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Inhaltsverzeichnis
A) Einleitung 02
Sinn und Ziel der Seminararbeit 02
Quellenlage 02
B) Hauptteil 03
1. Analyse der These: „Vaterunser enthält keine originär christl. Elemente“ 03
1.1 Inwiefern ist die These richtig? 03
1.2 Gottesbezeichnung „Vater“ schon im AT 03
1.2.1 Vater als „Liebender“ 03
1.2.2 Vater als „Schöpfer“ 04
1.2.3 Vater als „Gerechter“ 04
1.3 Kontinuität von AT und NT 05
1.4 Vorläufiges Fazit 06
2. Einwände gegen die Vaterschaft Gottes 06
2.1 Die Geschöpflichkeit des Menschen 06
2.2 Die Sündhaftigkeit des Menschen 07
3. Widerlegung der These 08
3.1 Warum wurde Jesus verurteilt? 08
3.2 Neuer Sinn des Vaternamens 09
3.2.1 Wer ist Jesus Christus? 09
3.2.1.1 Christus, der Sohn Gottes - Vater als Zeuger 09
3.2.2 Die Christen, wiedergeborene „Kinder Gottes“ 11
3.2.2.1 Ontologische Vaterschaft - Vater als geistiger Zeuger 13
3.2.2.2 Moralische Kindschaft - Kinder als „Gerechtfertigte“ 17
)C Schluss 19
I. Tabellarische Zusammenfassung 19
II. Fazit 19
III. Neue Gegenthese: „Keiner kann sagen Vater’, außer im Glauben.“ 20
Literaturverzeichnis 21
- 2 - A)EINLEITUNG
Sinn und Ziel der Seminararbeit
„Gottes Worte und Taten sind Wunder. Sie jagen dem Menschen Furcht und Schrecken ein, selbst die Engel zittern darüber. Was ihr aber heute von uns hört, ist so gewaltig, daß kein Erstaunen im Himmel, keine Furcht auf der Erde und kein Erschrecken der ganzen Schöpfung größer ist als dies: Der Sklave wagt es, seinen Herrn ‚Vater’ zu nennen, der Schuldige nennt den Richter seinen Erzeuger, die gesamte Schöpfung erklärt sich selbst als Kind Gottes.“ 1 Gott, den ewig seienden Schöpfer und Herrn des Universums, ja den Heiligen selbst „Vater“, gar „Abba“ zu nennen, ist wahrlich ein gewaltiges Wagnis und hat schon viele Menschen in Staunen und Zittern versetzt, auch und erst recht die Kirchenväter. Ausgehend von den Schriften und Vaterunser-Auslegungen der Kirchenväter also, verfolgt die vorliegende Arbeit drei Ziele:
a) Als Ganzes sollen die vielfältigen Bedeutungen und der eigentliche (christliche) Sinn der Vaterschaft Gottes aufgezeigt und erklärt werden.
b) Dabei soll Klaus Bergers These, das Vaterunser enthalte „keine originär christlichen Elemente“ 2 und sei „nicht typisch für Jesus und seine Jünger“ 3 , anhand der Kirchenväter-Auslegung des Vaterunsers (teilweise) widerlegt werden. c) Schließlich soll im Schlussteil das Ergebnis zusammengefasst werden, um dann die Gegenthese aufzustellen, dass „keiner Gott „Vater“ nennen kann, außer im Glauben an Jesus Christus.“
Quellenlage
Primärquellen sind v.a. die Vaterunser-Auslegungen von Tertullian, Origenes, Cyprian, Johannes Chrysostomus, Theodor von Mopsuestia, Petrus Chrysologus und Cyrill von Jerusalem, wobei auch andere Väter und Schriften mitberücksichtigt werden. 4 Sekundärquellen bilden v.a. der „Vaterunser“-Artikel von Klaus Berger (Anm. 2) und die Dissertation von Maria-Barbara von Stritzky 5 über die frühchristliche Interpretation des Vaterunsers.
1 Petrus Chrysologus, Über das Gebet des Herrn, in: Quellen geistlichen Lebens: die Zeit der Väter, Bd.1,
Hg. Geerlings Wilhelm - Greshake Gisbert, Mainz 1980, S. 213 (Künftig zitiert: Chrysologus, Gebet des
Herrn.)
2 Berger Klaus, Artikel „Vaterunser“, in: Sacramentum mundi. Theologisches Lexikon für die Praxis, Bd.
4, Freiburg - Basel - Wien 1969, S. 1147 (Künftig zitiert: Berger, Vaterunser.)
3 ebd., S. 1148
4 Genaue Literaturangaben befinden sich im Literaturverzeichnis.
5 Von Stritzky Maria-Barbara, Studien zur Überlieferung und Interpretation des Vaterunsers in der
frühchristlichen Literatur, in: Münsterische Beiträge zur Theologie, Bd. 57, Münster 1989 (Künftig
zitiert: Von Stritzky. Frühchristl. Vaterunser.)
- 3 - B)HAUPTTEIL
1. Analyse der These: „Vaterunser enthält keine originär christlichen Elemente“ Im ersten Kapitel soll untersucht werden, wie die These: „Das Vaterunser enthält keine originär christlichen Elemente“ zu verstehen ist und was an ihr richtig ist.
1.1 Inwiefern ist die These richtig? Klaus Berger schreibt wörtlich:
„Dann aber besteht das eigentlich theologische Problem des Vaterunsers darin, daß es zwar das Gebet der Gemeinde sein soll [...], aber keine originär christlichen Elemente enthält: In ihm ist weder von der Person Jesu noch von der durch ihn geschehenen Erlösung die Rede“ 6 In der Tat: Jesus, der Sohn Gottes, wird nicht erwähnt, sondern nur der Vater. Wenn dazu noch der Vater in der letzten Bitte um Erlösung gebeten wird, die ja eigentlich das spezifische Charakteristikum des Sohnes, „des Erlösers“, darstellt, dann scheint die These Bergers wirklich plausibel und das Vaterunser gar nicht so christlich zu sein, wie es vielleicht schien.
Aber ist denn nicht die Gottesbezeichnung „Vater“ an sich spezifisch christlich?
1.2 Gottesbezeichnung „Vater“ schon im AT
Berger antwortet mit einem klaren Nein und belegt eindeutig, dass die Anrede „Vater unser (im Himmel)“ schon - wenn auch selten - im AT, im Spätjudentum und in rabbinischen Gebeten zu finden ist. 7 Für ihn ist also ganz klar:
„Die Anrede ‚unser Vater’ ist hier nicht etwa für das Gottesverhältnis Jesu oder der Jünger typisch, sondern findet sich in jüdischen Gebetsformeln“ 8
Damit liefert uns Berger die erste dogmatische Grundprämisse: ► Gott ist nicht nur der Vater der Christen, sondern (zumindest) 9 auch der Vater der Juden. Das wirft nun die große Frage auf: wie ist Gottes universelle Vaterschaft zu verstehen? 10
1.2.1 Vater als „Liebender“
6 Berger, Vaterunser, S. 1147
7 ebd., S. 1148
8 ebd., S. 1148
9 Um einem Missverständnis gleich vorzubeugen, schreibt Berger: „Es wäre falsche Apologetik, zu
behaupten, die jüdischen Gebete seien nur national, das Vaterunser dagegen rein religiös ausgerichtet.“,
ebd., S. 1147
10 Vgl. Artikel „Vaterschaft Gottes“, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), Hg. Kasper Walter
u.a., Bd. 10, Freiburg - Basel - Rom 2001, Kap. II, 3.b, S. 546f.: „Eine wichtige Frage bleibt umstritten:
ist die Vaterschaft Gottes universal bezogen auf die Menschen, also schöpfungstheologisch zu verstehen,
oder partikular, eben erwählungstheologisch?“ Ist Gott also nur Vater der Christen oder aller Menschen?
- 4 -Die erste Assoziation, die man mit dem Wort „Vater“ verbindet, ist hoffentlich die der Liebe, Nähe, Fürsorge, usw. Dass Gott wie ein guter Vater für alle Menschen ist, findet sich oft im AT und ist grundlegend für das jüdisch-christliche Gottesbild: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.“ (Ps 8,5-6) „Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der Herr nimmt mich auf.“ (Ps 27,10) Allerdings findet man auch Stellen, die von einer partikularen bzw. besonderen Vaterschaft & Liebe Gottes zu Israel, dem auserwählten „Volk Gottes“, sprechen: „Dann sag zum Pharao: So spricht Jahwe: Israel ist mein erstgeborener Sohn.“ (Ex 4,22) „Denn ich bin Israels Vater und Efraim ist mein erstgeborener Sohn.“ (Jer 31,9) „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt“ (Jer 31,3) Hier gilt also das Verhältnis: Gott : Mensch = Liebender : Geliebter bzw.: Vater : Kind = lieben : geliebt sein
Demnach gilt: ► Gott liebt alle Menschen (bes. Israel) so, als ob er ihr Vater wäre.
1.2.2 Vater als „Schöpfer“
Grundlegend und selbsterklärend sind z.B. diese Stellen:
„Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.“ (Jes 64,7) „Haben wir nicht alle denselben Vater? Hat nicht der eine Gott uns alle erschaffen?“ (Mal 2,10)
Gott ist der Schöpfer der Welt und Ursprung allen Lebens. Wer ist also Vater, wenn nicht der Urheber des Lebens? Hiermit wird also durch die reine Vernunft 11 die universelle Vaterschaft Gottes auf die gesamte lebendige Schöpfung ausgeweitet. Hier gilt also das Verhältnis: Gott : Mensch = Schöpfer : Geschöpf bzw.: Vater : Kind = erschaffen : geschaffen sein
In diesem Sinn hat also Berger Recht: weil Gott der Schöpfer und Urheber der Menschen ist, der sie zudem noch „nach seinem eigenen Abbild“ geschaffen hat (vgl. Gen 1,27), ist er quasi ihr „Vater“. ► Gott ist Schöpfer und „Vater“ aller Menschen.
1.2.3 Vater als „Gerechter“
Eine noch tiefere Möglichkeit, die Vaterschaft Gottes zu verstehen, bietet uns v.a. die Weisheitsliteratur des Spätjudentums:
„Das Ende der Gerechten preist er glücklich und prahlt, Gott sei sein Vater. (...) Ist der Gerechte wirklich Sohn Gottes, dann nimmt sich Gott seiner an und entreißt ihn der Hand seiner Gegner.“
11 D.h. unabhängig von Zeit und Ort, Volk und Glaube, Gut und Böse.
- 5 - (Weish2,16.18) „Sei den Waisen wie ein Vater und den Witwen wie ein Gatte! Dann wird Gott dich seinen Sohn nennen!“ (Sir 4,10)
Anders als bei dem Vater-Sohn-Verhältnis, das dem Mensch durch sein bloßes Geschaffen-sein geschenkt wird, ist es bei der moralischen Vater-Sohnschaft, bei der der Mensch selbst zum aktiven Mitgestalter dieses Verhältnisses wird, so dass es auch von seinem moralischen Handeln abhängt, ob er in ein solches tritt oder nicht. Daher kann man dieses moralische Gott-Mensch-Verhältnis als eine höherwertige Vater-Sohnschaft bezeichnen, da hier nicht nur die Liebe von Gott zu Mensch, sondern auch die Liebe von Mensch zu Gott konstitutiv ist und damit auch die Freiheit, Moralfähigkeit und Selbstverwirklichungskraft des Menschen berücksichtigt wird. Also kann und muss man hiermit sagen, dass zwar alle Menschen im allgemeinen Sinn „Kinder Gottes“ heißen, aber im engeren Sinn eigentlich nur die Gerechten verdienen, so genannt zu werden, da sie nicht nur nach dem Abbild Gottes geschaffen sind, sondern Gott auch in ihrem moralischem Verhalten gleichen, wie es so schön heißt: „Wie der Vater, so der Sohn“.
Also gilt hier das Verhältnis: Gott : Mensch = Gerechter : „Gerechter“ 12 bzw.: Vater : Kind = gerecht sein : „gerecht sein“
Gott ist der „Gerechte / Gute“ schlechthin (vgl. Mk 10,18), daher ist er der „Vater“ der Gerechten. ► Also ist Gott (im engeren Sinn) nur „Vater“ der Gerechten (und nicht der Ungerechten).
1.3 Kontinuität von AT und NT
Schließlich begründet Berger seine These damit, dass er eine gewisse Kontinuität bzw. Kohärenz zwischen dem alttestamentlichen Gebet und dem neutestamentlichen Vaterunser aufzeigt, indem er parallele Stellen vom „18-Bitten-Gebet des gleichzeitigen Judentums“ zitiert, z.B.:
„3: Du bist so heilig, und furchtbar ist dein Name. 4: Unser Vater, schenke uns in Gnaden die Erkenntnis über dich. 5: Du sorgst für Lebende. 6: Vergib uns, unser Vater, wir sündigten an dir. Wische unsere Missetaten aus. 7: Erlöse uns um deines Namens willen“ 13 Die Ähnlichkeit der beiden Gebete ist unbestreitbar und damit auch die Kontinuität des jüdisch-christlichen Glaubens und Betens. Verstärkt wird die These von Otto Dibelius:
12 Selbstverständlich kann der Mensch nicht auf gleicher Ebene so gerecht sein wie Gott, sondern eben
nur so gerecht wie es ein Mensch sein kann.
13 Berger, Vaterunser, S. 1147
- 6 - „DieBitten des Vaterunsers bilden eine Zusammenfassung dessen, was der jüdisch-christlichen Frömmigkeit als das Wesentliche, das vor allem anderen Wünschenswerte erschien, und in dieser Zusammenfassung und der in sie gelegten Bedeutung tragen sie den Stempel jüdisch-christlichen Geistes.“ 14
Ja, der der Herr selbst scheint dies zu bestätigen, indem er sagt: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben [...] sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17)
1.4 Vorläufiges Fazit
Somit scheint das Vaterunser mit gutem Grund gar kein spezifisch christliches, sondern ein der gemeinsamen jüdisch-christlichen Tradition entsprechendes Gebet zu sein, das beide, Juden und Christen, ja sogar alle (gerechten) Menschen problemlos miteinander beten könnten, da Gott schließlich der „Vater“ aller Menschen ist.
2. Einwände gegen die Vaterschaft Gottes
Allerdings ergeben sich gegen die These, dass Gott der Vater aller Menschen sei, zwei fundamentale Einwände, nämlich 1. die Geschöpflichkeit und 2. die Sündhaftigkeit des Menschen.
2.1 Die Geschöpflichkeit des Menschen
Es wurde zwar festgestellt, dass Gott auf verschiedene Weise „Vater“ der Menschen genannt wird, aber nie auf eigentliche Weise, sondern immer nur so, dass Gott wie ein Vater für die Menschen ist und so, als ob er ihr Vater wäre, d.h. bisher wurde nur bildlich oder metaphorisch von Gottes Vaterschaft geredet.
Man kann also vielleicht Gott „Vater“ nennen, aber nicht auf eigentliche und wirkliche Weise, d.h. nicht im wörtlichen und begrifflichen Sinn, da man sonst das unfassbare Wesen Gottes mit menschlichen Worten und Begriffen begrenzen würde und ihm durch eine anthropomorphe Redeweise menschliche Eigenschaften zuweisen würde, wie z.B. Geschlechtlichkeit, Begrenztheit oder ungenügende Vaterbild-Projektionen usw., die ihn zum Geschöpf degradieren würden. Man würde also entweder Gott „vermenschlichen“ oder umgekehrt den Menschen - auf die Stufe Gottes erhebend - „vergöttlichen“, was beides nicht sein kann (wie später noch deutlicher erklärt wird). Was daraus folgt, ist evident: egal ob, egal wie und egal wann, Gott „Vater“ genannt wurde: die Gottesbezeichnung „Vater“ ist nur ein Bild (s. S. 7) und kein Begriff, seine
14 Dibelius Otto, Das Vaterunser - Umrisse zu einer Geschichte des Gebets in der alten und mittleren
Kirche, Giessen 1903, S. 61 (Künftig zitiert: Dibelius, Vaterunser.)
- 7 -„Vaterschaft“ ist nur bildlich zu verstehen und nicht wörtlich, d.h. ► die allgemeine „Gotteskindschaft“ der Menschen ist nur eine metaphorische und keine wirkliche. Gott kann zwar „Vater“ der Menschen genannt werden, ist es aber nicht wirklich, bzw. Menschen können zwar „Kinder Gottes“ heißen, aber nicht wirklich sein.
2.2 Die Sündhaftigkeit des Menschen
Der gerechte Gott kann auch nicht wirklich Vater der Sünder sein (vgl. Kap. 1.2.3): „Wenn demnach auch bei den Alten Gott den Namen ‚Vater’ erhält [...], so kann man doch dort den Begriff der sichern und unwandelbaren Sohnschaft nicht finden. Die oben angeführten Stellen 15 wenigstens lassen die als ‚Söhne’ bezeichneten als schuldig erscheinen. Denn nach dem Apostel ‚besteht, solange der Erbe unmündig ist, kein Unterschied zwischen ihm und einem Knechte...’“ 16 Origenes fragt hiermit: Wer ist ohne Sünde, dass er Gott bedenkenlos seinen Vater nennen darf? Noch die u.a. 17 vorher zitierte Stelle im Kopf: „‚Söhne habe ich gezeugt und erhöht, sie aber haben mich verworfen’ (Jes 1,2)“ 18 beurteilt Origenes die Frage so:
„So werden wir [...] Bedenken tragen, diese Bezeichnung vor ihn zu bringen, damit wir nicht etwa zu unseren übrigen Sünden auch von dem Vorwurf der Gottlosigkeit getroffen werden.“ 19 Vgl. „Das ist es gerade, was Israel zum Vorwurf gemacht wird und wofür der Geist Himmel und Erde zu Zeugen anruft, wenn er sagt: ‚Söhne habe ich gezeugt, und sie erkennen mich nicht an’ (Jes 1,2).“ 20 Wenn kein Mensch gerecht vor Gott ist, gilt also in Wirklichkeit das Verhältnis: ► Gott : Mensch = Gerechter : Ungerechter d.h.: Vater ≠ Kind = gerecht ≠ ungerecht
So drehen die Väter also den ganzen Spieß um und stellen folgende Gegenprämisse auf: ► Kein Sünder = Mensch darf Gott in Wirklichkeit „Vater“ nennen.
Mit diesen fundamentaltheologischen Erkenntnissen kann nun im dritten Kapitel die Ausgangsthese Berges, „das Vaterunser enthält keine originär christlichen Elemente“, endgültig widerlegt und zugleich das Neue und Revolutionäre im christlichen Verständnis der Vaterschaft Gottes verstanden werden.
15 Gemeint sind Stellen, die zum Teil mit den angeführten Stellen Bergers übereinstimmen. Auch die
anderen Stellen belegen nicht die sichere Sündenlosigkeit der „Söhne“.
16 Origenes, Vom Gebet. Zweiter Teil. Über das Vaterunser, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 48,
München 1926, S. 73 (Künftig zitiert als: Origenes, Vaterunser)
17 Er zitiert noch die ähnlichen Stellen: Dtn 32,18.20 und Mal 1,6.
18 Ebd., S. 72
19 Ebd., S. 74; Zum „Vorwurf der Gottlosigkeit“ siehe später besonders Kap. 3.1.
20 Tertullian, Über das Gebet, in: Bibliothek der Kirchenväter. Tertullians ausgewählte Schriften, Bd. 7,
München 1912, Kap. 2, S. 250 (Künftig zitiert: Tertullian, Gebet.)
- 8 - 3.Widerlegung der These
Jetzt kommt also der Scheidepunkt, wo sich sowohl das christliche und das jüdische Vaterschaftsverständnis Gottes, als auch die Wahrheit und die Falschheit der These Bergers scheiden, denn, wenn Berger so einfach sagt:
„Die Anrede ‚unser Vater’ ist hier nicht etwa für das Gottesverhältnis Jesu oder der Jünger typisch, sondern findet sich in jüdischen Gebetsformeln“ 21
ist das ein voreiliger Schluß, denn, mag es auch richtig sein, dass sich diese Anrede in jüdischen Gebetsformeln findet, heißt das nicht automatisch, dass sie nicht trotzdem typisch christlich wäre, denn Berger bedenkt nicht, dass es von fundamentaler Bedeutung ist, in welchem Sinn die Vateranrede Gottes gebraucht wird, weil sich gerade darin jüdischer Geist von christlichem Geist dramatisch scheidet, was die Frage, warum die Juden Jesus verurteilt haben, zeigt.
3.1 Warum wurde Jesus verurteilt?
Wenn die Gottesbezeichnung „Vater“ bei den Juden nicht untypisch gewesen ist und sie sich auch „Söhne Gottes“ nannten, warum haben sie dann über Jesus gesagt: „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben, weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat.“? (Joh 19,7)
Sich selbst „Sohn Gottes“ zu nennen war für die Juden plötzlich doch eine unerhörte Gotteslästerung. Warum? Worin besteht die Gotteslästerung?
„Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.“ 22 (Joh 10,33) Diese Gottlosigkeit maßten sich die Juden natürlich nicht an, sondern verurteilten sie „nach dem Gesetz“ mit dem Tode, denn als die Juden Gott „Vater“ nannten, war es keine Sünde und führte nicht zur Verurteilung, doch als Jesus es tat, schon, nur warum? Offenbar gab es also einen Unterschied, wie die Juden Gott „Vater“ nannten: „wir haben nur den einen Vater: Gott.“ (Joh 8,41) und wie Christus Gott „Vater“ nannte: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30)
Worin anders besteht also der Unterschied, wenn nicht darin, dass sich die Juden - Gott „Vater“ nennend - im Gegensatz zu Jesus nicht selbst zu „Göttern“ machten? „Deshalb nämlich wurden sie aufgebracht, weil sie fühlten, es könne nur da gesagt werden: ‚Ich und der Vater sind eins’, wo Gleichheit zwischen Vater und Sohn vorhanden ist.“ 23
21 Berger, Vaterunser, S. 1148
22 Für die Juden war klar, dass der Sohn Gottes auf selber Ebene mit Gott steht, was natürlich keinem
(sündhaftem) Menschen und Geschöpf zukommt.
- 9 -Nach dem jüdischen Gesetz darf man Gott also nicht im eigentlichen Sinn „Vater“ nennen, da man ihn sonst - sich selbst vergöttlichend - unermesslich lästern würde. Egal wann, egal wie und egal wie oft also in der jüdischen Frömmigkeit Gott „Abba, Vater“ genannt wurde, blieben für die Juden die göttl. und die menschl. Natur trotzdem zwei getrennte Naturen, für Jesus hingegen waren sie „eins“. Das war sein Todesurteil. Daraus folgt die sehr wichtige und grundlegende Erkenntnis: die Juden sprachen das „Vater (unser)“ nicht in demselben Sinn & Geist wie Jesus, d.h. ► Jesus gebrauchte die Gottesanrede „Abba, Vater“ in einem völlig neuen Sinn. 24
3.2 Neuer Sinn des Vaternamens
All die vorausgegangen Gedanken führen schließlich zu diesem Punkt; denn um verstehen zu können, in welchem Sinn die Gottesanrede „Vater“ von Jesus (und seinen Jüngern) gebraucht wurde, muss die alles entscheidende Frage geklärt werden: wer ist eigentlich Jesus Christus?
3.2.1 Wer ist Jesus Christus?
Jetzt ist also der Kern und das Herz der ganzen Frage erreicht: Gott ist Gott und der Mensch ist Mensch, zwischen dem Wesen Gottes und dem Wesen des Menschen besteht ein dermaßen großer Unterschied, dass Gott nicht Mensch und der Mensch nicht Gott sein kann, da sich die (ungeschaffene) Natur Gottes von der (geschaffenen) Natur des Menschen gänzlich unterscheidet. Also ist man entweder Gott oder Mensch. Wenn Jesus also behauptet, er sei der Sohn Gottes, welche Natur besitzt er dann, die menschliche oder die göttliche? Wenn er Gott ist, wie konnte er dann Mensch sein? Ist er aber Mensch, wie will er dann Gott sein?
3.2.1.1. Jesus Christus, der Sohn Gottes - Vater als Zeuger
Cyrill von Jerusalem antwortet so:
„In uneigentlichem Sinn ist Gott der Vater vieler, von Natur und in Wahrheit aber Vater nur eines einzigen, seines eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Nicht erst in der Zeit ist er Vater geworden, sondern immer ist er Vater des Eingeborenen.“ 25
23 Augustinus, Vorträge über das Evangelium des hl. Johannes, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 11,
München 1913, 48. Vortrag, Nr. 8, S. 299 (Künftig zitiert: Augustinus, Joh.-Ev..)
24 Damit ist der zweite Teil der These „Man darf, ja man muß von einem besonderen Gottesverständnis
Jesu sprechen, sollte dies aber nicht mit einem unjüdischen Gottesverständnis verwechseln.“ dogmatisch
unhaltbar. These in: Theologische Realenzyklopädie, Hg. Müller Gerhard, Bd. 34, Walter de Gryter -
Berlin - New York 2002, Artikel „Vaterunser“, Kap. I.3.1, S. 508
- 10 -Cyrill unterscheidet die Gottessohnschaft Christi ganz klar von allen anderen, denn Christus ist „von Natur aus“ und „in Wahrheit“ schon „immer“ der „einzige, eingeborene Sohn Gottes“. Das ist also der Unterschied zwischen Christus und allen Menschen auf Erden: er ist nicht wie alle Menschen von Gott als Geschöpf (aus dem Nichts) geschaffen, sondern vor aller Zeit von Gott selbst, d.h. aus der Natur des Vaters, gezeugt und in der Zeit Mensch geworden. Damit ist der Höhepunkt der Geschichte und die Vollendung der Zeit erreicht: zum ersten, einzigen und letzten Mal in der Geschichte der Menschheit zeugt Gott selbst mit einer Menschenfrau einen Sohn (vgl. Mt 1,18-25), Jesus Christus, Gott und Mensch zugleich (vgl. Phil 2,6). Das ist also das Neue, Revolutionäre und Originäre des christlichen Glaubens: Gott zeugt einen (Menschen-)Sohn bzw. „das ewige Wort Gottes wird Fleisch (= Mensch)“ (Joh 1,14). In der Tat, wer ist „Vater“ - im eigentlichen und wahrsten Sinne des Wortes -, wenn nicht der, der den Sohn selber gezeugt hat? Jesus und allen Menschen ist gemeinsam, dass ihre Mutter ein Mensch ist, aber der Unterschied ist: ► der Vater Jesu ist kein Mensch, sondern Gott selbst. Das ist unakzeptable Gotteslästerung für die Juden und
zugleich stolzes Heilsbekenntnis der Christen (vgl. Lk 2,34), ja, Das christliche Dogma schlechthin (vgl. Mt 16,16). Hier gilt also das Verhältnis: Gott : Christus = Zeuger : Gezeugter bzw.: Vater : Sohn = zeugen : gezeugt sein
Dieses Vater-Sohn-Verhältnis ist so einmalig, dass man hier zum 1. Mal im wahrsten und vollsten Sinne des Wortes von einer wirklichen, eigentlichen und natürlichen Gottessohnschaft sprechen darf und muss, zumal Christus als wahrer Gottessohn auch ohne Sünde war (vgl. Hebr 4,15).
Es gilt also: ► Jesus Christus ist der einzig-natürliche Sohn Gottes. Er kann Gott wirklich wörtlich Vater nennen - und nicht nur metaphorisch -, da Gott wirklich der ewige Vater und natürliche Zeuger Christi ist (und nicht sein Erschaffer). Aber grenzt die Vaterbezeichnung dann nicht den unfassbaren Gott ein? Da „Vater“ kein absoluter, sondern ein relativer Name ist, ist er eine Anrede und kein Wesensbegriff Gottes, der Gott definieren will, d.h. er drückt nicht aus, wer oder was Gott an sich ist, sondern drückt nur ein (innertrinitarisches) Verhältnis aus, d.h. wer Gott für Christus ist und wie er in Relation & Beziehung zu Jesus steht:
25 Cyrill von Jerusalem, VII. Katechese an die Täuflinge. Über den Vater, in: Bibliothek der Kirchenväter,
Bd. 41, München 1922, Kap. 5, S. 122 (Künftig zitiert: Cyrill, Vater.)
- 11 - „Dennin Bezug auf sich selbst ist der Vater Gott, in Bezug auf den Sohn ist er Vater; in Bezug auf sich selbst ist der Sohn Gott, in Bezug auf den Vater ist er Sohn.“ 26 Schön kommt dies zu Ausdruck, indem Jesus Gott bewusst den „himmlischen Vater“ nennt (z.B. Mt 6,26), um einerseits auszudrücken, dass Gott relational wirklich Vater (für Jesus & seine Jünger) ist, dabei aber absolut (an und für sich) „himmlisch“, d.h. unfassbar, bleibt:
„Nicht aus Leidenschaft ist er Vater geworden, nicht in Umarmung, nicht in Unwissenheit, nicht durch Emanation; nicht erlitt er eine Verminderung, nicht eine Veränderung. ‚Jedes vollkommene Geschenk nämlich kommt von oben, herabsteigend vom Vater der Lichter, bei welchem es keine Veränderung und nicht des Wechsels Umschattung gibt’ (Jak 1,17). Der vollkommene Vater hat den vollkommenen Sohn erzeugt“ 27
Die Väter halten also an der ewigen Zeugung & Sohnschaft Christi fest, ohne dass dadurch die „Vollkommenheit“ Gottes eine „Verminderung“ oder „Veränderung“ erleidet. Wenn Christus also Gott „Vater“ nennt, dann allein deshalb, weil (der personale) Gott ihn geboren und ihm sein göttliches Wesen verliehen hat. 28 In diesem natürlichen und eigentlichen Sinn hat also nie zuvor ein Mensch Gott „Vater“ genannt. Daher gilt: ► Die Gottesanrede „Abba, Vater“ war und ist (im wörtlichen Sinn) für Christus originär und typisch, da er allein wesensgleich mit Gott ist. 29 Damit stellt sich endlich die Frage: wenn Christus in diesem neuen Sinn Gott Vater nannte, in welchem taten es dann seine Jünger?
3.2.2 Die Christen, wiedergeborene „Kinder Gottes“
Im NT werden die Christen geradezu typisch „Kinder Gottes“ genannt. Doch auf welche Weise? Darüber waren sich alle Kirchenväter einig:
„wie Paulus in diesen Worten lehrt: ‚Denn ihr habt nicht empfangen einen Geist der Knechtschaft zur Furcht, sondern ihr habt empfangen einen Geist der Sohnschaft, in welchem wir rufen: Abba, Vater’ (Röm 8,15) und in dem Evangelium nach Johannes steht: ‚So viele ihn aber annahmen, denen hat er
26 Augustinus, Joh.-Ev., Bd. 5, 39. Vortrag, Nr. 3, S. 176
27 Cyrill, Vater, S. 122f.
28 Vgl. „Obwohl Gott jenseits der Geschlechterdifferenz steht, erfordert sein Personsein die Verwendung
geschlechtl. Kategorien, die aber zugleich gesprengt werden, weil Gott väterlich u. mütterlich zugleich ist
(vgl. DH 526: Mutterschoß des Vaters).“, in: LThK, Artikel „Vaterschaft Gottes“, Kap. III, S. 547
29 Vgl. J. Jeremias: „Damit stehen wir vor einem Tatbestand von allergrößter Bedeutung. Während es in
der jüdischen Gebetsliteratur keinen einzigen Beleg für die Anrede Gottes mit Abba gibt, hat Jesus Gott
(mit Ausnahme des Kreuzesrufes Mk. 15,34 par.) immer so angeredet. Wir haben es also mit einem völlig
eindeutigen Kennzeichen der ipsissima vox Jesu zu tun.“, in: Jeremias Joachim, Abba. Studien zur
neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte, Göttingen 1966, S. 59; Was Jeremias also auf
exegetischem Wege aufzuzeigen suchte, kann erst recht dogmatisch bewiesen werden, nämlich dass „die
Gottesanrede ‚Abba, Vater’“ aufgrund der Wesensgleichheit von Vater & Sohn „ein völlig eindeutiges
Kennzeichen der ipsissima vox Jesu“ ist.
- 12 - Vollmachtgegeben, Kinder Gottes zu werden, denen die an seinen Namen glauben.’ (Joh 1,12)“ 30 „welch reiche Fülle seiner Gnade und Güte gegen uns, daß er nicht nur wünschte, [...] daß wir Gott unseren Vater nennen, sondern daß auch wir ebensogut Söhne Gottes heißen, wie Christus Gottes Sohn ist!“ 31 „nun aber sind wir wiedergeboren durch die Taufe [...] Darum wagen wir, obwohl unwürdig, dennoch in der Erkenntnis seiner Taufe ihn im Gebet Vater zu nennen.“ 32 „Ein Ungetaufter kann ja doch Gott noch nicht seinen Vater nennen“ 33
Eine Sache ist klar: die Väter verstehen die Bezeichnung „Kinder Gottes“ nicht in einem alten, schon dagewesenem Sinn, sondern begründen sie v.a. durch den „Glauben“ an Christus, die „Taufe“ und die neutestamentliche (sakramentale) „Gnade“. Auf die These, dass im Vaterunser „weder von der Person Jesu noch von der durch ihn geschehenen Erlösung die Rede“ ist, hätten die Väter sehr wohl geantwortet: „Zu wem sagen wir: Vater unser? Zum Vater Christi. Wer also zum Vater Christi sagt: Vater unser, was sagt der zu Christus als eben: Unser Bruder?“ 34 „Es hebt an mit einem Zeugnis für Gott und einer Errungenschaft des Glaubens, wenn wir sagen: Vater, der du bist in den Himmeln. Denn wir beten damit Gott an und legen unsern Glauben dar, von welchem diese Anrede ein Ergebnis ist.“ 35 „Wer nämlich Gott den Namen Vater gibt, bekennt durch diese Anrede allein schon auch seinen Glauben an die Verzeihung der Sünde, Nachlaß der Strafe, Rechtschaffenheit, Heiligung, Erlösung, Gotteskindschaft, Erbschaft und Bruderschaft mit dem Eingeborenen, sowie die Gemeinschaft des Hl. Geistes. Es ist ja nicht möglich, Gott den Namen Vater zu geben, ohne all dieser Gnadengaben teilhaft geworden zu sein.“ 36
► Damit wird die Bezeichnung „Vater“ bzw. „Kinder Gottes“ bei den Kirchenvätern spezifisch und exklusiv (!) christlich verstanden, so dass das Vaterunser immer „Zeugnis“ & „Bekenntnis“ des christlichen Glaubens ist. Dabei ist aber ein Zweifaches zu beachten:
„Nicht deshalb, weil wir auf natürliche Weise vom himmlischen Vater erzeugt worden sind, nennen wir ihn Vater; sondern deshalb, weil wir durch seine väterliche Gnade unter Vermittlung seines Sohnes und des Hl. Geistes aus der Knechtschaft in die Sohnschaft erhoben worden sind, dürfen wir dank seiner unaussprechlichen Liebe so sprechen.“ 37
Es gibt nämlich einen eindeutigen Unterschied zwischen der Sohnschaft Christi und der Gotteskindschaft der Christen, weil die erstere eine „natürliche“ ist, die letztere aber eine infolge von „Gnade“ bzw. „Adoption“:
30 Origenes, Vaterunser, S. 73
31 Cyprian, Über das Gebet des Herrn, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 34, München 1918, S. 174
(Künftig zitiert: Cyprian, Gebet des Herrn.)
32 Magisterregel. „Erklärung des Herrengebetes“, in: Die Magisterregel, Einf. und Übers. Von K. Suso
Frank, St. Ottilien 1989, V. 10 (Künftig zitiert: Magisterregel.)
33 Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, in: Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 25, Kempten - München 1916, S. 10 (Künftig zitiert: Chrysostomus, Vaterunser.)
34 Augustinus, Joh.-Ev., Bd. 8, Vortrag 21, Nr. 3, S. 357
35 Tertullian, Vom Gebet, Kap. 2, S. 249f.
36 Chrysostomus, Vaterunser, S. 350
37 Cyrill, Vater, S. 124
- 13 - „Nichtsagte er: ‚Ich gehe zu meinem und eurem Vater’ (Joh 20,17), sondern er unterschied. Zuerst sagte er mit Bezug auf sich selbst ‚zu meinem Vater’, und da steht Vater im natürlichen Sinne. Dann fügte er bei ‚und zu eurem Vater’, und da steht Vater infolge Adoption“ 38 „Denn er ist der dem Vater gleiche Sohn, er ist ewig wie der Vater und gleichewig mit dem Vater; wir aber sind durch den Sohn ins Dasein getreten, durch den Eingeborenen an Kindes Statt angenommen worden.“ 39 Auch wenn die Christen also durch die Taufe (von Gott) „wiedergeboren“ werden, gilt der wichtige Unterschied, dass sie nicht „auf natürliche Weise erzeugt“, sondern durch „Gnade“ an Kindes Statt „durch den Eingeborenen“ in die Sohnschaft erhoben werden. Mit Christus als Mittler gilt also hier das Gottesverhältnis: Gott : Christus : Christ = Zeuger : natürlich Gezeugter : gnadenhaft „Gezeugter“ bzw. Vater : Sohn : „Kind“ = zeugen : natürl. gez. sein : gnad. „gez./ adoptiert“ sein ► Damit ist die Gotteskindschaft der Christen einerseits der göttl. Sohnschaft Christi ähnlich, aber andererseits klar von ihr unterschieden.
Wenn die Christen aber quasi nur „adoptiert“ werden, stellt sich letztendlich die große Frage, ob ihre „Gotteskindschaft“ auch nur eine metaphorische ist?
3.2.2.1. Ontologische Vaterschaft - Vater als geistiger Zeuger
Scheinbar ist die Gotteskindschaft der Christen doch keine wirkliche:
„Vater der Menschen ist Gott, wie gesagt, im uneigentlichen Sinne. Von Christus allein ist Gott der Vater der Natur nach und nicht durch Adoption. Vater der Menschen ist er in der Zeit, Vater Christi vor der Zeit“ 40
Doch daraus könnte man folgern, dass die Christen dann nur Kinder Gottes heißen, es aber nicht wirklich sind, was wiederum im Widerspruch zur Schrift stände:
„Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ (1. Joh 3,1)
Wie also haben die Kirchenväter das christliche Kind-Gottes-„sein“ verstanden? Was gehört denn wesentlich zum Begriff „Vater“ bzw. „Kind“? Wie schon oben erwähnt: die Zeugung; aber ebenso wichtig ist die Folge der Zeugung, nämlich die Fortpflanzung (der eigenen Natur), so zeugt z.B. der Mensch einen Menschen, ein Tier ein Tier und Gott logischerweise einen Gott. 41 Zum Begriff des wahren Kind-„seins“ gehört also auch der Besitz der Natur des Vaters bzw. die Wesensgleichheit mit ihm. Da die Christen aber von Gott „nur“ auf dem Wege der Gnade neu gezeugt werden, halten die Väter daran fest, dass sie dadurch nicht Gott (gleich) werden wie Christus. Christus
38 ebd.
39 Augustinus, Joh.-Ev., Bd. 8, Vortrag 21, Nr. 3, S. 357
40 Cyrill, Vater, S. 126
41 Vgl. Im Hebräischen nennt man Menschen „Kinder des Menschen“, Rinder „Kinder des Rindes“ und
Götter „Kinder des Gottes“, da logischerweise alle Kinder das sind, was ihr Zeuger ist.
- 14 -ist von Natur aus (ewiger) Gott, die Christen sind aber von Natur aus Geschöpfe. ► Daher sind die Christen nicht im „eigentlichen“ Sinn Kinder Gottes, weil sie Geschöpfe sind und damit nicht die göttliche (ungeschaffene, ewige) Natur besitzen. Aber, obwohl die Väter die Häresie der Wesensgleichheit von Gott und Christ zwar entschieden ablehnen, verkünden sie umso lauter ihre neue Wesensvereinigung: „Wovor soll man denn mehr zittern: dass Gott sich der Erde schenkt oder dass er uns den Himmel schenkt? dass er selbst eintritt in die Gemeinschaft unseres Fleisches oder dass er uns eintreten läßt in die Gemeinschaft der Gottheit?“ 42 „‚Mein Vater’, sagte er, und ‚euer Vater’; er sagte nicht: unser Vater. Er verbindet so, daß er unterscheidet; er unterscheidet so, daß er nicht trennt. Eins sollten wir nach seinem Willen sein in ihm, eins aber der Vater und er.“ 43 Wie ist also diese neue und geheimnisvolle Vereinigung & Gemeinschaft mit Gott zu verstehen, die zugleich „unterschieden und ungetrennt“ von Christus ist? „Denn mit welchen er selbst keine Gemeinschaft macht, denen wird eine Art von göttlicher Ehre und Macht und sozusagen ein Ausfluß der Gottheit zuteil.“ 44 „solche Liebe gewährt nur Gott, und zwar als freies Geschenk und allein durch den Mittler zwischen Gott und den Menschen, durch den Menschen Christus Jesus, der unseres sterblichen Daseins teilhaft geworden ist, um uns seiner Gottheit teilhaft zu machen.“ 45
Des großen Rätsels Lösung liefert uns das Schlüsselwort der „Teilhabe an Gott“ [sog. „participatio dei“]. Die Christen bekommen durch und in Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. 1. Tim 2,5), Anteil an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1,4) und werden durch seinen Geist quasi „vergöttlicht“:
„Ferner wird gesagt, daß wir alle durch den Geist an Gott teilhaben […] Wenn wir aber durch die Teilnahme am Geiste der göttlichen Natur teilhaft werden, so kann nur ein Wahnsinniger behaupten, dem Geiste eigne eine geschaffene Natur, aber nicht die Natur Gottes. Deshalb werden ja jene, zu denen er kommt, vergöttlicht.“ 46 Vgl. „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18)
Christus ist also Sohn Gottes und Gott im Vollsinn des Wortes, da er und der Vater von Natur aus eins sind und er damit die göttl. Natur wesenhaft (in Fülle) besitzt (vgl. Kol 1.19 + 2,9), d.h. er ist Gott gleich [„homoousios“]; da die Christen aber durch die Taufe „nur“ mit Gott vereint werden und durch den hl. Geist „nur“ Anteil an seiner göttl.
42 Petrus Chrysologus, Vorträge über das Matthäus-Evangelium. Über das Vaterunser, in: Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 43, München 1923, 12. Vortrag, S. 76
43 Augustinus, Joh.-Ev., Bd. 8, Vortrag 21, Nr. 3, S. 357
44 Origenes, Vaterunser, S. 81; mit „keine Gemeinschaft“ ist der von Origenes kurz vorher zitierte
Unterschied „der Wesenheit Gottes von allen Geschöpfen“ gemeint.
45 Augustinus, der Gottesstaat, in: Bibliothek der Kirchenväter. Bd. 28, Kempten - München 1916, 21.
Buch, Nr. 16, S. 392f. (Künftig zitiert: Augustinus, Gottesstaat.)
46 Athanasius, Vier Briefe an Serapion, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 13, Kempten - München
1913; 1. Brief, Nr. 24, S. 436f. (Künftig zitiert: Athanasius, Ausgewählte Schriften.)
- 15 -Natur & Herrlichkeit erhalten, sind sie zwar nicht vollkommene „Söhne & Götter“ wie Christus, aber da sie es eben teilweise sind, „sind“ sie es teilweise wirklich, d.h. ► sie werden zum Teil „vergöttlicht“ = „Gott ähnlich“ [„homoiousios“], da ihnen Anteil an der ungeschaffenen und göttlichen Natur ihres neuen Vaters verliehen wird. So gilt exemplarisch, was Maria Barbara von Stritzky über Origenes schreibt: „Die Gedanken des Origenes zur Vaterunseranrede kreisen um den Begriff der Sohnschaft, d.h. um das Verhältnis des Menschen zu Gott, dass seit der Ankunft Christi eine neue Qualität besitzt. Durch seine Menschwerdung ist Jesus Christus, der wahre Mittler […] in die Geschichte eingetreten, der den Abstand zwischen Gott und seinen Geschöpfen nicht aufhebt, aber ihn überbrückt.“ 47 „Adoption“ und „Wiedergeburt aus Gott“ sind also keine bloßen Metaphern, Symbole und Zeichen, sondern eine geistige Wirklichkeit, die eine ontologische, d.h. seins- und wesenhafte, Verbindung der Christen mit Gott und eine geistig-anthropologische Verwandlung in ihnen bewirkt, so dass ihr Gottesverhältnis eine völlig „neue [göttliche] Qualität“ bekommt, da Gott in der Taufe auf übernatürliche Weise den natürlichen Abstand zwischen sich und den Getauften „überbrückt“ 48 , indem er seinen „unvergänglichen Samen“ (vgl. 1 Petr 1,23) in ihre Herzen „pflanzt“ (vgl. Jak 1,21) und ihnen dadurch einen neuen Geist verleiht (vgl. Ez 36,26f.), der sie zu „Kindern Gottes“ macht:
„Vor allem, heißt es, müßt ihr wissen, was ihr wart und geworden seid und welch große Gabe ihr von Gott bekommen habt. […] viel mehr als das, was je den Menschen vor euch zuteil geworden ist. […] weit erhabener als das, was im Gesetz des Mose an Lebensregel enthalten ist […] Ihr aber habt die Gnade des Heiligen Geistes empfangen […] aufgrund dessen ihr der Annahme an Sohnes Statt gewürdigt wurdet.“ 49 Vgl. „Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.“ (Gal 4,6)
Der ontologische, anthropologische und theologische Unterschied nach der geistigen Wiedergeburt der Christen ist also, dass Gott nicht mehr wie ihr Vater ist, sondern dass er danach wirklich ihr geistiger Vater ist, weil nicht mehr ihr menschlicher Geist „Abba, Vater“ ruft, sondern der neue und göttliche „Geist seines Sohnes“ in ihnen. ► Damit sprechen die Jünger Jesu das „Vater (unser)“ - im wahrsten Sinne des Wortes - im
47 Von Stritzky, frühchristl. Vaterunser, S. 140
48 Entweder ist man Gott oder man ist es nicht, man kann nicht Gott werden, da nur der Gott ist, wer ewig
(Gott) ist, d.h. Gott kann nicht den (wesentlichen) Unterschied zwischen sich und seinen Geschöpfen
„aufheben“, indem er ihnen einfach die Fülle seiner ewigen Natur verleiht, so dass sie Gott gleich
würden; aber er kann ihn „überbrücken“, indem er ihnen Anteil an seiner Gottheit verleiht, so dass sie
dadurch zwar nicht Gott, aber „vergöttlicht“ und Gott ähnliche „Kinder“ Gottes werden.
49 Theodor von Mopsuestia, Homilie über das Gebet des Herrn, in: Theodor von Mopsuestia.
Katechetische Homilien, Bd. 2, in: Fontes Christiani, Hg. u.a. Brox Norbert, Bd. 17/2, Freiburg u.a. 1995,
S. 305f. (Künftig zitiert: Th. v. Mopsuestia, Gebet des Herrn.)
- 16 - selbenGeist & Sinn 50 wie der „Gottmensch“ Jesus, da nun auch sie - aus Gott geboren
- die göttliche Natur und den Geist der Sohnschaft (teilweise) besitzen. ► Die christliche Gotteskindschaft besteht also in der Wesensgleichheit mit Gott [Haupt Christi] bzw. in der Wesensähnlichkeit mit ihm [Leib Christi], die der (natürlichen bzw. geistigen) Zeugung aus Gott entspringt.
Wenn der hl. Cyrill also sagt, dass Menschen im „uneigentlichen“ Sinn Kinder Gottes sind, dann meint er damit nicht, dass die Christen es gar nicht sind, sondern nur, dass sie es nicht im natürlichen und vollkommenen Sinn sind, da sie es durch Gnade & Teilhabe sind. ► Für die Kirchenväter heißt also „Kind-Gottes-sein“: „Übernatürliche und gnadenhafte Teilhabe am natürlichen Kind-Gottes-sein Christi“. 51 ► Daher ist ihr neues Gottesverhältnis also teilweise (!) eine eigentliche, wirkliche und ontologische Gotteskindschaft (und nicht eine rein metaphorische). Gott heißt damit nicht nur im metaphorischen Sinn „Vater“ der Christen, sondern ist es auch (zum Teil) wirklich im ontologischen bzw. wörtlichen Sinn, da Gott geistiger = himmlischer Vater & Zeuger der Christen ist. Das ist das Große und Gewaltige an Gottes Gnade & Liebe:
„Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ (1. Joh 3,1)
Ohne die Inkarnation Christi (und die Taufe) ist die neue und wahre Vaterschaft Gottes also undenkbar, da sie das Unmögliche möglich gemacht hat:
„dem Worte Gottes, Jesu Christo, unserm Herrn, der wegen seiner unendlichen Liebe das, was wir sind, geworden ist, damit er uns vollkommen zu dem mache, was er ist“ 52 „Er ist also nicht, da er Mensch war, später Gott geworden, sondern da er Gott war, später Mensch geworden, um vielmehr uns zu Göttern zu machen.“ 53
Nachdem nun geklärt worden ist, dass das Vater-Sohn-Verhältnis von Gott zu Christ kein metaphorisches, sondern ein geistig-ontologisches ist, spricht gegen die wörtliche Auffassung dieser Gotteskindschaft nur noch die Sündhaftigkeit des Menschen.
50 Sofern man mit „Sinn“ nicht den Unterschied von Natur und Gnade bzw. Fülle und Teilhabe, sondern
Gottes Vaterschaft als (ontologischer) Zeuger meint (im Ggs. zu Schöpfer, Liebender, usw.).
51 Vgl. „Die Vaterschaft Gottes für den Menschen ist christologisch vermittelt: ihnen ist Gott Vater
aufgrund ihrer - in der Schöpfung begründeten u. in der Geschichte realisierten - Teilhabe am Sohn.“, in:
LThK, Artikel „Vaterschaft Gottes“, Kap. III, S. 547
52 Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 3, Kempten - München
1912, Buch 5, Vorrede, S. 152
53 Athanasius, Ausgewählte Schriften, Vier Reden gegen die Arianer, 1. Rede, Nr. 39, S. 74; Vgl. Ps 82,6:
„Wohl habe ich gesagt: Ihr seid Götter, ihr alle seid Söhne des Höchsten.“ ► „Söhne“ durch Zeugung,
„Götter“ durch Fortpflanzung (bzw. Teilhabe an) der göttlichen Natur.
Aber auch darin unterscheiden sich die getauften Christen von den anderen Menschen: „Ebensowenig kann ein sündhaftes Volk ein Sohn Gottes sein, sondern nur denen, die Vergebung der Sünden erhalten, wird die Bezeichnung „Söhne“ beigelegt.“ 54 „Ein Ungetaufter kann ja doch Gott noch nicht seinen Vater nennen“ 55 „Und aus dem katholischen Briefe des Johannes haben wir über ‚die aus Gott Gezeugten’ gelernt, daß wegen dieses ‚Geistes der Sohnschaft’ ‚jeder der aus Gott gezeugt ist, nicht Sünde tut, weil dessen Same in ihm bleibt; und daß er nicht sündigen kann, weil er aus Gott gezeugt ist’ (1 Joh 3,9).“ 56 „Denn es ist ein Unterschied: Gott sein und an Gott teilhaben. Gott kann von Natur aus nicht sündigen; wer an Gott teilhat, dem ist es von Gott verliehen, nicht sündigen zu können.“ 57
Da die Christen also durch die Taufe die „Vergebung der Sünden“ erhalten und ihnen der „Geist der Sohnschaft“ verliehen wird, der sie „an Gott teilhaben“ lässt, damit sie als wahre Gotteskinder „nicht (mehr) sündigen können“ 58 , ► dürfen alle Getauften wirklich Gott Vater nennen, da sie durch Gottes Gnade gerechtfertigt und geheiligt wurden (und damit Gott in ihrer neuen Unschuld & Gerechtigkeit ähneln).
Hier gilt also das neue Verhältnis: Gott : Christ = Gerechter : Gerechtfertigter bzw. Vater : Kind = gerecht sein : gerechtfertigt sein
Dies gilt natürlich nur unter einer Bedingung, die alle Väter einmütig 59 stellen, nämlich, dass alle, die Kinder Gottes heißen, sich auch wie Kinder Gottes benehmen müssen, um ihre Gotteskindschaft & Gottähnlichkeit nicht wieder zu verlieren, denn: „Ein wahrer Sohn ist ja der, der nicht nur im Aussehen, sondern auch in seinem ganzen Verhalten dem Vater gleicht.“ 60
„Gotteskindwerdung“ und „Vergöttlichung“ meint also nicht nur eine statische Geburt aus Gott und eine ontologische Wesensvereinigung mit ihm, sondern genauso eine moralische Reinigung & Heiligung des Menschen, bei der der freie Wille des Menschen aktiv mit der Gnade Gottes mitwirkt, so dass der Christ nicht nur im „Aussehen“ Gott ähnelt [= Wesenseinheit], sondern auch im moralischen „Verhalten“ [= Willenseinheit]. Je reiner und heiliger also das Kind, desto mehr wird Gott sein Vater. „Kind-Gottes- sein“ bedeutetalso zutiefst „heilig-sein“:
54 Cyprian, Gebet des Herrn, Nr. 10, S. 174
55 Chrysostomus, Vaterunser, S. 355
56 Origenes, Vaterunser, Nr. 2, S. 73
57 Augustinus, Gottesstaat, 22. Buch, Kap. 30, S. 519
58 Das heißt nicht, dass alle Christen nach der Taufe nie wieder sündigen können, sondern dass Gott ihnen
die Gnade schenkt, durch die (zunehmende) Teilhabe an ihm (so heilig) zu werden wie er, der nicht
sündigen kann (vgl. Jak 1,13). ► Vgl. Joh 1,12: Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder
Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des
Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“
59 Belege hierfür anzuführen, ist weder notwendig, noch möglich, da sie unzählig sind.
60 Magisterregel, V.14
- 18 - „Dochdiese in der Taufe geschenkte Gottebenbildlichkeit, die Origenes mit der Sohnschaft identifiziert, ist keine statische Größe, kein unverlierbarer Besitz, sondern bedarf der ständigen Erneuerung des Sinnes und der Verähnlichung mit Christus, dem Logos Gottes […] Dieser Prozeß der Verähnlichung mit Christus ist nicht allein das Ergebnis der Bemühungen der Gläubigen, sondern in dem Maße, in denen Christus in ihnen Raum gewinnt, ist er es, der ihre Taten und Gedanken gestaltet, so daß der Same des Bösen in ihnen verschwindet und sie Kinder Gottes werden.“ 61 ► Erst im ganzheitlichen Miteinander der ontologisch-moralischen Wesens- und Willensvereinigung wird Gott wirklich Vater der Christen wie er auch Vater Christi ist. Dieser „Prozess“ der Gotteskindwerdung, der in der Taufe anfing und durch die ganzheitliche „Verähnlichung mit Christus“ 62 wächst, wird schließlich und endgültig eschatologisch vollendet:
„Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird“ (1 Joh 3,2) So wird dem Vaterunser letzten Endes doch ein neuer, spezifisch christlicher „Stempel“, d.h. Sinn und Zweck, aufgedrückt, wie Otto Dibelius schließlich schreibt: „Aber auch das andere, das Erfülltsein mit geheimnisvoll wirkenden Kräften, wurde vom Vaterunser ausgesagt. Es hebt den Menschen zu Gott empor, wandelt die menschliche Natur in die göttliche; es hilft in besonderer Weise mit zu dem großen Werke der Vergottung, die den eigentlichen Inhalt des Christentums bildet.“ 63
Damit dürfte nun hinreichend dargelegt worden sein, dass die These Berges so einfach und undifferenziert nicht haltbar ist, denn aufgrund der „Vergöttlichung“ der Christen kann und muss man richtigerweise sagen: ► Die Vaterbezeichnung Gottes ist typisch und spezifisch christlich, sofern sie nicht bildlich, sondern wirklich gemeint ist: „da nämlich die, die sich durch den Geist Gottes führen lassen, Söhne Gottes sind, jene hingegen, die unter dem Gesetz sind, den bloßen Namen ‚Söhne’ erhalten haben“ 64
61 Von Stritzky, frühchristl. Vaterunser, S. 139
62 Im Rahmen dieser Arbeit kann leider nicht mehr auf die wesentliche Rolle der Eucharistie (und aller
Sakramente) für die vollkommene Verähnlichung & Vereinigung mit Christus eingegangen werden.
Daher stellt die Auslegung der Vaterunserbitte „unser tägliches Brot gib uns heute“, die von den
Kirchenvätern nicht selten auf die hl. Eucharistie bezogen wurde, im Kontext der „Vergöttlichung“ des
Menschen einen äußerst interessanten und weiterführenden Ausblick dar, der dem ganzen Vaterunser
nochmal eine tiefere, innere und christozentrische Sinnverbundenheit verleihen könnte.
63 Dibelius, Vaterunser, S. 63; (Er verweist bei diesem Zitat besonders auf Gregor v. Nyssa und Maximus
Konfessor.)
64 Th. v. Mopsuestia, Gebet des Herrn, S. 306
- 19 - C)Schluss
I. Tabellarische Zusammenfassung
Tabellarisch zusammengefasst kann man das Ergebnis in etwa so veranschaulichen:
II. Fazit
Auch wenn Gott schon im AT „Vater“ genannt wurde, gewinnt dieser Name im NT eine völlig neue Bedeutung, denn die vor-bildliche Gotteskindschaft Israels wurde durch das Erlösungswerk Christi für das neue, katholische Volk Gottes Wirklichkeit, da die Kinder Adams wegen ihrer Geschöpflichkeit und Sündhaftigkeit nur „Kinder Gottes“ hießen, es aber durch die Wiedergeburt aus Gott wirklich wurden, da Gott den trennenden Abstand zwischen sich und ihnen gnadenvoll „überbrückte“, indem er ihnen Anteil an der göttlichen Natur & Gerechtigkeit seines eingeborenen Sohnes schenkte und sie an Kindes Statt in seine Sohnschaft aufnahm, so dass sie als neugeborene Gotteskinder mit neuem, göttlichem Geist zu Gott „Abba, Vater“ rufen. Da Gott damit auf neue und übernatürliche Weise wirklich geistiger Zeuger & himmlischer Vater der Christen geworden ist (und nicht mehr nur so wie ein Vater für sie ist), ist diese Anrede (und das Vaterunser) also typisch christlich, da sie immer ein Zeugnis und Bekenntnis des christlichen Glaubens und ein Lobpreis der göttlich- und heiligmachenden Gnade des Evangeliums ist.
Somit wird auf so glückliche Weise einerseits die Kontinuität von AT und NT gewahrt [Gottes bleibende Vaterschaft] und gleichzeitig das Neue und Erfüllende des NT zur
65 Natürlich kann man nicht in jeder Hinsicht diejenigen, die nur Kinder Gottes heißen (z.B. die
geistbegabten Propheten des AT) von denen schwarz-weiß trennen, die Kinder Gottes sind, aber es sollen
zumindest wichtige Eckpunkte und Kanten markiert werden (z.B. Inkarnation & Taufe), die allgemeine,
objektive und grundlegende Unterscheidungskriterien für das christliche Vaterschaftsverständnis Gottes
bieten. (Vgl. 1 Petr 1,10: „Nach diesem Heil haben die Propheten gesucht und geforscht und sie haben
über die Gnade geweissagt, die für euch bestimmt ist.“)
- 20 -Geltung gebracht [metaphorische Vaterschaft wird ontologische], da hier der wunderbare Sprung geschieht von „Wort zu Fleisch“, von Natur zu Gnade und von Mensch zu Gott.
Es ist also kein Wunder, dass die Vollendung der heilsgeschichtlichen Gottes-Offenbarung kein absoluter, sondern ein relativer Gottesname ist, da es Gott nicht darum geht, sich isoliert von den Menschen zu offenbaren, sondern sich in ihnen selbst mitzu-teilen 66 und sie in eine neue, viel tiefere, ja innertrinitarische Beziehung mit sich zu führen, um sie so seinem ewigen Sohn völlig gleichzugestalten und zu verähnlichen, so dass die Gläubigen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt im Sohn teilweise selbst „Söhne“ und in Gott teilweise selbst „Götter“ werden, so wie auch Mose „Licht“ wurde 67 , als er Gottes Herrlichkeit schaute (Ex 34,29). So leuchtet mit übergroßem Licht auf, was der Endzweck der Gotteskindwerdung und der eigentliche, letzte und tiefste Sinn der ewigen Liebe Gottes & seiner neuen und wahren Vaterschaft ist: „Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit.“ (Joh 17,22-23)
III. Neue Gegenthese: „Keiner kann sagen ‚Vater’, außer im Glauben.“ Kein Mensch kann Gott im eigentlichen Sinn „Vater“ nennen, da er sich damit selbst vergöttlichen und Gott zutiefst lästern würde. Allein Jesus Christus, der wahre, ungeschaffene und ewige Sohn Gottes, kann ihn wegen seiner Wesensgleichheit so nennen. Da die Menschen also nur durch die gnadenhafte Wesens- und Willensvereinigung mit Christus Anteil an seiner göttlichen Natur erhalten können, kann kein Mensch wirklich Kind Gottes sein, außer durch und in Christus: „niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14,6)
Daher gilt die neue Gegenthese: ► „Keiner kann Gott wirklich „Abba, Vater“ nennen, außer im Glauben an Jesus Christus.“ Amen.
66 Vgl. Vulgata: „Et Verbum […] habitavit in nobis“ = „Und das Wort […] hat in uns gewohnt“ (Joh 1,14)
Auch Fortpflanzung kann als Mit-teilung der eigenen Natur verstanden werden und die Eucharistie als
Mit-teilung der göttlichen Natur.
67 Vgl. Ps 34,6: „Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten“
- Athanasius, a) Vier Briefe an Serapion, b) Vier Reden gegen die Arianer,
in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 13, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. -Weyman K., Kempten - München 1913 - Augustinus,
a) der Gottesstaat, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 28, Hg. Bardenhewer O. -Schermann Th. - Weyman K., Kempten - München 1916 b) Vorträge über das Evangelium des hl. Johannes, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 8.11, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. - Weyman K., München 1913
- Cyprian, Über das Gebet des Herrn, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 34, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. - Weyman K., München 1918 - Cyrill von Jerusalem, VII. Katechese an die Täuflinge. Über den Vater, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 41, Hg. Bardenhewer O. - Weyman K. -Zellinger J., München 1922
- Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien, in: Bibliothek der Kirchenväter. Des heiligen Irenäus ausgewählte Schriften, Bd. 3, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. - Weyman K., Kempten - München 1912
- Johannes Chrysostomus, Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 25, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. -Weyman K., Kempten - München 1916
- Origenes, Vom Gebet. Zweiter Teil. Über das Vaterunser, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 48, Hg. Bardenhewer O. - Weyman K. - Zellinger J., München 1926 - Petrus Chrysologus,
a) Über das Gebet des Herrn, in: Quellen geistlichen Lebens: die Zeit der Väter, Bd. 1, Hg. Geerlings Wilhelm - Greshake Gisbert, Mainz 1980 b) Vorträge über das Matthäus-Evangelium. Über das Vaterunser, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 43, Hg. Bardenhewer O. - Weyman K. - Zellinger J., München 1923
- 22 -- Tertullian, Über das Gebet, in: Bibliothek der Kirchenväter. Tertullians ausgewählte Schriften, Bd. 7, Hg. Bardenhewer O. - Schermann Th. - Weyman K., München 1912
- Theodor von Mopsuestia, Homilie über das Gebet des Herrn, in: Fontes Christiani, Bd. 17/2, Theodor von Mopsuestia. Katechetische Homilien, Bd. 2, Hg. Brox Norbert - Wilhelm Geerlings - Gisbert Greshake - Rainer Ilgner -Rudolf Schieffer, Freiburg - Basel - Wien - Barcelona - Rom - New York 1995
II. Sekundärquellen
- Berger Klaus, Artikel „Vaterunser“, in: Sacramentum mundi. Theologisches Lexikon für die Praxis, Bd. 4, Freiburg - Basel - Wien 1969 - Dibelius Otto, Das Vaterunser - Umrisse zu einer Geschichte des Gebets in der alten und mittleren Kirche, Giessen 1903
- Jeremias Joachim, Abba. Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte, Göttingen 1966
- Von Stritzky Maria-Barbara, Studien zur Überlieferung und Interpretation des Vaterunsers in der frühchristlichen Literatur, in: Münsterische Beiträge zur Theologie, Bd. 57, Hg. Kötting Bernhard - Schüller Bruno, Münster 1989
III. Hilfsmittel
- Theologische Realenzyklopädie, Hg. Gerhard Müller, Bd. 34, Walter de Gryter -Berlin - New York 2002
- Lexikon für Theologie und Kirche, Hg. Kasper Walter u.a., Bd. 10, Freiburg - Basel - Rom - Wien 2001
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