1. Einleitung 3
2. Meads sozialwissenschaftliche Einordnung 4
2.1. Biographie 5
2.2. Meads Sozialpsychologie und Zeitphilosophie 6
2.3. Bedeutung von Meads Arbeit 7
3. Meads Identitätsbegriff 8
3.1. Erfahrung 9
3.2. Sprache - Kommunikation - Kultur 11
3.3. I-me-Dialektik 12
3.4. Phasen der Identitätsbildung: Spiel und Wettkampf 13
3.5. Identität. Ein Spiegel der Gesellschaft? 15
4. Fazit 16
Literaturverzeichnis
2
1. EINLEITUNG
Der Sozialpsychologe und Philosoph George Herbert Mead (1863-1931) repräsentiert auf sehr anschauliche Weise den inneren Konflikt derer, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts geboren, nach christlichen Grundsätzen erzogen sowie innerhalb des aufstrebenden Bürgertums aufgewachsen sind und die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem gigantisch und rasant ausbreitenden, allgemeinen Fortschritt konfrontiert sahen.
Grundsätzlich jedoch resultiert dieser Konflikt aus einem Ereignis, dessen Schlüsselerlebnis die besagte Generation sowie das allgemeine Weltbild verändern sollte: Darwins Evolutionslehre und sein Buch „Von der Entstehung der Arten". Dieses revolutionäre Buch erschien 1859, vier Jahre vor Meads Geburt, und verwirrte die westliche, christliche Welt bis auf die Grundmauern. Plötzlich hatte sich das Weltbild verändert und damit auch das des Menschen. Dieser, nun von allen Fesseln des christlichen Schöpfungsmythos befreit, erkannte die ihm innewohnende Individualität. Mit dem Verlust der aristokratischen Vormachtstellung und damit auch der von Gott gelangte der Mensch ins absolute Zentrum der wissenschaftlichen Betrachtung. Der wirtschaftliche Aufschwung verschaffte dem aufgeklärten Bürgertum schließlich auch die politische Macht, sich gegen die Doktrin der Kirche zu stellen. Letztlich waren diese historischen Voraussetzungen verantwortlich für die Entstehung des Identitätsbegriffs. Diese fortschreitende Individualisierung und die zum Teil radikalen gesellschaftlichen Veränderungen erforderten dringend neue Sichtweisen und Lösungen. Die Vorherrschaft der Kirche über Bildung und Wissen wurde von den neuen Zentren wissenschaftlicher Forschung abgelöst. Doch genau diese Entwicklung machte vielen Menschen, aber auch Gelehrten und Wissenschaftlern Angst, denn der Mensch stand erst am Anfang eines intensiven und schwierigen Bewusstseinsprozess. Wie sollte er diesen ohne den Glauben bewerkstelligen? War die Menschheit überhaupt bereit, den Glauben allein aus sich selbst zu schöpfen? Würde der Verstand dann noch in der Lage sein, das Leben in seiner unendlichen Gesamtheit zu begreifen, ohne psychisch daran zugrunde zugehen?
Die Philosophie hatte bereits mit Beginn der Aufklärung immer wieder versucht, Wissenschaft und Glauben so miteinander zu verknüpfen, um funktionierende christliche Wertvorstellungen in das neue Zeitalter hinüber zu retten. Ob David Hume, George Berkley, Gottfried Wilhelm Leibnitz oder Immanuel Kant, sie alle erkannten die fatale Erkenntnis, dass Gott verschwinden würde, sobald der Verstand das Individuum gesellschaftlich befreit. Doch der Verlust des Glaubens und das damit verbundene
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Infragestellen christlicher Werte erschreckte sie mehr als die Vorstellung, dass jeder Einzelne und damit auch eine Gesellschaft für sich selbst verantwortlich ist. Auch George Herbert Meads wissenschaftlicher Ansatz verfolgt eine Verknüpfung von christlichen Wertvorstellungen und sozialpsychologischen Fakten. So stelle sich laut Joas bei ihm die zentrale Frage: „wie die moralischen Werte eines sozial engagierten amerikanisch-protestantischen Christentums ohne überholte theologische Dogmatik und jenseits der Enge puritanischer Lebensführung bewahrt werden könnten.“ 1 Soziale Probleme wurden immer öfter in politische Diskussionen miteinbezogen, da man innerhalb dieser Problemkreise nach Ansätzen für langfristige Lösungen suchte. Letztlich entwickelte sich daraus eine der Hauptaufgaben der Sozialwissenschaft: der Rückschluss vom Sozialverhalten des Einzelnen auf das der gesamten Gesellschaft und vice versa.
In Meads Interesse lag es zu beweisen, dass „der sich selbstbewusste Mensch die gesellschaftlichen Haltungen verinnerlicht (habe) und diese zu den aktuellen gesellschaftlichen Problemen in Beziehung setzen bzw. daraus Schlüsse und Lösungen ziehen (könne)“ 2 . Der Mensch ist demnach in der Lage, sein Verhalten der jeweiligen Gesellschaft bzw. Gruppe, derer er angehört, anzupassen. Dies sei nur möglich, „weil es einen gesellschaftlichen Prozess gibt, in dem es („das menschliche Wesen“) verantwortlich funktionieren kann.“ 3
Doch wie sieht dieser Prozess genau aus? Wie entsteht eine Identität - aus sozialwissenschaftlicher Perspektive gesehen? Und inwieweit muss Meads Identitätsbegriff heute aktualisiert und gegebenenfalls angepasst werden?
2. Meads sozialwissenschaftliche Einordnung
Mead ist in erster Linie Philosoph und Sozialpsychologe. Seine Arbeit stützt sich auf vier wesentliche Strömungen: Darwin, die empirische Psychologie des 19. Jahrhundert, die Mathematik und die Relativitätstheorie. Er selbst gilt als einer der wichtigsten Vertreter des amerikanischen Pragmatismus und der Chicagoer Schule. „Kernbereich seiner wissenschaftlichen Tätigkeit bis zum Krieg war die Erarbeitung einer anthropologischen Kommunikationstheorie und einer darauf fußenden Sozialpsychologie, die Meads klassischen Rang in der Geschichte von Soziologie und Sozialpsychologie begründen.“ 4 Für die Soziologie ergab sich Anfang des 20. Jahrhunderts neben der Aufgabe, die sozialen und gesellschaftlichen Widersprüchen sowie den damit verbundenen Auseinandersetzungen zu problematisieren, die Kernfrage, wie sich ein autonomes
1 Joas, 2000/ S.172
2 Mead, 1978
3 ebd./ S. 233
4
Selbst herausentwickeln könne. 5 Meads Arbeiten sollten hierfür nicht nur ein wichtiges Instrument liefern, sondern auch den Identitätsbegriff bis in unsere Zeit hinein prägen.
2.1. Biographie
George Herbert Mead wurde am 27.August 1863 in South Hadley, Massachusetts geboren. Er wuchs in einem philosophisch interessierten und gebildeten Pfarrhaus auf. „Meads Ausbildung fällt in eine Zeit, in der naturwissenschaftliche Inhalte sich einem größeren Platz im religiös dominierten Unterricht amerikanischer Colleges verschaffen konnten, dabei aber in Konflikt mit demagogischen Welterklärungsansprüchen der Religion gerieten.“ 6 Wie sein Vater, ein Professor für Homilektik 7 , strebte Mead nach der
Schule ebenfalls eine akademische Laufbahn an. Er begann sein Studium an der Harvard University, wo er sich auf physiologische Psychologie spezialisierte. Sein besonderes Interesse für „die Psychologie der frühen moralischen Entwicklung des Kindes und für eine über Kant hinausgehende Erforschung von Raumwahrnehmung und Raumkonstitution“ 8 führte ihn schließlich für einen Studienaufenthalt nach Leipzig. Von 1888 bis 1889 studierte er unter anderem bei Wilhelm Wundt (1832-1920), bevor er nach Berlin wechselte.
In Deutschland hatte Mead die Gelegenheit, sich mit der Arbeit verschiedenster wichtiger Vertreter der sich im Entstehen befindenden wissenschaftlichen Disziplin Soziologie wie Wilhelm Dilthey (1833-1911), Hermann Ebbinghaus (1850-1909), Gustav Schmoller (1838-1917) auseinanderzusetzen und hier konnte er sich auch mit jener klassisch deutschen Philosophie und Literatur befassen, die sich im Zuge der Aufklärung zunehmend mit dem einzelnen Menschen, dessen individuellen Bedürfnissen und sozialen Handlungen beschäftigt hatte. „Die deutsche Reaktion auf die Aufklärung führte bei Herder, Humboldt und in der Romantik zu einer Anthropologie des Ausdrucks, die zunächst Sprache und Kunst, dann aber alles menschliche Handeln als Selbstausdruck einer Person zu deuten erlaubt.“ 9
1891 kehrte Mead in die USA zurück, wo er den amerikanischen Philosophen John Dewey (1859-1952) kennen lernte und in der von ihm gegründeten Chicagoer Schule mitwirkte. Als der Student Charles W. Morris (1903-1979) Meads theoretischen Ansatz auf der Basis von Vorlesungsmitschriften 1934 als Buch (Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist) herausbrachte, konnte Mead dazu leider nichts mehr beitragen oder sich der Diskussion stellen. Er war bereits am 26. April 1931 verstorben.
4 Joas In: Kaessler, 2006/S. 173 174
5 Jungwirt, 2007/ S. 103
6 Joas In: Kaessler, 2006/ S.172
7 Theorie und Geschichte der Predigt
8 ebd.
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Arbeit zitieren:
Susanne Röver, 2008, Die Kunst, eine Identität zu entwickeln , München, GRIN Verlag GmbH
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