Inhaltsverzeichnis:
Seite
1. Einleitung und Terminologie: Judenfeindschaft 3
oder Antisemitismus?
2. Die Geschichte der Judenfeindschaft 6
2.1. Die Lage der Juden in der Antike - Toleranz 6
und Abgrenzung
2.2. Juden im Mittelalter - Nachbarschaft 11
und Gottesmord
2.3. Antijüdische Legenden im Spätmittelalter 23
und der Frühen Neuzeit
2.4. Judenfeindschaft zu Beginn der Frühen Neuzeit 28
3. Die Frankfurter Juden und der Fettmilch-Aufstand 35
3.1. Die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt am Main 35
3.2. Der Fettmilch-Aufstand in Frankfurt am Main - 41
Vorbedingungen, Ereignisse und jüdische Sicht
im Megillas Vintz
3.3. Die Beurteilung des Aufstandes 47
4. Resümee 51
5. Literaturnachweis 53
2
Das Thema der Judenfeindschaft hängt eng mit dem Schlagwort des „Antisemitismus“ zusammen. Für jede Antwort auf eine Frage bietet es zwei neue Fragen an. So ist die religiöse oder „Volksbezeichnung“ Jude einerseits nicht nur völlig legitim, sondern dürfte wohl von keinem Juden als abwertend verstanden werden. Andererseits wurden Juden im Laufe der Geschichte mit derart vielen Stigmata besetzt, dass eine unvoreingenommene Benutzung unmöglich ist. Er weckt sofort unterschiedlichste Assoziationen, die im europäischen Kontext indes immer wieder mit Verfolgung und Holocaust im Dritten Reich zusammenhängen. Ohne daher unverhältnismäßig lange über die Wahl der Terminologie zu befinden: Warum trägt diese Arbeit das Wort „Judenfeindschaft“ und nicht etwa „Antisemitismus“ in ihrem Titel? Zumal letzteres seit neuestem wieder häufiger in der öffentlichen Debatte auftaucht, leider auch auftauchen muss. Gerade in Deutschland reagieren glücklicherweise trotz aller Schwierigkeiten durch rechtsextreme Bewegungen Medien und Politik relativ zeitnah, sobald dahingehend verdächtige Äußerungen oder Geschichtsrevisionismus offenbar werden. So laufen derzeit Diskussionen bspw. über die päpstliche Aufhebung der Exkommunikation des britischen Geistlichen Richard Williamson, welcher den Holocaust relativierte. Im gleichen Zuge wird versucht, christliche Bewegungen und Organisationen wie die Pius-Bruderschaft, gar die katholische Kirche selbst, auf ihre „politische“ Haltung hin zu durchleuchten.
Die Haltung der Kirche in der Vergangenheit gegenüber den Juden wird in dieser Arbeit interessanterweise eine zentrale Rolle einnehmen. Mittlerweile werden ja auch junge Muslime zu möglichen antisemitischen Tendenzen befragt, ein Thema das besonders seit dem letzten intensiven Wiederaufflammen des Nahostkonfliktes und dem Einmarsch der israelischen Armee in die Palästinensergebiete wieder von großer Brisanz ist. Für die Ablehnung oder Verachtung „der“ Juden lassen sich jedenfalls mit „Judenfeindschaft“, „Judenhass“ und „Antisemitismus“ mehrere Begriffe anführen. Um zu erklären, weshalb für das Thema dieser Arbeit letzterer gerade nicht verwendet wurde, obwohl - oder besser weil - er doch so tagesaktuell ist, folgt eine Bestimmung zu Inhalt und Geschichte dieses Wortes. So häufig das Schlagwort vom „Antisemitismus“ nach wie vor benutzt wird, so gefährlich ist bspw. laut Marcel Reich-Ranicki gleichzeitig auch dessen „unbedachter, [...]
3
inflationärer Gebrauch“ 1 , denn er kann zur Aufweichung führen und die aufklärende Funktion eben jener Haltung verhindern, die er zu beschreiben versucht. So gehen auch seine Definitionen mitunter derart weit auseinander, dass keinesfalls von einer einheitlichen Benutzung gesprochen werden kann. Wie bereits Robert Chazan feststellte: „The term ,anti-Semitism’ means many things to many people, [...].“ 2 Eberhard Jäckel spricht gar davon, dass der Umstand, es handele sich um eine „sprachlich unzutreffende Bezeichnung für Judenfeindlichkeit“ 3 , durchaus bekannt sei. Doch da er seinerzeit scheinbar in gestiegenem Maße in aller Munde war, griff er nichtsdestotrotz auf ihn zurück. Scheint die Semantik eines Begriffes im Dunkeln zu liegen, mag ein Blick in seine Entstehungsgeschichte erhellend sein. So ist das Wort „Antisemitismus“ ein Neologismus, der vermutlich im „letzten Drittel des 19. Jahrhunderts“ 4 auftauchte. Verwendet wurde er von deutschen Judenfeinden wie dem Journalisten und Schriftsteller Wilhelm Marr offenbar bereits seit 1879 5 . Interessanterweise ist jedoch das Adjektiv „antisemitisch“ schon für das Jahr 1860 beim jüdischen Orientalisten Moritz Steinschneider belegt. 6 Allerdings erhielt es seine Negativkonnotation erst durch Wilhelm Marr und dessen Gleichgesinnte, wobei dieser im Laufe seines Lebens von seinem Judenhass wieder abrückte. Es stellt sich also die Frage, ob im Zusammenhang mit der Geschichte vor dem
19. Jahrhundert der Gebrauch des Wortes „Antisemitismus“ nicht etwa anachronistisch wäre, zumal sein „rassischer“ Hintergrund einen entscheidenden Unterschied zur religiösen Judenfeindschaft in Antike und Mittelalter darstellt. Daraus ergibt sich die neuerliche Fragestellung, ob nämlich „etwas, wovon die Menschen keinen Begriff hatten, dennoch existierte“ 7 , ob also eine Bezeichnung erst ab dem Datum ihrer Entstehung verwendet werden darf. 8 Der Blick in die Literatur verrät, dass der Begriff
1 Marcel Reich-Ranicki: Das Beste, was wir leisten können. Walser, Bubis, Dohnanyi und der
Antisemitismus. In: Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation. Hrsg. von Frank Schirrmacher.
Frankfurt am Main: 1999, S. 321 - 325, hier S. 323. Ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom 2.12.1998.
2 Robert Chazan: Medieval Anti-Semitism. In: History and Hate. The Dimensions of Anti-Semitism. Hrsg.
von David Verger. Philadelphia, New York, Jerusalem: 1986, S. 49 - 66, hier S. 49.
3 Eberhard Jäckel: Hitler Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft. Stuttgart: 1983 2 , S. 167, Anm. 3.
4 Reinhard Rürup, Thomas Nipperdey: Antisemitismus. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches
Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart
Koselleck. Bd. 1. Stuttgart: 1972, S. 129 - 153, hier S. 129.
5 http://www.zentrum-david.ch/index2(26).htm - 05.03.2009.
6 Ismar Ellbogen: Ein Jahrhundert jüdischen Lebens. Die Geschichte des neuzeitlichen Judentums. Hrsg.
von Ellen Littmann. Frankfurt am Main: 1967, S. 635, Anm. 1.
7 Wolfgang Schmale: Europäische Geschichte. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 1998, 46, S. 389
- 405. Hier S. 396.
8 Georg Christoph Berger Waldenegg: Antisemitismus: „Eine gefährliche Vokabel?“. Diagnose eines
Wortes: Wien, Köln, Weimar: 2003, S. 43.
4
„Antisemitismus“ sich bereits nach seinem ersten Auftreten rasch verbreitete, so bei Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi, doch sobald Historiker und Autoren sich mit Antike und Mittelalter beschäftigen, greifen sie bis heute häufig auf die Worte „Judenhass“ und „Judenfeindschaft“ zurück. Im Gegensatz zur vornehmlich religiösen Judenfeindschaft im Mittelalter - über Umwege auch in der Antike 9 - begründet sich nämlich der Antisemitismus seit seiner Entstehung im vorletzten Jahrhundert als „rassisch“ intendiert. Dazu findet sich im Antisemiten-Katechismus des Judenfeindes Theodor Fritzsch aus dem Jahre 1887 10 folgende Aussage:
„Es fällt niemandem ein, die Juden ihrer Religion wegen zu bekämpfen. Ihren Gottesdienst trachtet niemand zu stören; er erfreut sich der zärtlichsten Schonung bei allen Klassen - auch bei den Antisemiten. [...] Wie schon der Name sagt, richtet sich der Antisemitismus gegen die ,Semiten’, also gegen 11 eine Rasse, nicht gegen eine Religion.“
Das Wort „Semiten“ enthält den Namen „Sem“. Sem war einer der drei Söhne Noahs und wird zuerst im Alten Testament 12 erwähnt. Dadurch handelt es sich bei ihm um eine historische Persönlichkeit, die für die Vertreter der drei Weltreligionen gleichermaßen bedeutend ist. Nun lässt sich freilich die historische Stichhaltigkeit der Genesis, überhaupt der Bibel, durchaus in Zweifel ziehen. Die freiwillige Benennung der Antisemiten nach einer religiösen Figur bei gleichzeitiger Leugnung jedweder religiösen Feindschaft hingegen scheint doch sehr paradox. 13 Dabei wurde von deren Seite immer wieder versucht, die Leistungen semitischer Völker zu schmälern oder ihre Abstammung zu vertuschen, so bspw. im Falle der astronomisch gebildeten Chaldäer oder der Phönizier, Vermittlern des Wissens um die Schrift des kanaanäischen Alphabets 14 und eines der größten antiken Seefahrervölker.
9 Da sich die Juden als „auserwähltes Volk“ des Alten Testaments mit ihrer monotheistischen Religion
nicht in den Polytheismus der römischen und griechischen Götterwelt einpassen konnten und wollten.
10 Das Buch wurde 1907 in überarbeiteter Fassung als Handbuch der Judenfrage herausgegeben und bis
1945 insgesamt 49 mal aufgelegt. Thomas Fritzsch verwendete ursprünglich das Pseudonym „Thomas
Frey“.
11 Antisemiten-Katechismus. Herrmann Beyer Verlag: 1887. Zitiert nach: Heinrich Graf Coudenhove-
Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19. Jahrhunderts. Fortgeführt von Richard
Graf Coudenhove-Kalergi, dem Sohn des Autors und Begründer der Paneuropa-Bewegung. Hrsg. von
Peter Landesmann. Wien, München: 1992, S.57.
12 Im 1. Buch Mose, 9. Kapitel, Vers 18.
13 Vgl.: Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 62f.
14 Ebd., S. 75.
5
Die Ablehnung der Juden veränderte sich in ihren Begründungen im Laufe der Zeit. Trotz - oder besser in - dieser Wandlung lässt sich auch eine Kontinuität der Judenfeindschaft erkennen, die bis heute anhält, da sie sich vielerorts als politisch-moralisch motiviert und gegen die israelische Palästinenserpolitik gerichtet gibt, sich dabei allerdings leider doch nur althergebrachter geistiger Infrastrukturen des Antisemitismus zu bedienen droht oder diese unbewusst nährt. So stand im Vorfeld der Themenwahl für diese Arbeit der Wunsch, über den Blick in die Geschichte einige Wegmarken zum modernen Antisemitismus zu erkennen. Der Frankfurter Fettmilch-Aufstand ist eine dieser Wegmarken, dabei umso erstaunlicher, weil die vertriebenen Juden in ihre Heimatstadt zurückkehren durften. Das Wort Pogrom klingt in diesem Zusammenhang unheilvoll vertraut. Doch wie konnte es zum Überfall auf die jüdischen Nachbarn kommen? Um die Ereignisse der Jahre 1612 bis 1616 als judenfeindliches Ereignis besser verstehen zu können und den Hintergrund für die Situation der Juden in der Frühen Neuzeit nachvollziehen zu können, holen wir weit aus. Die Untersuchung der Hintergründe des Judenhasses wird von Interesse sein, sie wird neben dem konkreten Frankfurter Ereignis einen Großteil der Arbeit in Anspruch nehmen.
6
Die Untersuchung der Anfänge des Antijudaismus lässt keine genaue zeitliche Abgrenzung zu. Eines dürfte indes klar sein: Solange die jüdischen Reiche Israels und Judas schlicht Völker in der Nachbarschaft anderer Völkerschaften beherbergten und sich in ihrer Politik nicht wesentlich von anderen Ländern unterschieden, konnte es sich im Falle von Konflikten zwischen ihren Herrschaftsgebieten einzig um politische Feindschaften handeln. Daher ließe sich frühestens mit der Eroberung des Nordreiches Israel durch assyrische Truppen im Jahr 722 vor unserer Zeitrechnung 15 sowie des Krieges zwischen Juda und dem neubabylonischen Großreich, der in der Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. 16 mündete, von „Judenfeindschaft“ sprechen. Wobei auch das zu weit in die Vergangenheit gegriffen sein dürfte. Erst der Übergang des kulturellen und religiösen Zentrums von Palästina zum babylonischen Exil, das der Eroberung Judas folgte, konnte die Grundvoraussetzungen zur Verbreitung des Judentums in anderen Reichen schaffen. Trotz der schwierigen Festsetzung seiner Ursprünge gibt es dahingehend interessante Ansätze. So setzt Coudenhove-Kalergi die Niederschrift der Thora als Fixpunkt für den frühestmöglichen Beginn antijüdischer Haltungen fest. 17 Demnach verpflichtete sie in einem bis dahin nicht gekannten Maße zur religiösen, sittlichen und rechtlichen Strenge. Der jüdische Glaube wurde gewissermaßen orthodoxer und grenzte sich bewusst schärfer von den übrigen Religionen und damit auch von den ihnen anhängenden Völkern ab. Die Niederschrift der jüdischen Regeln erfolgte laut Altem Testament durch die Hand Esras. Unabhängig davon, ob er als Verfasser des jüdischen Rechts eine real existierende historische Figur gewesen ist, war er zumindest laut Bibel von höherer Stelle damit beauftragt worden, das kultische Leben Jerusalems neu zu ordnen 18 . Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch den Perserkönig Kyros II., welcher nach der Eroberung Babylons die Juden frühestens 539 v. Chr. 19 in ihre Heimat zurückkehren ließ. Die mit einer
15 Der Kleine Pauly. Lexikon der Antike. Bd. 2. München: 1979, Sp. 1497.
16 Ebd.
17 Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 102.
18 Vgl. http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-
bibellexikon/details/quelle/WIBI/zeichen/e/referenz/10823///cache/d6a3d9e22b/ , 08.03.2009.
19 Der Kleine Pauly. Bd. 2, Sp. 1497.
7
Vielzahl klarer und ungewöhnlich strenger Regeln versehene Thora wurde im Laufe der Jahrhunderte zum Dreh- und Angelpunkt jüdischer Religion und Frömmigkeit. Zu Beginn des zweiten Jahrhunderts v. Chr. wurde der Osten des Mittelmeerraums immer stärker von der hellenistischen Kultur durchdrungen. Damit einher ging die Verbreitung griechischer Kultur, Wissenschaften und nicht zuletzt ihrer Mythologie, ihres Körperkultes und der künstlerischen Darstellungsform nackter Menschen, Heroen und Götter. Dies alles stellte einen eklatanten Gegensatz zu den strengen Richtlinien der Thora dar. Aus diesem Konflikt gingen in Jerusalem zwei Parteien hervor, die hellenistische und die orthodoxe, wobei erstere den neuen Einflüssen prinzipiell offener gegenüberstand, letztere hingegen in Erscheinung der schon vorher verbreiteten frommen Chassidim umso verbindlicher an den Bräuchen und Zwängen der Thora festhielt. In dieser spannungsreichen Zeit, genau genommen im Jahre 175 v. Chr., erlangte Antiochos IV., auch Epiphanes genannt, als Abkomme der Seleukiden-Dynastie die Macht des syrischen Throns. Zuvor war er als politische Geisel in Rom festgehalten worden, wo er vermutlich auch mit der griechischen Kultur in Kontakt kam, als deren Verehrer er noch heute gilt 20 . Mit seinem Erscheinen in Jerusalem drohte eine Verschärfung der ohnehin konfliktreichen Atmosphäre. Offenbar plante er die kulturelle und juristische „Homogenisierung“ seiner Untertanen. Anfangs begünstigte er zu diesem Zwecke die liberaleren Teile der jüdischen Bevölkerung, sprich die hellenistischen Juden, von denen sich dann auch so mancher der griechischen Götterwelt zuwandte. So versuchte er in der Folgezeit, Jerusalem als griechische Stadt kulturell umzugestalten, ließ einen Altar für Zeus Olympios (oder Baal Shamem, wie die Chassidim sagten) bauen, dem die Juden huldigen mussten, und verbot den Jahvekult. 21 Schon allein das Aufbauen der heidnischen Statue galt den Juden als absolutes Sakrileg, doch das von Antiochos initiierte Verbot von Sabbath, Beschneidungsritus und der übrigen jüdischen Gesetze musste eine Konfrontation mit jenen Frommen auslösen, deren religiöse Haltung ein Außenstehender wohl kaum hätte nachvollziehen können. So wundert es nicht, dass in dieser Zeit die ersten Berichte über Märtyrer auftauchen, die lieber ihr Leben als ihren Glauben opferten, wodurch allerdings notwendigerweise die Vorstellung von göttlicher Belohnung noch während des Lebens von der Idee eines ewigen Lebens nach dem Tode verbunden gewesen sein muss. 22
20 Vgl: Ebd., Bd. I, Sp. 389. Sowie: http://www.britannica.com/EBchecked/topic/28380/Antiochus-IV-
Epiphanes 07.03.2009.
21 Vgl.: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=1589&letter=A, 08.03.2009.
22 Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 105.
8
Jedenfalls erzielte Antiochos durch seine Maßnahmen den gegenteiligen Effekt, als er ursprünglich gehofft hatte: Statt den töricht strikten Glauben der Juden zu beenden, bestärkte er ihn durch gewaltsamen Druck von außen, ein Zusammenhang der nicht nur im Judentum bis heute beinahe gesetzmäßig ist. 23 Die Juden setzten sich schließlich unter der Führung von Mattathias im Aufstand der Makkabäer ab167 v. Chr. offen gegen Antiochos IV. zur Wehr. Vier Jahre später wurde ein mit der syrischen Herrschaft ausgehandelter, unter dem Gebot der Religionsfreiheit stehender Friede geschlossen. Anzumerken ist schon hier, dass die Ziele Antiochos’ IV. von jüdischer Seite als religiöser Konflikt wahrgenommen wurden, der vorliegende Antijudaismus also religiös begründet war. 24 Die jüdische Diaspora, begonnen mit dem Untergang Judas 586 v. Chr., hatte im Laufe der Jahrhunderte zur Ausbreitung des Judentums in praktisch alle Teile der bekannten Welt geführt. Es war derart weit verbreitet, dass der vielgereiste griechische Geograph Strabo im 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb, es gäbe keine Stadt, in der nicht auch Juden leben würden. So war ihre Religion im Römischen Reich anerkannt, sie durften dort weitestgehend nach ihren eigenen Gesetzen leben und waren bspw. von der Teilnahme am Heeresdienst freigestellt; aus religiösen Gründen natürlich, denn am Sabbat war ihnen das Tragen von Waffen untersagt, was sie zur Kriegsführung untauglich machte. Das Verhältnis der Römer zu den Juden hätte also durchaus entspannt sein können, bspw. galt Julius Cäsar als Freund der Juden, bestätigte er ihnen doch ausdrücklich ihr Bürgerrecht. Dennoch kam es unter verschiedenen Vorwänden zu ihrer Verfolgung und Ausweisung, unter anderem im Jahre 19 unter Tiberius (14 - 37 n Chr. römischer Kaiser), dem Nachfolger Augustus’ und damit zweitem Kaiser Roms. Gleiches erlitten sie unter Caligula (37 - 41 n. Chr. römischer Kaiser) wenige Jahre später. Allerdings hatten die Bemühungen beider zur Unterdrückung des jüdischen Glaubens keinen nachhaltigen Erfolg. Mehr noch, der anhaltende Widerstand der Juden schien zur Einsicht geführt zu haben, dass ihnen der sonst vom Volk geforderte Kaiserkult, den sie freilich aus religiösen Gründen ablehnten, nicht aufzuzwingen sei 25 . Dabei musste die auf den Regeln der Thora beruhende Weigerung zur Teilnahme an den römischen Kulten, und sei es nur ein inhaltsleerer Ritus wie das Weihrauchschwenken vor einer der Götterstatuen, auch
23 Siehe bspw. die chinesischen Versuche, die tibetische Kultur zu unterdrücken oder die Radikalisierung
gewisser islamischer Strömungen im Zuge des verschärften Konfliktes zwischen den sogenannten
„westlichen“ Nationen und der arabischen Welt (Irakkrieg, USA - Iran - Konflikte, Afghanistan-Krieg).
24 Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 104, ff.
25 Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 112, f.
9
unterhalb der offiziellen Politik als Mangel an Romtreue empfunden werden, gehörten solche Huldigungen doch zur mit dem Bürgerrecht verbundenen, wenn auch lästigen Pflicht. So lassen sich die Konflikte mit der übrigen Bürgerschaft und der Führung bis hin zum Märtyrertum einzig als religiös begründet erklären. Gleiches gilt selbstverständlich für die Verfolgungen der Christen. Dabei sei die Vermutung außen vor gelassen, dass viele Juden und Christen ungewollt für die Frömmigkeit ihrer Glaubensgenossen starben oder stattdessen ihrer Religion abschworen, sie möglicherweise verbargen, um ihres und das Leben ihrer Nächsten zu schonen. Den vielfach politisch orientierten Römern und Griechen mit ihrer verzweigten Götterwelt und Mythologie musste die religiöse Strenge der Juden jedenfalls höchst fraglich erscheinen. Hinzu kam, dass sie sich von ihrem heidnischen Umfeld abzugrenzen versuchten. Diese Distanzierung aus religiösen Gründen konnte bei Römern wie Griechen allerdings zu dem Eindruck führen, sie hegten Groll gegen den Rest der Welt. So behauptet Tacitus, sie würden alle übrigen Menschen hassen, Juvenal beschuldigt sie der Hartherzigkeit gegen alle Nichtjuden. 26 Trotz aller Vorhaltungen durch die griechisch-römische Mehrheit im nördlichen Mittelmeerraum übte der jüdische Glaube besonders in den gehobenen Kreisen der „Heiden“ eine gewisse Anziehung aus und es wurde mit ihm durchaus „missioniert“. Das allgemeine Ableben des Olymps, die „Novität“ des Monotheismus, das reine Gottesbild und die philosophischtheologischen Betrachtungen in Verbindung mit dem Zwang zur sittlichen Lebensführung führten zu etlichen Proselyten. Diese mussten für ihren Übertritt nicht zwangsläufig alle Forderungen der Thora erfüllen. So wurde König Izates (30 - 54) 27 von Adiabene auf seinen Wunsch zur Konversion von jüdischer Seite geraten, auf die Beschneidung zu verzichten, da er auch ohne sie Gott dienen könne, sonst allerdings das gesamte Gesetz einhalten müsse. Wo immer im Exil sich eine jüdische Gemeinde zusammenschloss, kann man davon ausgehen, dass sich ihnen mit dem Judentum sympathisierende Heiden anschlossen. Sie befolgten eine festgelegte Anzahl der religiösen Gesetze und teilten die Gottesverehrung, waren jedoch vermutlich meist nicht beschnitten, wodurch sie sich von den wirklichen Proselyten unterschieden. 28
Schwierig wurde die Situation der Juden in Jerusalem um die Zeitenwende. Herodes (I.) der Große besiegte mit Unterstützung und im Auftrag von Rom im Jahre 43 v. Chr. gemeinsam mit Antigonos den letzten Hasmonäer und gewann in den folgenden Jahren
26 Zitiert nach: Ebd., S. 125.
27 Der Kleine Pauly. Bd. 3, Sp. 33, f.
28 Ebd. S. 104, ff.
10
nicht zuletzt durch geschickte Dynastiepolitik die Macht in Judäa. 29 Als von den Römern eingesetzter rex socius stand er dabei unter ihrer Weisung. Von den Juden wurde seine Herrschaft als Einmischung in ihre Selbstverwaltung wahrgenommen. Zudem stieß seine Nähe zur hellenistischen Kultur auf schwere Vorbehalte. Gegen erste Widerstände namentlich von Seiten der Pharisäer ging er mit Gewalt vor, dennoch musste auch er religiöse Zugeständnisse machen und bspw. seine Münzen ohne menschliches Abbild prägen lassen, auf Bilder an Gebäuden in Jerusalem verzichten und die örtliche Tempelpolitik weitgehend achten. Überhaupt ließen sich trotz aller Konzessionen die judäischen Juden nur unter Mühen von den Römern beherrschen. Sie verzichteten in Jerusalem auf den Einzug mit Feldzeichen, da auf diesen die kaiserlichen Bilder geprägt waren. Als Pilatus versuchte, diese Praxis zu beenden, musste er von seinem Plan ob des ihm entgegenschlagenden religiösen Widerstandes abrücken. In derlei Belangen reagierte die jüdische Gemeinschaft höchst sensibel. Schließlich kam es im Jahre 66 zum offenen Ausbruch jüdischen Protestes als der Prokurator Florus Geld aus dem Schatz des Jerusalemer Tempels nahm. Als kurz darauf das Tempelopfer für den römischen Kaiser eingestellt wurde, belagerte das römische Heer die Stadt. Trotz langwieriger und erbitterter Gegenwehr brannten im Jahre 70 Tempel und Stadt nieder, Judäa verlor seine Unabhängigkeit, viele Bewohner wurden getötet oder versklavt. Die folgenden religiös begründeten Aufstände, der wohl größte von 132 bis 135 unter Hadrian, blieben für die jüdische Bevölkerung jedoch ohne nennenswertes Ergebnis. 30
2.2. Juden im Mittelalter - Nachbarschaft und Gottesmord
In den Jahrhunderten nach dem Untergang des weströmischen Reiches wuchs zunächst die Bedeutung des Frankenreiches im Westen und später des Deutschen Reiches als Zentrum des christlichen Europas. Wie stellte sich die Lage der Juden hier dar? Zunächst gilt festzuhalten, dass die Judenfeindschaft im Mittelalter nicht unveränderlich konstant war sondern sich im Strom der Ereignisse durchaus eigenwillig veränderte und entwickelte. 31 Die antijüdischen Haltungen im Mittelalter des Abendlandes lassen sich wie diejenigen der Antike zunächst religiös begründen. Und doch sind sie völlig anders. Die
29 Der Kleine Pauly. Bd. 2, Sp. 1090, f.
30 Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi: Antisemitismus von den Zeiten der Bibel bis Ende des 19.
Jahrhunderts. S. 116, ff.
31 František Graus: Judenfeindschaft im Mittelalter. In: Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des
Antisemitismus. Hrsg. von Wolfgang Benz, Werner Bergmann. Bonn: 1997, S. 35 - 60. Hier S. 35.
11
mittelalterliche Judenfeindschaft wird durch die direkte „Konkurrenz“ zum Christentum auf eine theologische Ebene gehoben. Die Problematik wird insgesamt komplexer, zumal ökonomische und latent vorhandene, sich in Notzeiten manifestierende psychologische Motive für den Judenhass hinzukommen. Und doch bleibt es bei aller scheinbaren Eindeutigkeit ein zutiefst ambivalentes Verhältnis, welches die Christen zu den Juden pflegten. Einerseits Ablehnung, andererseits religiös bedingte Duldung. Da sich beide Parteien jeweils im Vollbesitz religiöser Wahrheit wähnten, konnte es selbst im Fall einer Diskussion nie zur intellektuellen Annäherung kommen. Bereits im Grundsatz widersprachen sich die Beteiligten. Für die Christen war die Nichtanerkennung der göttlichen Abkunft Jesu Christi völlig unverständlich; die Juden wiederum konnten bspw. in Heiligenbildern und Kreuz keinen Unterschied zu den alttestamentarischen Götzenbildern entdecken. 32 Beide Seiten zogen daraus den Schluss, die Abgrenzung vom Anderen zu fordern, zumal immer die jeweils wechselnde Gefahr der Anziehungskraft von Seiten des verschlossen strengen und vergeistigten Judentums, bzw. der verheißungsvollen Religion der christlichen Mehrheit bestand. Weshalb den Juden überhaupt von christlicher Seite eine Existenzberechtigung zugesprochen wurde und zugesprochen werden konnte, wird im Verlauf dieses und des nächsten Kapitels zu klären sein. Festzuhalten gilt, dass sie in ihren Existenzbedingungen stets gefährdet waren und sich ihre Lage insgesamt gegen Ende des Mittelalters bis zur Frühen Neuzeit merklich verschlechterte. Dennoch wäre es einseitig zu behaupten, dass ihre Situation zu allen Zeiten und an allen Orten gleich ungünstig gewesen sei. So wenig rational der Judenhass ist - gerade in einer religiös dominierten Epoche - so wenig stringent war er in seinen Auswirkungen. So gab es lange Zeiten relativer Ruhe die unregelmäßig von Zeiten der Verfolgung und Vertreibung durchbrochen wurden. 33
Die junge Kirche in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausend fühlte sich durch die Fortexistenz des „alten“ Israels hinsichtlich ihrer Superiorität in Frage gestellt. 34 Richtunggebend für die Grundkonstellation des Verhältnisses der Christen, Kirche und Krone gegenüber ihren jüdischen Nachbarn war daher das Judenbild, welches die
32 František Graus: Judenfeindschaft im Mittelalter. S. 36.
33 Willehad Paul Eckert: Antisemitismus im Mittelalter. Angst - Verteufelung - Habgier: „Das Gift, das
die Juden tötete“. In: Antisemitismus. Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute. Hrsg.
von Günther B. Ginzel. Köln: 1991, S. 71 - 99, hier S. 71.
34 Günther B. Ginzel: „... und er brüstet sich frech und lästert wild ...“. Über Antisemiten und
Antisemitismus in Deutschland oder: Trotz und alledem - es ist eine Lust, Jude zu sein. In: Antisemitismus.
Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute. Hrsg. von Günther B. Ginzel. Köln: 1991, S.
15 - 32. Hier S. 17.
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Toralf Schrader, 2009, Judenfeindschaft in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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