Anregung für den Religionsunterricht in einer Situation religiöser Vielfalt
0. Vorwort Muss die Bibel im Mittelpunkt stehen 3
1. Bibeldidaktik Wie und Weshalb 4
1.1. exemplarische Möglichkeiten der Bibeldidaktik (nach Baldermann) 6
1.1.1.a.Psalmen 6
1.1.1.b.Wundergeschichten 7
1.2. Typen biblischen Unterrichtes (nach Berg) 8
1.3. Zwischenfazit zur Bibeldidaktik 9
2. Religiöse Pluralität im Religionsunterricht 10
2.1. Der Schüler in einer religiös vielfältigen Gesellschaft 10
2.2. Aufgaben Ziele und Fragen für einen interreligiösen Religionsunterricht 11
3. Moderner Religionsunterricht und Bibeldidaktik im Einklang 12
3.1. Ein Anwendungsversuch (Primarstufe) 13
4. Resümee 15
5. Literaturverzeichnis 16
5.1. Fachspezifische Nachschlagewerke 16
5.2. Bibeldidaktik 16
5.3. Interreligiöser Interkultureller Religionsunterricht 17
5.4. Digitale Literatur 18
0. Vorwort – Muss die Bibel im Mittelpunkt stehen?
„Muß die Bibel im Mittelpunkt des Religionsunterrichts stehen?“ 1 fragte Hans-Bernhard Kaufmann auf einer Tagung in Loccum, Oktober 1966. Er stellte diese Frage und seine darauf folgenden Thesen zu einer Zeit auf, da man die religionsdidaktischen Konzepte, wie schon so häufig im 20. Jahrhundert, diskutierte und weiter zu entwickeln suchte. Über allen Konzepten stand die Frage, ob den Religion überhaupt lehrbar sei 2 ; wie sie bereits Richard Kabisch von 1910 an mehrfach formuliert hatte 3 . Kaufmann selbst vertrat schließlich die Ansicht, die biblischen Texte sollten nicht mehr solch eine zentrale Position innehaben, wie sie ihnen bis dahin in der Evangelischen Unterweisung und den hermeneutischen Konzeptionen zukam. Bald hieß es:„Nicht der Schüler und die Schülerin sind von der Bibel her zu verstehen, sondern die Bibel von den SchülerInnen und deren (gegenwärtigen, vor allem aber zukünftigen) Lebenssituation her.“ 4 In den folgenden Jahrzehnten begann die Religionsdidaktik schließlich, dem Religionsunterricht die Bibel zu entziehen. Mit der zunehmenden (religiösen) Umstrukturierung unserer Gesellschaft verschwand die Bibel letztendlich fast vollständig aus dem Religionsunterricht, da oftmals nur noch ein geringer Anteil von Schülern am Religionsunterricht teilnehmen wollte, beziehungsweise überhaupt einen konfessionellen Hintergrund besaß. Wurde das religiöse Leben in den fünfziger und sechziger Jahren überwiegend durch katholische oder evangelische Konfession und Konfessionslosigkeit geprägt 5 , so nahm der Anteil weiterer Religionen wie beispielsweise dem Islam, Buddhismus oder Hinduismus am gesellschaftlichen Leben in den letzten Jahrzehnten stark zu. Dementsprechend veränderten sich auch die Ansprüche und Probleme der Schülerschaft. Dieser Situation religiöser Pluralität versuchten zuerst die Symboldidaktik und der problemorientierte, später der interreligiöse Religionsunterricht zu entsprechen. Für den heutigen evangelischen Religionslehrer müsste also durchaus ein interreligiöser Religionsunterricht das Ziel zu sein. Weshalb jedoch sollten dabei nicht auch einige, scheinbar veraltete, Konzepte wie die Bibeldidaktik behilflich sein?
Ich möchte in dieser Arbeit, ausgehend von Baldermann und Berg, zu zeigen versuchen, dass die Bibel und ein auf ihr basierender Religionsunterricht durchaus auch
1 Kaufmann, Mittelpunkt, S.79.
2 Vgl. Lämmermann, Religionspädagogik, S.8.
3 Kabisch, Richard, Wie lehren wir Religion? Göttingen 1910.
4 Lämmermann, Religionspädagogik, S.139.
5 Die religiöse Entwicklung in der DDR möchte ich hierbei außen vor lassen, da sie die Arbeit wohl zu umfangreich gestalten würde.
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PS Religionsunterricht und religiöse Vielfalt
in einer religiös pluralen Gesellschaft eine Rolle spielen darf und diese These eingangs kurz begründen.
Wenngleich auch ständige religiöse Pluralität auf der einen Seite vorherrscht, so sollte man schließlich nicht vergessen, dass man nicht nur in Deutschland noch von einer stark christlich geprägten Kultur umgeben ist. Allerdings fehlt Schülern und Jugendlichen zunehmend das nötige Hintergrundwissen um dergleichen zu erkennen und zu verstehen. Als aktuelles Beispiel dürfte wohl durchaus der Kinofilm „The Passion of Christ“ 6 dienen, bei welchem ein der Bibel unkundiges Publikum durchaus Verständnisprobleme hat – ein Film über den im Feuilleton einer beinahe jeden Zeitung berichtet wurde, dem viele Zuschauer jedoch mit Unwissen entgegentreten müssen. Ein weiterer Beweggrund für diesen Rückgriff auf die Bibeldidaktik ist jener, dass ich während meinem Hospitationspraktikum an zwei Grundschulen die Erfahrung machen durfte, welche Wirkung das Lesen und Erzählen biblischer Geschichten auch noch auf heutige Kinder und Jugendliche bewirken kann, die doch zumeist durch Rundfunk, Fernsehen und Computer eine ganz andere Medienkompetenz erlangt haben, als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren.
1. Bibeldidaktik – Wie und Weshalb?
Die Bibel – ein Bestseller der Seinesgleichen sucht, die Quelle christlichen Theologie ist und somit auch einen der wichtigsten Bestandteile christlicher Kultur darstellt. Über Jahrhunderte prägten biblische Texte die Lebens- und Erfahrungswelten der Menschen. Also auch die von Kindern und Jugendlichen. Dennoch ist wohl nur noch selten anzunehmen, dass sich die meisten Jugendlichen heutzutage wirklich bewusst sind, inwiefern sie in ihrem Alltag auf christliche Bräuche und biblische Geschichte stoßen. Die Bibel nimmt scheinbar keine Rolle mehr in ihrer Umwelt ein. 7 Häufig wirken die Texte schwer und unverständlich, die Erzählungen spielen sich in einer Gesellschaft ab, deren Aufbau und Gepflogenheiten scheinbar nichts mit der heutigen Zeit zu tun haben. Horst K. Berg macht verschiedene Gründe dafür aus, dass die Bibel und biblischer Religionsunterricht über eine längere Zeit kaum noch als „Lebensorientierung“
6 „The Passion of Christ“ von Mel Gibson (Prod.), © by ICON 2004. Zum Verhältnis Jugendlicher
(Moslems) und der Gewaltdarstellung in diesem Film, kurz angerissen, siehe: Michael Lenz, Der Nagel
vom Kreuz am Band, in: Berliner Zeitung vom 16.03.2004, S.8.
7 Vgl. Lähnemann, Umgang, S.245f.
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wahrgenommen wurden – Erfahrungsverlust, Relevanzverlust und Effektivitätsverlust.
8
Erfahrungsverlust, also die Bibel nur noch als Textkorpus denn als Traditionsgut zu betrachten, ist hier wohl der problematischste Aspekt. Das Buch steht im Schrank, wird aber nicht gelesen. Relevanz- und Effektivitätsverlust sind dessen direkte Folge. Durchaus unterstützt wurde dieses Problem dadurch, dass die Bibel etwa seit Kaufmanns Thesen Ende der sechziger Jahre zunehmend aus dem Religionsunterricht verschwand. In der Praxis machte Ingo Baldermann jedoch die Erfahrung, dass Schülern insbesondere bei der Arbeit mit Psalmen die Möglichkeit gegeben werden kann, Alltagserfahrung und Gefühle auszudrücken, ohne sich vor Mitschülern bloßzustellen (nähere Ausführungen unter Punkt 1.1.1.a). Er spricht von „der eigenen Didaktik der Bibel“
9
, und vom „Vorsprung der Bibel“
10
gegenüber den meisten anderen Büchern und begründet diesen Vorsprung zumeist durch die Besonderheiten biblischer Sprache.
Sicherlich gilt dabei stets aber auch, Bibeltexte differenziert zu betrachten und dementsprechend im Unterricht zu verwenden. So sind beispielsweise viele Psalmen oder Gebetstexte in zumeist klaren, eindeutigen und daher auch Kindern verständlichen Worten geschrieben. Bei vielen anderen Texten hingegen bedarf es durchaus einiger Mühe und Vorarbeit, um sie zu verstehen. Dieses ist dann häufiger der Fall bei Erzählungen, Gleichnissen oder Gesprächen, deren (historischer) Kontext erst mit dem Schüler erarbeitet werden muss, damit er die Tragweite des Geschehens verstehen kann. 11 Hierbei wird von Baldermann verlangt, auf historisch-kritische Exegese zurückzugreifen 12 und andere Texte außerhalb der Bibel hinzuzuziehen. Ziel der Bemühungen ist es letztlich, Schülern die Möglichkeit zu offenbaren, die Bibel als ein Buch des Lernens und des Lebens zu erfahren. 13 Hauptanliegen des Religionsunterrichtes ist es, nicht alle Bibeltexte durchzuarbeiten, sondern die Schüler „fähig zu machen, zum Verstehen biblischer Texte“. 14 Sie sollen lernen, Intention und Bedeutung von Texten wahrzunehmen und für ihr eigenes Leben umzusetzen. H.K. Berg fordert dementsprechend, Bibeldidaktik
8 Berg, Methoden, S.163.
9 Baldermann, Buch, S.5. Ähnlich zu finden aber auch in den meisten anderen seiner Werke. 10 Ders., Vorsprung, S.69.
11 Als Beispiel für Verständnisprobleme führt Baldermann dann häufig die Rolle der Zöllner im NT an. Ohne entsprechendem historisch-gesellschaftlichen Hintergrundwissen, werden viele Handlungen Jesu, wie das Mahl mit den Zöllnern (Mk 2,14ff) unverständlich.
12 Vgl. Baldermann, Psalmen, S.9.
13 Vgl. ders., Buch, S.10-19.
14 Ders., Vorsprung, S.79.
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Arbeit zitieren:
Frank Hampel, 2004, Die biblische Didaktik, München, GRIN Verlag GmbH
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