.
Erst mit Beginn der 90er Jahre werden die vorrangig sozial-strukturell angelegten Analysen in den Hintergrund gedrängt und von einer Armutslebenslagenforschung abgelöst, welche die konkreten Lebensumstände und Entbehrungen der in Armut lebenden Menschen in Augenschein nimmt. Auch groß angelegte Armutsuntersuchungen wie die des Deutschen Caritasverbandes (1993) und die des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (1994) fallen in diesen Zeitraum und liefern umfassende Informationen und Analysen zu Umfang und Struktur von Armut in Deutschland, welche einen Intensitätsschub für die deutsche Armutsforschung bedeuten. Neben dem Lebenslagenkonzept wird - zeitgleich - auch die „dynamische Armutsforschung“ entwickelt, die die Zeitdimension von Armut genauer betrachtet und sog. Armutskarrieren zu analysieren versucht. Damit zusammenhängend bzw. als direkte Folge dessen entwickelt sich eine Kritik an üblichen Sozialstrukturanalysen dahingehend, daß eine zunehmende vertikale Strukturierung der Gesellschaft festgestellt wird (zunehmend differenzierte Sozialstruktur), was auf eine Heterogenisierung des Armutsphänomens hindeutet. Ab Mitte der 90er Jahre wird daher das Verhältnis von sozialer Ungleichheit und Armut thematisiert. Der neueren Armutsforschung wird daher vor allem als „Erforschung sozialer Ungleichheit am Scheideweg zu institutionalisierter Exklusion“ 7 eine entscheidende Aufgabe zugeschrieben, was die Einbeziehung und Analyse der Lebenslagen von Bevölkerungsschichten knapp oberhalb der Armutsgrenze bedeutet. 8
Kritisch betrachtet ist diese Armutsforschung weitgehend eine Fachdebatte geblieben, welche keine deutliche politische Schubkraft anstoßen konnte und welche in der politischen
7 S. Leibfried/ W. Voges: Vom Ende einer Ausgrenzung? - Armut und Soziologie, in: Dies. (Hg.): Armut im modernen Wohlfahrtsstaat, KZfSS Sonderheft 31/1992, S. 10f.
8 Vgl. zum ganzen Abschnitt: W. Hübinger, S. 15-20.
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Arbeit zitieren:
Markus Raschke, 1998, Bestandsaufnahme 1998: Armut und Reichtum in einem reichen Land, München, GRIN Verlag GmbH
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