Inhaltsverzeichnis 1
Anmerkung :
Es sei darauf hingewiesen, dass im Folgenden aus Gründen der Lesbarkeit bei
Substantiven nur die maskuline Form verwendet wird, obwohl grundsätzlich na-
t ürlich sowohl Frauen als auch Männer gemeint sind. Ich bitte hierfür um Ver-
st ändnis
Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis.............................................................................................. 2
Abbildungsverzeichnis 4
Tabellenverzeichnis. 5
Abk ürzungsverzeichnis 6
Einleitung 7
Theoretischer Teil 10
1 Kindheit und Entwicklung 10
1.1 Lebensphase Kindheit 10
1.2 Grundlegendes Entwicklungsverständnis am Beispiel des Risiko-
und Schutzfaktorenmodells 11
2 Begriffsbestimmung Körperbehinderung 14
3 Der Zusammenhang zwischen körperlich-sportlicher Aktivität
und Gesundheit 18
3.1 Sozialisations- vs. Selektionshypothese 18
3.2 Ein heuristisches Modell zum Wirkungszusammenhang von
sportlicher Aktivität und Gesundheit 19
4 Motorik 21
4.1 Begriffsklärung und Systematisierung 22
4.2 Eckdaten der motorischen Entwicklung im mittleren Kindesalter 23
4.3 Spielen, Üben, Lernen im Ballschul-Projekt Umspiel dein Handicap 23
4.4 Motorik (körper-) behinderter Menschen 26
4.4.1 Grundannahmen 26
4.4.2 Empirische Datenlage zu sportlicher Aktivität körperbehinderter
Kinder 26
5 Selbstkonzept 29
5.1 Vorstellung grundlegender Selbstkonzepttheorien 30
5.1.1 Die Theorie von William James 30
5.1.2 Der symbolische Interaktionismus nach Cooley und Mead 31
5.1.3 Das hierarchische multidimensionale Selbstkonzeptmodell von
Shavelson , Hubner und Stanton 32
Inhaltsverzeichnis 3
5.1.4 Zur Ein- vs. Multidimensionalität des Selbstkonzepts 34
5.1.5 Susan Harter 35
5.2 Selbstkonzept körperbehinderter Menschen. 36
5.2.1 Geschädigter Körper - behindertes Selbst? Eine Betrachtung aus
theoretischer und empirischer Perspektive 36
5.2.2 Strukturelle Gegebenheiten des Selbstkonzepts körperbehinderter
Kinder aus theoretischer und empirischer Perspektive. 38
6 Motorik und Selbstkonzept 41
6.1 Grundannahmen 41
6.2 Empirische Datenlage zum Zusammenhang von Motorik und
Selbstkonzept bei körperbehinderten Kindern 42
Empirischer Teil. 44
7 Empirie 44
7.1 Projektbeschreibung 44
7.2 Probandenstichprobe 45
7.3 Vorbemerkungen, Fragestellungen und Hypothesen 47
7.4 Motorik. 50
7.4.1 Untersuchungsinstrument 50
7.4.2 Deskriptive Darstellung 54
7.4.3 Inferenzstatistische Prüfung 59
7.4.4 Auswertung und Interpretation 61
7.5 Selbstkonzept. 62
7.5.1 Untersuchungsinstrument 62
7.5.2 Deskriptive Darstellung 64
7.5.3 Inferenzstatistische Prüfung 66
7.5.4 Auswertung und Interpretation 67
7.6 Zusammenhang von Motorik und Selbstkonzept 68
7.6.1 Deskriptive Darstellung 68
7.6.2 Inferenzstatistische Prüfung 69
7.6.3 Auswertung und Interpretation 70
7.7 Zusammenschau und Diskussion 70
8 Resümee und Ausblick. 75
Literaturverzeichnis. 77
Anhang 82
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Schema risikoerhöhender und risikomildernder Faktoren in der Kindlichen
Entwicklung
Abb. 2: Komponenten und Aspekte des 1. Teils der International Classification of
Functioning , Disability and Health (ICF)
Abb. 3: Wirkungsannahmen von sportlicher Aktivität auf Gesundheit
Abb. 4: Anforderungsbausteine der Ballkoordination
Abb. 5: Hierarchisches Selbstkonzept
Abb. 6: Gemittelte Prätest-Werte der Zeitdruckaufgaben, entsprechend Interventions-
und Kontrollgruppe
Abb. 7: Gemittelte Posttest-Werte der Zeitdruckaufgaben, entsprechend Interventi-
ons - und Kontrollgruppe
Abb. 8: Gemittelte Prätest-Werte der Präzisionsdruckaufgaben, entsprechend Inter-
ventions- und Kontrollgruppe
Abb. 9: Gemittelte Posttest-Werte der Präzisionsdruckaufgaben, entsprechend Inter-
ventions- und Kontrollgruppe
Abb. 10: Mittelwerte beider Messzeitpunkte und Gruppen über alle Motorikstationen
Abb. 11: Korrelation zwischen Station 2 ( Bohnensäckchen ) und 5 ( Ring schieben )
Abb. 12: Korrelation zwischen Station 3 ( Ball prellen ) und 4 ( Ball kicken )
Abb. 13: Korrelation zwischen Station 8 ( Zielwurf ) und 10 ( Zielschlag )
Abb. 14: Beispielitem des SPPC-D
Abb. 15: Treatmentunterschiede im Prätest
Abb. 16: Treatmentunterschiede im Posttest
Abb. 17: Mittelwerte beider Messzeitpunkte und Gruppen über die einzelnen
Selbstkonzeptfacetten
Abb 18: Korrelation zwischen Aussehen und globalem Selbstwertgefühl
Tabellenverzeichnis 5
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Grobe Kategorisierung der Probandenstichprobe
Tab. 2: Kategorisierung der koordinativ-motorischen Anforderungen des KKB-K Tab. 3: Itemabfolge des SPPC-D
Tab. 4: Statistische Kennwerte beider Gruppen zu Prä-Post-Differenzwerten in Motorik und Selbstkonzept
Tab. 5: Statistische Kennwerte der Interventionsgruppe zum ersten Messzeitpunkt Tab. 6: Statistische Kennwerte der Kontrollgruppe zum ersten Messzeitpunkt Tab. 7: Statistische Kennwerte der Interventionsgruppe zum zweiten Messzeitpunkt Tab. 8: Statistische Kennwerte der Kontrollgruppe zum zweiten Messzeitpunkt Tab. 9: Statistische Kennwerte der Interventionsgruppe zum ersten Messzeitpunkt Tab. 10: Statistische Kennwerte der Kontrollgruppe zum ersten Messzeitpunkt Tab. 11: Statistische Kennwerte der Interventionsgruppe zum zweiten Messzeitpunkt Tab. 12: Statistische Kennwerte der Kontrollgruppe zum zweiten Messzeitpunkt
Abkürzungsverzeichnis 6
Abkürzungsverzeichnis
Abb Abbildung Auss Aussehen KoKo Kognitive Kompetenz
KKB-K Koordinationstest für körperbehinderte Kinder MZP Messzeitpunkt N Anzahl der Probanden p Irrtumswahrscheinlichkeit PeAk Peerakzeptanz r Korrelationskoeffizient s Standardabweichung SeWe globales Selbstwertgefühl SpKo Sportkompetenz SPPC Self-Perception Profile
SPPC-D Deutsche Version des Self-Perception Profile Tab Tabelle vgl vergleiche vs versus
Einleitung 7
Einleitung
Menschen mit einer Körperbehinderung sind Mitglieder unserer Gesellschaft, denen gegenwärtig noch immer nicht in angemessenem Umfang Aufmerksamkeit zu Teil wird und die auf Grund von Unwissenheit und Vorurteilen über ihr körperliches Handicap hinaus mit Vorurteilen und Restriktionen konfrontiert sind. Grundgedanke der vorliegenden Arbeit ist nicht den Sonderstatus dieser Menschen hervorzuheben, sondern die Körperbehinderung als ein Wesensmerkmal vorzustellen, das hier im Mittelpunkt der Betrachtung steht, aber nur ein Persönlichkeitsmerkmal unter vielen ist. Daraus geht die Annahme hervor, dass allgemeine Entwicklungs- und Lernschemata ebenso auf die beschriebene Zielgruppe zutreffen und Letzerer Fördermaßnahmen zu Teil werden sollten, die eine bessere gesellschaftliche Teilhabe und größtmögliche Selbstständigkeit ermöglichen. Um sich diesem übergeordneten Ziel zu nähern wurde das Teilprojekt ‚Ballschule-Umspiel dein Handicap‘ ins Leben gerufen, das einem kör-perlich-sportlichen Zugang für körperbehinderte Kinder entspricht und Sport als eigene Sinndimension sowie Mittel zum Zweck ansieht. Schwerpunkt dieser Ausarbeitung ist die Evaluation dieses Projekts unter dem Gesichtspunkt der Motorik und des Selbstkonzepts, die den zweiten Themenblock der Arbeit darstellt und auf einem ersten, theoretischen, basiert.
Bevor der Aufbau der Arbeit im Einzelnen konkretisiert wird, sollen zunächst einige inhaltliche Klärungen und theoretische Einengungen erfolgen, die einen angemessenen Ausgangspunkt für alles Nachfolgende bilden: Die theoretische Rahmenkonzeption ist breit, sie eröffnet vielfältige Fragestellungen und erhebt ganzheitliche qualitative Ansprüche denen die empirische Untersuchung entsprechend der Konzeption dieser Arbeit nicht genügen kann. Dieses ungleiche Verhältnis beider Teile ist nicht als Bruch aufzufassen, son- dern als Verweis auf weitere Forschungsmöglichkeiten, die bei der Gesamteva-
Einleitung 8
luation des Projekts bei Essig (2009) berücksichtigt werden. Weiterhin erscheint der Hinweis angebracht, dass Vergleiche der vorliegenden Zielgruppe mit nichtbehinderten Menschen nicht angestrebt sind; im Bereich der Selbstkonzeptforschung werden sie aber dennoch in expliziter Weise herangezogen, weil einerseits auf den Missstand des durch die Körperbehinderung postuliert beeinträchtigten Selbstbildes hingewiesen werden soll und andererseits weil strukturelle Gegebenheiten des Selbstkonzepts erst in solchem Vergleich aufschlussreich werden. Auf Vergleiche mit körperbehinderten Menschen anderer Altersklassen oder spezieller Behinderungsarten wird dann zurückgegriffen, wenn es die Knappheit der empirischen Befundlage angebracht erscheinen lässt. Geistig behinderte Menschen werden dabei nicht explizit angesprochen, doch durch die typografische Besonderheit der Klammersetzung in Begriffen wie ‚(Körper-) Be- hinderung‘mit bedacht, wenn davon ausgegangen werden kann, dass bestimmte Sachverhalte für behinderte Menschen im Allgemeinen zutreffen.
Der konkrete Aufbau der Arbeit gestaltet sich folgendermaßen: Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Kindheit, als allgemeine Beschreibung der Lebensphase, die der Probandenstichprobe zu Grunde liegt und stellt das grundlegende Entwicklungsverständnis des Menschen dar. Im zweiten Kapitel erfolgt eine Begriffsbestimmung der ‚Körperbehinderung‘, die den Personen- kreisder Menschen mit einer Körperbehinderung näher beschreiben und spezielle Förderbedürfnisse herausarbeiten soll. Im anschließenden dritten Kapitel erfolgt eine Verengung der Aufmerksamkeitsspanne, die mit Hilfe dreier theoretischer Konzeptionen den Zusammenhang zwischen körperlich-sportlicher Aktivität und Gesundheit veranschaulicht. Unter Gesundheit sind hierbei insbesondere physische und psychosoziale Faktoren zu verstehen, die in den nachfolgenden Kapiteln (Kap. 4 & 5) separat, wie auch in Bezug zueinander (Kap. 6) behandelt, konzeptionell vorgestellt und empirisch im Hinblick auf körperbehinderte Menschen dargelegt werden. Schemenhafte Kapitelzusammenfassungen sind im Inhaltsverzeichnis nicht explizit eingearbeitet, befinden sich aber jeweils am Ende Kapitelende.
Einleitung 9
Im empirischen Teil der Arbeit (Kap. 7) erfolgt eine Vorstellung des durchgeführten Projekts und der Probandenstichprobe sowie eine Analyse seiner möglichen und tatsächlichen Interventionseffekte auf Motorik und Selbstkonzept sowie den Zusammenhang beider Bereiche. Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung aller Ergebnisse und leitet zum letzten Textabschnitt über (Kap. 8), in dem nochmals die wichtigsten Aspekte der Arbeit vorgetragen und Anreize für weite- re Untersuchungen gegeben werden.
Theoretischer Teil 10
Theoretischer Teil
1 Kindheit und Entwicklung
Zum hinreichenden Verständnis physischer und psychosozialer Phänomene im Kindesalter sowie ihrer Wirkungszusammenhänge sind einleitend grundlegende inhaltliche Klärungen vorzunehmen. Im vorliegenden Kapitel finden sich deshalb Annährungen an die Lebensphase Kindheit (Kap. 1.1) sowie Ausführungen zum Entwicklungsverständnis (Kap. 1.2), das an Hand des Risiko- und Schutzfaktorenkonzepts von Scheithauer, Niebank und Petermann (2000) erläutert wird.
1.1 Lebensphase Kindheit
Kindheit wird heutzutage als ein sozial und kulturell definierter Lebensabschnitt gesehen, in dem verschiedene und für das spätere Leben grundlegende Ent- wicklungsprozessedurchlaufen werden. „In der Kindheit entscheidet sich, ob die Entwicklungspotentiale des Individuums zur vollen Entfaltung gelangen. Anregende und strukturierte Umweltangebote sind Voraussetzung für eine optimale Nutzung der Entwicklungschancen der Kindheit.“ (Oerter, 2008, S. 270). Moder- neKindheit steht jedoch strukturellen Veränderungen der sogenannten Risikogesellschaft gegenüber, die sich nach Opp und Fingerle (2007) insbesondere in beschleunigten Individualisierungsprozessen, gewachsenen Anforderungen zur Selbstinszenierung und einer Pluralisierung individueller Lebenschancen äußern und demnach in ambivalenter Weise Chancen und Gefahren für den Sozialisierungsprozess bergen. In Letzterem und hinsichtlich des Grundsatzes vom lebenslangen Lernen kommt der Kindheit der Stellenwert einer Übergangsphase zu. Dieser betont die Veränderungsdynamik des Kindesalters. Entwicklungspsychologisch wird Kindheit heutzutage als eigenständige Lebensphase angesehen, die sich durch ihre eigenen Merkmale und (Entwicklungs-) Aufgaben auszeichnet. Als solche können für die mittlere Kindheit (sechstes bis zwölftes Lebensjahr) beispielsweise folgende zitiert werden: Erlernen körperli- cher Geschicklichkeit, Lernen mit Altersgenossen zu Recht zu kommen, Erlan-
1 Kindheit und Entwicklung 11
gen schulischer Kompetenzen, Erreichen persönlicher Unabhängigkeit (vgl. Oerter & Dreher, 1995, S. 328; Gerlach & Brettschneider, 2008, S. 195). Als Quelle dieser Aufgaben sieht Havighurst (1972) - ganz im Sinne des interaktionistischen Entwicklungsmodells - biologische Reifeprozesse, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Zielsetzungen. Er führt weiter aus, dass die Bewältigung dieser Aufgaben nicht zwangsläufig in einem ganz bestimmten Lebensalter geleistet werden muss; Verschiebungen sind allerdings mit mehr Auf- wand/Anstrengungverbunden, da sie den ‚sensitive periods for learning‘ nicht entsprechen und können eher zu Misserfolgen führen, sodass eine ungünstige Ausgangslage für nachfolgende Aufgaben geschaffen wird (vgl. Oerter & Dreher, 2008, S. 279). In diesem Sinne ist Entwicklung und mit ihr Kindheit - insbesondere in der vom Strukturwandel geprägten Gesellschaft - Fortschritt und Risiko: Fortschritt setzt die Bewältigung der (altersspezifischen) Aufgaben voraus, bei der das Kind/der Mensch, und besonders der behinderte Mensch nicht allein gelassen werden sollte, um zumindest ein Gleichgewicht von Belastungen und Ressourcen im Sinne einer positiven Entwicklungsprognose herzustellen.
1.2 Grundlegendes Entwicklungsverständnis am Beispiel des Risiko- und Schutzfaktorenmodells
Forschungsgrundlage des derzeitigen Entwicklungsverständnisses ist der dynamische Interaktionismus mit dem Postulat der aktiven Beteiligung des Individuums an seiner Entwicklung und dem des lebenslangen Lernens. Demnach ist davon auszugehen, dass Entwicklung allgemein, und speziell die Identitätsfindung, nicht einseitig auf biologischen Reifeprozessen basieren, aber auch nicht gänzlich durch die Umwelt determiniert sind. Vielmehr beinhaltet Entwicklung einen wechselseitigen Prozess beider Elemente - bei jedem Menschen, ein Leben lang.
Anpassungs- und Entwicklungsprozesse können je nach Ausgestaltung dieser Elemente und ihres Zusammenspiels zwei gegensätzliche Richtungen einschlagen. Wie diese Verläufe erklärt werden und ob beziehungsweise wie der zu- nächst evident risikoerhöhende Faktor der Körperbehinderung zu fehlangepass-
1 Kindheit und Entwicklung 12
ter Entwicklungsprognose führt, soll an Hand des Risiko- und Schutzfaktorenmodells (nach Scheithauer, Niebank & Petermann, 2000) geklärt werden: Die grundlegende Annahme des Risiko- und Schutzfaktorenkonzepts (vgl. Abb. 1) ist, dass sowohl ‚normale‘ beziehungsweise gelungene, als auch abweichen- deEntwicklung und die damit verbundenen individuellen Anpassungsprozesse innerhalb eines theoretischen Bezugsrahmens beschrieben werden können.
Abb. 1: Schema risikoerhöhender und risikomildernder Faktoren in der kindlichen Entwicklung (ebd., S. 67)
Aus dem Zusammenspiel zwischen Umwelt und Individuum, leiten Scheithauer et al. (S. 66) bestimmte risikoerhöhende Faktoren der kindlichen Entwicklung ab, die in den ersten drei Lebensjahren grundlegend sind und folgende Aspekte umfassen: Als biologische Faktoren führen sie unter anderem prä-, peri- und postnatale Komplikationen, ein negatives mütterliches Ernährungsverhalten sowie ein schwieriges Temperament des Kindes an. Risikoerhöhende Faktoren innerhalb der Eltern-Kind-Interaktion können fehlangepasstes (unsicheres, de-sorganisiertes, negatives) Bindungsverhalten und auch psychische Störungen der Eltern sein. Als dritten für diese Zeitspanne relevanten Punkt führen die Au-toren familiäre und soziale Faktoren an, wie beispielsweise Konflikte der Eltern, Unstimmigkeiten im Erziehungsverhalten und ein niedriger sozioökonomischer Status. Demnach setzen sich risikoerhöhende Faktoren aus solchen zusam- men, die kindbezogen sind und Vulnerabilitätsfaktoren heißen, da sie die ‚Ver-
1 Kindheit und Entwicklung 13
letzbarkeit‘ der Person beschreiben und solchen, die umweltbezogen sind und als Risikofaktoren gelten. Neben primären Vulnerabilitätsfaktoren, die das Kind von Geburt an aufweist, kommen im Belastungsgefüge noch Phasen erhöhter Vulnerabilität (wie z.B. kritische Wachstumsperioden) sowie sekundäre Vulne- rabilitätenzum Tragen, die in Auseinandersetzung mit der Umwelt ‚erworben‘ werden.
Aus dieser Zusammenfassung der Belastungsfaktoren kindlicher Entwicklung geht eindeutig hervor, dass eine (Körper-) Behinderung als Risikofaktor einzustufen ist, weil Kinder, die dieses Merkmal aufweisen zum Teil von Beginn ihres Lebens an zusätzlichen risikoerhöhenden Faktoren ausgesetzt sind. Schuppener (2005) spricht hier insbesondere vom erschwerten Aufbau der notwendigen (Lebens-) Bewältigungsstrategien, und zwar dadurch, dass behinderte Kinder oftmals frühzeitig einen Wechsel von Bezugspersonen hinnehmen müssen oder gar mit Akzeptanz-/Aufnahmeschwierigkeiten der Eltern konfrontiert sind. In ungünstigstem Falle führe dies gar ‚zu einer Art chronifizierter Vulnerabilität‘, also personaler, durchgängiger Schwäche gegenüber noch anstehenden Anforderungen.
Nun braucht es keiner Studien, um zu der Einsicht zu gelangen, dass bei Weitem nicht alle (Hoch-) Risikokinder fehlangepasste Entwicklungsverläufe aufweisen. Hier kommt die zweite Seite der Medaille - die der risikomildernden Bedingungen - zum Tragen: Auf Umweltebene sind dies schützend und unterstützend wirkende Faktoren innerhalb der Familie. Sie umfassen ein stabiles, günstiges Beziehungs- und positives Bewältigungsverhalten ebenso wie Freundschaften und positive Erfahrungen in (ersten) Bildungseinrichtungen des sozialen Umfeldes. Als kindbezogener risikomildernder Faktor wirkt ein positives Temperament und überdurchschnittliche Intelligenz. Darüber hinaus spielen im Schutzfaktorenkonzept personale Fähigkeiten zur Resilienz eine wichtige Rolle, da diese als Kompetenz des Kindes beschrieben werden kann, „relativ unbe- schadetmit den Folgen beispielsweise belastender Lebensumstände umgehen und Bewältigungskompetenzen entwickeln zu können“ (Scheithauer et al., S. 81). Im Hinblick auf den relativen Charakter der Resilienz (Opp, Günther & Fin- gerle, 2007, S. 14), kommt der komplexe Wechselwirkungsmechanismus zwi-
2 Begriffsbestimmung ‚Körperbehinderung‘ 14
schen den Ressourcen - als Gesamtheit der Schutzfaktoren - und den Belastungen - als Risikofaktoren - zum Tragen. Daraus resultiert, dass unterschiedliche Risikobedingungen in gleicher, und gleiche Risikobedingungen in unterschiedlicher Weise wirksam werden können, denn die Beziehung zwischen ihnen ist in den meisten Fällen nicht linear, sondern bidirektional und reziprok. Daraus erklärt sich weiterhin, als Erkenntnisgewinn für die vorliegende Zielgruppe, dass der Risikofaktor einer Körperbehinderung nicht zwangsläufig in eine fehlangepasste Entwicklung münden muss, sondern dass er von variablen, kind- und umweltbezogenen Faktoren abgefangen werden kann.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Lebensphase Kindheit die entscheidende Periode für Entwicklungsprozesse ist. Entwicklung im interaktionistischen Sinne bedeutet jedoch nicht nur Chance, sondern muss - besonders in der heutigen Gesellschaft - als Herausforderung angesehen werden, bei der Kinder nicht allein gelassen werden sollten. Eine Körperbehinderung gilt in diesem Kontext als Belastungsfaktor, der nicht zwingend in negative Entwicklungsprozesse einmündet. Was unter einer Körperbehinderung en détail zu verstehen ist, soll im folgenden Kapitel geklärt werden.
2 Begriffsbestimmung ‚Körperbehinderung‘
Wer als behindert anzusehen ist entscheiden wir durch unsere individuelle Bewertung, aber auch durch soziale Zuschreibungen. In der Regel jedoch ist Behinderung für die Mehrheit der Bevölkerung kein Thema, denn wer bedenkt schon, dass es jeden treffen kann, zu jeder Zeit. Ein Unfall, die Geburt eines behinderten Kindes, eine chronische Krankheit oder aber die Gebrechlichkeiten des Alters können dazu führen, dass man selbst direkt oder indirekt von einer Behinderung betroffen ist.
Dabei sind uns Menschen mit Behinderungen im täglichen Miteinander wenig vertraut. Hört man eine Berichterstattung, sieht Bilder, liest Schlagzeilen oder macht eine unerwartete Begegnung mit ihnen, steht man diesem zumeist hilflos gegenüber, empfindet oder zeigt Mitleid und versucht es zu vermeiden/zu ver-
2 Begriffsbestimmung ‚Körperbehinderung‘ 15
drängen. Bewusst oder nicht hat jeder dennoch eine eigene Meinung zu dem Thema, jedoch fehlt in den meisten Fällen ein theoretisch fundiertes Hinter-grundwissen.
Zur Begriffseinengung und Abgrenzung einer Erkrankung gegenüber, wird Behinderung als nicht vorübergehender und mindestens sechs Monate andauernder Zustand aufgefasst. Weiterhin lässt sich Behinderung durch den sogenannten Grad der Behinderung (GdB) näher bestimmen und beschränkt sich aus dieser Perspektive auf die körperliche Regelwidrigkeit/Schädigung. Die Unzulässigkeit dieser Reduktion wird beispielsweise in einer Situation augenscheinlich, in der ein auf einen Rollstuhl angewiesenes Kind im Klassenzimmer sitzt und ohne Einschränkung am Unterricht teilnimmt. Endet jedoch die Stunde und alle anderen Kinder eilen die Treppen hinunter zum Schulhof, kommt in diesem Moment die Behinderung zum Tragen, doch nicht nur im Sinne einer Schädigung, sondern vielmehr als Faktor, der die Aktivität und Teilhabe des Kindes beeinträchtigt.
Um der Mehrdimensionalität des Behinderungsbegriffs gerecht zu werden, hat die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, 2001) eine internationale Klassifikation des Behinderungsbegriffs vorgenommen, welche sich in ihrer aktuellen Version wie folgt darstellt: Den medizinischen Aspekt umreißen Begriffe wie Körperfunktion und -struktur oder Funktionsstörung und Strukturschaden. Der Sachverhalt der Fähigkeitsbeeinträchtigung kommt als Aktivität beziehungsweise deren Einschränkung zur Geltung und die soziale Komponente wird als (beeinträchtigte) Partizipation umschrieben. Diese Trendwende zur ganzheitlichen Betrachtung des körperbehinderten Menschen sowie zur Ressourcen- an Stelle von Defizitorientierung darf nicht als Kleinkariertheit interpretiert, sondern muss als Schritt in die richtige Richtung und Anstoß zum Umdenken jedes einzelnen Gesellschaftsmitglieds verstanden werden. Dass die gegenwärtige Betrachtung positive Aspekte berücksichtigt, bedeutet nicht gleichzeitig, dass negative außen vor gelassen oder negiert werden. Eine bildliche Darstellung macht die Zusammenhänge deutlich (vgl. Abb. 2).
2 Begriffsbestimmung ‚Körperbehinderung‘ 16
Abb. 2: Komponenten und Aspekte des 1. Teils der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), nach Leyendecker (2005, S. 20)
Mit einem zweiten Teil der Klassifikation, der zusätzlich die individuell gegebenen umwelt- und personbezogenen Kontextfaktoren mit einbezieht, die auch in Anlehnung an das Risiko- und Schutzfaktorenkonzept entweder in positiver oder negativer Weise wirksam werden können, schließt sich der Kreis zum Grundsatz des Interaktionismus.
Der Personenkreis der von einer Körperbehinderung betroffenen Menschen kann demzufolge wie folgt charakterisiert werden:
„Als körperbehindert wird eine Person bezeichnet, die in Folge einer Schädigung des Stütz- und Bewegungssystems, einer anderen organischen Schädigung oder einer chronischen Krankheit so in ihren Verhaltensmöglichkeiten beeinträchtigt ist, dass die Selbstverwirklichung in sozialer Interaktion erschwert ist.“ (Leyendecker 2005, S. 21) Zwei Sachverhalte möchte ich aus dieser Definition ableiten: Erstens geht aus ihr hervor, dass es verschiedenste Formen von Körperbehinderungen gibt. Zum Zwecke einer Gruppierung, mit Hilfe derer auch die Pro-bandenstichprobe im empirischen Teil der vorliegenden Arbeit vorgestellt wird (vgl. Kap. 7.2), können nach Leyendecker (1985, S. 85) drei Großgruppen unterschieden werden: ˗ Schädigungen von Gehirn- und Rückenmark ˗ Schädigungen von Muskulatur und Knochengerüst ˗ Schädigungen durch chronische Krankheit und Fehlfunktion von Organen
2 Begriffsbestimmung ‚Körperbehinderung‘ 17
Zweitens bleiben bei der vorliegenden Definition motorische Beeinträchtigungen außen vor, da aus medizinischer Sicht kein Nachweis für eine Schädigung vorliegt. Weil jedoch eine Abgrenzung zwischen motorischer Behinderung im engeren Sinne (Körperbehinderung) und im weiteren Sinne (motorische Beeinträchtigung) nicht immer leicht zu treffen ist, Körperbehinderungen nur selten in Rein-form vorliegen und dies auch für die spätere Probandenstichprobe so ist, wird Letztere zusätzlich zu den ersten drei Punkten durch einen vierten charakteri- siert,der auf Grund seiner Heterogenität unter ‚sonstige Beeinträchtigungen‘ ge- führtwird und sich als negativ auf die kindliche Motorik auswirkend kennzeichnet.
Aus dem spezifischen Bedingungsgefüge der Körperbehinderung hat Bergeest (2006, S. 239) folgende Förderdimensionen zusammengetragen: ˗ Psychomotor. Dimension: Entwicklung und Verbesserung der motori-
schen Möglichkeiten
˗ Kognitive Dimension: Förderung von sensorischer Integration, Kognition
und Sprache
˗ Sozial-kommunikative Dimension: Förderung nonverbaler und verbaler
Kompetenz und der sozialen Beziehungspflege ˗ Emotionale Dimension: Förderung von Wahrnehmung und Stabilisierung
des Gefühlslebens sowie der Entwicklung von Selbstwertempfindung ˗ Psychosexuelle Dimension: Förderung der kindlich-lustvollen Beziehung
zum eigenen Körper und zum Umfeld
˗ Ästhetisch-kulturelle Dimension: Kennenlernen und Pflege kreativen Aus-
drucks
˗ Wertstiftende Dimension: Auseinandersetzung mit behinderungsspezifi-
schen Grundproblemen und Sinnfindung
Als zusätzliches, alle Bereiche umfassendes pädagogisches Kriterium gibt der Autor noch die ‚Förderung von Expansion/Exploration, Ausdruck und Sprache‘ an, da der Mensch ein lernfähiges Wesen ist und erst bestimmte Fähig- und Fertigkeiten ihn zu angemessener gesellschaftlicher Teilhabe und Umsetzung persönlicher Wünsche befähigen und richtungsweisend für das übergeordnete Ziel der selbstständigen Lebensführung sind.
3 Der Zusammenhang zwischen körperlich-sportlicher Aktivität und Gesundheit 18
Zur Begriffsumschreibung einer Körperbehinderung kann zusammenfassend gesagt werden, dass drei Aspekte unbedingt Beachtung finden müssen; dies sind die Körperfunktionen, die Aktivitäten und die Partizipationsmöglichkeiten. Die ebenfalls vorgenommene Kategorisierung in drei bzw. vier Großgruppen motorischer Behinderung erfolgte im Hinblick auf selbige Gruppierung der Pro-bandenstichprobe im empirischen Teil der Arbeit. Ein Einblick in die Förderbedürfnisse körperbehinderter Menschen sollte Kriterien angeben, nach denen Fördermaßnahmen beurteilt werden können.
3 Der Zusammenhang zwischen körperlich-sportlicher Aktivität
und Gesundheit
Körperlichem Engagement wird seit jeher eine überaus positive Rolle für physische und psychische Gesundheitsparameter zugesprochen. Im vorliegenden Kapitel sollen daher zwei grundlegende Hypothesen (Kap. 2.1) sowie ein heuristisches Modell von Sygusch, Tittlbach, Brehm, Opper, Lampert und Bös (2008; Kap. 2.2) zum postulierten Wirkungszusammenhang beider Komponenten vorgestellt werden.
3.1 Sozialisations- vs. Selektionshypothese
Die Sozialisationshypothese unterstellt eine (positive) Wirkung sportlichen Engagements auf physische und psychosoziale Gesundheitsaspekte und die Selektionshypothese verlautet, dass Letztere maßgeblich für die Sportbeteiligung ist (Brinkhoff, 1998; Burrmann, 2008). Paradox erscheint zunächst, dass es empirische Nachweise für beide Hypothesen gibt, was aber nur die Bedeutung der Interpretation solcher Befunde unterstreicht und auf querschnittlichen Untersuchungsdesigns basiert, bei denen keine Aussagen über Kausalzusammenhänge gemacht werden können. Hinsichtlich der Ganzheitlichkeit des Menschen, der Vielfalt im Sport möglicher Erfahrungen und der interaktionistischen Prämisse können und sollten beide Hypothesen eher komplementär als dualistisch zu- einander in Beziehung gesetzt werden. Einen Versuch dem hohen Anspruch
Arbeit zitieren:
Anna Kozok, 2009, Motorik und Selbstkonzept körperbehinderter Kinder, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Anna Kozok's Text Motorik und Selbstkonzept körperbehinderter Kinder ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Anna Kozok hat den Text Motorik und Selbstkonzept körperbehinderter Kinder veröffentlicht
Anna Kozok hat einen neuen Text hochgeladen
Psychomotorik bei Kindern mit Körperbehinderungen
Entwicklung und Förderung
Bernd Hachmeister
Das Selbstkonzept Inventar (SKI) für Kinder im Vorschul- und Grundschu...
Theorie und Möglichkeiten der ...
Dietrich Eggert, Sandra Bode, Christina Reichenbach
Erfolgreiche Bewegungsförderung für Kinder
Eine Übungssammlung mit Alltag...
Gerhard Frank, Bärbel Eckers
Bewegungsmangel und Fehlernährung im Kindes- und Jugendalter
Prävention und interdisziplinä...
Christine Graf, Sigrid Dordel, Thomas Reinehr
Sexualerziehung an der Schule für körperbehinderte aus der Sicht der L...
Wissenschaftliche Grundlagen, ...
Barbara Ortland
0 Kommentare