Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG - 1 -
2. NIKLAS LUHMANN: SOZIALISATION ALS SELBSTSOZIALISATIO-N 2 -
2.1 AUTOPOIESIS. - 2 -
2.2 KOMMUNIKATION - 5 -
2.3 SOZIALE SYSTEME. - 7 -
2.4 SOZIALISATION - 9 -
2.5 INTENTIONALE SOZIALISATION - 12 -
2.6 SEKUNDÄRE SOZIALISATION - 13 -
2.7 KONSEQUENZEN FÜR DIE PÄDAGOGIK. - 14 -
3. PIERRE BOURDIEU: SOZIALISATION ALS HABITUALISIERUNG- 16 -
3.1 HABITUS. - 16 -
3.2 KAPITAL. - 20 -
3.2.1. Ökonomisches Kapital. - 21 -
3.2.2. Kulturelles Kapital - 21 -
3.2.3. Soziales Kapital. - 22 -
3.2.4. Symbolisches Kapital - 23 -
3.3 KONSEQUENZEN FÜR DIE PÄDAGOGIK. - 24 -
4. SELBST- UND/ODER FREMDSOZIALISATION? - 26 -
5. FAZIT. - 29 -
6. LITERATURVERZEICHNIS - 31 -
7. ABBILDUNGSVERZEICHNIS ................................................................ - 33 -
1. Einleitung
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Konzepte von Sozialisation der beiden einflussreichen Soziologen Niklas Luhmann und Pierre Bourdieu vorzustellen, sowie in einem nächsten Schritt zu überprüfen, ob - und falls ja, inwiefern - sich beide Konzepte in ein Verhältnis zueinander setzen lassen.
Sozialisationsprozesse standen weder für Luhmann noch für Bourdieu im Zentrum ihrer Arbeit. Während Luhmann sich vorrangig an einer allgemeinen Theorie sozialer Systeme abarbeitete, die dann erst später sozusagen auf einzelne gesellschaftliche Teilsysteme angewendet und übertragen werden sollte (etwa auf das Rechtssystem, die Religion oder auch das Erziehungssystem), so widmete sich Bourdieu vornehmlich der - meist im Alltagsleben verwurzelten - empirischen Forschung, dabei insbesondere zur gesellschaftlichen Reproduktion. Auf diese Weise ist der Begriff der Sozialisation im Gesamtwerk Luhmanns nur von marginaler Bedeutung, während Bourdieu erst gar keine Theorie der Sozialisation entwickelt hat. Dennoch lassen sich Bourdieus Ausführungen zum Habitus für eine Sozialisationstheorie anschlussfähig machen, und auch Luhmanns knappe Ausführungen zum Begriff der (Selbst)Sozialisation bieten neue Erkenntnisse auf dem Feld der Sozialisationsforschung. Um ein angemessenes Verständnis von Selbstsozialisation und Habitualisierung zu ermöglichen, ist es unumgänglich, zunächst jeweils einige zentrale Grundbegriffe Luhmanns und Bourdieus einzuführen sowie im Kontext zu erläutern. Insbesondere im Hinblick auf die Sys-temtheorie ist dies ein durchaus schwieriges Unterfangen, da Luhmann diese so angelegt hat, dass man zur Darstellung einzelner systemtheoretischer Sachverhalte im Grunde immer auch auf andere Begriffe aus der Systemtheorie zurückgreifen muss. Dennoch kann in dieser Arbeit keine vollständige systemtheoretische Rezeption erfolgen, weshalb ich mich auf eine Darstellung der für Luhmanns Sozialisationskonzept zentralen Begriffe Autopoiesis und Kommunikation sowie auf eine überblicksartige Beschreibung sozialer Systeme beschränken möchte, be-vor der Begriff der Sozialisation selbst diskutiert wird. Bourdieus Modell der Habitualisierung wiederum setzt eine Klärung des Habitusbegriffs sowie der von ihm differenzierten Kapital-formen voraus.
Im Anschluss an die Beschreibung der beiden Sozialisationskonzepte sollen jeweils die Konsequenzen für die Pädagogik diskutiert werden, bevor es abschließend um die Frage geht, in welchem Verhältnis beide Theorien zueinander gedacht werden können.
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2. Niklas Luhmann: Sozialisation als Selbstsozialisation
In seinem 1984 veröffentlichten Hauptwerk „Soziale Systeme“ überträgt Niklas Luhmann die Idee der Autopoiesis (= Selbst-Produktion) auf soziale Systeme. Das Konzept der Autopoiesis, welches zuvor hauptsächlich in biologischen Kontexten verwendet wurde, führt zu einer scharfen Trennung zwischen verschiedenen autopoietischen Organisationsformen, so etwa zwischen Leben, Bewusstsein und Kommunikation. Nach Luhmann kann daher das Verhältnis zwischen sozialen Systemen und Menschen nur dadurch angemessen beschrieben werden, indem man akzeptiert, dass beide füreinander Umwelt sind. Die Annahme eines solchen theoretischen Hintergrunds führt schließlich zu einer neuartigen Konzeption von Sozialisation. Während die Trennung von sozialen Systemen und Menschen auch in anderen soziologischen Theorien seit langem etabliert ist, so konzentriert sich Luhmann explizit auf die scharfe Abgetrenntheit beider Systemtypen, und nicht - wie etwa sein Lehrmeister Talcott Parsons - im Sinne einer Übernahme von sozialen Rollen auf deren Interdependenz. Bewusstsein und Kommunikation sind nach Luhmann zwei grundlegend verschiedene Formen von autopoietischer Reproduktion, die nicht an der gegenseitigen Selbsterneuerung teilhaben (vgl. Vanderstraeten 2000a: 581 f.).
Bereits diese knappen einleitenden Bemerkungen machen deutlich, dass Sozialisation nach Luhmann nicht mehr länger im klassischen Sinne etwa als eine Übertragung von kulturellem Kapital (Bourdieu) verstanden werden kann:
„This theoretical approach entails important consequences for the conceptualization of socialization and education. In classical socialization research, as displayed in the writings of Emile Durkheim, Talcott Parsons, Pierre Bourdieu and others, socialization fulfils a fairly unambiguous societal function. Socialization refers to the internalization or inculcation of social expectations” (Vanderstraeten 2003: 137). Gleichzeitig erklärt die scharfe Trennung von psychischen und sozialen Systemen die im Vergleich zu anderen Soziologen relativ marginale Bedeutung, welche Luhmann dem Konzept der Sozialisation in seinem theoretischen Rahmen einräumt:
„A clear consequence of this perspective is the virtual absence of the concept of socialization in his theoretical framework. As prominent as this concept has been in sociology, and especially in systems theoretical sociology (e. g. in the work of Talcott Parsons), as marginal has it become in Luhmann’s writings. Only a handful of pages of ‘Soziale Systeme’ and of the subsequent monographs are devoted to a discussion of socialization” (Vanderstraeten 2000a: 582).
2.1 Autopoiesis
Luhmann selbst beschreibt seine Systemtheorie als „Theorie der sich selbst herstellenden, autopoietischen Systeme“ (Luhmann, zit. n. Berghaus 2004: 51). Autopoietisch ist ein System dann, wenn es sich selbst produziert und reproduziert. Das macht bereits der Begriff der Au-
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topoiesis deutlich, welcher sich aus den beiden Komponenten „auto“ (= „selbst“) sowie „poiein“ (= schaffen, organisieren, produzieren) zusammensetzt. Der zentrale Gedanke hierbei ist also derjenige, dass autopoietische Systeme sich selbst herstellen - oder im umgekehrten Sinne: Was sich nicht selbst gemacht hat, das ist auch kein System:
„Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren. […] Insofern heißt Autopoiesis: Produktion des Systems durch sich selber“ (Luhmann, zit. n. Berghaus 2004: 52). In traditionellen Denkweisen und Definitionen ließe sich etwa eine Uhr als System beschreiben, da diese aus systematisch ineinander arbeitenden Elementen besteht. In Luhmanns Sinne ist eine Uhr dagegen kein autopoietisches, sondern ein allopoietisches System (vgl. Lenzen 1997: 958), weil ihr Regelwerk vom Uhrmacher geschaffen ist, und somit von außerhalb ihrer selbst stammt. Sich selbst produzierende und reproduzierende Systeme sind hingegen beispielsweise biologische Organismen, weshalb der Begriff der Autopoiesis auch von einem Biologen, Humberto R. Maturana, entwickelt wurde (vgl. Lenzen 1997: 957 ff.). Wie weiter oben bereits kurz angesprochen, besteht der Anspruch Luhmanns nun darin, den Begriff der Autopoiesis aus diesem biologischen Kontext herauszulösen und das Konzept auf soziale Zusammenhänge zu übertragen. Für Luhmanns Verständnis von Sozialisation - und mehr noch für das von Erziehung - wird nun ein damit verbundenes Charakteristikum von Systemen von entscheidender Bedeutung:
„Die Systeme sind also kausal mit ihrer Umwelt verbunden, sind ‚umweltoffen’ oder ‚kausal offen’. Gleichzeitig operieren sie in Abgrenzung zur Umwelt und können in all ihren Operationen und Ausdifferenzierungen allein an die eigenen, bereits erfolgten Operationen, Selektionen und Differenzierungen anschließen, sind ‚operativ geschlossen’ oder ‚rekursiv geschlossen’“ (Berghaus 2004: 56). Luhmann geht demnach davon aus, dass Systeme grundlegend sowohl teils offen, als auch teils geschlossen operieren. Wie ist dies zu verstehen? Systeme benötigen zunächst bestimmte fundamentale Grundvoraussetzungen in ihrer Umwelt, um existieren zu können. Biologische Systeme brauchen Sauerstoff, Wasser oder Nahrung; Bewusstseinssysteme brauchen wiederum biologische Systeme sowie eine Welt, die sie wahrnehmen können; soziale Systeme haben sowohl Leben als auch Bewusstsein als Voraussetzung. Eben diese fundamentalen und für Luhmann nicht zur Diskussion stehenden Grundvoraussetzungen sind es, die er mit dem Begriff der Umweltoffenheit zu fassen versucht: „Dass die Umwelt immer mitwirkt und ohne sie nichts, absolut gar nichts geschehen kann, ist selbstverständlich“ (Luhmann, zit. n. Berghaus 2004: 57). Die operative bzw. rekursive Geschlossenheit von Systemen bezieht sich nun hingegen auf Anschlussoperationen, die durch bereits zuvor getroffene Selektionen nicht beliebig, sondern in gewisser Weise bereits festgelegt sind:
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„Das heißt: durch bisherige Operationen und Selektionen des Systems sind Festlegungen getroffen und Formen entstanden, welche die Rahmenbedingungen für Anschlussoperationen darstellen, aus denen das System nicht entkommen kann. Das sind die Bedingungen der Autopoiesis: Nur Leben produziert Leben, nur Denken Denken und nur Kommunikation Kommunikation. […] Kein System kann seine Autopoiesis zurückdrehen, wieder von vorne anfangen oder ganz anders vorgehen“ (Berghaus 2004: 57). Die Umweltoffenheit bei operativer Geschlossenheit von Systemen soll anhand der folgenden Abbildung noch einmal veranschaulicht werden:
Abbildung 1 Umweltoffenheit und operative Geschlossenheit von Systemen (Berghaus 2004: 59)
Wie die Grafik zeigt, erfolgen Anschlussoperationen eines Systems stets auf der Basis von bereits erfolgten Operationen bzw. Selektionen, d. h. nur im Spektrum dieser autopoietischen Systembedingungen. Durch die operative Geschlossenheit wird das grundsätzlich Mögliche sowie Unbestimmte letztlich bestimmt. Operative Geschlossenheit ist nun allerdings nicht mit einer thermo-dynamischen Abgeschlossenheit gleichzusetzen. Das System erhält sich durchaus offene Grenzen nach außen, wodurch gegenseitige Einflüsse und Wirkungen von System und Umwelt möglich werden. Sind diese wechselseitigen Beziehungen dauerhaft, so spricht Luhmann von strukturellen Kopplungen, wie beispielsweise zwischen den Massenmedien, dem Wirtschaftssystem und dem politischen System. Zentral ist allerdings nun, dass diese Einflüsse aus der Umwelt auf ein System in Luhmanns Sinne niemals kausal wirksam sein können, sondern das System stets selbst dazu bereit sein muss, sich beeinflussen zu lassen:
„Wirkungen kommen ‚nur durch den Mitvollzug auf seiten des die Wirkungen erleidenden Systems zu-stande’. […] Von der Welt dringen bloß Irritationen, Rauschen, Pertubationen, Reizungen, Störungen zu dem System vor, das manches davon - höchst selektiv - ‚in Informationen transformiert’; das System macht ‚order from noise’“ (Berghaus 2004: 59).
Auf die weitreichenden Konsequenzen, die diese Annahme insbesondere für die Pädagogik bedeuten, wenn es demnach also keinen kausalen Einfluss vom Erzieher auf den Zögling geben kann, wird später noch zurückzukommen sein (Kapitel 2.7).
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2.2 Kommunikation
Bereits 1979 veröffentlichte Niklas Luhmann zusammen mit Karl Eberhard Schorr unter dem Titel „Reflexionsprobleme im Erziehungssystem“ eine Monographie, die sich speziell mit dem Feld der Erziehung auseinandersetzt. Der „Nachfolger“ hierzu ist das 2002 posthum veröffentliche Manuskript „Das Erziehungssystem der Gesellschaft“. Der zentrale Unterschied zwischen den beiden Büchern ist derjenige, dass letztgenanntes auf einer Kommunikations-theorie aufbaut:
„The main theoretical difference between both books is that ‚Das Erziehungssystem der Gesellschaft’ is based on the concept of communication. This posthumously published manuscript is, much more than its predecessor, an attempt to conceive of education in terms of communication and face-to-face interaction” (Vanderstraeten 2003: 134).
In den Sozialwissenschaften haben Theoretiker unterschiedliche Konzepte im Hinblick auf die zentrale Einheit der sozialen Realität entworfen, so etwa Handlungen, Austausch oder Macht. Luhmann war dabei der erste bedeutende Soziologe, der Kommunikation als das konstitutive Element des Sozialen ausmachte:
„It was Luhmann, in choosing communication theory over action theory, who took on the role of the first major sociological communication theorist, a role which had to be taken by someone anyway“ (Vanderstraeten 2003: 135).
Der Begriff der Kommunikation ist in Luhmanns Systemtheorie nahezu identisch mit dem des sozialen Systems. Soziale Systeme operieren, indem sie kommunizieren, und es sind allein soziale Systeme, die kommunizieren. Somit basiert für Luhmann das gesamte soziale Dasein letztlich auf diesem einen Prozess der Kommunikation. Doch was versteht er nun genau unter diesem Begriff? Kommunikation besteht für Luhmann aus drei Selektionen: Information, Mitteilung und Verstehen. Dieses zunächst relativ einfach wirkende Verständnis bricht dabei radikal sowohl mit dem Alltagsverständnis als auch mit dem üblichen kommunikationswissenschaftlichen Verständnis. Zentral für das Kommunikationsverständnis Luhmanns ist zunächst ihre Selektivität. Kommunikation heißt, zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen zu müssen, wobei jede einzelne Selektionsentscheidung kontingent, d. h. immer auch anders möglich ist. Potentiell kann die Kommunikation dabei aus einer unendlichen Fülle von Inhalten auswählen, wird aber real durch Sinn 1 begrenzt, da nicht alles sinnvoll kommunizierbar ist (vgl. Berghaus 2004: 73-76).
Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass Kommunikation aus zwei Handlungen (dem Senden und dem Empfangen) mit dementsprechenden Akteuren (dem Sender sowie dem Empfänger) besteht. Auch bei Luhmann sind am Kommunikationsprozess jeweils zwei
1 Für eine nähere Charakterisierung des Sinnbegriffs bei Luhmann vgl. Berghaus 2004: 118-123.
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Arbeit zitieren:
B.A. René Klug, 2009, Selbstsozialisation (Luhmann) und Habitualisierung (Bourdieu), München, GRIN Verlag GmbH
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