Vorwort - I - Voorwort V
Den entscheidenden Impuls zur Formulierung des Themas der vorliegenden Diplomarbeit gab mir ein im Jahr 2006 absolviertes Praktikum bei DERCONGRESS, der auf Veranstaltungsorganisation und Veranstaltungslogistik spezialisierten Service-Agentur der DER Unternehmensgruppe. Durch die tägliche Auseinandersetzung mit der Materie lernte ich hier praxisnah die interessante Thematik sowie auch die Komplexität des Messereiseverkehrs kennen. Durch meine Arbeit hoffe ich, einen theoretischen Beitrag zu diesem bislang noch wenig bearbeiteten Gebiet leisten zu können.
An dieser Stelle möchte ich einen herzlichen Dank an alle Personen richten, die mich bei der Erstellung der vorliegenden Studie unterstützt haben. Zunächst bedanke ich mich bei Herrn Prof. Dr. Hans Hopfinger, Inhaber des Lehrstuhls für Kulturgeographie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, welcher meine Arbeit betreute und mir - neben wertvollen Anregungen - einen großzügigen Gestaltungsfreiraum für die Konzeption derselbigen gewährte. Weiter gilt mein Dank Herrn Prof. Dr. Harald Pechlaner, Inhaber des Stiftungslehrstuhls für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, welcher die Zeit fand, die Arbeit als Zweitkorrektor zu begutachten. Besonders danken möchte ich auch Herrn Dr. Nicolai Scherle und Dipl.-Geographin Julia Walla, wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kulturgeographie, sowie Herrn Prof. Dr. Johannes Glückler, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie an der Universität Eichstätt. Sie konnten mir während der Bearbeitung durch nützliche Hinweise und Hilfestellungen zu diversen Aspekten der Arbeit hilfreiche Impulse und Denkanstöße geben.
Herrn Hendrik Hochheim, Referent für Messeforschung, Aus- und Weiterbildung beim Ausstellungs- und Messeausschuss der Deutschen Wirtschaft e.V., danke ich für praktische Unterstützung und konstruktive Anregungen während der Konzeptionsphase der Diplomarbeit, sowie dem Team der Deutschen Messebibliothek in Berlin für die Unterstützung und die Möglichkeit einer ausführlichen Literaturrecherche vor Ort. Die Erstellung der Arbeit wäre schließlich auch nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung der von mir interviewten Experten, welche sich für mich Zeit nahmen und mir durch ihre Aussagen einen tief gehenden Einblick in die bearbeitete Materie ermöglichten. Auf diesem Wege möchte ich deshalb auch ihnen nochmals herzlich danken. Ich hoffe, dass die Ergebnisse meiner Diplomarbeit für meine Interviewpartner von Interesse sein werden, um so ein wenig der geleis- teten Hilfe zurückgeben zu können.
Vorwort - II -
Last sowie meiner Freundin Michelle, die während der „heißen“ Phase der Diplomarbeit viel Verständnis und Geduld für mich aufbrachte. Für eine abschließende Lektüre der Diplomarbeit danke ich Herrn Hannes Lüling.
Eichstätt, im November 2007
Florian Dittmar
Inhaltsverzeichnis - III -
In nh ha al lt ts sv ve er rz ze ei ic ch hn ni is I
VORWORT I
INHALTSVERZEICHNIS III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS V
TABELLENVERZEICHNIS VI
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS VII
1 EINFÜHRUNG UND METHODISCHES VORGEHEN 1
1.1 EINFÜHRUNG IN DIE THEMATIK UND ZENTRALE FRAGESTELLUNGEN 1
1.2 METHODIK UND FORSCHUNGSDESIGN 4
1.3 EINORDNUNG DER ARBEIT IN DEN THEORETISCHEN KONTEXT DER GEOGRAPHIE 8
2 THEORETISCHE UND PRAKTISCHE GRUNDLEGUNGEN 9
2.1 EINFÜHRUNG IN DAS MESSEWESEN UND DEN MESSEBEZOGENEN REISEVERKEHR 9
2.1.1 Wesen, Funktionsweise und Eckdaten des deutschen Messewesens 10
2.1.2 Spezifika des Messetourismus und touristische Bedeutung von Messen 12
2.1.2.1 Abgrenzung und theoretische Einordnung 12
2.1.2.2 Zahlen und Fakten 14
2.1.2.3 Allgemeine Zusammenhänge und Besonderheiten 15
2.2 ZENTRALE AKTEURE DES UNTERSUCHUNGSFELDES UND ERSTE ZUSAMMENHÄNGE 17
2.2.1 Messegesellschaften und Veranstalter 18
2.2.2 Städtische Anteilseigner und die Organe der Tourismus- und Standortförderung 19
2.2.3 Die ausstellende und besuchende Wirtschaft 23
2.2.4 Die Hotellerie 24
2.3 DIE MESSE ALS NETZWERK 28
2.3.1 Einführung in die Netzwerktheorie 28
2.3.2 Das Netzwerk „Messe“ 31
2.3.3 Stakeholder-Ansatz: Die Anspruchsgruppen der Messekoalition 34
3 DIE UNTERKUNFTS- UND PREISSITUATION ZU MESSEZEITEN 35
3.1 EINFÜHRUNG UND HINTERGRÜNDE 35
3.1.1 Allgemeines 35
3.1.2 „Messepreise“ und das Problem der Quantifizierung 37
3.1.3 Einflussfaktoren und Zusammenhänge der Angebotsseite 40
3.1.3.1 Zur Saisonalität der Preisgestaltung 40
3.1.3.2 Zur Preisphilosophie und Ausstattung des Hotelbetriebs 43
3.2 ZUR ABGRENZUNG DER NACHFRAGE: VERSUCH DER ENTWICKLUNG EINER KENNZAHL
ZUM MESSEINDUZIERTEN ÜBERNACHTUNGSDRUCK 45
3.2.1 Nutzen und Zielsetzung 45
3 2 2 Grundlagen der Berechnung 46
Inhaltsverzeichnis - IV -
3.2.3 Berechnung am Beispiel der Messeplätze Düsseldorf und Nürnberg 48
3.2.4 Kritische Reflexionen 51
3.2.4.1 Bestimmung der relevanten Einzugsbereiche 51
3.2.4.2 Verfälschung durch externe Faktoren 52
3.2.4.3 Auslastungsschwankungen im Verlauf der Messe 53
4 BUCHUNGSVERHALTEN DER KUNDEN: EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE
RÄUMLICHE DIMENSION DER NACHFRAGE 54
4.1 ABGRENZUNG VON TEILMENGEN UND GRUPPIERUNGEN 54
4.1.1 Allgemeines 54
4.1.2 Besonderheiten ausländischer Gäste 55
4.2 DIE RÄUMLICHE SICHT: ENTFERNUNG UND ERREICHBARKEIT 57
4.2.1 Allgemeines 57
4.2.2 Der Einfluss von Verkehrswegen und Maßnahmen zur Erhöhung der Erreichbarkeit 61
4.2.3 Zusammenfassung und Versuch eines räumlichen Modells 64
5 DIE UNTERKUNFTSSITUATION ZU MESSEZEITEN AUS SICHT DER PRIMÄREN
MESSEAKTEURE 65
5.1 SICHT DER MESSEGESELLSCHAFTEN 66
5.2 BEDEUTUNG FÜR AUSSTELLER UND BESUCHER 69
6 DER SCHNITTPUNKT MESSE - HOTELLERIE: ZUR INSTITUTIONELLEN
DIMENSION DER UNTERKUNFTSVERMITTLUNG 73
6.1 BEDEUTUNG VON DIENSTLEISTUNGEN UND DAS PROBLEM VON „MAKE-OR-BUY“ 74
6.2 DIE INVOLVIERUNG DER VERANSTALTER IN DIE HOTELVERMITTLUNG 77
6.3 ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG DER ANGEWANDTEN KONSTELLATIONEN 80
6.4 DIE AUSGESTALTUNG IN DER PRAXIS: BEST-PRACTICE-BEISPIELE 85
6.4.1 Das Kölner Konzept: Exklusive Eigenvermittlung mit Partnerhotels 86
6.4.2 Der Nürnberger Weg: Gemischte Vermittlung mit eigenen Kontingenten 87
6.4.3 Die Düsseldorfer Plattform: Hotelvermittlung mit eigener Marke 88
7 ABSCHLIEßENDE BETRACHTUNGEN 89
7.1 ZUSAMMENFASSUNG UND VERBINDUNG DES NETZWERKANSATZES 89
7.2 ABLEITUNG VON HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN UND ABGRENZUNG WEITER-
FÜHRENDER FORSCHUNGSFELDER 92
7.2.1 Erschließung zusätzlicher Angebotskapazitäten 93
7.2.2 Einwirkung auf die Preisgestaltung der Hotellerie 95
7.2.3 Kommunikationsbezogene Maßnahmen 97
7.3 AUSBLICK 99
LITERATURVERZEICHNIS IX
ANHANG I: INTERVIEWLEITFÄDEN XXIII
ANHANG II: TABELLENTEIL XXXI
Abbildungsverzeichnis - V -
Ab bb bi il ld du un ng gs sv ve er rz ze ei ic ch hn ni is s A
Abb. 1: Geführte Experteninterviews und Messeplätze in Deutschland
Abb. 2: Prozentuale monatliche Verteilung internationaler Messen und
Übernachtungen in Deutschland im Jahr 2006
Abb. 3: Institutionelle Formen von Messeveranstaltern
Abb. 4: Zusammenhänge zwischen Messe und städtischer Tourismus-/
Standortförderung in Großstädten
Abb. 5: Zusammenhang der drei Messenetzwerke nach PRÜSER
Abb. 6: Kritische Stakeholder großer Messegesellschaften
Abb. 7: Gemeinden im 45-Minuten-Umkreis um die Messe Düsseldorf
Abb. 8: Gemeinden im 45-Minuten-Umkreis um die Messe Nürnberg
Abb. 9: Räumliches Modell zum Buchungsverhalten von Ausstellern und
Besuchern
Abb. 10: Entwicklung von vermieteten Flächen, Aussteller- und Besucherzahlen
auf überregionalen Messen in Deutschland
Abb. 11: Kompetenzportfolio für ein strategisches In-/Outsourcing
Abb. 12: Wesen der Zimmervermittlung an den internationalen Messeplätzen
Deutschlands
Tabellenverzeichnis - VI - Ta bellenverzeichnis T
Fließtext:
Tab. 1: Kennzahlen der sieben bedeutendsten Messeplätze Deutschlands ……………… 11
Tab. 5: Potentielle Gäste pro Bett und Nacht der internationalen Messen am Messeplatz Nürnberg ………………………………………………………………... 51
Anhang II:
Tab. 7: Gesprächspartner der Experteninterviews …………………………………….. XXXI
Tab. 10: Konstellationen der Unterkunftsvermittlung an den internationalen Messeplätzen Deutschlands …………………………………………………… XXXV
Tab. 11: Reiseverkehrsrelevante Kennziffern der internationalen Messen Deutschlands …………………………………………………………………… XXXVI
Abkürzungsverzeichnis - VII - Ab kürzungsverzeichnis A
Abb. Abbildung
AUMA Ausstellungs- und Messeausschuss der Deutschen Wirtschaft e.V.
BAO Berliner Absatzorganisation BAO BERLIN International GmbH
Bd. Band
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
ca. circa
DEHOGA Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V.
d.h. das heißt
DTV Deutscher Tourismusverband e. V.
ebd. ebenda
eG eingetragene Genossenschaft
et al. et alii
etc. et cetera
e.K. eingetragener Kaufmann
e.V. eingetragener Verein
f. folgende (Seite)
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
ff. folgende (Seiten)
FKM Gesellschaft zur Freiwilligen Kontrolle von Messe- und Ausstellungszahlen
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung
H. Heft
Hrsg. Herausgeber
IHK Industrie- und Handelskammer
Abkürzungsverzeichnis - VIII - Kap. Kapitel
km Kilometer
Mio. Millionen
Mrd. Milliarden
ÖPNV Öffentlicher Personennahverkehr
o.V. ohne Verfasser
S. Seite
Tab. Tabelle
TO Tourismusorganisation
u.a. unter anderem / und andere
u.U. unter Umständen
VDMA Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V.
VDR Verband Deutsches Reisemanagement e.V.
vgl. vergleiche
VIP very important person
ZAW Zentralausschuss der Werbewirtschaft e.V.
z.B. zum Beispiel
ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V.
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 1 - 1 E Einführung u und m methodisches V Vorgehen 1
1.1 E Einführung i in d die T Thematik u und z zent trale F Frages stellungen 1
Das deutsche Messe- und Ausstellungswesen markiert als hochgradig vernetzte Dienstleistungsbranche mit beachtlicher gesamtwirtschaftlicher Bedeutung den Schnittpunkt zwischen Regionen und den verschiedensten Sparten des in- wie ausländischen Wirtschaftsgeschehens. Gemäß dem periodischen Charakter von Messeveranstaltungen sind die Menschenströme und die von ihnen induzierten Wirkungszusammenhänge an den jeweiligen Messeplätzen auf eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahr beschränkt. Zu diesen Zeiten kulminieren sowohl das mediale Interesse als auch die Beanspruchung der örtlichen infrastrukturellen Ressourcen. Auf Grund von Unterkapazitäten an Hotelbetten zu den meisten internationalen Messen führen dabei die Kräfte von Angebot und Nachfrage zu Unterkunftspreisen, welche mitunter subjektiv die hierfür erbrachte Leistung deutlich übersteigen. In der Presse wird das Phänomen regelmäßig aufgegriffen und in Hinblick auf mögliche Auswirkungen auf das Teilnahmeverhalten der Messekundschaft und teils gar auf den Fortbestand ganzer Messen problematisiert. Auch häufig geäußerte heftige Kritik von Seiten der Ausstellerschaft und der besuchenden Wirtschaft legt auf den ersten Blick den Schluss nahe, dass der zentrale Kostenfaktor „Unterbringung“ deutliche Auswirkungen auf das Teilnahme- und Buchungsverhalten der Messekunden haben kann. Dieses wiederum determiniert und beeinflusst raumwirksame Prozesse, wie die verschieden ausgestalteten Reiseströme und die Wahl von Hotels in bestimmten Lagen. Doch noch weitergehende Felder werden durch die Thematik tangiert: So beeinflussen die Unterkunftssituation sowie das Buchungsverhalten von Ausstellern und Messekunden das Gefüge und die Interessen der gesamten Messekoalition, ausgehend von den Veranstaltern, über deren meist öffentliche Anteilseigner, die Hotellerie und weitere involvierte Wirtschaftszweige.
Den diversen Akteuren, die als Teil des Messegeschehens angesprochen werden können und vom Komplex der Übernachtungsnachfrage tangiert werden, können nun jeweils spezifische Sichtweisen und Interessen mit Bezug auf die Thematik zugeordnet werden. Innerhalb dieses Kontextes kommt es zu Einflussnahmen auf die Werteketten des Messereiseverkehrs und zu Versuchen der gegenseitigen Beeinflussung zwischen den verschiedenen Akteuren. Die Unterkunftssituation kann somit nicht losgelöst als Problematik der Interaktion zwischen Nachfragern und den Beherbergungsbetrieben als primären Anbietern gesehen werden. Bei tieferem Einstieg in die Materie erschließt sich vielmehr ein System von einander überlagernden Netzwerken und Organisationsmechanismen, die von der Unterkunftssituati-
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 2 -
onkehrs determinieren.
Die beschriebene Thematik zeichnet sich bislang durch eine weitestgehende Absenz in der wissenschaftlichen Literatur sowohl der geographischen als auch der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsrichtungen aus. Dies verwundert, bietet das Thema doch mit den Attributen Interdisziplinarität, Brisanz und Praxisbezug alle Elemente für die Formulierung der verschiedensten interessanten Fragestellungen.
Die vorliegende Arbeit will an der beschriebenen Lücke der wissenschaftlichen Forschung ansetzen und zu einem Erkenntnisfortschritt beitragen, indem die verschiedenen Aspekte des Themenkomplexes aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet, und zu ersten zentralen Fragen Ergebnisse und Handlungsempfehlungen geliefert werden sollen. Die jeder wissenschaftlichen Arbeit zu Grunde liegende Frage, ob das untersuchte Thema eher in die Breite oder in die Tiefe bearbeitet wird, ist somit bereits beantwortet: Ziel wird es sein, sich in einer auf die Breite angelegten qualitativ-explorativen Herangehensweise dem Themenbereich der Messewirtschaft sowie der Übernachtungssituation zu Messezeiten zu nähern, dabei jedoch die vorformulierten forschungsleitenden Fragestellungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Diskussion allgemeiner Zusammenhänge soll insbesondere auch nachfolgenden Arbeiten Grundlagen für die Verfolgung spezifischerer Detailfragen liefern. Durch die Formulierung verschiedener über den bearbeiteten Rahmen hinausgehender Forschungsfragen (vgl. Kap. 7.2) soll dabei der Eingang in den Forschungsprozess gewährleistet werden.
Die Untersuchungsfrage der Arbeit gliedert sich in verschiedene Bereiche. Nach einer ausführlichen Vorstellung des Untersuchungsfeldes und der damit verbundenen Akteure (vgl. Kap. 2.1, 2.2) gilt es zunächst herauszustellen, wie sich die Unterkunftssituation zu Messezeiten allgemein darstellt, und welche Wirkungsmechanismen hierbei identifiziert werden können. Ein besonderes Gewicht wird hier auf der Frage liegen, inwiefern die Nachfragesituation und die Preisentwicklung überhaupt aus objektiver Sicht quantifiziert und dargestellt werden können, und welche Faktoren Einfluss auf die preis- und nachfragebestimmenden Prozesse haben.
Aus der Unterkunftssituation ergeben sich in einem nächsten Schritt direkte Auswirkungen auf das Buchungsverhalten von Messeausstellern und Besuchern, so dass diesem Bereich ein weiterer Teil der Arbeit gewidmet werden wird (vgl. Kap. 4). Hierbei liegt das Forschungsinteresse in der Frage, ob bestimmten Nachfragergruppen abgrenzbare Präferenzen bezüglich Kategorien und räumlicher Verortung der gewählten Unterkunft zugeordnet werden können, inwieweit diese Präferenzen mit der Entwicklung der Unterkunftssituation
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 3 -
zusammenhängen,se des Messereiseverkehrs haben.
Um den „roten Faden“ weiterzuspinnen, wird schließlich noch die organisatorische Dimension der Unterkunftsvermittlung einen wichtigen Teilbereich der Untersuchung darstellen. Hier soll u.a. für alle internationalen Messeplätze Deutschlands ermittelt werden, über welche Kanäle und in welcher Organisationsform die Vermittlung der Übernachtungskapazitäten primär vonstatten geht (vgl. Kap. 6). Speziell wird dabei die Perspektive der Messeveranstalter eingenommen. Als primären Ansprechpartnern von Ausstellern und Besuchern kommt diesen, so etwa als Empfehlungsgeber, naturgemäß eine Schlüsselstellung bei der Unterkunftssuche der Kunden zu. Auf Grund der Bedeutung der Thematik ist jedoch eine hohe Involvierung auch auf institutioneller Ebene gegeben: Wie gezeigt werden wird, binden sich Messegesellschaften häufig partnerschaftlich an externe Zimmervermittler oder übernehmen die Vermittlung gar in Eigenregie. Dieser Eingriff in die Wertekette hängt direkt mit der Unterkunftsproblematik zusammen bzw. wird durch diese geprägt. Die hier zu verfolgende Frage wird es somit sein, warum und in welcher Weise von Veranstalterseite auf den Komplex der Unterkunftsvermittlung zu Messezeiten Einfluss genommen wird, und welche Erfolgsfaktoren bei verschiedenen Konstellationen und Lösungsansätzen identifiziert werden können. Um die hierbei gefundenen Zusammenhänge ausreichend fundieren zu können, wird es jedoch zunächst nötig sein, die Bedeutung der Unterkunftssituation für die messebezogenen Geschäftsparameter der primären Akteure der Messewirtschaft herauszustellen (vgl. Kap. 5).
Die vorstehend skizzierten Untersuchungsfelder kreisen um Sachverhalte, welche über Systemstrukturen miteinander verbunden sind und einander determinieren. Entsprechend wird für die theoretische Interpretation zentraler Ergebnisse mit der Netzwerktheorie ein Ansatz gewählt, der genau diese Interdependenzen hervorhebt (vgl. Kap. 2.3). Dabei wird u.a. aufzuzeigen sein, inwiefern die relevanten Institutionen und Akteure durch kongruente Interessen verbunden sind und sich in ihren institutionellen und operativen Dimensionen gegensei- tig beeinflussen.
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 4 - 1..2 M Methodik u und F Forschungsdesign 1
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit zielt neben der Beschreibung spezifischer Gegebenheiten auf die Aufdeckung allgemeiner Zusammenhänge und Kausalmechanismen ab, welche, soweit möglich, für die Gesamtheit der deutschen Messewirtschaft verallgemeinert werden sollen. Das weitgehende Fehlen vorgefertigter theoretischer Ansätze legt dabei eine explorative, qualitative Forschungsperspektive nahe. Nach FLICK (2005, 258) existieren allgemein drei verschiedene Typen von Zielsetzungen für qualitative Studien: Beschreibung, Theoriebildung und Hypothesenprüfung. Die vorliegende Arbeit wird hieraus Anleihen bei den beiden erstgenannten Zielen nehmen, also Beschreibung und Theoriebildung. Einerseits werden in diesem Sinne bestimmte Sachverhalte für die Gesamtheit der untersuchten Fälle beschrieben (vgl. Kap. 6.2), andererseits wird versucht, entsprechend der qualitativen Induktion durch die Beschreibung und Interpretation einzelner Sachverhalte und Aussagen befragter Experten auf die allgemeingültige Ebene zu schließen. Mittels der qualitativen Induktion sollen in der Forschungspraxis Theorien aus der empirischen Untersuchung von Einzelfällen heraus entwickelt werden, womit sich dieser Ansatz von der Überprüfung deduktiv generierter Hypothesen abgrenzt (vgl. REICHERTZ 2005, 279f.). Ein Vorteil der Theoriebildung auf diese Art wird zumeist darin gesehen, dass, wird die Theorie direkt aus der empirischen Studie abgeleitet, diese der sozialen Wirklichkeit eher entsprechen kann. Im Gegensatz hierzu wird dem Hypothesen-Ansatz des Kritischen Rationalismus mitunter ein geringer Kontakt zur Wirklichkeit unterstellt (vgl. LAMNEK 2005, 127).
Die Anwendung der qualitativen Induktion wird sich durch einen Großteil der Arbeit ziehen: Beispielsweise soll hierdurch die prinzipielle Sichtweise der Messeakteure auf die Hotelproblematik aus den Expertenaussagen erschlossen werden (vgl. Kap. 5), bzw. sollen allgemeingültige Tendenzen des Buchungsverhaltens von Messekunden abgeleitet werden (vgl. Kap. 4). Auf Grund der beschränkten Anzahl von Expertenaussagen zu einzelnen Sachverhalten muss der Geltungsbereich der abgeleiteten Kausalmechanismen allerdings durch die Unterstützung theoretischer Überlegungen ermittelt werden (vgl. hierzu GLÄSER/LAUDEL 2006, 24). In diesem Sinne wird als Vorannahme davon ausgegangen, dass sich die wirtschaftlichen und strategischen Interessen innerhalb eines Akteurskreises und die Wirkungszusammenhänge des Messetourismus an den verschiedenen in den Fokus der Arbeit aufgenommenen Standorten generell in etwa gleich darstellen. Letztere Annahme wird gestützt durch die Auswahl der zu untersuchenden Messeplätze, welche sich ausschließlich aus Standorten internationaler Veranstaltungen zusammensetzen. Dennoch wird es hierbei zu Einschränkungen bezüglich einzelner in ihren Eigenschaften deutlich abweichender Mes- seplätze kommen.
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 5 -
Ein Zusammenhängen abgeleitete Theorien im Zuge qualitativer Forschung vorgeschlagen, wird indes nicht durchgeführt. Mit diesem könnte ausgeschlossen werden, dass es sich bei einer beobachteten Fallkonstellation um einen zufälligen Zusammenhang handelt, doch würden Konzeption und Durchführung eines solchen den Rahmen der Arbeit sprengen.
Als Methode der Datenerhebung wurde, neben einer Zusammenstellung von Daten aus den Webseiten der Veranstalter und aus weiteren sekundären Quellen, insbesondere das teilstandardisierte, teilstrukturierte und leitfadengestützte Experteninterview gewählt. Diese Form des Interviews erscheint im Rahmen der bearbeiteten Thematik als besonders zielführend: Zunächst ist durch die Teilstandardisierung mit Leitfaden gewährleistet, dass sich einerseits die Fragen eng an dem zu Grunde liegenden Forschungsinteresse orientieren und in den weiteren Interviews in gleicher Weise reproduziert werden können. Andererseits behalten jedoch die Interviewpartner alle Freiheiten zur Beantwortung der Fragen (vgl. hierzu WITZEL 1982, 90; GLÄSER/LAUDEL 2006, 39f.). Dies ist insbesondere von großer Bedeutung, da zur bearbeiteten Thematik bisher kaum theoretische Vorarbeit von dritter Seite geleistet wurde. Doch auch der Umstand, dass die Fragen im Vorfeld der Interviews teilweise an das spezifische Fachwissen einzelner Interviewpartner angepasst werden mussten, ist durch die Teilstandardisierung ermöglicht. MEIER KRUKER/RAUH (2005, 64) betonen diese Notwendigkeit bei der Befragung verschiedener Experten. Die Teilstrukturierung schließlich sichert die Flexibilität des Interviewers, auf unvorhergesehene Gesprächsverläufe und neue Informationen durch eine Änderung der vorgesehenen Abfolge der Fragen reagieren zu können.
Das Experteninterview wurde gewählt, da durch die Interviews hochspezifisches Wissen abgefragt werden musste, welches nur einem begrenzten Kreis an Personen zu Eigen ist. Als Experten können dabei allgemein alle Person angesehen werden, die auf Grund ihrer Position über besondere Informationen verfügen, welche für die Untersuchung von Relevanz sind (vgl. MEUSER/NAGEL 1991, 443; GLÄSER/LAUDEL 2006, 9). Hier zeigt sich wiederum der Vorteil der Teilstandardisierung, da durch eine standardisierte Vorgehensweise die besondere Kenntnis der einzelnen Experten zu „ihrem“ Fall, sowie mögliche, gänzlich neue Denkimpulse beschnitten würden.
Im Zuge der Arbeit wurden nun im Zeitraum Februar bis Juli 2007 23 Einzelinterviews mit Vertretern von Messeveranstaltern, Ausstellern, Hotels, Hotelverbänden, Agenturen und städtischen Tourismusorganisationen geführt (vgl. Abb. 1). Eine Liste zu Namen und Posi- tionen der interviewten Experten findet sich in Anhang II, Tabelle 7.
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 6 - Abb.1: Geführte Experteninterviews und Messeplätze in Deutschland
Quelle: Eigene Darstellung (2007).
Für die geführten Interviews wurde im Vorfeld jeweils ein Leitfaden erstellt, dessen Fragen je nach Zugehörigkeit der Interviewpartner zu einem der aufgeführten Akteurskreise in Teilen spezifisch ausgestaltet wurden. Die Fragen wurden weitgehend offen formuliert, um der wissenschaftsmethodologischen Forderung nach Offenheit zu entsprechen (vgl. MEINEFELD 2005, 266; REUBER/PFAFFENBACH 2005, 130; GLÄSER/LAUDEL 2006, 27f.). Ein gewisses theoriegeleitetes Vorgehen bei der Formulierung der Fragen wurde durch vorheriges Studium der themenbezogenen Fachliteratur gewährleistet, auf die Formulierung von Ex-ante-Hypothesen wurde jedoch gemäß den zuvor getroffenen Aussagen verzichtet.
Die Fragen der einzelnen Leitfäden finden sich in Anhang I. Dabei ist zu beachten, dass die Leitfäden im Verlauf der Datenerhebung geringfügig modifiziert wurden. Einerseits schieden Fragen der ersten Befragungen - nach Erreichen einer theoretischen Sättigung aus den getroffenen Aussagen - aus den Leitfäden aus, andererseits flossen neue Informationen und Gedankengänge, welche im Verlauf der ersten Interviews durch Experten aufgebracht wurden, in die Erstellung der späteren Leitfäden mit ein. Auf Grund der relativ hohen Anzahl an Experteninterviews erscheint dieses Vorgehen methodisch vertretbar und auch sinnvoll,
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 7 -
zumalbildung eng an der sozialen Realität orientierte. Sicherlich wurde dabei bei der Auswertung der Interviews darauf geachtet, dass auch Aussagen zu neu in die Leitfäden aufgenommenen Fragen nur bei einer entsprechend hohen Übereinstimmung zwischen den Experten in die Arbeit einflossen, soweit diese der Verallgemeinerung zugedacht waren. Zudem wurde aus Aussagen, zu deren Themengebiet andere Experten keine Angaben gemacht hatten, selbstverständlich nicht auf Sachverhalte geschlossen, welche die Expertengebiete der hierzu nicht befragten Experten betrafen.
Die Interviews wurden auf Band aufgezeichnet und wörtlich transkribiert. Die Auswertung folgte anschließend mittels einer Kombination aus Kodieren und qualitativer Inhaltsanalyse nach MAYRING (2000, 468ff.; 2003, 59ff.). Unter der qualitativen Inhaltsanalyse wird allgemein die „systematische Bearbeitung von Kommunikationsmaterial“ verstanden (MAYRING 2000, 468). Auf regelgeleiteter Basis wird dabei das Material zusammengefasst und gemäß zu entwickelnden Kategorien strukturiert. Im vorliegenden Fall wurden dementsprechend die Transkripte zunächst paraphrasiert, d.h. ihnen wurden durch Extraktion entsprechend eines Kategoriensystems systematisch Informationen entnommen, womit die Informationsfülle reduziert und entsprechend dem Untersuchungsziel strukturiert wurde (zu den Zielen des Paraphrasierens von Experteninterviews vgl. auch MAYER 2002, 50f.). Im weiteren Verlauf der Untersuchung wurden, gemäß dem Grundgedanken der qualitativen Inhaltsanalyse, die so entnommenen Informationen weitgehend unabhängig von den Originaltexten weiterverwendet und pro Kategorie zusammengefasst. Das Kategoriensystem baute auf den theoretischen Vorüberlegungen auf, war jedoch gemäß der Modifizierung von MAYRINGs Methode durch GLÄSER/LAUDEL (2006, 195f.) offen gehalten. Die Dimensionen der Kategorien konnten so entsprechend neu auftretender Informationen modifiziert und ausgebaut werden. Auf diese Weise „wird sichergestellt, dass nicht antizipierte Merkmalsausprägungen adäquat aufgenommen werden“ (ebd., 195). Nach der Original-Methode nach MAYRING hätte hier im Zuge der induktiven Kategoriebildung erst ein Teil des Materials durchgearbeitet werden müssen und daraufhin, mit überarbeiteten Kategorien, mit der Analyse des Materials neu begonnen werden müssen (vgl. MAYRING 2003, 76).
Abweichend zur qualitativen Inhaltsanalyse wurden weiterhin in den durch Paraphrasierung der Originaltexte entstandenen Extrakten auch Zitate des jeweiligen Interviews beigemischt. Diese wurden jeweils dem inhaltlich dazu passenden Informationsblock zugeordnet. Die nun mittels der Computersoftware MAX.QDA 2007 erfolgende Kodierung der aufbereiteten Extrakte ordnete den einzelnen Codes somit sowohl die paraphrasierten Informations- blöcke als auch die dazu passenden wörtlichen Zitate zu. Um die Anonymität der Ge-
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 8 -
sprächspartnerwendung eines Zitats im Text Verwendung finden wird (zu den vergebenen Kürzeln vgl. Anhang II, Tab. 7). Der Vereinfachung halber wird bei den einführenden Anmerkungen zu den einzelnen Zitaten dabei - statt beispielsweise „Messevertreter“ und „Messevertreterin“ voneinander abzugrenzen - jeweils die männliche Form verwendet.
„Die Geographie ist eine raumbezogene Wissenschaft, deren übergreifendes Erkenntnisinteresse der Erfassung, Beschreibung und Erklärung komplexer räumlicher Wirkungszusammenhänge (…) gewidmet ist“ (HOPFINGER 2004, 1). Gerade die im vorstehenden Zitat betonte Komplexität der räumlichen Wirkungszusammenhänge tritt bei näherer Betrachtung des vorliegenden Themenfeldes deutlich zutage. Das Messe- und Ausstellungswesen und, besonders hervorstechend, die damit zusammenhängenden Muster des Reiseverkehrs können als prädestiniertes Forschungsfeld der Geographie betrachtet werden. Die Zusammenhänge der Messewirtschaft stellen sich dabei sehr interdisziplinär dar und berühren eine Vielzahl geographisch relevanter Themenfelder. Deutlich wird dies bereits, wenn man das von der Münchner Schule der Sozialgeographie postulierte und auf dem Modell der Funktionsgesellschaft aufbauende Konzept der Grunddaseinsfunktionen zum Abgleich heranzieht (vgl. RUPPERT/MAIER 1970, 12; PARTZSCH 1970, 423ff.; WERLEN 2004, 175f.; HOPFINGER 2004, 9). So decken das Messewesen und die durch Messen und Ausstellungen ausgelösten raumbezogenen Aktivitäten mit den Funktionen arbeiten, sich versorgen, sich bilden, sich erholen und verkehren beinahe sämtliche in der geographischen Diskussion abgegrenzte Grundfunktionen menschlicher Daseinsäußerung direkt oder indirekt ab. Doch noch weitere Zusammenhänge der Messewirtschaft stellen sich als geographisch relevant dar. Allgemein dem Messewesen und speziell auch der vorliegenden Arbeit können dabei als maßgebliche geographische Teildisziplinen u.a. die Wirtschaftsgeographie, die Verkehrsgeographie, die Sozialgeographie sowie die Freizeit- und Tourismusgeographie zugeordnet werden. Den Bereich der Wirtschaftsgeographie tangiert beispielsweise die der Arbeit zu Grunde liegende Betrachtung des Messewesens als Netzwerk. Die Ausgestaltung und Qualität des Beziehungsgeflechtes der relevanten Akteure auf zumeist regionaler Ebene wird dabei in Kapitel 2.3 thematisiert werden. Der Teilbereich der Freizeit- und Tourismusgeographie beeinflusst indes insbesondere die verschiedenen Aspekte der Arbeit, welche die Beschreibung und Erklärung der messeinduzierten Unterkunftsproblematik und die hierdurch ausgelösten raumwirksamen Prozesse umfassen. Wie in Kapitel 4 hergeleitet werden wird, führen die
Kapitel 1: Einführung und methodisches Vorgehen - 9 -
dem räumlichen Verlagerungen der Hotelbuchungen und sich raumzeitlich verschiebenden Verkehrsströmen, wobei diese mit raumüberbrückenden Verkehrswegen in Wechselbeziehung stehen.
In Hinblick auf die Nennung der Freizeit- und Tourismusgeographie im vorliegenden Kontext ist es hierbei wichtig zu betonen, dass der Messereiseverkehr in seiner vorwiegenden Eigenschaft als Geschäftsreiseverkehr in dieser Arbeit definitorisch dem Tourismus zugeordnet wird, wobei dieser somit in einer weit gefassten Definition begriffen wird (vgl. hierzu auch Kap. 2.1.2.1). Dies wird u.a. damit begründet, dass Teile der in der Untersuchung beschriebenen Akteure und Institutionen in ihren primären Aufgaben eng mit freizeittouristischen Aktivitäten verbunden sind. Hierdurch und auch auf Grund der Tatsache, dass im Folgenden insbesondere die Auswirkungen der Reiseströme - und nicht so sehr die Aktivitäten vor Ort - im Fokus stehen, scheint diese Festlegung angebracht. Abschließend bleibt zusammenfassend zu konstatieren, dass die vorliegende Arbeit durch diverse fachliche Teilbereiche auch der wirtschaftswissenschaftlichen Nachbardisziplinen beeinflusst ist und bei der Methodik der Datenerhebung und Interpretation auf Methoden zurückgreift, die ihrem Ursprung nach in der Soziologie angesiedelt sind. Nichtsdestotrotz ist der geographische Charakter der Studie herauszustellen. Da die bearbeiteten Fragestellungen u.a. auf allgemeine raumbezogene Wirkungszusammenhänge des Messetourismus abzielen, wird auch der von der modernen Geographie erhobene Anspruch der Nomologiesprich der Aufdeckung regelhafter Gestaltungskräfte - als erfüllt angesehen.
2 T Theoretische u und p praktische G Grundlegungen 2
2.1 E Einführung i in d das M Messewesen u und d den m messebezo ogenen R Reise- 2 verkehr v
Mit dem Ziel der Einführung in das Thema der vorliegenden Arbeit ist es zweckhaft, ein einleitendes Kapitel einem Abriss über den Untersuchungsbereich zu widmen. Dies wird im Folgenden im Bezug auf den Komplex der deutschen Messewirtschaft sowie die Grundlagen des Messetourismus geschehen. Hierzu werden zunächst einige grundlegende Fakten zu Geschichte, Definitionen, Zahlen und wirtschaftlicher Bedeutung der Messewirtschaft zusammengefasst. Das daran anschließende Kapitel wird allgemeine Sachverhalte und Zusammenhänge des messegebundenen Geschäftsreiseverkehrs behandeln, um somit das Fun- dament für spätere Detailausführungen zu legen.
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 10 -
2.1.1
Das europäische Messewesen blickt auf eine lange Tradition zurück, welche, in einer weit gefassten Definition, bis in biblische Zeiten zurückreicht. Das heutige Deutschland als Messeplatz erlangte dabei ab dem 13. Jahrhundert Bedeutung (vgl. NITTBAUR 2001, 64). Insbesondere auf Grund der geographischen Lage und der damit einhergehenden handelspolitischen Bedeutung entwickelte sich Deutschland bald zum wichtigsten Messeplatz und ist es
- unter geänderten Rahmenbedingungen - bis heute geblieben. Es bildeten sich dabei insbesondere diejenigen Städte zu Messeplätzen aus, welche bereits zuvor Knotenpunkte im Netz der Handelswege darstellten (vgl. ZYGOJANNIS 2005, 44). Im Gegensatz zu so gut wie allen bedeutenden Messe-Nationen weist Deutschland dabei bis heute keine ausgeprägte „Primary-Situation“ der Messeverteilung auf: Auffallend ist vielmehr ein historisch persistentes Nebeneinander mehrerer bedeutender Messeplätze, welche untereinander in scharfer Konkurrenz um lukrative und prestigeträchtige Messen und Ausstellungen stehen. Messen stellen allgemein eine vom jeweiligen Veranstalter organisierte Plattform für die Interaktion von Anbietern und Nachfragern dar. Durch die Kombination aus örtlicher Bindung und enger zeitlicher Begrenzung gewährleisten sie dabei ein Zusammentreffen in hochkonzentrierter Form, was den Erfolg von Messen gegenüber anderen Marktformen erklärt (vgl. ROBERTZ 2003, 563). Die ausstellende Wirtschaft nutzt ihren Auftritt als Teil ihres Kommunikations-Mixes und investiert Jahr für Jahr Milliarden von Euros in Standbau, Platzmiete und für den Auftritt abgestellte Mitarbeiter. Häufig wird in der Literatur darauf verwiesen, dass durch die Verfeinerung neuer Kommunikationstechnologien Messeteilnahmen und somit Übernachtungen vor Ort teilweise entbehrlich würden (vgl. u.a. FUCHSLOCHER/HOCHHEIMER 2000, 137; NÖTZEL 2002, 61). Dies ist jedoch nur teilweise schlüssig: Richtigerweise betont eine Reihe von Autoren, dass auch künftig Geschäftspartner das persönliche Zusammentreffen dem „virtuellen Handschlag“ (FAZ 2004, 32) wohl weitestgehend vorziehen werden. Messen im Allgemeinen wird somit auch in Zukunft eine weiterhin konstante Bedeutung vorausgesagt. Hier scheint die menschliche Komponente einen nicht zu unterschätzenden Erfolgsfaktor auszumachen, oder wie SCHOMMER (1997, 17) es ausdrückt: „Es ist das atavistische Bedürfnis zu palavern, ein Balihoo zu betreiben, zusammenzuhocken und gemeinsam etwas zu erleben und auszubrüten“. In Bezug auf die Messearten kam es im Laufe der Zeit zu einem Wandel von der Warenmesse über die Muster- und Branchenmesse zur heute dominanten Form der Fachmesse (vgl. BRINKMANN 1999, 145; MEFFERT/ROBERTZ 1998, 22). Neben der heute ebenfalls verbreiteten Form der regionalen Verbraucherausstellung zeichnet sich diese durch überregionale Prägung aus, richtet sich an einen engen Kreis von Fachbesuchern einer spezifischen Branche und ist durch eine hohe Angebotstiefe sowie eine geringe Angebotsbreite geprägt.
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 11 -
Zur welche sich jedoch im Kern weitestgehend ähneln. Dabei richten sich Messen - mit dominanter Transaktionsfunktion - in erster Linie auf das Nachfragersegment der Fachbesucher aus, während Ausstellungen - mit dominanter Informationsfunktion - primär das private Publikum im Blick haben (vgl. PRÜSER 1997, 36f.; KIRCHGEORG 2003, 55). Kritik an den existierenden Definitionen wird u.a. damit begründet, dass sich die Grenzen zwischen Messen und Ausstellungen zunehmend verwischen (vgl. ZYGOJANNIS 2005, 33). Der Vereinfachung halber wird im Folgenden denn auch der Begriff „Messe“ stellvertretend für Fachmessen und Besucherveranstaltungen verwendet. Da davon ausgegangen werden kann, dass nur wenige der in dieser Arbeit behandelten internationalen Veranstaltungen reine Besucherausstellungen sind, erscheint dies zulässig.
Noch zahlreicher als die Auswahl an Definitionen sind die in der Literatur diskutierten Kategorisierungsansätze, welche an dieser Stelle jedoch nicht näher ausgeführt werden (zu ausführlichen Ansätzen verschiedener Autoren vgl. NEGLEIN 1992, 19; PRÜSER 1997, 43ff.). Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten Messeplätze wurden unter dem Kriterium ausgewählt, mindestens eine Veranstaltung der Kategorie „überregional/international“ nach Definition des Ausstellungs- und Messeausschusses der Deutschen Wirtschaft e.V. (AUMA) im Portfolio aufzuweisen. Für die genannte Kategorie wird dabei ein Ausländeranteil von mindestens 10 Prozent an den Ausstellern, sowie 5 Prozent an den Besuchern zu Grunde gelegt (vgl. AUMA 2007a, 42). Grundlage für diese Auswahl ist die Überlegung, dass nur Veranstaltungen mit bedeutendem Einzugsgebiet der Aussteller und Besucher einen spürbaren Übernachtungsdruck generieren können und somit für die Thematik der vorliegenden Arbeit von Interesse sind. Insgesamt wurden im Jahr 2006 auf 24 deutschen Messeplätzen 159 internationale Messen durchgeführt, wobei 108 auf die sieben bedeutendsten Messeplätze entfielen (vgl. Tab. 1). Näheres zu Flächen und Anzahl durchgeführter Messen der weiteren internationalen Messeplätze Deutschlands findet sich in Anhang II, Tabelle 8.
Tab. 1: Kennzahlen der sieben bedeutendsten Messeplätze Deutschlands
Quelle: Eigene Zusammenstellung nach www.auma.de (Zugriff: 03.07.2007) und www.messeinstitut.de (Zugriff: 28.09.2007).
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 12 -
Bezüglichsen heute zu den zentralen Eckpfeilern der deutschen Wirtschaft. Im globalen Vergleich führend bei der Ausrichtung internationaler Messen, kann der Standort Deutschland vier der fünf weltweit größten Messegelände aufweisen. Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Branche ist beachtlich: So generieren die jährlich in Deutschland durchgeführten Messen und Ausstellungen mit über 200.000 Ausstellern und bis zu 18 Millionen Besuchern gesamtwirtschaftliche Produktionseffekte von rund 23 Milliarden Euro und sichern ca. 250.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze (vgl. AUMA 2006a, 5). Ein Großteil der Umsätze entfällt hierbei auf die Messestadt und deren Umgebung, wobei nach unterschiedlichen Quellen die regionalwirtschaftlichen Effekte den jeweiligen Umsatz des Veranstalters regelmäßig um das fünf- bis zehnfache übersteigen (vgl. u.a. NEGLEIN 1992, 17; TAEGER 1993, 45f., AUMA 2006a, 13). Etwa 53 Prozent der Gesamtproduktionseffekte lassen sich auf die Aussteller zurückführen, 35 Prozent auf die Besucher und 12 Prozent auf die Messegesellschaften selbst (vgl. HOLZNER 2003, 799). Der auf diese Weise für die Region generierte wirtschaftliche Zufluss bildet für die öffentlichen Anteilseigner der Messegesellschaften die Basis eines als Umwegrendite bezeichneten ökonomischen Nutzens ihres in die Messeinfrastruktur investierten Kapitals (vgl. VON ZITZEWITZ 2003, 139; ZYGOJANNIS 2005, 46; zu weiteren Zusammenhängen zwischen Gebietskörperschaften und den vor Ort angesiedelten Messen vgl. Kap. 2.2.2).
2.1.2 Spezifika des Messetourismus und touristische Bedeutung von Messen
2.1.2.1 Abgrenzung und theoretische Einordnung
Um sich dem Phänomen und den spezifischen Zusammenhängen des Messetourismus zu nähern, ist zu Anfang dieses Kapitels zunächst ein kurzer theoretischer Einstieg in die Begrifflichkeiten des Untersuchungsfeldes notwendig. Messe- und Ausstellungsreisen werden aus einer kategorisierenden Betrachtung definitionsgemäß meist dem Bereich der Geschäftsreisen zugerechnet, auch wenn sie ebenfalls Aspekte des Event-Tourismus sowie des Städte-Tourismus in sich vereinen (vgl. DETTMER et al. 2000, 129; SWARBROOKE/HORNER 2002, 5; KIM 2003, 42; FREYER et al. 2006, 17). Ob der Geschäftsreiseverkehr an sich dabei als konstitutiver Bestandteil des Tourismus angesehen werden kann, ist in der Fachliteratur umstritten. In der vorliegenden Arbeit wird dies bejaht und somit der weit gefassten Definition nach KASPAR (1998, 17) gefolgt, welcher Tourismus als die „Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen“ ansieht, „die sich aus der Ortsveränderung und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthalt weder hauptsächlicher noch dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist“.
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 13 -
GÖTTINGform, da im Gegensatz zur individuellen Ausprägung des „klassischen“ Geschäftsreiseverkehrs die Teilnahme an einer Veranstaltung einen gemeinsamen Reiseanlass bildet. Messetourismus könne dabei „als Gesamtheit aller Reisen definiert werden (…), die aus beruflichen Gründen im Zusammenhang mit Messeveranstaltungen durchgeführt werden“ (ebd., 24). Bei dieser und ähnlichen Abgrenzungen ist zu berücksichtigen, dass das Teilsegment der Ausstellungsreisen - welches in vorstehender Definition nicht eingeschlossen ist - sowohl private als auch geschäftlich motivierte Elemente umfasst (vgl. Kap. 2.1.1). Doch auch zu Fachmessen werden aus verschiedenen Gründen regelmäßig in geringem Umfang Privat-
besucher nachgewiesen. Da in öffentlichen Statistiken und entsprechenden Fachveröffentli- chungen - wenn bei Zahlen zum touristischen Aufkommen überhaupt bis auf die Ebene verschiedener Veranstaltungsarten differenziert wird - meist Angaben über Fach- und Pri- vatbesucher gemeinsam ausgewiesen werden, muss hier sowohl in der wissenschaftlichen Diskussion als auch im Bereich der Statistik ein gewisser theoretischer Klärungsbedarf konstatiert werden. Der Vereinfachung halber wird daher im Folgenden der Begriff des „Messetourismus“ synonym für Messen und Ausstellungen verwendet.
Auch bezüglich der Messewirtschaft als solcher setzt sich die definitorische Konfusion fort. So etwa verortet FREYER (2006, 130f.) Messen und Ausstellungen innerhalb der Tourismuswirtschaft im engeren Sinn, unter welche all jene Betriebe fielen, „die typische Tourismusleistungen erbringen, also Leistungen, die in direktem Zusammenhang mit der Reise stehen“. Problematisch ist diesbezüglich jedoch die Abgrenzung von Betrieben, die der Messewirtschaft zuzuordnen sind: Die von den Veranstaltern zur Durchführung der Messen unter Vertrag genommenen Service-Unternehmen beispielsweise sind hiervon selbst nicht integraler Bestandteil, da die meisten dieser Unternehmen nur teilweise für die Messewirtschaft tätig sind (vgl. NEGLEIN 1992, 23). Der theoretischen Einordnung von Messen in den Tourismus wird aber auch von anderer Seite widersprochen. So seien Messen als betriebliche Investitionen einzustufen - so ein gängiges Argument - da sie wirtschaftlichen Nutzen durch Wissensvermittlung erzielten, während Tourismus konsumbestimmt sei (vgl. BOCHERT 2001, 9; AUMA 2002b, 29).
Einfacher als die Abgrenzung des Messetourismus an sich ist die Bestimmung der Zusammensetzung der messe- und ausstellungstouristischen Nachfragerseite. Zu dieser zählen grundsätzlich sowohl auswärtige Besucher als auch Aussteller und deren Angestellte, soweit diese nicht für die Dauer der Messe vor Ort rekrutiert werden. Wie an späterer Stelle diskutiert werden wird, weisen die verschiedenen Segmente innerhalb dieser Gruppen dabei unterschiedliche Präferenzen auf, die sich wiederum in unterschiedlicher Weise als raumwirk- sam erweisen.
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 14 - 2.1.2.2Zahlen und Fakten
Kohärentes und differenziertes Zahlenmaterial zum Volumen des Messereiseverkehrs ist nur spärlich existent und differiert in Aussagen und Bezugsgrößen, weswegen an dieser Stelle lediglich eine Annäherung anhand einzelner „Bausteine“ möglich sein wird. Die Gesamtanzahl der Geschäftsreisen von deutschen Betrieben mit zehn oder mehr Mitarbeitern lag im Jahr 2005 nach Angaben des VDR bei gut 150 Millionen, hiervon hatten 117 Millionen Reisen ein inländisches Ziel (vgl. VDR 2006, 6f.). 35 Prozent der durchgeführten Geschäftsreisen nach Definition des VDR waren dabei veranstaltungsbezogen, wobei hier der Besuch von Messen, Kongressen, Firmenevents und Seminaren zu subsumieren ist (vgl. ebd., 8). FREYER et al. (2006, 26) errechnen, jedoch ohne Angabe eines Bezugsjahres, 13,1 Millionen Reisen zu deutschen Messen und Ausstellungen. Hiervon seien 10,1 Millionen auf deutsche, und 3 Millionen auf ausländische Besucher zurückzuführen. GRIEBLER (2003, 833) schließlich gibt den Teil der Incoming-Geschäftsreisen aus dem Ausland, welcher auf Messen und Kongresse zurückzuführen ist, mit einem Drittel an. Mit ebenfalls einem Drittel wird mitunter der Anteil der durch Messen induzierten Übernachtungen an der Gesamtnachfrage in großen Messestädten angenähert, wobei dieser je nach Standort sehr unterschiedlich ausfällt (vgl. HÜBL/SCHNEIDER 1993, 63; GÖTTING 2003, 14).
Die in Deutschland im Jahr 2006 durchgeführten 159 überregionalen Messen und Ausstellungen nach Definition des AUMA wurden von 9,7 Millionen Besuchern besucht und wiesen 171.000 Ausstellerfirmen auf, wobei ca. 20 Prozent der Besucher und 52 Prozent der Aussteller aus dem Ausland kamen (AUMA 2007a, 14; AUMA 2006a, 4). Zum Vergleich hatten die 164 durchgeführten regionalen Veranstaltungen mit 6,7 Millionen Besuchern und rund 52.000 Ausstellern eine ähnliche quantitative Bedeutung, jedoch können hierbei auf Grund von eher regionalen Einzugsgebieten die Auswirkungen auf die Tourismuswirtschaft als relativ gering eingeschätzt werden.
Unabhängig von genauen Zahlen zur Anzahl von Messereisen steht deren wirtschaftliche Bedeutung jedoch außer Frage. Innerhalb des Reiseverkehrs gelten Geschäftsreisende und insbesondere Messeteilnehmer mit als die lukrativste Zielgruppe, was neben der reinen Quantität der Teilnehmer auch mit deren Ausgabenstruktur in Zusammenhang steht (vgl. GÖTTING 2003, 16). So gaben deutsche Geschäftsreisende im Jahr 2005 im Schnitt 146.-Euro täglich aus, während die täglichen Ausgaben von Urlaubsreisenden bei lediglich 67.-Euro lagen (vgl. VDR 2006, 13). Gründe für die höheren Ausgaben von Geschäftsreisenden sind u.a. fehlende zeitliche Flexibilität sowie erhöhte Service-, Qualitäts- und Komfortansprüche (vgl. HENSCHEL 2001, 391; FREYER et al. 2006, 13f.). Sicherlich mag jedoch ebenfalls der hohe Anteil an Verwandten- und Bekanntenbesuchen innerhalb der Urlaubsreisen, welche die Unterkunftskosten von Privatreisenden mindern, ausschlaggebend sein: Dies
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 15 -
maggaben von Tagesurlaubsreisenden liegen (vgl. DTV 2006, 54). Absolute Angaben und Vergleiche speziell zu Messereisenden sind nun auf Grund der verschiedenen Preisniveaus der wichtigsten Messestädte problematisch. Als beeinflussender Faktor kann jedoch auch hier die Unterbringung bei Verwandten und Bekannten gelten. Je größer dabei die Messestadt ist, desto größer ist vermutlich der Anteil an unentgeltlich unterkommenden Besuchern, und desto geringer sind die Gesamtausgaben für Unterkünfte, sowie die entsprechenden Ausgaben pro Kopf. Beispielhaft, jedoch sicherlich nicht zur Verallgemeinerung geeignet, kann hier eine Studie aus dem Jahr 1985 für den Messeplatz Berlin angeführt werden, nach der 49 Prozent der Privatbesucher und 16,8 Prozent der Fachbesucher bei Bekannten übernachteten (vgl. BUSCHE 1994, 227).
2.1.2.3 Allgemeine Zusammenhänge und Besonderheiten
Als Teilbereich des Geschäftsreiseverkehrs weist der Messetourismus Charakteristika auf, die denen der weiteren Geschäftsreisearten in weiten Teilen ähnlich sind. Nichtsdestotrotz sollen an dieser Stelle einige Besonderheiten hervorgehoben werden. Zunächst kann der Messetourismus als periodisch auftretender Ereignistourismus umschrieben werden, der dem gleichmäßig über das Jahr verteilten Basistourismus gegenübersteht (vgl. HÜBL/SCHNEIDER 1993, 65). Letzterem können die nicht messebezogenen Geschäftsreisen zugeordnet werden, die eine mehr oder weniger gleichmäßig über das Jahr verteilte Grundauslastung ausmachen (vgl. SWARBROOKE/HORNER 2002, 28). Angesichts des Ereignistourismus kann gerade während Großmessen davon ausgegangen werden, dass auf Grund knapper Kapazitäten und hoher Preise Nichtmessegäste von einer Übernachtung abgehalten werden. Zwar werden wohl gerade im Geschäftsreisebereich die geschäftlichen Termine auf die Messetermine abgestimmt werden können - inwiefern es jedoch auch bei touristischen Ankünften zu Verschiebungen oder doch zu Einbußen kommt, lässt sich nicht feststellen.
Nach HÜBL/SCHNEIDER (1993, 65) erschließen die dem Ereignistourismus zuzuordnenden Messen neue Potentiale im Basistourismus. Dies geschehe einerseits durch die Entwicklung von Infrastruktur und Serviceangeboten, andererseits indem Messereisende in Begleitung reisen, nach der Messe ein paar Tage Urlaub anhängen oder zu privaten Wiederholungsbesuchen animiert werden. Gerade der Anreise in Begleitung wird von Expertenseite jedoch meist widersprochen und konstatiert, dass Messebesucher und -aussteller fast ausschließlich alleine anreisen würden.
„Aussteller kommen definitiv nicht in Begeleitung, und Besucher so gut wie gar nicht.“ (MG_7)
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 16 -
Dieser Ort angebotenen Doppelzimmer durch die zur Messe angereisten Geschäftsleute fast ausschließlich zur Einzelnutzung belegt werden, kommt es zu großen Messen zum Phänomen, dass trotz einer 100-prozentigen Zimmerbelegung die Betten u.U. potentiell nur zu annähernd 50 Prozent belegt sind. Da offizielle Statistiken in der Regel die Bettenauslastung ausweisen, wird daher zu Messezeiten die Auslastung der Hotellerie tendenziell unterschätzt.
„Zur High Season ist es so, dass alle Doppelzimmer zu 95 Prozent als Einzelzimmer weggehen (…). Gerade zu den großen Messen.“ (ST_1)
„Das mit der Bettenauslastung habe ich gar nicht so gerne, weil eine Bettenauslastung in einer Großstadt nichts besagt.“ (ST_2)
Als weitere Besonderheit des Messereiseverkehrs sowie der messeinduzierten Hotelnachfrage ist eine jahreszeitlich antizyklische Konzentration außerhalb der sommerlichen Nachfragespitzen des Erholungsreiseverkehrs zu nennen. Dies ist auf die Verteilung der Messe-Veranstaltungen auf das Jahr zurückzuführen: Obwohl an sich saisonal unabhängig, konzentrieren sich Messen und Ausstellungen dabei, auch mit Rücksicht auf die Auslastung der örtlichen Beherbergungsbetriebe, vorwiegend auf die Frühlings- und Herbstmonate (vgl. Abb. 2). Folge ist ein relativer Ausgleich der touristischen Gesamtnachfrage im Jahresverlauf. Dem Messetourismus kann somit in Großstädten eine stabilisierende Wirkung auf den für den Tourismus typischen labilen Nachfrageverlauf zugeschrieben werden. Diese Wirkung existiert in kleineren Städten so nicht: 94 Prozent der internationalen Veranstaltungen wurden im Jahr 2006 in Großstädten abgehalten (Quelle: eigene Berechnung nach www.auma.de; Zugriff: 13.05.2007).
Abb. 2:
Prozentuale monatliche Verteilung internationaler Messen und Übernachtungen in Deutschland im Jahr 2006
Quelle: Eigene Darstellung nach www.auma.de (Zugriff: 13.05.2007); Statistisches Bundesamt (2006a-k); Statistisches Bundesamt (2007).
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 17 -
Einverlauf zwischen privat motivierten Städtekurzreisen am Wochenende und dem allgemeinen Geschäftsreiseverkehr während der Werktage. Hier fällt dem Messereiseverkehr jedoch ebenfalls eine Sonderstellung zu, da Messen sowohl unter der Woche als auch am Wochenende durchgeführt werden.
Bezüglich der Motivation von Messereisenden wäre abschließend noch zu klären, inwiefern die touristische Attraktivität des Standortes Einfluss auf die Eignung als Messeplatz und die Ausgestaltung des Messetourismus hat. Während in der Literatur kulturhistorische Sehenswürdigkeiten und ein ansprechendes Umland mitunter als wichtige Standortfaktoren hervorgehoben werden (vgl. u.a. MARZIN 1990, 27; GÖTTING 2003, 53), wird dem häufig widersprochen. Nur für Kongresse seien diese Faktoren von Bedeutung, Messegäste und Aussteller würden aus Zeitmangel die Freizeiteinrichtungen nicht in Anspruch nehmen.
„Ich habe Diplomarbeiten hier liegen, nutzen Messebesucher das Freizeitangebot einer Stadt, und die Antwort war nein.“ (ST_2)
„Die haben gar nicht die Zeit. Also selbst im Hotel, wenn da ein Pool ist, wird der ganz selten genutzt, weil abends sind sie oft noch lange mit dem Kunden unterwegs. Dann sind sie froh, wenn sie morgens ausschlafen können. Manche frühstücken nicht mal, die frühstücken auf dem Messestand. Also das spielt keine Rolle.“ (AU_1)
Um spätere Ausführungen zu den zentralen Fragestellungen der vorliegenden Arbeit adäquat einordnen zu können, werden im Folgenden die wichtigsten Protagonisten der Messewirtschaft und der sie flankierenden Bereiche näher vorgestellt werden. Näher eingegangen wird dabei auf die Messeveranstalter als den zentralen Knoten der Messewirtschaft, weiter auf deren öffentliche Anteilseigner, auf Aussteller wie Besucher sowie die Hotellerie. Die Ausführungen werden dabei relativ ausführlich gehalten, um - entsprechend dem Anspruch der Arbeit, den Themenkomplex möglichst umfassend zu behandeln - eine fundierte Basis auch für neue Fragestellungen zu legen. Neben diesen Pfeilern des Kooperationsgeflechtes der Messewirtschaft können noch eine Reihe sekundärer Akteure identifiziert werden, welche alle auf ihre Weise auf den Gesamtkomplex „Messe“ einwirken. Zu nennen sind hier beispielsweise Verbände, die diversen Dienstleistungsunternehmen, doch auch die Politik sowie die Medien (vgl. ROBERTZ 1999, 37; NITTBAUR 2001, 71; DORNSCHEIDT 2003, 600; KRESSE 2003, 109f.; ZYGOJANNIS 2005, 43). Eine umfassende Beschreibung der genannten
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 18 -
Akteure liegenden Thematik, weswegen hier darauf verzichtet wird.
2.2.1 Messegesellschaften und Veranstalter
Messen und Ausstellungen werden in Deutschland in der Regel von hierauf spezialisierten Veranstaltergesellschaften mit eigenem Gelände durchgeführt, welche in Eigenregie Messethemen auflegen und Aussteller und Besucher zusammenführen. Trotz ausschließlich privatwirtschaftlicher Organisationsform befindet sich die Mehrheit dieser Gesellschaften im Eigentum der öffentlichen Hand, indem die beheimatende Kommune und/oder das jeweilige Bundesland eine zumindest qualifizierte Mehrheit oder auch bis 100 Prozent der Anteile hält (vgl. Anhang II, Tab. 9). Rechtlich sind die Gesellschaften somit, je nach Höhe des öffentlichen Anteils, als Eigengesellschaften oder direkte Beteiligungsgesellschaften der öffentlichen Hand anzusehen (vgl. FABRY/AUGSTEN 2002, 9; KILLIAN et al. 2006, 89). Die öffentliche Beteiligung fordert dabei je nach Landesrecht zumeist einen öffentlichen Zweck des Unternehmens, was durch die erzielte Umwegrendite erfüllt wird (vgl. HUBER 1994, 47; FABRY/AUGSTEN 2002, 16). Öffentlich-rechtliche berufständische Korporationen - wie etwa Sektionen der IHK - halten mitunter Minderheitsanteile. Gründe für eine öffentliche Beteiligung sind u.a. der hohe Kapitalbedarf sowie das Ziel der regionalen Wirtschaftsförderung (vgl. HÜBL/SCHNEIDER 1993, 51; HOSCH 2003, 241).
Eine Ergänzung zu diesen Besitz- und Betriebsgesellschaften bilden reine Betriebsgesellschaften, also Veranstalter ohne eigenes Messegelände. Diese können sich ebenfalls im Eigentum der öffentlichen Hand befinden oder privater Natur sein, wobei letztere meist an verschiedenen Messeplätzen als Gastveranstalter auftreten (vgl. NEGLEIN 1992, 21f.; DIERIG 2005, 14f.; O.V. 2005, 16f.). Als Betriebsgesellschaften können dabei auch Verbände fungieren (vgl. ZYGOJANNIS 2005, 34). Abbildung 3 verdeutlicht die idealtypische Aufteilung:
Abb. 3: Institutionelle Formen von Messeveranstaltern
Quelle: Eigene Darstellung nach KIRCHGEORG (2003, 60).
Kapitel 2: Theoretische und praktische Grundlegungen - 19 -
Messegesellschaftentor zugeordnet werden, wobei das Produkt „Messe“ die wesentlichen Merkmale von Dienstleistungen repräsentiert (vgl. HUBER 1994, 40f.; NITTBAUR 2001, 83; NÖTZEL 2002, 27f.). Lediglich die im Vergleich zu klassischen Dienstleistungen fehlende zeitliche und räumliche Mobilität, und somit die hochgradige Indisponibilität des Produktes, können hier als Besonderheit angesehen werden (vgl. NITTBAUR 2001, 85). Ein Großteil der für die Nachfrager in der Messewirtschaft erbrachten Dienstleistungen richtet sich an das Segment der Aussteller und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit deren Messeauftritt und/oder technischen Diensten auf dem Messegelände. Beispielhaft zu nennen sind neben den Kernleistungen, wie etwa der Vermietung der Hallenfläche, weitere Zusatzleistungen wie Personalvermittlung, Standreinigung, Werbung, Elektroinstallation, Seminare sowie Hotel- und Transferservices (vgl. u.a. TAUBERGER/WARTENBERG 1992, 244f.; NÖTZEL 2002, 39f., HOLZNER 2003, 789). Bei den von den Kunden in Anspruch genommenen Dienstleistungen grundsätzlich zu unterscheiden ist weiterhin zwischen vom Veranstalter bzw. der Messegesellschaft direkt erbrachten Leistungen, sowie Leistungen von „externen“ Serviceanbietern wie Speditionen, Messe-Consultern, Messebauern oder auch Hotelagenturen. Der Anteil externer Anbieter erschließt sich aus der Erlössituation der Messen: Während technische und organisatorische Dienstleistungen etwa 20-30 Prozent und die Flächenvermietung ca. 50-60 Prozent zu den Erlösen der Messegesellschaften beisteuern, stellt sich für die größte Kundengruppe der Aussteller die Situation gegensätzlich dar - deren Ausgaben entfallen nur zu etwa 20-30 Prozent auf die Stand- und Flächenmiete, während der größte Teil der Aufwendungen den diversen Dienstleistungsanbietern zufließt (vgl. APPEL 2001, 4; RAHMEN 2003, 579). Wie an späterer Stelle näher ausgeführt werden wird, ist es das Bestreben vieler Messegesellschaften, durch eine Erweiterung ihres Segmentes der Wertschöpfungskette diese Anteile zunehmend zu integrieren. Dies tangiert auch den Bereich der Hotelzimmervermittlung.
2.2.2 Städtische Anteilseigner und die Organe der Tourismus- und Standortförderung
Wie zuvor dargestellt, befindet sich die Mehrheit der großen deutschen Messegesellschaften im öffentlichen Eigentum der jeweiligen Kommune bzw. des Bundeslandes. Entsprechend der Bedeutung der Umwegrendite zielt das Interesse der öffentlichen Hand in Bezug auf die Messegesellschaften dabei im Allgemeinen eher auf Kapazitätsauslastung (Quantität) als auf Gewinnoptimierung, sprich Qualität (vgl. MATTERN 2004, 27). Der hierdurch entstehende mögliche Zielkonflikt zwischen dem durch den Anteilseigner vorgegebenen Sachziel mit
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dem Literatur regelmäßig hervorgehoben (vgl. u.a. BUSCHE 1994, 223; MÜSKE 2002, 32; FABRY/AUGSTEN 2002, 452; HOLZNER 2003, 799). Neben ökonomischem Nutzen werden jedoch auch nichtmonetäre bzw. indirekte Effekte mit dem Engagement der öffentlichen Hand verbunden oder ergeben sich daraus. Zunächst sind es die Einwohner der betroffenen Region selbst, die von den durchgeführten Messen profitieren. Durch den Ausbau messebezogener Einrichtungen, kultureller Angebote und der Verkehrsinfrastruktur kann es dabei zu positiven Effekten bezüglich harter und weicher Standortfaktoren kommen: Durch eine höhere Auslastung können Messen so beispielsweise im Zuge von Konsolidierungseffekten das kulturelle Angebot von Theatern, Opern etc. sichern helfen (vgl. BECKER 1989, 147; ROBERTZ 1999, 39; ZYGOJANNIS 2005, 45). Eine Aufrechterhaltung der weichen Standortfaktoren kann wiederum zur Produktivitätssicherung des Standortes beitragen (vgl. BIEGER et al. 2006, 14). Weiter fällt die Aufmerksamkeit jedoch insbesondere auch auf die unbestreitbare Werbewirksamkeit von großen Veranstaltungen. Durch die häufige Medienpräsenz des Veranstaltungsortes und durch die Geschäftsreisenden als Meinungsmultiplikatoren leisten Messen einen bedeutenden Beitrag zum Stadtmarketing und tragen zu einem positiven Image und weiteren Tourismusströmen bei. Dies fällt schließlich als positiver Effekt an die Stadt und die Region zurück (vgl. WIMMER 1984, 120f.; NESTLER 1993, 65; HÜBL/SCHNEIDER 1993, 60; GÖTTING 2003, 70). Messen können somit - im Sinne eines integrierten Standortmanagements - zur Verbindung von Standort- und Regionalmarketing beitragen, indem sowohl Wirtschaftsakteure, touristische Nachfrager als auch die Einwohner durch die Wirkungszusammenhänge der Messewirtschaft erreicht werden (zu den Zusammenhängen von Standort- und Regionalmarketing vgl. PECHLANER 2000, 29f.; BIEGER et al. 2006, 19).
Der Beitrag von Messen zum touristischen Marketing unterstreicht denn auch eine natürliche Verbindung zwischen den Organen der städtischen Tourismusförderung und den Messegesellschaften, die sich auf institutioneller und funktioneller Ebene manifestiert (vgl. Abb. 4). Die öffentlichen Tourismusorganisationen (TO) befinden sich in der Regel im Eigentum der Stadt oder unterliegen zumindest deren beherrschenden Einfluss, wobei auch häufig im Sinne einer kooperativen Tourismusförderung private Akteure als Gesellschafter oder Mitglieder mit einbezogen sind (vgl. LUFT 2005, 115f.; DTV 2006, 86). Gerade in größeren Städten dominieren hierbei die privatwirtschaftlichen Rechtsformen der GmbH und des Vereins (vgl. KILLIAN et al. 2006, 82; vgl. auch Anhang II, Tab. 10). Die institutionelle Verbindung zwischen Messegesellschaften und TO ist somit deutlich: Ausgehend vom modellhaften Fall einer städtischen Eignerschaft der TO können genannte Institutionen, als Tochterunternehmen der gleichen Gebietskörperschaft, als Schwesterunternehmen definiert
Arbeit zitieren:
Florian Dittmar, 2007, Die Netzwerke des Messereiseverkehrs, München, GRIN Verlag GmbH
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