Im Überblick ist die Epoche der Frühen Neuzeit eine facettenreiche Zeit,
in der mittelalterliche Weltvorstellungen verabschiedet und das
aufsteigende Zeitalter der Moderne begrüßt wurde1. Reich an
unterschiedlichsten Persönlichkeiten, wie Luther, Wallenstein oder
Goethe, die ebenso am geistigen Auge vorbeiziehen, wie die
Gesellschaften der Renaissance, des Barock und der Aufklärung.
Andererseits natürlich auch weniger glanzvolle Schicksale vieler
Menschen, die der Hexenverfolgung zum Opfer fielen oder derjenigen,
die die permanente Anwesenheit des Todes hinsichtlich Krieg, Seuchen
und Ressourcenknappheit, bei dem Kampf um ihre Existenz, zu spüren
bekamen. 2
Die Veränderungen der geistigen Werte im Abendland, durch den
Humanismus eingeleitet, im Reformationszeitalter vollendet und mit Hilfe
des erweiterten geographischen Weltbildes beschleunigt, vollzieht sich in
einem Tempo, “das nur vergleichbar erscheint mit der technischen
Entwicklung unseres atomaren Zeitalters.”3
Angesichts der Flut von Ereignissen, in den dreihundert Jahren
Geschichte, scheint es verständlich, dass “das Gesicht Europas
um1790[...] aus dem Grunde verschieden ist von seinem Gesicht um
1510, so fehlt es der Summe der Kapitel doch nicht an innerer Einheit.”4
Es stellt sich die Frage, wie die Wandlungen im staatlich- politischen
Sektor, der Wirtschaft und Kultur und vor allem jene geistliche Wende auch das Weltbild und das Alltagsverhalten der gemeinen Bevölkerung
veränderte. [...]
1 Vgl.: F. Merzbacher: Europa im 15. Jahrhundert. In: G. Mann / A. Nietschke (Hg.): Propyläen
Weltgeschichte (Bd. 6). Berlin/ Frankfurt a. Main 1986. S.373-428.
2 Vgl.: P. Burgard: Vorwort. in: P. Burgard (Hg.):Die Frühe Neuzeit. München 1997. S. 9-14.
3 Vgl.: H. Pleticha: Entdeckungen- Sklaven- Neuer Fernhandel. In: H. Pleticha (Hg.): Entdecker und
Reformatoren. Die Welt im 16. Jahrhundert. Gütersloh 1989,.S.47.
4 Vgl.: G. Mann: Einleitung. In: G. Mann / A. Nietschke: Propyläen Weltgeschichte (Bd.7). Berlin /
Frankfurt a. Main 1986. S.13.
Gliederung
1. Einleitung
2. Geselligkeits- und Freizeitformen in der Frühen Neuzeit
3. Der Umgang mit Körperabnormitäten
4. Erscheinungsformen von Riesen und Zwergen in der Frühen Neuzeit
5. Resümee
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Rolle und Bedeutung von Körpersensationen, insbesondere von Riesen und Zwergen, im Kontext der Freizeitgestaltung und Volkskultur Sachsens in der Frühen Neuzeit, um aufzuzeigen, wie der Umgang mit dem „Fremden“ und Abnormen zur Identitätsbildung und sozialen Distanzierung beitrug.
- Freizeitverhalten und Geselligkeitsformen in der Frühen Neuzeit
- Die historische Bedeutung von Körperabnormitäten als kulturelle Zeichenträger
- Die Inszenierung und Wahrnehmung von Riesen und Zwergen in Jahrmärkten und Schaubuden
- Soziale Funktionen von „Fremdheit“ und voyeuristischem Verhalten
- Wandlungsprozesse der Schaustellungen unter dem Einfluss der Aufklärung
Auszug aus dem Buch
Erscheinungsformen von Riesen und Zwergen in der Frühen Neuzeit
Die Körpergröße ist beim Menschen, wie viele biologische Werte, von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Die Verteilung, der einzelnen Werte stellt eine glockenförmige Kurve dar und entspricht der sogenannten Normalverteilung. Die Grenze zwischen klein- und großwüchsig ist also relativ und von der jeweiligen Durchschnittsgröße abhängig. In der Praxis wird heute für Normalwüchsige eine Spanne zwischen 1,50 m- und 1,90m bei Erwachsenen gesetzt. Männer sind im Durchschnitt 10 cm größer als Frauen. Zu Beginn der Frühen Neuzeit lag die durchschnittliche Körpergröße bei Männern bei 1,50m, was heute schon als Kleinwüchsigkeit gilt.
Die Bezeichnungen „Riesen“ und „Zwerge“ bezog sich also auf Groß und Kleinwüchsige, deren Körpergröße von der Norm extrem abwich. Daraus wird deutlich, dass erst der Vergleich oder die Norm ein Extrem machen. Die Relation bestimmt was klein oder groß ist.
In der Frühen Neuzeit gab es verschiedene Erscheinungsformen von Riesen und Zwergen. So waren sie geschätzt als Hofzwerge, im seltenen Fall auch als Hofriesen, an europäischen Adelshäusern oder Attraktion bei Schaustellungen von Körperabnormitäten in Schaubuden, Panoptiken oder Spezialitätenkabinetten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Epoche der Frühen Neuzeit als eine Zeit tiefgreifender geistiger und gesellschaftlicher Umbrüche, die auch das Alltagsverhalten und die Wahrnehmung von Körpern maßgeblich beeinflussten.
2. Geselligkeits- und Freizeitformen in der Frühen Neuzeit: Das Kapitel analysiert den Wandel des Freizeitverständnisses und die soziale Spannung zwischen traditionellen Jahrmarktvergnügungen der Volkskultur und den aufkommenden Idealen der bürgerlichen Privatsphäre.
3. Der Umgang mit Körperabnormitäten: Hier wird untersucht, wie die Zurschaustellung körperlich abweichender Menschen zur kulturellen Identitätsbildung beitrug und als Sublimierung gesellschaftlicher Aggressionen fungierte.
4. Erscheinungsformen von Riesen und Zwergen in der Frühen Neuzeit: Dieses Kapitel betrachtet die spezifische Rolle von Klein- und Großwüchsigen als Hofzwerge oder Jahrmarktsattraktionen und zeigt die Ambivalenz zwischen Verniedlichung und Ausbeutung auf.
5. Resümee: Die Zusammenfassung resümiert, dass Jahrmärkte und Wirtshäuser wichtige Orte für den Ausgleich von Alltagsmühen waren und dass das Interesse an Körpersensationen trotz der „Läuterung“ durch die Aufklärung medizinisch-belehrende neue Formen fand.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Frühe Neuzeit, Freizeitgeschichte, Jahrmarkt, Körpersensationen, Körperabnormitäten, Hofzwerge, Riesen, Volkskultur, Voyeurismus, Identitätsbildung, Aufklärung, Schaustellungen, Sozialgeschichte, Mentalitätswandel, Fremdheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Unterhaltungs- und Freizeitgeschichte in Sachsen während der Frühen Neuzeit und der spezifischen Rolle, die zur Schau gestellte „Körpersensationen“ dabei spielten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Geselligkeitsformen, der Konstruktion des „Anderen“ durch Körperabnormitäten sowie der Inszenierung von Riesen und Zwergen.
Was ist das Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den historischen Umgang mit abweichenden Körpern im Kontext kultureller Identitätsbildung und der Veränderung des Publikumsverhaltens zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kultur- und sozialgeschichtliche Untersuchung, die auf der Analyse zeitgenössischer Quellen und kulturwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet den Mentalitätswandel, die Funktion des Jahrmarktes als Schauplatz für Sensationen sowie die soziokulturelle Bedeutung von Riesen und Zwergen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Körperabnormitäten, Frühe Neuzeit, Volkskultur, Voyeurismus und die Konstruktion des Fremden.
Warum wurden Hofzwerge an Adelshäusern geschätzt?
Hofzwerge dienten der Belustigung, besaßen durch ihre „kindliche“ Ausstrahlung eine gewisse Narrenfreiheit und konnten aufgrund ihrer Sonderrolle oft diskrete Funktionen in der höfischen Gesellschaft wahrnehmen.
Wie veränderte die Aufklärung die Zurschaustellung von Körperabnormitäten?
Die Aufklärung führte zu einer kritischen Distanzierung von „pöbelhaften“ Jahrmarktsdarstellungen; in der Folge wurden solche Vorführungen zunehmend unter einem belehrenden, medizinischen Deckmantel legitimiert.
- Arbeit zitieren
- Eva Schneider (Autor:in), 2002, Körpersensationen Riesen und Zwerge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12799