Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Hauptteil 2
2.1 Zu den Begriffen Kriminalität und abweichendes Verhalten 2
2.1.1 Die Spannweite des Begriffes des abweichenden Verhaltens 2
2.1.2 Zu dem Begriff der Kriminalität. 3
2.2 Ursachen von Kriminalität: Soziologische Kriminalitätstheorien 4
2.2.1 Anomietheorien 4
2.2.2 Theorien des Labeling Approach 9
2.3 Vergleichende Beurteilung der verschiedenen Ansätze 14
2.3.1 Zur Methodologie 14
2.3.2 Inhaltliche Würdigung der Ansätze. 15
2.3.3 Praktische Anwendbarkeit der Ansätze. 16
3 Schlussteil 18
4 Literaturverzeichnis 20
1 Einleitung
Obwohl das abweichende Verhalten generell als ein Verstoß gegen die institutionellen Normen betrachtet wird, analysieren einige soziologische Theorien das Phänomen des abweichenden Verhaltens auch als eine soziale Regulierung zwischen den Individuen und der Gesellschaft. Was konform und nicht konform ist, lernt das Individuum schon in den ersten Jahren seiner Sozialisation. In manchen Situationen handelt der Mensch jedoch gegen die internalisierten Normen.
Was versteckt sich hinter dem Begriff des abweichenden Verhaltens, ist die zentrale Frage der vorliegenden Hausarbeit. Dazu soll im ersten Schritt, in Kapitel 2.1, die Spannweite des Begriffes des abweichenden Verhaltens erläutert und davon der Begriff der Kriminalität abgegrenzt werden. In Kaptitel 2.2 werden die Grundzüge verschiedener soziologischer Kriminalitätstheorien vorgestellt, um die ausgewählten Anomietheorien und Ansätze des Labeling Approach schließlich in Kapitel 2.3 daraufhin zu untersuchen, inwieweit sie das Phänomen des abweichenden Verhaltens erklären wollen und können.
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2 Hauptteil
2.1 Zu den Begriffen Kriminalität und abweichendes Verhalten
2.1.1 Die Spannweite des Begriffes des abweichenden Verhaltens
Als abweichend oder deviant wird jenes Handeln von Personen oder Gruppen bezeichnet, dass gegen die gültigen Normen und Verhaltenserwartungen verstößt und im Zuge der sozialen Kontrolle sanktioniert wird oder werden kann 1 .
Der Soziologe Siegfried Lamnek geht davon aus, dass abweichendes Verhalten dann vorliegt, wenn gegen eine Norm als Verhaltensanforderung verstoßen wird und
dieser Verstoß geahndet werden soll 2 . Diese Definition resultiert aus einer Kombination von drei Definitionsmöglichkeiten, die Lamnek wie folgt bewertet:
Eine ausschließlich normorientierte Begriffsabgrenzung des abweichenden Verhaltens wäre insofern zu eng gefasst, als dass ohne ein konkretes Vorhandensein von Normen, abweichendes Verhalten nicht festgestellt werden könnte. Im Alltagsverständnis kann jedoch auch solches Handeln als abweichend bewertet werden, dem keine übergeordneten Normen zugrunde liegen. Zudem sind Normen, verstanden als Verhaltensaufforderungen 3 , von Kultur zu Kultur unterschiedlich. So ist es bei den Eskimos zum Beispiel Brauch, aus Gastfreundschaft dem Besucher seine eigene Frau anzubieten, während ein derartiges Handeln in westlichen Kulturen als abweichend beurteilt werden würde. Weiterhin sind Normen auf intrakultureller Ebene variabel. Dies ist so zu verstehen, dass Normen für unterschiedliche Adressatengruppen unterschiedliche
Ausprägungen erfahren. Beispielsweise wird es im Allgemeinen als viel gravierender empfunden, wenn ein Arzt wegen unterlassener Hilfeleistung belangt wird, als jemand eines anderen Berufsstandes. Zum anderen sind Normen auf intrakultureller Ebene variabel, da sie sich im Anpassungsprozess der Gesellschaft an veränderte Bedingungen stets mitwandeln.
Eine rein erwartungsorientierte Definition des Begriffes des abweichenden Verhaltens wäre nicht nur zu weit gefasst, sondern auch zu schwierig zuordenbar zu
1 Vgl. Endruweit/Trimmsdorf (2002) S. 661.
2 Lamnek (2007) S.58.
3 Vgl. ebd. S. 21.
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einem Objektbereich. Das folgende Beispiel von Lamnek soll diesen Sachverhalt verdeutlichen:
Der Studierende, der seinen Kommilitonen beim Spicken beobachtet, sieht sich der Verhaltenserwartung seitens des Kommilitonen gegenüber, diesen nicht zu denunzieren, seitens des Aufsicht führenden Personals jedoch würde sicherlich erwartet werden (wie auch bezüglich der allgemeinen Norm der Ehrlichkeit), dass der Unterschleif des Studierenden unterbunden wird 4 .
Es lässt sich nicht festlegen, welche konkreten Verhaltenserwartungen, d.h. von welcher Person oder Personengruppe in der gegebenen Situation, zur Definition des abweichenden Verhaltens herangezogen werden sollen.
Eine rein sanktionsorientierte Definition ist noch enger gefasst als eine rein normorientierte Begriffsabgrenzung, denn nach ihr lege abweichendes Verhalten nur bei bestraften Devianzen vor. Eine solche Betrachtung vernachlässigt jedoch, dass im Alltagsverständnis auch solche Handlungen als abweichend gelten, die nicht sanktioniert werden (können), weil sie beispielsweise unentdeckt bleiben oder nicht hinreichend nachgewiesen werden können.
Die drei Definitionsmöglichkeiten stimmen in einem unterschiedlichen Ausmaß mit den im Alltag relevanten Vorstellungen vom abweichenden Verhalten überein. Wobei, so Lamnek, die größte Übereinstimmung in dem Bereich liegt, der zwischen norm- und sanktionsorientierter Definition besteht 5 .
2.1.2 Zu dem Begriff der Kriminalität
Kriminelles bzw. delinquentes Verhalten kann im Allgemeinen als eine Untergruppe aller möglichen abweichenden Verhaltensweisen verstanden werden und bezeichnet jenes Handeln von Personen, welches gegen kodifizierte Normen des Strafrechts verstößt. Im Normalfall wird kriminelles Verhalten als abweichend empfunden, so zum Beispiel ein Mord oder ein Diebstahl, der strafrechtliche Folgen hat. In manchen Fällen werden Delikte, die unter Strafanordnung stehen, von der Bevölkerung jedoch weitgehend toleriert (z.B. Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung). Auf der anderen Seite ist vieles strafrechtlich irrelevant, was von der Gesellschaft als abweichend
4 Lamnek (2007) S. 51.
5 Vgl. ebd. S. 33ff.
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bewertet wird, wie z.B. das Betrügen seines Ehepartners. Die folgende Abbildung soll diesen Sachverhalt veranschaulichen 6 .
Abb. 1: Abweichendes und delinquentes (kriminelles) Verhalten
Quelle: Lamnek. (2007) S. 14.
2.2 Ursachen von Kriminalität: Soziologische Kriminalitätstheorien
2.2.1 Anomietheorien
Anomietheorie nach Émile Durkheim
Bevor in diesem Kapitel näher auf die Anomietheorie von Durkheim eingegangen wird, ist es nicht nur wichtig zu erwähnen, dass Durkheim den Begriff der Anomie in die Soziologie eingeführt hat, sondern auch dass er mit der Erkenntnis, dass Kriminalität ein normales Phänomen ist, der Soziologie wichtige Impulse gegeben hat. Kriminalität existiert in jeder Gesellschaft, weshalb sie ein integrierter Bestandteil einer jeden Gesellschaft 7 ist. Anormal sei nur ein starkes Ansteigen oder Absinken der durchschnittlichen Rate. Weiterhin weist Durkheim darauf hin, dass Kriminalität nicht auf biologische und psychische Erklärungen reduziert werden kann, sondern ein sozialer Tatbestand ist und sogar eine positive Funktion
6 Vgl. Lamnek (2007) S.14f.
7 Durkheim (1961) S. 157 in Lamnek (2007) S. 114.
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erfüllt. Verbrechen vergegenwärtigen den Menschen die gesellschaftlichen Normen und Werte und stärken die kollektiven Gefühle 8 .
Durkheim hat seine Anomiethorie in seinem Werk „Le suicide“ (Der Selbstmord, 1897) entwickelt. In diesem Werk beschäftigt er sich mit dem Selbstmord als abweichendes Verhalten 9 und versucht hierfür die Ursachen zu identifizieren. Dabei analysiert er den Selbstmord nicht etwa als eine bloße individuelle Entscheidung, sondern orientiert sich konsequent auf soziale Begleitumstände, die auf das Verhalten von Individuen einwirken. Als ursächlichen Faktor für variierende Selbstmordraten identifiziert Durkheim schließlich die
„Integrationsfähigkeit“ der Gesellschaft. Sein Fazit: Je geringer die soziale Integration, umso höher ist die Selbstmordrate 10 . Durkheim geht dabei von der Vorstellung aus, dass der Mensch keine natürlichen Grenzen seiner Bedürfnisse besitzt und deshalb ständig in einem unbefriedigendem zustand leben müsste. Auch ist der Mensch nicht selbst in der Lage, seine Bedürfnisse aus eigener Kraft einzudämmen.
Nur die Gesellschaft unmittelbar und insgesamt oder auch mittelbar durch eines ihrer Organe, vermag diese mäßigende Rolle zu spielen. Denn sie ist die einzige dem Individuum überlegene moralische Macht, deren Überlegenheit es anerkennt. Sie allein hat die erforderliche Autorität, Recht zu sprechen und den Leidenschaften jenen Punkt aufzuzeigen, über den sie nicht hinausgehen dürfen 11 .
Die Gesellschaft übt eine regulierende Funktion auf die Begierden des Einzelnen aus, wodurch dem unbefriedigenden Zustand ein Ende gesetzt wird. So erklärt Durkheim die Tatsache, dass in katholischen Ländern die Selbstmordrate niedriger ist als in protestantischen mit dem Befund, dass die Katholiken stärker in die Glaubensgemeinschaft eingebunden sind. Im Katholizismus gibt es viel mehr Regeln und Rituale, wie etwa die Beichte. Protestanten dagegen stehen alleine vor Gott.
Gerät die Gesellschaft in eine Krise, zum Beispiel durch einen wirtschaftlichen Zusammenbruch oder große Prosperität, wird das Gleichgewicht von Mitteln und Bedürfnissen gestört. Nicht nur die durch eine wirtschaftliche Depression
8 Vgl. Lamnek (2007) S.114f.
9 Obwohl der Selbstmord kein klassisches kriminelles Verhalten darstellt, ist er insofern abweichend, als dass er gegen soziale, zumeist religiöse Normen verstößt.
10 Vgl. Lüdemann/Ohlemacher (2002) S. 31f.
11 Durkheim (1966) in Lamnek (2007) S.113.
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hervorgerufene Senkung des Lebensstandards löst Frustrationen aus, die zum Selbstmord führen können, sondern auch eine außergewöhnliche Erhöhung des Lebensstandards. Denn je mehr ein Mensch besitzt, umso größer werden seine Ansprüche, damit die Entfernung zu seinen Zielen und schließlich seine Unzufriedenheit. In Zeiten von gesellschaftlichen Krisen tritt nach Durkheim ein Zustand der sozialen Desintegration ein, der den Menschen jede Sicherheit über den Inhalt und das Ausmaß der Normgeltung nimmt. Diesen Zustand nennt Durkheim Anomie. Dem Soziologen zufolge resultiert Anomie aus der zunehmenden Arbeitsteilung moderner Gesellschaften 12 . Die Arbeitsteilung verhindert sozial befriedigende solidarische Kontakte und schädigt das kollektive Bewusstsein. So geraten bestehende Normen ins Wanken, gesellschaftliche Werte verlieren ihre Gültigkeit und die Gruppenmoral wird erschüttert. Die Folge ist eine dauerhafte soziale Unzufriedenheit, die sich in negativen Handlungen, wie Scheidungen, Kriminalität und dem Selbstmord äußert.
Anomietheorie von Robert K. Merton
Merton hat die Überlegungen von Durkheim zur Anomie in seinem eigenen Konzept ergänzt. Dabei knüpft er an die Durkheim’sche Annahme an, dass niemand sich wohlfühlen, ja überhaupt leben [kann], wenn seine Bedürfnisse nicht mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln einigermaßen im Einklang stehen 13 . Der Ansatz von Merton ist rein soziologisch 14 , denn Merton führt abweichendes Verhalten nicht etwa auf die biologische Konstruktion der Individuen zurück, sondern untersucht, auf welche Weise einige soziokulturelle Gegebenheiten bestimmte Personen in der Gesellschaft einem Druck aussetzten, sich eher
abweichend als konform zu verhalten 15 . Seine zentrale These ist, dass abweichendes Verhalten ein Ergebnis der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und kulturellen Zielen einerseits und andererseits den verfügbaren legitimen Mitteln zur Realisierung dieser Ziele ist. Dieser These liegt die Annahme zugrunde, dass alle Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft nach den gleichen
12 Durkheim hat seine Theorie zur Anomie erstmals in seinem Werk „De la division du travail“ (Über die soziale Arbeitsteilung, 1983) entwickelt und sie dann in „Le suicide“ verändert. Vgl. Ortmann (2000) S. 87f.
13 Durkheim S.279.
14 Merton S. 286.
15 Merton S. 285f.
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Zielen, wie z.B. einem hohen Einkommen streben; zum anderen dass die legalen Mittel (Bildung, Beruf), die die Menschen zur Erfüllung der kulturellen Erwartungen anwenden dürfen, ungleich auf die verschiedenen Schichten in der Gesellschaft verteilt sind. Wenn die Menschen keinen Zugang zu „konformen“ Mitteln haben, greifen sie zu nicht konformen - unerlaubten Mitteln, um die kulturell vorgegebenen Ziele zu erreichen. Sie verhalten sich abweichend. Mit dieser Begründung erklärte Merton 1967 die hohen Kriminalitätsraten in den unteren sozialen Schichten der US-Gesellschaft, der zu einem großen Teil die farbige Bevölkerung und die neu eingewanderten ethnischen Minderheiten angehörten 16 .
Während Durkheim unter dem Begriff der Anomie den Zusammenbruch des Normengefüges versteht, produziert nach Merton die soziokulturelle Struktur, die durch das Auseinanderklaffen zwischen angestrebten Zielen und verfügbaren Mitteln gekennzeichnet ist, einen anomischen Zustand relativer Normlosigkeit 17 . An diesen Zustand der Anomie, passen sich die Gesellschaftsmitglieder je nach ihrer sozialen Lage in unterschiedlicher Art und Weise an. An dieser Stelle betont Merton, dass die einzelnen Formen der Anpassung keine
Persönlichkeitskategorien darstellen, sondern Rollenverhalten in einer bestimmten Situation 18 . Merton unterscheidet fünf mögliche Reaktionsmuster:
(1) Konformität
(2) Innovation
(3) Ritualismus
(4) Rückzug
(5) Rebellion
Im Folgenden sollen diese Anpassungsmöglichkeiten näher erläutert werden.
Die Konformität, wie es der Name schon sagt, bezeichnet kein abweichendes Verhalten. In einer stabilen Gesellschaft verhalten sich die meisten Menschen konform, d.h. sie akzeptieren die kulturellen Ziele und verfolgen sie mit den institutionalisierten Mitteln. Wäre dies nicht der Fall, so würde keine Gesellschaft bestehen:
16 Vgl. Lüdemann/Ohlemann (2002) S.33.
17 Lamnek (2007) S. 125.
18 Vgl. Merton S.293.
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Wir können in der Tat eine Masse von Menschen nur dann als Gesellschaft bezeichnen, wenn deren Verhalten typischerweise auf die zentralen Werte der Gesellschaft hin ausgerichtet ist 19 .
Innovation ist eine Erscheinungsform des abweichenden Verhaltens, bei der die kulturellen Ziele zwar betont und akzeptiert werden, jedoch nicht die institutionalisierten Mittel. Obwohl diese Anpassungsform in allen Schichten anzutreffen ist (Withe-Collar-Kriminalität), ist sie nach Merton am häufigsten in den unteren sozialen Schichten zu beobachten. Diese sind besonders durch die geringen Zugangschancen zu den legitimen Mitteln der Zielerreichung gekennzeichnet:
Die beruflichen Aussichten der Leute in diesen Schichten beschränken sich weitgehend auf manuelle Arbeit und niedrigere Bürotätigkeit. Aus der Verachtung manueller Arbeit, die sich ziemlich gleichmäßig bei allen sozialen Schichten der amerikanischen Gesellschaft findet, und aus dem Fehlen realer Möglichkeiten, sich über diese Schwelle zu erheben, entspringt eine ausgeprägte Tendenz zu abweichendem Verhalten 20 .
Weiterhin erläutert Merton:
Die Kultur stellt also an die Angehörigen der unteren Schichtenmiteinander unvereinbaren Anforderungen. Einerseits wird von ihnen erwartet, daß [sic] sie nach Wohlstand streben, andererseits sind ihnen institutionell weitgehend die hierzu geeigneten Wege versperrt 21 .
Ritualismus liegt vor, wenn Menschen ihr Anspruchsniveau an das kulturelle Ziel so weit runterschrauben, dass sie ihre Ziele erfüllen können. Gleichzeitig halten sie jedoch zwanghaft an den institutionalisierten Normen fest. Nach Merton ist diese Form der Anpassung besonders in Gesellschaften verbreitet, in denen der soziale Status weitgehend von der individuellen Leistungsfähigkeit abhängt. Um sich dem permanenten Leistungsdruck zu entziehen, verfällt der Mensch in ein routinemäßiges Handeln. Lamnek gibt hierzu ein anschauliches Beispiel: Ein Millionär ist durch extreme Sparsamkeit zu seinem Vermögen gekommen und hält
nun weiter an dieser fest, obgleich er im Luxus Leben könnte 22 .
19 Ebd. S. 294.
20 Merton S. 296.
21 Ebd. S. 297.
22 Lamnek (2007) S. 122.
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Obwohl der Ritualismus nach Merton im Allgemeinen nicht als soziales Problem angesehen wird, stellt er ein Abweichen von dem kulturellen Muster dar, nach dem jeder Mensch streben sollte 23 .
Rückzug (Apathie, Desinteresse) bezeichnet eine Form der Anpassung, bei der der Mensch sowohl die kulturellen Ziele aufgibt als auch die vorgeschriebenen Mittel. Es ist die am wenigsten verbreitete Reaktionsweise. In diese Kategorie gehören beispielsweise Psychopathen, Autisten, chronische Säufer, Süchtige usw. Diese Menschen stehen außerhalb der Gesellschaft, denn sie teilen nicht ihre Werte 24 .
Diejenigen, die die Sozialstruktur für den Misserfolg verantwortlich machen, werden dieser Sozialstruktur sehr schnell entfremdet und neigen leicht zur
Anpassungsweise Nr. 5 (Rebellion) 25 . Rebellion resultiert aus der Frustration, etwas nicht erreichen zu können und führt zur völligen Aufgabe der früheren Ziele. Schließlich wird die Sozialstruktur als ein Hindernis zur Realisierung der Ziele angesehen, weshalb die Partisanen der Rebellion eine neue soziale Struktur (mit neuen Zielen und Mitteln) anstreben.
2.2.2 Theorien des Labeling Approach
Anders als die Anomietheorien von Durkheim und Merton sind die Theorien des Labeling Approach nicht ätiologisch, d.h. sie fragen nicht nach den situationsspezifischen Ursachen für das Auftreten von abweichendem Verhalten, sondern erkennen dieses als solches an. Untersucht wird hier hingegen, wie sich die Zuschreibung von negativ bewerteten Attributen durch die soziale Umwelt und die Institutionen der sozialen Kontrolle („Labeln“) auf den Verlauf einer kriminellen Karriere auswirken kann. Dabei gehen die Vertreter des Labeling Approach davon aus, dass Etikettierung und Stigmatisierung zur Verfestigung devianter Verhaltensmuster führen. Mit ihrem völlig neuen Betrachtungswinkel (auf die Wirkung und den Einfluss der sozialen Kontrolle) hat die Labelingtheorie in den 1970er Jahren zu einem Paradigmenwechsel in der Kriminologie geführt 26 . Doch schon 1939 definierte Sutherland, der als Initiator der Idee gilt, die Betrachtung der
23 Vgl. Merton S. 309
24 Vgl. ebd. 309f.
25 Merton S. 299.
26 Vgl. Lüdemann/Ohlemacher (2002) S. 42ff.
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sozialen Reaktion auf abweichendes Verhalten in die Kriminologie mit einzubeziehen, die Kriminologie als eine Wissenschaft,
die Delinquenz und Verbrechen als soziales Phänomen betrachtet. Sie beschäftigt sich mit dem Prozess des Erlasses von Gesetzten, mit der Übertretung von Gesetzten und mit den Reaktionen auf die Gesetzesübertretungen. Diese Prozesse sind drei Aspekte einer ziemlich eng verbundenen Interaktionskette 27 .
Obgleich Sutherland in seiner Definition die Normsetzung als eher normaffirmativ begreift, relativieren die Vertreter des Labeling Approach die Geltung von Normen im Hinblick auf abweichendes Verhalten 28 .
Im Folgenden werden die verschiedenen Ansätze der wichtigsten Vertreter des Labeling Approach vorgestellt.
Theorie des Labeling Approach nach Tannenbaum
Während Sutherland als geistiger Vorreiter des Labeling Approach gilt, hat Frank Tannenbaum 1938 als erster die Theorie des Labeling Approach entwickelt. Tannenbaum sah die Reaktion der sozialen Umwelt auf abweichendes Verhalten als eine maßgebliche Ursache für das Auftreten eines eben solchen Verhaltens. Sein Fazit: The young delinquent becomes bad, because he is defined as bad 29 . Die Entwicklung zu einem Kriminellen resultiert nach Tannebaums Theorie aus einem Prozess der Beurteilung und des Definierens, welcher dem Individuum überhaupt erst seine Sonderstellung als Abweichler bewusst macht und schließlich ein entsprechendes Selbstkonzept hervorruft. Sobald sich der Abweichler mit dieser ihm zugeschriebenen Rolle identifiziert hat, wird er sich immer wieder deviant verhalten. Andere (konforme) Verhaltensweisen stehen mit diesen Selbstkonzept und den Erwartungen in Widerspruch 30 .
Lembert: Primäre und sekundäre Devianz
Anfang der 1950er Jahre griff Edwin M. Lembert Tannenbaums Theorie auf und entwickelte sie weiter. Dabei führte er die Unterscheidung zwischen primärer und
27 Sutherland (1939) S. 9; zit. nach Lamnek (2007) S. 223.
28 Vgl. Lamnek (2007) 223f.
29 Tannenbaum (1953) S. 17; zit. nach Lamnek (2007) S. 225.
30 Ahrends (1975) S.9f; zit. nach Lamnek (2007) S. 226.
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sekundärer Devianz ein. Unter primärer Devianz versteht Lambert ein abweichendes Verhalten, welches erstens, unterschiedliche Ursachen haben kann (auch solche, die in den verschiedenen ätiologischen Ansätzen erarbeitet wurden) und zweitens, sich nicht durch den Labeling Approach Ansatz erklären lässt. Sekundäre Devianz bezeichnet hingegen ein abweichendes Verhalten, das eine Person begeht, nachdem sie aufgrund der primären Devianz als kriminell etikettiert wurde. Damit greift Lambert Tannenbaums Labelingperspektive insofern wieder auf, als dass er die sekundäre Devianz als eine Folge der Rollenzuschreibung als „Abweichler“ begreift. Lembert beschreibt in seiner Theorie einen Aufschauklungsprozess, der zu einer Stabilisierung des abweichenden Verhaltens führt: Erst wenn das abweichende Verhalten einer Person, d.h. die primäre Devianz, sanktioniert wird, begeht diese Person weitere Abweichungen, die wiederum stärkere Strafen nach sich ziehen. Die wiederholten formalen Sanktionen können unter Umständen feindselige Gefühle gegen die Kontrollagentur auslösen. So distanziert sich die Person immer weiter von einer verhaltenskonformen Normenorientierung, mit der Folge, dass sie von der sozialen Umwelt verstärkt als Abweichler behandelt wird. Letztendlich gleicht der „Abweichler“ seine Selbstdefinition an die Fremddefinition an 31 . Die folgende Abbildung soll diese Entwicklung schematisch darstellen.
Abb. 2: Schematische Darstellung der sekundären Devianz nach Rüther
Quelle: Lamnek (2007) S.229.
31 Vgl. Lamnek (2007) S. 228.
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Labeling Approach Ansatz nach Becker
Ebenso wie Lembert sieht Becker abweichendes Verhalten als ein „Produkt“ eines Prozesses [an], der Reaktionen anderer Menschen auf Verhalten einschließt 32 . Während jedoch Lembert bei seinem Ansatz die Interaktion zwischen der sich abweichend verhaltenden Person und seiner Umwelt als weitgehend einzigen Faktor für den Ablauf des Labelingprozesses ansieht, bezieht Becker auch weitere Aspekte in seine Betrachtung mit ein, und zwar den Aspekt der Macht und der Normanwendung:
Abweichendes Verhalten wird von der Gesellschaft geschaffen. Ich meine das nicht in der Weise, wie es gewöhnlich verstanden wird, daß nämlich die Gründe abweichenden Verhaltens in der sozialen Situation des in seinem Verhalten abweichenden Menschen oder in den 'Sozialfaktoren' liegen, die seine Handlung auslösen. Ich meine vielmehr, daß gesellschaftliche Gruppen abweichendes Verhalten dadurch schaffen, daß sie Regeln aufstellen, deren Verletzung abweichendes Verhalten konstituiert und daß sie diese Regeln auf bestimmte Menschen anwenden, die sie zu Außenseitern abstempeln 33 .
Nach Becker entsteht abweichendes Verhalten dadurch, dass Regeln geschaffen und auf Personen angewendet werden, die sich einmal primär abweichend 34 verhalten haben. Die Anwendung der Regeln auf eine bestimmte Person kennzeichnet diese als einen Außenseiter und setzt Mechanismen der selffulfulling prophecy in Gang. Unter diesem Begriff versteht Becker einen Prozess, bei dem sich eine als abweichend bezeichnete Person letztendlich kriminell verhält, da ihr durch die Etikettierung die Möglichkeiten genommen werden, sich normkonform zu verhalten. Dieser Prozess läuft allerdings selektiv ab. Becker betont in seiner Theorie, dass keine Verhaltensweise an sich abweichend ist, sondern als solche erst durch die Normsetzer definiert wird. Da die Festlegung der Regeln maßgeblich von politischer und wirtschaftlicher Macht abhängt, ist die selektiv. Die Normsetzung und -Verletzung allein reichen jedoch nicht aus, damit das Verhalten eines Menschen als abweichend wahrgenommen wird. Erst durch die Normanwendung werden Normverletzer zu Abweichlern etikettiert.
32 Becker (1973) S. 12; zit. nach Lamnek (2007) S. 231.
33 Becker (1973) S. 161; zit nach Lamnek (2007) S. 230.
34 Auch Becker legt in seinen Überlegungen sein Schwergewicht auf die sekundäre Devianz.
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Wird eine ältere, gepflegt wirkende Dame ohne Fahrschein in einem öffentlichen Verkehrsmittel ohne Fahrschein erwischt, so werden die Fahrgäste und Kontrolleure ihr Verhalten mit „Vergesslichkeit“, „Zerstreutheit“ etc. erklären, sie aber kaum als in irgendeiner Weise abweichend betrachten und behandeln. Einen schlampig gekleideten, unrasierten und nach Alkohol riechenden Mann in der gleichen Situation wird man dagegen eher als „asozial“ etikettieren und entsprechend behandeln, nämlich als Schwarzfahrer 35 .
Insofern ist abweichendes Verhalten nicht etwa auf die Tatsache des Normverstoßes zurückzuführen, sondern auf die Normanwendung, die auch selektiv ist. Gleichartige Verhaltensweisen werden situations-und
personenspezifisch bewertet. Becker unterscheidet in diesem Zusammenhang vier verschiedene Möglichkeiten der Etikettierung, wobei sich die Selektionskriterien aus unterschiedlichen Machtkriterien ergeben 36 :
- Ein Verhalten verstößt nicht gegen die Regel und wird auch nicht als abweichend empfunden (Konformität)
- Ein Verhalten verstößt gegen die Regel und wird als abweichend empfunden (Beispiel Diebstahl);
- Ein Verhalten verstößt gegen die Regel, wird aber nicht als abweichend empfunden (Bespiel: voreheliche Sexualität)
- Ein Verhalten verstößt nicht gegen die Regel, wird aber als abweichend empfunden (Beispiel: fälschliche Beschuldigung).
Der radikale Ansatz von Sack
Im Gegensatz zu den bisher genannten Vertretern des Labeling Approach, die die primäre Devianz und damit die Frage nach möglichen Ursachen für diese nicht ausgeschlossen haben, lehnt Fritz Sack jede Ursachenforschung ab. Er konzentriert sich auf den Prozess der Zuschreibung abweichenden Verhaltens und geht dabei von der Annahme aus, dass Devianz allein durch gesellschaftliche Reaktionen bestimmt wird. Alles, was vor der Tat geschehen ist, hat nur untergeordneten Stellenwert.
Ebenfalls unterscheidet sich Sacks Theorie von denen der anderen Labeling Approach Vertreter durch seine Ansicht, dass Normen nicht eindeutig sind und daher auch ihre Antizipierung auf Sachverhalte nicht problemlos möglich ist. Im Gegenteil, den Sanktionsinstanzen steht ein gewisser Spielraum für die
35 Lamnek (2007) S. 226f.
36 Becker (1973) S. 17; zit nach Lamnek (2007) S. 231f.
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Anwendung der Normen zu Verfügung. Das folgende Beispiel soll dies verdeutlichen: Polizeibeamten ist es oft möglich,
einen Drogenabhängigen als „Kranken“ oder aber als „drogenabhängigen Dealer“ und damit als „Kriminellen“ zu definieren. Die jeweiligen institutionellen Folgen sind dabei sehr unterschiedlich, da die Polizei für Kriminelle, jedoch nicht für Kranke zuständig ist. Da nun ein Drogenabhängiger, bei dem Drogen gefunden werden, sofort als Dealer und damit als Krimineller behandelt werden kann, hängt die Zuschreibung dieses „folgenreichen“ Merkmals oft davon ab, ob der Beamte sich bei seiner Personenkontrolle für eine körperliche Untersuchung entscheidet (und mit hoher Wahrscheinlichkeit Drogen findet) oder auf diese verzichtet 37 .
In diesem Zusammenhang hebt Sack deutlich den Machtaspekt hervor und betont dabei, dass die Normanwendung bzw. Definitionszuweisung nicht nur durch formale Instanzen geschieht, sondern auch durch informelle Gruppen in der Alltagsinteraktion; obgleich er den offiziellen Instanzen mehr Gewicht im Zuschreibungsprozess beimisst 38 .
2.3 Vergleichende Beurteilung der verschiedenen Ansätze
Um die Erkenntnisabsicht und den Inhalt der Anomietheorien und der verschiedenen Ansätze des Labeling Approach besser zu verstehen, werden die Inhalte der Theorien daraufhin analysiert, inwieweit sie das Phänomen des abweichenden Verhaltens erklären wollen und können. Die Ausführungen in diesem Kapitel beziehen sich, sofern es nicht anders angegeben wird, auf Lamnek 39 .
2.3.1 Zur Methodologie
Wie bereits in Kapitel 2.2.2 erwähnt wurde, unterscheiden sich die Anomietheorien von den Ansätzen des Labeling Approach zunächst darin, welchen Gegenstand sie untersuchen: Das Ziel der Autoren der Anomietheorien ist es, abweichendes Verhalten und seine Ursachen zu erklären. Dagegen versuchen die Vertreter des Labeling Approach in erster Linie, den Prozess der Zuschreibung von abweichendem Verhalten zu beschreiben. Ihre Überlegungen sind vor allem deskriptiv; die Erklärung erhält wenn überhaupt nur einen untergeordneten
37 Vgl.Behr (1998) S. 158; zit. nach Lüdemann/Ohlemacher (2002) S. 44.
38 Vgl. Lamnek (2007) S. 237ff.
39 Vgl. ebd. S. 268-279.
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Stellenwert. Die Vertreter des Labeling Approach suchen nach Strukturen im Hier und Jetzt, um nachzuvollziehen, wie es zum abweichenden Verhalten kommt, nicht jedoch warum. Die Perspektive des Labeling Approach ist folglich situationsspezifisch und subjektivistisch, d.h. im Zentrum der Betrachtung stehen interagierende Subjekte. Dagegen beanspruchen die Anomietheorien, Bedingungen für abweichendes Verhalten aufzuzeigen, die weder zeitlich noch räumlich begrenzt sind. Dieser Universalitätsanspruch resultiert aus der Annahme, dass abweichendes Verhalten in allen Gesellschaften existiert. Ihre Perspektive ist somit objektivistisch und ihre Vorgehensweise vergangenheitsorientiert und statisch: Die Vertreter der Anomietheorien suchen nach Ursachen aus der Vergangenheit für das Auftreten von abweichendem Verhalten in der Gegenwart, wobei der Prozess des Delinquentwerdens nicht betrachtet wird. Desgleichen fragt die Anomietheorie nicht danach, wie Normen entstehen, obwohl diese einen zentralen Baustein der Theorie darstellen. So ist ein wichtiger Kritikpunkt an der Anomietheorie, dass sie um Begriffe organisiert ist (Normen, Mittel, Ziele, Bedürfnisse), ohne diese genauer zu definieren.
2.3.2 Inhaltliche Würdigung der Ansätze
Die Autoren der Anomietheorien erklären abweichendes Verhalten als eine Anpassungsreaktion der Menschen auf einen anomischen Zustand relativer Normlosigkeit. Abweichendes Verhalten wird also auf konkret existierende Normen bezogen, ohne diese, wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt wurde, näher zu definieren oder zu hinterfragen. So wird auch nicht erkannt, dass gleiche Verhaltensweisen unterschiedlich bewertet werden können, da viele Normen von der Gesellschaft nicht (mehr) als abweichend empfunden werden. Andererseits werden Verhaltensweisen sanktioniert für die es keine konkreten Normen gibt. Der Machtaspekt ebenso wie der Aspekt der interaktiven Kreation abweichenden Verhaltens wird vernachlässigt, was die Erklärungsmöglichkeiten der Theorien erheblich einschränkt. Dabei ist der Objektbereich der Anomietheorien viel umfassender als der der Labeling Approach Ansätze, die eine Unterscheidung zwischen der primären und sekundären Devianz machen.
Durch die Unterscheidung zwischen der primären und sekundären Devianz gewinnen die Labeling Approach Theorien an breiteren Erklärungsmöglichkeiten. Sekundäre Devianz wird als ein Phänomen aufgefasst, das erst durch die
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gesellschaftliche Reaktion auf ein Verhalten entsteht. Die Mehrheit der Autoren des Labeling Approach setzt dabei ihr Schwergewicht auf die Normanwendung und distanziert sich damit deutlich von der strengen normaffirmativen Orientierung der Anomietheorien. Es wird erkannt, dass gleichartige Verhaltensweisen je nach situations- und personenspezifischen Gegebenheiten unterschiedlich bewertet werden. Allerdings schließt auch die Perspektive der Labeling Approach Ansätze wichtige Gesichtspunkte aus ihrer Analyse aus, indem sie die Fähigkeit der Menschen zu eigenständigem und unabhängigem Denken und Handeln unterschätzt 40 . Sowohl die Anomietheorien als auch die Labeling Approach Ansätze sollten die Persönlichkeit des Menschen in ihre Analyse miteinbeziehen.
2.3.3 Praktische Anwendbarkeit der Ansätze
In diesem Abschnitt soll die praktische Brauchbarkeit der verschiedenen Ansätze beurteilt werden. Geht man davon aus, dass abweichendes Verhalten von der Gesellschaft negativ bewertet wird, so müssen Maßnahmen ergriffen werden, um es zu vermeiden. Es wird also untersucht, was gemäß der beiden Theorien zu tun ist, damit abweichendes Verhalten unwahrscheinlich wird oder anders ausgedrückt: Wie kann man Abweichungen im Sinne einer Prävention zuvorkommen? Weiterhin wird geprüft, ob und welche konkreten Bedingungen für die praktische Umsetzung der einzelnen Theorien genannt werden und wie man diese Bedingungen in der Praxis modifizieren kann.
In der Anomietheorie wird die Diskrepanz zwischen kulturellen Normen und Zielen einerseits und den sozial bedingten Verwirklichungschancen andererseits als Ursache für abweichendes Verhalten genannt. Um Delinquenz zu verhindern, müssten demnach entweder die sozialen Ungleichheiten reduziert oder vermieden werden oder aber die kulturellen Normen und Ziele modifiziert werden. Beide Maßnahmen erscheinen in ihrer Umsetzung globalgesellschaftlich gesehen jedoch illusionistisch. Zudem ist auch unwahrscheinlich, dass durch eine gesellschaftliche Umwälzung alle Betroffenen erfasst werden. Denkbar sind allerdings präventive Maßnahmen auf individueller Ebene. So kann ein Milieuwechsel (beispielsweise ein neuer Arbeitsplatz) eines potentiellen Abweichlers verhindern, dass dieser auf illegitime Mittel zurückgreift, um seine Ziele zu verwirklichen. Die Autoren der
40 Vgl. Lüdemann/Ohlemacher (2002) S.51.
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Anomietheorie selbst nennen keine praktischen Maßnahmen, wie abweichendes Verhalten verhindert werden soll. Die Prognosefähigkeit der Anomietheorien ist zudem dadurch eingeschränkt, dass sie nicht angeben können, unter welchen spezifischen Voraussetzungen sich eine Person abweichend verhält, eine andere Person in einer gleichartigen Situation jedoch nicht. Um dieses erklären zu können, müssten psychologische Variablen in die Betrachtung miteinbezogen werden. Diese werden allerdings in den Anomietheorien vernachlässigt.
Nach dem Labeling Approach ist eine Handlung an sich niemals abweichend. Abweichung entsteht erst durch einen stigmatisierenden Definitionsprozess. Man müsste demzufolge auf jegliche Verhaltensbewertung verzichten, um zumindest die sekundäre Devianz zu verhindern. Wie dies zu gesehen hat, wird in den verschiedenen Ansätzen des Labeling Approach jedoch nicht genannt. Damit ist ebenso ihr praktischer Informationsgehalt gering. Bei näherer Betrachtung wird auch deutlich, dass der Labeling Approach für eine Prävention nur begrenzt brauchbar ist: Verhaltensbewertungen finden sowohl auf formeller als auch auf informeller Ebene statt. Auf informeller Ebene, d.h. im Alltagsleben sind Typisierungsprozesse notwendig, da sie den Menschen ein gewisses Maß an Verhaltenssicherheit geben. Es ist also unmöglich auf Definitionsprozesse im Alltag zu verzichten. Ebenso kann auch kein soziales Gebilde darauf verzichten, Regeln aufzustellen und ihre Übertretung zu sanktionieren. Ein genereller Verzicht auf Typisierung ist illusionistisch und nicht praktikabel.
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3 Schlussteil
Der Begriff des abweichenden Verhaltens ist sehr weit gefasst und bezeichnet all jene Verhaltensweisen, die gegen gesellschaftliche Normen und
Verhaltenserwartungen verstoßen. Kriminelles Verhalten stellt ein Teilgebiet des abweichenden Verhaltens dar und bezeichnet Handeln von Personen, das gegen kodifizierte Normen verstößt.
Am Beispiel ausgewählter soziologischer Kriminalitätstheorien - der Anomietheorien von Durkheim und Merton sowie verschiedener Ansätze des Labeling Approach - wunden unterschiedliche Betrachtungsweisen und Erklärungsversuche des Phänomens beleuchtet. Es wurde gezeigt, dass die beiden betrachteten Theorien sich in ihrer Perspektive vollkommen unterscheiden. Die Anomietheorien sind ätiologisch und fragen nach den Ursachen für das Auftreten von abweichendem Verhalten. Im Gegensatz dazu verzichtet der Labeling Approach auf eine täterorientierte Ursachenforschung und fokussiert sich auf die Betrachtung der Wirkung der sozialen Kontrolle in Bezug auf den Verlauf einer kriminellen Karriere. So unterschiedlich wie ihre Perspektiven sind, sind folglich auch die Aussagen der beiden Theorien: Die Vertreter der Anomietheorien, die in der Vergangenheit nach den Ursachen für abweichendes Verhalten suchen, sehen in der Diskrepanz zwischen einem zu hohen kulturell vorgegebenen Anspruchsniveau und den tatsächlichen Verwirklichungschancen die maßgebliche Ursache für nichtkonformes Verhalten. Der Labeling Approach beschreibt abweichendes Verhalten hingegen als ein Phänomen, das durch einen Zuschreibungsprozess von negativ bewerteten Attributen entsteht. Im Zentrum der Betrachtung im Hier und Jetzt stehen interagierende Subjekte und der Objektbereich beschränkt sich allein auf die sekundäre Devianz. Wie die inhaltliche Würdigung der Ansätze noch einmal hervorgehoben hat, hinterfragt der Labeling Approach im Gegensatz zu den Anomietheorien auch die Normsetzung und -Anwendung, was ihm eine breitere Erkenntnismöglichkeit verleiht - nämlich dass gleichartige Verhaltensweisen von der Gesellschaft unterschiedlich bewertet werden können. Beide Theorien vernachlässigen aber die Persönlichkeit der handelnden Individuen und schließen damit wichtige Gesichtspunkte aus ihrer Analyse aus. Schließlich hat die Analyse der praktischen Anwendbarkeit der Ansätze gezeigt, dass sowohl die Anomietheorien als auch der Labeling Approach
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keine Erkenntnisse liefern, wie abweichendes Verhalten in der Realität verhindert werden kann. Obwohl die soziologischen Theorien wichtige Aspekte liefern, ist ihr erklärungspotential letztlich gering.
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4 Literaturverzeichnis
Durkheim, Émile: Der Selbstmord, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 431. o.O.
Endruweit, Günter/Trommsdorff, Gisela (Hrsg.): Wörterbuch der Soziologie, 2. Aufl., Lucius & Lucius, Stuttgart 2002.
Lamnek, Siegfried: Theorien abweichenden Verhaltens I. „Klassische Ansätze“, 8. Aufl., W. Fink Verlag, Paderborn 2007.
Lüdemann, Christian/Ohlemacher, Thomas: Soziologie der Kriminalität. Theoretische und empirische Perspektiven, Juveta Verlag, Weinheim, München 2002.
Merton, Robert: Sozialstruktur und Anomie, o.O., o.A.
Ortmann, Rüdiger: Abweichende Verhalten und Anomie. Entwicklung und Veränderung abweichenden Verhaltens im Kontext der anomietheorien von Durkheim und Merton, Bd. 89, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht, Freiburg i. Br. 2000.
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Arbeit zitieren:
Michel Yem Yem, 2009, Abweichendes Verhalten und soziologische Kriminalitätstheorien, München, GRIN Verlag GmbH
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