Inhalt
Inhalt
1. Einleitung 1
2. Definitionen und Begriffsbestimmungen 3
2.1 Definition von Adipositas 4
2.1.1 Allgemeine Definition der Adipositas 4
2.1.2 Adipositas bei Kindern und Jugendlichen 9
2.2 Methoden zur Bestimmung von Adipositas 11
2.2.1 Body Mass Index (BMI) 12
2.2.2 Der Broca-Index (BI) 13
2.2.3. Waist-to hip-ratio (WHR) Fettverteilung 14
2.2.4 Hüftumfangsmessungen 16
2.2.5 Hautfaltendickemessungen 16
2.2.6 Weitere Diagnosemöglichkeiten 17
3. Prävalenzen und Verbreitung von Adipositas in Deutschland 20
4. Folgen von Adipositas 25
4.1 Medizinische Folgeerkrankungen durch Adipositas 26
4.1.1 Diabetes mellitus Typ 2 : 26
4.1.2 Kardiopulmonale Erkrankungen 27
4.1.3 Orthopädische Folgen 28
4.1.4 Weitere Begleit- und Folgeerkrankungen 29
4.2 Psychosoziale Folgen 31
4.3 Ökonomische Folgen von Adipositas 36
5. Ursachen und Erklärungsansätze für Adipositas 38
5.1 Ernährungsverhalten 39
5.1.1 Der Energieverbrauch 41
5.1.2 Die Energiezufuhr 44
5.1.3 Nahrungsqualität und Essverhalten 45
5.2 Körperliche Aktivität 49
5.3 Umgebungsbedingungen und familiäre Einflüsse 51
5.3.1 Umgebungsbedingungen 51
5.3.2. Familiäre Einflüsse 53
I
Inhalt
5.4 Genetik 55
6. Eigene Studie 61
6.1 Zielsetzung der Studie 61
6.2 Studiendesign und Messmethode 62
6.3 Untersuchungsergebnisse 63
6.3.1 Wirkungsmechanismus Ernährung 69
6.3.2 Wirkungsmechanismus Freizeitverhalten - körperliche Aktivität 74
6.3.3 Zusammenfassung/Schlussfolgerung 77
7. Schlussbetrachtung/Ausblick 81
8. Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen 88
9. Literaturverzeichnis 89
9.1. Nachschlagewerke 89
9.2. Internetquellen 89
9.3. Andere Literatur 90
10. Anhang 99
10.1 Grafiken aus Sekundärliteratur 99
10.2 Anhang des empirischen Teils (Studie) 107
10.3 Quellenachweise für Internetquellen (Screenshots) 114
II
Verzeichnis der im Text verwendeten Abbildungen
Verzeichnis der im Text verwendeten Abbildungen
Abbildung 1 : Classification of adults according to BMI 7
Abbildung 2 : Androides (oben) und gynoides (unten) Fettverteilungsmuster 14
Abbildung 3 : Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas in Abhängigkeit von Alter und
Geschlecht. VERA-Studie 22
Abbildung 4 : Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und
Jugendlichen in Deutschland 24
Abbildung 5 : Typisches Beispiel für Fußabdrücke normalgewichtiger (links) und
übergewichtiger (rechts) Probanden 28
Abbildung 6 : Depressionsrisiko von Übergewichtigen und Normalgewichtigen 33
Abbildung 7 : Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher 35
Abbildung 8 : Positive und negative Korrelation zwischen BMI und Fett- bzw
Kohlenhydrataufnahme 46
Abbildung 9 : Teufelskreis aus Übergewicht und Vermeidung von Aktivität. 51
Abbildung 10 : BMI und Intrapaar-Korrelation bei ein- und zweieiigen Zwillingen, die
getrennt und gemeinsam aufgewachsen sind 56
Abbildung 11 : Gewichtszunahme erbidentischer Zwillinge (in kg) nach 100 Tagen
Überernährung. Jeder Punkt gibt die Gewichtszunahme des Zwillingspaares an:
Projektion auf Ordinate Zwilling A bzw. auf Abszisse Zwilling B 58
Abbildung 12 : Biopsychosoziales Modell der Entstehung und Aufrechterhaltung von
Übergewicht und Adipositas 83
III
„Rokal [ein Altsteinzeitmensch] zeigte ins Wasser und flüsterte: » Da liegt ein Wels! Ein Riese!« Faskons Augen funkelten. »Der darf uns nicht entwischen! « Wortlos nahmen beide ihre schwere Harpune in die Wurfhand. Die Zeit schien stillzustehen. Ihre Bewegungen waren ganz langsam. Geräuschlos setzten sie Fuß vor Fuß. »Wirf!«, zischte Faskon und im selben Augenblick fuhr Rokals Harpune dem Fisch in die Seite. Der Wels schnellte an die Oberfläche, peitschte das Wasser ... Und dann traf Faskons Harpune ihn dicht hinter dem Kopf. »Er hat noch zu viel Kraft! Ich kann kaum die Leine halten!«, schrie Rokal und wickelte die Schnur um einen Erlenstumpf herum. Blitzschnell hob Faskon die leichte Harpune vom Boden auf und schleuderte sie mit aller Kraft in den Fischleib. Erst als auch Rokal seine leichte Harpune warf, war der Kampf gewonnen. Jetzt sprang Faskon ins Wasser und wälzte den Fisch die Uferkante hinauf. [...] »Noch niemals haben wir einen Wels gefangen, der so lang ist wie ich«, sagte Faskon und zog die leichte Harpune aus dem Fischleib. [...] Faskon kniete sich hin, schob seine Arme unter den Fisch und stand mit seiner Last auf. Rokal schulterte den Erlenstab, auf den sie die kleinen Fische zum Tragen aufgereiht hatten, nahm die Jagdwaffen hoch und folgte dem Freund.“
(Dirk Lornsen, Rokal der Steinzeitjäger) 1
1. Einleitung
Diese aus einem Jugendbuch entnommene Romanpassage ist zwar fiktiver Natur, jedoch wird sehr deutlich illustriert, wie der menschliche Körper programmiert ist, um in urzeitlichen Verhältnissen zu überleben. In Zeiten, in denen der Mensch immer wieder mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen hatte, war es ein evolutionsbiologisch großer Vorteil, dass Nahrungsmittelverfügbarkeiten genutzt werden konnten, um Reserven für künftige Hungerperioden zu schaffen. Zudem war die Nahrungsmittelbeschaffung mit großen Anstrengun- 1 Lornsen,Dirk: Rokal der Steinzeitjäger. Thienemann Verlag 1987, S. 33-34.
1
gen verbunden und der Verzehr von beispielsweise Fleisch oder Fisch musste zunächst durch einen großen Energieaufwand in Form von Jagd und Nah-rungsmitteltransport verdient werden. Die heutigen Verhältnisse der Industrienationen sind dagegen von einem großen Nahrungsmittelüberangebot geprägt, die Lebensmittel können ohne kraftaufwändige Prozeduren erworben werden und der Energiebedarf zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur wurde durch Wohnungen, Kleidung und Technologien stark reduziert. Der menschliche Organismus, der darauf ausgerichtet ist, einer potenziellen Hungersnot präventiv entgegenzuwirken, arbeitet heutzutage also kontraproduktiv, was sich mittlerweile zu einer „globalen Epidemie“ 2 [sprich Adipositas] entwickelt hat. Die Prävalenz adipöser Menschen hat sich, auch in Deutschland, was durch neueste Untersuchungsergebnisse belegt werden konnte, stark erhöht und besonders die große Anzahl übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher hat besorgniserregende Zustände erreicht. Ziel meiner Arbeit wird es sein zu untersuchen, welche komplexen Folgen Adipositas für den Menschen haben können, insbesondere für Kinder und Jugendliche, um darüber hinaus zu ergründen, welche wissenschaftlich dokumentierten Gründe für die Entwicklung und Aufrechterhaltung einer Adipositas in Frage kommen. In diesem Rahmen werde ich eine selber konzipierte und durchgeführte Studie vorstellen, die der Frage nachgeht, welchen Einfluss der Bildschirmmedienkonsum und das damit einhergehende Ernährungsverhalten auf die Körperkonstitution von Kindern und Jugendlichen besitzt, um darüber hinaus zu eruieren, ob sich altersspezifische Risikogruppen hinsichtlich der untersuchten Aspekte und Merkmale erkennen lassen.
Nach derzeitigem Forschungsstand lassen sich die Folgen von Adipositas in drei Gruppen klassifizieren, die sich in einem komplexen Zusammenspiel beeinflussen. So haben Übergewicht und Adipositas große medizinische Folgen, ö-
2 WHOTechnical Report Series (2000), S. II.
(Zur Zitierweise in dieser Arbeit: Alle Titel werden in den Anmerkungen mit Kurztiteln zitiert. Diese werden im Literaturverzeichnis wie folgt aufgelöst: I. Nachschlagewerke: Abgekürzter Lexikontitel, Artikelname und Seiten-/Spaltenzahl; II. Internetquellen: Internetadresse, Datum, Uhrzeit (Screenshot im Anhang); III. Andere Literatur: Name des Verfassers, Titel, Jahr und Seitenzahl.)
2
konomische Konsequenzen und besonders für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene, psychosoziale Folgen. 3 Denn der „zunehmenden Zahl Übergewichtiger steht eine Verschlankung des Schönheitsideals entgegen“ 4 , was weitreichende psychische bis hin zu körperlichen Auswirkungen für die Betroffenen haben kann.
Und auch bei der Analyse der Ursachen für Übergewicht und Adipositas ist zu erkennen, dass sich diese gegenseitig beeinflussen, was enorm erschwert zu gewichten, wie groß die Anteile der einzelnen Faktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Übergewicht und Adipositas sind. Nach derzeitigem Forschungsstand hat sich herauskristallisiert, dass das Ernährungsverhalten, der Energieverbrauch in Form von körperlicher Aktivität und die Umwelteinflüsse entscheidende Einflussgrößen darstellen. Zudem zeigen neueste Untersuchungen, dass genetische Faktoren nicht zu unterschätzen sind und wesentlich mit beeinflussen können, wie sich die körperliche Entwicklung der Menschen gestaltet. 5
Die Ursachenforschung und die Analyse der Folgen der Adipositas nehmen in der Adipositasforschung einen besonderen Stellenwert ein. Denn erst durch das Wissen um die Auswirkungen und Ursachen von Übergewicht und Adipositas ist es möglich, daraus abgeleitete Interventions- und Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.
2. Definitionen und Begriffsbestimmungen
In den folgenden Kapiteln werde ich zunächst definieren, was man sich unter einer Adipositas vorzustellen hat und ab wann ein Mensch als adipös klassifiziert wird. In diesem Rahmen wird es wichtig sein, häufig auftretende begriffliche Missverständnisse auszuräumen, indem ich eine Abgrenzung von der Adi- 3 EinenÜberblick über die Folgen von Adipositas für Jugendliche und Erwachsene liefert: WHO Technical Report Series (2000), Kapitel 4 und 6.
4 Ehlert (2002), S. 499.
5 Einen Überblick über die Ursachen von Adipositas für Jugendliche und Erwachsene liefert: WHO Technical Report Series (2000), Kapitel 7.
3
positas zu verwandten Begriffen vornehmen werde. Darüber hinaus gilt es zu klären, was die Besonderheiten bei der Definition und der Bestimmung von Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind, um darauf aufbauend zu untersuchen, wie sich die derzeitige Verbreitung und die Prävalenzen dieser oft unterschätzten Krankheit 6 gestalten.
2.1 Definition von Adipositas
Zunächst werde ich definitorische Voruntersuchungen anstellen, indem ich von einer allgemeinen Definition ausgehend auf die Besonderheiten bei der Adipositas im Kindes- und Jugendalter überleiten werde. Dabei ist es unumgänglich, hier schon den Body Mass Index zu erläutern, der eng mit den Definitionen verknüpft ist und vor allem für die Bestimmung von Adipositas im Kindes- und Jugendalter seine Besonderheit findet. Dieser kurze Vorgriff auf die Methoden zur Bestimmung von Adipositas wird in 2.2 ergänzt und weiter ausgeführt.
2.1.1 Allgemeine Definition der Adipositas
Etymologisch betrachtet hat der Begriff ,Adipositas’ seinen Ursprung im Lateinischen und schon der aktuelle Lexikoneintrag eines renommierten Medizinlexikons 7 zeigt, dass noch immer eine große Verwirrung um diesen Begriff existiert, was eine einheitliche Definition und Einordnung von Adipositas und verwandten Begrifflichkeiten selbst in der Fachliteratur erschwert. Sucht man in diesem Lexikon nach dem Begriff ,Adipositas’, wird darauf verwiesen, dass man unter dem Synonym ,Fettsucht’ nachzuschlagen habe. 8
6 Hierbei ist anzumerken, dass sich die Autoren der Fachliteratur uneinig sind, ob Adipositas als Krankheit anzusehen ist oder nicht. Denn laut Pudel sind „übergewichtige Menschen [...] keine Patienten, weil Übergewicht keine Krankheit ist. Jedenfalls versicherungstechnisch [...].“ Dagegen argumentiert Petermann in einem direkten Dialog mit Pudel, dass „vorausgesetzt Diabetes mellitus Typ 2 oder Hypertonie eine Krankheit sind, dann ist in Analogie dazu die Adipositas auch eine Krankheit, deren Behandlung als Leistung der Krankenkassen zu übernehmen sind“. Vgl. Petermann & Pudel (2003), S. 20, 21. - Ich halte es im Fortlauf meiner Arbeit mit Franz Petermann und werde im Zusammenhang von Adipositas von einer Krankheit sprechen, da ich es ebenso wie er für „paradox“ halte, wenn man Adipositas als Ursache für zahlreiche Folgekrankheiten nicht auch als Krankheit definieren würde.
7 LDM (1999)
8 Vgl. Ebd., S. 28.
4
Dort wird Fettsucht gleichbedeutend mit „Fettleibigkeit, Adipositas [und] Obesitas“ 9 aufgelistet, was zeigt, dass sich selbst medizinische Lexika schwer tun mit diesen Begrifflichkeiten umzugehen. Denn Begriffe wie ,Fettleibigkeit’ oder ,Fettsucht’ haben immer einen negativen Beigeschmack, weswegen dazu geraten wird, auf Grund seiner Wertneutralität den Begriff ,Adipositas’ zu verwenden, zumal ,Fettsucht’ auch von seiner Begrifflichkeit nicht zutreffend ist. 10 Ein weiteres Problem, das häufig anzutreffen ist, ist der sorglose Umgang mit den Begriffen Adipositas und Übergewicht 11 , dabei stellen diese beiden Begriffe medizinisch betrachtet zwei völlig unterschiedliche Erscheinungsformen dar. Adipositas bezieht sich immer auf ein „Übermaß an Fettgewebe, das zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit führt [oder führen kann]“ 12 . Dieser Punkt ist bei der Definition für Adipositas von enormer Bedeutung, da sich der Begriff ,Übergewicht’ lediglich auf das absolute Gewicht bezieht und nicht differenziert, warum ein Mensch ein bestimmtes Gewicht hat. Besonders sehr muskulöse Menschen sind nach der Übergewichtsdefinition als übergewichtig zu klassifizieren, da Muskelmasse ein hohes Gewicht auf die Waage bringt, jedoch würde niemand behaupten, dass ein besonders muskulöser Mensch adipös ist. „Im Normalfall haben Personen mit einem hohen Fettanteil (Adipositas) auch ein hohes Körpergewicht (Übergewicht), während umgekehrt Personen mit hohem Gewicht nicht unbedingt adipös sein müssen“ 13 . Wie man diese Problematik, zum Beispiel bei Bodybuildern, durch bestimmte Messmethoden lösen kann, werde ich in Punkt 2.2. darstellen. Nach diesen Vorüberlegungen und der Abgrenzung des Begriffes ,Adipositas’ zu konkurrierenden Begriffen schlage ich folgende Definition vor, wobei man erwähnen muss, dass man den Begriff ,Adipositas’ zusammen mit
9 LDM (1999), S. 631.
10 Vgl. Pudel & Westenhöfer (1998), S. 123.
11 Man muss nur die Begriffe ,Adipositas’ und ,Übergewicht’ in den gängigen Internetsuchmaschinen eingeben und man stößt auf zahlreiche Artikel und Online-Lexika, die keinerlei Unterscheidung vornehmen, was dazu führt, dass sich dieser definitorische und auch faktische Fehler mehr und mehr in unsere Sprache einschleicht - zu sehen beispielsweise im Onlinelexikon http://www.infobitte.de/free/lex/allgLex0/u/uebergewicht.htm (21.11.2007 - 14.35 Uhr (Screenshot 10.3.5.)
12 Pudel & Westenhöfer (1998), S. 123.
13 Ebd., S. 125.
5
dem lateinischen Ursprungswort ,adiposus’ erfassen sollte, um klarzustellen, dass das Übergewicht in Folge eines erhöhten Körperfettanteils zustande kommt.
Adiposus hat seinen Ursprung im Lateinischen und wird übersetzt mit fettreich, verfettet, adipös 14 und diese etymologische Wortbetrachtung lässt schon erkennen, dass es sich bei Adipositas um eine erhöhte Fettansammlung handelt, die zu einem Übergewicht führt. Die Definition liest sich wie folgt: „Adipositas (engl.) obesity; krankhaftes Übergewicht, das zu gesundheitl. Beeinträchtigungen führt. [...] Sympt.: erhöhter Körperfettanteil.“ 15 Diese kurz gehaltene Definition gibt im Prinzip genau das wieder, worauf es mir bei meinen Vorüberlegungen ankam. Adipositas ist niemals gleichzusetzen mit einem Übergewicht, sondern dieses erhöhte Gewicht ist der Tatsache geschuldet, dass ein zu hoher Körperfettanteil vorherrscht, der zu erheblichen gesundheitlichen Schäden und Störungen führen kann, wie meine späteren Ausführungen zeigen werden.
Um diese Ausführungen und Unterscheidungen mit Zahlen zu untermauern, werde ich erläutern, zu welchem Konsens die Wissenschaft bei der Bewertung, ab wann ein Mensch als adipös gilt, gekommen ist. Das Maß aller Dinge ist in der derzeitigen wissenschaftlichen Literatur vor allem der Body Mass Index (BMI), „dessen Korrelation zur Fettgewebsmasse bei etwa .80 liegt“ 16 und damit eine starke, positive Korrelation aufweist 17 , was bedeutet, dass Menschen mit zunehmendem BMI in den meisten Fällen gleichzeitig eine prozentual erhöhte Fettgewebsmasse haben. Eine hundertprozentige Wahrscheinlichkeit ist natürlich nicht gegeben, was auch der Korrelationswert .80 zum Ausdruck bringt, da weitere Faktoren den BMI-Wert beeinflussen können (siehe Muskelgewebsmasse), dennoch ist gegeben, dass tendenziell bei einem hohen BMI ein hoher Anteil Körperfettgewebe zu erwarten ist. Anhand
14 Vgl. PKW ( 2002), S. 22.
15 Ebd., S. 22.
16 Laessle (1998), S. 430.
17 Vgl. Fahrmeir et al. (2004), S. 139.
6
weniger anthropometrischer Messdaten kann ermittelt werden, ob ein Mensch zu viel oder zu wenig für seine Größe wiegt.
Der BMI ist definiert als Körpergewicht in Kilogramm, geteilt durch die quadrierte Körpergröße in Metern, was sich in folgender Formel widerspiegelt und leicht zu berechnen ist 18 : BMI = Gewicht in Kilogramm/(Körpergröße in Meter)² Bei der Festlegung der Grenzen des BMI orientiert sich die Forschung international an der Klassifikation der World Health Organization (WHO), an die sich auch die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) in ihren Leitlinien orientiert 19 . Dieser, ausdrücklich nur für erwachsene Menschen geltenden Tabelle, kann man die einzelnen Intervalle der Gewichtsklassifizierung entnehmen und es wird nachvollziehbar, wodurch diese einzelnen Stufen gekennzeichnet sind.
Als untergewichtig werden Erwachsene eingestuft, die einen BMI haben, der unter dem Grenzwert 18.50 liegt. Das Risiko für Komorbiditäten ist in solchen Fällen gering, sofern man sich dabei auf Krankheiten bezieht, die auf einen erhöhten Körperfettanteil zurückzuführen sind 20 . Ein Normalgewicht ist bei einem BMI-Wert zwischen 18.50 und 24.99 gegeben - in diesen Fällen sind keine daraus resultierenden Begleiterkrankungen zu befürchten. Problematisch wird es erst ab einem BMI von über 25. Als präadipös gilt man innerhalb der
18 Vgl. Goldapp et al. (2005), S. 11.
19 Vgl. Hauner et al.: Prävention und Therapie der Adipositas. Deutsche Adipositas-Gesellschaft
2007. http://www.adipositas-gesellschaft.de/daten/Adipositas-Leitlinie-2007.pdf (abgerufen am 25.11.2007 - 16.20 Uhr (Screenshot 10.3.1).
20 Menschen, die einen weit unter dieser Grenze liegenden BMI aufweisen und beispielsweise magersüchtig sind, leben natürlich keineswegs gesund und leiden unter anderen gefährlichen Komorbiditäten.
7
BMI-Spanne von 25.00-29.99, was sich daran orientiert, dass ab diesem BMI-Wert Komorbiditäten zu erwarten sind, wobei man sagen muss, dass ein wirkliches Gesundheitsrisiko erst ab einem BMI von 30 zu erwarten ist. Ab diesem Grenzwert besteht ein gesundheitsgefährdendes Risiko, adipositasinduzierte Begleiterkrankungen zu bekommen. 21 Der Tabelle ist zu entnehmen, dass Adipositas noch drei Mal unterklassifiziert ist und sich diese Unterklassen an das Risiko für Komorbiditäten binden.
An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass häufig angenommen wird, dass sich diese Grenzen alters- und geschlechtsabhängig verändern und man, je älter man wird, einen etwas höheren BMI haben „darf“, bevor man als übergewichtig oder adipös gilt, indem zum Beispiel das ,National Research Council’ der USA einen wünschenswerten BMI vorschlägt, der sich mit dem Alter verändert 22 . Es ist zwar richtig, dass im Alter der Körperfettanteil normalerweise etwas ansteigt 23 , jedoch ist parallel zu dieser Entwicklung ein Verlust an Muskelgewebe zu beobachten, wodurch die oben beschriebenen und festen BMI-Grenzen weiterhin ihre Gültigkeit behalten. Ebenso verhält es sich beim Vergleich von Mann und Frau, indem der Mann normalerweise einen höheren Anteil an Muskelmasse besitzt, die Frau dagegen einen höheren Körperfettanteil hat. Somit beeinflussen die alters- und geschlechtsspezifischen Unterschiede die Gültigkeit fester BMI-Grenzen nur minimal und sind prinzipiell vernachlässigbar. 24 Deshalb schlägt auch die International Obesity Taskforce (IOTF) für Erwachsene alters-und geschlechtsunabhängige BMI-Tabellen vor 25 und nach persönlicher Rücksprache mit Dr. Mensink 26 wurde mir versichert, dass auch das Robert-Koch-Institut die festen Grenzen, die von der WHO vorgeschlagen werden, benutzt, da das Sinn mache, wenn man zum Beispiel Prävalenzen über einen größeren Zeitraum betrachten oder verschiedene Länder miteinander vergleichen wolle.
21 Welche exakten Komorbiditäten in Folge von Adipositas zu erwarten sind, werde ich in 4. behandeln
22 Vgl. Anhang 10.1.1
23 Vgl. Bray (1978), S. 99-112.
24 Vgl. NIH (1998), S. 58,59.
25 Vgl. Anhang 10.1.2
26 Dr. Gert Mensink, Gesundheitswissenschaftler am Robert-Koch-Institut in Berlin und Autor zahlreicher Adipositas-Publikationen
8
Der BMI bei Erwachsenen hat also feste Grenzen, die Werte sind altersunabhängig und die einzelnen Intervalle beziehen sich auf das zu erwartende Risiko an einer oder mehreren Komorbiditäten zu erkranken. 27 Die Grenzen können dabei natürlich durchaus fließend sein und man kann nicht sagen, dass ein Mensch mit einem BMI von 24.99 noch im Rahmen des Gesunden liegt und eine andere Person mit einem BMI von 25.00 ein „gewichtigeres“ Problem und ein größeres Risiko für Begleiterkrankungen haben soll. Aus diesem Grund kann es sehr nützlich sein, sich gegebenenfalls zusätzlicher Messmethoden zu bedienen, um genauere und aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, worauf ich in Punkt 2.2 detaillierter zu sprechen kommen werde. 28 Dennoch stellt der BMI eine leicht zu ermittelnde, günstige Messmethode zur Bestimmung von Adipositas, Normalgewicht oder Untergewicht dar, die sich „in der wissenschaftlichen Literatur [durchgesetzt hat und] fast ausschließlich verwendet wird“ 29 und die ein probates Messmittel ist, da sie eine hohe Korrelation zur Fettmasse hat. 30
2.1.2 Adipositas bei Kindern und Jugendlichen
Bei Erwachsenen liegen also feste Grenzwerte vor, die zur Definition von Adipositas beitragen. Bei Kindern und Jugendlichen findet der BMI jedoch eine Besonderheit, die unbedingt beachtet werden muss, wenn man aussagekräftige Ergebnisse und vergleichbare Daten erhalten will. In diesen Fällen müssen sowohl das Alter, als auch das Geschlecht berücksichtigt werden, „da der BMI entsprechend der physiologischen Besonderheiten der prozentualen Körperfettmasse alters- und geschlechtsspezifischen Änderungen unterliegt“. 31 Aus diesem Grund wurden Referenzwerte ermittelt, die sowohl alters- als auch geschlechtsspezifisch sind und den Ist-Zustand einer Gesellschaft erfassen. Kurz formuliert bedeutet das, dass Perzentile gebildet werden, die populationsspezifisch zu interpretieren sind, was bedeutet, dass sich der BMI-Wert von Kindern
27 Vgl. WHO Technical Report Series (2000), S. 9.
28 Auf die Problematik des BMI bei der Beurteilung, ob ein Mensch wirklich adipös, im Sinne eines erhöhten Körperfettanteils, ist oder durch extreme Muskelmasse zu einem erhöhten BMI gelangt, habe ich bereits verwiesen.
29 Laessle (1998), S. 430.
30 Vgl. Pudel & Westenhöfer (1998), S. 124.
31 Dörr & Rascher (2002), S. 129.
9
und Jugendlichen immer daran orientiert, wie er in Bezug auf die spezifischen Referenzwerte steht - also immer „in Bezug auf den BMI anderer Kinder im selben Alter und Geschlecht“ 32 . Ermittelt wurden diese Werte aus Querschnittsdaten, die aus 17147 Jungen und 17275 Mädchen aus verschiedenen Regionen Deutschlands resultieren und die BMI-Verteilung von 1985 bis 1999 widerspiegeln. 33 Dr. Kromeyer-Hauschild weist zwar darauf hin, dass diese Referenzwerte nicht uneingeschränkt zufriedenstellend sind, da sie aus uneinheitlichen Studien entspringen 34 , die nicht repräsentativ für ganz Deutschland gültig scheinen und nicht alle Altersklassen erfassen, jedoch empfiehlt sowohl sie als auch die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA), diese Werte überregional zu berechnen und zu benutzen. 35 Die ermittelten alters- und geschlechtsspezifischen Daten lassen sich entweder als Somatogramm 36 oder in numerischer Form 37 erkennen und dienen als komfortables Werkzeug zur schnellen Beurteilung, wie ein BMI-Wert eines Kindes oder Jugendlichen zu interpretieren ist. Diese Tabellen beziehungsweise Diagramme lassen also deutlich erkennen, dass der BMI bei Jungen und Mädchen altersspezifische Veränderungen aufweist und diese Grenzen richten sich, wie bereits erwähnt, an den Ist-Werten der Referenzgruppen. Ein Kind oder Jugendlicher ist demnach untergewichtig, wenn sein Perzentilwert unterhalb der 3. Perzentile liegt (in den Anhängen 4 und 5 mit ,P3’ markiert 38 ), was bedeutet, dass es einen geringeren BMI hat als 97% der Vergleichsgruppe. Der Wert zwischen der 3. und 10. Perzentile ist als Grenzbereich anzusehen, der einen fließenden Übergang von Untergewicht zu gerade noch Normalgewicht charakterisiert. Der Bereich zwischen
10. und 90. Perzentile gilt als Normalbereich, der eine unbedenkliche Körperkonstitution nahe legt und ab der 90. Perzentile wird ein Kind oder Jugendlicher als übergewichtig klassifiziert, was bedeutet, dass er einen höheren BMI hat als
32 Goldapp; Mann; Shaw (2005), S. 11.
33 Vgl. Wabtisch; Hebebrand; Kiess; Zwieauer (2005), S. 5.
34 Einen Überblick über die verschiedenen Studien, die für die Ermittlung der Perzentile herangezogen wurden, findet sich im Anhang 10.1.3
35 Vgl. Kromeyer-Hauschild (2001), S. 809.
36 Anhang 10.1.4
37 Anhang 10.1.5 (Perzentile für Mädchen) und Anhang 10.1.6 (Perzentile für Jungen)
38 Analog dazu die 10. Perzentile mit ,P10’ usw.
10
90% der Referenzgruppe. Ab der 97. Perzentile schließlich sind gesundheitliche Risiken mit einhergehenden Komorbiditäten zu erwarten und eine Adipositas
ist zu diagnostizieren 39 , sofern keine Besonderheiten den BMI-Wert verfälschen 40 .
Diese Perzentile finden einen nahtlosen Übergang zu den festen Grenzwerten des BMI im Erwachsenenalter, die von der WHO und der DAG vorgeschlagen werden, indem die Perzentile für Kinder und Jugendliche bis zum 18. Lebensjahr ihre Gültigkeit haben und ab dem 19. Lebensjahr in die BMI-Klassifikation für Erwachsene münden.
Kritisch muss jedoch bei dieser Methode gesehen werden, dass durch diese Messung, ob eine Adipositas bei Kindern oder Jugendlichen vorherrscht, lediglich relative Werte möglich sind, die sich an Referenztabellen orientieren. Hypothetisch betrachtet würden eigentlich adipöse Jugendliche als normalgewichtig klassifiziert werden, wenn alle anderen Jugendlichen, die eine Referenztabelle repräsentieren, einfach noch stärker adipös wären. Außerdem können solche Perzentilkurven auch großen Schwankungen unterworfen sein. Dennoch hat sich diese Methode in der Forschung durchgesetzt und ein „Festhalten an einer einmal ermittelten Verteilung ermöglicht, Prävalenzveränderungen beim BMI in
zeitlicher Hinsicht genau zu quantifizieren“ 41 , zumal in Zweifelsfällen weitere und genauere Messmethoden existieren, die begleitend zum BMI benutzt werden können, wie sich im Folgenden zeigen wird.
2.2 Methoden zur Bestimmung von Adipositas
Bei der Bestimmung des Körperfettanteils und den damit verbundenen Möglichkeiten zu untersuchen, ob eine Person unter Adipositas leidet, haben sich in der angewandten Wissenschaft innerhalb der letzten Jahre zahlreiche Methoden ent- und weiterentwickelt, die unterschiedliche Vor- und Nachteile mit sich bringen. Wie bereits erwähnt, ist es möglich, dass Ergebnisse durch bestimmte Faktoren verfälscht werden können (z.B. beim Errechnen des BMI,
39 Stier & Weissenrieder (2006), S. 230.
40 z.B. durch in diesem Alter unerwartet hohe Muskelgewebsanteile o. Ä.
41 Wabitsch; Hebebrand; Kiess; Zwiauer (2005), S. 9.
11
der keinen Unterschied zwischen Muskelmasse und Körperfett macht und somit bei einem muskulösen Athleten mit geringem Körperfettanteil womöglich eine falsche Körperkonstitution diagnostiziert werden könnte), weswegen es in Einzelfällen sinnvoll sein kann, sich zusätzlicher Messmethoden zu bedienen.
2.2.1 Body Mass Index (BMI)
Der BMI, als anthropometrische Methode zur Messung der Körperkonstitution, wurde in meinen Vorüberlegungen zwar schon hinreichend erläutert, jedoch lohnt es sich, auf Grund seiner in der Fachwelt großen Relevanz, zumindest zusammenfassend die Vor- und Nachteile dieser Methode zu erläutern. Die wichtigsten Vorteile des BMI zeigen sich in der leicht zu berechnenden Formel, um die Körperzusammensetzung zu erfassen, seine Kostengünstigkeit und die relativ hohe Korrelation zum Körperfettanteil der untersuchten Pro-banden. Dennoch hat auch der BMI einige Schwachpunkte, da er nur indirekt die Körperfettmasse misst und „deshalb als einziges Kriterium für [...] Adipositas nur begrenzt aussagefähig“ 42 . Außerdem wird die BMI-Methode der Komplexität der Körperentwicklung von Jugendlichen nicht immer gerecht, da es keine Unterscheidung zwischen biologischem und kalendarischem Alter vornehmen kann. Das bedeutet, dass, trotz gleichen Alters, zwei Jugendliche, die unterschiedliche Pubertätsstadien haben, gleichen Messkriterien unterworfen sind, obwohl der biologisch ältere Jugendliche naturgemäß einen höheren BMI-Wert hat. Das heißt, dass „ein 13,5-jähriger Junge mit einem Pubertätsstadium PH4, einem Knochenalter von 15,0 Jahren und einem BMI von 24 kg/m² [...] entsprechend dem chronologischen Alter übergewichtig [wäre] - bezogen auf sein biologisches Alter jedoch normalgewichtig“ 43 . Bei Störungen und Auffälligkeiten in den Pubertätsentwicklungen ist es also sinnvoll, sich zusätzlicher Messmethoden zu bedienen, um die Körperfettmasse zu untersuchen. Die relevantesten werde ich im Folgenden beschreiben.
42 Benecke & Vogel (2003), S. 7/8.
43 Kromeyer-Hauschild (2001), S. 814.
12
2.2.2 Der Broca-Index (BI)
Der Vollständigkeit wegen möchte ich kurz auf den BI zu sprechen kommen, obwohl er aus heutiger Sicht sehr umstritten ist und in vielen Fällen als ungenau gilt 44 . Diese, Ende des 19. Jahrhunderts in der Wissenschaft etablierte Messmethode, fand ihre Anwendung vor allem im deutschsprachigen Raum, weist bei mittleren Körpergrößen durchaus eine hohe Korrelation zur Körperfettmasse auf 45 und erinnert in seinen Grundprinzipien stark an die Berechnung des BMI.
Entwickelt wurde die sogenannte Broca-Formel durch den französischen Chirurgen Paul Broca:
BI = Körpergewicht [kg] / (Körperhöhe [cm] - 100) Die Berechnung des BI gestaltet sich also ähnlich einfach wie die des BMI. Als normalgewichtig gilt man, wenn man einem BI von 1.0 entspricht. Hat man einen BI von 1,1 oder 1,2, so liegt ein Gewicht 10% (bzw. 20%) über dem Normalgewicht vor. Ein BI von 0.9 sagt aus, dass das Gewicht 10% unter Normalgewicht vorliegt, was früher als „Idealgewicht“ betrachtet wurde. 46 Der schwerwiegende Nachteil dieser Methode ist jedoch, dass die Einschätzung für Übergewicht und Adipositas bei besonders kleinen oder besonders großen Menschen nicht funktioniert und deshalb heutzutage kaum mehr benutzt wird. 47 Außerdem hat sich gezeigt, dass bei Kindern diese Berechnungsmethode besonders kritisch zu betrachten ist, da die errechneten BI-Werte für das Normalgewicht bei Kindern häufig zu hoch liegen. 48 Aus diesem Grund ist mittlerweile davon abzuraten, den BI bei wissenschaftlichen Untersuchungen zu benutzen und die Errechnung des BMI gilt derzeit als wichtigste Methode bei der Definition und auch Messung von potentiellem Übergewicht und Adipositas, da er ebenfalls sehr leicht zu berechnen ist und darüber hinaus die beschriebenen Mängel des BI weitestgehend ausgleicht.
44 Vgl. Wechsler (2003), S. 61.
45 Vgl. Meinertz (2005), S. 313.
46 Vgl. Pudel & Westenhöfer (1998), S. 124.
47 Ehlert (2003), S. 500.
48 Ausführlich in: Becker (1995), S. 129-138.
13
2.2.3. Waist-to-hip-ratio (WHR) - Fettverteilung
Innerhalb der letzten Jahre hat sich in der Forschung eine relativ leicht durchzuführende Messmethode immer mehr durchgesetzt, die einen weiteren Schwachpunkt des BMI eliminieren soll. Zwar liefert der BMI größtenteils signifikante Ergebnisse bei der Einteilung in Übergewicht und Adipositas und ist ein geeignetes Maß zur Bestimmung der Körperfettmasse, jedoch gibt er keinerlei Auskunft über die genaue Verteilung des Körperfetts, was ein nicht unwesentlicher Indikator für die damit einhergehende Risikobewertungen für Komorbiditäten ist. Die Rede ist vom waist-to-hip-ratio (WHR), also dem Verhältnis vom Hüft- zu Taillenumfang.
Die relevanten Körperumfänge werden dabei beim stehenden Patienten gemessen, wobei es entscheidend ist, dass genau an der richtigen Stelle gemessen wird, um falsche Messwerte und Fehldiagnosen zu vermeiden. Der Taillenumfang wird zwischen Rippenbogen und Beckenkamm gemessen und der Hüftumfang in Höhe des Trochanter major, also dem großen oberen Rollhügel des Oberschenkelknochens.
Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Fettverteilungsmustern, die unterschiedliche Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der betroffenen Patienten erlauben. Zum einen lassen sich Körperfettansammlungen besonders im Hüft- und Oberschenkelbereich beobachten, was im Fachjargon als gynoide Form bezeichnet wird, zum anderen können Fettablagerungen auch am Bauch vorkommen (androide oder viszerale Form), wie Abbildung 2 verdeutlicht.
Schon in den 40er Jahren machte ein französischer Arzt namens Dr. Jean Vague die Beobachtung, dass bei adipösen Patienten die Fettverteilung eine große Rolle bei zum Beispiel Stoffwechselerkrankungen spielt und er war es auch, der schon 1947 eine Unterteilung in androide und gynoide Fettverteilung vorgenommen hat und Tendenz entdeckte, dass eine „apfelförmige“ (androide) Ausprägung wesentlich gefährlicher ist als eine „birnenförmige“ (gynoide). 49 Erst ungefähr 30 Jahre später bekam die Methode der Fettverteilungsuntersuchen in der Wissenschaft mehr und mehr Relevanz und in zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass tatsächlich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Lage der Körperfettansammlung und Folgeerkrankungen existieren. So konnte belegt werden, dass eine androide Fettverteilung einen erheblichen negativen Einfluss auf das Schlaganfallrisiko hat 50 . Darüber hinaus ergab eine Studie mit 27098 Teilnehmern aus 52 verschiedenen Ländern, dass das WHR „shows the strongest relation with the risk of myocardial infarction worldwide“ 51 . Der BMI dagegen lieferte schwächere Ergebnisse bei der Prognose, ob kardiovaskuläre Erkrankungen eintreten könnten. Um diese Beschreibungen mit Zahlen zu belegen, lässt sich anhand einer sehr einfachen Rechnung ermitteln, ob eine besonders gesundheitsschädliche Fettverteilung vorliegt oder nicht. Die WHR errechnet sich aus dem Quotienten aus Taillen- und Hüftumfang, wobei bei Frauen ein erhöhtes Komorbiditätserkrankungsrisiko bei einem WHR>0,85 und bei Männer bei >1,00 besteht. 52
Die Vorteile dieser Methode, als Messmethode einer Adipositas, liegen auf der Hand. Das WHR ist leicht zu ermitteln und anhand der Ergebnisse können sehr schnell und präzise Rückschlüsse über den Gesundheitszustand der Patienten gezogen werden und mögliche Risiken abgeschätzt werden. Ein entscheidender Nachteil ist jedoch, dass das WHR im Kindesalter keine signifikanten Korrelationen zu abdominalem Fettgewebe aufweist und somit
49 Vgl. Pudel & Westenhöfer (1998), S. 129.
50 Ausführlich in: Larsson et al. (1984), S. 1401-1404.
51 Yusuf et al. (2005), S. 1647.
52 Vgl. Kasper & Schlenk (2003), S. 13.
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kein geeignetes Messinstrument darstellt. 53 Aus diesem Grund schlägt Goran vor, im Kindesalter andere Methoden anzuwenden, die eine höhere Korrelation zu Körperfettgewebe an „gefährlichen Stellen“ aufweisen.
2.2.4 Hüftumfangsmessungen
Bei Kindern bestehen also keine Korrelationen zwischen WHR und daraus ermittelbaren Erkrankungsrisiken. Interessanterweise konnte aber herausgefunden werden, dass im Kindesalter, im Gegensatz zu Erwachsenen, der reine Hüftumfang ein signifikanter Indikator für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen ist 54 . Bei Erwachsenen liefert der alleine Hüftumfang keine brauchbaren Ergebnisse zur Risikoprognose, bei Kindern jedoch ist es gerade umgekehrt, indem das WHR nicht anwendbar ist, jedoch nur anhand einer Hüftumfangsmessungen Rückschlüsse über den Gesundheitszustand des Kindes gezogen werden können.
2.2.5 Hautfaltendickemessungen
Darüber hinaus ist es, auch bei Kindern, möglich, durch Hautfaltendickemessungen Aussagen über die Körpermasse zu machen. Mit einem Caliper 55 wird die Dicke des subkutanen Fettes an relevanten Körperstellen ermittelt und dadurch können Rückschlüsse über den Gesamtkörperfettanteil gezogen werden. Die dabei gemessenen Stellen, an denen abgehobene Hautfalten und die darunter liegenden Fettschichten untersucht werden, liegen über „musculus biceps und musculus trizeps, subskapular und suprailiakal“56. Anhand der dabei gewonnenen Ergebnisse kann die Körperfettmasse errechnet werden. Der Vorteil der Hautfaltendickebestimmung ist, dass sie auch bei Kindern anwendbar ist und ein sehr kostengünstiges und schnelles Verfahren ist, welches deshalb häufig bei großangelegten Studien benutzt wird. Der Nachteil dieser Methode ist, dass der Untersuchende sehr erfahren sein muss, um genau die
53 Vgl. Goran (1999), S. 203.
54 Vgl. Sangi & Mueller (1999), S. 879.
55 Anhang 10.1.7 zeigt eine Messung und den Messpunkt mit einem Caliper am suprailiakalen Punkt
56 Wechsler (2003), S. 50.
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richtigen Messstellen zu treffen. Außerdem kann durch einen Caliper lediglich das subkutane Fettgewebe erfasst werden und das intraabdominale Fettgewebe, das ebenfalls einen Einfluss auf den Gesundheitszustand der Patienten hat, nicht, was zur Folge hat, dass die Calipermessung im günstigsten Fall eine Unsicherheit zwischen 3,5 - 6 % der Körpermasse mit sich bringt. 57
2.2.6 Weitere Diagnosemöglichkeiten
Neben den bereits erwähnten Mess- und Diagnosemöglichkeiten, die dazu dienen, die Körperkonstitution des Menschen zu erfassen und zu untersuchen, ob ein gesundheitsbedenkliches Risiko infolge einer erhöhten Fettansammlung und Fettverteilung bestehen könnte, gibt es noch zahlreiche weitere Methoden, von denen ich die wichtigsten in groben Zügen anführen werde. Große Erwartungen setzte die Wissenschaft bis vor kurzer Zeit in eine neuartige Messmethode, die eine der größten Schwierigkeiten, bei zum Beispiel der Evaluation von Diäten, beheben sollte. Durch die bioelektrische Impedanzanalyse (BIA) erhoffte sich die Wissenschaft, Fortschritte bei Diäten mit gleichzeitigem Muskelaufbau besser zu erkennen, da bei diesen Patienten davon auszugehen ist, dass das Fettgewebe ab- und gleichzeitig Muskelmasse aufgebaut wird, wodurch auf der Waage das Absolutgewicht häufig unverändert bleibt, was unmotivierend auf die Patienten wirken kann. Die BIA sollte diesen Makel beheben, indem eine geringe elektrische Wechselspannung zwischen den Händen und den Füßen angebracht wird und dadurch differenziert das Körperfettgewebe und die fettfreie Körpermasse ermittelt werden können. „Dieses Verfahren beruht auf der Tatsache, dass die fettfreie Körpermasse eine bessere elektrische Leitfähigkeit hat als das Fettgewebe“ 58 , da fettfreie Körpermasse (z.B. Muskelmasse) einen höheren Wasser und Elektrolytgehalt hat als die Körperfettmasse. Daraus kann dann durch Analyseprogramme differenziert der Körperfettgehalt und die fettfreie Körpermasse abgeleitet werden. Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie relativ einfach durchführbar und unabhängig von der Körpergröße anwendbar ist, was sich darin spiegelt, dass sie in zahlreichen me- 57 Vgl.Wechsler (2003), S. 50.
58 Lehrke (2004), S. 16.
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dizinischen und sportwissenschaftlichen Einrichtungen eingesetzt wird 59 . Dennoch sollte man beachten, dass diese Methode, da schnell und einfach anwendbar, zwar für großangelegte Studien sinnvoll sein kann, jedoch größere Defizite bei der Genauigkeit aufweist und von zahlreichen Störfaktoren beeinflusst werden kann, wie Körperhaltung, Hydrationszustand, vorangegangene körperliche Aktivität etc. 60 Ein weiteres Indiz, dass die BIA nach heutigem Forschungsstand ungenau ist, ist die Tatsache, dass je nach unterschiedlichen BIA-Geräten und Messmethoden die berechnete Körperfettmasse bis zu 10% der Gesamtkörpermasse abweichen kann 61 .
Eine weitere interessante Diagnose- und Messmethode stellt die Dual-Energy-X-Ray-Absorptiometry (DXA) dar, welche auf der Röntgentechnologie basiert. Die relativ schwachen Röntgenstrahlen werden je nach unterschiedlicher Dichte des Körpergewebes oder der Knochenmasse verschieden stark absorbiert, wodurch nach einem Ganzkörperscan, der in der Regel zwischen 2 und 15 Minuten dauert, Rückschlüsse über die Körperkonstitution des Patienten in Bezug auf Knochenmineralien, fettfreies Gewebe und Körperfettgehalt gezogen werden können. 62 Die Genauigkeit dieser Methode ist relativ hoch, wurde in Tierstudien validiert und es zeigte sich, dass diese Messungen gute Ergebnisse bei der Erfassung von Fett- und Magermasse liefern. 63 Jedoch sind für diese Erhebungen sehr kostspielige Apparaturen notwendig und der Patient muss sehr kooperativ sein oder im Idealfall schlafen, da bei zu großen Bewegungen die Ergebnisse verfälscht werden können. Außerdem ist es, trotz gering gehaltener Strahlung bedenklich, wenn man Patienten einer zusätzlichen Strahlenbelastung aussetzt, obwohl es deutlich schonendere Methoden gibt. Darüber hinaus hat unter anderem Roubenoff herausgefunden, dass diese Messungen lediglich bei normalgewichtigen bis schwach übergewichtigen Menschen gute Ergebnisse liefern und die Genauigkeit der DXA mit zunehmender Körperfettschichtdicke
59 Vgl. Wechsler (2003), S. 52.
60 Vgl. Wühl et al. (1996), S. 79.
61 Vgl. Wechsler (2003), S. 52.
62 Vgl. Wabitsch; Hebebrand; Kiess; Zwiauer (2005), S. 272.
63 Ebd.
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abnimmt, da das Fettgewebe stark energieabsorbierend wirkt und die Auswertung erschwert. 64
Als letzte Methode 65 möchte ich die Densitometrie anführen, die auf Grund der hohen Genauigkeit häufig als Referenzverfahren für andere Methoden benutzt wird und von vielen Autoren als „Gold-Standard“ 66 angesehen wird. So erläutert Sonja Lehrke, dass der „Fettanteil bei einer 100 kg schweren Person auf ca. ± 300 g genau errechnet werden kann“ 67 , was eine außerordentlich gute Quote ist. Das Prinzip dieser Diagnostik beruht auf der Tatsache, dass durch das Eintauchen eines Körpers in einen mit Wasser gefüllten Behälter das Volumen sehr genau berechnet werden und mit Hilfe der zusätzlich ermittelten Körpermasse die Körperdichte errechnet werden kann (ρ-Mensch = m/V). Mit Hilfe eines Zweikompartimentmodells kann dann von der Körperdichte durch eine Gleichung von Siri direkt der Körperfettgehalt geschlossen werden. 68 Diese Methode ist wie bereits erwähnt sehr genau und eine direkte Messung der Körperkonstitution ist möglich, jedoch ist auch hier der apparative Aufwand sehr groß und auch der Zeitaufwand für einzelne Messungen nicht zu unterschätzen, weswegen sich diese Methode eher für Forschungszwecke eignet und für größer angelegte Studien mit vielen Probanden eher ungeeignet ist. Besonders gute Ergebnisse zeigten sich durch eine Kombination aus der DXA-Methode und der Densitometrie, da durch die DXA zuerst die Knochenmasse ermittelt werden kann und anschließend durch die Densitometrie speziell das Körperfett ermittelt wird. Durch dieses Mehrkompartimentenmodell ist eine noch größere Genauigkeit gegeben. 69
Insgesamt existieren also zahlreiche Methoden zur Diagnostik der Körperzusammensetzung des Menschen, die zum Großteil jedoch sehr aufwendig und auch teuer sind, weswegen sich in der Praxis und in größeren Studien vor allem
64 Roubenoff et al. (1993), S. 589.
65 Den Anspruch auf Vollständigkeit der Diagnosemöglichkeiten kann dabei nicht erfüllt werden, da die Zahl der immer wieder neu aufkommenden Messmethoden sehr hoch ist, jedoch wurden die nach aktuellem Forschungsstand bedeutendsten genannt.
66 Lehrke (2004), S. 16.
67 Ebd.
68 Genauer in: Wechsler (2003), S. 56.
69 Ebd. S. 57.
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3. Prävalenzen und Verbreitung von Adipositas in Deutschland
der BMI oder andere leicht zu ermittelnde Verfahren wie das WHR bewährt und durchgesetzt haben, wobei auch andere Methoden je nach Intention durchaus ihren berechtigten Einsatz in Forschung und Praxis haben. Sehr wichtig ist außerdem, dass man vorsichtig mit Studien umgeht, die unterschiedliche Messmethoden benutzen, da je nach Vorgehensweise und Methode etwas variierende Ergebnisse zutage kommen können, welche die Vergleichbarkeit schmälern. Eine Studie von Joey Eisenmann hat herausgefunden, dass vor allem die BIA verglichen mit der DXA teilweise große Unterschiede bei der Untersuchung der gleichen Probanden ergeben haben, was bedeutet, dass man diese Schwankungen bei studienübergreifenden Forschungen berücksichtigen muss, um unverfälschte Ergebnisse zu haben. Im Idealfall werden bei vergleichenden Studien dieselben Messmethoden benutzt. Eisenmanns Studie hat darüber hinaus ergeben, dass die einfachsten Methoden häufig die genausten sind und anthropometrische Messungen wie BMI und Hautfaltendicke ausgezeichnete Ergebnisse liefern. 70
3. Prävalenzen und Verbreitung von Adipositas in Deutschland
Da sich meine Arbeit vor allem auf Adipositas im Kindes- und Jugendalter bezieht, möchte ich die Untersuchungen von den Prävalenzen und der Verbreitung dieser Gesundheitsstörung hauptsächlich auf diese Altersgruppe beziehen. Zuvor ist es dennoch lohnenswert, zumindest knapp gefasst, die Adipositasverbreitung im Erwachsenenalter zu analysieren, zumal nach der Veröffentlichung einer breit angelegten Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) am 23. April 2007 heftige Debatten über den Gesundheits-zustand der deutschen Bevölkerung im internationalen Vergleich ausgebrochen sind, die wochenlang durch die Medien gegangen sind und noch heute gehen. Dieser Vergleichsstudie nach sind in Deutschland ungefähr 75% der Männer und fast 59% der Frauen übergewichtig oder adipös, was bedeutet, dass Deutschland im internationalen Vergleich weitaus höhere Prozentsätze an Men-
70 Ausführlichin: Eisenmann; Heelan; Welk (2004), S. 1633 - 1640.
20
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Steven Kiefer, 2008, Untersuchungen zu den Ursachen und Auswirkungen juveniler Adipositas, Munich, GRIN Publishing GmbH
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