Gliederung
1 Einleitung - 3 -
2 Historische Wirklichkeit und Büchners Drama im Vergleich. - 4 -
3 Transformation - Mittel und Wirkung - 7 -
3.1 Prinzip der Entbrutalisierung - 7 -
3.2 Prinzip der Brutalisierung - 8 -
3.3 Kritik an Clarus’ Unterstellung von Kant’scher Willensfreiheit - 9 -
3.3.1 Das Unterdrückungssystem. - 9 -
3.3.2 Die Sprache Woyzecks - Zwischen Wahn und Wahrheit. - 11 -
4 Büchners „Urteilsspruch“ - 12 -
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1 Einleitung
„Am [2.] Juni 1821, ½ 10 Uhr abends, sticht der arbeitslose Friseur
Johann Christian Woyzeck, 41 Jahre alt, in einem Hausflur der Sandgasse in Leipzig die 46jährige Witwe Johanna Christiane Woost nieder.“
Diese Zeilen stammen aus den so genannten Clarus-Gutachten, welche Georg Büchner als Vorlage für sein Dramenfragment „Woyzeck“ dienten.
Hinsichtlich Stoff- und Motivwahl orientierte sich Büchner neben dem „Fall Woyzeck“ noch an zwei weiteren historischen Fällen. Sie ähneln sich insofern, dass in allen drei Fällen ein Mann niederen soziales Status seine Geliebte mit einem Messer ermordete. Auch wurde nach der Tat stets ein gerichtsärztliches Gutachten hinsichtlich der Zurechnungsfähigkeit des Täters eingefordert.
Da der „Fall Woyzeck“ die Hauptquelle Büchners darstellt, wird sich diese Arbeit allerdings ausschließlich auf diesen und die damit zusammenhängenden Clarus-Gutachten konzentrieren. Dabei gilt es zu beachten, dass die Gutachten nicht nur als bloßes Quellenmaterial verstanden werden dürfen. Denn durch die Transformation der historischen Gestalt in seine Dramenfigur „Woyzeck“ wendet sich Büchner gezielt gegen die Darstellung in den Gutachten und übt so gleichzeitig Kritik.
Wie diese Kritik im Einzelnen erfolgt, auf welche Weise Büchner durch Übernahme, vor allem aber durch Abwandlung, bestimmter Motive gegen die Clarus-Gutachten anschreibt, wird im Folgenden ausführlich untersucht.
Zunächst aber soll eine kurze Gegenüberstellung von den historischen Gegebenheiten in den Clarus-Gutachten und Büchner’scher Woyzeck-Figur einen grundlegenden Überblick über die Materie ermöglichen.
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2 Historische Wirklichkeit und Büchners Drama im Vergleich
Im Juni 1821 erstach der 41jährige ehemalige Soldat und zum damaligen Zeitpunkt bereits arbeitslose Perückenmacher Johann Christian Woyzeck seine Geliebte, die 46jährige Witwe Woost. Als Motiv für die Tat wird Eifersucht genannt, denn Woyzeck war bekannt, dass die Witwe Umgang mit anderen Männern pflegte. Als Mordinstrument benutzte er eine abgebrochene Degenklinge, und nach der Tat ließ er sich sofort widerstandslos festnehmen. Sein Verteidiger warf nun die Frage auf, inwiefern Woyzeck zum Zeitpunkt der Tat überhaupt zurechnungsfähig gewesen sei, und regte so eine gerichtsärztliche Beobachtung von Woyzecks Geisteszustand an. Darauf folgten zwei Gutachten, die von Doktor Johann Christian August Clarus verfasst wurden.
Beim Lesen dieser Gutachten gewinnt man den Eindruck, dass sich Clarus sehr bemüht hat, die Frage gründlich zu erörtern. So führte er mehrere Gespräche mit Woyzeck, betrachtete dessen Äußeres, sowie dessen körperliche und geistige Gesundheit und beleuchtete unter anderem auch die Biographie Woyzecks, um zu klären, wie es hatte zu dem Mord an der Woostin kommen können. Auch hinsichtlich des Gemütes tätigte er breitflächige Untersuchungen.
Gleichzeitig wählte er unterschiedliche Zeitpunkte für die Befragungen, um ein möglichst umfassendes Bild abzuliefern, wodurch die Gutachten fast in die Nähe einer modernen psychologischen Längsschnittstudie rücken.
Doch gerade wegen der methodisch gut durchdachten Untersuchungen erscheint deren Ergebnis umso überraschender: Woyzeck weise gemäß den Gutachten keinerlei Geistesstörung auf! - Trotzdem Woyzeck eindeutig unter einer schweren Psychose litt, die sich unter anderem durch Depressionen, Herzjagen, Zittern, Gedankenstillstand, Stimmenhören, Gefühlshalluzinationen und Verfolgungswahn äußerte, und trotzdem diese in den Gutachten von Clarus objektiv auch eingehend analysiert wird, vertrat dieser den Standpunkt, die Mordtat sei lediglich die Konsequenz von moralischer Verkommenheit und sexueller Zügellosigkeit gewesen.
Die Stimmen und Visionen Woyzecks erklärte er durch „Unordnungen des Blutkreislaufes“. Es gäbe deshalb keinen Grund anzunehmen, „Woyzeck habe sich vor, bei oder nach der Mordtat im Zustand einer Seelenstörung befunden oder dabei nach einem
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Antje Albert, 2004, Transformation des historischen Woyzeck in die literarische Figur Büchners, München, GRIN Verlag GmbH
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