Inhaltsverzeichnis
VORWORT................................................................................................................................ 3
EINLEITUNG. 3
GLIEDERUNG 5
1 Feminismus und Identität 5
1.1 Das Universalsubjekt „Frau/en“ und dessen Ausschlüsse 7
1.2 Reaktionen und Alternativen. 9
2 Exkurs: das Subjektmodell der Moderne 11
2.1 Paradox des modernen Subjekts. 12
3 Poststrukturalismus 14
3.1 feministische Kritik 16
4 Macht, Sexualisierung, Widerstand 17
5 Die Unmöglichkeit der Re-Präsentation 18
5.1 Nicht-konforme Identitäten 20
6 Geschlecht, Macht, Performativität. 21
6.1 Subversion durch Travestie. 23
7 FAZIT. 25
8 LITERATUR. 27
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VORWORT
Obgleich der Begriff Identität in aller Munde ist, bleibt er meist diffus. Darüber was Identität eigentlich ist und wie sie zustande kommt, gibt es verschiedene Meinungen, die nicht ausschließlich fachspezifisch sind.
Ist die (Selbst-)Verortung in sozialen Kategorien eine Konstante menschlichen Seins? Und wie verhält es sich mit einer der für diese „prominenteste“ Kategorie, der Geschlechtidentität? In vielen Bereichen wird die Entwicklung eines Individuums bis heute als ungebrochene, im Regelfall kontinuierlich aufstrebende Bewegung zu einer eindeutigen und ‚gefestigten Identität’ gesehen. Anstatt Rollenmodelle in ihrer Gemachtheit zu reflektieren, können sie vor diesem Hintergrund nur als gegeben hingenommen werden: Habitus, Erscheinung oder Begehrensstrukturen, die abseits des (hetero)normativen Rahmens stehen, können so nur als zu korrigierende Abweichungen von einer ‚normalen’ Entwicklung interpretiert werden. Insbesondere in den letzten drei Jahrzehnten verbreiteten sich allerdings neue Ansätze zur Konzeptionalisierung von Geschlechtsidentität. Die Philosophiewissenschaftlerin Christine Hauskeller beispielsweise gibt zu bedenken: „Menschen kommen eben nicht als Subjekte zur Welt, vielmehr sie werden zu solchen, zu geschlechtlich bestimmten, erst im Prozess der Vergesellschaftung.“ 1 Muss Identität, insbesondere geschlechtliche, mithilfe von Normierungspraktiken erst hergestellt werden, kann sie zumindest als unsicher und abhängig von verschiedenen Machstrukturen gelten.
Was also steckt hinter jenem Schlüsselbegriff der Identität? „Identität gilt als Wahrheit des Selbst“ 2 , schreibt die Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey. Und der Philosoph Michel Foucault bindet das Funktionieren von Machtverhältnissen als solches an die Kategorisierung von Individuen und deren Fesselung an ihre Identität. Hat ‚die Identität’ ‚die Natur’ als das „innerste Wesen“ 3 historisch kontingenter Erzählungen abgelöst?
EINLEITUNG
Gegen Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts standen die sozialen Bewegungen vor einem existenziellen Problem, denn „Identität“ als zentralen Topos der Politik zu begreifen war in Verruf geraten. Galt Identität lange Zeit als Bedingung für Politik, so waren - nicht zuletzt durch die Popularisierung poststrukturalistischer Ideen (zum Beispiel durch Michel Foucault)
1 Hauskeller (2000), 91
2 Lorey. In: Hornscheidt/ Jähnert/ Schlichter (1998), 107
3 Lorey. In: Hornscheidt/ Jähnert/ Schlichter (1998), 107
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oder den Ansatz der Dekonstruktion (Jacques Derrida) - nun deren Konstruktionsmechanismen und Effekte von Identitätspolitik in den Blick geraten. Auch große Teile des Feminismus verlagerten die Betrachtung des Geschlechts von der Differenz hin zur Frage der Macht. Die Einsicht, dass soziale Kategorien nicht nur deskriptiv, sondern immer schon Teil von Machtstrukturen und dementsprechend ausschließend sind, spielte dabei eine große Rolle.
Die zum Beispiel mediale Konstruktion stereotyper Weiblichkeiten blieb bis in die Neunziger Jahre das Hauptinteresse feministischer Ansätze. Die Zweite Frauenbewegung thematisierte ihr Subjekt „Frau/en“ 4 meist über eine Opferrolle, in die die patriarchalische Gesellschaftsordnung Frauen per se zwinge. Für diese einschränkende Setzung wurde die Bewegung vor allem von nicht-weißen Frauen, von Frauen unterpriviligierter sozialer Schichten oder marginalisierter Sexualitäten kritisiert. Mit Ansätzen postkolonialer Theorie schließlich ist diese Kritik zum Begleiter feministische Theorie geworden. Insbesondere Judith Butler thematisierte „Frau/en“ als Subjekt des Feminismus als eine Kategorie, die einerseits Ausschlüsse provoziere und andererseits Teil jener Machtstrukturen bleiben müsse, die sie abschaffen wollte.
Die Pattsituation zwischen Notwendigkeit und Ablehnung von Repräsentationspolitik und einem entsprechenden ‚Universalsubjekt’ traf die feministische Theorie und Praxis besonders hart. Denn: „Wird mit der Dekonstruktion von Frauen nicht nur jegliche Grundlage für Politik, sondern gleichzeitig auch eine Analyse der gesellschaftlichen Situation von Frauen zunichte gemacht, also feministische Politik und Forschung obsolet?“ 5 Diese Frage von Isabell Lorey fasst die Ängste vieler Feminist_innen 6 zusammen und verweist gleichzeitig auf die Tragweite der Identitätsproblematik für soziale Bewegungen. Butlers Kritik evozierte Angst vor einer Partikularisierung des Feminismus und vehemente Ablehnung, da man das Modell eines handlungsfähigen Subjektes in Frage gestellt sah, aber auch Zustimmung von zumeist poststrukturalistisch geprägten Feminist_innen. Diese meinten, das Ende einer auf die „Frau/en“ gerichteten Emanzipationspolitik könne auch der Anfang einer ganz anderen Politik sein.
4 Ich unterscheide nicht zwischen einem Kollektiv- ‚Frauen’ und einem einzelnen Subjekt ‚Frau’, da die Subjektwerdung als Frau gemeinsame Vorstellungen, Rollenmodelle usw. voraussetzen.
5 Lorey. In: Hornscheidt/ Jähnert/ Schlichter (1998), 93f
6 Ich benutze die Schreibweise „Unterstrich i“, da sie, anders als das „große I“ eine Lücke lässt, die auf Möglichkeiten außerhalb der Zweigeschlechternorm verweist. Ich denke, es ist eine angemessene, wenn auch dem Lesefluss nicht zuträgliche, Variante. Ich beziehe mich auf die von Steffen Kitty Hermann entwickelte Modell Vgl. dazu: Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung, Internet: http://gender-killer.de/wissen%20neu/texte%20queer%20kitty.htm (10.11.08)
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GLIEDERUNG
Im Folgenden werde ich die feministische Debatte um Identität nachzeichnen und Hintergründe aufzeigen (1., 1.a, 1.b). Im zweiten Kapitel folgt ein Exkurs zur Beschaffenheit und zum Paradox des modernen Subjekts (2., 2.a). Im darauf folgenden Kapitel (3.) gehe ich auf Strukturalismus und Poststrukturalismus als wichtigste theoretische Einflüsse und deren, auf die (De)Konstruktion von Subjekten bezogene philosophische und linguistische Ideen ein; mit einer kurzen Ausführung über die feministische Kritik am Poststrukturalismus (3.a) schließe ich das Kapitel ab. Im vierten Kapitel erläutere ich mit Hilfe von Foucaults Genealogie der Macht die Konstituierung des postmodernen Subjektes im Dreieck von Macht, Unterdrückung und Widerstand (4.). Es folgt ein Teil über die Unmöglichkeit der Re-Präsentation (5.) und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten nicht-konformer Identitäten (5.a). Im letzten Kapitel (6., 6.a) versuche ich unter Bezugnahme auf Butlers Perfomativitätskonzept die vorhergehenden Ansätze und Ideen auf die Frage nach Möglichkeiten feministischer Politik und Geschlechtsidentität als maßgeblich für den Subjektivierungsprozess zurück zu beziehen und abschließend einen Ausblick zur Identitätsals „Geschlechterproblematik“ zu geben. Das Fazit (7.) fasst den Gedankengang der Arbeit noch einmal zusammen.
1 Feminismus und Identität
Im deutschsprachigen Raum setzte eine kritische Diskussion über feministische Identitätspolitik Anfang der Neunziger Jahre mit der Veröffentlichung von Judith Butlers Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity unter dem deutschen Titel Das Unbehagen der Geschlechter 7 ein. Hierin weist Butler die ursächliche Verbindung der Kategorie Gender als Geschlechtsidentität mit einem biologischen Geschlecht zurück und benennt, in Anlehnung an poststrukturalistische Ideen, die Essentialisierung der Zweigeschlechtlichkeit als Herrschaftsstrategie. Geschlechtsidentität ist demnach nicht gegeben, sondern durch Handeln („doing gender“) hergestellt. Jede_r Einzelne trägt damit auch zur Stabilisierung und Reproduktion der Geschlechterdifferenzen und -hierarchien bei. Insbesondere durch feministische Politik, die für sich in Anspruch nimmt die Interessen der „Frau/en“ zu vertreten, wird nach Butler das Zwangssystem der Zweigeschlechtlichkeit aufrechterhalten. Zudem ginge der ‚Wir’-Gestus immer schon mit Ausschlüssen einher. Die Einsicht in die Unhaltbarkeit universalistischer Kategorien und gleichzeitige Anerkennung ihrer Unverzichtbarkeit für politisches Handeln bewirkte eine Bewegung weg von der bloßen
7 Butler: Das Unbehagen der Geschlechter (1991)
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Repräsentationspolitik und hin zur Frage der Macht. „Der fundamentale Zwiespalt feministischer Politik“, wie Paulus schreibt, „bildet einen Hintergrund für Butlers Dekonstruktion des Bewegungssubjektes ‚Frau’, der Geschlechtsidentität als Grundlage einigender Politik und den ‚Wir’-Kategorien emanzipatorischer Bewegungen.“ 8 Butlers vehemente Zurückweisung der Kategorie „Frau/en“ als im Kern essentialistisch, sorgte für viel Widerspruch in der Frauenbewegung, die ihre Grundlagen zum gemeinschaftlichen Handeln gefährdet sah. Besonders die Infragestellung des Körpers, als welche die Problematisierung des biologischen Geschlechts verstanden wurde, wurde in der kritischen Rezeption aufgegriffen und als Gefährdung des politischen Projekts gedeutet. Leiblichkeit galt bis dato als Referenzpunkt feministischer Konzepte und Schnittstelle gemeinsamer Erfahrungen. Die Kategorie „Frau/en“ jedoch, so die Gegenposition, resultiere nicht aus gleichen Erfahrungen, sondern entstehe als Kohärenzeffekt verschiedener Regulierungsverfahren innerhalb der binären Struktur. Erfahrung existiere nicht vor dem Wissen und eine ‚unmittelbare’ Erfahrung mit sich selbst kann es darum nicht geben. Dass Körper so sind, wie wir sie erfahren, meint auch Hauskeller, ist eine Folge unserer diskursiven Konstruktion von Körpern. Die Gemeinsamkeiten von Frauen ergeben sich vielmehr aus den Konstitutionsregeln moderner Gesellschaften. Butler fragt in diesem Zusammenhang: „Inwiefern stellt ‚Identität’ eher ein normatives Ideal als ein deskriptives Merkmal der Erfahrung dar?“ 9 Die Frauenbewegung mit ihrem Bezug auf das Sex/gender- Modell- das als Argument für den sozialen Ursprung der Benachteiligung von Frauen dienen sollte -stützt demnach die Illusion einer gemeinsamen essentialistischen Erfahrungswelt. Die Kritik an eben jenem Modell ist ein zentraler Punkt im Unbehagen der Geschlechter. Einerseits, meint Butler, gehe der Differenzierung von sex und gender die Annahme der Zweigeschlechtlichkeit voraus und diese sei nicht haltbar. Die Unterscheidung zwischen einem kulturellen und einem biologischen Geschlecht und die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen beiden verweist immer auf einen Kern „natürlicher“ Geschlechtlichkeit. Nach konstruktivistischen Ansätzen ist die Unterscheidung in „weiblich“ und „männlich“ aber per se eine kulturelle Setzung. Sex existiert nicht, weil alles gender ist. Gerade hinter der sex/gender-Differenzierung steckt demnach ein Konzept dass, wie es bei Antje Hornscheidt, Gabriele Jähnert und Annette Schlichter heißt, einen „dem sozialen Geschlecht vorgängigen, kulturell unschuldigen Körper erst produziert“ 10 . Auch die Slawistin Christa Ebert führt aus, dass nach Butler „das (rhetorische) Festhalten an der
8 Paulus (2001), 2
9 Butler (1991), 38
10 Hornscheidt/ Jähnert/ Schlichter (1998), 10
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Geschlechterdifferenz ( ) dem Festschreiben der Machtverhältnisse“ 11 diene. Der diskursive Produktionsprozess von Geschlechtsidentität indes wird verhüllt. Nur im Rahmen von metaphysischem Ursprungsdenken ist eine vordiskursive, körperliche Sexuiertheit denkbar. Der Philosoph und poststrukturalistische Denker Michel Foucault wies darauf hin, dass die juridischen Machtregime Subjekte, die sie repräsentieren zuerst auch produzieren. Weil die Subjekte jenen Strukturen, die sie regulieren, unterworfen sind, werden sie in Übereinstimmung mit ihnen produziert und reproduziert. Wenn dem so ist, schreibt Butler, „ist jene Rechtsformation von Sprache und Politik, die die Frauen als ‚Subjekte’ des Feminismus repräsentiert, selbst eine Diskursformation und der Effekt einer gegebenen Variante der Repräsentationspolitik.“ 12 Butlers entmutigendes Urteil lautet: „Das feministische Subjekt erweist sich als genau durch dasjenige politische System diskursiv konstituiert, das seine Emanzipation ermöglichen soll.“ 13
Folgt man dieser Argumentation, sind Feminismus und Frauenbewegung nicht nur ein fester Bestandteil der heterosexuellen Matrix, sondern reproduzieren diese ununterbrochen. Im Kontext der Frauenbewegung ging es fortan nicht mehr (ausschließlich) um die Repräsentation eines Subjektes „Frau/en“, sondern darum, die Kategorie des identischen Subjekts selbst zu problematisieren 14 , das nicht zuletzt auch dem Universalsubjekt „Frau/en“ Legitimität verlieh.
1.1 Das Universalsubjekt „Frau/en“ und dessen Ausschlüsse
Ein folgenreicher Vorwurf an den Feminismus war der, mit Identitätspolitik knallharte Ausschlüsse zu betreiben.
Wie bereits angedeutet, spielen bei den Auseinandersetzungen um feministische Identitätspolitik Differenzen unter Frauen eine zentrale Rolle. Die unhintergehbare Kategorie „Frau/en“, die „mit den sexistischen Unterdrückungsmechanismen, die sich in der Kategorie ‚Frau’ treffen“ 15 , wie Paulus schreibt, in der Kontinuität einer westliche Feminismus-Debatte universalisiert wird, ließe „[s]trukturelle Diskriminierungen, wie etwa Rassismus, Ethnozentrismus, klassenspezifische Benachteiligungen, Homophobie und Heterosexismus
11 Ebert, Christa: ‘Die Seele hat kein Geschlecht’. Studien zum Geschlechterdiskurs in der russischen Kultur (2004), 57
12 Butler (1991), 16f
13 Butler (1991), 17
14 Entgegen mancher Verlautbarungen hatte auch Butler weder im Sinn die „Frau/en“ abzuschaffen, noch verkündet sie den Tod des Subjekts. Lorey schreibt, im Gegenteil erkenne sie vielmehr „ein hegemoniales, bürgerlich-‚männliches’ Subjektverständnis in ihrer Subjektkritik an.“ Lorey. In: Hornscheidt/ Jähnert/ Schlichter (1998), 103. Dieses Subjektverständnis nämlich ist so dominierend, dass es die Position erst konstituiert, von der aus gesprochen werden kann.
15 Paulus (2001), 47
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Arbeit zitieren:
Sonja Vogel, 2009, Feministische Identitätspolitik - Zur Handlungsfähigkeit postsouveräner Subjekte, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
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