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Einleitung
Über das Leben von Oswald von Wolkenstein ist mehr überliefert als über irgendeinen anderen mittelalterlichen Dichter. Das liegt daran, dass seine Autobiographie in Urkunden, Briefen und vor allem Liedern umfangreich dokumentiert ist. Sein Fundus beinhaltet 130 Lieder und zwei Reimpaarreden. Er zeichnet sich durch eine Vielfalt von Themen und Formen aus, bestehend aus Liebesliedern in sogenannter Ich-Form, Tageliedern und Pastourellen, Liebesdialogen und Minneallegorien, Trink-und Scheltliedern sowie Reise- und geistlichen Liedern. Oswald widmete sich rund ein Dutzend mal dem Genre des Tagelieds. Generell nimmt das Thema Liebe bei ihm einen dominierenden Platz ein.
Diese Fakten lassen „Oswalds künstlerisches Werk insgesamt besehen hervorragend überliefert“ 1 erscheinen und sind „im Bereich der Lyrik zu den umfangreichsten des Mittelalters“ 2 zu zählen.
Fraglich ist, ob diese Niederschriften Fiktion oder Erlebtes sind, was es zu klären gilt. Im folgenden werde ich versuchen, anhand Oswalds von Wolkenstein zu zeigen, inwieweit man den Begriff Autobiographie auf seine Werke beziehen kann. Dies geschieht abschließend an dem Lied „Es fügt sich“ .
Um dies zu erreichen werde ich zunächst darauf eingehen, welche Bedeutung die Autobiographie im Mittelalter hatte. Definiert man die Autobiographien als „Lebensbeschreibungen, worin ein Ich-Erzähler alle Entwicklungsphasen und Erfahrungen in genau der zeitlichen Reihenfolge schildert, wie sie seinen Lebensweg und seine Persönlichkeit geprägt haben,“ 3 so stellt man schnell anhand von Stilisierungen wie den Topoi, die stereotypisch im Mittelalter in literarischen Werken zu finden sind, fest, dass die Bezeichnung Autobiographie nicht aus dieser Zeit stammen kann, was dann „nicht unerhebliche Gefahren anachronistischer Fehldeutungen“ 4 birgt.
Des weiteren gilt es, einen Bezug der gewonnenen Begrifflichkeit zu Oswald von Wolkenstein zu finden. Die Thematik wirft dahingehend Fragen auf, wenn es heißt, dass Oswald im Alter der Gedanke plage, „in wenigen Jahren schon vergessen zu sein,
1 Schwob, Anton: Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. Bozen: 1979, Dritte Auflage; S.240.
2 Schwob: S.240.
3 Hartmann, Sieglinde: Oswald von Wolkenstein: Es fügt sich, do ich was von zehen jaren alt. In: Gedichte und Interpretationen Mittelalter. Hrsg. von Helmut Tervooren; Stuttgart: 1979; S.305.
4 Hartmann, Sieglinde: O.v.W.; S.305.
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falls er nicht ganz energisch Lärm um seine Person schlüge.“ 5 Bedeutet dies, dass er seine Biographie für die Ewigkeit festhalten wollte, oder sorgte er sich um sein Ansehen und seinen Nachruf, in Betracht auf seinen „turbulenten Alltag“ 6 und dichtete deshalb Fakten hinzu?
Im letzten Schritt und damit der Zusammenfassung, wird aufzuzeigen sein, ob Oswald von Wolkenstein in seinem Lied „Es fügt sich“ Dichtung oder Wahrheit, fiktive Inhalte oder wirkliche Ereignisse niederschrieb, wenn er sich rückblickend zu äußern scheint: „Und wol bekenn, ich wais nicht, wenn ich sterben sol, das mir nicht scheiner volgt wann meiner berche zol. het ich dann got zu seim gebott gedienet wol, so forcht ich klain dort haisser flamme wellen.“ 7
In Bezug auf die Begrifflichkeit der Autobiographie im Mittelalter und anhand von Oswalds von Wolkenstein zitiertem Werk stellt man sich abschließend die Fragen, wie weit man von autobiographischen Elementen sprechen kann und wie viel von dem Geschriebenen fiktiv ist.
2. „Autobiographie“ im Mittelalter
a) Definition des Begriffs
Den Begriff Autobiographie auf das Mittelalter zu beziehen birgt von vornherein Gefahren in sich. Spricht man gemeinhin von ,autobiographisch’ bei der Untersuchung eines Textes, setzt man voraus, dass der Autor und das Ich in diesem Text ein und dieselbe Person sind.
Diese Definition der Autobiographie kennen wir, wenn wir Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert rezensieren, in denen lyrisches Ich und reales Ich identisch sind, wie es geschichtliche Daten und Erkenntnisse beweisen. Dies für das Mittelalter zu belegen wird kompliziert, da aus diesem Zeitalter im Vergleich zur Neuzeit für die Großzahl der Autoren literarischer Werke, meist weder geschichtliche Belege noch historischchronologische, urkundlich nachweisbare Daten vorliegen. Selbst wenn der Name eines angeblichen Verfassers auf den Handschriften zu finden ist, bedeutet dies nicht ohne weiteres, dass dieser jemand der tatsächliche Verfasser ist.
5 Schwob: S.292.
6 Schwob: S.291.
7 Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Hrsg. von Karl Kurt Klein; Tübingen: 1962; S.53, Text 18 „Es fügt sich“, Zeilen 109-112. (im folgenden: Kl. 18, 109-112).
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b) Minnesang und Autobiographie
Adelslyrik ist im Mittelalter fast durchgehend Minnesang. Die ersten nachweislichen Anfänge liegen um 1150.
Inhaltlich bezieht sich die Thematik überwiegend auf die Liebe. Die Formen können dabei durchaus variieren, d.h. es gibt solche wie das Dialoglied, das Wechsellied, das Männer-, bzw. Frauenlied oder das Botenlied. Das ein eigener Begriff für diese Art von Lyrik entstand, mag wissenschaftlich gesehen daran liegen, dass die Themen der Liebe umfangreich dargestellt werden können.
Im Mittelalter benutzte deshalb der Adel weitestgehend die Lyrik des Minnesangs, als eine Selbstdarstellung der eigenen Person in bestmöglicher, somit für sie und ihr Ansehen günstigster Form. Minnesang stellte eines der wichtigsten repräsentativen Organe dar. Vergleicht man dies mit Sturm und Drang oder Klassik und Romantik, so stellt man bei diesen Epochen doch fest, dass in der Neuzeit Wahrheit des Erlebten vor dem Verherrlichen der eigenen Person stand.
Es handelte sich beim Verfassen von Minnelyrik keineswegs um sogenannte Erlebnislyrik, da das biographische Ich in den seltensten Fällen mit dem lyrischen Ich gleichzusetzen ist.
Im Sturm und Drang gelten dann ästhetische Prinzipien. Versuchte ein Autor gute Lyrik zu schaffen, musste sie wahren Inhalts sein.
Dass dann mittelalterliche Lyrik von den Adressaten als wahr empfunden wurde, basiert auf der Tatsache, dass sie sich anhand ihrer eigenen Lebensvorstellung und Werte die Wahrheit in den Text hineindichteten. So ist als wahr jenes empfunden worden, was den Menschen Gefallen bereitete. Es herrschte ein umgekehrtes Prinzip zur Neuzeit vor. Es wurden nicht Biographien auf Texte bezogen, sondern es gaben die vorhandenen Werke Anlass, Biographisches aus dem jeweiligen Text zu filtern.
c) Kritik und Begründung
Dies sollte man von unserem Standpunkt aus nicht kritisieren, da es über viele Generationen den Menschen so erging und sie so dachten. Die Frage, die sich stellt, ist, warum man im Mittelalter so vorging und wann und wieso sich diese Vorgehensweise änderte.
„Denn Geisteswissenschaftler/innen haben als Gegenstand letzten Endes Menschen, also auch sich selbst; Geisteswissenschaftler/innen erwarten von ihren Gegenständen,
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dass sie von ihnen aufgeklärt werden über Fragen, die immer auch sie selbst betreffen [...] über den Zusammenhang mit menschlicher Kultur und Gesellschaft.“ 8 Wie schon oben erwähnt waren im Mittelalter die Lebensumstände ganz andere als in der Neuzeit. Grundsätzlich liegt dies daran, dass geistig-geschichtliche Voraussetzungen und Bedingungen in den hier angesprochenen Zeitaltern verschieden waren. Die Ansicht war richtig, dass das Biographische in Texten zu suchen sei, „weil zu ihrer Zeit der Zusammenhang zwischen dichterischem Text und dichterischem Erleben a) von allgemeinem Interesse war“ und „b) als legitimer wissenschaftlicher Gegenstand galt“ 9 . Die Menschen versuchten sich zu profilieren, indem sie neue Erkenntnisse schufen. Die Wissenschaft „hat über diesen Gegenstand einen wissenschaftsöffentlichen Diskurs geführt und sich intern über die dazu vorgelegten Thesen, Interpretationen, Meinungen abgestimmt. [...] Dass dies so gewesen sein muss, merkt man ganz einfach daran, dass diese Theorie schließlich abgelöst worden ist.“ 10 Daraus folgte eine neue Linie von Theorien, die dann das heutige Denken stützen und in der Neuzeit dafür sorgten, dass der Begriff Autobiographie geprägt wurde. Im Mittelalter galt es schließlich auch als sozial kritisch, wenn man ein nicht-eheliches Verhältnis zu einer Frau hatte. Dies konnte unter anderem eine Diskussion entfachen, ob wirklich Erlebtes vorlag.
d) Fazit: Erlebnislyrik oder Rollenlyrik
Das lässt uns zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der vorhandenen Lyrik also keineswegs um Erlebnislyrik handeln kann, sondern um eine geschaffene Rollenlyrik, „für die es literarische Muster gibt, und [der Autor] artikuliert sich beim Vortrag seiner Lieder vor einer Gesellschaft, die weiß, dass es hier eben um Kunst und nicht um Biographisches geht.“ 11
Diese literarischen Traditionen und Normen nennt man Topoi. Also stellt sich für den heutigen Leser eines Oswald von Wolkenstein doch das erste Problem beim Rezensieren eines von Oswalds Texten. Irreführend scheint es, dass unvermittelte Subjektbezogenheit automatisch in den Text hineininterpretiert wird, da diese im Mittelalter weder möglich noch erwünscht schien. Denn „ganz im Gegensatz zu
8 Brandt, Rüdiger: Grundkurs Mediävistik Teil 1: Einführung in die Literatur des Mittelalters. Studienbrief 9. Themenbereich der Altgermanistik 6.: Minnelyrik Liebeslyrik Adelslyrik (Teil 4.6 des Grundkurses). 3., überarb. und erg. Aufl. Sommersemester 1999; S.10.
9 Brandt: S.11.
10 Brandt: S.11.
11 Brandt: S.12.
Arbeit zitieren:
Michael Bylsma, 2002, Oswald von Wolkenstein 'Es fügt sich', München, GRIN Verlag GmbH
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