Gliederung
1 Einleitung - 3 -
2 Untersuchung der Einflussfaktoren. - 4 -
2.1 Das Beziehungsgeflecht - 4 -
2.2 Der Bereich des Psychoanalytischen. - 7 -
3 Theoretische Ideen - 10 -
3.1 Nietzsche und die Kritik an der Zuverlässigkeit der Sprache - 11 -
3.2 Zeitgeschichtliche Theorien - 12 -
4 Einordnung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit - 13 -
4.1 Dokumentarisches Schreiben - 13 -
4.2 Sprache - 13 -
4.3 Das Paradoxon von der Tatsächlichkeit der Tatsachen. - 14 -
5 Fazit. - 15 -
6 Literatur. - 16 -
- 2 -
1 Einleitung
Manche Lesarten wurden bereits gefunden für das kleine Werk Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord von Alfred Döblin, eine davon ist die literarische. Der deshalb legitim als Erzählung zu bezeichnende Text wurde erstmals 1924 im Rahmen der Schriftenreihe Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart veröffentlicht. Döblin rekonstruiert darin den historischen Fall zweier Freundinnen, die den Ehemann der einen mit Arsen töten. Der Fall und besonders das verhältnismäßig milde Urteil, das den Täterinnen auferlegt wurde, erregte zur damaligen Zeit sehr viel Aufmerksamkeit. Döblin beschäftigte sich daraufhin eingehend mit der Anklageschrift und dem Prozess und montierte in sein Werk viel Authentisches.
Auffallend an der Erzählung ist deshalb der stark dokumentarische Stil, der ihr zugrunde liegt. Dieser dient jedoch nicht allein dem peniblen Berichten von Tatsachen, sondern ist Teil des Programms, das Döblin entwickelt:
Die Schwierigkeiten des Falles wollte ich zeigen, den Eindruck verwischen,
als verstünde man Alles oder das Meiste an diesem massiven Stück Leben. 1
Diese Worte können als zentrale These der Erzählung betrachtet werden. - Inwiefern es Döblin gelingt, sie umzusetzen, soll nun im Folgenden untersucht werden. Zunächst wird das Beziehungsgeflecht dargestellt, das Netz von Faktoren, die auf die Hauptcharaktere einwirken, diese in ihrem Handeln beeinflussen und - als Teil eines „Konvolut[s] von Tatsachen“ 2 - den Mord herbeiführen. Dabei werden auch psychologische und wissenschaftliche Erkenntnisse, die Döblin in die Erzählung hat einfließen lassen, beleuchtet.
Die Konsequenz des Döblinschen Programms soll anschließend an der Einordnung der Erzählung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit ersichtlich werden. Dies erscheint besonders in Hinblick auf die sprachliche Gestaltung und das dokumentarische Schreiben interessant, soll aber vordergründig die Umsetzung der oben genannten These behandeln.
1 DÖBLIN, Alfred: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, Berlin 1924, S. 117.
2 Döblin: Die beiden Freundinnen, S. 113.
- 3 -
2 Untersuchung der Einflussfaktoren
Getreu den Worten des Epilogs „Das Ganze ist ein Teppich, der aus vielen einzelnen Fetzen besteht [...]“ 3 ist die Erzählung mosaikartig aufgebaut. So lässt sie sich in mehrere Abschnitte gliedern, die jeweils aus einem anderen Schwerpunkt, einem anderen „Fetzen“, bestehen. - Viel Platz wird der Vorgeschichte des Mordes eingeräumt. In dieser wird anfangs nur auf das Verhältnis der beiden Hauptfiguren, der späteren Mörderin Elli Link zu ihrem Ehemann und späteren Opfer Tischler Link 4 , eingegangen. Chronologisch folgt die Beziehung der Elli zu Margarete Bende, aus der sich ein lesbisches Verhältnis entwickelt. Für den Verlauf des geschilderten „Falles“ sind jedoch auch die anderen Akteure, wie die Eltern Links, Ellis und der Bende, genauso wie der Ehemann der Bende von Bedeutung. An den Tod Links schließt der zweite Abschnitt an, die Gefängnisszene. Auf diese folgt im dritten Abschnitt der Prozess, der wiederum ausführlich geschildert wird. Danach sind so genannte „Zeitungsnotizen“ und der Versuch eines Überblicks zur Fallentwicklung eingefügt, bevor es im letzten Sinnabschnitt zum überaus bedeutsamen „Epilog“ kommt. Der Erzählung beigefügt findet sich auch eine Handschriftenprobe der Margarete Bende (in Sütterlin), rückseitig die dazugehörige graphologische Deutung.
2.1 Das Beziehungsgeflecht
Wie gesagt, beginnt Döblin seine Erzählung mit der Vorgeschichte des Mordes. Im Zentrum der Betrachtung steht hierbei die Frage: Welche Einflussfaktoren wirken auf die Figuren und wie beeinflussen sich die Figuren untereinander?
Dabei fällt vor allem die Determination durch die Elterngeneration auf. Indirekt haben die Eltern genetische sowie erzieherische Spuren (das eine ist von dem anderen oftmals schwer zu unterscheiden) an ihren Kindern hinterlassen. Doch auch in direkter Beeinflussung drängen sie die Kinder zu bestimmten Verhaltensweisen.
Beide Arten des Einflusses finden sich in Hinblick auf die Mutter Links. - Zum einen wird hinterfragt „warum erzieht sie so herzlose Kinder“ 5 , zum anderen herrscht zwischen Mutter und Sohn ein beiderseitig abweisendes Verhältnis. Dieses wirkt sich außerdem auf Elli aus, gegen die die Mutter hetzt und sich so aktiv in die Beziehung zwischen Elli und Link
3 Ebd., S. 112.
4 Die Namen der Figuren in dieser Arbeit orientieren sich an der Erzählung, weshalb der Tischler Link im
Folgenden als „Link“, Elli Link als „Elli“ und Margarete Bende als „Bende“ bezeichnet werden.
5 Döblin: Die beiden Freundinnen, S. 76.
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einmischt. 6 - Der Vater Links hat sich erhängt, ist als Einflussfaktor also nicht mehr direkt wahrzunehmen. Dennoch wirkt der väterliche Selbstmord auf Link, der zum „Darstellungsmittel diesesalten [sic!] Schicksals“ 7 mutiert und sich selbst immer wieder erhängen will.
Auch Elli ist nicht frei vom Einfluss ihrer Eltern. So heißt es von ihr nicht ohne Grund, sie sei immer Tochter geblieben. 8 Besonders ihr patriarchischer Vater übt einen erheblichen Einfluss auf sie aus, obwohl er sich dessen nicht bewusst ist. 9 So wählt sich Elli einen Ehemann, der den gleichen Beruf hat wie ihr Vater. Als sie später mit dem Gedanken der Ehescheidung spielt und Link verlassen will, drängt der Vater sie, getreu seinem konventionellen Leitspruch „die Frau gehört zum Mann“ 10 , zweimal zu Link zurückzukehren. Trotz der sie dort erneut erwartenden Misshandlungen, fügt sie sich ihren Eltern, vor allem dem Vater. - Dies greift bereits in den Bereich des Psychoanalytischen, dem ich mich an anderer Stelle gesondert widmen werde.
Mit der Ehe verbinden Elli und Link unterschiedliche Erwartungen. Elli, die hoffte, Link sei ein Abbild ihres Vaters, fühlt nun: „[...] er ist nicht der ernste Mann, dem ich folgen will“. Link hingegen sehnt sich nach einer „warmen hegenden Liebe“, zu derer sie ihm aber keine Möglichkeit gibt. 11
Durch die beiderseitige Enttäuschung kommt es zu ausartendem Streit zwischen Elli und Link. - Und an dieser Stelle muss bereits darauf hingewiesen werden, dass das „durch“ zu Beginn des vorhergehenden Satzes dort womöglich unglücklich steht, da es einen zu großen Anschein von Monokausalität vermittelt. - Denn worum es Döblin in der Erzählung vor allem geht, ist, die verschiedenen Einflussfaktoren aufzuzeigen, die die Charakteredirekt oder indirekt - in ihrem Handeln prägen. Der eben erwähnte Streit ist daher als ein Konglomerat verschiedener Einflüsse zu sehen, die hier jedoch, um zu vereinfachen, mit dem Wort „Enttäuschung“ zusammengefasst werden.
So kommen auch andere Einflussfaktoren im Text vor: Link beginnt mit dem Trinken und er besucht des Öfteren radikalpolitische Veranstaltungen. Beides erhöht seine Brutalität. Demgegenüber beginnt Elli das Verhältnis mit Margarete Bende, das die Beziehung zwischen ihr und Link wohl am nachhaltigsten prägt. Bei dieser Liaison spielt auch der Zufall eine Rolle, denn ohne Link würde Elli die Bende nicht kennenlernen, und Elli ist
6 Ebd., S. 18.
7 Ebd., S. 48.
8 Ebd., S. 43.
9 Ebd., S. 92.
10 Vgl. Döblin: Die beiden Freundinnen, S. 44.
11 Döblin: Die beiden Freundinnen, S. 13.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Antje Albert, 2005, Die Tatsächlichkeit der Tatsachen, München, GRIN Verlag GmbH
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