Inhaltsverzeichnis
Vergessenstheorien 1
1. Einleitung 3
2. Nietzsche: Positives Hemmvermögen 3
3. Freud: Unbewusstes Vergessen 4
1. Das Vergessen 5
2. Deckerinnerungen 5
3. Psycholinguistik: Versprechen, Verlesen, Verschreiben 6
4. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen 7
4. Ricoeurs Definitionen des Vergessens 9
1. Das Vergessen. 9
3. Das Verzeihen 10
3. Fazit 11
5. Weinrich: Kunst des Vergessens 12
1. Sprachliches. 12
2. Mnemotechnik und Lethe 14
3. Die Verlockungen des Vergessens. 14
4. Liebesschmerzen vergessen 15
5. Die Transzendenz. 15
6. Angewandte Mnemotechnik 16
6. Osten: Das moderne Vergessen und die Gefahr der Zukunft 16
1. Einleitung zum Buch und zum Vorwort. 17
2. Vergangenheitshass und Stolz bei Napoleon, Goethe und Nietzsche 18
3. Verdrängung und Gedächtnisauslöschung: Freud, Nazis und das kulturelle Gedächtnis 19
4. Die Naturwissenschaften als Gedächtniszerstörer 20
5. Moderne Techniken lassen vergessen. 21
6. Die Technik im Menschen 23
7. Schluss 25
8. Literatur 26
2
1. Einleitung
Vergessen - für manche positiv, für manche negativ. Was ist Vergessen wirklich? Diese Abhandlung soll einige Vergessenstheorien zeigen, angefangen bei Nietzsche und der Psychoanalyse Freuds, dann hin zu moderneren Theorien von Ricoeur, Weinrich und Osten.
2. Nietzsche: Positives Hemmvermögen
Den Menschen nennt er ein Tier, das versprechen darf, doch was darf es denn versprechen? Sich selbst eine Zukunft, indem es lernt zu unterscheiden, indem es sich ein Gedächtnis des Willens aufbaut, ein aktives Gedächtnis. Doch wer nie etwas vergisst, wird auch nie fertig, weshalb er die Vergesslichkeit wiederum ein positives Hemmungsvermögen nennt. Sie sorgt für Stille, schafft Platz für Neues, hält die innere Ordnung aufrecht. Ohne sie gäbe es keine Gegenwart; ohne je fertig zu werden, gibt es keine Zukunft. Ein Tier, das versprechen kann, muss für ihn einförmig, gleich und berechenbar sein. Dies schafft die Sitte, indem sie den Menschen durch die 'soziale Zwangsjacke' berechenbar macht. Dagegen schafft es das souveräne Individuum, die Sitte wieder zu überwinden, es hat einen eigenen Willen und vor allem Herrschaft über sich, die Natur und Willensschwächere. Dadurch entsteht aber eine Verantwortlichkeit und daraus das Gewissen. Doch wie entstand das Gedächtnis denn überhaupt? Nietzsche sieht es als einen dauernden, bleibenden Schmerz an. Dies ist auch die Grundlage für jegliche Strafen, denn sie sind da, um ein schlechtes Gedächtnis zu festigen. Erst durch Strafandrohung kann man versprechen. Nietzsche sah das Vergessen als Positiv an. Vergessen ist wichtig für den Einzelnen wie für das Ganze. Selbst das Tier, mit dem Nietzsche den Menschen oft vergleicht, lebt völlig ohne Wissen an die Vergangenheit und lebt damit gut. Auf sich selbst konzentrieren erfordert auch die Fähigkeit, alles andere vergessen zu können - und nur wenn man sich auf sich selbst konzentriert und kennenlernt, kann man sich überwinden, zum Übermenschen werden.
Ohne das Vergessen hängt der Mensch immer am Alten. Dies ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier, denn letzteres lebt im Augenblick. Der Mensch dagegen wird von der Last seiner Vergangenheit erdrückt. Die Vergangenheit bringt Leiden und Überdruss, das
3
Dasein wird zum nie vollendbaren, ewigen Gewesensein. Wer sich aber nicht im Augenblick niederlassen kann, wird niemals Glück verspüren noch geben können. Zum Handeln gehört das Vergessen. Ohne Erinnerung lebt es sich glücklicher. Ohne Vergessen ist Leben unmöglich, denn zuviel Erinnern bringt Schmerz. Man muss das Vergangene ein- und verarbeiten können um nicht zu Schaden zu kommen. Gesund bleibt man nur in einem begrenzten Horizont. Das Vergessen ist wichtig, um Neues aufnehmen zu können. Der historische Mensch versucht zu sehr anhand der Vergangenheit etwas 'besseres' zu machen und scheitert. Dem Überhistorischen bringt das Neue nichts Neues, sondern nur bekanntes und erwartetes, was zu Ekel und Übersättigung führt. So fordert Nietzsche, dass man nicht von der Geschichte und Vergangenheit bestimmt wird, sondern sie zu Nutzen versteht, zum Zwecke des Lebens.
3. Freud: Unbewusstes Vergessen
Sigmund Freud publizierte 1901 sein Werk 'Psychopathologie des Alltagslebens. Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum'. Hier wendet er seine Psychoanalyse an verschiedenen Beispielen - meist welchem aus seinem eigenen Leben, von Patienten oder Freunden - mit der Theorie, dass dies alles zurückzuführen sei auf unterbewusste Vorgänge. Auch führt er hier den später so genannten 'Freudschen Versprecher' ein, ebenso wie er in diesem Werk zu einer Konklusion der Frage kommt, ob es nun einen freien Willen gibt oder nicht.
Freud war kein moderner Naturwissenschaftler und so erinnert sein Buch mehr an das eines Philosophen. Seine Erkenntnissen gründen sich größtenteils auf eigene Beobachtungen und Überlegungen. An anderen Autoren zitiert er eigentlich nur Meringer und Mayer von 1900 sowie Wundt, Zeitgenossen von ihm. An einer Stelle erwähnt er zwar auch durchgeführte Experimente, doch sind diese in der Minderheit. Aber eines unterscheidet ihn stark von einem Philosophen: er behauptet immerhin nicht, die absolute Wahrheit gefunden zu haben und dass weitere Forschungen nötig seien.
4
1. Das Vergessen.
Freud unterscheidet in zwei Kapiteln zwei erste Arten von Vergessen: das von Eigennamen und das von Fremdwörtern. Kurz gesagt also von Wörtern.
Das Vergessen nennt er das Versagen einer psychischen Funktion, nämlich der Erinnerung. 1
a) Eigennamen, so Freud, vergisst man leichter, doch man erinnert sich stattdessen an damit assoziierte Ersatznamen. Hierbei wird man durch das vorhergehende Thema beeinflusst. Als mögliche Ursachen für das Vergessen führt er an:
1. Man wollte etwas vergessen (bewusst oder unbewusst).
2. Das Thema wechselte bevor man das vorherige fertig behandelt hatte und man muss weitere Assoziationen unterdrücken, die nun wieder hervor kommen. Die Ersatznamen haben auf jeden Fall Elemente (v.a. In Form von Silben) des Verdrängten und des vorhergehenden Themas.
Das Beispiel für die Eigennamen war sein Vergessen eines italienischen Malers.
b) Fremdwörter vergisst man je nach allgemeinem Befinden und Wachheitsgrad. Dies führt am Beispiel eines lateinischen Pronomens aus. Der Betroffene hatte hierbei Assoziationen zu Elementen seiner Vorstellung sowie eines unterbewussten Wunsches. Als Lösung führt er folgendes an:
1. Den Assoziationen folgen um unbewusste Vorstellungselemente hervorzuholen.
2. Assoziationen folgen die zeigen, was unangenehm ist und was verdrängt werden soll.
2. Deckerinnerungen
Als Deckerinnerungen fasst Freud vor allem frühe Kindheitserinnerungen auf, die fester im Gedächtnis sitzen als neuere Erinnerungen. Warum dem so ist, kann er nicht sagen, vermutet aber, dass in der Kindheit die Gewichtung, was zu erinnern sein soll, anders ist. 2 Wie der Name schon sagt 'decken' diese Erinnerungen spätere, v.a. solche, an die man sich gar nicht
1 Derweil z.B. Nietzsche sagte, dass das Vergessen ebenso notwendig sei wie das Erinnern.
2 Man könnte es aber auch mit einem Computer-Laufwerk vergleichen: in dem jungen frischen Gedächtnis werden in der Kindheit Erinnerungen gespeichert. Der Platz ist begrenzt und es wird etwas gelöscht. Ganz gelöscht werden können sie aber niemals, es bleiben Spuren.
5
erinnern will. Das ganze kann regressiv, progressiv oder gleichzeitig 3 ablaufen. Dem Menschen ist völlig unbewusst, dass diese Erinnerungen überhaupt existieren.
3. Psycholinguistik: Versprechen, Verlesen, Verschreiben
Diese Kapitel sind die längsten im Text. Er greift hier vor allem auf Meringer und Mayer (1900) und ihre Erkenntnisse zurück, v.a. bei den Versprechern, welche für ihn eine Vorstufe von Paraphasien sind.
- Arten: Vertauschungen, Antizipation, Postposition, Kontamination, Substitution.
- Betroffen Einheiten: Wort, Silbe, Satz. 4
Sobald wir das erste Wort eines Satzes beginnen, so Freud, realisieren wir innerlich bereits alle folgenden. Meringer und Mayer sehen hierbei eine Wertigkeit der Phoneme 5 , in der Art, dass der Anlaut eines Wortes der wichtigste ist. Als Beweis führen sie an, dass man immer den korrekten Anlaut hat, wenn man ein Wort vergisst. Dem widerspricht Freud aber, dass es nicht immer so sein muss. 6
- Antizipation und Postposition: entstehen durch einen Bestandteil derselben Rede oder einer zweiten Fassung, die man sich innerlich zurecht gelegt hat, aber aus verschiedenen Gründen nicht äußert.
- Äußere Einflüsse: sind solche, die man nicht aussprechen will, an die man aber denkt. Er gratuliert Meringer und Mayer auch zu der Einsicht, dass manche Ursachen für Versprecher etwas komplexer sein können. Trotzdem führt Freud noch Wundt und seine Völkerpsychologie auf. Wundt sprach davon, dass es weitere psychische Einflüsse gibt wie den freien Fluss der Assoziationen und das Mischformen möglich seien. Diesem stimmt Freud völlig zu. Den Assoziationsfluss nennt er hierbei positiv, eine nachlassende Aufmerksamkeit negativ. Er selber fand in seinen Beispielen auch immer mit schuldig seiende äußere Einflüsse, nicht nur Innere. In diesen Beispielen fand er folgende Ursachen:
3 Umformulierung seiner Termini im Text sind von mir. Beispiel 'regressiv' statt rückläufig und 'progressiv' statt vorläufig.
4 Wie wir heute wissen, können auch Phrasen oder Morpheme, also Einzelteil von Satz und Wort, betroffen sein. Ebenso auch schon einzelne Phoneme in einem Wort.
5 Bei Freud immer 'Laut'.
6 Und womit er auch Recht hat.
6
a) Ungeduld
b) Leichter auszusprechene Phoneme 7
c) 'Ansteckung', wenn jemand anders schon Fehler machte
d) unbewusst vorhandene Gedanken
e) ein störender obszöner Anklang
f) eine Abneigung gegenüber den Erinnerungen oder Assoziationen Beim Verlesen findet er ähnliche Ursachen: 8
a) Beschäftigt sein mit Prioritätsgedanken
b) Assoziationen
c) unterschwellig vorhandenes
d) ein unterschwelliger Wunsch
e) unbewusste Abneigung
f) unbewusste Angst
Man sieht, das meiste basiert auf unbewusst vorhandenem Material, dass an die Oberfläche kommt.
Das Verschreiben soll laut Wundt häufiger geschehen als das Verlesen und laut Freud die selben Ursachen haben: unbewusst vorhandenes.
Letztlich führt der den Punkt des Vorlesens an, dass man dabei fast immer abschweift, seine Gedanken woanders hin lenkt, dem Text kaum Aufmerksamkeit schenkt und trotzdem alles fehlerfrei vorliest. 9
4. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
Freud führt noch zwei weitere Arten des Vergessens an. Im Gegensatz zu den ersteren basieren diese aber nicht auf Erlerntem, das vergessen wird, sondern auf persönlichen Erfahrungen.
7 Quasi persönliche spontane phonologische Regeln.
8 Hierbei fehlt aber der wichtige Punkt, dass es nicht nur psychisch bedingt sein kann, auch den Sinnen können Täuschungen und Verwechslungen passieren!
9 Allerdings werden die meisten ihre Gedanken wohl völlig darauf verwenden, das Vorgelesene korrekt vorzulesen. Dass der Inhalt hierbei nicht ins Bewusstsein durchkommt, ist klar. Ich selber kann jedoch bestätigen, dass das von Freud geschilderte ebenso vorkommt.
7
Quote paper:
Andre Schuchardt, 2008, Vergessenstheorien, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Philosophie Friedrich Nietzsches
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Intermediate Examination Paper, 21 Pages
Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Der Tod Gottes und die ewige Wiederkehr des Gleichen - Kritik der The...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Nietzsche, Friedrich - Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
Presentation / Essay (Pre-University), 5 Pages
Nietzsche, Friedrich - Über Wahrheit und Lüge
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Lernen lernen - für alle Altersstufen und Situationen
Psychology - Learning Psychology, Intelligence Research
Textbook, 66 Pages
Leben als verantwortliches Individuum
Überlegungen zu den Grundlagen...
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Essay, 5 Pages
Über den Ressentiment-Begriff bei Friedrich Nietzsche
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 13 Pages
Sokrates kontra Dionysos oder: Die Notwendigkeit der Illusion
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Das Hauptstück der Sprachkritik des frühen Nietzsche - 'Ueber Wahr...
Termpaper, 20 Pages
Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysis...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 39 Pages
Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralisch...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Grundlegende Einsichten für se...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Das Konzept der Salutogenese nach A. Antonovsky unter besonderer Berüc...
Pedagogy - Orthopaedagogy and Special Education
Diploma Thesis, 96 Pages
Das Apollinische und Dionysische in Friedrich Nietzsches Werk 'Die...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Das Phänomen Freundschaft als unbeliebte soziologische Kategorie
Sociology - Individual, Groups, Society
Termpaper, 39 Pages
Freiraumgestaltung für dementiell erkrankte Bewohner in stationären Pf...
Diploma Thesis, 92 Pages
Nietzsche und Foucault. Das Glück einer Ästhetik der Existenz
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Bild-Anthropologie - Entwürfe für eine Bildwissenschaft von Hans Belt...
Grundgedanken des 3. Kapitels ...
Sociology - Classics and Theoretical Directions
Termpaper, 11 Pages
Andre Schuchardt's text Vergessenstheorien is now available as a printed book
Andre Schuchardt has published the text Vergessenstheorien
Andre Schuchardt has uploaded a new text
Gadamer and Ricoeur: Critical Horizons for Contemporary Hermeneutics
Francis J. Mootz III, George H. Taylor, Francis J. , III Mootz
Biblical Narrative in the Philosophy of Paul Ricoeur: A Study in Herme...
Kevin J. Vanhoozer
Biblical Narrative in the Philosophy of Paul Ricoeur: A Study in Herme...
Kevin J. Vanhoozer
Nietzsche and Levinas: "After the Death of a Certain God"
After the Death of a Certain G...
Jill Stauffer, Bettina Bergo
0 comments