Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 3
2. Zum Begriff der Kompensatorik 4
3. Funktionen eines kompensatorischen Kunstunterrichts 4
4. Stellenwert der kompensatorischen Bemühungen in den Konzepten zur
ästhetischen Erziehung 7
4.1 Musische Kunsterziehung (bis 1960) 7
4.2 Wissenschaftlicher Kunstunterricht (1960 bis 1970) 9
4.3 Kritisch ästhetische Erziehung (ab 1970) 10
5. Kritik an kompensatorischem Kunstunterricht 11
6. Schlussbetrachtung 12
Literaturverzeichnis 12
Anhang
Beispielmaterial zu kompensatorischen Aspekten ästhetischer
Erziehung : Peez, Georg: Digitalfotografie und Kinderzeichnung.
Kompensatorische Aspekte ästhetischer Erziehung am Fallbeispiel.
2001.
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1. Einleitung
Bereits seit mehreren Jahren wird immer wieder über die kompensatorische Funktion des Kunstunterrichts diskutiert. Hierbei kristallisieren sich zwei Meinungen heraus. Zum einen die, die dem Kunstunterricht fast ausschließlich kompensatorische Funktionen zuschreiben und zum anderen die, die davor warnen, den Kunstunterricht mit kompensatorischen Aspekten zu überladen, so dass der eigentliche Gegenstand „Kunst“ nur noch zur Randerscheinung verkommt.
Im Folgenden soll nun geklärt werden, was Kompensatorik allgemein bedeutet und wie sich kompensatorische Funktionen des Kunstunterrichtes zunächst überhaupt konstatieren lassen. Des Weiteren soll ein Einblick in kompensatorische Bemühungen der Konzepte ästhetischer Erziehung, angefangen bei der musischen Erziehung bis hin zur kritisch ästhetischen Erziehung, gegeben werden. Nach einer Zusammenstellung der Kritikpunkte an kompensatorischem Kunstunterricht werden abschließend die herausgearbeiteten Gesichtspunkte noch einmal zusammengefasst.
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2. Zum Begriff der Kompensatorik
Unter Kompensatorik versteht man im Allgemeinen einen Ausgleich, eine Entschädigung oder Entlastung von irgendetwas. Im engeren psychologischen Sinn spricht man von einem Ausgleich von Mängeln mithilfe besonderer Leistungen oder eines speziellen Verhaltens. Dabei kann es auch zu einer Überkompensation kommen, sobald nicht nur der Ausgleich, sondern auch ein gesteigerter Erfolg eintritt. Die kompensatorische Erziehung (compensatory education) entwickelte sich bereits in den 1960er Jahren in den USA. Sie gilt als eine Erziehungsmethode, die nachträglich versucht, mangelnden Erfahrungsschatz und mangelnde
Lernmöglichkeiten auszugleichen, um eine Chancengleichheit herzustellen. Diese Erziehungsform kann jedoch nur erfolgreich sein, wenn die Ursachen der Benachteiligung beseitigt werden. 1 In der Kunsttherapie wird Kompensatorik als „Initiieren und Lenken sozialer Lernvorgänge bzw. Korrektur gestörter oder unterentwickelter Fähigkeiten, [als] Aktivieren des Individuums“ 2 verstanden. Therapeutische Aspekte liegen hierbei auf der „Veränderung der Lernorganisation zugunsten einer [vor allem] instrumentalen Verwendung […] [und in] pädagogischen Interventionen“. 3
3. Funktionen eines kompensatorischen Kunstunterrichts
In der historischen Entwicklung gewann der kompensatorische Aspekt des Kunstunterrichts mal mehr, mal weniger Gewicht. Der heutige Kunstunterricht ist geprägt durch kompensatorische Funktionen. Die Gesellschaft benutzt den Kunstunterricht als Ersatz für nicht mehr zu befriedigende Bedürfnisse und der Lehrer ist somit gezwungen der kompensatorischen Funktion eine Vorrangstellung einzuräumen. Wie diese kompensatorischen Funktionen im Einzelnen genau aussehen, wird nachfolgend zu klären sein.
1 vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann (Hg.): Die Grosse Bertelsmann Lexikothek. S. 243f.
2 Richter: Therapeutischer Kunstunterricht. S. 11.
3 ebd.
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Zunächst einmal geht es nicht darum, dem Schüler in irgendeiner Art und Weise Entspannung oder Erholung von anderen schulischen Anstrengungen zu ermöglichen, sondern darum Defizite und Mängel, die gesellschaftlich erzeugt wurden, auszugleichen. Solche Defizite können in der Beziehung des Menschen zu sich selbst (z.B. Selbstentfremdung), zu anderen Personen oder Gruppen (z.B. Verlust sozialer Kompetenzen) und zu seiner Umwelt (z.B. Naturentfremdung) auftreten. Viele Kinder und Jugendliche zeigen diese Mängel mittlerweile durch übermäßige Angst, gesteigerte Aggressionen und andere Verhaltensauffälligkeiten sowie durch psychische, psychosomatische und physische Erkrankungen. Die Kompensation solcher Störungen sollte dabei keinesfalls als isolierte Aufgabe der ästhetischen Erziehung verstanden werden, vielmehr mischt sie sich mit weiteren Funktionen.
Eine erste kompensatorische Funktion ist im Bereich der sensomotorischen Erfahrung und sinnlichen Wahrnehmung zu finden. Hier werden so genannte regressive Verfahren wie Matschen, Sudeln, Kritzeln oder auch Fingerpainting angewandt, um spezifische Erfahrungen in Bereichen des Emotionalen, Sinnlichen und Triebdynamischen zu ermöglichen. Diese sollen eine Basis bilden für komplexere Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse und werden in der Regel als besonders lustvoll empfunden. Kompensatorische Funktionen hierbei sind das Nachholen von Erfahrungen, das Erzeugen emotionaler Verbindlichkeiten und das Anknüpfen an verdrängte psychische Konflikte sowie das Aktivieren eines ganzheitlichen Erlebens des Menschen, um Vereinseitigungen zu vermeiden. Ein Problem dieser regressiven Verfahren besteht darin, dass die Schüler oft das Maß verlieren und sich Aggressivität auf- statt abbaut, so dass der Unterricht chaotisch endet. Hier trifft dann der Aspekt der Überkompensation zu. Eine weitere kompensatorische Funktion besteht in der Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung. Verfahren wie Selbstportrait und andere Formen der Selbstdarstellung dienen hierbei vordergründig der Selbstthematisierung. Es werden die Vermittlung eines Ich-Erlebens und der Aufbau eines Selbstkonzeptes, das zur Identitätsfindung und -entwicklung führt, angestrebt. Der durch die Gesellschaft gegebenen Selbstentfremdung soll so entgegengesteuert werden, indem man sich verstärkt der Frage „wer bin ich“ zuwendet. Auch die Kommunikation mit anderen soll so gefördert werden.
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Mit multimedialen Prozessen wird versucht die Gesamtheit sensorischer Erfahrungen einzubeziehen. Es werden besonders Verfahren angewandt, die zwei oder mehr Sinneserfahrungen gleichzeitig berücksichtigen, so z.B. das Musikmalen, Fingerpainting, Prozesse des Bewegens und Zeichnens, Körpererfahrung und Ausdrucksmalen oder Raumerleben und Plastisches Gestalten. Somit soll sich ein weites Feld ästhetischer Erfahrungen eröffnen. Besonders die Bereiche Spiel und Aktion und Performance werden hier im Unterricht bevorzugt. Weitere kompensatorische Funktionen lassen sich in der Materialerfahrung finden. Durch die Auseinandersetzung mit dem Material können vielschichtige Realitätserfahrungen gemacht werden. Dadurch, dass Material veränderbar und beeinflussbar ist, sind Ausgangs- und Endzustand niemals identisch. Somit macht Material Sach- und Beziehungsaspekte möglich, da unterschiedliche Materialien auch unterschiedliche Emotionen und Reaktionen hervorrufen. So ist Ton, als beliebig verformbares Material, geeignet zum schnellen Spannungsabbau, kann aber auch zu Kontrollverlusten, ähnlich den regressiven Verfahren, führen. Den neuen Medientechnologien wie Fotografie, Film, Video und Kopier- und Computerverfahren, wohnen sowohl negative als auch positive kompensatorische Funktionen inne. Negativ deshalb, da eine unmittelbare materielle und realitätsbezogene Erfahrung fehlt. Positiv, weil flexibel und bezugsnah zu der heutigen medialen Wirklichkeit und den gesellschaftlich relevanten Prozessen. In der Naturerfahrung soll durch intensiven ästhetischen Kontakt der zuvor entfremdete Erfahrungsraum Umwelt zurück gewonnen werden. Sowohl Selbst- als auch Umwelterfahrung rücken durch Verfahren wie Landschaftsmalerei wieder in den Mittelpunkt. Die individuelle kompensatorische Funktion mit gesellschaftlichen und ökologischen Perspektiven vollzieht sich auf drei Ebenen: zunächst elementare Naturerfahrung, darauf aufbauend eine Aufhebung der Umweltentfremdung und schließlich die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins gegenüber der Naturgefährdung.
Ein weiterer Aspekt findet sich in der Symbolisierung und Kommunikation. Da in Bildern Gefühle verarbeitet werden können, ermöglichen sie einen individuellen Ausdruck auf symbolischer Ebene und sind somit intersubjektiv. Das innere Befinden ist durch außerweltliche Inhalte sowie graphische, malerische und plastische Möglichkeiten vermittelbar. Eine kommunikative Auseinandersetzung zwischen Innen- und Außenwelt hilft der Identitätsentwicklung und kann Verlusten
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Arbeit zitieren:
Kathleen Grünert, 2006, Kompensatorischer Kunstunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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