i
ZUSAMMEFASSUNG
Diese theoretische Arbeit untersucht die Konzeption von Stadtidentität im Kontext des Stadtmarketings, das sich in einem zunehmenden Standortwettbewerb um die Entwicklung wettbewerbsfähiger Stadtmarken als Synonym städtischer Identität bemüht. Wie die interdisziplinäre Untersuchung von Literatur zum Verständnis von Stadt und der Konstituierung von Identität zeigt, handelt es sich hierbei aber um keine essentialistischen Eigenschaften einer vermeintlichen Einheit sondern um narrative und plurale Prozesse einer relationalen Lokalität, die sich einer Gestaltbarkeit und Reduktion entziehen. Eine Rekonstruktion des Phänomens Identität mit Hilfe der Netzwerktheorie nach Harrison C. White macht es aber möglich, genauere Einblicke in die Operationalisierung der Konstitutionsprozesse von Identitäten zu erhalten. In Folge dessen wird durch eine netzwerktheoretische Formulierung von Stadtidentität ein neues Selbstverständnis des Stadtmarketings als Kommunikationsermöglicher entwickelt und an dem zuvor ausgeführten Praxisfall Graz-Reininghaus skizziert.
ABSTRACT
The theoretical paper analyses the conception of city identity in the context of the marketing of cities, which has been challenged in an increasing competition to develop place branding as competitive identities. As the interdisciplinary scrutiny of academic literature suggests, the conception of the city and the constitution of identity is however not an essentialistic quality of an assumed unity, but narrative and multiple processes in relational localities, which cannot be designed }µ}]Ç[s single identity. The reconstruction of the phenomena of identity with the network theory according to Harrison C. White, gives then more insight into the operationalisation in the processes of constituting identities. As a result, a network theoretical conception of ]Ç[ identity ]Ào}XdZ]o}ZvÁ}o}(Z]Ç[ul]vP
communication enabler, which is outlined in a current case of a city-making project in Graz-Reininghaus, Austria.
ii
INHALTSVERZEICHNIS
1 Problemaufriss 1
1.1 Creative Class, Place Branding Competitive identities 1
1.2 Die Verbindung von Identität und Steuerung mit dem Stadtmarketing. 3
1.3 Forschungsfrage 3
1.4 Einordnung in Forschung und Praxis 4
1.5 Eingrenzung des Untersuchungsgebiets 4
1.6 Aufbau der Untersuchung 6
2 Literatur Diskurs 7
2.1 Stadt als Gegenstand 7
2.1.1 Schwierigkeit mit der Begrifflichkeit von Stadt 7
2.1.2 Klischees von Städten t der Blick von außen 7
2.1.3 Die Stadt als Prozess 8
2.1.4 Stadt ist kein Territorium 9
2.1.5 Lokalisieren von Orten und Bedeutung des Lokalen 9
2.1.6 Die Stadt als Akteur? 11
2.2 Experteninterview: Bastian Lange zum Thema Stadtbegriffe multipli:cities 12
2.3 Identität in Stadt und Stadtmarketing 13
2.3.1 Place Branding Competitive Identities. 14
2.3.2 Identitätsorientiertes Stadtmarketing 14
2.3.3 Empirische Erkenntnisse aus den Leitbildprozessen
uW il c îìïì 15
2.3.4 Kontextsensibilität von Identitätsdiskursen 17
2.3.5 Narrative Identitäten 19
2.4 Experteninterview: Ares Kalandides zum Thema Identität Stadtmarketing 20
3 Netzwerktheorie: Identity Control nach Harrison White 22
3.1 Identität als Verortung bei Kontingenzen 22
3.2 Kontext 23
3.3 Switiching zwischen Netdoms 23
3.4 Die 4 Ordnungen von Identitäten 24
3.5 Networks und Stories 24
3.6 Localities 26
4 Anwendung der Netzwerktheorie auf die Vorstellung von Stadtidentität 27
4.1 Phänomen: Was ist Identität? 27
4.2 Akteure: Wem oder was kann Identität zugeschrieben werden? 27
4.3 v Æ Wt M 28
4.4 Thesen zur Stadtidentität 29
5 Fallbeispiel: Graz-Reininghaus 30
5.1 Profil und Besonderheiten 30
5.2 Prozess 31
5.3 Expertenmeinungen 32
iii
5.3.1 Experteninterview: Michael Sammer zum Thema
Partizipation Entwicklungsprozess in Reininghaus 32
5.3.2 Experteninterview: Roland Koppensteiner zum Thema
Strategie Marketing in Reininghaus 33
5.4 Das Problem der Identität in Reininghaus 35
6 Neuformulierung von einem identitätsorientierten Stadtmarketing 36
6.1 Selbstverständnis 36
6.2 Dimensionen neuer Handlungsfelder 37
6.2.1 Networking 37
6.2.2 Switching 38
6.2.3 Story-telling 39
6.2.4 Tracing 39
6.3 Anwendung auf Graz Reininghaus 40
6.4 Ausblick 42
7 Schlussbetrachtung und Resultate 43
7.1 Zusammenfassung 43
7.2 Fazit zur Forschungsfrage 44
7.3 Kritische Würdigung und neue Fragen 45
7.4 Schlusswort zur Anbindung an die Praxis 47
8 Literaturverzeichnis 48
9 Anhang 55
9.1 Abbildungen 55
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1 t Die Stadt als Netzwerkdomain. 28
Abbildung 2 t Die Reininghaus-Methode: der Prozessplan 31
1
Identität und Stadtmarketing
1 Problemaufriss
1.1 Creative Class, Place Branding & Competitive identities
Today, the world is one market. The rapid advance of globalization means that every country, every city and every region must compete with every other for its share of the world's consumer, tourists, investors, students, entrepreneurs, international sporting and cultural events, and for the attention and respect of the international media, of other governments, and the people of other countries. 1
Städte sehen sich zunehmend einem verstärkten Standortwettbewerb ausgesetzt. Im Zuge des technologischen Fortschritts und der Globalisierung sind Menschen heute mobiler denn je und haben Zugang zu globalen Informationsflüssen, die Informationen über die Qualitäten von Städten weit über den regionalen Horizont verbreiten. Die Identifikation mit urbanen Metropolen hat die Orientierung an Nationalstaaten abgelöst. Städte bilden vielmehr eine eigene Diskurssphäre in einer globalen Öffentlichkeit und avancieren zu Global Cities. 2
Die bewusste Wahl des Ortes wird heute immer wichtiger, denn schließlich ist der Ort selbst, neben dem Arbeitsplatzangebot, ein wichtiges Element zum persönlichen Glück, zur Selbstverwirklichung und Identifikation. 3
Städte bemühen sich darum einzigartig zu sein und eine Marke des Ortes als Ausweis der unverwechselbaren Identität und Lebensqualität zu kommunizieren. Konkurriert wird vor allem um die sogenannte Creative Class 4 , weil man sich mit deren Ansiedlung Kreativität, Vielfältigkeit und Innovationskraft für die Stadt und damit Investitionsanreize und Gründungspotential für Unternehmen, wie auch Attraktivität für weitere hochqualifizierte Wissensarbeiter erhofft. Mittels des sogenannten Place Branding versuchen Städte ein positives Stadtimage zu kreieren und den Rezipienten ]vc̵oZvU]^]v]v]uuvµvt]̵ZvX^ 5 In Rankings werden Städte als Marken verglichen. Als Einflussfaktoren gelten beispielsweise Status/Präsenz, Lage, Lebendigkeit, Ausstattung, Menschen und zukünftiges Potential 6 .
1 Anholt 2007a, S. 1
2 vgl. Sassen 2001
3 vgl. Florida 2008
4 vgl. Florida 2005
5 Stöber 2007, S. 50
6 vgl. Anholt 2007b
2
Die Wettbewerbsfähigkeit der Städtischen Identität wird unter dem Begriff competitive identity 7 als Aufgabenfeld der städtischen Verwaltung subsumiert. Es geht um die Herausarbeitung von städtischen Schlüsselqualifikation, Eigenheiten und Profilschärfe. Mit häufig spezialisierten und privaten Tochterfirmen für das Stadtmarketing versuchen städtische Verwaltungen ein authentisches Bild der Eigenschaften einer Stadt zu kommunizieren. Städtische Identität stellt hier eine Mischung aus physischen Substanzen und ihrer Geschichte, Bevölkerungsprofilen, Traditionen und Ritualen des Stadtlebens dar, aus denen das Stadtmarketing als Beobachter schöpfen kann und diese als besonders attraktiv zusammen gestelltes /uP ^ cÀlµ(^X Das Stadtmarketing kommuniziert eine Definition städtischer Identität, die beschreibt, was eine Stadt ausmacht und mit welcher Erwartung man einer Stadt begegnen kann.
Gerade diese Beobachterrolle, die eine Ablesbarkeit einer städtischen Identität voraussetzt, erscheint problematisch, ist sie doch von einer Marketingstrategie, den Interessen von einzelnen Akteuren, und der Ansprache verschiedener Zielgruppen des Stadtmarketings geleitet. Kann das die Identität einer ganzen Stadt sein? Schließlich wirken die von dem Stadtmarketing kreierten Bilder einer Stadtidentität nicht nur als Bild zur Generierung von Aufmerksamkeit in der Ferne, sondern transportieren gleichzeitig das Selbstverständnis der Stadtidentität an die städtische Bevölkerung. In der Überlegung aber, dass diese Binnenkommunikation auch dazu dienen soll, dass eine städtische Bevölkerung als Kommunikator mit dem vom Stadtmarketing geschaffenen Vokabular eine städtische Identität auch gegenüber Fremden und damit potentiellen Neustädtern ausweisen soll, wird das Problem zum Paradoxon. Die Vermittlung einer authentischen Identifikation mit einer Stadt wird dann nämlich häufig zum Ausspruch eines Widerspruchs zu der von dem Stadtmarketing geschaffenen Identitätskonstruktion. Eine Identifikation mit einer Stadt schließt gerade ein, den eigenen individuellen Bezug in Beobachtung, Überprüfung und häufig auch Abgrenzung zu dem kreierten Stadtimage zu erklären. Beispielsweise sind touristische Attraktionen oder namenhafte Firmensitze zwar benutzbar in der Darstellung gegenüber Fremden um auszudrücken, welche Eigenschaften und Angebote eine Stadt aufweist, dies hat aber wenig damit zu tun, mit welchen Elementen des alltäglichen Stadtlebens sich ihre eigene Identifikation mit der Stadt als Stadtbewohner generiert. Von der Vermittlung einer authentischen Identität durch das Stadtmarketing, im Sinne einer gelebten oder auch im Alltagsleben wahrnehmbaren Identitätskonstruktion der Stadtbevölkerung kann deshalb nicht die Rede sein. Ist es überhaupt möglich von der Identität einer Stadt zu sprechen?
7 vgl. Anholt 2007a
3
1.2 Die Verbindung von Identität und Steuerung mit dem Stadtmarketing
Stadtmarketing will im Standortwettbewerb Menschen zur Übersiedlung überzeugen, dadurch, dass es eine Identitätsfassung einer Stadt erzeugt und kommuniziert, die für diese als Versprechen gilt, warum der Zuzug durch ein besonderes Angebot an Identifikation mit der Stadt attraktiv ist. Das Stadtmarketing sieht sich deshalb konfrontiert mit einem Steuerungsproblem: Wie kann eine Identität erzeugt werden, wenn diese Identität eben nicht ein Image ist, das von der Stadtverwaltung entworfen bzw. im besten Fall gut beobachtet werden kann? Was ist dann eine Stadtidentität? Wie konstituiert, entwickelt und reproduziert sich Stadtidentität? Wer sind die Akteure in den Prozessen der Identitätskonstitution? µZ<}vÆc^^o]v]Z unproblematisch stehen, wirkt doch der Begriff einer Stadt als abgrenzbares Territorium überholt angesichts einer heute global vernetzten und grenzenloser interagierenden Gesellschaft. 8 t ] o} c] ^^ ]v <}v]µ]µvP À}v Identität heute?
Diese Leitplanken einer Erörterung des Problems c/v] µv ^ul]vP^ machen offensichtlich, dass die inhaltlichen Ausrichtung bzw. das Selbstverständnis des Stadtmarketings unmittelbar mit der Frage der Steuerung von Identität im städtischen Kontext zusammenfällt. Weil Stadtmarketing in Teilen ihres Aufgabenfeldes als die Kommunikation von städtischer Identität verstanden werden kann, ist es notwendig zu klären, wie Stadtmarketing Bezug nehmen kann auf welche Form von Identität ihrer Stadt. Ist die Form einer städtischen Identität einmal vorgestellt, lässt sich daraus auch ableiten, in welcher Weise sie für das Stadtmarketing eingesetzt werden kann, denn nach wie vor ist das Problem präsent, dass Stadtmarketing sich die Identität einer Stadt im Standortwettbewerb zu Nutze zu machen müssen glaubt.
1.3 Forschungsfrage
Aus diesem Kalkül einer offensichtlichen Schwierigkeit mit Identität im Stadtmarketing umzugehen, hinsichtlich des Inhalts von Identität, der Frage nach den Konstituierungsprozessen, als auch der Frage nach der Steuerung von Identität ergibt sich die aus der Perspektive des Stadtmarketings motivierte Forschungsfrage:
Die Untersuchung dieser Fragestellung soll nicht nur Erkenntnisse liefern, in welcher Weise man von der Identität einer Stadt sprechen kann, sondern im Umkehrschluss
8 vgl. Appadurai 1995; Castells 2000; Berking 2006
4
das Selbstverständnis eines identitätsorientierten Stadtmarketings auf den Prüfstand stellen und durch einen aufgeklärten Identitätsbegriff neu formulieren.
1.4 Einordnung in Forschung und Praxis
Die Klärung der Frage, was die Identität einer Stadt bedeutet und wie Stadtmarketing auf eine städtische Identität im Standortwettbewerb zurück greifen kann, situiert sich interdisziplinär in einem Schnittpunkt einer ganzen Reihen von wissenschaftlichen Disziplinen und Forschungstraditionen.
Zum einen handelt es sich bei dem Topos Stadt um das zentrale Untersuchungsfeld soziologischer, humangeografischer oder kulturwissenschaftlicher Forschungen, zum anderen ist die Frage nach der Konstitution von Identität einer Stadt ein aktuell sehr intensiv diskutiertes Thema der Stadtsoziologie (siehe Kapitel 2.1), da sie eine Antwort auf das Spezifische von Stadt zu finden versucht angesichts einer Deterritorialisierung des Raumes.
Die in dieser Arbeit vorgeschlagene netzwerktheoretisch formulierte Konstituierung von Identität deutet einerseits auf den steigenden Einfluss der Netzwerktheorie hin und versucht andererseits eine der aktuellsten netzwerktheoretisch formulierten Sozialtheorien von Harrison C. White (Identity & Control t siehe Kapitel 3) auf einem neuen und für die Praxis anschlussfähigem Untersuchungsfeld fruchtbar zu machen. Gerade weil White die Netzwerktheorie von einem formal abstraktem zu einem phänomenologischen Niveau übersetzt hat, bietet es sich an, den abstrakt komplexen aber alltäglich erlebbaren Gegenstand einer Stadtidentität netzwerktheoretisch zu beleuchten. Der gewählte theoretische Zugriff auf Stadt und Stadtidentität mit der Betrachtungsweise der Netzwerktheorie beinhaltet außerdem die Vermutung, besonders anschlussfähig an aktuelle relationale Modelle von Identität und auch Raum zu sein.
Wie eingangs bereits ausgeführt wurde, weist die Untersuchung der Konstituierung von Stadtidentität eine sehr hohe praktische Relevanz, genauer gesagt eine Notwendigkeit für das Stadtmarketing auf, nicht zuletzt auch deshalb, weil empirische Untersuchungen erhebliche Diskrepanzen zu Tage gefördert haben (siehe Kapitel 2.2.3).
1.5 Eingrenzung des Untersuchungsgebiets
Ein Zweig der Forschung zu Identität und Städten beschäftigt sich unter den Begriffen Raumidentität, Regionalbewusstsein und Heimatverbundenheit mit der Vorstellung von Identitäten, die vor allem durch den Raum konstituiert werden. Zwar soll ein Effekt von Gebäuden und ihren Anordnungen bzw. Stadtstrukturen auf die Konstitution von Identität nicht abgesprochen werden, jedoch wird in dieser Arbeit vermutet und untersucht, dass Kommunikation das Mittel zur Konstitution von Identitäten darstellt. Der Raum kommt hier so nur als Referenz oder Strukturierung von Kommunikation zur
5
Geltung, nicht als Motivation zur Identitätskonstitution. Zudem ist die Forschungsfrage geleitet vom Interesse an einem neuen Verständnis von Stadtmarketing in Bezug auf ihre Vorstellung von Stadtidentität. Stadtmarketing schließt insofern die Raumfrage aus, als das sie für diese Untersuchung nicht als städtebauliche Entwicklungseinheit gesehen wird sondern als Kommunikator von Stadteigenschaften. Mit Verweis auf die Raumsoziologie wird sich an späterer Stelle klären, in wie weit aber Raum - hier auch im Sinne einer physikalische Umwelt - als Referenzrahmen für das Sprechen über Identität in die Untersuchung einzubeziehen ist.
Rücksicht wird in dieser Untersuchung nicht genommen, wie Identität wieder auf die Raumschaffung wirkt. Eine derartige Kreisbewegung von der Identifikation mit einer Stadt, dementsprechende Einflüsse auf das Schaffen von Räumen, die wiederum die Identität einer Stadt ausmachen könnten werden ausgespart bzw. subsumiert insofern, als dass es immer um die Kommunikation von Identität geht, ob sie durch Wechselwirkung mit Raumschaffungsprozesse oder Wahrnehmung physischer Strukturen entstanden sind oder nicht.
In Abgrenzung zur Psychologie werden die genauen psychischen Vorgänge von Prozessen zur Identitätskonstitution nicht analysiert. Insofern wird nicht auf die psychischen Prozesse beispielsweise von Raumwahrnehmung eingegangen, da das in dieser Untersuchung favorisierte soziologische Konzept seinen Schwerpunkt auf die Kommunikation zwischen relational positionierten soziologischen Entitäten setzt. Auch wenn die Arbeit Stadtmarketing in seiner Herausforderung des Standortwettbewerbs untersucht, wird nicht auf die organisationssoziologischen Aspekte des Marketings eingegangen z.B. wie man das Interesse von Touristen oder Investoren für eine Stadt gewinnt. Die hierfür notwendige Komplexitätsreduktion durch das Stadtmarketing für die prägnante Positionierung einer Stadt mittels Werbung und Kommunikation stellt viel mehr das Problem in dieser konventionellen Sicht von Stadtmarketing dar. Demzufolge wird in dem Feld Stadtmarketing auf den Aspekt der Erfassung von Stadtidentität und seinen Implikationen eingegangen.
Das Untersuchungsgebiet grenzt sich auf eine primär soziologische Betrachtung von Stadt und Stadtidentität ein, die aber Suchbewegungen anknüpfender Disziplinen aufzeigt als legitimierende Heranführung eines strukturell netzwerktheoretischen und inhaltlich auf die Kommunikation fokussierten Theorieanschluss. Motivation dieser Vorgehensweise ist die Dekonstruktion der Steuerungsproblematik und die essentialistische Betrachtung von Stadtidentität im Stadtmarketing.
6
1.6 Aufbau der Untersuchung
Aus dem dargelegten Problemaufriss und der Fragestellung sowie der bereits angedeuteten Herangehensweise ergeben sich unmittelbar Vorgehensweise und Aufbau der vorliegenden Arbeit.
So wird in Kapitel 2 der bereits problematisierte Untersuchungsgegenstand durch eine Zusammenschau von Literatur hinsichtlich des Gegenstands Stadt und der Identität in Stadt und Stadtmarketing in seiner Vielfältigkeit aber auch Verlegenheit herausgearbeitet und Prämissen sowie Forschungsergebnisse für den Anschluss an eine netzwerktheoretische Formulierung unterstrichen. Die durchgeführten narrativen Experteninterviews mit dem Stadtforscher Bastian Lange und dem Stadtmarketingexperten Ares Kalandides geben hierfür pointierte Einblicke in die jeweiligen Forschungs- und Praxismilieus.
In Kapitel 3 wird anschließend die Netzwerktheorie nach Harrison White ausgebreitet und die Grundbegriffe und Motive seiner Theorie erläutert. Informiert durch die netzwerktheoretische Vorstellung von Identität wird in Kapitel 4 nun der Versuch unternommen die Netzwerktheorie von White auf den Kontext der Stadtidentität zu übertragen und anzuwenden.
Zum Übertrag einer netzwerktheoretischen Fassung von Stadtidentität auf die Praxis des Stadtmarketings dokumentiert Kapitel 5 mit dem aktuellen Fallbeispiel Graz-Reininghaus noch einmal, wie in der Praxis eine Suchbewegung nach einer Stadtidentität vollzogen wird und wie sich die Lücke einer Vorstellung von Identität in diesem Stadtentwicklungsprozess auswirkt. Gestützt wird diese Beobachtung durch narrative Experteninterviews mit Roland Koppensteiner, CEO der Entwicklungsgesellschaft Asset One und Michael Sammer, Prozessmitdenker und Gründer der Reininghaus-Gesellschaft.
Die Theorieentwicklung aus Kapitel 4 und Praxisbeobachtung in Kapitel 5 wird in Kapitel 6 zusammengeführt. Zunächst wird ein neues Selbstverständnis des Stadtmarketings formuliert und mit einigen programmatischen Dimensionen neuer Aufgabenfelder des Stadtmarketings veranschaulicht. Anschließend daran wird eine solche Vorstellung von Stadtmarketing am Fall Graz Reininghaus erprobt und mit einem Ausblick zu aktuellen Entwicklungstendenzen des Internets auf zukünftige Potentiale aufmerksam gemacht.
Das Kapitel 7 fasst abschließend die Ergebnisse der Arbeit zusammen, formuliert eine mögliche Antwort zur Forschungsfrage und eröffnet in einer kritischen Würdigung neue Fragen für anschließende Forschungsarbeiten.
7
2 Literatur & Diskurs
2.1 Stadt als Gegenstand
2.1.1 Schwierigkeit mit der Begrifflichkeit von Stadt
Betrachtet man die Stadtsoziologie als jene Disziplin, die vielleicht am ehesten Auskunft darüber geben können sollte, was die Stadt als Forschungsgegenstand ausmacht, wie eine Stadt begrifflich zu fassen sei, so ist es erstaunlich, wie wenig die Stadtsoziologie sich über ihren eigenen Gegenstand einig ist. 9 Eine Herausforderung dabei ist die Vielfalt der Themen, d.h. es lassen sich kaum Probleme finden, die nicht cv µv ]v v ^v ]uP]v] Á}v ÁvX^ 10 Henri Lefèbvre als ein Klassiker seiner Disziplin bemerkte dazu treffend: c hv PÁ]vv l}u]Z µµvPU umfasst die ganze Welt^. 11 Die andere Schwierigkeit des Gegenstands liegt in der Definition e]v ^]vPµo À}v c ^^ o allgemeingütige Vorstellung von Stadt, denn vielmehr wurde c^]vPµo bStadtZ systematisch in Frage gestellt.^ 12 In einer möglichen Fassung der Vorstellung und Bestimmung einer Stadt wird offenbar, wie unscharf der Begriff zwar mit Selbstverständlichkeit alltäglich verwendet wird, eine Definition darüber, was eine Stadt ausmacht, was seine Qualitäten sind aber nur schwer beantwortet werden kann:
cµÁZv]}u}(]Æ]vPZse qualities into some kind of robust definition, we find it hard to capture the qualities we see and feel into statements we can agree about. Where is the city? Where are its cores and boundaries? What qualities does it have and how are these distributed within it? Who does the city belong to and who has the }Á}Z]i}ÇMY,}ÁvÁPÁZ]Ç]v}µoM^ 13
Nachfolgend werden deshalb einige Bilder und Modelle von Stadt aufgegriffen, um einerseits die Vielfältigkeit des Diskurses zum Gegenstand Stadt darzustellen, als auch andererseits eine Hinführung zu Prämissen für die Auffassung von Stadt dieser Arbeit und daraus resultierend eine Platzierung in dem stadtsoziologischen Diskurs zu entwickeln.
2.1.2 Klischees von Städten t der Blick von außen
Zunächst sei angeführt, dass Städte als Gegenstand vielfach mit projizierten Bildern 14 verknüpft sind, die als Klischees scheinbar etwas über den Charakter der Stadt aussagen. So ist es das New York mit seinen dampfenden Gullys und gelben
9 vgl. Lange 14.11.2008, S. 1; zur Geschichte und Entwicklung der Stadtsoziologie vgl. Eckardt 2004 oder Häußermann, Kemper 2005; Häußermann et al. 2004
10 Berking, Löw 2005, S. 9
11 Lefèbvre, Roeckl 1976 zitiert nach Eckardt 2004, S. 24
12 Berking, Löw 2005, S. 13
13 Healey 2002, S. 1779
14 vgl. Fröhlich 2007
8
dÆ]l}o}vvvU cW] ](µZ µv }]l^ µZ cDºvZv }l WZ^ µv c&vl(µ v}o ºPZµ vv bMainhattansZ neuer Banken- ^lÇo]v^U ]o ]o ] cs}ooµvP]v K }]v ^ uZ Pv o deren Realitä^X 15
Doch was macht die Realität, den Gegenstand der Städte tatsächlich aus? Ist die Stadt ein Gegensatz der Zivilisiertheit gegenüber provinzialischer Barbarei? 16 Lässt sie sich beschreiben mit dem europäischen Idealbild eines Zentrums mit Peripherie? 17 Oder steht die Stadt viel mehr in Gefahr als soziale Einheit zu zersplittern? 18 Ist die Stadt vor allem ein Ort an dem sich Unbekannte begegnen könnten? 19 Oder definiert sich eine Stadt in dem Umgang mit Differenzen als Struktur durch Mischung wie auch Segregation von heterogenen sozialen Gruppen 20 ? Wird die Realität der Stadt heute eher durch globale Ströme (z.B. von Migranten oder Kapital) bestimmt, d.h. erleben wir eine Globalisierung der Städte? 21 t]c]^^M
2.1.3 Die Stadt als Prozess
Eben weil das Angebot reicht von cWZÁ}l ]ÇU EÁ}l ]Ç µv Virtual City über die Edge City, die Dual City und Divided City zur Stadt ohne ]PvZ(vU }u}vv ^ µv ov]^ 22 , argumentiert Schroer, dass man vor allem Stadt als Prozess 23 verstehen sollte, da es c&Puv]µvPUW]À]]µvPU^PP]}vµÁXv]ZZo]Zgibt. Vielmehr gibt es Entwicklungsprozesse innerhalb der Stadt zu beobachten, die mit diesen Termini oP ÁvX^ 24 Schroer folgt hier der Einsicht FeatherstonesU c ] ^ ein Prozeß ist, daß Orte Prozesse sind und nicht eine einzige, unveränderliche Identität haben: der Raum stellt nicht eine statische Realität dar, sondern eine Wirklichkeit, die durch Interaktionen, Erfahrungen, Erzählungen, Bilder und Darstellungen verschiedener Gruppvl]ÀZÀ}PZµvÀvÁ]^X 25
Ist aber erst einmal die Stadt vorgestellt, nicht als feststehende Einheit oder als Beschreibung nur bestimmter Phänomene, so bleibt dennoch unklar von welchem Wirkungshorizont in geografisch räumlicher Hinsicht man bei der Stadt als Prozess
15 Göschel 2006, S. 265
16 vgl. Siebel 2000
17 vgl. Kollhoff 1999
18 vgl. Häußermann 1998; vgl. Touraine 31.05.1996
19 vgl. Baecker 2004b, S. 207
20 vgl. Löw 2002; Siehe auch die Definition der Stadt nach Wirth 1969, S. 148
21 ÀPoXl]vPU&îììîV}^vîììíu]uP]((c'o}o]Ç^
22 Schroer 2005, S. 333t334
23 vgl. Schroer 2005
24 Schroer 2007, S. 248
25 Featherstone 1999, S. 182 zitiert nach Schroer 2007, S. 251
Arbeit zitieren:
Jonas Kwaschik, 2008, Identität & Stadtmarketing - Eine netzwerktheoretische Formulierung städtischer Identität und identitätsorientierten Stadtmarketings, München, GRIN Verlag GmbH
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