1. Einleitung:
„Die Wahrheit ging durch die Straßen, ganz nackt, wie am Tag ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete vor ihr. Eines Tages ging die Wahrheit, wieder in Gedanken versunken, durch die Straßen. Sie war sehr betrübt und verbittert. Da begegnete sie dem Märchen. Das Märchen war geschmückt mit herrlichen, prächtigen und vielfarbigen Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten.
Da fragte das Märchen die Wahrheit: „Sage mir, geehrte Freundin, warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Straßen so betrübt herum?“ Da antwortete ihm die Wahrheit: „Es geht mir sehr schlecht, ich bin alt und betagt, und kein Mensch will mich kennen.“
Hierauf erwiderte ihr das Märchen: „Nicht, weil du alt bist lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt, und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Siehe ich will dir ein Geheimnis enthüllen: Sie lieben es, dass jeder geschmückt ist und sich ein wenig verkleidet. Ich werde dir solche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“
Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Seid damals gehen Wahrheit und Märchen zusammen, und beide sind bei den Menschen beliebt.“ 1
Wahrheit und Märchen liegen eng zusammen. Doch gerade für Kinder ist der Schatz der Märchen sehr umfangreich. Überall auf der Welt hat das Märchen die Aufgabe, alte Weisheiten zu bewahren, Problemlösungen zu bieten und Gebräuche und Überlieferungen zu erhalten. Märchen können besonders Kindern helfen zu lernen, wie Konfliktsituationen gemeistert werden und wie Schwierigkeiten überwunden werden können. Kinder, die mit Märchen aufwachsen, profitieren von ihnen, sie besitzen mehr emotionale Intelligenz als andere Gleichaltrige und können Probleme leichter lösen. Sie entwickeln eine gesunde Phantasiestruktur, in der Wahrheit und Gerechtigkeit einen Platz haben.
1 Rupp, Christina: Märchen wirken Wunder, Pattloch Verlag, Augsburg, 1998, S. 9.
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Diese Hausarbeit wird in Anlehnung an das Seminar „Pädagogik in der literarischen Fiktion“ geschrieben und beschäftigt sich mit der Frage, ob und inwieweit (Volks-) Märchen für die Erziehung von Kindern so wertvoll sind. Im 2. Kapitel der Hausarbeit erfolgt die Einordnung der Themenstellung in den erziehungswissenschaftlichen Kontext. Es wird dargestellt, wie die Pädagogik Märchen in der Kindererziehung bewertet.
Da im Fortgang der Arbeit die Gattung „Märchen“ eine zentrale Rolle einnimmt, gilt es nun, das mit diesem Terminus Gemeinte genauer zu bestimmen, um somit eine Grundlage für die darauf folgenden Überlegungen zu gewinnen. Ebenso wird hier der typische Aufbau eines Märchens dargestellt.
Daraufhin folgt die geschichtliche Entwicklung des Märchens in der geschildert wird, wie das Volksmärchen entstanden ist.
Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Wesen des Märchens und betrachtet dies genauer. Hier wird darauf eingegangen, wie das Märchen als Unterhaltung, Seelennahrung, Botschaft, Wahrheit, Sinnbild und Hoffnungsträger für den Menschen und insbesondere für das Kind genutzt werden kann. Das sechste Kapitel befasst sich mit der Rolle des Märchens. Es wird gezeigt, dass das Märchen schon in unserer frühesten Kindheit eine zentrale Rolle in unserem Leben einnimmt. Ebenso wird hier verdeutlicht, dass Phrasen und Begriffe aus Märchen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch fest verankert sind. Dies zeigt ebenfalls die Bedeutung von Märchen im Erwachsenenalter. Da das Märchen in unserer Gesellschaft immer mehr an Ansehen gewinnt, folgt nun ein Exkurs „Moderne Märchen in unserer Zeit“. Anhand von zwei Beispielen soll veranschaulicht werden, was ein modernes Märchen ausmacht und mit welchen Mitteln dieses aufgebaut ist.
Im darauf folgenden Kapitel richtet sich das Augenmerk wieder darauf, welchen Wert das Märchen für die Kinder besitzt. Dies geschieht auch im 9.Kapitel. Es wird dargestellt, welche positiven Möglichkeiten sich in der Entwicklung des Kindes durch Märchenerfahrungen ergeben können.
Abschließend wird erläutert, wie Märchen den Kindern einen Sinn für ihr Leben geben können. Im Fazit wird versucht die einzelnen Kapitel in ein Gesamtergebnis zu fassen.
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2. Einordnung der Themenstellung in den erziehungswissenschaftlichen Kontext
Seid einiger Zeit gibt es ein neues Interesse am Märchen. Die „Europäische Märchengesellschaft e.V.“ kann hier mit ihren steigenden Zahlen an Mitgliedern als Beispiel gelten. Die Mitglieder sind Wissenschaftler, Märchenforscher, interessierte Laien, insgesamt Leute aus den unterschiedlichsten sozialen Gruppen und mit unterschiedlichstem Alter. Doch nicht nur die Kongresse dieser Gesellschaft und ihrer Besucherzahl sind Beweise dafür, dass es eine neue Vorliebe für das Märchen zu geben scheint. Die Beliebtheit phantastischer Literatur, so genannte Fantasy, die sich letztlich vom Märchen herleitet, die Bestsellerfolge von Autoren wie Michael Ende, Tolkien, T.H. White, aber auch die Auflagenzahlen der Märchen-Taschenbuchreihen weisen auf dieses Interesse hin. Im zunehmenden Maße sind es Erwachsene und Jugendliche, die sich für die Märchen interessieren. Die Diskussion dieses Phänomens müsste von einer sorgfältigen Analyse der Fantasy-Literatur in der Gegenwart ausgehen. Welche Themen werden wie präsentiert? Welche Wünsche und Ängste melden sich hier zu Wort? Eine solche Untersuchung würde den Rahmen dieser Hausarbeit jedoch sprengen.
Wie in der Einleitung schon erläutert soll es in dieser Arbeit um den Wert des Märchens für die Kinder gehen. Ursprünglich sind Märchen nicht für Kinder, sondern für Erwachsene verfasst worden. Die Brüder Grimm stellten schon früh eine besondere Affinität der Kinder zum Märchen fest, und aus diesem Grunde wollten sie mit ihren Märchen nicht nur der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen, sondern sie sollten auch als "Erziehungsbuch" dienen. Diese pädagogische Absicht ist jedoch seitdem sehr umstritten. Einer pädagogischen Bedeutung von Märchen kann man entgegenhalten, dass diese unwahr sind und ein erhebliches Potential von Grausamkeiten enthalten. Im Märchen gibt es die Aussetzung und die zu Mindest geplante Ermordung von Kindern, ihre Misshandlung und Verstümmelung, grausame Strafen für die Bösewichter, schreckliche Todesarten und Vieles mehr. Dadurch stellte sich lange Zeit die Frage ob Märchen aus diesem Grunde überhaupt für Kinder geeignet sind. Man könnte vermuten, dass die Grausamkeiten keine Gefahr wären, da sie nur genannt, niemals aber geschildert werden. Eine befriedigende Antwort auf das Problem der Grausamkeiten in Märchen ist jedoch noch nicht gefunden. Aus pädagogischer Sicht werden Märchen oft abgelehnt, da in ihnen ein Mittel gesehen wird, Kinder zu Gehorsam, Anpassung, Weltfremdheit und Passivität zu
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erziehen. Ein weiteres Argument der Pädagogen gegen Märchen ist, dass Kinder in ihnen misshandelt und ausgebeutet werden. Das Kind sei hier das letzte Opfer von Herrschaft und Repression, indem die Eltern den Druck der Gesellschaft auf das Kind übertragen. In den Grimmschen Märchen könne man eigentlich nur von einem bedrückenden Leben der Kinderfiguren sprechen. Eine besondere Kritik erfährt das Rollenverständnis der Frauen und Mädchen. Man glaubt, den Kindern werde hier ein Vorbild der Demut, des Gehorsams und der Passivität vermittelt. Die Autorität der Eltern, insbesondere des Vaters bleibe unangetastet. Der oft unterstellte erzieherische Effekt im Märchen durch die Darstellung der Familie als primärer sozialer Bezugsraum mit hierarchischem Aufbau ist keineswegs gegeben. Tatsächlich enthalten die Grimmschen Märchen nirgends die Darstellung einer intakten Familie. In den meisten Fällen werden Konflikte innerhalb der Familie zum Anlass genommen, dass das Kind oder der junge Mensch diese verlässt. Indem gezeigt wird, wie die Kinder das Elternhaus verlassen und ihren eigenen Weg gehen, kann keinesfalls von einer Ausrichtung der Kinder zur Übernahme der elterlichen Funktionen ausgegangen werden. Natürlich gibt es auch Beispiele von Gehorsam, der belohnt wird („Der Froschkönig"). Hier handelt es sich aber nicht um die Vermittlung von Tugenden wie z.B. Artigkeit, sondern um vernünftige pädagogische Grundsätze. Als Beweis für die autoritäre Gesellschaftsstruktur des Märchens werden oft Maxime wie Bescheidenheit und Dankbarkeit, Freigibigkeit und Opferbereitschaft genannt. Diese Maxime sind jedoch nicht unbedingt negativ zu bewerten. Es gibt auch genug Beispiele, in denen das Gebot übertreten wird, etwa die verbotene Tür geöffnet wird. 2
Insgesamt ist die Pädagogik der letzten Jahre wohl zu dem Schluss gekommen, dass sich die Faszination der Kinder nicht leugnen lässt und dass diese einen Grund haben muss. Dies ist damit zu erklären, dass Märchen gewisse Strukturelemente aufweisen, die dem kindlichen Rezipienten entgegenkommen. Das sind die Bildhaltigkeit, die Beweglichkeit und der Abwechslungsreichtum seiner Handlung, seine magischen Bestandteile und die Überdeutlichkeit seiner Archetypen. Abgesehen von dem Wesen und der Struktur des Märchens ist die Affinität des Kindes zum Märchen auch durch die psychischen Bedürfnisse des Kindes erklärbar. Märchen helfen dem Kinde bei der Ausbildung seiner Phantasie. Sie vermitteln in
2 Vgl. Hetmann, Frederik, Märchen und Märchendeutung, erleben und verstehen, Königsfurt Verlag,
Klein Königsförde, 1999, S. 133.
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Arbeit zitieren:
Mira Düpre, 2009, Der Wert des Märchens für Kinder: Kinder brauchen Märchen, München, GRIN Verlag GmbH
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