Inhaltsübersicht
Einleitung 1
I Theoretischer Teil 2
1 Epidemiologie des Rauchens in Deutschland 2
2 Konsequenzen des Rauchens 17
3 Gesellschaftspolitische Einflussnahme. 22
4 Erklärungen des Rauchverhaltens 25
II Methodischer Teil. 43
1 Darstellung des Erhebungsinstrumentes 43
2 Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes 45
3 Statistische Grundlagen 46
III Ergebnisse. 54
1 Reliabilität und Beschreibung der Maße der Theorie des geplanten
Verhaltens 54
2 Hypothesen 55
3 Überprüfung der Theorie des geplanten Verhaltens 56
4 Überprüfung direkter Einflüsse auf das Verhalten 62
5 Zusammenfassende Betrachtung der geprüften Hypothesen 66
IV Zusammenfassung und Diskussion 68
Anhang 72
Abbildungen 72
Tabellen 75
Der Fragebogen. 77
Auswertungsstatistik 85
Literaturverzeichnis. 105
I
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
I Theoretischer Teil 2
1 Epidemiologie des Rauchens in Deutschland 2
1.1 Der Mikrozensus und der Gesundheitsbericht für Deutschland 3
1.2 Der Bundes-Gesundheitssurvey 1999 5
1.3 Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei
Erwachsenen in Deutschland 1995 und 1997 7
1.4 Die Drogenaffinitätsstudien 1993/1994, 1997 und 2001. 8
1.5 Zigarettenkonsum bei Kindern - Kindheit 2001 - Das LBS-
Kinderbarometer 12
1.6 Rauchverhalten bei Teenagern in Münster: Anstieg der Prävalenz und der
Zusammenhang zur Werbung (1995-2000) 13
1.7 Diskussion der Studien 15
2 Konsequenzen des Rauchens 17
2.1 Mortalität und Morbidität durch den Tabakkonsum. 17
2.2 Psychische Störungen durch den Tabakkonsum. 19
3 Gesellschaftspolitische Einflussnahme. 22
4 Erklärungen des Rauchverhaltens 25
4.1 Biologische / physiologische Erklärungen des Rauchens 26
4.2 Sozialpsychologische Erklärungen des Rauchverhaltens 26
4.2.1 Die Theorie des überlegten (begründeten) Handelns 29
4.2.1.1 Bestimmungsfaktoren der Intention: Einstellung und subjektive Norm 29
4.2.1.2 Bestimmungsfaktoren der Einstellungs- und subjektiven Normkomponente 31
a) Die Einstellungskomponente. 31
b) Die subjektive Normkomponente 31
4.2.1.3 Beurteilung der Theorie des überlegten Handelns und empirische Begründung 32
4.2.1.4 Zusammenfassung und Diskussion des Modells. 35
4.2.2 Die Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen , 1985 Ajzen Madden,
1986; Ajzen 1991) 35
4.2.2.1 Internale Faktoren 36
4.2.2.2 Externale Faktoren 37
4.2.2.3 Die neue Komponente: die wahrgenommene Verhaltenskontrolle. 38
4.2.3 Zusammenfassende Betrachtung der Theorie des geplanten Verhaltens 39
4.2.4 Anwendungsmöglichkeiten und Überprüfung des Modells des geplanten
Verhaltens 40
II Methodischer Teil. 43
1 Darstellung des Erhebungsinstrumentes 43
2 Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes 45
II
3 Statistische Grundlagen 46
3.1 Reliabilitätsanalyse. 46
3.2 Regressionsanalyse. 47
3.3 Logistische Regression 51
III Ergebnisse. 54
1 Reliabilität und Beschreibung der Maße der Theorie des geplanten
Verhaltens 54
2 Hypothesen 55
3 Überprüfung der Theorie des geplanten Verhaltens 56
4 Überprüfung direkter Einflüsse auf das Verhalten 62
5 Zusammenfassende Betrachtung der geprüften Hypothesen 66
IV Zusammenfassung und Diskussion 68
Anhang 72
Abbildungen 72
Abbildung A. Raucher-Anteile in Prozent. Männer und Frauen weltweit 72
Abbildung B. Nieraucher-Anteil 1998 in Prozent. Männer und Frauen in Ost
und West 73
Abbildung C. Aussteigerquote 1998 in Prozent (Anteil der Exraucher an der
Summe von Rauchern und Exrauchern. Männer und Frauen in Ost und
West. ) 73
Abbildung D. Raucherquote 1997 74
Abbildung E. Gründe für das Rauchen. 74
Tabellen 75
Tabelle A. Tabellarische Übersicht: Jugendliche Raucher in Münster 75
Tabelle B. Anteil des Rauchens an der Mortalität 75
Tabelle C. Vergleich der Definition der beiden Klassifikationssysteme ICD-10
und DS-MIV 76
Der Fragebogen. 77
Auswertungsstatistik 85
A. Häufigkeitsverteilung der Stichprobe (Raucherstatus der Raucher) 85
B. Häufigkeitsverteilung der Stichprobe (Raucherstatus aller Befragten) 85
C. Reliabilität der Einstellung gegenüber dem Verhalten 86
D. Logistische Regression 87
D.1 Einfluss der Intention auf das Verhalten 87
Kreuztabellen. 87
Nominale Regression. 88
D.2 Einfluss der Einstellung auf die Absicht: Kreuztabelle und Regression 89
Kreuztabelle. 89
Nominale Regression. 90
III
E. Multiple Korrelation/Regression............................................................................... 91
E.1 Einfluss der subjektiven Norm und der wahrgenommenen
Verhaltenskontrolle auf die Einstellung .............................................................. 91
E.2 Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle
auf die subjektive Norm....................................................................................... 92
E.3 Einfluss der Einstellung und der subjektiven Norm auf die
wahrgenommene Verhaltenskontrolle ................................................................. 93
E.4 Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen und der
wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf die Einstellung ................................ 94
E.5 Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle
auf das Rauchverhalten der Bezugspersonen....................................................... 95
E.6 Einfluss durch die Einstellung und das Rauchverhalten der
Bezugspersonen auf die wahrgenommenen Verhaltenskontrolle ........................ 96
F. Die direkten Einflüsse auf das Verhalten .................................................................. 97
F.1 Der direkte Einfluss der Prädiktoren der Intention auf das Verhalten ................. 97
F.2 Einfluss der subjektiven Norm und der wahrgenommenen
Verhaltenskontrolle auf die Einstellung .............................................................. 98
F.3 Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle
auf die subjektive Norm....................................................................................... 99
F.4 Einfluss der Einstellung und der subjektiven Norm auf die
wahrgenommene Verhaltenskontrolle ............................................................... 100 G. Der Einfluss bei der Berücksichtigung durch das Rauchverhalten der
Bezugspersonen (Partner, Freunde, Mehrzahl der Freunde)................................. 101
G.1 Der normative Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen,
der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf das
Verhalten............................................................................................................ 101
G.2 Einfluss der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle und des normativen
Einflusses durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen auf die
Einstellung ......................................................................................................... 103
G.3 Einfluss der Einstellung und des Normativen Einflusses auf die
wahrgenommene Verhaltenskontrolle ............................................................... 104 Literaturverzeichnis.......................................................................................... 105
IV
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Rauchverhalten in Deutschland nach Berufsgruppen. ........................................... 4
Abb. 2: Raucher-Anteil 1998 in Prozent. In Ost und West................................................. 5
Abb. 3: Raucherquote der zwölf- bis 25-Jährigen in der BRD. .......................................... 9
Abb. 4: Gründe für das Rauchen. ..................................................................................... 11
Abb. 5: Raucherprävalenz Jugendlicher Raucher in Münster........................................... 13
Abb. 6: Die Bestimmungsfaktoren individuellen Verhaltens. .......................................... 30
Abb. 7: Darstellung der Theorie des geplanten Verhaltens .............................................. 38
Abb. 8: Die Theorie des geplanten Verhaltens bei Rauchern. .......................................... 59
Abb. 9: Die Theorie des geplanten Verhaltens bei Rauchern. .......................................... 61
Abb. 10: Der direkte Einfluss der Prädiktoren auf das Verhalten. ................................... 63
Abb. 11: Der direkte Einfluss der Prädiktoren auf das Verhalten (normativer Einfluss). 65
Abb. 12: Prävalenz des Rauchens weltweit. ..................................................................... 72
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Mittlere Anzahl gerauchter Zigaretten pro täglichem Zigarettenraucher 1998. ..... 6
Tab. 2: Raucher-Anteil 1998 in Prozent. ............................................................................ 6
Tab. 3: Auszug aus den Forschungsergebnissen zur Theorie des überlegten Handelns... 34
Tab. 4: Kreuztabelle: Der Zusammenhang zwischen der Einstellung und der Intention.. 57
Tab. 5: Multiple Korrelationskoeffizienten bei den Rauchern. ........................................ 60
Tab. 6: Multiple Korrelationskoeffizienten bei den Rauchern. ........................................ 61
Tab. 7: Multiple Korrelationskoeffizienten bei allen Befragten. ...................................... 63
Tab. 8: Multiple Korrelation bei allen Befragten (normativer Einfluss der
Bezugspersonen).................................................................................................. 65
Tab. 9: Jugendliche Raucher in Münster. ......................................................................... 75
V
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung B Verhalten bzw. behavior BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung DHS Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen DIMDI
FCTC Framework Convention on Tobacco Control I Intention ICD International Classifikation of Diseases ICD-10-GM International Classifikation of Diseases German Modification IFT Institut für Therapieforschung PBC
SGB Sozialgesetzbuch SN subjektive Norm bzw. subjective norm SPSS Superior Performing Statistical Software StBA Statistisches Bundesamt Tab. Tabelle TpB Theory of planned Behavior WHO World Health Organization & und
VI
Einleitung
Dass Rauchen die Gesundheit gefährdet, dass es Krebs verursachen kann und auch sonst keinen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat, kann als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Aus diesem Grunde stellt sich aber immer wieder die Frage, weshalb Menschen wider besseren Wissens Tabak konsumieren. Dass der Zigaretten- wie auch der Alkoholkonsum dennoch ein weit verbreitetes Verhalten ist, wird auch ohne wissenschaftliche Beweise deutlich. Rauchen ist eine sozial anerkannte und wirtschaftlich wie sozial-kommunikative Erscheinung, die in der Bundesrepublik als auch in weiten Teilen der Welt weder politisch noch sozial sanktioniert wird. Vielmehr lässt sich vie-lerorts feststellen, dass es, wenn auch nicht immer erwünscht, so doch meistens akzeptiert wird.
Rund 40 % aller Bundesbürger über 15 Jahre bezeichnen sich als Raucher. Sind es momentan immer noch mehr die Männer, die rauchen, ist gerade bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen (zwölf bis 25 Jahre) zu beobachten, dass Mädchen und junge Frauen verstärkt Tabak konsumieren. Insgesamt steht Deutschland bezüglich der Prävalenz im europäischen Vergleich etwa im Mittelfeld.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Verbreitung des Tabakkonsums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie die Ursachen dieses Verhaltens zu beschreiben. Die Epidemiologie sowie mögliche Erklärungen des Rauchens werden sowohl anhand von aktuellen in Deutschland repräsentativ erhobenen Studien als auch durch eine von Studierenden des Pflegestudiengangs an der Alice-Salomon-Hochschule und Herrn Prof. Dr. Kolleck im Jahre 2002 durchgeführten Studie an Auszubildenden in Pflegeberufen aufgezeigt. Ausgehend von der Theorie des begründeten Handelns bzw. der Theorie des geplanten Verhaltens als Erweiterung dieses Modells untersucht die vorliegende Arbeit den Zusammenhang zwischen Verhaltensprädiktoren und dem Rauchverhalten. Dabei sollten die Konstrukte der Theorie überprüft und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Gruppen diskutiert werden.
1
I Theoretischer Teil
1 Epidemiologie des Rauchens in Deutschland
Die Verbreitung des Rauchens in Deutschland wird seit vielen Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen verfolgt und dokumentiert. Die Ergebnisse der verschiedenen Studien unterscheiden sich aber zum Teil mehr oder weniger stark voneinander. Ingesamt sind hier vor allem fünf Institutionen zu nennen, die sich unter anderem auch mit dem Thema Gesundheitsverhalten und Tabakkonsum beschäftigen. Dies sind das Statistische Bundesamt, das seit 1957 jährlich durch die statistischen Landesämter den Mikrozensus erhebt, das Robert-Koch-Institut mit dem von 1997 bis 1999 für Gesamtdeutschland erhobenen Bundes-Gesundheitssurvey, das Institut für Therapieforschung in München (nachfolgend IFT), welches im Auftrag der Bundeszentrale für Gesundheit die Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland durchführt, sowie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (nachfolgend BZgA), die seit 1973 Repräsentativerhebungen zur Drogenaffinität Jugendlicher und junger Erwachsener durchführt. Alle hier aufgeführten Studien zeichnen sich durch ihre großen Stichproben und dem Anspruch der Repräsentativität aus. Unterschiede lassen sich aber nicht nur bei den Ergebnissen in Bezug auf das Rauchen ausmachen, sondern auch bei den Studienzielen und Erhebungsformen. Schwerpunkt des Mikrozensus ist es, z. B. Fragen zum Arbeitsmarkt und zur Bevölkerungsstruktur (Pflichtteil) zu erheben, zusätzlich werden in größeren zeitlichen Abständen unter anderem auch „Fragen zur Gesundheit“ miterhoben (freiwilliger Teil). Weitere aktuelle Studien stellen das LBS-Kinderbarometer sowie eine Studie über das Rauchverhalten in Münster dar. Nachfolgend sollen die durchgeführten Studien kurz vorgestellt und die relevanten Ergebnisse diskutiert werden.
Eine Längsschnittsstudie, die hier nur kurz Erwähnung finden soll, da der Untersuchungszeitraum zwischen 1983 und 1985 zu weit zurückliegt, stellt die Berlin-Bremen-Studie dar. Für die hier vorliegende Arbeit sind die Ergebnisse zur Vorhersage des Rauchverhaltens dennoch relevant. Mit Hilfe von Regressionsanalysen wurde versucht die Einflussfaktoren des Rauchverhaltens aus-
2
findig zu machen. Hierbei stellte sich heraus, dass gesundheitliche im Vergleich mit sozialen Aspekten eine eher untergeordnete Rolle spielten. Ferner wurde konstatiert, dass „affektive Aspekte“ zwar wichtig, aber gleichzeitig eng mit sozialen Situationen in Verbindung standen (Semmer et al., 1991, S. 86-7).
1.1 Der Mikrozensus und der Gesundheitsbericht für Deutschland
Die Stichproben des Mikrozensus umfassen 1 % aller Haushalte der Bundesrepublik Deutschland, die mittels verschiedener Schichtungen bei der Stichprobenauswahl repräsentativ werden. Hierbei werden jährlich ca. 370.000 Haushalte mit etwa 820.000 Personen erfasst (StBA, 2003a). Die „Fragen zur Ge-sundheit“ wurden 1978, 1986, 1992, 1995 und 1999 erhoben (Emmerling und Riede, 1997 & StBA, 2003a). Ein prinzipiell großer Vorteil des Mikrozensus ist seit 1995 die Möglichkeit ihn in Form eines „faktisch anonymisierten Datensatzes“ für wissenschaftliche Zwecke zu nutzen. Leider konnten diese Daten in dieser Arbeit nicht verwendet werden, da nach Aussage des hierfür zuständigen Mitarbeiters des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung die Daten nur an Universitäten, nicht aber an Fachhochschulen ausgegeben werden. Der Autor war aus diesem Grunde auf die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes angewiesen.
Laut den aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes konsumieren danach derzeit insgesamt etwas mehr als 30 % der Gesamtbevölkerung regelmäßig Tabak (StBA, 2003b). Der 1998 veröffentlichte „Gesundheitsbericht für Deutschland“ berichtete von einem Raucheranteil von 22 % bei Frauen und 36 % bei den Männern. 1 Ferner kann verallgemeinernd gesagt werden, dass 1995 die befragten Personen im Alter vor der Volljährigkeit bis etwa zur Lebensmitte (bis 39 Jahre) mit zunehmendem Alter mehr und danach weniger rauchten. 2 Ein weiterer Trend lässt sich auch bei den Konsummengen feststellen, waren es von 1970 bis zum Anfang der 80er Jahre noch um die 2700 Zigaretten pro Kopf bezogen auf alle Personen im Alter von über 15 Jahren, so waren es nach der Tabaksteuererhöhung 1981 bis 1990 durchschnittlich nur noch
1 Angaben für die über 15-Jährigen.
2 Raucher im Westen.
3
um 2600 Zigaretten. 3 Ab 1990 ist dann ein weiterer Abfall des Konsums zu beobachten, der sich bei etwa 2200 Zigaretten bis 1995 eingependelt zu haben scheint. Weiter wurde gezeigt, dass 1995 in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen etwa 15 % der Mädchen und 20 % der Jungen rauchten. Wie oben schon erwähnt, steigt dem Bericht zufolge, mit zunehmendem Alter auch die Zahl der Raucher; bis zum 30 Lebensjahr rauchten laut Bundesgesundheitsbericht knapp 30 % der jungen Frauen und etwas weniger als 60 % der jungen Männer (StBA, 1998 S. 90-91).
Im Hinblick auf das Rauchverhalten nach Berufsbereichen veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine Übersicht mit den Daten des Mikrozensus 1999. Nach eigenen Berechnungen ergibt sich das folgende Bild:
Abb. 1: Rauchverhalten in Deutschland nach Berufsgruppen.
Danach befinden sich, was die Verbreitung des Rauchens anbelangt, die Ge-sundheitsberufe mit 24 % im unteren Bereich. Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass die Gesundheitsberufe sehr vielschichtig erhoben wurden und auch hier wiederum mit erheblichen Unterschieden zu rechnen ist.
3 Filterzigaretten und Selbstgedrehte.
4
1.2 Der Bundes-Gesundheitssurvey 1999
Der im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit 1999 durch das Robert-Koch-Institut durchgeführte Bundes-Gesundheitssurvey umfasst 7124 Personen im Alter von 18 bis 79 Jahren, die zu gesundheitsrelevanten Themenbereichen befragt sowie einer medizinischen Untersuchung unterzogen wurden. Der Gesundheitssurvey unterteilte sich in mehrere Untersuchungseinheiten, die Merkmale zur Beschreibung der gesundheitlichen Lage, der Morbidität und der regionalen Differenzen erfassten. Aufgenommen wurden neben Fragen zur Inzidenz und Prävalenz von Krankheiten und Risikofaktoren gesundheitsbezogener Verhaltensweisen und Lebensbedingungen auch Fragen zur Nutzung medizinischer Leistungen. Unter anderem wurden die Probanden nach ihrem Rauchverhalten befragt (Bellach, 1999 & Junge und Nagel, 1999, S. 124).
Abb. 2: Raucher-Anteil 1998 in Prozent. In Ost und West.
Ähnlich wie schon bei den Ergebnissen des Mikrozensus ergab sich auch hier im Durchschnitt eine Prävalenz von 37 % bei Männern und 28 % bei Frauen. Weitaus andere Zahlen lieferte der Bericht aber in Bezug auf die Raucheranteile in der Altersspanne zwischen 18 und 29 Jahren; hier lagen die Anteile
5
sehr viel höher. Danach rauchten mehr als die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von 18 bis 19 Jahren und immer noch 45 % im Alter von 20 bis 29 Jahren. Ferner konstatierten Junge & Nagel für die 18- bis 24-Jährigen „alarmierend hohe Raucheranteile von 49 % für die männliche und von 44 % für die weibliche Bevölkerung“ (zit..: Junge und Nagel, 1999, S. 123). Die Menge der durchschnittlich konsumierten Zigaretten lag bei 20 für Männer und 16 für Frauen im Alter von 18 bis 79 Jahren (vgl. Tab. 1).
Tab. 2: Raucher-Anteil 1998 in Prozent.
Etwa ein Drittel der Befragten hatte mindestens einmal versucht mit dem Rauchen aufzuhören. Im Vergleich mit den Zahlen des Bundes-Gesundheitssurveys 1990 gibt es im Hinblick auf den Raucheranteil und die Anzahl der
6
konsumierten Zigaretten keine signifikanten Unterschiede (Junge und Nagel, 1999). 4
1.3 Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei
Erwachsenen in Deutschland 1995 und 1997
Die Studien zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen befassten sich vor allem mit dem Drogenkonsumverhalten der erwachsenen Bevölkerung im Alter von 18 bis 59 Jahren. Die Stichprobe umfasste 7000 deutschsprachige Personen im Jahre 1995 und 8020 im Jahre 1997.
Die Raucherquote lag 1995 bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 29 Jahren bei über 50 % und insgesamt bei 37 % in West-und Ostdeutschland. 60 % der jugendlichen Raucherinnen konsumierten bis zu zehn Zigaretten, die männlichen Jugendlichen rauchten am häufigsten 20 und mehr Zigaretten (50 %). Es konnte beobachtet werden, dass der Anteil der starken Raucher (20 und mehr Zigaretten) beider Geschlechter mit zunehmendem Alter steigt (Herbst et al., 1995, S. 37- 41). 5
Nach den neuesten Ergebnissen von 1997 blieb die Raucherquote der 18- bis 59-Jährigen mit ca. 38 % insgesamt konstant. Ein Rückgang der Prävalenz konnte aber bei den 18- bis 29-Jährigen beobachtet werden, hier sank die Quote von fast 50 % auf 40,5 % ab (ebd. S. 42).
4 Der Raucheranteil betrug 1990: 39,5 % bei Männern und 26,7 % bei Frauen; die Anzahl der
konsumierten Zigaretten betrug: 18,4 bei Männern und 14,7 bei Frauen.
5 Der Anteil der rauchenden Jugendlichen stieg von 17 % bei den 18- bis 20-Jährigen auf
28 % bei den 25-bis 29-Jährigen.
7
1.4 Die Drogenaffinitätsstudien 1993/1994, 1997 und 2001
Die Studien der BZgA zur Drogenaffinität Jugendlicher im Alter von 12 bis 25 Jahren beziehen sich sowohl auf den Konsum illegaler als auch auf den Konsum der legalen Drogen Alkohol und Tabak.
Die zentralen Ziele der Studien sind, nach Auffassung der BZgA, jene, die für die Konzeption und Durchführung von Präventionsmaßnahmen Bedeutung haben. Dazu gehören:
- fördernde und hindernde Einflussfaktoren auf den Substanzgebrauch,
- Konsummotive,
- situative Bedingungen des Drogengebrauchs und
- kommunikative Erreichbarkeit von Jugendlichen
(BZgA, 1994, S. 6-7).
Die zuletzt durchgeführten Befragungen fanden in den Jahren 1993/1994 und 2001 statt und gehören, bezogen auf das Rauchen, zu den detailliertesten Dokumentationen.
Nach der letzten Studie lag die Prävalenz der Raucher im Alter von 12 bis 25 Jahren bei 38 %, von denen sich 15 % als Gelegenheitsraucher bezeichneten. Zwischen den männlichen und den weiblichen sowie den west- und ostdeutschen Jugendlichen existierten keine wesentlichen Unterschiede. Ferner zeigte die Studie auch den Anstieg der Raucherquote mit zunehmendem Alter. Bezeichneten sich 10 % der 12- bis 13-Jährigen als Raucher, waren dies bei den 14- bis 15-Jährigen 29 % und bei den 14- bis 15-Jährigen schon 44 %. Für die weiteren Jährgänge war eine durchschnittliche Raucherquote von 45 % festzustellen (BZgA, 2001, S. 32).
8
Abb. 3: Raucherquote der zwölf- bis 25-Jährigen in der BRD.
Die Entwicklung, die sich schon bei der Raucherquote zeigte, findet ihre Entsprechung auch bei den Konsummengen. Rauchte in der Altersgruppe der zwölf- bis 15-Jährigen der überwiegende Teil weniger als eine bis fünf Zigaretten, rauchten im Durchschnitt fast 70 % der über 15-Jährigen täglich mehr als fünf Zigaretten. Unter den 20- bis 25-Jährigen befanden sich insgesamt mehr als 27 % starke Raucher, die 20 oder mehr Zigaretten pro Tag rauchten. Bezogen auf das Geschlecht zeigte sich, dass männliche Raucher mehr rauchen, unter ihnen finden sich fast doppelt so viele starke Raucher (24 %) wie unter den Raucherinnen (13 %). Der Rauchbeginn lag seit 1993 bei den männlichen und weiblichen Jugendlichen etwa konstant bei 14 Jahren (BZgA, 2001, S. 34, 43).
9
Innerhalb eines Zeitraums von fast 20 Jahren (zwischen 1973 bis 2001) ist der Anteil der Raucher kontinuierlich gesunken, der Anteil der Nieraucher dagegen gestiegen. 6 Seit 1993 hat sich die Raucherquote aber nicht wesentlich verändert, sie liegt konstant um die 40 %. Die größte Veränderung im Zeitraum von 1993 bis 2001 konnte bei den zwölf- bis 17-Jährigen beobachtet werden, hier stieg die Raucherquote von 20 % 1993 auf 28 % 2001 an. Der Anteil der starken Raucher ist seit 1993 kontinuierlich gesunken (1993: 34 %, 1997: 28 %, 2001: 19 %).
Zwischen einem Gesundheitsbewusstsein und dem Drogenkonsum wird ein deutlicher Zusammenhang konstatiert. Je stärker das Gesundheitsbewusstsein, desto höher war der Anteil der Jugendlichen, die selten oder nie Alkohol, Zigaretten oder illegale Drogen konsumiert haben (BZgA, 2001, S. 68). Etwas kritisch ist hierbei anzumerken, dass die Operationalisierung des „Gesundheitsbewusstseins“ nicht dokumentiert wurde, sodass eine Verifikation des Zusammenhangs nicht möglich ist. 7
In einer weiteren Veröffentlichung zur Drogenaffinitätsstudie 2001 geht die BZgA noch etwas näher auf bestimmte Fragestellungen zum Rauchverhalten ein. Hierbei wird unter anderem ein Zusammenhang zwischen dem eigenen und dem Rauchverhalten des Freundeskreises bestätigt. 67 % aller befragten Raucher. aber nur 27 % aller Nichtraucher gaben im Jahre 2001 an, dass die meisten bzw. alle ihre Freunde rauchten. 1997 war die Differenz zwischen Rauchern und Nichtrauchern sogar noch deutlicher, hier gaben Raucher im Gegensatz zu Nichtrauchern sogar über 50 % häufiger an, dass der überwiegende Teil ihrer Freunde raucht (BZgA, 2001, S. 18).
Auch der Zusammenhang zwischen „Ausbildungsstufe“ und Berufstätigkeit wurde bestätigt. Haupt- oder Realschüler rauchten häufiger als Gymnasiasten (insgesamt 6 % mehr). In der Sekundarstufe II rauchten Berufsschüler häufiger
6 2001 waren insgesamt 50 % der 12- bis 25-Jährigen Nieraucher (BZgA, 2001, S. 38).
7 Aus der Veröffentlichung geht lediglich hervor, dass das Gesundheitsbewusstsein sehr stark,
stark, mittelmäßig oder wenig ausgeprägt war.
10
als Abiturienten (insgesamt 14 % mehr) und Erwerbstätige waren 17 % häufiger Raucher als Studenten (BZgA, 2002, S. 19).
Zwei Fragen befassten sich auch mit der Akzeptanz des Rauchens und der sozialen Unterstützung des Nichtrauchens durch den Freundeskreis. Leider wurden nur die Ergebnisse der Nichtraucher vorgestellt, ohne einen Vergleich mit den Rauchern anzustellen. Die Angaben besagten lediglich, dass es die Freunde von Nichtrauchern überwiegend (93 % / 1997; 77 % / 2001) bedauern würden, wenn sie mit dem Rauchen beginnen würden (BZgA, 2002, S. 19).
Ein anderer Untersuchungsgegenstand waren die Gründe des Rauchens. Hierbei zeigte sich, die befragten Raucher waren überwiegend der Ansicht, dass das Rauchen „ansteckt“ und „beruhigt“. 42 % waren noch der Meinung, dass eine Zigarettenpause Wohlbefinden verschafft, ein Drittel, dass das Rauchen schmeckt und ein Viertel der befragten Raucher fanden, dass es in schwierigen Situationen hilft. Dass Rauchen konzentrationsfördernd oder sogar sympathisch wirkt, empfanden nur weniger als 15 % (BZgA, 2002, S. 23).
Abb. 4: Gründe für das Rauchen.
Die Jugendlichen wurden auch nach der Einschätzung der gesundheitlichen Folgen des Rauchens gefragt. Insgesamt zeigte sich dabei, dass 29 % der Raucher (Nichtraucher: 20 %) meinten, „Rauchen macht schlank“ und 53 % (Nichtraucher 63 %) waren der Überzeugung gewesen, „Rauchen macht schlechte Haut“ (BZgA, 2002, S. 24).
11
Raucherregelungen in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Universität wurden sehr unterschiedlich „wahrgenommen“. 14 % der befragten Haupt-und Realschüler gaben an, dass das Rauchen in den Pausen erlaubt ist; bei Schülern der Sekundarstufe II (Abiturienten und Auszubildende) waren dies 90 %. Rauchverbote in Universitäten wurden nur von 20 % der befragten Studenten wahrgenommen. Am Arbeitsplatz zu rauchen war bei etwas mehr als der Hälfte der befragten Erwerbstätigen erlaubt (BZgA, 2002, S. 25-6).
Jeweils ein Drittel der Jugendlichen wollte das Rauchverhalten beenden, es reduzieren oder es beibehalten. Damit waren mehr als 60 % der Jugendlichen durchaus bereit, ihren Tabakkonsum positiv zu verändern. Auch bei dem Versuch das Rauchen einzustellen zeigte sich, 34 % haben es schon mehrmals und 27 % haben es schon einmal probiert (ebd., S. 28-9).
1.5 Zigarettenkonsum bei Kindern - Kindheit 2001 - Das LBS-Kinderba-
rometer
Die Studie „LBS-Kinderbarometer“ ist eine seit 1997 jährlich durchgeführte Studie. Die Stichprobe umfasste 2.031 Kinder, die in repräsentativ ausgewählten Schulen in Nordrhein-Westfalen befragt wurden. Der überwiegende Teil der Kinder war im Alter zwischen neun und 14 Jahren, das Geschlechterverhältnis verteilte sich zu jeweils einer Hälfte auf Mädchen und Jungen (Klöckner et al., 2002, S. 21-3).
Bei der Konzeption des Erhebungsinstrumentes wurde versucht die wichtigen Lebensbereiche der Kinder zu erfassen (z. B. Familie, Schule, Freizeit, Freunde und Wohnumfeld). Ferner wurde auch der Einfluss von subjektiven Einstellungen und Empfindungen auf das Wohlbefinden der Kinder erhoben (ebd., S. 25).
Ein Teil der Befragung befasste sich auch mit dem Zigaretten- und Drogenkonsum. Hierbei wurde die Raucherprävalenz der aktuellen Drogenaffinitätsstudie mehr oder weniger bestätigt. Darüber hinaus wurde aber festgestellt, dass 60 % der befragten Kinder Alkohol, Tabak und Tabletten nicht als Drogen einstuften. Ferner konnte z. T. der Zusammenhang zwischen dem Rauchverhalten der Eltern und dem Zigarettenkonsum der Kinder bestätigt werden; so hat-
12
ten Kinder, die zumindest „selten“ rauchten, häufiger Eltern, die auch rauchten (Benölken, 2002, S. 160-2).
1.6 Rauchverhalten bei Teenagern in Münster: Anstieg der Prävalenz und
der Zusammenhang zur Werbung (1995-2000)
Die jüngste Veröffentlichung stellt eine Studie über Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren in Münster dar. An zwei unterschiedlichen Erhebungszeitpunkten, nämlich 1994/1995 und 1999/2000, wurden insgesamt 7962 repräsentativ ausgewählte Kinder zu ihrem Rauchverhalten befragt. 8
Die Ergebnisse unterscheiden sich z. T. stark von denen der Drogenaffinitätsstudie 2001 als auch vom LBS-Kinderbarometer 2001. Nach besagter Studie bezeichneten sich 2001 insgesamt 28 % der zwölf- bis 15-Jährigen als Raucher; dies waren insgesamt fast 10 % mehr, als die Drogenaffinitätsstudie 2001 angab. Auch der Anteil der Kinder in dieser Altersgruppe, die jemals geraucht haben, ist mit 56,2 % vermutlich als sehr viel höher einzuschätzen als die veröffentlichten Zahlen der BZgA, die bei den zwölf bis 25-Jährigen von einem Nieraucheranteil von 50 % sprach. Die geringen Unterschiede bei der Raucherprävalenz zwischen Jungen und Mädchen wurden hingegen bestätigt.
Abb. 5: Raucherprävalenz Jugendlicher Raucher in Münster.
8 1994/1995: N=3934 und 1999/2000: N=4028.
13
Ferner zeigen die Ergebnisse auch, dass der Raucheranteil von 1994/1995 bis 1999/2000 um 7 % signifikant angestiegen ist. Auch hier waren die Raucheranteile zwischen Jungen und Mädchen in etwa gleich. Dennoch sind die Raucheranteile von Mädchen, die täglich rauchen, in dem besagten Zeitraum stärker angestiegen als bei Jungen. 9 Es wurde aber auch festgestellt, dass beide Geschlechter in etwa gleich viel rauchten (Maziak et al., 2003, S. 173). 10
Ein weiteres Ergebnis war der starke Zusammenhang zwischen dem „Raucherstatus“ und dem „Beliebtheitsgrad“ der Zigaretten- und Tabakwerbung. Die Jugendlichen wurden gefragt, ob die Werbung „gut gemacht“ sei. Die möglichen Antworten waren: ja oft, ja manchmal, niemals. Jugendliche, die die Werbung oft als gut gemacht empfanden, waren auch häufiger Raucher. Ferner konnte festgestellt werden, dass die meistgenanntesten Marken von jenen Firmen stammten, die auch stark jugendorientiert geworben haben (Maziak et al., 2003, S. 174-5, s. a. Anhang, S. 70).
9 Bei Mädchen stieg der Anteil von 9,1 % auf 14,7% (dies entspricht einem Anstieg von 62
%) und bei Jungen von 10,9 % auf 13,6 % (dies entspricht einem Anstieg von nur 20 %).
10 Weniger sowie einschließlich zehn Zigaretten rauchten 1999/2000 insgesamt 9,5 % und
mehr als 10 Zigaretten rauchten 4,7 %.
14
1.7 Diskussion der Studien
Auch wenn sich die hier angeführten Studien zum Teil besonders in Bezug auf die Raucherprävalenz bei Jugendlichen unterscheiden, zeigt sich doch, dass der Konsum von Zigaretten ein ernst zu nehmendes Problem darstellt. Ob die z. T. starken Unterschiede aus den verschiedenen Untersuchungszeitpunkten, Erhebungsverfahren (telefonische bzw. persönliche, freiwillige oder auskunftspflichtige Befragung), den unterschiedlichen Definitionen resultieren oder ob die Validität der Erhebungsinstrumente in Frage zu stellen ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Kritisch zu betrachten ist hierbei vor allem der Mikrozensus, der gerade bei den 15- bis 19-Jährigen von sehr viel geringeren Raucheranteilen ausgeht als alle anderen Studien. Weitere Unterschiede sind aber im Detail auch zwischen den anderen Studien festzustellen. Der Bundes-Gesundheitssurvey von 1999 spricht z. B. von einem Raucheranteil von 51 % bei Männern und Frauen zwischen 18 und 19 Jahren, die Drogenaffinitätsstudie ging von insgesamt 46 % aus. Die Abweichung von insgesamt 5 % ist für Studien mit repräsentativem Anspruch und bei Stichprobenumfängen von über 3000 bzw. 7000 Personen als hoch einzuschätzen. Ein Problem von weitaus größerer Bedeutung stellt sich aber bei der Möglichkeit der Vergleichbarkeit, der Verifikation oder aber auch der Falsifikation der Ergebnisse ein; meist geben die Veröffentlichungen weder genaue Auskunft über Messverfahren noch über die jeweiligen Messinstrumente. Die BZgA überprüfte z. B. den Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsbewusstsein und dem Drogenkonsum, unklar bleibt aber, wie dieses Bewusstsein operationalisiert und deren Stärke erfasst wurde.
Bemerkenswert ist ferner, dass in kaum einer Veröffentlichung die Ergebnisse anderer Studien Erwähnung finden und sie scheinbar auch nicht zur Überprüfung eigener Ergebnisse verwendet wurden. Lediglich Junge & Nagel (1999) versuchen die Daten zusammenzubringen, und stellen dabei fest, dass das Problem in der Vergleichbarkeit der verschiedenen Untersuchungen liegt.
15
Dennoch scheint der überwiegende Teil der Studien eine hohe Raucherprävalenz von mehr als 40 % bei den über 15-Jährigen zu bestätigen. Ferner unterscheiden sich junge Frauen in ihrem Rauchverhalten von jungen Männern nur noch in der Anzahl täglich konsumierter Zigaretten, nicht aber darin, ob sie sich als Raucherinnen bezeichnen oder nicht.
Obwohl es sich bei allen Befragungen um Querschnittsstudien handelt, lassen die Berichte dennoch Tendenzen bei der Entwicklung des Konsums von Zigaretten bezüglich des Lebensalters erkennen. Nach einer Phase des Experimentierens im Alter von zwölf bis 15 Jahren nehmen sowohl der Anteil der Raucher als auch die Konsummengen stark zu ({BZgA 2001 86 /id}, S. 32). Im weiteren Lebensverlauf scheint sich dieses Verhalten bis etwa zur Lebensmitte zu verfestigen, um erst danach langsam zurückzugehen. Ferner wird damit gerechnet, dass mit einem frühzeitigen Beginn auch ein erhöhtes Risiko zu einem lebenslangen Konsum gegeben ist (Friedrich und Batra, 2001, S. 177).
Vor dem Hintergrund der letzten Drogenaffinitätsstudie wird davon gesprochen, dass sich die Einflüsse des sozialen Umfelds auf das Rauchverhalten verstärkt haben:
- „Jugendliche Nichtraucher (besonders die jüngeren Altersgrup-pen) sind zunehmend dem Einfluss gleichaltriger Raucher in ihren
Freundesgruppen ausgesetzt.
- Der Einstieg ins Rauchen wird von den Freunden stärker sozial
unterstützt als in der Vergangenheit, vor allem bei den jüngsten
Altersgruppen“
(BZgA, 2002, S. 33). Ferner wird konstatiert, dass diese Einflüsse eine Prävention erschweren, da in den „Peer-Groups“ Jugendlicher nicht mehr ein eindeutig negatives Bewusstsein gegenüber dem Rauchen vorherrscht. Hinzu kommt das Faktum, dass Jugendliche dem Rauchen eher positive Attribute zuschreiben (z. B. Genuss, Entspannung, Geschmack usw.). Als ein Potenzial für eine Prävention wird von der BZgA die „ambivalente Haltung“ gegenüber dem Rauchen angeführt: Nichtraucher wollen auch zukünftig nicht rauchen; über die Hälfte der Raucher strebt in fünf Jahren an, Nichtraucher zu werden; viele Raucher möchten aufhören oder den Konsum reduzieren; über die Hälfte der Raucher hat schon einmal versucht aufzuhören. In diesen Haltungen sieht die
16
BZgA Möglichkeiten für den frühen Einsatz von präventiven Maßnahmen („Förderung des Nichtrauchens“). Eine weitere wirkungsvolle Einflussnahme wird in der Förderung des Gesundheitsbewusstseins sowie einer an den Risikogruppen ausgerichteten „Präventionsstrategie“ gesehen (BZgA, 2002, S. 32-3).
2 Konsequenzen des Rauchens
2.1 Mortalität und Morbidität durch den Tabakkonsum
Die Verbreitung des Rauchens in Deutschland hat gezeigt, dass der Konsum von Tabak nicht nur unter Jugendlichen ein weit verbreitetes Phänomen ist. Wie sind aber nun die Gefahren, die von diesem Verhalten ausgehen, einzuschätzen? Zum ersten Punkt gibt die World Health Oranization (nachfolgend WHO) an, dass mehr als 110.000 Menschen jährlich in der BRD an den Folgen des Tabakkonsums sterben (vgl. World Health Organization, 2002). Für die Europäische Union ist jährlich mit einer halben Million Tabaktoten (0,4 Millionen Männer und 0,1 Millionen Frauen) zu rechnen (Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2001, S. 9-10). Im Schnitt verliert ein Raucher gegenüber einem Nichtraucher etwa acht Jahre seiner Lebenszeit (Friedrich und Batra, 2001, S. 177).
Krankheiten, die mit dem Konsum von Tabak in starkem Zusammenhang gebracht werden, sind vor allem unterschiedliche Karzinome, wie Lungen-, Kehlkopf- und Mundbodenkarzinom. Die Wahrscheinlichkeit an einem Magenkarzinom oder an Leukämie zu erkranken oder auch einen Herzinfarkt zu erleiden ist bei Rauchern erhöht. Ferner ist auch das Lungenkrebsrisiko von Passivrauchern eindeutig erhöht; Kinder, in deren Gegenwart häufig geraucht wird, leiden häufiger an Atemwegserkrankungen (Friedrich und Batra, 2001, S. 178-79 & Anhang, S. 70). Auf eine ausführliche Beschreibung wird hier verzichtet und auf die einschlägige Literatur verwiesen. Eine Recherche zu
17
diesem Thema in der medizinischen Datenbank PubMed zeigt wie umfangreich die Folgen und Wirkungen des Tabakkonsums erforscht sind. 11
11 PubMed ist ein Angebot der National Library of Medicine und umfaßt über 14 Millionen
Einträge zu biomedizinischen Artikeln und ist unter (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/PubMed/)
kostenlos nutzbar.
18
2.2 Psychische Störungen durch den Tabakkonsum
Für die Diagnose psychiatrischer und klinisch-psychologischer Störungen konnte mit der Einführung der beiden Klassifikationssysteme, International Classification of Diseases (= ICD-10; deutsche Version: DIMDI, 2003) sowie die Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (= DSM-IV; deutsche Version: Saß et al., 1996), sowohl die Reliabilität als auch die Validität psychischer Störungen emendiert werden. Hier finden sich auch die Klassifikationen von Störungen durch psychotrope Substanzen, zu denen auch der Konsum von Tabak gehört (Demmel, 2000, S. 3-14).
Im europäischen Raum findet meist die ICD-Klassifikation ihre Anwendung. In Deutschland wird sie seit dem 1.1.1998 bei der Todesursachenstatistik und seit Januar 2000 für die Diagnosen in der stationären und ambulanten Versorgung im Rahmen des SGB-V verschlüsselt 12 eingesetzt (Demmel, 2000, DIMDI, 2003 & Anhang, S. 71). 13
Die Nebenwirkungen des Tabaks, die hierbei meist durch das Nikotin verursacht werden, sind:
die Wirkung auf das seelische Befinden, die sowohl eine psychische - alsauch eine physische Abhängigkeit verursachen kann,
geringere Dosen von Nikotin wirken stimulierend, anregend und kon- - zentrationsfördernd,höhere Dosen wirken eher hemmend und entspannend,
12 Nach § 295 SGB sind die Diagnosen zu verschlüsseln. Sie sind nach dem vierstelligen
Schlüssel der Internationalen Klassifikation der Krankheiten in der jeweiligen vom
Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information herausgegebenen
Fassung zu verschlüsseln. Es handelt sich um den sogenannten ICD-Schlüssel, der derzeit in
seiner 9. Revisionsfassung benutzt wird. Bei zahnärztlicher Behandlung sind anstelle der
Diagnosen die Befunde anzugeben.
13 Unterschiede zwischen den beiden Klassifikationen in Bezug auf das Rauchen sind vor al-
lem bei der Definition der Tabakabhängigkeit festzustellen. Die DSM-IV geht von einer Ni-kotinabhängigkeit, die ICD-10 von einer Tabakabhängigkeit aus.
19
Gewichtsreduktion durch Beschleunigung des Stoffwechsels und he- - rabgesetztesHungergefühl
(Kröger et al., 2000, S. 11-14).
In der ICD-10-GM 2004 14 finden sich Störungen, die durch den Gebrauch psychoaktiver Substanzen auftreten können, in den Kategorien F1x.00 bis F1x07. Laut des ICD-Thesaurus gehören die folgenden Störungen zu jenen, die im Zusammenhang mit dem Rauchen stehen:
F17.0: Akute Intoxikation durch Tabak / Intoxikation durch Tabak bei Abhängigkeit:
Hierunter werden Störungen des Bewusstseins, kognitiver Funktionen, der Wahrnehmung, des Affekts und des Verhaltens verstanden.
F17.1: Schädlicher Gebrauch von Tabak / Exzessives Rauchen / Tabakmissbrauch usw.:
Unter schädlichem Gebrauch wird weniger das eigentliche Verhalten verstanden, sondern vielmehr, dass der schädliche Gebrauch zu nachweisbaren Gesundheitsschädigungen führt.
F17.2: Tabak-Abhängigkeitssyndrom / Abhängigkeit von Nikotin:
Für die Diagnose einer Tabakabhängigkeit hat sich sowohl für die DSM-IV als auch für die ICD-10 der Fagerström Test for Nicotine Dependence (FTND) durchgesetzt, der den Schweregrad der Abhängigkeit auf Grundlage von sechs Fragen erfasst. Nach der ICD-Klassifikation ist von einer Abhängigkeit auszugehen, wenn von insgesamt sechs Kriterien drei erfüllt sind:
1. Ein starker bzw. zwanghafter Wunsch, Tabak zu konsumieren.
2. Verminderte Kontrollfähigkeit in Bezug auf Beginn, Beendigung und Menge des Tabakkonsums.
3. Toleranzbildung: Um gleiche Wirkungen zu erzielen, sind immer höhere Dosen erforderlich.
14 GM steht für German Modification.
20
4. Das Auftreten von Entzugserscheinungen.
5. Vernachlässigung anderer Vergnügungen und Interessen zugunsten des Tabakkonsums.
6. Tabakkonsum trotz des Wissens der schädlichen Folgen.
Weitere Indikatoren sind die Anzahl der konsumierten Zigaretten, die Zigarettenmarke sowie die Art und Weise der Inhalation (Inhalationstiefe).
F17.3: Entzugssyndrom nach Gebrauch von Tabak / Nikotinentzugssyndrom / Nikotinentwöhnung / Raucherentwöhnung / Tabakentzugssyndrom:
Hierunter fällt eine ganze Gruppe von Symptomen, die meist durch den Entzug einer längerfristig konsumierten psychoaktiven Substanz auftreten können. Für den Entzug von Tabak können Symptome wie Angstzustände, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, depressive Verstimmung, erniedrigter Blutdruck, Herzklopfen, Müdigkeit, Verdauungsstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Gewichtszunahme durch erhöhten Appetit, Hungergefühl, Frustration genannt werden.
F17.4: Psychotische Störungen: Diese Kategorie bezieht sich auf eine Gruppe von psychotischen Störungen, die während des Konsums psychoaktiver Substanzen in Erscheinung treten können, hierbei aber nicht durch eine akute Intoxikation erklärt werden können.
(DIMDI, 2003; Kröger et al., 2000, S. 12-6; Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (Hrsg.), 2001, S. 6 & Friedrich und Batra, 2001, S. 172-7).
Neben vielen weiteren gesundheitsschädlichen Einflüssen, deren genauere Beschreibung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, ist ursächlich im Falle des Tabakkonsums nicht der einmalige, sondern der regelmäßig und über längere Zeit konsumierte Tabakkonsum für die schweren Gesundheitsschäden verantwortlich zu machen.
21
3 Gesellschaftspolitische Einflussnahme
Sieht man die von der Bundesregierung regelmäßig veröffentlichten Suchtberichte ein, so könnte der Eindruck entstehen, in Deutschland wird der „Missbrauch“ von Drogen (psychoaktiver Substanzen) sehr ernst genommen und es wird in unterschiedlicher Weise versucht darauf Einfluss zu nehmen. Andererseits wird dieser Eindruck etwas geschmälert, wenn man sich die Haltung der Bundesregierung gegenüber „globalen“ Regelungen zum Beispiel bei dem Verbot der Tabakwerbung ansieht. Deutschland gehört mit Luxemburg, Schweden, Spanien, Griechenland und Österreich zu jenen Staaten, die nur „teilweise“ Beschränkungen für die Tabakwerbung haben. 15 In Deutschland gilt ein uneingeschränktes Werbeverbot für Tabakwaren nur für das Fernsehen und den Hörfunk, für alle anderen Medien gelten inhaltliche Beschränkungen (Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2001, S. 4). 16 Deutschland macht als einziger EU-Mitgliedstaat immer noch Vorbehalte gegenüber dem ersten Abkommen zur Tabakkontrolle (Framework Convention on Tobacco Control, FCTC) geltend. Auch wenn Deutschland prinzipiell eine Verbotsregelung unterstützen würde, ließe die Verfassung aber ein umfassendes Tabakverbot nicht zu (Fleck, 2003). Auch auf europäischer Ebene lehnen Deutschland und Großbritannien wegen rechtlicher Bedenken ein Tabakwerbeverbot ab. Das vom Ministerrat der Europäischen Union (EU) am 2. Dezember 2002 beschlossene und bis Juli 2005 umzusetzende Verbot von Tabakwerbung ist nach den offiziellen Mitteilungen der Bundesregierung ein „Eingriff in die nationale Gesetzgebungszuständigkeit“ (Die Bundesregierung, 2003).
Weshalb sich die Bundesregierung nicht für ein eindeutiges Tabakwerbeverbot oder die Reduzierung von Subventionen des Tabakanbaus ausspricht, kann
15 Staaten mit einem uneingeschränkten (vollständigen) Werbeverbot sind: Frankreich,
Italien, Portugal und Finnland.
16 „Es darf sich nicht um Angaben oder Darstellungen handeln, durch die der Eindruck er-
weckt wird, der Genuss von Tabakerzeugnissen sei gesundheitlich unbedenklich; die Wer-
bung darf sich nicht an Jugendliche richten; sie darf das Rauchen nicht als nachahmenswert
erscheinen lassen, und sie darf Tabakerzeugnisse nicht als natürlich darstellen. Verboten ist
auch die Werbung für Tabakerzeugnisse in einer Form, die irreführend oder täuschend ist“
(Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2001, S. 4).
22
hier nicht beantwortet werden. Mit Sicherheit sind nicht nur verfassungsrechtliche Hindernisse dafür verantwortlich zu machen, vielmehr sind auch wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen (Haustein, 2001, S. 417).
Der längerfristige Einfluss auf die Raucherprävalenz, besonders bei Jugendlichen, wird als relativ hoch eingeschätzt, Haustein spricht von deutlichen Reduzierungen in Staaten mit Werbeverboten (Haustein, 2001, S. 409 & Maziak et al., 2003). 17
Um den Tabakkonsum zu reduzieren, formuliert die Bundesregierung Ziele (aktueller Suchtbericht 2003), wie die Entwicklung eines „Anti-Tabak-Programms“ und den Ausbau von Präventionsbemühungen, die im „Aktionsplan Drogen und Sucht“ konkretisiert wurden (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2003b, S. 47). Hierzu gehören als allgemeine Ziele: 1. Den Beginn des Konsums zu verhindern oder hinauszuzögern.
2. Riskante Konsummuster frühzeitig zu erkennen und zu reduzieren.
3. Das Überleben zu sichern.
4. Eine Abhängigkeit mit allen nach aktuellem Stand der Wissen-
schaft zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu behandeln.
5. Die Verfügbarkeit illegaler Suchtmittel einzudämmen. (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2003a, S. 11).
Bei der Entwicklung von Maßnahmen oder besser gesagt von Programmen bezieht sich die Bundesregierung vorwiegend auf die Erkenntnisse der BZgA und deren Veröffentlichungen. 18 Ferner werden eine ganze Reihe von Teilzielen, wie z. B. die Förderung des Gesundheitsbewusstseins usw., genannt, deren Umsetzung und Erfolge noch abzuwarten sind. Rückblickend auf das Jahr 2002/2003 stellt die Bundesregierung insgesamt acht Modellprojekte vor, die sich mit dem Problem der Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt haben, wobei sich letztendlich nur ein Projekt explizit mit dem Rauchen auseinander setzte. Zu nennen ist hier: der Nichtraucherwettbewerb „Be
17 Haustein bezieht sich hier auf folgende Veröffentlichungen: Junge, B.: Tabak - Zahlen und
Fakten zum Konsum. In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (hrsg.), Jahrbuch
Sucht `98, Geesthacht: Neuland 1997 und Stewart, MJ: The effect of adversting bans on
tobacco consumption in OECD countries. Int J Adversting 1993; 12: 155-180.
18 In regelmäßigen Abständen veröffentlicht die BZgA in der Reihe „Forschung und Praxis
der Gesundheitsförderung“ Empfehlungen zu unterschiedlichen Gesundheitsrelevanten The-
men.
23
Smart - Don’t Start“. Der Wettbewerb ist europaweit angelegt mit dem Ziel
den Einstieg in das Rauchen zu verzögern und eine Auseinandersetzung mit der Problematik zu fördern. Der Wettbewerb richtet sich an die 6. bis 8. Klassenstufe, also an ca. 11- bis 14-jährige Jugendliche, die sich entscheiden ein Jahr lang nicht zu rauchen. Das Thema Nichtrauchen wird einmal wöchentlich im Unterricht besprochen (Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2003b, S. 22-9). Alle weiteren Projekte werden hier nur namentlich genannt und für eine genaue Beschreibung wird auf den Suchtbericht 2003 verwiesen. Kennzeichnend für den überwiegenden Teil der Projekte ist jedoch, dass sie nur beispielhaft und nicht flächendeckend angewendet wurden.
Projekte zur Drogenprävention:
Alkoholprävention bei Jugendreisen „Bist du stärker als Alkohol?“ - Event„Apfelsaftkampagne“ - Modellprojekt„Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumen- - ten“
Kampagne „Kinder stark machen“ - PräventionPrävention online „www.drugcom.de“ - Jugendinitiativeder Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) - (DieDrogenbeauftragte der Bundesregierung, 2003b, S. 22-9).
Eine andere Maßnahme zur Eindämmung des Tabakkonsums stellt die Tabaksteuererhöhung vom 1. Januar 2003 von einem Cent pro Zigarette dar. Der Zusammenhang zwischen dem Preis und dem Konsum von Zigaretten zeigte sich schon bei der Tabaksteuererhöhung 1981 (vgl. S. 5). Die Wirkung dieser Maßnahme wurde vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung untersucht.
Die Auswirkungen werden wie folgt zusammengefasst:
„Die relativ geringe Preiserhöhung führte bei den Rauchern zu ei-ner durchaus beachtlichen kognitiven Auseinandersetzung mit dem
Rauchverhalten und der Bildung von Verhaltensintentionen zur
Modifikation des Rauchens. Diese Intentionen wurden jedoch nur
teilweise in konkretes Verhalten umgesetzt. Eine merkliche Verän-
24
derung in der Konsummenge konnte nur für die Subgruppe der
jüngeren Raucher nachgewiesen werden.“ (Hanewinkel und Isensee, 2003, S. 3)
Da es sich bei der Studie um eine Meinungsumfrage handelt, sind die endgültigen Auswirkungen auf das Kaufverhalten noch abzuwarten.
4 Erklärungen des Rauchverhaltens
Wie die oben schon beschriebenen Studien gezeigt haben, steigen sowohl die Raucherprävalenz als auch die konsumierten Zigarettenmengen bei Jugendlichen bis zur Adoleszenz stetig an. Dieses Verhalten wird dann scheinbar auch bis in etwa zur Lebensmitte beibehalten und nimmt hier erst allmählich ab. Verantwortlich für diese Entwicklung sind oft mehrere Einflüsse. Einerseits sind es biologische Faktoren, die bei einem dauerhaften Konsumverhalten verstärkt zur Geltung kommen, und andererseits sind es aber auch gleichzeitig psychologische Bedingungen, die sowohl bei der Entstehung des Verhaltens als auch bei der Verfestigung eine Rolle spielen. Eine andere Möglichkeit des Einflusses auf das Verhalten sind gesamtgesellschaftliche und auch politische Fak-toren, wie z. B. die Erwünschtheit eines Verhaltens z. B. aus volkswirtschaftlichen Gründen.
Die biologischen oder besser gesagt physiologischen Bedingungen des Rauchens sind weitestgehend erforscht und werden in der Literatur vielerorts besprochen und es kann hier nur sehr kurz darauf eingegangen werden.
Etwas weniger ergiebig ist die Suche nach detaillierten Angaben bezüglich des psychischen und psychosozialen Moments des Rauchverhaltens. Obwohl es nicht an Theorien und Modellen zur Erklärung mangelt, ist dennoch fraglich, inwieweit die daraus resultierenden Ergebnisse von einer Population bzw. sozialen Gruppe auf eine andere übertragbar sind.
Für präventive Maßnahmen scheint aber eine genauere Kenntnis der psychischen und psychosozialen Wirkfaktoren von entscheidender Bedeutung, zumal es einige Hinwiese gibt (s. o.), dass gerade diese Faktoren eine hohe und zunehmende Bedeutung für den Beginn des Rauchverhaltens haben.
25
4.1 Biologische / physiologische Erklärungen des Rauchens
Die physiologische Wirkung des Tabaks lässt sich in zwei Bereiche unterteilen: Erstens ist es die Wirkung auf das zentrale Nervensystem unmittelbar während des Konsumierens und zweitens die mögliche Entwicklung einer Abhängigkeit bei dauerhaftem Konsum. Wie oben schon gezeigt wurde, sind eine Reihe von positiven Effekten mit dem Rauchen in Verbindung zu bringen. 19 Die negativen Effekte treten mehr oder weniger erst bei einem übermäßigen und bei einem längeren Gebrauch auf. Vor dem Beginn einer Abhängigkeit laden diese Nebenwirkungen durchaus erst einmal zum Weiterrauchen ein. Die Gefahr einer körperlichen Abhängigkeit steigt dabei mit den konsumierten Mengen und der Dauer des Konsums (Batra, 2000; Batra und Friedrich, 2001; Schuler, 1997 & Haustein, 2003).
Für eine differenzierte Beschreibung der physiologischen Wirkungen des Tabaks sei auf die einschlägige Literatur verwiesen.
4.2 Sozialpsychologische Erklärungen des Rauchverhaltens
Viele Fragen sozialpsychologischer Forschung beziehen sich auf die Genese und die Modifikation von sozialen Einstellungen und Urteilen. Oft war man aber unzufrieden, dass diese Einstellungen und Urteile nicht unmittelbar mit dem Verhalten in Verbindung zu bringen waren. Man gewann aber letztendlich immer genauere Erkenntnisse darüber, unter welchen Bestimmungsfaktoren Einstellungen gute Variablen für die Erklärung eines bestimmten Verhaltens sein können (Frey et al., 1993, S. 360).
Es wurden eine Vielzahl von Modellen entwickelt, die versuchten Einstellungen in einen Merkmalsraum von Prädiktorvariablen mit einzubeziehen (Bohner, 2003, S. 308). Die Gemeinsamkeit dieser Modelle liegt vor allem in dem Ausgangspunkt, dass Einstellungen, Meinungen oder Überzeugungen wichtige Einflussfaktoren des Verhaltens sind. Sie stellen den Versuch dar, ein
19 Stimulierend, anregend und konzentrationsfördernd, höhere Dosen wirken eher hemmend und entspannend. Gewichtsreduktion durch Beschleunigung des Stoffwechsels und herabge-
setztes Hungergefühl.
26
Verhalten zu erklären, sodass eine gezielte Einflussnahme möglich wird. Die wichtigsten sozialpsychologischen Modelle, aus denen sich Vorhersagen zum Gesundheitsverhalten machen lassen, sind das Modell der Gesundheitsüberzeugungen (Health Belief Model), die Theorie der Schutzmotivation (Protection Motivation Theory), die Theorie des überlegten Handelns (Theory of Reasoned Action) und die Theorie des geplanten Verhaltens (Theory of Planned Beha-vior) (Stroebe und Stroebe, 1998, S. 31-2).
Kennzeichnend für diese Modelle ist das Prinzip zur Messung einer Einstellung durch die Multiplikation von Erwartung und Bewertung (Erwartung-Mal-Wert-Theorien s. u.) (vgl. Fishbein und Ajzen, 1975, S. 28-30 & Bohner, 2003, S. 271-2). Die Theorien gehen davon aus, „dass Entscheidungen zwischen verschiedenen Handlungsalternativen auf zwei Arten von Kognitionen basieren: (1) auf subjektiven Wahrscheinlichkeiten dafür, dass eine bestimmte Handlung zu bestimmten, erwarteten Ereignissen führt, und (2) auf der Valenz dieser Handlungsergebnisse. Nach diesem Ansatz wählen Individuen unter verschiedenen Handlungsalternativen diejenige aus, die die Wahrscheinlichkeit positiver Konsequenzen maximiert und/oder die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen minimiert“ (Bohner, 2003, S. 308). Ferner beruhen diese Modelle auf der Annahme, dass Menschen ihr zukünftiges Verhalten reflektieren, um dann zu einer Verhaltensintention zu gelangen. Als psychologische Modelle befassen sie sich mit kognitiven Prozessen, die das Verhalten intentional erklären. Der als Kognitivismus bezeichnete Teilbereich der Psychologie geht davon aus, dass das Verhalten nicht in erster Linie von der Wirklichkeit selbst, sondern vielmehr von der Meinung über diese Wirklichkeit beeinflusst wird (Brodbeck, 2002, S. 1133).
Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Motivation einer Person ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Hierbei wird allerdings zwischen volitionalen und motivationalen Sachverhalten unterschieden. Während sich volitionale Theorien mit dem Gegenstand der Handlungsdurchführung (Realisierung eines angestrebten/gewollten Verhaltens) beschäftigen, geht es bei motivationalen Ansätzen primär um das Erklären von Intentionen (Heckhausen, 1989, S. 190).
27
Alle vier Modelle unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Grundannahmen der verantwortlichen Einflussfaktoren des Verhaltens.
Das Health-Belief-Modell, welches von amerikanischen Sozialpsychologen entwickelt wurde, um zu erklären, weshalb Menschen sich nicht an ein präventives Verhalten richten, geht davon aus, dass das Gesundheitsverhalten einerseits durch die wahrgenommene Bedrohung (z. B. Krankheit) und andererseits durch den subjektiv wahrgenommenen Nutzen eines entgegengesetzten Verhaltens bestimmt wird (Stroebe und Stroebe, 1998, S. 32-3 & Stroebe und Jonas, 2003, S. 581-2). Das Modell der Schutzmotivation erweitert das Health-Belief-Modell noch um den Faktor der subjektiv wahrgenommenen Intensität einer möglichen Folgeerscheinung des Verhaltens (Schwere einer möglichen Krankheit).
Die Theorie des überlegten Handelns sowie die Theorie des geplanten Verhaltens sind Modelle, welche versuchen allgemeine Vorhersagen über Handlungen oder Verhaltensweisen zu machen, über deren Durchführung oder Unterlassung eine Person nachdenkt (reflektierte Handlungen). Die Modelle beziehen sich hierbei auf bestimmte Verhaltensweisen und gehen davon aus, dass die zentrale Ursache eines Verhaltens die Verhaltensintention ist, also eine bewusste Entscheidung ein bestimmtes Verhalten durchzuführen. Den Theorien zufolge ist es also für eine Verhaltensvorhersage notwendig, die Bedingungen zu finden, welche die Verhaltensintention bestimmen (vgl. Fishbein und Ajzen, 1975, S. 1-11). Im Vergleich mit dem Health-Belief-Modell und dem Modell der Schutzmotivation bieten die allgemeineren Modelle des überlegten Handelns sowie des geplanten Verhaltens neben dem Anwendungsbereich des Ge-sundheitsverhaltens auch vielfältige Möglichkeiten in anderen Gebieten menschlichen Verhaltens. Darüber hinaus zeigte sich bei einem Vergleich der Theorien (am Beispiel der Benutzung von Kondomen), dass das Modell des geplanten Verhaltens etwas bessere Vorhersagen machen konnte als das Health-
28
Belief- und das Schutzmotivations-Modell (vgl: Stroebe und Jonas, 2003, S. 589). 20
Nachfolgend sollen nun die beiden Theorien des überlegten Handelns und des geplanten Verhaltens vorgestellt werden, um hiernach zu überprüfen inwieweit diese Modelle das Rauchverhalten vorhersagen bzw. erklären können.
4.2.1 Die Theorie des überlegten (begründeten) Handelns
(Theory of Reasoned Action, Ajzen und Fishbein, 1980, Fishbein und Ajzen, 1975)
Wie schon angedeutet wurde, geht es bei diesem Modell um die Erklärung eines Verhaltens. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass ein Verhalten mit einer bewussten Entscheidung (Intention) ausgeführt wird, d. h., es wird davon ausgegangen, dass Menschen in Übereinstimmung mit ihrer Intention handeln.
Verantwortlich für die Entstehung einer Intention sind nach Fishbein & Ajzen zwei Hauptdeterminanten: Auf der einen Seite ist es die Einstellung gegenüber dem Verhalten und auf der anderen Seite die subjektive Norm.
Beide Faktoren werden als weitgehend unabhängig voneinander betrachtet und stehen als Summe proportional zur Verhaltensintention (Ajzen, 1985, S. 13).
4.2.1.1 Bestimmungsfaktoren der Intention: Einstellung und subjektive Norm
Die Einstellung, d. h. die Einstellung gegenüber einem Verhalten („Attitude toward the behavior“), wird als die positive oder negative Bewertung bezeichnet, die eine Person gegenüber einem bestimmten Verhalten hat. Die subjektive Norm wird als das Resultat bezeichnet, welches durch die subjektive Wahrnehmung von sozialen Konsequenzen zu einem bestimmten Verhalten führt (vgl. Fishbein und Ajzen, 1975, S. 302-4).
20 Stroebe & Jonas beziehen sich hierbei auf die folgende Veröffentlichung: Bakker, A. B.,
Buunk, B. P. & Siero, F. (1993). Condoomgebruik door heteroseksuelen: Eenveelijking van
de theorie gepland gedrag, het health belief model en de protectie-motivatie theorie. Gedrag
& Gezondheid, 21, 238-255.
29
Abb. 6: Die Bestimmungsfaktoren individuellen Verhaltens. Fishbein & Ajzen gehen nun davon aus, dass Personen ein Verhalten genau dann ausführen werden, wenn sie dieses Verhalten einerseits positiv bewerten und andererseits, wenn geglaubt wird, dass für sie wichtige Personen dieses Verhalten auch positiv bewerten würden. Dem Modell liegt die Annahme zu Grunde, dass sich die Verhaltensintention (I) proportional zur gewichteten Summe der Einstellung (A B ) und der subjektiven Norm (SN) verhält. Das hier beschriebene Modell wird als Gleichung wie folgt dargestellt:
[ ]
Gleichung 1: , + ∝ SN w A w I ~ B
2 B 1
wobei (B) das Verhalten (Behavior) und (I) die Intention (Intention) darstellen, das Verhalten (B) auszuführen. (A B ) steht für die Einstellung gegenüber dem Verhalten und (SN B ) stellt die subjektive Norm dar. Das Zeichen (~) soll ausdrücken, dass eine Intention ein Verhalten nur dann aussagekräftig vorhersagen kann, wenn die Intention nicht vor der Ausübung des Verhaltens geän-
dert wird; ( ∝ ) gibt an, dass sich die Intention (I) proportional zur Summe der
gewichteten Verhaltenseinstellung und der gewichteten subjektiven Norm verhält. Gewichtet werden die beiden Aspekte mit w 1 und w 2 . Beide Gewichte stellen empirisch bestimmte Gewichtsparameter dar, die die relative Wichtigkeit von A B und SN B reflektieren (vgl. Ajzen, 1985, S.13).
30
4.2.1.2 Bestimmungsfaktoren der Einstellungs- und subjektiven Normkompo-nente
a) Die Einstellungskomponente
Wie oben schon beschrieben wird die Einstellung als die positive oder negative Bewertung eines Verhaltens definiert. Fishbein & Ajzen führen aber wiederum als Determinanten der „Einstellung“ die aktuellen Überzeugungen (beliefs) ein. Sie gehen davon aus, dass sich die Einstellung proportional zu den Verhaltensüberzeugungen und der subjektiv wahrgenommenen Auftretensprobabilität bestimmter Konsequenzen verhält. Die Verhaltensüberzeugungen sind die Vorstellungen einer Person von dem möglichen Auftreten denkbarer Konsequenzen eines bestimmten Verhaltens. Im Grunde beziehen sich die Überzeugungen aber auf die subjektiv wahrgenommene Auftretensprobabilität bestimmter Konsequenzen (vgl. Fishbein und Ajzen, 1975, S. 21-32 & Ajzen, 1991, S. 191). Am Beispiel des Rauchverhaltens könnte dies wie folgt veranschaulicht werden: Hat ein Raucher die Überzeugung, dass das Rauchen in Stresssituationen entspannt, so wird er von einer größeren Wahrscheinlichkeit dieser Konsequenz ausgehen als jener, der diese Überzeugung nicht hat.
b) Die subjektive Normkomponente
Ähnlich wie die Einstellungskomponente verhält sich auch die subjektive Normkomponente zu einer Summe von Überzeugungen und ihren Bewertungen. Handelte es sich bei der Einstellungskomponente um Verhaltensüberzeugungen und die Bewertung von Handlungskonsequenzen, so geht es bei der subjektiven Normkomponente um die Wahrnehmung der Erwartung anderer Personen. Es handelt sich hierbei um die Motivation einer Person, sich gemäß den „vermuteten“ Wünschen und Erwartungen der Bezugspersonen 21 zu verhalten. Je nachdem, wie eine Person diesem Druck widersteht oder nachgibt, steigt oder fällt die Bedeutung der subjektiven Norm für die Verhaltensintention (Fishbein und Ajzen, 1975, S. 14). Da es sich hierbei um vermutete Wünsche bzw. Erwartungen einer Person handelt, könnte in diesem Zusammenhang
21 z. B. Freunde, Kollegen oder Eltern usw.
31
auch von Vorurteilen gesprochen werden, denn welche Erwartungen die Bezugspersonen wirklich haben, spielt bei dem Modell keine Rolle.
Der Einfluss der subjektiven Normkomponente in Bezug auf das Rauchverhalten könnte sich eventuell dadurch zeigen, dass eine Person vermutet, dass die Bezugspersonen (z. B. Kollegen, die in den Pausen rauchen) dieses Verhalten auch von der Person selbst erwarten.
Die beiden Prädiktoren der Verhaltensintention, Einstellungskomponente und subjektive Normkomponente, können als wechselseitig (reziprok) vonein-ander abhängig (interdependent) bezeichnet werden. Je nachdem, ob der Einstellung gegenüber einem Verhalten (z. B. eigene Gesundheit oder Geschmack) 22 eine hohe Bedeutung beigemessen wird oder dem „Druck“ der subjektiv wahrgenommenen Erwartungen (z. B. in der Pause zu rauchen) gerecht zu werden, werden sich die beiden Faktoren gegenseitig, als auch die Verhaltensintention beeinflussen.
4.2.1.3 Beurteilung der Theorie des überlegten Handelns und empirische
Begründung
Ajzen & Fishbein (1980) und Ajzen (1985) haben in einer ganzen Reihe von Studien gezeigt, dass durch das Modell gute Verhaltensvorhersagen gemacht werden können (s. u.). Um das Modell aber vollständig überprüfen zu können müssen etliche Variablen miterhoben werden. Für die Einstellungskomponente ergibt sich neben der direkten Messung der Einstellung gegenüber dem Verhalten auch die Messung der beiden Determinanten „Verhaltensüberzeugungen in Bezug auf mögliche Konsequenzen“ sowie die Bewertung dieser Konsequenzen. Dies gilt gleichermaßen für die subjektiven Normkomponente. Die Intention, ein Verhalten ausführen zu wollen, und das tatsächliche Verhalten können direkt durch die Angaben der Personen erhoben werden. Die Überprüfung des Modells erfolgt dann in der Regel durch multiple Regressionsanalysen und die dabei ermittelten Regressionskoeffizienten werden als die Gewichte der Einstellungs- und subjektiven Normkomponente verwendet (siehe Gleichung 1). Ferner werden die Korrelationen der direkten und indirekten Maße des Modells
32
sowie die Zusammenhänge zwischen Intention und Verhalten erfasst (Ajzen, 1985, S. 15).
1980 geben Ajzen & Fishbein einen Überblick über die bis dahin vorliegenden Ergebnisse. Sie zeigen, dass das Modell des überlegten Handelns für sehr unterschiedliche Bereiche menschlichen Handelns Vorhersagen machen kann. Die nachfolgende Tabelle stellt einige der Ergebnisse vor. Unter anderem wird eine Studie erwähnt, die sich mit dem Rauchen von Marihuana beschäftigt (letzte Zeile).
22 also ein Verhalten mit subjektiv vielen positiven und wenig negativen Konsequenzen.
33
Cooperation in
prisoner`s
0.82 0.82 0.75 0.69 0.53 0.40 dilemma game a
(Ajzen, 1971)
Having another
child b (Vinokur-0.55 0.85 0.65 0.83 0.19 0.70
Kaplan, 1978)
Choice of
Career
orientation c -0.86 0.83 0.64 0.67 0.29
(Ajzen &
Fishbein, 1980)
Use of birth
control pills
0.85 0.89 0.81 0.68 0.64 0.41
(Ajzen &
Fishbein, 1980)
Having an
abortion d
0.96 0.76 0.50 0.69 0.21 0.46
(Smetana &
Adler, 1980)
Smoking
marijuana a
0.72 0.80 0.79 0.45 0.74 0.13
(Ajzen, Timko
& White, 1982)
Quelle: Nach Ajzen, 1985, S. 17; Orginaltitel: “Theory of reasoned action - sample of research
findings.”
SN = Subjektive Norm (“subjective norm”)
A = Einstellung („attitude“)
B = Verhalten („behavior“)
I = Intention oder Absicht („intention“ )
Tab. 3: Auszug aus den Forschungsergebnissen zur Theorie des überlegten Handelns.
Im Großen und Ganzen kann gesagt werden, dass Menschen nach den hier aufgeführten Studien überwiegend in Übereinstimmung mit ihrer Intention ge-handelt haben. Bis auf die Studie „Ob noch ein weiteres Kind gewünscht wird“, weisen alle Studien sehr starke Zusammenhänge (r > 0.70) zwischen Intention und Verhalten auf (Spalte 1). Ferner bestätigen die Daten auch den Zusammenhang zwischen der Verhaltensintention und der Verbindung der beiden Komponenten: Einstellung und subjektive Norm (Spalte 2). Spalte 3 bis 6 verdeutlichen aber, dass der Einfluss auf die Verhaltensintention stärker durch die Einstellungskomponente determiniert wird als durch die subjektive Normkomponente ( Ajzen, 1985, S. 16 & Ajzen, 1988, S. 118).
34
4.2.1.4 Zusammenfassung und Diskussion des Modells
Die Theorie des überlegten Handelns wurde entwickelt, um Verhaltensvorhersagen machen zu können. Für die Überprüfung der Theorie sind aber zwei Grundbedingungen zu erfüllen:
1. Die Verhaltensintention muss kurz vor der Verhaltensausführung reflektiert werden, d. h., die Person benötigt einen Grad von „Selbstaufmerksamkeit“, 23
2. Das Verhalten muss unter willentlicher Kontrolle stehen.
Obwohl im Vergleich mit den oben besprochenen Modellen (Health-Belief-Modell und Modell der Schutzmotivation) die Anwendungsbereiche dieser Theorie erweitert sind, kann das Modell nur ein ganz bestimmtes Spektrum des Handelns vorhersagen und große Teile des menschlichen Verhaltens werden dadurch nicht erklärt; so stehen z. B. Gewohnheiten, aber auch Süchte nicht unter einer willentlichen Kontrolle (Ajzen, 1985 & Ajzen und Madden, 1986). Ajzen (1985) ist der Ansicht, dass das Modell des überlegten Handelns nur dann richtige Verhaltensvorhersagen macht, wenn das zu untersuchende Verhalten auch der vollkommenen willentlichen Kontrolle unterliegt (vgl. Ajzen, 1985, S. 12).
4.2.2 Die Theorie des geplanten Verhaltens (Ajzen , 1985; Ajzen &
Madden, 1986; Ajzen; 1991)
Die gerade besprochene Schwachstelle der Theorie des überlegten Handelns hat Ajzen (1985) versucht zu beheben, indem er einen weiteren Prädiktor einführte. In diesem Zusammenhang nennt Ajzen eine Reihe weiterer Faktoren, die Einfluss auf die Intentions- und Verhaltensbeziehung haben. Danach bestimmt die Verhaltensintention nur den Versuch ein bestimmtes Verhalten auszuführen, nicht aber das zu erzielende Ergebnis (vgl. Ajzen, 1985, S. 29). Ajzen führt deshalb die subjektiv wahrgenommene Verhaltenskontrolle („perceived behavioral control“) ein. Hierunter wird die Einschätzung bzw. Vorstellung
23 Im Falle des Rauchverhaltens kann davon ausgegangen werden, dass diese Bedingung er-
füllt ist (jede Person wird wissen, ob sie in der „nächsten Pause“ rauchen möchte oder
nicht).
35
gegenüber eigener Fähigkeiten oder Möglichkeiten einer Person verstanden, die eine bestimmte Intention oder ein bestimmtes Verhalten „ermöglichen“ (Ajzen, 1985, S. 29 & Ajzen, 1991, S. 183).
Ajzen meint, dass durch diese Erweiterung die Aussagekraft des ursprünglichen Modells verbessert werden könnte (Ajzen, 1985, S. 29-30).
Bei der Konstruktion des neuen Prädiktors werden zwei weitere Einflussmöglichkeiten des Verhaltens mit einbezogen: a) internale Faktoren und b) externale Faktoren. Bei der Aufnahme beider Faktoren geht es vor allem darum, auch individuelle Einflüsse zu berücksichtigen.
4.2.2.1 Internale Faktoren
Unter internalen Faktoren versteht Ajzen individuelle Eigenschaften einer Person, die die erfolgreiche Ausführung eines beabsichtigten Verhaltens beeinflussen (Ajzen, 1985, S. 25). Ajzen (1985) listet ein Reihe von internalen Faktoren auf, wie z. B.:
Individuelle Unterschiede:
Personen unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit Kontrolle über die Ausführung ihres Verhaltens auszuüben.
Informationen, Fertigkeiten, Fähigkeiten:
Eine Voraussetzung für die erfolgreiche Ausführung eines beabsichtigten Verhaltens ist, dass die Person auch die notwendigen Informationen, Fertigkeiten, Fähigkeiten besitzt.
Willensstärke („power of will“):
Notwendig für die Erreichung bestimmter Ziele (wie z. B. mit dem Rauchen aufhören, Abnehmen usw.) ist die Willensstärke.
36
Emotionen und Zwänge:
Diese Faktoren werden oft als außerhalb der menschlichen Kontrolle betrachtet, denn sie werden trotz der Intention oder des Versuchs, sie nicht auszuführen, ausgeübt (wie z. B. Träume oder Stottern).
(Ajzen, 1985, S. 25-27)
4.2.2.2 Externale Faktoren
Unter externalen Faktoren sind äußere oder situationsbedingte Einflüsse zu verstehen:
Zeit und Gelegenheiten:
Ajzen unterscheidet hierbei zwischen zwei Arten von Gelegenheiten, jenen, die ein beabsichtigtes Verhalten ändern (z. B. „ein Autounfall auf dem Weg ins Kino“) und jenen, die ein beabsichtigtes Verhalten unterbrechen (z. B. „die Kinokarten sind ausverkauft“). Dies gilt auch für die Zeit.
Abhängigkeit:
Wenn die Ausführung eines Verhaltens von anderen Personen abhängig ist, hat man auch nicht unbedingt die volle Kontrolle über die Ausführung des Verhaltens (z. B. bei Kooperation). Wie sich schon bei den Faktoren „Zeit und Gelegenheiten“ zeigt, kann eine Abhängigkeit auch zu einer Änderung der Verhaltensintention führen.
(Ajzen, 1985, S. 27-29).
37
4.2.2.3 Die neue Komponente: die wahrgenommene Verhaltenskontrolle
Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle bezieht sich also auf eine Art von Selbsteinschätzung einer Person, ein bestimmtes Verhalten ausführen zu können. Am Beispiel des Rauchverhaltens könnte die Wahrscheinlichkeit mit dem Rauchen aufzuhören sinken, wenn die betreffende Person sich eine Rauchentwöhnung nicht zutrauen würde (z. B. wegen der Angst vor den Entzugserscheinungen). Ajzen bezieht in diese Komponente auch das Konzept der Selbstwirksamkeit („self-efficacy“) von Bandura mit ein (Ajzen, 1988, S. 103-7; 132-6). Nach Bandura ist Selbstwirksamkeit die Überzeugung einer Person, die Fähigkeiten zu besitzen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen zu können (nach Bandura, 1977, S. 107 & Bandura, 1997, S. 3) .
Verhaltenskontrolle, subjektive Norm und die Einstellung gegenüber einem bestimmten Verhalten bedingen sich wiederum wechselseitig, wobei die Verhaltenskontrolle unabhängig von den beiden anderen Komponenten zusätzlich zur Intention auch das Verhalten selbst determiniert Ajzen und Madden, 1986, S. 458).
38
4.2.3 Zusammenfassende Betrachtung der Theorie des geplanten
Verhaltens
Die Theorie des geplanten Verhaltens ist eine Erweiterung des Modells des überlegten Handelns. Die Theorie des überlegten Handelns stellt lediglich einen Spezialfall der Theorie des geplanten Verhaltens dar, denn immer dann, wenn ein Verhalten einer willentlichen (volitionalen) Kontrolle unterliegt, erklärt sich der Einfluss auf das Verhalten (bzw. die Intention) durch die Norm-und die Einstellungskomponente. Im Falle des Rauchens ist davon auszugehen, dass das Verhalten nur bedingt einer Verhaltenskontrolle unterliegt. Vielmehr ist bei jenem Verhalten anzunehmen, dass z. B. eine Gewohnheit oder sogar eine Abhängigkeit vorliegt, die eine Kontrolle stark beeinflussen kann. Für die Erklärung des Rauchverhaltens bietet sich also die Theorie des geplanten Verhaltens durchaus an, auch wenn Ajzen darauf hinweist, dass die Konstrukte des Modells als hypothetische oder latente Variablen anzusehen sind, die nicht direkt beobachtet werden können und deshalb aus den wahrnehmbaren Antworten geschlossen werden müssen (Ajzen, 1991, S. 197). 24
Ein Aspekt, der bei beiden Modellen bisher aber vernachlässigt und auch schon angedeutet wurde (s. o. S. 30), ist die wirkliche Umsetzung eines Verhaltens. Es stellt sich nämlich die Frage, weshalb eine Person einen gefassten Entschluss, wie etwa das Rauchen aufzugeben, nicht umsetzt oder nach einiger Zeit wieder in die alte Gewohnheit zurückfällt (Heckhausen, 1989, S. 189-197). Heckhausen führt dazu aus, dass „mit der Auswahl einer möglichen Handlungsalternative durch
den Prozess der Motivation (...) die betreffende Handlungsalterna-
tive noch nicht realisiert (ist). Die Realisierung bedarf häufig eige-ner volitionaler Prozesse der Handlungskontrolle. Dies gilt insbe-
sondere, wenn die Handlungstendenz gegen konkurrierende Hand-
lungstendenzen, die ebenfalls auf Realisierung drängen, abge-schirmt werden muss“ (Heckhausen, 1989, S. 197).
24 Ajzen bezieht sich hier auf die drei eingeführten Komponenten: Einstellung zum Verhalten,
subjektive Norm und wahrgenommene Verhaltenskontrolle.
39
Das Modell kann also keine Erklärungen darüber geben, weshalb Personen, z. B. trotz des Wunsches nicht zu Rauchen, dennoch rauchen. Sowohl eine Einführung in die Problematik als auch in die Volitionstheorie bietet Heckhausen 1989.
4.2.4 Anwendungsmöglichkeiten und Überprüfung des Modells des
geplanten Verhaltens
Wie schon die Theorie des überlegten Handelns durch eine ganze Reihe von Studien belegt werden konnte, ist auch die Theorie des geplanten Verhaltens in die unterschiedlichsten Forschungsprojekte mit einbezogen und überprüft worden. Einige beschäftigen sich auch mit dem Thema des Rauchverhaltens.
Eine von DeVries & Backbier 1994 in den USA durchgeführte Studie beschäftigte sich mit dem Einfluss der Selbstwirksamkeit bei rauchenden schwangeren Frauen. Es wurden hierfür Daten zu Einstellungen, sozialen Normen, Verhalten und Intentionen erhoben. Ziel der Studie war es, vor dem Hin-tergrund, dass die besonderen Gefahren des Rauchens während einer Schwangerschaft bekannt sind, effektive Strategien zu entwickeln, diese Frauen vom Rauchen abzubringen. 25 Um diese Strategien zu entwickeln, war es wichtig, die Gründe zu ermitteln, weshalb mit dem Rauchen während der Schwangerschaft nicht aufgehört wird (DeVries und Backbier, 1994, S. 167-68).
Die Frauen wurden dafür in insgesamt fünf Gruppen aufgeteilt. Die Unterteilung erfolgte nach einem Modell von Prochaska, nachdem Verhalten sich innerhalb von fünf Stufen verändert: 1. vor dem Darübernachdenken („precon-
25 DieAutoren beziehen sich in diesem Zusammenhang auf drei Studien aus den USA und
den Niederlanden, nach denen 1/3 der Frauen während der Schwangerschaft aufhören zu
rauchen, 60 % ihr Rauchverhalten aber beibehalten. Folgende Studien werden angeführt:
(1) U.S. Department of Health and Human Services. The Health Benefits of Smoking
Cessation. U.S. Department of Health and Human Services, Public Health Service,
Center of Disease Control, Center for Chronic Disease Prevention and Health
Promotion, Office on Smoking and Health. DHHS Publication No. (CDC) 90-8416,
1990.
(2) Floyd RL., Rimer BK, et all. A review of smoking in pregnancy: Interventions,
implications and issues. Annu Rev Public Health 1993; 14.
(3) Waterson EJ, Evans C, et all. Is pregnancy a time of changing drinking and smoking
patterns for fathers as well as mothers? An initial investigation. Br J Addict 1990;
85:389-396.
40
templation“) über 2. dem Darübernachdenken („contemplation“) bis zum eigentlichen Verhaltenänderung („action“), wobei die Änderung im weiteren Verlauf beibehalten wird (4. „maintenance“) oder es zu einem Rückfall zum alten Verhalten (5. „relapse“) kommen kann (DeVries und Backbier, 1994, S. 168). 26 Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Selbstwirksamkeit ein wichtiger Faktor bei der Veränderung des Rauchverhaltens ist. Darüber hinaus machen sie deutlich, dass für die Entwicklung einer effektiven Intervention auch adäquate, der Phase entsprechende, Informationen gegeben werden müssen. Begründet wird dies dadurch, dass die Frauen sich hinsichtlich der Einstellungen, der sozialen Einflüsse, dem Verhalten, den Intentionen sowie gegenüber der Einstellung mit dem Rauchen aufhören zu wollen, unterschieden haben (S. 173).
Eine Veröffentlichung von Hanson 1997 überprüfte die Theorie des geplanten Verhaltens am Beispiel des Rauchverhaltens bei jugendlichen Frauen. Geprüft wurde die Theorie an drei verschiedenen ethnischen Gruppen von insgesamt 430 Frauen im Alter von 13 bis 19 Jahren, die Patienten einer Klinik für Familienplanung waren. 27 Nichtraucher und Raucher verteilten sich zu gleichen Teilen auf die Stichprobe. Überwiegend konnte die Theorie das Verhalten relativ gut vorhersagen. Lediglich der Einfluss der subjektiven Norm auf die Verhaltensintention konnte nicht immer bestätigt werden. Die Studie zeigte auch, dass sich die Stärke der Einflüsse auf die Intention durch Einstellungen, soziale Normen und Kontrollfähigkeiten bei den untersuchten Ethnien unterscheiden. Laut Hanson haben diese Unterschiede verschiedene Ursachen, die erste Hinweise auf die Erkennung von kulturell bedingten Prädiktoren der Raucherintention bei weiblichen Teenagern geben können. So wird vermutet, dass z. B. der nachgewiesene normative Einfluss durch die Familie bei afrikanischen Amerikanerinnen teilweise darauf zurückzuführen ist, dass in dieser Eth- 26 Nach:Velicer WF, DiClemente, Prochaska JO, Brandenburg N. Decisional balance
measure for assessing and predicting smoking status. J Pers Soc Psychol.
27 Die Ethnien verteilten sich zu jeweils einem Drittel auf afrikanische Amerikanerinnen,
Puerto-Ricanerinnen und nicht-lateinamerikanische weiße Frauen.
41
nie ein starkes Familienzusammengehörigkeitsgefühl vorherrscht (Hanson,
1997 )
42
II Methodischer Teil
1 Darstellung des Erhebungsinstrumentes
Grundlage für die hier vorliegende Sekundäranalyse ist die unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Kolleck und den Studierenden der ASFH des Studienganges Pflege- und Pflegemanagement im Fach Empirische Pflegeforschung durchgeführte Studie zum Rauchverhalten in der Krankenpflege. Das Forschungsprojekt, von der Entwicklung der Fragestellung bis zur Erstellung eines Ergebnisberichtes, verlief über einen Zeitraum von anderthalb Jahren (3 Semester). Die Studenten sollten neben der Formulierung einer interessanten Fragestellung exemplarisch die Arbeitsschritte eines Forschungsprojektes und statistische Auswertungstechniken erlernen.
Ausgangspunkt der Studie war die von den Studenten mit Erfahrungen im Pflegeberuf „subjektiv empfundene Wahrnehmung“, dass in den Sozial- und Gesundheitsberufen besonders häufig geraucht wird. Diese Vermutung sollte empirisch überprüft werden (Carstens, 2003, S. 1). Ferner ging man der Frage nach, inwieweit die pflegerische Ausbildung Einfluss auf das Rauchverhalten hat und darüber hinaus welche Einflüsse durch das soziale Umfeld bestehen (Kolleck, 2003b, S. 3-4).
Die Forschergruppe einigte sich auf eine Befragung von Auszubildenden in Pflegeberufen mit einem standardisierten Fragebogen. Für die Konstruktion des Fragebogens zu diesem Thema stand eine Fülle von Literatur zur Verfügung. Sogar zu der Zielgruppe konnten mehrere Studien ausfindig gemacht werden (vgl. dazu Kolleck et al., 2003 & Kolleck, 2003b, S. 2).
Über die Konstruktion des Erhebungsinstrumentes konnten sich die Studenten durch die Veröffentlichung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur „Standardisierung von Fragestellungen zum Rauchen“ eine gute Übersicht verschaffen. Ein Teil der Fragen zur Erfassung des „quantitativen Rauchverhaltens“, zum „Rauchverhalten im sozialen Umfeld“, „Umgang mit den Risiken des Rauchens“ und „Gründe des Rauchens“ wurden diesem Band entweder sinngemäß oder vollständig entnommen (Carstens, 2003, S. 4
43
& Riemann et al., 1997, S. 49 ff.). Eine ausführliche Beschreibung des gesamten Fragebogens würde hier zu weit führen und es kann deshalb nur auf die Primäranalyse und den im Anhang wiedergegebenen Fragebogen verwiesen werden. Die Beschreibung der Fragen zur Überprüfung der Theorie des geplanten Verhaltens findet sich im Kapitel III (S. 54-5).
Die Probanden rekrutierten sich aus insgesamt 23 Berufsschulen, die Auswahl erfolgte durch die Kontakte, die die Studierenden zu den einzelnen Schulen hatten. Ingesamt konnten 988 gültige Fragebögen in die Auswertung mit einbezogen werden, dies entsprach einer Rücklaufquote von mehr als 82 % (Carstens, 2003, S. 5). Die Fragebögen wurden in eine Datentabelle des Statistikprogramms SPSS 11.5 eingegeben und hiernach ausgewertet.
Der überwiegende Teil der Probanden waren Frauen (86 %) und nur ein relativ geringer Teil von 14 % waren Männer (Kolleck, 2003b, S. 5). Bezogen auf dieses Merkmal konnte von einer guten Repräsentativität ausgegangen werden, denn nach den aktuellen Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes liegt der Frauenanteil in dieser Berufssparte bei 82 % (eigene Berechnungen; Quelle der Daten: StBA, 2003c & Kolleck, 2003b, S. 5). 28
Das durchschnittliche Alter betrug 21,5 Jahre, wobei die Altersgruppe der 18- bis 22-Jährigen mit 71 % am stärksten vertreten war.
Im Vergleich zu den oben aufgeführten Studien zur Prävalenz war nicht nur die Raucherquote der am häufigsten vertretenden Altersgruppe in dieser Studie mit insgesamt 55 % als hoch einzuschätzen. 29/30 Zwischen den Geschlechtern waren keine signifikanten Unterschiede festzustellen. Frauen und Männer in der Pflegeausbildung rauchten gleich häufig. Auch im Hinblick auf das Alter waren keine signifikanten Unterschiede vorhanden (Kolleck, 2003a, S. 76).
28 Berücksichtigt wurden bei dieser Veröffentlichung: Krankenschwestern, Hebammen, Al-
tenpfleger sowie Helfer in der Krankenpflege.
29 44,6 % tägliche Raucher und 10,3 % Gelegenheitsraucher.
30 Im Vergleich mit einer internen Studie zur Studienmotivation bei Studenten der Sozialar-
beit an der Alice-Salomon-Hochschule im Jahre 2001 zeigten sich schon ähnliche Anteile.
Insgesamt waren 54 % der Befragten Raucher. Auch hier zeigten sich keine signifikanten
Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
44
20% der Raucher haben vor dem 14. Lebensjahr begonnen, 60% vor dem 16. Lebensjahr (Kolleck, 2003a, S. 76).
Anders als bei den oben aufgeführten Studien rauchen Männer und Frauen in etwa gleich viele Zigaretten pro Tag. Der durchschnittliche tägliche Zigarettenkonsum betrug zwischen elf und 13 Zigaretten (Mantey, 2003, S. 55). Dennoch gehören immer noch mehr als 20 % zu den starken Rauchern (20 und mehr Zigaretten). Damit sind unter den Pflegeschülern aber im Vergleich mit der Drogenaffinitätsstudie von 2001 weniger starke Raucher zu finden (ca. 7 % weniger, s. o.). Auch der Zusammenhang zwischen dem Alter und der Anzahl der konsumierten Zigaretten konnte nicht bestätigt werden. Die 17-Jährigen rauchten in etwa gleich viel wie ihre älteren Mitschüler (Kolleck et al., 2003).
Der Einfluss des sozialen Umfelds durch eigenes Rauchverhalten ist als stark einzuschätzen. Besonders starke Einflüsse konnten bei dem „Partner“, „bestem Freund“ und der „Mehrzahl der Freunde“ nachgewiesen werden. Die Eltern hatten dagegen einen vergleichsweise schwachen Einfluss (Kolleck, 2003b).
Gründe für das Rauchen wurden von den Befragten überwiegend in der „Gewohnheit“, der Bewältigung von Stress und zur Beruhigung gesehen (Kolleck, 2003b).
2 Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes
Für die Erklärung des Rauchverhaltens nach der Theorie des geplanten Verhaltens wurden die direkten Maße der Theorie verwendet, d. h., die indirekten Maße, wie z. B die Einflussfaktoren der subjektiven Norm, der Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle wurden in die Studie nicht mit aufgenommen. Ferner wurde die Verhaltensabsicht („Ich möchte nicht aufhören“) zwar von all jenen Personen erfasst, die entweder ehemals geraucht oder momentane Raucher waren, eine sinnvolle Be-antwortung konnte aber nur von den aktiven Rauchern erfolgen. Es stellt sich somit die interessante Frage, wie konsistent sich die Absicht zu rauchen unter den Rauchern verhält. Hierfür wurden die Raucher in zwei Gruppen aufgeteiltin jene, die zwar daran gedacht haben, aufzuhören, aber noch keinen Versuch
45
unternommen haben, das Rauchen zu beenden, und in jene, die mindestens einmal versucht haben aufzuhören.
Daraus resultiert eine Stichprobe von 463 Personen, wovon 38 % (176) Raucher sind, die zwar schon daran gedacht haben, das Rauchen zu beenden, es aber noch nicht versucht haben, und 62 % (287) sind Raucher, die schon mindestens einen Aufhörversuch hinter sich haben. 31
Wird die Verhaltensintention vernachlässigt, so kann die gesamte Stichprobe (988 Personen) verwendet werden und die direkten Einflüsse der subjektiven Norm, der Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf das Verhalten können überprüft werden. Hierbei wurden die Befragten nach ihrem jeweiligen „Raucherstatus“ in insgesamt vier Gruppen aufgeteilt: 1. aktive Raucher (44,7 %), 2. Gelegenheitsraucher (10,3 %), 3. ehemalige Raucher und Gelegenheitsraucher (13,1) und 4. Nieraucher (31,9 %).
3 Statistische Grundlagen
3.1 Reliabilitätsanalyse
Zur Überprüfung der Reliabilität eines Erhebungsinstrumentes stehen eine Reihe von statistischen Möglichkeiten zur Verfügung. Für das hier vorliegende Messinstrument kommen die Testhalbierungs-Methode und die Berechnung des Alpha-Koeffizienten nach Cronbach in Frage, die beide zur Berechnung der Reliabilität einer aus mehreren Items zusammengesetzten Skala geeignet sind. Die Retest- sowie die Paralleltest-Methode scheiden aus, da weder eine vergleichende Vorstudie noch eine Parallelstudie vorliegen.
31 Es ist hier anzumerken, dass 97 % der Personen, die schon einmal versucht haben mit dem
Rauchen aufzuhören, dies auch schon mehrmals probiert haben, und fast alle befragten
Raucher haben daran gedacht, aufzuhören.
46
Im Fall der Testhalbierungs-Methode werden die Items einer Kriteriumsvariable in zwei Hälften geteilt, die Korrelation der Testwerte der Testhälften (t 1/2 , t 1/2 ) entspricht dann der Testhalbierungs-Reliabilität.
Gleichung 2: Test lb ungs el abilität
Der Nachteil dieses Verfahrens ist, dass die Reliabilität mit der Anzahl der Items asymptotisch ansteigt. Ferner wird durch die Halbierung der Kriteriumsvariable die Reliabilität des Gesamttests unterschätzt. Mit Hilfe der „Spear-man-Brown-Prophecy-Formula“ könnte diese Unterschätzung aber ausgeglichen werden. Ein anderer Nachteil ist jedoch der Einfluss der zufälligen Testhalbierung.
Dieser Nachteil entfällt bei der Berechnung des Alpha-Koeffizienten nach Cronbach, da dieser die Korrelationen aller verwendeten Items einer Kriteriumsvariable einbezieht (Bortz und Döring, 2002, S. 195-199).
Gleichung 3: Alpha-Ko
Cronbachs- α ist auf dichotome wie auch auf polytome Variablen anwendbar Bortz und Döring, 2002, S. 198).
3.2 Regressionsanalyse
Wie gezeigt wurde, geht es bei der Theorie des geplanten Verhaltens um die Vorhersage von Verhalten oder Intentionen (Kriterium) mit Hilfe von Prädiktoren. Ein Verfahren zur Überprüfung von kausalen Zusammenhangshypothesen ist die lineare Regression, die durch die Berechnung einer Regressionsgleichung einen linearen Zusammenhang zwischen Kriteriums- und Prädiktorvariable ermittelt. Voraussetzung für die Regressionsanalyse ist, dass sowohl Kri-
47
teriums- als auch Prädiktorvariable(n) quantitativ erhobene Merkmale sind, d. h. Merkmale mit einem metrischen oder zumindest einem intervall skalierten Messniveau. Ferner muss die Zielvariable normalverteilt sein (Backhaus et al., 1996, S. 2 ff.).
Die verwendeten Variablen liegen überwiegend ordinal skaliert vor und es könnte sich die Frage stellen, ob ein ordinal skaliertes Merkmal als unpräzise Messung einer metrischen Skala zu betrachten ist und wenn ja, ist diese Ungenauigkeit zu berücksichtigen? Das Problem, das hier auftritt, ist, dass lineare Modelle bei der Berechnung von Mittelwerten den Abstand von Messwerten berücksichtigen, im Falle von ordinalen Merkmalen aber keine Kenntnisse über das Ausmaß der Abstände („Verschiedenheit“) vorliegen (vgl.: Kühnel, 1993, S.31). Kühnel hat versucht Anhaltspunkte darüber zu bekommen, ob ordinale Merkmale bei linearen Modellen verwendet werden können (vgl.: Kühnel, 1993, S.39). Das Ergebnis hat gezeigt, dass ordinale Merkmale durchaus bei linearen Modellen anwendbar sind und es wird konstatiert, dass eine hohe Anzahl von Ausprägungen als unproblematisch anzusehen sind. Kühnel bestätigt damit eine Aussage von Bentler & Chou, nachdem bei vier oder mehr Ausprägungen die Ordinalität der Merkmale vernachlässigt werden könne (Kühnel, 1993, S.30, 50). 32
Die Verletzung der Voraussetzung der Normalverteilung der Zielvariablen kann insofern vernachlässigt werden, dass die hier verwendeten Tests als äußerst robust gegenüber diese Verletzung anzusehen sind (vgl. dazu Bortz, 1999, S. 205).
32 [Kühnel bezieht sich auf folgende Veröffentlichung: Bentler, Peter M.; Chou Chih-Ping,
1987, Practical Issues in Structual Modeling. In: Sociological Methods and Research, 16, S.
88 (78-117)].
48
Für einen bivariaten Zusammenhang (lineare Regression) wurde die Regressionsfunktion wie folgt bestimmt:
Gleichung 4:
a: Regressionskonstante (Ordinatenabschnitt)
b: unstandardisierter Regressionskoeffizient (Steigung)
x: Werte der unabhängigen Variable
y : Werte der abhängigen Variable
y ˆ : vorhergesagte Werte (Backhaus et al., 1996, S. 15).
Als Gütekriterium für den linearen Zusammenhang wurde das Bestimmtheitsmaß r 2 nach:
Gleichung 5 :
y : Mittelwert der beobachteten Werte
Backhaus et al., 1996, S. 21-2).
49
Für einen multivariaten Zusammenhang (multiple Regression) wurde die Regressionsfunktion nach:
y m : Werte der abhängigen Variable
b 0 : konstantes Glied
b j : Regressionskoeffizient (j = 1, 2,..., J)
x jk : Werte der unabhängigen Variablen (j = 1, 2,..., J; k = 1, 2,..., K)
J: Zahl der unabhängigen Variablen
M: Zahl der Beobachtungen
bestimmt Backhaus et al., 1996, S. 17.
Die Stärke des linearen Zusammenhangs wird durch den standardisierten multiplen Regressionskoeffizienten Beta (b*) nach
s
s xj : Standarabweichung von X j
s y : Standardabweichung von Y
b j : unstandardisierter Regressionskoeffizient
angegeben (Backhaus et al., 1996, S.18).
Die Stärke des multivariaten Zusammenhangs (multiple Korrelation) wird durch den standardisierten multiplen Regressionskoeffizienten R nach:
2 R = r Gleichung 8:
angegeben (Backhaus et al., 1996, S.47).
50
Die Überprüfung der Nullhypothese erfolgt über den F-Test nach
Gleichung 9:
J: Zahl der erklärenden Variablen (Freiheitsgerade des Zählers)
M-J-1: Zahl der (Freiheitsgerade des Nenners (M = Zahl der Beobachtungen)
(Backhaus et al., 1996, S. 26-9).
Nach der erfolgten H 0 -Überprüfung der Regressionsfunktion durch den F-Test werden die einzelnen BETA-Koeffizienten mit Hilfe des t-Test nach:
Gleichung 10:
t emp : empirischer t-Wert für j-ten Regressors
b* : wahrer Regressionskoeffizient (unbekannt)
b j : Regressionskoeffizient des j-ten Regressors
s bj : Standardfehler des Regressionskoeffizeinten des j-ten Regressors
auf Signifikanz überprüft (Backhaus et al., 1996, S. 29-31).
3.3 Logistische Regression
Ein Verfahren, welches sowohl ordinale als auch binär kodierte nominale Kriteriumsvariablen aufnehmen kann, stellt die logistische Regression dar. 33 Das Verfahren, das dabei verwendet wird, läuft letztendlich darauf hinaus, den Wertebereich der Zielvariablen so weit zu erweitern, dass er einer metrischen −∞ Skala entspricht [ ] ;+∞ . Das Verfahren lässt sich in die folgenden drei Schritte gliedern:
1. wird nicht die Gruppenzugehörigkeit (z. B. Ich möchte aufhören ..., ja/nein) als abhängige Variable betrachtet, sondern die Wahrscheinlichkeit der Gruppenzugehörigkeit p(y i =1) im [0,1]-Intervall.
33 Ein weiteres Verfahren stellt der LISREL-Ansatz mit PRELIS von Jöreskog, K. & Sörbom,
D. dar.
51
2. wird nicht die Eintrittswahrscheinlichkeit von p(y i =1), sondern das Verhältnis („odds“) betrachtet, definiert als Eintrittswahrscheinlichkeit dividiert durch Gegenwahrscheinlichkeit:
womit der Werbereich von 0 bis ∞ + erweitert wurde.
3. Um den Wertebereich auf Werte < 0 zu erweitern wird das Chancenverhältnis logarithmiert. Das logarithmierte Chancenverhältnis lässt sich formal wie folgt darstellen:
(Rese, 2000, S. 109).
Für die Schätzung der β -Koeffizienten wird die logarithmierte Likelihood- j
Funktion verwendet, bei der die Koeffizienten so gewählt werden, dass die geschätzten Werte den beobachteten Werten am ähnlichsten sind:
∑ ∑
=
In(L) LL (Rese, 2000, S. 112).
Wie bei der linearen Regression dienen auch bei der logistischen Regression die -Koeffizienten als Maß für die Stärke und die Richtung des Zusammen- β
hangs. Wegen des nichtlinearen Funktionsverlaufs können die β -Koeffizienten untereinander aber nur schwer verglichen werden. Ein Verfahren, um eine Aussage über die Wirkungsstärke einer Ausprägung eines Prädiktors machen zu können, stellt die Berechnung von so genannten Odds Ratios (OR) dar, die angeben inwieweit sich das Verhältnis in Bezug auf die Zielvariable ändert, wenn sich der entsprechende Prädiktor um eine empirische Einheit erhöht bzw. erniedrigt:
52
Gleichung 11:
(Rese, 2000, S. 121).
Die Güte der Anpassung des Modells erfolgt über den McFadden’s-R 2 -Test (McF-R 2 ), der sich wie folgt berechnet:
Gleichung 12:
LL V = maximierter Likelihood-Wert des vollständigen Modells L V .
LL 0 = Likelihood-Wert des Null-Modells L V . (Rese, 2000, S. 116). 34
34 Rese bezieht sich hierbei auf die Veröffentlichung: Urban, D., 1993: Logit-Analyse. Statis-
tische Verfahren zur Analyse von Modellen mit qualitativen Reponse-Verfahren, S. 25,
Stuttgart, Jena, New York.
53
III Ergebnisse
1 Reliabilität und Beschreibung der Maße der Theorie des ge-
planten Verhaltens
Einstellung gegenüber dem Verhalten
Die Frage zur Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten wurde mit Hilfe eines „semantischen Differenzials“ mit drei Items erfasst:
Frage (15): Wie ist es für Sie, zu rauchen, bzw. wie wäre es für Sie, zu rauchen?
Die Skala weist bei insgesamt drei verwendeten Items bei der gesamten
Stichprobe eine gute innere Konsistenz (Cronbach’s α ) von 0,86 auf. Für die
weitere Analyse wurde die Variable zu einem Item zusammengefasst, so dass aus (3) eine positive und für (-3) eine negative Einstellung resultiert. Für die logistische Regressionsanalyse wurde der Wertebereich auf insgesamt drei Ausprägungen reduziert (positiv (3) / neutral (2) / negativ (1)).
Subjektive Norm
Als Indikatoren der subjektiven Norm wurde die subjektiv empfundene Beurteilung des Rauchverhaltens zum Einen durch die engsten Bezugspersonen (Freunde, Verwandte) und zum Anderen durch das Kollegium erhoben. Für diese Fragestellung wurde jeweils eine Ein-Item-Ratingskala konstruiert, bei der zwischen den Bereichen Zustimmung (3) und Ablehnung (-3) unterschieden wurde. Da schon die Primäranalyse zeigte, dass der Einfluss stärker durch die engsten Bezugspersonen erfolgte, wird hier die subjektiv wahrgenommene Beurteilung des Rauchverhaltens (subjektive Norm) über diesen Personenkreis als Prädiktor des Verhaltens und der Intention verwendet. Ein weiterer starker normativer Einfluss konnte über das Rauchverhalten der Bezugspersonen (bester Freund, Partner, Mehrzahl der Freunde, aber auch die Eltern) nachgewiesen
54
werden (s. S. 49). Da sich schon in der Primäranalyse gezeigt hat, dass die stärksten Einflüsse von den Personen bzw. -gruppen „bester Freund“, „Mehrzahl der Freunde“ und „Partner“ ausgehen (Kolleck, 2003b), werden diese hier für die weitere Analyse verwendet. Dabei werden die drei Personenkreise zu einem Item zusammengefasst und so kodiert, dass ein Wertebereich von 0 (keine Person raucht) bis 3 (alle Personen rauchen) resultiert.
Wahrgenommene Verhaltenskontrolle
Um zu erfahren, wie eine Verhaltensänderung (nämlich nicht zu rauchen) eingeschätzt wird (wahrgenommene Verhaltenskontrolle), wurde gefragt, ob es leicht oder schwer wäre, im kommenden Monat nicht zu Rauchen. Wie schon bei den Indikatoren der Einstellung und der subjektiven Norm stand auch hier eine Ratingskala von (3) leicht bis (-3) zur Verfügung. Für die logistische Regressionsanalyse wurde auch hier der Wertebereich auf insgesamt drei Ausprägungen reduziert (leicht (3) / weder noch (2) / schwer (1)).
2 Hypothesen
Wie schon in der Einleitung erwähnt wurde und auch der weitere Verlauf der Arbeit gezeigt hat, geht es in dieser Arbeit darum, ob und inwieweit die Theorie des geplanten Verhaltens für das Rauchverhalten ein Erklärungsmodell darstellt. Hierbei ergeben sich schon aus dem Modell eine Reihe von Hypothesen, die sich wie folgt formulieren lassen:
Es wird erwartet, dass
1. dass Rauchverhalten über die Verhaltensabsicht vorhergesagt werden kann.
2. die Prädiktoren „Einstellung gegenüber dem Verhalten“, „subjektive Norm“ und „wahrgenommene Verhaltenskontrolle“ adäquate Variablen zur Vorhersage der Absicht sind.
3. die drei Prädiktoren der Intention sich wechselseitig beeinflussen.
4. die wahrgenommene Verhaltenskontrolle einen direkten Einfluss auf das eigentliche Verhalten hat.
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5. Wie der Einfluss durch die erwarteten Bewertungen durch die Bezugspersonen (subjektive Norm) stellt auch der normative Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen eine adäquate Determinante des Rauchverhaltens dar.
Die Hypothesen stellen somit die Vermutung auf, dass die Theorie des geplanten Verhaltens das Rauchverhalten erklären kann. Eine daraus resultierende Frage ist aber, wie gut sie es erklärt.
Eine verbesserte Vorhersagekraft wird erwartet, wenn alle befragten Personen in die Analyse mit einbezogen werden, denn hierbei kann das Modell nicht nur mit bestimmten Rauchern, sondern auch im Vergleich mit Nichtrauchern und ehemaligen Rauchern untersucht werden. Da hierbei aber nur der direkte Einfluss der drei Prädiktoren Einstellung, subjektive Norm bzw. normativer Einfluss und wahrgenommene Verhaltenskontrolle auf das Rauchverhalten untersucht werden kann, wird Folgendes erwartet:
6. Zwischen dem Rauchverhalten und den besagten Variablen besteht ein starker linearer Zusammenhang und ein großer Teil des Verhaltens kann über die drei Prädiktoren erklärt werden.
7. Der wechselseitige Einfluss der Prädiktoren wird nachweisbar sein.
3 Überprüfung der Theorie des geplanten Verhaltens
Bei der Analyse des Einflusses der beiden Prädiktoren des Verhaltens (Intention und wahrgenommene Verhaltenskontrolle) ist, bei der Berücksichtigung beider Faktoren, festzustellen, dass nur die Intention einen signifikanten (p < .05) Einfluss auf das Verhalten liefert (s. Anhang, S. 87-8). Raucher, die angeben mit dem Rauchen aufhören zu wollen, geben signifikant häufiger an, dass sie es auch schon mindestens einmal probiert haben. Hierbei haben Raucher mit mindestens einem unternommenen Aufhörversuch um den Faktor 2.7 häufiger den Wunsch aufzuhören als Raucher, die nur daran gedacht haben. Der McF-R 2 gibt aber mit einem Wert von 0,042 an, dass der Einfluss der Einstellung auf die Intention nur schwach bis mittelmäßig erklärt wird.
56
Die Absicht über die drei Prädiktoren Einstellung, subjektive Norm und wahrgenommene Verhaltenskontrolle zu erklären ergibt letztendlich, dass nur die Einstellung gegenüber dem Verhalten einen signifikanten Einfluss (p < .05) auf die Intention ausübt. Aus der Kreuztabelle lassen sich die folgenden oddsratios berechnen:
Tab. 4: Kreuztabelle: Der Zusammenhang zwischen der Einstellung und der Intention.
Neutrale Einstellung im Verhältnis zu positiver Einstellung:
OR neu-pos =
Negative Einstellung im Verhältnis zu neutraler Einstellung:
OR pos-neg =
Negative Einstellung im Verhältnis zu positiver Einstellung:
OR neg-pos =
Es lässt sich also sagen, dass das Verhältnis zwischen Rauchern mit einer neutralen zu Rauchern mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Rauchen, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, um den Faktor 2,02 höher ist. Bei einer Veränderung von positiver zu negativer Einstellung wird dieser Unter-
57
schied noch deutlicher. Raucher mit einer negativen Einstellung zum Rauchen möchten im Verhältnis zu Rauchern mit einer positiven Einstellung um den Faktor 3,34 häufiger mit dem Rauchen aufhören. Bei einem McF-R 2 -Wert von 0,029 wird auch hier aber nur ein geringer Teil der Intention durch die Einstellung erklärt (s. Anhang, S. 89-90).
Auch wenn der Einfluss der einzelnen Prädiktoren der Intention insgesamt nicht bestätigt werden konnte, zeigen sich dennoch signifikante Einflüsse (p < .05) zwischen den einzelnen Prädiktoren.
Bei der Analyse des Einflusses der Indikatoren der subjektiven Norm und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf die Einstellung hat die wahrgenommene Verhaltenskontrolle mit b* = -.239 einen stärkeren Einfluss als die subjektive Norm mit b* = .217. Der multiple Korrelationskoeffizient von R = .349 weist auf einen mittelstarken linearen Zusammenhang der beiden Prä-diktoren hin, der sich wie folgt beschreiben lässt: Je schwerer die Raucher das Aufhören beurteilen und je positiver die subjektiv wahrgenommene Beurteilung des Verhaltens durch die Bezugspersonen ist, desto positiver ist auch die Einstellung gegenüber dem Verhalten. Erklärt werden durch diese beiden Variablen 12 % der Einstellung (s. Anhang, S. 91).
58
Im nächsten Schritt wurde der Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf die subjektive Norm untersucht. Auch hier ist ein signifikanter Zusammenhang nachweisbar (p < .05).
Der Einfluss der Einstellung auf die Indikatoren der subjektiven Norm mit b* = .229 ist etwas stärker als der Einfluss der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle mit b* = -101. Es zeigt sich hierbei, dass je positiver die Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten ist und je schwerer den Personen das Aufhören fallen würde (nach subjektivem Empfinden), desto positiver wird auch die Beurteilung der Bezugspersonen empfunden. Der multiple Korrelationskoeffizient R = .274 weist hierbei auf einen schwachen linearen Zusammenhang der Variablen hin. Das Bestimmtheitsmaß r 2 besagt, dass die beiden Prädiktoren nur 7,5 % der subjektiven Norm vorhersagen können (s. Anhang, S. 92).
Einen ähnlichen Zusammenhang (R = .291) bilden die Einflüsse der Einstellung und der subjektiven Norm auf die wahrgenommene Verhaltenskontrolle. Auch hierbei ist der Einfluss der Einstellung mit b* = -.249 stärker als der Einfluss der subjektiven Norm mit b* = .100. Je positiver die Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten und je positiver die Beurteilungen des Verhaltens
59
durch die Bezugspersonen wahrgenommen werden, desto schwieriger wird das Aufhören eingeschätzt. Auch hierbei erklären die beiden Prädiktoren nur einen geringen Teil (8,5 %) der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle (s. Anhang, S. 93).
Tab. 5: Multiple Korrelationskoeffizienten bei den Rauchern.
SN = Subjektive Norm (“subjective norm”)
PBC = Wahrgenommene Verhaltenskontrolle (“perceived behavioral control”)
A = Einstellung („attitude“)
Obwohl sich zeigte, dass die Reaktionen der engsten Bezugspersonen von Rauchern und Nichtrauchern bezüglich des Rauchens unterschiedlich wahrgenommen wurden (Kolleck, 2003b) 35 , konnte aber bei den Rauchern kein signifikanter Einfluss auf die Intention nachgewiesen werden. Vielmehr zeigte sich ein normativer Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen (s. S. 45 & (Kolleck, 2003b). Der Versuch, die Intention durch die Verwendung dieses Einflusses zu erklären, führte zu folgendem Ergebnis:
Wie schon bei den vorangegangenen Modellen, zeigt sich auch hier der Einfluss auf die Verhaltensintention lediglich bei der Einstellung (OR = 3.34, s. o.).
Werden die Einflüsse durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf die Einstellung betrachtet, so hat die wahrgenommene Verhaltenskontrolle mit b*= .241 einen stärkeren Einfluss auf die Einstellung, als der normative Einfluss der Bezugspersonen mit b* = .137. Der multiple Korrelationskoeffizient weist auf einen mittelstarken
35 20 % der Freunde von Rauchern und 50 % der wichtigen Bezugspersonen von Nichtrau-
chern verhielten sich ablehnend gegenüber dem Rauchverhalten.
60
c: odds ratio von nicht Aufhörenwollen zu Aufhörenwollen
Tab. 6: Multiple Korrelationskoeffizienten bei den Rauchern.
NE = Normativer Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen
PBC = Wahrgenommene Verhaltenskontrolle (“perceived behavioral control”)
A = Einstellung („attitude“)
Der Einfluss auf die wahrgenommene Verhaltenskontrolle durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen mit b* = -.161 ist etwas schwächer als der Einfluss der Einstellung mit b* = -.239. Bei einem Korrelationskoeffizienten von R = .312 besteht auch hier ein mittlerer Zusammenhang. 10 % der Streuung der Einstellung kann durch die beiden unabhängigen Variablen vorhergesagt werden. Es kann nachgewiesen werden, dass je positiver die Einstellung
61
und je mehr Bezugspersonen rauchen, umso schwieriger wird die Möglichkeit aufzuhören wahrgenommen (s. Anhang, S. 95).
4 Überprüfung direkter Einflüsse auf das Verhalten
Bei der Betrachtung des direkten Einflusses auf das Verhalten durch die drei Prädiktoren Einstellung, subjektive Norm und wahrgenommene Verhaltenskontrolle konnte der gesamte Datensatz verwendet werden, da auf die Frage zum Verhalten alle Personen geantwortet haben (s. S. 46).
Die multiple Regressionsanalyse ergibt, dass zwischen den besagten Prädik-toren und dem Verhalten ein sehr starker linearer Zusammenhang besteht (R = .855). 36
Werden die einzelnen Prädiktoren betrachtet, ist festzustellen, dass die stärksten Einflüsse auf das Verhalten von der Einstellung mit b* = .496 und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle mit b* = .425 ausgehen.
Die subjektive Norm liefert mit b* = .049 einen vergleichsweise geringen Erklärungsbeitrag. 37
Es ist festzustellen, dass je positiver die Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten und je schwerer die Personen das Aufhören wahrnehmen, desto höher ist auch das „Niveau“ des Raucherstatus. Ein wenig verstärkt wird dieser Zusammenhang noch umso positiver die Reaktionen der Bezugspersonen wahrgenommen werden (s. Anhang S. 96).
36 Der F-Test ergibt einen signifikanten Zusammenhang (p < .05).
37 Der t-Test liefert für alle Prädiktoren einen signifikanten Zusammenhang (p < .05).
62
Tab. 7: Multiple Korrelationskoeffizienten bei allen Befragten.
SN = Subjektive Norm (“subjective norm”)
PBC = Wahrgenommene Verhaltenskontrolle (“perceived behavioral control”)
A = Einstellung („attitude“)
B = Verhalten („behavior“)
Werden die multiplen Korrelationskoeffizienten der drei weiteren Kausalmodelle betrachtet, so ergeben sich die stärksten linearen Zusammenhänge bei der Einstellung und bei der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle als jeweilige Kriteriumsvariablen. Dabei beeinflussen sich die beiden Variablen wechselseitig am stärksten.
63
Je positiver die Einstellung gegenüber dem Rauchverhalten ist, desto schwerer wird auch das Aufhören wahrgenommen. Insgesamt können 41 % der Einstellung auf die wahrgenommene Verhaltenskontrolle und die subjektive Norm zurückgeführt werden. Einen ähnlichen Erklärungsgehalt stellen die Einflüsse der Einstellung und der subjektiven Norm auf die wahrgenommene Verhaltenskontrolle dar (r 2 = .39). Beide Modelle weisen mit multiplen Korrelationskoeffizienten von R > .600 auf starke lineare Zusammenhänge hin (s. Anhang, S. 97-8).
Die Streuung der subjektiven Norm ist durch die beiden Prädiktoren (A; PBC) mit 16 % dagegen vergleichsweise schwach erklärt und auch der multiple Korrelationskoeffizient von R = .397 weist nur auf einen mittelstarken linearen Zusammenhang hin (s. Anhang, S. 99).
Wie schon die Primäranalyse den Einfluss auf das Verhalten durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen nachweisen konnte (s. o.), soll hier noch der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese, im Modell des geplanten Verhaltens, einen Einfluss auf den Raucherstatus der befragten Personen haben. Die multivariate Analyse zeigt bei der Berücksichtigung der Einstellung, des normativen Einflusses durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle, dass der normative Einfluss der Bezugspersonen auf das Verhalten zwar stärker ist als der Einfluss durch die empfundenen Beurteilungen der Bezugspersonen, aber mit b* = .142 besteht auch hier nur ein schwacher Zusammenhang. Die Stärke des multivariaten Zusammenhangs mit R = .843 unterscheidet sich nicht von dem vorangegangenen Modell. Auch hier sind mehr als 70 % der gesamten Streuung des Verhaltens auf diese drei erklärenden Variablen zurückzuführen. Eine Verbesserung der Vorhersagekraft kann aber dadurch nicht erreicht werden. Die Haupteinflussfaktoren bleiben die Einstellung und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle. Der normative Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen spielt auch hier eine eher untergeordnete Rolle und verbessert die Vorhersagkraft des Modells nicht (s. Anhang, S. 100-1).
64
Tab. 8: Multiple Korrelation bei allen Befragten (normativer Einfluss der Bezugspersonen).
NE = Normativer Einfluss
Der „wechselseitige“ Einfluss der Prädiktoren (A; NE; PBC) lässt sich bestätigen. Hier ergeben sich starke Zusammenhänge (R > 600). Der wechselseitige Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle ist auch hier am stärksten. Der normative Einfluss auf die beiden Variablen (A; PBC) ist demgegenüber vergleichsweise schwach (Abb. 11). Die Streuung der Einstellung bzw. der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle lässt sich auf mehr als 40 % der jeweiligen Prädiktoren zurückführen (s. Anhang, S. 102-3).
Der Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf das Rauchverhalten der Bezugspersonen blieb hier unberücksichtigt, da
65
nicht davon ausgegangen werden kann, dass diese beiden Variablen reliable Faktoren des Rauchverhaltens der Bezugspersonen sind.
Wie schon bei dem vorhergehenden Modell zeigt sich auch hier, je positiver die Einstellung, je schwerer das Aufhören erwartet wird und je mehr Bezugspersonen rauchen, desto höher ist das Niveau des Raucherstatus.
5 Zusammenfassende Betrachtung der geprüften Hypothesen
Für die betrachteten Fälle der Raucher, die sich in ihrem Verhalten bzw. ihrer Einstellung unterscheiden, das Rauchen schon einmal unterlassen zu haben oder aber nur daran gedacht haben, es zu unterlassen, kann die Theorie nur relativ geringe Vorhersagen zum Rauchverhalten machen. Auch wenn von einem starken Unterschied zwischen der Intention aufhören zu wollen und den verglichenen Rauchertypen gesprochen werden konnte (OR = 2.7), ist dennoch nur ein relativ geringer Teil des Rauchverhaltens durch die Intention erklärt worden (Hypothese 1). Die Hypothese 2, dass sich die Intention über die drei Prädiktoren (A, SN, PBC) erklären lässt, hat sich nicht bestätigt. Lediglich die Einstellung hat einen signifikanten Einfluss auf die Intention. Der wechselseitige Einfluss der drei Prädiktoren hat sich hingegen gezeigt (Hypothese 3). Der direkte Einfluss auf das Verhalten durch die wahrgenommene Verhaltenskontrolle konnte nicht bestätigt werden (Hypothese 4).
Bei der Berücksichtung aller Befragten konnte das Modell sehr gute Vorhersagen bezüglich des Rauchverhaltens machen. Dabei wird das Verhalten durch die Einstellung und die wahrgenommene Verhaltenskontrolle am stärksten beeinflusst. Der Einfluss der Bezugspersonen durch wahrgenommene Beurteilungen oder durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen ist dagegen nur gering. Es ist zu bemerken, dass je positiver die Einstellung und je schwieriger das Aufhören wahrgenommen wird, desto höher ist der jeweilige Raucherstatus (Hypothese 5). Auch der wechselseitige Einfluss dieser beiden Variablen (A; PBC) ist bei allen Modellen am stärksten. Der Einfluss der Indikatoren der subjektiven Norm auf das Verhalten zeigt sich aber dennoch durch den indirek-
66
ten Einfluss auf die beiden anderen Prädiktoren (A; PBC), hierbei ist der Einfluss auf die Einstellung am stärksten (Hypothese 6).
Damit können auch die Ergebnisse zur Theorie des überlegten Handelns und die Ergebnisse zur Theorie des geplanten Verhaltens von Hanson 1997(s. S. 41-2) bestätigt werden, dass der Einfluss der subjektiven Norm auf die Intention entweder schwach oder aber nicht nachgewiesen werden kann, der indirekte Einfluss auf die Intention aber feststellbar ist (s. S. 36-7, 43-5).
67
IV Zusammenfassung und Diskussion
In der vorliegenden Arbeit wurde das Rauchverhalten Jugendlicher und junger Erwachsener untersucht. Mit Hilfe aktueller, in Deutschland durchgeführter Studien wurde versucht einen Einblick in die Verbreitung des Verhaltens und deren sozialpsychologische Ursachen zu geben. Es wurde ferner die gesellschaftspolitische Einflussnahme auf das Verhalten angerissen. Auf die physiologischen und psychischen Wirkungen des Tabaks ist peripher eingegangen worden, denn das zentrale Thema der Arbeit sollte nicht die Wirkung des Tabaks und die daraus resultierenden Folgen, sondern vielmehr die Erklärung bzw. Vorhersage des Rauchverhaltens durch Einstellungen, Meinungen und Bewertungen bezüglich des Verhaltens sein. Hierfür wurde eine zum Rauchverhalten durchgeführte Befragung von Auszubildenden in Pflegeberufen verwendet. Es wurde überprüft, inwieweit das Rauchverhalten durch ein Verhaltensmodell, nämlich die Theorie des geplanten Verhaltens, erklärt werden kann.
Bei dem Vergleich der eingangs vorgestellten Studien offenbarten sich teilweise Unterschiede zwischen den Ergebnissen bezüglich der Prävalenz. Es musste auch festgestellt werden, dass die Studien untereinander nur schwer vergleichbar sind. Zu nennen sind hier die unterschiedlichen Erhebungsverfahren und -ziele sowie die Verwendung verschiedener Altersbereiche.
Bei den befragten Pflegeschülern handelte es sich um 17- bis 30-jährige Personen (vereinzelt bis 50 Jahre), wobei der überwiegende Teil 18 bis 22 Jahre alt war. Wird der Raucheranteil der 18- bis 23-Jährigen mit dem der Drogenaffinitätsstudie verglichen, so ist der Anteil mit 55 % um etwa 10 % bei den Pflegeschülern erhöht. Übereinstimmend mit den besprochenen Studien rauchen auch bei der hier untersuchten Gruppe junge Frauen und Männer etwa gleich häufig und der Rauchbeginn liegt in etwa zwischen dem 14. und 19. Lebensjahr.
Die Feststellung, dass sowohl die Prävalenz als auch die Intensität des Tabakkonsums mit zunehmendem Alter steigen, konnte bei den untersuchten Pflegeschülern nicht verifiziert werden. Auch der Unterschied bei der Anzahl
68
täglich konsumierter Zigaretten zwischen Männern und Frauen konnte nicht bestätigt werden.
Biologisch kann das Rauchverhalten durch die anfangs positiven psychischen und physiologischen Wirkungen des Tabaks auf das Zentralnervensystem und durch die mögliche Entwicklung einer körperlichen Abhängigkeit erklärt werden.
Sozialpsychologisch werden Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen als Einflussfaktoren des Verhaltens betrachtet. Der Versuch, Erkenntnisse über solche Faktoren zu gewinnen, ist, durch in Deutschland groß angelegte Repräsentativerhebungen, nur begrenzt gelungen. Werbung, das Gesundheitsbewusstsein und Peer Groups werden bei jungen Menschen als wichtig angesehen. Darüber hinaus werden aber keine weiteren Hinweise auf mögliche Ein-flussfaktoren des Rauchverhaltens gegeben. Auf politischer Ebene werden häufig die Erkenntnisse und Empfehlungen der BZgA für die Entwicklung von präventiven Programmen erwähnt. Eine wichtige Strategie ist hierbei die Förderung des Gesundheitsbewusstseins.
Für gezielte präventive Maßnahmen erscheint es aber notwendig weitere Kenntnisse über mögliche Wirkungsmechanismen und deren Effekte zu haben. DeVries & Backbier (1994) sind in ihrer Studie zu der Überzeugung gekommen, dass für die Entwicklung geeigneter Interventionsmaßnahmen sehr genaue Kenntnisse der Einflussfaktoren nötig sind, da sich das Verhalten in unterschiedlichen Phasen ändert.
Bei der hier vorliegenden Arbeit wurden solche Einflussfaktoren und deren Wirkungsstärke untersucht. Dabei fand die Theorie des geplanten Verhaltens von Ajzen (1985, 1991) Verwendung, nachdem einem Verhalten eine bewusste Entscheidung (Intention) zugrunde liegt, die wiederum von Einstellungen (A), sozialen Normen (SN) und der Kompetenz zur Verhaltenskontrolle (PBC) determiniert wird. Die Veröffentlichung von DeVries & Backbier (1994) wies auf den Einfluss der drei Prädiktoren (A; SN; PBC) als Faktoren hin, die die Intention, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, beeinflussen. Hanson (1997) hat
69
gezeigt, dass die Theorie des geplanten Verhaltens gute Vorhersagen bezüglich des Rauchverhaltens bei weiblichen Teenagern machen kann und dass sich die Stärke der Einflüsse bei den untersuchten Ethnien unterscheiden.
Bei der hier vorliegenden Analyse der Pflegeschüler wurden insgesamt zwei Explorationseinheiten untersucht. Bei der ersten Einheit wurden die aktiven Raucher in zwei Gruppen aufgeteilt. Hierbei ist festzustellen, dass die Intention den jeweiligen Rauchertyp (bzw. -gruppe) vorhersagen konnte. Die Erklärung der Intention ist bei dieser Aufteilung nur über die Einstellung (A) signifikant. Die Reziprozität und Interdependenz der Prädiktoren (A; SN; PBC) kann nachgewiesen werden. Es ergibt sich der Einfluss einer negativen Einstellung auf die Intention mit dem Rauchen aufhören zu wollen. Das Rauchverhalten kann wiederum durch die Intention erklärt werden.
Die zweite Einheit bezog die gesamte Stichprobe mit ein und unterschied die Probanden in insgesamt vier Gruppen bezüglich ihres Raucherstatus. Hierbei zeigte sich bei der Vernachlässigung der Intention (I), dass die Einstellung bezüglich des Rauchens (A), die Einschätzung der Durchführbarkeit das Rauchen zu beenden (PBC) und die subjektiv erwarteten Beurteilungen (SN) oder das Rauchverhalten (NE) der Bezugspersonen den jeweiligen Raucherstatus sehr gut vorhersagen können. Hierbei ist festzuhalten, dass der Raucherstatus umso höher ist, je positiver die Einstellung (A) zum Rauchen ist, je schwieriger das Aufhören wahrgenommen wird (PBC) und je mehr Bezugspersonen rauchen (NE) oder je „weniger kritisch“ die Beurteilungen bezüglich des Rauchverhaltens durch die Bezugspersonen erwartet werden (SN).
Der Vergleich der beiden Explorationseinheiten zeigt, dass bei der Untersuchung von Rauchern sehr differenzierte Unterscheidungskriterien bezüglich der Intention als auch des Rauchverhaltens sinnvoll zu sein scheinen, wenn ein größerer Erklärungsbeitrag erzielt werden soll.
Die hier beschriebenen Studien zur Raucherprävalenz beziehen nur sehr einfache Indikatoren zur Beschreibung gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen mit ein (wie z. B. Bildung, Freundeskreis, Einkommen und berufliche Stel-
70
lung). Die hier vorgelegte sozialpsychologische Untersuchung berücksichtigt darüber hinaus subjektive Komponenten und kann zeigen, dass diese Komponenten das Verhalten differenziert erklären können. Bei der Exploration heterogener Gruppen könnten sich noch weitere Kriterien, wie die Intensität des Zigarettenkonsums oder aber die Dauer des Rauchens, als aufschlussreich erweisen. Die Krankenpflegeschüler waren bezogen auf diese Kriterien so homogen, dass eine solche Differenzierung hier nicht möglich war. Der Autor vermutet, dass Krankenpflegeschüler im Hinblick auf das Rauchverhalten eine spezifische Gruppe bilden, die sich in Hinsicht auf ihre Einstellungen, Meinungen, Kontrollfähigkeiten den Gründen zu rauchen von anderen unterscheiden. Hinweise auf kulturelle Unterschiede verschiedener Ethnien konnte Hanson (1997) schon nachweisen. Auf Unterschiede bezüglich der Raucherprävalenz von Schülern, Studenten, Auszubildenden verschiedener Bildungseinrichtungen weisen Junge & Nagel (2001) hin.
Für die Sozialarbeit sind genaue Kenntnisse der Einflussfaktoren gesundheitsgefährdender Verhaltensweisen bei Jugendlichen sehr wichtig, um darauf adäquat reagieren zu können. Zumal der Tabakkonsum als auch der Konsum anderer Drogen bei Jugendlichen ein zunehmendes Problem darstellt und Jugendliche oft Klienten Sozialer Arbeit sind. Für gezielte und erfolgreiche Interventionsstrategien sind noch detaillierte Kenntnisse, und hier im besonderen Maße bei Jugendlichen, die sich vor oder im Einstiegsalter befinden, erforderlich. Dieses Handlungsfeld ist für die Soziale Arbeit aber vor allem deshalb relevant, da von politischer Seite eine Einflussnahme nicht in Sicht ist. Breit angelegte Projekte sind bis heute nicht erfolgt. Vielmehr lässt sich bezüglich der Einflussnahme feststellen, dass die Bundesregierung keine klare Stellung bezieht. Einerseits werden „vielversprechende“ Programme entwickelt und andererseits fehlt es an praktischer Umsetzung und an einer deutlich negativen Haltung gegenüber der Tabakindustrie. Die Tabaksteuer wurde zwar erhöht, was gewisse Einflüsse auf das Konsumverhalten Jugendlicher hat, gegen ein klares Verbot der Tabakwerbung macht die Bundesregierung aber immer noch Vorbehalte geltend.
71
Anhang
Abbildungen
Abbildung A. Raucher-Anteile in Prozent. Männer und Frauen weltweit
Abb. 12: Prävalenz des Rauchens weltweit.
(Quelle der Daten: World Health Organisation Geneva, 1997, S. 13-5).
72
Abbildung B. Nieraucher-Anteil 1998 in Prozent. Männer und Frauen in Ost
und West
Abbildung C. Aussteigerquote 1998 in Prozent (Anteil der Exraucher an der
Summe von Rauchern und Exrauchern. Männer und Frauen in Ost
und West.)
Tabellen
Tabelle A. Tabellarische Übersicht: Jugendliche Raucher in Münster
Tab. 9: Jugendliche Raucher in Münster.
χ 2 * p < 0.05 test.
Tabelle B. Anteil des Rauchens an der Mortalität
Tabelle C. Vergleich der Definition der beiden Klassifikationssysteme
ICD-10 und DSM-IV
Quelle: Friedrich und Batra, 2001, S. 173.
76
häufig manchmal selten nie
9. Wie wichtig ist Ihnen Ihre Gesundheit? (Bitte markieren Sie ein Feld auf der Skala)
Kinderkrankenpfleger/in Altenpfleger/in sonstiges, nämlich:
(3 Jahre)
________________________
sehr stark stark in Maßen kaum gar nicht
Auswertungsstatistik
A. Häufigkeitsverteilung der Stichprobe (Raucherstatus der Raucher)
B. Häufigkeitsverteilung der Stichprobe (Raucherstatus aller Befragten)
85
C. Reliabilität der Einstellung gegenüber dem Verhalten
RELIABILITY ANALYSIS-SCALE (ALPHA)
1. EINST1 15.1 Wie ist Rauchen? -unangenehm
2. EINST2 Wie ist Rauchen? - schrecklich
3. EINST3 Wie ist Rauchen? - kein Vergnügen Mean Std Dev Cases
1. EINST1 ,9286 1,2536 490,0
2. EINST2 ,6000 1,1719 490,0
3. EINST3 1,0122 1,2284 490,0 Correlation Matrix EINST1 EINST2 EINST3 EINST1 1,0000
EINST2 ,7266 1,0000
EINST3 ,6114 ,6639 1,0000
N of Cases = 490,0
N of
Statistics for Mean Variance Std Dev Variables
Scale 2,5408 10,3838 3,2224 3
Reliability Coefficients 3 items
Alpha = ,8566 Standardized item alpha = ,8575
86
E. Multiple Korrelation/Regression
E.1 Einfluss der subjektiven Norm und der wahrgenommenen Verhaltenskon-
trolle auf die Einstellung
91
E.4 Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen und der
wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf die Einstellung
94
E.5 Einfluss der Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf
das Rauchverhalten der Bezugspersonen
95
E.6 Einfluss durch die Einstellung und das Rauchverhalten der Bezugspersonen
auf die wahrgenommenen Verhaltenskontrolle
96
F. Die direkten Einflüsse auf das Verhalten
F.1 Der direkte Einfluss der Prädiktoren der Intention auf das Verhalten
97
F.2 Einfluss der subjektiven Norm und der wahrgenommenen Verhaltenskon-trolle auf die Einstellung
98
G. Der Einfluss bei der Berücksichtigung durch das Rauchverhalten der
Bezugspersonen (Partner, Freunde, Mehrzahl der Freunde)
G.1 Der normative Einfluss durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen, der
Einstellung und der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf das
Verhalten
101
G.2 Einfluss der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle und des normativen
Einflusses durch das Rauchverhalten der Bezugspersonen auf die Einstellung
103
G.3 Einfluss der Einstellung und des Normativen Einflusses auf die
wahrgenommene Verhaltenskontrolle
104
Literaturverzeichnis
1. Ajzen, I, M Fishbein, 1980, Understanding attitudes and predicting social
behavior, Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall.
2. Ajzen, I, T J Madden, 1986, Prediction of goal directed behavior:
Attitudes, intentions, and perceived behavioral control: Journal of Experi-
mental Social Psychology, v. 22, p. 453-474.
3. Ajzen, I, 1985, From intentions to actions: A theory of planned behavior.,
in JB J.Kuhl (Hrsg.), Action-control: From cognition to behavior: Heidel-
berg, Springer, p. 11-39.
4. Ajzen, I, 1988, Attitudes, personality, and behavior. Milton-Keynes, Eng-
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Diplom Sozialarbeiter / Sozialpädagoge Christian Mantey, 2003, Rauchverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, München, GRIN Verlag GmbH
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