Stephanie Schrön Paulo Freire
I. Einleitung
Diese Hausarbeit werde ich über einen der bedeutendsten Pädagogen des 20. Jahrhunderts schreiben. Sein Ansatz der befreienden Erziehung steht in der Tradition der Volksbildungsbewegung in Lateinamerika, die educación popular. „In dieser Bewegung wird Lernen als ein auf Lebenssituationen (Lebenswelt) bezogener Prozess der Veränderung sozialer Wirklichkeit verstanden.“ 1 Zudem hat der brasilianische Pädagoge mit seinem dialogischen Prinzip neue Wege der Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden aufgezeigt. Ebenso wurden durch seine Arbeit weltweit die demokratischen Basisprozesse gestärkt. „Er war der Pädagoge der Unterdrückten und vermittelte die Pädagogik der Hoffnung.“ 2 Die Rede ist von Paulo Reglus Freire. Freire wurde am 19. September 1921 in Recife, im Nordosten Brasiliens, geboren. Seine Entwicklung wurde vor allem durch den gegenseitigen Respekt in seiner Familie geprägt. Sein Vater war Offizier bei der Militärpolizei, seine Mutter eine gläubige Katholikin. Als 1929 die Weltwirtschaftskrise ausbrach, erlebte auch Freire Hunger und materielle Not, obwohl seine Familie der Mittelschicht angehörte. Verschlechtert wurde die finanzielle Lage noch durch den Tod des Vaters als Freire 13 Jahre alt war. Dennoch war es Freire möglich ein Studium der Rechtswissenschaften aufzunehmen. Allerdings merkte er schnell, dass Jurist zu sein nicht seine Bestimmung ist und lehrte ab 1944/45 an einer Sekundarschule. Freire kam durch die Heirat mit der Grundschullehrerin Elza Maria Oliveira im Jahr 1944 mit Erziehungsfragen in Berührung. Da er sich sozial sehr engagierte, wurde ihm 1946 eine Stelle im „SESI“ 3 (Serviço Social da Industria) angeboten. Während dieser Arbeit wurde Freire mit allen Problemen der sozial Schwächsten konfrontiert und leitete Kurse zur Erziehung, Alphabetisierung und politischen Schulung. 4 Aus Freires Alphabetisierungskampagne sollte „später seine Erziehung als Praxis der Freiheit bzw. die Pädagogik der Unterdrückten werden. 5 “ Die Ehrendoktorwürde für sein soziales Engagement erhielt er Mitte der 50er Jahre der Universität Recife. 1959 promovierte Freire an selber Stelle. „Ab 1955 lehrte er als außerordentlicher Professor für Geschichte und Philosophie der Erziehung an der Universität Recife.“ 6 Im Jahr 1962 wurde João Goulart Präsident Brasiliens. Er unterstützte Freire in seiner Arbeit, vor allem in der Zeit von 1961 bis 1964, in der Hauptzeit der Alphabetisierungskampagne. Als am 01. April 1964 das Militär putschte, wurde die
1 Stumpf, Die wichtigsten Pädagogen, S. 155.
2 www.freire.de 27.02.2008.
3 SESI = eine vom Staat und Industrie gleichermaßen getragene soziale Einrichtung zur Betreuung der Arbeiter-
schaft. Stumpf, Die wichtigsten Pädagogen, S. 155.
4 Ebd.
5 Wagner, Paulo Freire, Kapitel I.
6 Stumpf, Die wichtigsten Pädagogen, S. 155.
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Stephanie Schrön Paulo Freire
Alphabetisierungskampagne verboten. Nachdem Freire 70 Tage im Gefängnis inhaftiert war, floh er ins Exil nach Chile. In Chile wurde er für die UNESCO Experte in Bildungsfragen. Schließlich nahm er eine Gastprofessur in Harvard an (1968), bis er 1970 Sonderberater für Bildungsfragen beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf wurde. Später koordinierte er Alphabetisierungsprojekte in Tansania, Guinea-Bissao, Angola, Mosambik, São Tomé und Principe. 7 Als Freire 1980 aus dem Exil nach Brasilien zurückkehrte, arbeitete er als Universitätslehrer und später als Erziehungsminister in São Paulo. Am 02. Mai 1997 starb Paulo Freire in São Paulo.
II. Paulo Freires Alphabetisierungsprogramm
a) Einführung
Für Freire kann Erziehung nicht neutral sein. Daher unterscheidet er zwischen zwei Erziehungspraktiken: „Erziehung als Instrument der Domestizierung des Menschen und als Instrument zur Befreiung des Menschen.“ 8 Unter der Erziehung als Instrument der Domestizierung versteht Freire eine reine Wissensvermittlung. Die Schüler werden hier als Behälter betrachtet, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Hier sind kein eigenes Denken oder Handeln erwünscht. Auch sollen Kreativität und Kritikfähigkeit abgetötet werden, u.a. um den Fortbestand der unterdrückerischen Gesellschaftsordnung und die Vormachtsstellung der herrschenden Elite zu sichern. Für ein solches Regime ist nichts schlimmer, als selbstdenkende und selbsthandelnde Menschen. Freire stellt dem Bankiers-Konzept die „problemformulierende Bildung“ 9 entgegen. Im Mittelpunkt steht dabei das „Warum“. Die Menschen sollen dabei „die Kraft entwickeln, kritisch die Weise zu begreifen, in der sie in der Welt existieren […]. Sie lernen die Welt nicht als statische Wirklichkeit, sondern als eine Wirklichkeit im Prozess sehen, in der Umwandlung.“ 10 Der Schlüsselbegriff ist conscientização, was so viel bedeutet wie „Bewusstwerdung“. Freire definiert conscientização folgendermaßen: „Der Begriff conscientização bedeutet den Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen und um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen.“ 11
7 Ebd., S. 156.
8 Wagner, Paulo Freire, Kapitel II.
9 Freire, Pädagogik der Unterdrückten, S. 67.
10 Ebd.
11 Ebd., S. 25.
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Stephanie Schrön Paulo Freire
Freire entwickelte Alphabetisierungsmethoden, die in unzähligen Projekten umgesetzt und auf unterschiedliche Bereiche der Pädagogik übertragen wurden. Für Freire war die Alphabetisierung sehr wichtig. Aber im „Mittelpunkt seines pädagogischen Konzepts steht die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins bei den Machtlosen und Unterdrückten“ 12 . Die verschiedenen Phasen des Alphabetisierungsprogramms hat Freire in seinem Buch „Erziehung als Praxis der Freiheit“ erläutert.
b) Ausgangssituation
Die Kultur des Schweigens. So bezeichnet Freire die Ausgangssituation, bevor er mit seinem Alphabetisierungsprogramm beginnt. Viele der in Brasilien lebenden Menschen „existieren“ nur an der Armutsgrenze und die meisten von ihnen leben in Slums. Freire sieht, wie sich diese Menschen ihrem angeblichen Schicksal gefügt haben und in einer Apartheid leben. Durch Sprache kann man sich bemerkbar machen. Aber warum sollte man sich bemerkbar machen, wenn die Unterdrücker alles für einen regeln? Wenn einem jede Entscheidung im Vorfeld abgenommen wird. Doch Freire möchte genau dort eingreifen. Die Menschen habe eine Stimme und können sich durch diese bemerkbar machen. Er fordert es! Aber man hat den Menschen zum Zweck der Unterdrückung ihrer Schrift-Sprache beraubt. Freire nennt dies Spracharmut bzw. Sprachlosigkeit der Menschen. Mit seinem Alphabetisierungsprogramm, die Sprachschule der Freiheit, möchte Freire diesem Zustand entgegentreten. Freire stellt zwei Dinge fest: 1. „Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen oder sie ist ein Instrument zu seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung.“ 2. „Nur der Mensch ist frei, der sein eigenes Wort sagen kann.“ Als Resultat ist festzuhalten, nur wer reden kann, wandelt sich von einem Objekt, das bestimmt wird, zu einem Subjekt, das selbst bestimmen kann. Innerhalb der Pädagogik Freires sind zwei Phasen zu unterscheiden: Phase 1: die thematische Untersuchung. Diese lässt sich in zwei weitere Phasen gliedern: in die thematische Untersuchung selbst und die Untersuchung der generativen oder Schlüsselwörter.
Phase 2: die Alphabetisierung und Postalphabetisierung.
12 Wagner, Paulo Freire, Einleitung.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Schrön, 2008, Paulo Freires Alphabetisierungsprogramm, München, GRIN Verlag GmbH
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