Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
Hauptseminar: ,,Die Geschichtsschreibung zu Europa im 20. Jahrhundert"
Sommersemester 2006
Hauptseminararbeit
Grenzen, Probleme und Herausforderungen einer europäischen
Geschichtsschreibung.
Mit einer Betrachtung zum europäischen Gedächtnis
Vorgelegt von:
David Honka
Studiengang: Magister
1
Inhalt
Einleitung... 2
I.
Grenzen und Probleme einer europäischen Geschichtsschreibung ... 3
II. Die Wiedergeburt Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ... 7
III. Erinnern und Vergessen: Europa im Spannungsfeld von Gedächtnis und Geschichte ... 9
IV. Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung ... 16
Schlussbetrachtungen ... 18
Literatur ... 21
2
Einleitung
Die Frage danach, was denn ,,Europa" eigentlich sei, gehörte in den letzten Jahren immer
wieder zum Bestand eines Fragekatalogs, der in der Beschäftigung mit europäischer
Geschichte aufgeworfen wurde.
In dieser vermeintlich einfachen Frage verbirgt sich zunächst ein Gefühl der Unsicherheit
identitätsrelevanter Bezüge Europas; zudem wird damit auch eine Unklarheit darüber zum
Ausdruck gegeben, wie eine europäische Kultur und seine Werte denn überhaupt verstanden
und definiert werden sollen.
Die vorliegende Darstellung nimmt sich dem Thema ,,Europa" an.
Dabei erfolgen zunächst einige Annäherungen an eine europäische Historiographie, um deren
Grenzen und Probleme auszuloten. Es soll mithin gezeigt werden, dass ein zu eng gefasster
Europa-Begriff sich als problematisch erweist und eine Geschichte Europas viele
Perspektiven bereit hält (Kap. I).
Damit ist zugleich die Vorstellung von vielen, möglichen europäischen Geschichten kenntlich
gemacht. Im Weiteren wird der Fokus paradigmatisch auf eine bestimmte europäische
Geschichte gelenkt: Die Wiedergeburt Europas seit dem Zweiten Weltkrieg. Hierbei geht es
darum, die historischen Bedingungen für das Europabild der Gegenwart aufzuzeigen (Kap.
II).
Mit diesen Ausführungen ist Vorschub geleistet, einen gedächtnisorientierten Ansatz stärker
ins Blickfeld der Betrachtung zu rücken. Es soll argumentiert werden, dass Europa vorrangig
eine erinnerungsgeschichtlich bedingte Vorstellung ist. Die Erfahrungen seiner schrecklichen
Vergangenheit lasten als Hypothek auf die politische, gesellschaftliche und ideelle Gestaltung
des Kontinents. Dieser ,,Gedächtnisort" Europas soll Gegenstand theoretischer Reflexion sein
im Spannungsfeld von Gedächtnis und Geschichte (Kap. III).
Zum Abschluss wird nach den Herausforderungen einer europäischen Geschichtsschreibung
gefragt. Um darüber hinaus die Perspektivwinkel zu erweitern, werden neue Konzepte
thematisiert; eine wichtige Rolle spielen hierbei Ansätze einer transnationalen
Geschichtsschreibung sowie Verflechtungsgeschichte (Histoire croisée) (Kap. IV).
3
I.
Grenzen und Probleme einer europäischen Geschichtsschreibung
Seit den letzten 15 Jahren ist ein außerordentlich wachsendes, öffentliche Interesse an
,,Europa" zu erkennen; in der politischen Kultur wie auch in intellektuellen Kreisen wird von
,,kulturellen Werten" gesprochen und darüber diskutiert wie diese im Falle Europas denn
auszumachen seien. Insbesondere die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei hat das
Bedürfnis nach der Definition einer europäischen Identität verstärkt. Dies hat auch die
Historiker-Zunft
auf
den
Tagesplan
gerufen,
da
offensichtlich
historische
Argumentationsmuster eine wesentliche Rolle spielen. Und so konnte man eine vehemente
Beteiligung einiger Fachgelehrter in der Presse verfolgen, die mit Namen wie etwa Michael
Borgolte, Jürgen Kocka, Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler verbunden sind.
1
Das Bedürfnis, die kulturellen Muster eines oder vieler Europas gleichsam einer kulturellen
Linie auf einer imaginären Landkarte entlang nachzuzeichnen, erfährt vor dem Hintergrund
solch einer politisch-gesellschaftlichen Debatte seine maßgebliche Triebkraft. Eine
Untersuchung zu den ,,kulturellen Werten" Europas ist daher ein außerordentliches
Unterfangen; die breite Themenpalette lässt sich nicht zuletzt an den Beiträgen des von Hans
Joas und Klaus Wiegandt besorgten Sammelbandes ablesen.
2
Nicht nur die Frage nach den historischen Bedingungen der Zugehörigkeit der Türkei zu einer
europäischen Wertegemeinschaft ist ein Thema europäischer Geschichtsreflexion.
Insbesondere die Rolle Osteuropas für eine gesamteuropäische Geschichtsschreibung ist in
den letzten Jahren verstärkt diskutiert worden. Oder auch: welche Bedeutung kommt
Russland zu für eine gesamteuropäische Betrachtung? Analog könnte man zudem den Fokus
auf die Geschichte des ,,Nordens" Europas werfen. Und es scheint, als ist eine Auflösung
Europas in verschiedene ,,Räume" ein Unterfangen, dass der Beantwortung der Frage, wo
Europa denn eigentlich liege, mit viel versprechenden Schritten näher kommen will.
Paradigmatisch lässt sich diese übergreifende Zielsetzung an den thematischen Ausrichtungen
1
Borgolte, Michael, War Karl der Große wirklich groß? Europa ist heute nicht mehr die Christenheit, in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.3.1999; Kocka, Jürgen, Wo liegst Du, Europa?, in: Die Zeit, 28.11.2002;
Wehler, Hans-Ulrich, Laßt Amerika stark sein! Europa bleibt eine Mittelmacht: eine Antwort auf Jürgen
Habermas, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.6.2003; Winkler, Heinrich August, Ehehindernisse. Gegen
einen Beitritt der Türkei, in: Süddeutsche Zeitung, 23.-24.11.2002.
2
Joas, Hans/ Wiegandt, Klaus (Hg.), Die kulturellen Werte Europas, Bonn 2005.
4
der Beiträge in Gerald Stourzh' ,,Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung"
deutlich machen.
3
Doch wie sinnvoll sind solche Konstruktionen wie Ost-, West-, Nord- und Südeuropa? Im
Falle Osteuropas sind zumindest Zweifel anzumelden, handelt es sich doch hierbei um ,,einen
von Westeuropäern imaginierten Raum."
4
Zuzustimmen ist dem Gedanken Stourzh', dass
Europa ,,nicht (allein) der Westen" ist; ,,Europa geht auch über den Westen hinaus."
5
Am
Vordringen der osteuropäischen Geschichtsschreibung in den letzten Jahren mitsamt ihrer
wachsenden Bedeutung für die Gesamteuropaforschung wird mitunter deutlich, dass ein
weiter Europabegriff erforderlich ist. Insbesondere am Beispiel der Geschichte Europas seit
dem Zweiten Weltkrieg erfährt dieses Postulat einer Extension ,,Europas" eine Erhärtung,
denn, wie Tony Judt es formuliert: ,,die Nachkriegsgeschichte der beiden Hälften Europas
kann nicht getrennt voneinander erzählt werden."
6
Geographisch gesehen ist Europa ein kleines Anhängsel Asiens. Dennoch sind die Grenzen
Europas auf einer geographischen Karte nicht wirklich zu zeichnen. Denn, um mit den
Worten von Hagen Schulze zu sprechen: Europa ist keine ,,geographische, sondern eine
kulturelle Wirklichkeit"; vielmehr ist es ein ,,kollektiver imaginierter Entwurf."
7
Und welche Kriterien sind es, die etwas als ,,europäisch" deklarieren?
Die Begriffe ,,Identität" und ,,Wert" spielen für das Europabild dabei eine Schlüsselrolle.
8
Es
kann sich ohne Zweifel als hilfreich erweisen, nach Ursprüngen europäischer
Identitätsmerkmale in der Geschichte zu suchen; Christian Meier geht etwa dem griechisch-
römischen Erbe Europas nach und verweist damit auf Besonderheiten und markante Züge der
historischen Entwicklung Europas, die gleichsam einem Mosaikstein Teil eines Gesamtbildes
sind.
9
3
Stourzh, Gerald (Hg.), Annäherungen an eine europäische Geschichtsschreibung, Wien 2002; zur Bedeutung
Osteuropas vgl. darin der Beitrag von Andreas Kappeler, Die Bedeutung der Geschichte Osteruropas für ein
gesamteuropäisches Geschichtsverständnis, S. 43-55 sowie für einen Blickwinkel auf den ,,Norden" Europas
der Beitrag von Max Engman, "Norden" in European History, S. 15-34.
4
Kappeler, Bedeutung (wie Anm. 3), S. 44.
5
Stourzh, Gerald, Statt eines Vorwortes: Europa, aber wo liegt es, in: Stourzh, Annäherungen (wie Anm. 3), S.
XI, der im Gegenzug hinzufügt, dass auch der Westen über Europa hinausgeht.
6
Judt, Tony, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, Bonn 2006, S. 20.
7
Schulze, Hagen, Phoenix Europa. Die Moderne. Von 1740 bis heute, Berlin 1998, der jedoch diesem im
Vorwort und im Schluß geäußerte Gedanken in seiner Darstellung nicht ausdrücklich genug Rechnung trägt.
8
Vgl. Joas, Hans, Die kulturellen Werte Europas. Eine Einleitung, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie Anm. 2), S.
11-39.
9
Meier, Christian, Die griechisch-römische Tradition, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie Anm. 2), S. 93-116.
5
Auch eine Kulturgeschichte Europas, welche die Rolle des Christentums für die europäische
Geschichte stärker ins Blickfeld rücken lässt, kann einen viel versprechenden Beitrag leisten.
Problematisch erscheint es jedoch, wenn christliche Werte als Einheit des Kontinents
überbetont werden, das Christentum demnach ausschließlich als der europäische Wert kodiert
wird dann ist die Darstellung als zu einseitig gedacht.
10
Vielmehr haben im Gegenzug auch
andere Religionen, der Islam und das Judentum etwa, die Geschichte Europas entscheidend
mitgeprägt, wie Michael Borgolte am Beispiel des mittelalterlichen Europas plausibel
aufzeigt und damit dem Gedanken von der Vielfalt europäischer Identitätsmuster Vorschub
leistet.
11
Mit der Feststellung von einer Pluralität europäischer Identitäten ist schon viel gewonnen.
Europa manifestiert sich auf dieser Grundlage als Beziehungsgeflecht, was die Forderung
nach einer ,,interkulturell orientierte[n] Geschichtswissenschaft" laut werden lässt.
12
Im
Weiteren wird damit entschieden auf die Überwindung nationaler Geschichtsschreibungen
und der Unzulänglichkeit ihrer Addition für eine europäische Geschichtsschreibung
verwiesen.
Vor diesem Hintergrund wird die Maxime ersichtlich, dass es viele europäische Geschichten
gibt eine Einsicht, der neben vielen anderen auch Hagen Schulze beipflichtet. Seine
europäische Geschichte schreibt er als eine Erzählung des ,,europäischen Staatensystems und
seiner Bestandteile".
13
Für unsere weitere Untersuchung
14
hält Schulzes Darstellung insofern
relevante Bezüge bereit, als damit die ,,rationale Staatskunst" gekennzeichnet wird, die ,,den
politischen Emotionen der industriellen Massengesellschaft zum Opfer fiel" und ferner, so
führt Schulze fort, daraus ,,die europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die
Unmündigkeit Europas in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs und schließlich die
Neuformierung dieses Staatensystems, die wir derzeit beobachten, [folgten]."
15
Dennoch
wäre
es
verkehrt,
Schulzes
Darstellung
als
Addition
einer
Nationalgeschichtsschreibung zu etikettieren. Es sind vor allem auch allgemeineuropäische
Themen, die zur Sprache kommen und die gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle
10
Eine Sicht, welche die Rolle des Christentum für die europäische Kulturgeschichte betont und zum Teil stark
überbewertet bietet: Rietbergen, Peter, Europe. A Cultural History, London/ New York 1998.
11
Borgolte, Michael, Europa entdeckt seine Vielfalt 1050 - 1250, Stuttgart 2002; Ders., Wie Europa seine
Vielfalt fand. Über die mittelalterlichen Wurzeln für die Pluralität der Werte, in: Joas/ Wiegandt, Werte (wie
Anm. 2), S. 117-163; Ders., Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des
Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr., München 2006.
12
Borgolte, Europa entdeckt seine Vielfalt (wie Anm. 11), S. 392.
13
Schulze, Phoenix Europa (wie Anm. 7).
14
Vgl. Kap. II.
15
Schulze, Phoenix Europa (wie Anm. 7), S. 10.
6
Aspekte beinhalten. Gleichsam erweitert er den Blickwinkel auf diese Topoi, indem er
transnationale Verflechtungen sowie kolonialismus- bzw. imperialismusgeschichtliche
Gesichtspunkte betont.
Zu bemängeln wäre freilich, dass Schulze Europavorstellungen des 20. Jahrhunderts relativ
unberücksichtigt lässt, doch resultiert dieser Umstand aus den Schwerpunkten heraus, die er
für seine europäische Geschichte setzt. Eben diese Schwerpunkte müssen deutlich gemacht
werden.
Es wäre daher überhaupt fraglich, ob Ungleichgewichtigkeiten in einer gesamteuropäischen
Darstellung denn überhaupt vermeidbar sind, und ob gar die Bündelung der vielen
Perspektiven in einen Gesamtblick ein Unternehmen beinhaltet, das angesichts der Vielfalt,
die mit dem Diskurs ,,Europa" zusammenhängen, als von vornherein zum Scheitern verurteilt
ist. Kann also etwa eine Gesamtdarstellung zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert
geschrieben werden? Diese Ambition kann, wenn überhaupt, bisher nur für einige wenige
Darstellungen gelten: So etwa Norman Davies' Darstellung oder auch Mark Mazowers
düsteres Europabild von einem ,,dunklen Kontinent".
16
Viele europäische Geschichtsschreibungen tun sich schwer mit der Frage, was Europa denn
sei; wenn sie als zu beklemmend daher kommt, so tut man vielleicht gut daran, die Frage zu
modifizieren, indem man fragt, was Europa bedeutet?
17
Damit eng verwoben ist die Frage,
welche historischen Bezüge für das heutige Verständnis einer gemeinsamen Identität der
Staaten, Völker und Gruppen Europas auszumachen sind. Hierzu bietet sich ein
gedächtnisorientierter Ansatz an, der die gemeinsamen kulturellen Identitätsmuster freilegt;
die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg liefert demnach eine gute Möglichkeit,
das
spezifisch
,,Europäische"
vor
dem
Hintergrund
eines
theoriegeleiteten,
erinnerungsgeschichtlichen Ansatzes herauszuarbeiten.
18
Für eine ,,gemeinsame Geschichte"
Europas reicht dies aber nicht aus; zudem gilt es auch, die Verflechtung Europas mit anderen
Teilen der Welt und nicht in Abgrenzung zu ihnen aufzuzeigen. Freilich wird die europäische
Geschichtsschreibung vor weiteren, neuen Herausforderungen gestellt, die mit analytischen
Instrumentarien wie dem historischen Vergleich, dem Kulturtransfer und der ,,Histoire
croisée" verbunden sind.
19
16
Davies, Norman, Europe. A History, London 1997; Mazower, Mark, Der dunkle Kontinent. Europa im 20.
Jahrhundert, Berlin 2000.
17
Vgl. Malmborg, Mikael/ Strath, Bo (Hg.), The Meaning of Europe. Variety and Contention with and among
Nations, Oxford 2002.
18
Vgl. Kap. III.
19
Vgl. Kap. IV.
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